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Full text of "Germania"

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GERMANIA. 


VIERTELJAHRSSCHRIFT 


KHK 


DEUTSCHE  ALTEßTHTJMSKUNDE. 


BEGRÜNDET  VON  FRANZ  PFEIFFER. 


.HERAUSGEGEBEN* 


KARL   BARTSCH. 


NEUNZ KFINTER  JAHRGANG. 


V/**' 


WIEN. 

V  ER  LAG   VON  CA  R  I.  C  EROLD'S  SOH  N. 

1874. 


INHALT. 


Seite 

Freimarkt.    Von  K.  Maurer 1 

Beiträge  zur  Kritik  der  Eddalieder.    Von  Ludwig  Ettmüller 5 

Zur  deutschen  Declination.    Von  E.  Wilken 18 

Der  Vers  von  vier  Hebungen  und  die  Langzeile.    Von  W.  Gern  oll  .        .        .    .  35 

Zerstreute  Beiträge.    Von  Fedor  Bech ...  45 

Mhd.  baeken.    Von  E.  Wilken 59 

Über  Geschlechtsnamen  auf  -eisen,  -isen.    Von  M.  Bück 62 

Der  Marienkäfer  im  niederösten eichischen  Kinderspruch.  Von  CM. Blaas.    ....  (57 

Arenga  de  commendatione  studii.    Von  W.  Wattenbach 72 

Zwei  geistliche  Gedichte  aus  Schlesien.    Von  H.  Rückert 75 

Aus  dem  Buch  Weinsberg.    Von  A.  Birlinger 78 

Grammatische  Versuche    eines  Kölners   aus  dem  XVI.    Jahrh.    Von  demselben  .    .  94 

Sprüche  im  Kölner  Dialect.    Von  demselben 97 

Ateo  bar.    Von  W.  Crecelius 99 

Beiträge  zur  Kenntniss  der  langobardischen  Sprache.  Von  Karl  Meyer 1  "20 

Das  Gottesurtheil  im  altnordischen  Rechte.     Von  K.  Maurer 139 

Zu  Reinmar  von  Hagenau.     Von  E.  Regel .  14'.) 

Christi  Blumen.  Von  J.  Zingerle 182 

Bruchstück  einer  Amicus  ok  Amilfus  Saga.    Von  E.  Kölbing 184 

Das  Schicksalsrad  und  der  Spruch  vom  Frieden.     Von  R.  Köhler.        .....  189 

Bruchstück  von  Herzog  Ernst  A.     Von  K.  Bartsch 195 

Freyr    und  Baldr   und    die  deutschen   Sagen   vom  verschwindenden    und    wieder- 
kehrenden Gott.     Von  Ferd.  Vetter 196 

Kleine  Beiträge.     Von  demselben 211 

Kleine  Beiträge  zur  Mythologie.    Von  A.  Lütolf 214 

Bruchstück  einer  Handschrift  von  Heinrici  Summarium.  Von  K.  Bartsch 215 

Der  jüngere  Todtentanz.    Von  M.  Rieger 257 

Über  den  Accusativus  cum  Infinitivo  im  Gothischen.    Von  Otto   Apelt      .    .         .  280 

Lateinisches  Liebesgedicht.    Von  W.  Watten b ach 297 

Maerlants  Merlin.    Von  Nordhoff 300 

Niederrheinische  Sprüche  und  Priameln.    Von  Dr.  Nolte 303 

Mitteldeutsche  Predigtbruchstücke.    Von  L.  Diefenbach     .    . 305 

Zum  jüngeren  Hildebrandsliede.    Von  A.  Edzardi 315 

Zum  Codex  Exoniensis.    Von  J.  Schipper 327 

Bruchstücke  einer  gereimten  Bibelübersetzung.     Von  W.  Gemoll      .            ■    •    •  339 

Die  Stadt  Wien  im  Nibelungenlied.    Von  Alois  Knöpfler 343 

Mhd.  iener,  niener,  niuwan,  ninwene  und  niene.    Von  E.  Wilken    .                     •  346 

Nöne.    Von  Ig.  Zingerle 349 

Nachträge  zu  Lemckes  Jahrbach  VI,  350.    Von  Lg.  Zingerle  und    EL    Köhler  349 

Zu  Laurembergs  Scherzgedichten.    Von  F.    Latendort         .'>■">  1 

Zu  Gudrünarkvidha  II.    Von  E.  Kölbing 351 

Zum  Rolandsliede.  Von  K.  Bartsch ■        .        .  385 

Heinrich  von  Morungen.  Von  Fedor  Bech 419 

Urkundliche  Nachwcix-  aber  das  Geschlecht  und  dir  Heimat  der  Dichter  Beinrich 

und  Johannes  von  Freiberg.  Von  demselben 120 

Ulrich  von  Zatziklioven.  Von   Dr.   J.  Baechtold 424 

Mittelalterliche  Ansichten  über  die  Träger  des  Namens  Petras,    Von  K.  Köhler  426 

Dienstag- Zinstag.  Von  Adalberl  Jeitteles 128 

Sonnenuntergang,  Geilätc,  Gustr&te  u.  a.  Gott  folgen  gehn.   Von  Schröer   .    .    .  430 

Lütbrechic.  Von  Adalbert  Jeitteles .  138 

Ahd.  Glossen  aus  Bcheftlarn  und  Tegernsee.  Von  K.  Bartsch                  ■  134 


LITTERATUR.  Seite 

Zur  neueren  Litteratur  über  nordische  Philologie  und  Geschichte.  Von  K.  Maurer  101 

Karl  Schröder,  Reinke  de  Vos.  Von  Dr.  H.  ßaethcke 105 

M.  Heyne,  kleine  altsächsische  und  altniederfränkische  Grammatik.  Von  H.  Paul  217 
K.  A.  Hahns  Althochdeutsche  Grammatik.  —  Auswahl  aus  Ulfilas  gothischer  Bibel- 
übersetzung. Von  E.  Wilken 227 

Gregorius  von  Hartmann  von  Aue.     Von  K.  Bartsch 228 

Dr.  Hermann  Fischer,  die   Forschungen  über  das  Nibelungenlied   seit  Karl  Lach- 
mann. —  Dr.  Karl  Vollmöller,  Kürenberg  und  die  Nibelungen.  Von  K.  Bartsch  352 
Dr.  Friedr.  Wilh.  Bergmann,   Vielgewandts  Sprüche   und  Groa's  Zaubersang.  Von 

E.  Kölbing 359 

Dr.  Anton  Birlinger,  Alemannia.    Von  E.  Wilken 369 

Lorenz  Diefenbach  und   Ernst  Wülcker,    hoch-   und  niederdeutsches  Wörterbuch. 

Von  K.  Bartsch 370 

Dr.  H.  Schreyer,  Untersuchungen  über  das  Leben  und  die  Dichtungen  Hartmann's 

von  Aue.    Von  K.  Bartsch 371 

Fedor  Mamroth ,    Geoffrey  Chaucer,  seine  Zeit   und   seine  Abhängigkeit  von  Boc- 
caccio. Von  E.  Kölbing    ..    • 373 

O.  Erdmann,  Untersuchungen  über  die  Syntax  der  Sprache  Otfrids.  Von  P.  Piper  437 
J.  Chr.  Cederschiöld,  Bandamanna  saga.  Von  K.  Maurer 443 

BIBLIOGRAPHIE. 

Bibliographische  Übersicht   der  Erscheinungen  auf  dem  Gebiete  der  germanischen 

Philologie  im  Jahre  1873.  Von  Karl  Bartsch 449 

MISCELLEN. 

Übersicht  der  germanistischen  Vorlesungen  an  den  Universitäten  Deutschlands,  Öster- 
reichs, der  Schweiz,  Hollands  und  in  Dorpat  im  Winter  1873/74,  Sommer  1874, 

Winter  1874/75 120  254  501 

Karl  Schiller.    Von  A.  Lübben 123 

Hermann  Kurz.    Von  A.  v.  Keller 124 

Artur  Köhler.    Von  Eugen  Kölbing 126 

Personalnotizen 128  256  384  508 

Zu  Germania  XVIII,  454,    Zeile  13  v.  u 128 

Hoffmann  von  Fallersleben.     Von  K.  Bartsch 235 

Moritz  Haupt.     Von  demselben 238 

Eduard  von  Kausler.     Von  A.  v.  Keller 242 

Arthur  Amelung.     Von  E.  Kölbing 244 

Briefe  von  Jakob  Grimm  an  K.  W.  Bouterwek.     Von  W.  Crecelius 247 

Ein  Brief  Schmellers 25.'? 

Preisaufgaben 256 

Bekanntmachung 256 

Übersicht  der  germanistischen  Thätigkeit  M.  Haupts.  Von  F.  Ignatius 373 

Hans  Ferdinand  Massmann.    Von  K.  Bartsch .  377 

Kobersteinstif'tung  in  Pforte 381 

Uhlandsstiftung  in  Tübingen 382 

Berichtigungen  zur  Zeitschrift  für   deutsches  Alterthum.  . 383 

Bericht  über  die  Sitzungen  der  deutsch-romanischen  und  der  Section  für  neuere  Spra- 
chen auf  der  XXIX.  Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schulmänner  zu 

Innsbruck,  vom  28.  Sept.  bis  1.  Oct.  1874.  Von  Dr.  J.  Egger 492 

Oscar  Jänicke.  Von  Joseph  Strobl 503 

Jacob   Grimm   an  Adelbcrt  von  Keller 504 

Denkmal  für  Walther  von  der  Vogelweide 505 

Hern  Walthers  sanc.  Von  Karl  Bartsch 506 

Jacob  Grimm.  Von  demselben 507 

Denkmal  für  Hoffmann  von  Fallersleben 507 

Berichtigungen 508 


FREIMARKT. 


Studien  über  die  ältesten  norwegischen,  schwedischen  und  däni- 
schen Hofrechte  haben  mich  veranlasst,  der  Bedeutung  des  Ausdruckes 
Freimarkt  nachzugehen,  welcher  in  einigen  von  ihnen  vorkommt; 
das  Ergebniss  aber  meiner  Nachforschungen  scheint  mir  in  rechts- 
geschichtlicher sowohl  als  culturgeschichtlicher  Beziehung  interessant 
genug,  um  hier  erwähnt  werden  zu  dürfen. 

Die  Aufzeichnung,  welche  Joh.  Hadorph  im  Anhango  zu  seiner 
Ausgabe  von  Biärköa  Ratten  (Stockholm  1687)  unter  dem  Titel:  „Kon- 
ung  Magnus  Erichssons  Gardz  Rätt  1319"  abgedruckt  hat,  ent- 
hält in  ihrem  §.8  (S.  9)  mehrfache  Bestimmungen ,  welche  das  Spielen 
um  Geld  und  Geldeswerth  beschränken;  in  §.  9  aber  wird  sodann 
bestimmt:  „Framledhis  forbiudher  min  herre  nokor  frijmark  holdha, 
eller  rijda:  Hwar  mz  thy  faar,  wari  ogilt,  oc  wari  samme  Raetther 
ther  wm  som  wm  dobel."  In  dem  Dienstrechte,  welches  derselbe 
Verfasser  unter  dem  Titel  „Drottningh  Margretas  Gärdz  Rsett" 
giebt.  heißt  es,  S.  33,  in  §.9  in  demselben  Zusammenhange:  „Ingen 
Man  ma  Frimarknath  hafwa,  eller  i  Frimark  ridha  widher  sama 
plicht,  som  sakl  <t  vm  dobel";  in  der  dänischen  Übersetzung  aber 
dieses  letzteren  Denkmales,  welche  Joh.  Henr.  Schröder  unter  dem 
Titel:  „Reginas  Margarethse  jus  aulicum  Svecanum  Daniee"  heraus 
he,,  hat  (Upsala,  1842),  lautet  die  Stell.',  ij.it,  folgendermaßen: 
„Engen  man  ma  fiymarkiieth  liatl'ue  eller  tVvm.n  knet  rydhe  wedher 
samme  plicht  Born  Bagii  ser  <>ni  dobbel."  —  Schon  Hadorph  hat  be- 
merkt, daß  mit  dem  Dienstrechte  der  Königin  Margarete  ein  anderes 
wesentlich  gleichlautend  sei.  welches  den  Namen  K.  Erichs  von  Pom- 
mern trage;  dieses  letztere,  welches  sowohl  in  dänischer  als  schwedi- 
scher Sprache  vorkommt,  und  unter  dem  Titel  „Den  gainle  Gaards 
retw  in  Kolderup-Rosenvinge'a  Sämling  af  gamle  danske  Luve.  IM  \'. 
dänisch  abgedruckt  stellt  (Kopenhagen  1827),  bringl  aber  in  £.  10, 
ebenfalls  im  Zusammenhange  mit  Beschränkungen  des  Dobbelspieles, 
die  Vorschrift,   S.  29:    „Item   forbiuder   mvn  herre  koning  al  ride  tri i 

(JKK.MAMA    Reue   Eteih«  VII.   (XIX.)  Jahrg.  1 


2  K.  MAURER 

market  oc  halde.  Huo  thermeth  faar.  wsere  ugild.  och  weere  therora 
sorn  om  dobler".  Die  späteren  schwedischen  Hofrechte  des  16.  und 
17.  Jhdts.  sind  mir  nicht  zur  Hand;  aber  „Kong  Frederik  den 
Anden s  Gaardsret"  vom  Jahre  1562  enthält,  S.  42,  in  §.  25  die 
Bestimmimg:  „Forbiuder  och  Konningen,  att  ingen  skal  riideFeylemarckit 
eller  fare  mett  nogen  Daarespill  eller  Daarskaff.  Huo  thet  giör  were 
ugilder  oc  stände  thend  same  Rett,  som  för  er  sagdt  om  Dobbellspill". 
Was  soll  es  nun  heißen,  einen  Freimarkt  reiten,  halten  oder 
machen  (yde)?  Kofad  An  eher  hat  in  seiner  sehr  verdienstlichen 
Abhandlung  „Om  vore  gamle  Gaards-Retter,  isser  Kong  Eriks  af  Pom- 
mern" (Samlede  Skrifter,  II,  S.  590 — 91),  wenn  auch  zweifelnd,  die 
Meinung  ausgesprochen,  daß  darunter  ein  öffentlicher  Markt  zu  ver- 
stehen sein  möge,  welcher  unter  dem  Schutze  des  Gesetzes  frei  von 
aller  Gewalt  und  Störung  gehalten  werden  durfte.  Er  beruft  sich  zu 
Gunsten  dieser  Deutung  auf  die  Marktprivilegien,  welche  vielfach  den 
Städten  ertheilt  wurden,  und  welche  dieser  Befriedung  oft  genug  ge- 
denken, sowie  auf  den  Gebrauch,  vor  Beginn  der  Marktzeit  einen 
besondern  Frieden  verrufen,  und  allenfalls  sogar  beschwören  zu  lassen, 
und  wirklich  bestätigt  der  von  ihm  angeführte  Schilter,  Thesaur.  Antiqu. 
Teuton.,  III,  S.  573,  den  Gebrauch  des  Ausdruckes  „freyer  Marck" 
in  diesem  Sinne.  Der  Verfasser  meint  nun,  vielleicht  hätten  einzelne 
von  des  Königs  Dienstleuten  auf  eigene  Hand  Markt  gehalten,  und 
dabei  solche  Thorheiten  getrieben,  wie  sie  auf  den  Märkten  vor- 
gekommen seien,  so  daß  der  König  sich  veranlasst  gesehen  habe  sol- 
ches Treiben  abzustellen,  theils  um  die  Marktprivilegien  der  Städte 
aufrecht  zu  halten,  theils  um  den  Dienstleuten  allen  Anlass  zu  Völlerei 
und  anderen  Unziemlichkeiten  zu  benehmen.  Auf  eine  ganz  andere 
Spur  hatte  dagegen  schon  um  ein  Jahrhundert  früher  Christen  Oster s- 
sön  Veylle  in  seinem  Glossarium  juridicum  Danico-Norwegicum  ge- 
wissen, dessen  von  mir  benützte  dritte  Ausgabe  im  Jahre  1665  er- 
schien. Zum  Ausdruck  Feylemarcket  wird  hier,  S.  267,  unter  Berufung 
auf  die  mündliche  Angabe  eines  Adeligen,  dessen  Vater  die  Sache  noch 
selbst  mitgemacht  hatte,  erwähnt,  daß  es  bei  adeligen  Trinkgelagen 
wohl  vorgekommen  sei,  daß  der  eine  oder  andere  Zechbruder  gefragt 
babe,  ob  man  nicht  „Fejlemarket  ride"  wolle?  Seien  die  Anderen  auf 
den  Vorschlag  eingegangen,  so  habe  man  über  dem  Zechtische  einen 
Dolch  in  die  Decke  gestoßen,  und  nun  habe  Jeder  dem  Andern  ab- 
tauschen können,  was  er  an  fahrender  Habe  bei  sich  gehabt  habe, 
z.  B.  Kleider,  Stiefel,  Sporen,  Gürtel  u.  dgl.  m.  Das  habe  gewährt, 
bis   der  Dolch  von   der  Decke  herabfiel;    dann   aber  habe  Jeder   be- 


FREI  MARKT.  3 

halten  müssen,  was  er  in  diesem  Momente  gehabt  habe,  so  daß  Man- 
cher ganz  oder  halbnackt  habe  davon  gehen  müssen,  da  Keiner  dem 
Anderen  einen  angetragenen  Tausch  abschlagen  durfte.  Ihre,  in  seinem 
Glossarium  Suiogothicuin,  s.  v.  Frimark,  hat  sich  dieser  Erklärung 
bereits  angeschlossen,  und  sich  nur  dagegen  erklärt,  daß  Osterssön 
den  Ausdruck  Feilemark  auf  die  Spielleute,  d.  h.  doch  wohl  ihre  Fiedel, 
zurückführen  wollte,  während  in  demselben  doch  nur  eine  Verderbniss 
für  Frimark  zu  sehen  sei.  Das  Wörterbuch  der  dänischen  Aka- 
demie, s.  v.  Feilemarked,  folgt  wieder  in  allen  Stücken  der  Deutung 
Osterssön's  (1802),  und  auch  Kolderup-Rosenvinge  schließt  sich 
a.  a.  0.,  V,  S.  587,  an  dieselbe  an,  jedoch  die  Identität  von  Frimarket 
und  Feilemarket  betonend;  die  Bezeichnung  Freimarkt  leitet  er  davon 
ab,  daß  die  Handelschaft  nichts  kostete,  —  wenn  er  aber  bemerkt,  daß 
mit  Osterssön  der  Name  Feilemarket  daher  abzuleiten  sei,  daß  man 
dabei  leicht  fehl  greifen  könne,  so  benützt  er  eben  nur  eine  andere 
Andeutung  des  Genannten  als  die,  welche  Ihre  aufgegriffen  hatte. 
Übrigens  hat  Ihre  bereits  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  Halt  aus 
in  seinem  Glossare,  s.  v.  Freymarck,  freymareken,  die  Bedeutung  des 
Tauschens  in  dem  Worte  nachgewiesen  habe;  nicht  übersehen  darf  aber 
auch  werden,  daß  ein  von  Letzterem  angeführter  Leipziger  Schöffen- 
spruch aus  dem  15.  Jahrhunderte  vom  „fryinarch"  bemerkt:  „das  toppil 
speyl  vnde  wete  glich  ist".  Wir  werden  damit  wieder  auf  den  Zusammen- 
hang mit  dem  Doppelspiel  und  Tafelspiel  zurückgeführt,  in  welchem 
unsere  Dienstrechte  des  Freimarktes  erwähnen. 

Ich  glaube  unter  solchen  Umständen  bei  Seite  liegen  lassen  zu 
sollen,  daß  das  Bremisch  Niedersächsische  Wörterbuch  (1767) 
die  Bezeichnung  Frij-markt  für  „das  große  jährliche  Jahrmarkt  in 
Bremen  auf  Lucas-Tag,  welches  neun  Tage  währt1',  anmerkt;  dagegen 
erwähne  ich  eine  in  Grimm's  Wörterbuch  unter  Freimarkt,  ohne  alle 
Erklärung,  angeführte  Strophe  aus  Unlands  Alten  hoch-  und  nieder- 
deutschen Volksliedern  I,  S.  613,  wo  es  von  Zechbrüdern  heißt: 

„Und  so  her  get  die  morgenröt 

do  iederman  zur  kirchen  get, 

ersl   U'ilw  sie  freimarkt  halten; 

und  wer  do  gute  kleider  hat, 

dem  werden  böse  an  die  stat, 

dir  lmiss  er  dann   behalten". 
Offenbar  wird  in  diesen  Versen  ganz  derselbe  Gebrauch  vorausgesetzt, 
welchen  Osterssön    für  Dänemark   bezeugt.    Weitaus   den  lebendigsten 
und  genauesten  Bericht  über  den  Hergang  bei  einem  Freimarkt  giebt 

1* 


4  K.  MAURER,  FREIMARKT. 

aber  die  Zimmerische  Chronik,  welcher  wir  so  viele  culturhisto- 
risch  interessante  Belehrung  verdanken.  Sie  erzählt,  Bd.  II,  S.  111  bis 
114,  wie  Herr  Johannes  Wernher  Freiherr  zu  Zimmern  im  Jahre  1502 
einen  „freien  markt"  nach  Oberndorf  ausrufen  ließ,  welcher  von  Ade- 
ligen und  Unadeligen  zahlreich  besucht  wurde.  Der  freie  Markt  wurde 
in  diesem  Falle  im  Namen  der  Herrschaft  durch  den  Stadtknecht  in 
der  Kirche  öffentlich  verrufen  und  auf  dem  Rathhause  abgehalten. 
Einen  eigenen  Schultheißen  und  zwölf  Richter,  dazu  einen  eigenen 
Gerichtsknecht  ließ  die  Herrschaft  setzen;  ein  „baderhüetle",  d.  h. 
Badhemd  (vgl.  Lexer,  Mittelhochd.  Handwörterbuch,  s.  v.  bade-huot) 
wurde  an  drei  Fäden  über  dem  Tische  aufgehängt,  welches  ,,der  König" 
genannt  wurde,  und  welches  jeder  Eintretende  zu  begrüßen  und  in 
bestimmt  bezeichneter  Weise  durch  Einlegung  eines  Hellers  zu  ehren 
hatte,  widrigenfalls  er  straffällig  wurde.  Hat  sich  ein  Eintretender 
gegen  diese  Förmlichkeiten  irgendwie  verfehlt,  so  mag  jeder  andere 
Anwesende,  der  will,  gegen  ihn  das  Gericht  anrufen,  und  in  bestimmt 
geregeltem  Verfahren  gegen  ihn  vorgehen.  Der  Kläger  kann  dabei  mit 
jedem  beliebigen  Stücke  seines  Gutes,  das  er  sofort  abzuthun  hat, 
dem  Beklagten  auf  jedes  beliebige  Stück  seines  Gutes  „auffahren", 
„allain  das  underhemet  aussgenomen",  und  auch  dieser  muß  sofort 
das  bezeichnete  Stück  von  sich  thun.  Doch  tritt  hinterher  noch  die 
Frage  an  die  Parteien,  ob  sie  „bössern",  d.  h.  nachzahlen  wollen  oder 
nicht,  und  weiterhin  kommt  es  zu  einer  Schätzung  durch  das  Gericht, 
sowie  zu  der  nochmaligen  Frage  an  die  Parteien,  ob  sie  „behalten  oder 
lassen"  wollen,  wobei  die  Meinung  die  zu  sein  scheint,  daß  je  nach- 
dem eine  Nachzahlung  der  Werthdifferenz  oder  eine  Lösungssumme 
zu  entrichten  sein  soll.  Jeder  Verstoss  im  Verfahren  und  jeder  durch 
eine  Lösungssumme  erkaufte  oder  gutwillig  erzielte  Rücktritt  vom 
Geschäfte  macht  aber  die  betreffende  Partei,  oder  auch  beide  Theile, 
bußfällig,  und  werden  die  sämmtlichen  angefallenen  Bußen  an  einem 
späteren  Termine  vertrunken  und  verjubelt. 

Dieß  der  Bericht  der  Chronik.  Derselbe  schildert  uns  nun  aller- 
dings das  Verfahren  beim  Freimarkt  ungleich  complicierter  als  Osters- 
sön  oder  das  Volkslied  bei  Uliland.  Von  einem  Ausschreiben  durch 
die  Obrigkeit,  einer  Einhaltung  gerichtlicher  Formen,  einem  Ab- 
schätzungsverfahren  und  nachträglicher  Einlösung  u.  dgl.  ist  in  den 
letzteren  beiden  Angaben  nicht  die  Rede;  vielmehr  setzen  dieselben 
gerade  umgekehrt  ein  ganz  spontanes  Abhalten  des  Freimarktes  durch 
eine  lustige  Gesellschaft,  die  bereits  ohnehin  beisammen  ist,  voraus. 
Aber  doch  sind  die  Grundzüge  des  wunderlichen  Spieles  hier  wie  dort 


L.  ETTMÜLLEK,  BEITRAGE  ZUR  KRITIK  DER  EDDALIEDER.  5 

dieselben,  und  es  kann  auch  nicht  auffallen,  daß  an  verschiedenen 
Orten  und  zu  verschiedenen  Zeiten  dessen  Ausprägung  im  Einzelnen 
sehr  verschieden  sich  gestaltete.  Interessant  wäre  zu  wissen,  wie  weit 
dasselbe  in  der  Zeit  hinaufreicht,  und  ob  die  volleren  Formen,  wie 
sie  die  Zimmerische  Chronik,  oder  die  einfacheren,  wie  sie  das  Volks- 
lied und  Osterssön  kennen,  die  älteren  seien.  Die  schwedisch-dänischen 
Dienstrechte,  deren  ersten  Ursprung  man  doch  dem  14.  Jahrhunderte 
scheint  zuweisen  zu  dürfen,  möchten  eher  für  die  letztere  Alternative 
sprechen;  aber  freilich  weiß  der  norwegische  Borgar  arettr  (Norges 
gamle  Love,  III,  Nr.  61,  S.  144 — 45),  welcher  die  kürzeste  Gestalt 
jener  Dienstmannenrechte  zeigt,  noch  nichts  von  dem  Freimarkte,  wel- 
cher überhaupt,  wie  schon  die  Bezeichnung  erkennen  lässt,  von  Deutsch- 
land aus  in  den  Norden  hinübergedrungen  sein  muß*). 

K.  MAURER. 


BEITRAGE  ZUR  KRITIK  DER  EDDALIEDER. 

VON 

LUDWIG  ETTMÜLLER. 


9)  Gudrünarkvida  I. 

Dieß  Lied  ist  weit  besser  erhalten  als  manches  andere.  Es  hat 
zwar  einige  nur  dreizeilige  Strophen,  diese  lassen  jedoch  sich  leicht 
und  mit  genügender,  ja  fast  völliger  Sicherheit  ergänzen.  Die  Zusätze, 
die  hie  und  da  zu  entfernen  sind,  ergeben  sich  ebenfalls  leicht. 

Gleich  Str.  4  zeigt  einen  solchen  Zusatz,  nämlich  die  Worte: 
tveggja  deetra,  pi'iggja  systra. 
Man  sieht,  daß  schon  der  Stabreim  mangelt,  da  t,  d  und  p  nicht  mit 
einander  verbunden  werden  dürfen.  Die  fünf  Gatten  und  acht  Brüder, 
deren  Tod  Giaflaug  zu  beklagen  hat,  schienen  nicht  hinreichend, 
darum  wurden  zwo  Töchter  und  drei  Schwestern  hinzugefügt.  Der 
Hinzufüger  bedachte  nicht,  daß  Übertreibungen  immer  das  Gegentheil 
von  dem  bewirken,  was  man  bezweckt. 

In  Str.  6  beklagt  Berborg  den  Tod  ihres  Gatten  und  den  ihrer 
sieben  Sühne.  Das  war  aber  «hin  Ausschmücker  nicht  genug,  er  fügte 
in  drei  Zeilen  den  Tod  von  Vater  und  Mutter  und  vier  Brüdern  hinzu. 


*)  Während  des  Druckes  stossc  ich  in  einer  Sammlung  von  Schöffensprüchen, 
welche  Was  serschleben  im  ersten  Bande  Beiner  Sammlang  <lnitscher  Rechtsquellen 
(1860)  mitgetheilt  hat,    in  cap.    164     -  6  auf  einen  a,    sehr  interessanten 

Beleg  über  den  „frymarg". 


6  L.  ETTMÜLLER 

Wer  hier  keine  Übertreibung  sehen  will,  der  kann  die  Strophe  (7)  zu 
einer  regelrechten  vierzeiligen  dadurch  machen,  daß  er  Herborg  am 
Schlüsse  der  Rede  ihre  Worte:  „ließ  ek  hardara  härm  at  segjau  wieder- 
holen lässt. 

Str.  5  und  11  sind  ganz  gleichlautend,  beide  jedoch  nur  dreizeilig. 
An  einen  Leich,  gleich  dem  Hludwigsliede  Hugbalds,  ist  begreiflich 
unter  den  Liedern  der  Edda  nicht  zu  denken.  Übrigens  ist  die  Vier- 
zeiligkeit  der  Strophen  hier  sehr  leicht  herzustellen.  Man  schiebe  beide 
Mal,  in  Str.  5  und  Str.  11  nach  der  ersten  Zeile  (aus  Str.  1)  ein:  ne 
kveina  um  sem  konur  adrar. 

Str.  8,  3  lese  man  einu  misseri  (dat.  sing.)  statt  ein  misseri  (acc. 
plur.).  Dieser  Casus  ist  völlig  unstatthaft,  und  ein  als  nom.  sing.  gen. 
fem.  zu  nehmen,  geht  auch  nicht,  weil  misseri  ein  Beiwort  haben  muß. 
Str.  12,  4:  varadi  hon  at  hylja  um  hrer  fylkis.  Lüning  übersetzt 
unter  dem  Texte  diese  Worte  also:  „Sie  wehrte  es,  die  Leiche  zu  ver- 
hüllen, d.  h.  sie  wollte  nicht,  daß  die  Leiche  verhüllt  bliebe."  Er  nimmt 
also  varadi  (von  vara)  =  vardi  (von  verja).  Aber  kann  sein  erster  Satz 
wirklich  für  seinen  zweiten  stehen?  Schwerlich,  denn  nach  dem  ersten 
Satze  ist  die  Leiche  unverhüllt  und  Gullrönd  will  sie  nicht  verhüllen 
lassen;  nach  dem  zweiten  ist  sie  verhüllt,  soll  aber  nicht  verhüllt  blei- 
ben. Im  Wörterbuch  unter  vara  erklärt  er:  „sie  wahrte  sich  zu  ver- 
hüllen, d.  h.  sie  ließ  nicht  länger  verhüllt;  varadi  für  varadisk?  oder 
für  vardi  von  verja?''  Man  sieht,  Lüning  kann  mit  der  Stelle  nicht 
fertig  werden.  Egilsson  im  großen  Wörterbuche  fährt  nicht  besser;  er 
lässt  zwar,  wie  billig,  verja  (vardi)  aus  dem  Spiele,  aber  er  übersetzt: 
„monuit,  cavit,  ne  occuleretur  funus  regis";  als  ob  monere  und  cavere 
gleichbedeutend  wären  und  nur  so  eines  für  das  andere  stehen  könnte! 
Allerdings  bedeutet  im  Altnordischen  vara  gemeiniglich  monere  und 
varask  sibi  cavere.  Aber  varask  bietet  der  Text  nicht,  und  monere  passt 
hier  nieht  in  den  Sinn.  Thatsache  ist,  daß  die  Leiche  verhüllt  ist, 
denn  Str.  13  wird  erzählt,  daß  Griillrönd  die  Hülle  wegzieht.  Es  ist 
also  nöthig,  sich  nach  einer  anderen  Bedeutung  von  vara  umzusehen, 
und  da  das  Altnordische  bis  jetzt  uns  keine  bietet,  so  müssen  wir  uns 
schon  zu  anderen  Dialectcn  wenden.  Nun  bedeutet  im  Altsächsischen 
vardn  observare,  animadvertere,  und  diese  Bedeutung  passt  hier  trefflich. 
Aber  dabei  kann  der  Infinitiv  at  hylja  nicht  bestehen.  Hat  man  nicht 
etwa  bloß  falsch  gelesen,  was  gar  nicht  unwahrscheinlich  ist,  so  ist 
hylja  ein  Schreibfehler  für  hylja.  Varadi  hon  at  hylja  um  hrer  fylkis, 
d.  h.  sie  blickte  hin  auf  die  Hülle  um  die  Leiche  des  Fürsten.  Diesen 
Sinn,  und  nur  diesen  können  wir  hier  brauchen,  und  so  lese  man.  — 


BEITRAGE  ZUB  KRITIK   DEB  EDDALIEDER.  7 

Schließlich  noch  eine  Bemerkung  zu  hrer.  Die  gothische  Form  dieses 
Wortes  ist  hrdiv  (hrdivis),  die  ags.  hrdv  (hräves),  die  altsächsische 
hreu  (hreves),  die  ahd.  hreo  (hretves),  die  mhd.  re  (riwes),  die  gewöhn- 
liche altnord.  hrce  (hrces,  gen.  plur.  hrceva).  Wie  kommt  nun  r  zu  die- 
sem Worte  hinzu?  In  unserem  Liede  findet  sich  die  Form  mit  r  drei- 
mal (zweimal  hrer,  einmal  hrör  (d.  h.  mit  durchstrichenem  o  geschrieben). 
Anderwärts  liest  man  auch  hrair.  Könnte  das  r  nicht  bloß  verlesen 
sein  statt  v?  r  und  v  kommen  in  altnordischer  Schrift  einander  sehr 
nahe.  Ich  wüsste  weder  Grund  noch  Erklärung  für  dieß  r  anzugeben. 

Str.  15  ist  wiederum  nur  dreizeilig.  Man  kann  als  zweiten  Vers 
einschieben  entweder:  sorgfull  sat  hon  yfir  Siguräi  (nach  Str.  1)  oder: 
var  hon  harcthugutt  um  hrce  fylkis  (nach  Str.  11). 

Str.  16,  2.  svä  at  tär  ßugu  treysk  i  gögnum.  Aus  diesem  treysk 
weiß  Niemand  etwas  zu  machen.  Egilsson  sagt  darüber:  „videtur  treysk 
esse  acc.  sing.  nom.  treyskr,  m.  incertae  significationis,  forte:  pars  ali- 
qua  domus,  tabulatum,  limen".  Lüning  schreibt  tresk  und  fragt:  „Ist 
tresk  oder  treysk  vielleicht  mit  dem  schwed.  tröskel,  Schwelle,  zusammen- 
zustellen? —  Das  schwed.  tröskel  lautet  altnord.  preskiöldr,  pröskuldr, 
ags.  preskvald,  peorscvold,  perxold,  precsvald,  ahd.  aber  driscufli.  Diese 
Wörter  haben  also  mit  unserem  treysk  nichts  zu  schaffen,  wenn  auch 
die  Bedeutung  die  gleiche  (Schwelle,  Diele)  sein  sollte.  Ich  vermuthe, 
treysk  bezeichne  eine  Baumart,  die  man  zur  Dielung  der  Zimmer 
benutzte,  und  da  finde  ich  bei  Schmeller  das  bis  auf  den  Umlaut  genau 
entsprechende  trausch,  trosch  f.  Baum,  der  keine  Früchte  trägt,  bei 
Stalder:  trös,  trosle,  alnus  viridis,  Bergerle.  Ob  man  das  thrdsc  (glis, 
glidis)  bei  Graff  auch  hieher  nehmen  darf,  weiß  ich  nicht,  da  mir  das 
lat.  Wort  fremd  ist.  Der  Sinn  ist  also:  Gudhrun  weinte  so  sehr,  daß 
die  Zähren  über  die  Diele  hinflössen;  allerdings  eine  starke  Hyperbel. 

Str.  17  hat  eine  Zeile  zu  viel.  Der  Dichter  ließ  Gullrönd  sagen: 
ykkwr  vissa  ek  ästir  mestar  (eure  Liebe  kannte  ich  als  die  größeste), 
das  war  jedoch  dem  Ausschmücker  aichl  genug,  und  so  fügte  er  hinzu: 
manna  aüra  fyr  mold  ofan  (aller  Menschen  auf  der  Erde),  ohne  sich 
um  die  Zerstörung  der  Strophe  dadurch  weiter  zu  kümmern. 

Str.  ls  that  er  ganz  das  Gleiche.  Der  Dichter  ließ  Gudhrun 
sagen:  „Mein  Sigurd  war  neben  den  Söhnen  Giuki's  wie  «'in  glänzen- 
der Stein  im  Ringe";  der  AuBSchmücker  Betzte  hinzu:  w/rknasteinn  yfir 
öälingwm  (ein  Edelstein  über  den  Fürsten),  was  etwas  albern  klingt. 
Man  streiche  diese  Zeile  und  die  Strophe  wird  regelrecht. 

Str.  21  findet  ganz  das  gleiche  Matt:  die  fünfte  Zeih-  er  pH  Sigurdi 
svaniir  eida  ist  völlig  tiberflüssig,  man  streiche  Bie  also. 

Str.  24  sind  zwei  Zeilen  eingeschoben,  nämlich; 


8  L.  ETTMÜLLER 

rekr  pik  alda  hverr  (oder  hver,  f.)  illrar  skepnit, 
sorg  sdra  siau  konunga 
sie  überlasten   die  Strophe  und  zerstören  ihren  einfach  schönen  Sinn. 
Damit  ist  dieß  Gedicht  in  Ordnung  und  eines  der  schönsten  Edda- 
lieder gewonnen. 

10.  Gudrünarkvida  önnur. 
Dieß  Lied  ist  aus  zwei  Liedern  zusammengesetzt.  Dem  ersten 
Liede  gehören  die  Strophen  1 — 35.  In  ihm,  einem  Selbstgespräche,  be- 
klagt Gudhrfm  ihr  Schicksal,  und  zwar  thut  sie  das,  als  sie  so  eben 
ihre  Söhne  von  Atli  umgebracht  und  den  Entschluß  gefasst  hat,  auch 
ihren  Gatten  zu  tödten.  Daß  sie  ihre  Klagen  dem  Thiodrek  gegen- 
über erhoben  habe,  das  sagt  uns  nur  die  kurze  prosaische  Einleitung, 
die  von  dem  Sammler  und  Ordner  der  Lieder  herrührt,  und  diese 
Annahme  ist  zurückzuweisen.  In  beiden  Liedern  wird  auch  nicht 
mit  einem  Worte  darauf  hingedeutet,  daß  Gudhrün  zu  Thiodrek 
spreche.  Es  ist  dieß  also  jedenfalls  nur  eine  willkürliche  Annahme  des 
Sammlers,  die  in  den  Liedern  selbst  durchaus  keinen  Grund  hat.  — 
Zum  zweiten  Liede,  —  schon  der  Ton  ist  ein  ganz  anderer,  —  ge- 
hören die  Strophen  36 — 43,  in  welchen  Gudhrün  dem  Atli  seine  Träume 
deutet;  ein  Gespräch  im  Bette  zwischen  beiden.  Gewiß  ein  nicht  min- 
der sonderbarer  Gegenstand  im  Munde  der  Gudhrün  dem  Thiodrek 
gegenüber!  Da  das  nächstfolgende  Lied,  das  dritte  Gudhrünlied, 
nach  so  ziemlich  allgemeiner  Ansicht1)  ein  Werk  des  Sammlers, 
Ssemunds  des  Weisen,  ist,  so  wird  man  ihm  auch  die  Zusammenheftung 
dieser  Lieder  nebst  allen  Zusätzen  und  Einschaltungen  im  ersten  zu- 
schreiben dürfen.  Sie  betreffen  vor  Allem  den  Aufenthalt  der  Gudhrün 
bei  Thöra,  der  Gattin  Alfs,  in  Dänemark,  und  haben  keinen  anderen 
Zweck,  als  dieser  Sage  in  Skandinavien  mehr  heimische  Anknüpfungs- 
punkte zu  verschaffen.  Das  Hauptergebniss  ist,  daß  dieVerbindung 
der  Sage  von  den  Niflungen  mit  der  von  Dietrich  nur  ein 
Werk  Ssemunds  des  Weisen  ist,  und  daß  die  echte  altnor- 
dische Gestaltung  der  Sage  diese  Verbindung  der  beiden 
Sagen  ganz  und  gar  nicht  kennt.  Sie  beruht  einzig  auf 
Ssemunds  drittem  Gudhrünliede  und  auf  seinen  prosaischen 
Zusätzen  zu  einigen  andern  Liedern.  Vermuthlich  hatte  er  in 
Deutschland  die  Verbindung  der  Sage  von  Sigfrid  mit  der  von  Diet- 
rich kennen  gelernt,  als  er  durch  Deutschland  nach  Frankreich  zog, 
um  in  Paris  zu  studieren. 


*)  P,  E.  Müller  hat  sie  zuerst  ausgesprochen. 


BEITRÄGE  ZUR  KRITIK  DER  EDDALIEDER.  9 

Dießmal  jedoch  wird  es  gut  sein,  wenn  ich  diejenigen  Strophen 
des  ersten  Liedes,  die  ich  allein  für  echt  anerkennen  kann,  ganz  und 
in  ihrer  richtigen  Folge  hier  mittheile;  ich  würde,  wenn  ich  wie  bisher 
verführe,  vielleicht  des  Raumes  noch  mehr  bedürfen.  Unter  dem  Texte 
stehen  dießmal  meine  Bemerkungen  nebst  den  als  Zusätze  ausgeschie- 
denen Strophen. 

1 .  Meer  var  ek  meyja,  modir  mik  feeddi 

biört  1  bfo'i;  unna  ek  vel  breedrum, 
unz  mik  Giüki  gulli  reifdi, 
gulli  reifdi,  gaf  Sigurdi. 

2.  Svä  var  Sigurdr  of  sonum  Giüka, 

sem  vceri  greenn  laukr  or  grasi  vaxinn, 
eda  hiörtr  habeinn  um  hvössum  dfjrum, 
eda  gull  gludrautt  of  grd  silfri. 

3.  Unz  mer  fyrmundu  minir  brozdr, ') 

at  ek  cetta  ver  Öllum  fremra; 

sofa  peir  ne  mättud  ne  of  sakar  dozma, 

ädr  ])eir  Sigurd  svelta  letu. 

4.  Grani  rann  at  ])ingi,  gnfjr  var  at  heyra, 

en  pä  Sigurdr  sialfr  eigi  kom; 
Öll  väru  söduldijr  sveiti  stokkin 
ok  of  varid3)  väsi  af  vegöndum. 

5.  Gekk  ek  grätandi  vid  Grana  rozda, 

ürughlijra  i6  frä  ek  spialla; 

hnipnadi  Grani  pä,  drap  i  gras  höf&i: 

iör  put  vissi,  eigendr  ne  lif&ut*). 

6.  Gengi  hvarfada,   b-ngi  hugir  deildusk, 

ädr  ek  of  freegak  folkvörd  <it  grani. 


7.  Hnipnadi  Gunnarr,  sagdi  Högni  mer5) 
frä  Sigurdar  särum  dauda: 


■    Str.  -i  schließt  .sich  an  Str.  1  an.  3)  vanid,  Hs.  *)  Die  eigendr  sind 

wohl  Bigard    and   Brynhild,    der  Grani    früher    gehört«  .    abei    Brynhild    lebl    mich    in 
dem  Augenblicke,  da  Gndhrün  mit  Grani  spricht,  und  so  bat  man  doch  wohl  den  Satz 
im  Singular  zu  lesen,  nämlich  eigemdi  >>■   lifdit,  der  Eigenthümer  (Sigurd)  lebte  nicht. — 
In  der  Lücke  nach  c,  2  kann  etwas  gestanden  haben,  wie  wir  es  Brot  aj   Bryrü 
heida  6  lesen:    „h/van  Sigwdr,   v  .  tm,    er  framdr  m&nir  fyrri  r%&* 

&)  mer  Högni,  Sa. 


10  L.  ETTMÜLLER 

„liggr  of  höggvinn  fyr  handan  ver 
Guthorms  bani  ok  gefinn  ulfum. 

8.  Littu  par  Sigurd  ä  sudrvega, 

]>ä  heyrir  pü  hrafna  gialla, 
ihmu  gialla,  aizli  fegna, 
varga  pidta  um  veri  ]nnumu, 

9.  Hvi  'pü  mer,  Högni!  harma  slika 

viljalaussi  vill  um  segja? 
pitt  skyli  hiarta  hrafnar  slita 
v?ä  lönd  yfir,  en  pü  vitir  manna! 

10.  SvaracU  Högni,  sinni  einu 

traudr  götts  hugar  af  trega  storum: 
npess  ättu,   Gudrun,  graiti  at  fleiri, 
at  liiarta  mitt  hrafnar  sliti!u 

1 1 .  Hvarf  ek  ein  paäan  andspilli  frä 

ä  viälcesar  varga  leifar; 
gerctiga  ek  hiüfra  ne  liöndum  slä, 
ne  kveina  um  sem  konur  aärar6). 

12.  Nutt  potti  mer,  nictmyrkr  vera 

er  ek  särla  satk  yfir  Sigurdi; 

ulfar  pöttumk  öllu  beim, 

ef  peir  leti  mik  Irfi  tyna"'). 
Nach  der  12.  Strophe  folgt  Fahrt  und  Aufenthalt  der  Gudhrün 
bei  Thora  in  Dänemark,  nämlich  Str.  13—16,  die  ich,  wie  gesagt,  für 
einen  Zusatz  Ssemunds  halte.  Auch  Drap  Niflunga  weiß  davon  nichts. 
Die  darin  erwähnten  Kämpfe  bei  Fife  in  Schottland  erinnern  an 
Saxo  Gramraaticus  und  dessen  Zeit.  Wenn  eine  Papierhandschrift  die 
Insel  Fiön  (Ftthnen)  statt  Fife  nennt,  so  beweist  das  nur,  daß  ihr 
Schreiber  das  Alberne  jener  Ortsbestimmung  fühlte. 

Die  von  Ssemund  eingeschalteten  31/,,  Strophen  lauten: 

13.  For  ek  af  fialli  fimm   deegr   talid,    Unz  ek  höll  Hälfs   hdva 

pekdak;   Sat  ek  med  Poru  siau  misseri,   Dcetr  Häkonar  % 
Danmörku. 

14.  Hon  mer  at  gamni  gull  bdkadi,  Sali  sudroena  ok  svani  danska. 

15.  Höfdu  vit  ä  Skriptum  pat  er  skatar  leku,   Ok  at  hannyrdum 

hilmis  pegna,  Randir  raudar,  rekka  Ilüna,  Hiördrott  hidlm- 
drott,  hilmis  fylgju. 

6)  pd  er  sat  soltin  um  Sigurdi.    Diese    angehängte  Zeile   findet   sich  früh  genug 
12,  2.  ')  Hier  wird   angehängt:    eäa  brendi  mik  sem  birkinn  vid.    Können  Wölfe 

Jemand  verbrennen? 


BEITRÄGE  ZUR  KRITIK  DER  EDDALIEDER.  H 

16.  Skip  Signmndar  skridu  frä   landi,    Gyltar  grimur,   grafnir 

stafnar;  Byrdu  vit  ä  borda  pat  er  peir  bördusk  Sigarr  ok 

Siggeirr  siutr  ä  Ffß. 

Hier  herrscht  ein  ganz  anderer  Ton  als  in  den  echten  Strophen 

des  Liedes.  Auch  die  große  Stickerei  weist  auf  das  11.  Jahrhundert  hin. 

13  (17).  pä  nams)   Grimildr,  gotnesk  kona°) 

Jn-agiarnliga  ]>ess  at  spyrja, 
hverr  midi  son  systur  boeta 
eda  ver  veginn  vildi  gialda. 

14  (18).   Gerr  lezk  Gunnarr  gull  at  bioda, 

sdkar  at  bozta,  ok  it  sama  Högni10); 
(19).     inn  gengu  pä  iöfrum  likir 

Langbards  lidar,  höfdu  loda  rauda11). 

15  (20).  Hverr  vildi  mer  hnossir  velja, 

hnossir  velja  ok  hugat  ma>la, 
ef  peir  mostti  mer  margra  süta 
trygdir  vinna,  ef  ek  trüa  gerota. 

16  (21).  Fcerdi  mer  Grimildr  füll  at  drekka 

svalt  ok  sdrlild,  ne  ek  sakar  mundak; 
pat  var  um  aukit  iardar  v2)  magni, 
svalköldum  sce  ok  sonor  dreyra. 

17  (22).    Vdru  i  hoimi  hvers  kyns  stafir 

ristnir  ok  rodnir,  rada  ek  ne  mättak; 
lyngfiskr  langr  lands  Haddingja, 
ax  oskorit,  innleid  d/fjra  ,3). 


')  jra,   Hs.  -   Hierauf  werden  zwei  Zeilen  eingeschoben,  hvat  ek  vcera  hygij- 

juil  um  Atta.  Hon  hri'i  borda  ok  buri  heimti.  Die  Worte  um  Atla  fehlen  in  der  Hs. 
virma  darf  man  nicht  ergänzen  vor  hyggjud,  weil  dann  das  Ilült'sverb  in  Allitteration 
käme.  — Von  Saemund  können  diese  Zeilen  nicht  kommen;  denn  er  schickte  ja  Gudhrün 
nach  Dänemark,  kann  also  die  Grfmild  sie  gar  nicht  fragen  lassen.  Beide  Verse  dürften 
einer  anderen  Gestaltung   dieser  Strophe   angehören.  ,0)  Die  hier  nun  folgenden 

Zeilen:  Hon  fretti  at  jbtÄ,  hverr  fara  vildi  Vigg  at  södla,  vagn  at  beifa ,  llesti  rtda, 
hauka    fteygja,   Orum  at  skidta  .    —  Valdarr  at   Dönum  med  Jarizleiß,   Eymödr 

pridi  med  Jaria  kari  — .  Die  ersten  vier  sind  gräulich  überladen,  19,  1  hat  keinen  Stab- 
reim; die  slavischen  Namen  «reisen  auf  Ssemunds  Zeit  hin.  Audi  bei  Sazo  Gramm, 
kommen  eine  Menge  Slaven  als  dänische  Vasallen  vor.  Alles  Beweise,  daß  dieß  Zu- 
Bätze.  ".  Hier  folgl  wiederum  ein  überladener,  der  einfachen  Haltung  des  Liedes 

widersprechender  Zusatz,  nämlich:  Skreyttar  brynjw,  steypta  hidlma;  Skälmum  gyrdir 
höfdu  skarar  iarpar.  ,s)  )ir<hu\  II-.  Die  Berichtigung  ist  von  Lüning.  ")  Die 

Erläuterung  dieser  Stelle  nach  Liljegren  !"  i   Lüning. 


12  L.  ETTMÜLLER 

18  (23).    Väru  %  peim  biöri  böl  mörg  saman, 

urt  alls  vktar  ok  akarninn, 

umdögg  arins,  idrar  blotnar, 

svms  lifr  sodin,  pviat  hon  sahar  deyfdi. 

19  (24).  En  pä  gleymäum  er  getit  höfdum 

öllum  i'öfurs  ordum  i  sal; 
kvämu  konungar  fyr  kne  prennir, 
ädr  hon  sidlfa  mik  sotti  at  mäli. 

20  (25).  „  Gef  ek  per,  Gudrun,  gull  at  piggja, 

fiöld  alls  fidr  at  pinn  födur  daudan; 
hringa  rauda}  Hlödves  sali, 
drsal  allan  at  iöfur  fallinn. 

21  (26).  Hünskar  meyjar,  poer  er  hlada  spiöldum, 

göra 14)  gull  fagrt,  svä  at  per  gaman  Pykki; 
ein  skaltu  rdda  audi  Budla, 
gulli  göfgud  ok  gefin  Atla!u 

22  (27).    Vilk  eigi  ek  med  veri  ganga, 

ne  Brynhildar  brodur  eiga; 
samir  eigi  mer  vid  son  Budla 
aitt  at  auka  ne  una  lifi. 

23  (28).  „Hirda  pü  höldum  heiptir  gialda, 

Pviat  ver  höfum  valdit  fyrri; 

svd  skaltu  lata,  sem  peir  lifi  bädir 

Sigurdr  ok  Sigmundr,  ef  pü  sonu  fo2dir.u 

24  (29).  Mdka  ek,   Grimildr,  glaumi  bella, 

ne  vigrisins  vdnir  telja; 
siz  Sigurdar  sdrla  drukku 
hraigifr,  huginn  hiariblod  saman. 

25  (30).  Pann  hefi  ek  allra  aittgöfgastan 

fylki  fundit,  ok  framask  nekkvilb); 
hann  skaltu  eiga  unz  pik  aldr  vidr, 
verlaus  vera,  nema  pü  vilir  pennau. 

26  (31).  Hirda  pü  biöda  bölvafullar 

prägiarnliga  pcer  kindir  mer! 
hann  mun  Gunnar  grandi  beita, 
ok  oi'  Högna  hiarta  slita. 


l4)  ok  göra,   Hs.  ,s)  Die    drei   letzten  Worte   bedeuten:    und  er  thut   sich 

durch  einiges  hervor.  Liiniüg  nahm  ohne  Grund  Anstoss  an  diesen  Worten. 


BEITRÄGE  ZUR  KRITIK  DER  EDDALIEDER.  13 

27  (32).   Grätandi  Grtmildr  greip  vid  ordi, 

er  burum  sinum  bölva  vcenti16). 
„lönd  gef  ek  enn  ]>er,  Itjda  sinnt,17) 
eigpu  um  aldr  pat  ok  uni,  döttir!u 

28  (33).  Pann  mun  ek  kiösa  af  konungum, 

ok  ])o  af  nktjum  naudig  hafa; 
verdr  eigi  mer  verr  at  yndi, 
ne  hol  brcedra  at  bura  skiöli. 

29  (34).  Senn  var  ä  hesti  hverr  drengr  litinn18); 

ver  stau  daga  svalt  land  ridum, 

en  adra  stau  unnir  knidum, 

en  ina  ])ridju  siau  purt  fand,  stigum. 

30  (35).  Par  hlidverdir  härar  bor  gar 

grind  iqip  luku,  adr  i  gard  ridum.  — 
(31).     Munkat  ek  letta,  adr  lifshvatan 
eggleiks  hvötud  aldri  nemik!19) 

Man  lese  jetzt  hier  dieß  Lied,  und  man  wird  finden,  daß  es  an 
einfacher  Schönheit  kaum  einem  der  anderen  nachsteht. 

Das  zweite  Lied,  Str.  3G — 43,  ist  nur  ein  Bruchstück.  Es  ist  ein 
Gespräch  zwischen  Gudhrun  und  Atli  bei  nächtlicher  Weile  im  Bette. 
Alle  Reden  der  Gudhrun  sind  hier  voll  von  Hohn  und  Spott.  Gudhrun 
ist  also  hier  bleibend  in  einer  ganz  anderen  Gemüthsstimnrung  als  im 
ersten  Liede;  schon  deshalb  können  beide  Stücke  ursprünglich  nicht 
wohl  ein  Lied  gebildet  haben. 

Das  Bruchstück  beginnt  und  schließt  mit  einer  Halbstrophe,  diese 
aber  gehören  zusammen  und  haben  die  erste  Strophe  zu  bilden.  Wahr- 
scheinlich gelangte  die  zweite  Halbstrophe  später  zur  Kenntniss  des 
Schreibers  der  Handschrift,  und  damit  sie  nicht  verloren  gehe,  setzte 
er  sie  an  das  Ende  des  ganzen,  vielleicht  sogar  mit  einem  auf  den 
rechten  Ort  hinweisenden  Zeichen,  das  dann  später  bei  Abschrift  dieser 
Handschrift  übersehen  ward.  Ich  lese  also  Str.  1: 


"])  vmii,  Es.    Nach    diesem  Verse  ward   eingeschoben:    ok  rrwgum   t&num  mevna 
storra,  tautologisch  mit  dem  vorherstehenden.  l7.i  Hierauf  der  Zusatz:    Vvribiörg, 

VaXbiörg,  >f  Jbfl  rill  piggja.  Scheint  Nachahmung  eon  Helg.  Hund.  II  33,  oder  llel^. 
Hund.  I,  8.  Allein  in  Frauenhand  kommt  nicht  Grundbesitz;  zumal  nicht,  wo  Brüder 
oder  Söhne   d.-i  sind.  ,s)  Hierauf  folgt:    en  r'ij   vabieak  i  wgna  hqfii.    Bin   über- 

flüssiger, die  Strophe  zerstörender  Zusatz,  denn  daß  Gudhrun  ihre  Mägde  begleiten, 
versteht  sich  ganz.  7on  selbst.  Auch  ist  das  Geleite  Bchon  durch  das  folgende  vSr 
genugsam  angedeutet  ,<J)  eggleiJa  hvötudb-  ist  Atli.  —   Diese  beiden  Zeilen  sind 

an  Str.  31  angehängt,  wo  sie  den  engen  Zusammenhang  /.wischen  31  and  32  stören; 
hier  schließen  sie  seinin  das   Lied   ab, 


14  L.  ETTMÜLLER 

Vakdi  mik  Atli,  en  ek  vera  potttimk 

füll  ills  hugar  at  frcendr  daucta; 

lag  e&20)  sidan,  ne  sofa  vildak, 

prägiöm"1)  t  kör.  pat  man  ek  görva. 
Str.  2  spricht  Atli,  aber  sie  bedarf  einer  Berichtigung;  ich  lese  sie: 
Svä  mik  nyliga  n&rnir  vekja 

valsinnis  spä;  vilda  at  pü  redir: 

hagda  ek  pik,   Gudrun,   Giüka  döttir, 

Iwblöndnum  hiör  leggja  mik  %  gögnum. 
valsinnis   (statt  vilsinnis)   ist   schöne  Besserung  von  Lüning;    vil- 
sinnis  spä  ist  in  der  That  nicht  erträglich.    Statt  vilda  at  pü  redir  hat 
die  Hs.  vildi  at  ek  reda,  er  wollte,  daß  ich  deutete.    So  können  diese 
Worte  nur  Worte  der  Gudhrün  sein.    Derjenige,  der  beide  Lieder  zu 
einem  zusammenschweißte,    und  das  Ganze  der  Gudhrün  als  Erzäh- 
lung  in   den  Mund    legte,    erlaubte    sich    die  Änderung,    ohne    zu  be- 
denken,   daß   solche  versprengte  Sätze   und  Satztheile   häufig  zwar  in 
der  Skaldenpoesie,  doch  nirgends  in  den  alten  Eddaliedern  vorkommen. 
Die  Strophen  38—40  geben  mir  zu  keiner  Bemerkung  hier  An- 
lass;  Str.  41  dagegen  Zeile  4  muß  man,  meine  ich,  lesen:  naudigr  nä 
nfjta  ek  skyldak.  Die  Hs.  bietet  nvdigra,  woraus  man  fälschlich  naudigra 
gemacht  hat,  welches  nicht  in  den  Sinn  passt. 
Str.  42.  ]>ar  munu  seggir  um  sceing  dcema, 

ok  hvitinga  höfdi  nema; 

peir  munu  feigir  fära  nätta 

fyr  dag  litlu  drottum  bergja. 
sceing  giebt  keinen  Sinn,  man  mag  nun  das  Wort  als  Dat.  (am  Bette) 
oder  als  Acc.  (über  das  Bette)  nehmen.  Da  Gudhrün  in  ihrem  Hohne 
nothwendig  verharren  muß,  wird  man  soäning  zu  lesen  haben.  Auch 
den  beiden  letzten  Zeilen  lässt,  wie  sie  jetzt  lauten,  durchaus  kein 
Sinn  sich  abgewinnen.  Ich  schreibe  daher: 

par  munu  seggir  um  sodning  daima, 

ok  hvitinga  höfdi  nema; 

Peim  munu  feigum  fära  nätta 

fyr  dag  litlu  droit ir  bergja"'1). 
Das  heißt  nun:  Da  werden  Männer  über  das  Kochen  sich  unterreden 
und  die  Frischlinge  des  Hauptes  berauben;  die  dem  Tode  verfallenen 


20)  lega  ek,  Hs.,  woraus  man  leega  ek  (conj.  praet.1)  gemacht  hat,  und  zwar  zu 
Anfang  einer  Strophe!  21)  Jirät/iarn,  Hs.  22)  Da  drott  ein  Mehrheitsbegriff 

ist,  kann  mau  auch  drott  um  bergja  lesen;  passiv  jedoch  darf  man  nicht  construieren, 
weil  bergja  den  Dat.  der  Sache  verlaugt. 


BEITRÄGE  ZUR  KRITIK  DER  EDDALIEDER.  15 

wird  in  wenig  Nächten  kurz  vor  Tage  das  Hofvolk  verspeisen.  —  Wer 
etwas  besseres  weiß,  der  theile  es  mit!  Wohl  zu  erwägen  ist  dabei 
jedoch,  daß  es  sich  hier  nur  um  die  beiden  Söhne  Atlis  und  der  Gudhrün 
handelt,  welche  die  Mutter  selbst  tödtet  und  deren  Fleisch  sie  dem 
Vater  und  seinen  Mannen  als  Speise  beim  Mahle  vorsetzt. 


Auf  Gudrünarkvkta  ]>ri(Tja,  die  man  besser,  weil  deutlicher,  mit: 
„Von  Gudhrün  und  Herkja"  benennen  würde,  habe  ich  näher  nicht 
einzutreten.  Das  Gedicht  ist  vollständig  und  unverletzt  erhalten,  was 
sich  leicht  begreifen  lässt.  Ich  bemerke  einzig,  daß  die  beiden  Halb- 
strophen  6  und  7  eine  Strophe  zu  bilden  haben.  Man  hat  sie  getrennt, 
weil  mit  7  die  Ausführung  des  in  6  gemachten  Vorschlages  beginnt. 
Dieß  ist  jedoch  kein  Grund  die  Strophe  zu  zerreißen. 

11.  Oddrünar  grätr. 

Auch  dieß  Lied  ist  ein  später  gedichtetes  und  es  enthält  so  man- 
ches, was  uns  in  der  That  auffallend  erscheinen  muß.  Es  ist  jedoch 
noch  von  einem  Heiden  gedichtet,  wie  Str.  10  beweist,  während  das 
Gedicht  von  Gudhrün  und  Herkja  einen  christlichen  Geistlichen  zum 
Verfasser  hat,  wie  schon  das  Ordale  des  Kesselfangs  bezeugt. 

Besonders  auffallend  in  der  Oddrün-Klage  ist,  daß  der  Dichter 
diese,  die  Schwester  Atlis,  gleichsam  als  Hebamme  im  Lande  herum- 
ziehen und  einer  von  ihr  durch  Zaubersprüche  entbundenen  Unver- 
mählten ihr  eigenes  Unglück  in  ihrer  Liebe  zu  Gunnar  erzählen  lässt. 
Das  hätte  allenfalls  einen  Sinn,  wenn  es  sich  um  das  Schicksal  der 
eben  geborenen  Zwillinge  -handelte,  und  wenn  dieses  ein  bedeutsames, 
in  die  Sage  selbst  tief  eingreifendes  wäre;  aber  davon  ist  keine  Spur 
vorhanden. 

I  ljrigens  ist  dieß  Lied  noch  recht  einfach  gehalten  und  fern  von 
der  steifen  Geziertheit  der  beiden  Atlilicder.  In  dieser  Beziehung  ver- 
räth   der  Dichter  eine  ganz  gute  Schule. 

Da  dieß  Gedicht  auf  jeden  Fall  ein  jüngeres  ist,  so  sollte  man 
es  frei  von  Lücken  und  Zusätzen  erwarten;  aber  dem  ist  nicht  so. 
Man  wird  also  auch  hier  überall,  wo  die  vierzeilige  Strophe  des  Star- 
kadharlag  —  denn  in  diesem  ist  das  Lied  gedichtet  —  zerstört  ist, 
Verderbniss  anzuerkennen  haben.  Einen  Zusatz,  wenn  auch  keinen 
ungeschickten,  haben  wir  gleich  in  Str.  .'5.  Der  Vers  nämlich:  n8vipti 
hm  8ödli  af  svöngwm  iöu  ward  ohne  Zweifel  für  geboten  erachtet,  weil 
es  Str.  2  heißt:  <//.•  ä  svartan  södul  of  lagdi.  Aber  die  Eddalieder  streben 
ganz  und  gar  nicht  nach  homerischer  Ausführlichkeit,  und  ohne  Zweifel 


16  L.  ETTMÜLLER 

fanden  sich  in  dem  Gehöfte  eines  Häuptlings  wohl  Knechte,  welche 
die  Königstochter  dieser  Mühe  überheben  konnten. 

Die  beiden  Halbstrophen  4  und  5  sind  zu  einer  Strophe,  was 
sie  ursprünglich  waren,  zu  verbinden.  Nur  weil  4  eine  Frage  und  5 
die  Antwort  darauf  enthält,  wurden  sie  von  den  Herausgebern  (kaum 
wohl  von  der  Handschrift)  getrennt.  Im  ersten  Verse  vHvat  erfragst 
ä  folduu  ist  am  Ende  „o/em"  hinzuzufügen,  weil  der  Vers  sonst  kein 
Vers  ist. 

Ebenso  sind  die  Halbstrophen  6  und  7  zu  einer  Strophe  wieder 
zu  vereinigen.  Auch  hier  gab  wiederum  Frage  und  Antwort  den  Her- 
ausgebern Anlass  die  Strophe  zu  zerreißen.  Die  letzte  Zeile  von  7  ist 
zu  streichen;  denn  daß  die  Liebschaft  zwischen  Borgny  und  Wilmund 
fünf  ganzer  Jahre,  ihrem  Vater  verheimlicht,  angedauert  habe,  oder 
genauer  nach  dem  Texte,  daß  beide  fünf  Jahre  lang  zusammen  in 
demselben  Bette  geschlafen  haben,  das  macht  hier  nicht  das  geringste 
aus,  und  man  braucht  folglich  das  gar  nicht  zu  wissen.  Die  Zeile  also : 
„fimm  vetr  alla  svä  hon  sinn  födur  leyndiu  wird,  da  sie  die  Strophe 
vernichtet,  zu  streichen  sein. 

Str.  10  hat  nur  drei  Verszeilen;  die  jetzt  fehlende  vierte  wird 
den  in  Z.  3  ausgedrückten  Gedanken  mit  anderen  Worten,  vielleicht 
ihn  näher  bestimmend,  wiederholt  haben. 

Str.  11  hat  zwischen  v.  3  und  4  den  Zusatz:  at  ek  hmvetna  hialpa 
skyldak.  Sein  Gehalt  ist  aber  vollkommen  genügend  durch  das  voran- 
stehende „er  ek  hinig  mceltau  ausgedrückt.  Streicht  man  jenen  über- 
flüssigen Satz,  so  wird  die  Strophe  regelrecht. 

Str.  12,  2  ist  kvazt  (statt  kvad)  und  Str.  13,  3  kvaztattu  (statt 
kvadattu)  zu  lesen.  In  der  ersten  Stelle  geht  ja  pu  voraus  und  in  der 
zweiten  ist  es  im  Worte  selbst  enthalten.  Schreibfehler  der  Hs.  zu  be- 
wahren ist  man  doch  wohl  nicht  gehalten. 

Str.  14  hat  die  zweite  Hälfte  eingebüßt;  es  ist  mithin  eine  Lücke 
von  zwei  Versen  anzumerken. 

Str.  IG,  nur  aus  zwei  Zeilen  bestehend,  ist  ein  ganz  überflüssiger 
Zusatz;  obendrein  hat  die  zweite  Zeile  nicht  einmal  Stabreim,  denn 
auf  sid  (Artikel)  und  sylti  kann  dieser  unmöglich  ruhen.  Auch  schließt 
sich  Str.  17  ganz  genau  an  Str.  15  an. 

18,  4  ]>ä  er  bani  Fafnis  borg  um  patti.  Das  letzte  Wort  ist  ent- 
weder ein  Schreibfehler  für  pekti  von  pekkja,  cognoscere,  oder  diabe- 
tische Nebenform  zu  pekti,  und  dann  wohl  pätti  zu  schreiben.  Es  ent- 
spräche also  dem  deutschen  dachte  von  denken.  Die  langsilbigen 
Verba    der    altnord.    1.   schwachen  Conjug.    haben    allerdings    in    dem 


BEITRÄGE  ZUR  KRITIK  DER  EDDALIEDER.  17 

Präteritum  keinen  Rückumlaut,  und  das  macht  es  vielleicht  bedenklich, 
pätti  als  Nebenform  zu  fwkti  anzunehmen.  Indeß,  da  von  Pykkja  das 
Prät.  potta  lautet,  so  lässt  sich  auch  wohl  pdtta  von  pekkja  recht- 
fertigen. Was  Egilsson  über  jiatti  fabelt,  ist  wahrhaft  ergötzlich.  Er 
sagt  unter  patti:  incertura;  puto  esse  formara  obsoletam  imperf.  ind. 
verbi  intrans.  piöta,  j<<iut  (d.  i.  ahd.  diozan  [ddz]),  vel  peyta  [peytti] 
(d.  i.  ahd.  dozan,  dözta) !  Und  doch  hatten  die  Kopenhagener  bereits 
das  richtige  erkannt. 

Str.  24.  Die  Strophe  hat  mit  den  Worten  vne  löst  görau  regel- 
recht zu  schließen.  Die  beiden  angehängten  Zeilen  enthalten  ein  Urtheil 
über  das  Verhältniss  der  Oddrün  zu  Gunnar,  das  wohl  ein  Fremder, 
aber  unmöglich  sie  selbst  aussprechen  kann. 

Str.  27  ist  nur  eine  Halbstrophe.  Niemand  hat  eine  Lücke  an- 
gemerkt. Es  ist  aber  wohl  nicht  bloß  eine  Halbstrophe  ausgefallen, 
sondern  eher  eine  halbe  und  eine  ganze  Strophe,  wenn  nicht  noch 
mehr.  Ihr  Inhalt  war  wohl  die  Einladung  der  Giukunge  durch  Atli 
und  die  vergebliche  Warnung  der  Gudhrun;  denn  Str.  28  erzählt  die 
Ankunft  der  Giukunge  und  ihren  Tod. 

Str.  29  und  Halbstrophe  30  bildeten  ursprünglich  wohl  nur  eine 
Strophe,  die  da  lauten  mochte: 

Var  ek  enn  farin  einu  siimi 

til  Geirmundar  görva  drykkju; 

nam  horskr  konungr  hörpu  sveigja: 

hätt  par  af  sttri&um  strengir  guttu. 
So  sagte  wohl  der  Dichter;  ein  späterer  Ausschmücker  jedoch,  der 
d;is  af  struhtm  falsch  deutete  und  nicht  wusste  oder  sich  nicht  er- 
innerte, daß  Gunnar  im  Ormgardr  die  Harfe  schlägt,  um  die  Schlangen 
zu  besänftigen,  schiebt  einen  anderen  Grund  des  Harfenspiels  unter 
und  fugt  nach  sveigja  ein :  pviat  kann  hugdi  mik  til  hialpar  9er,  kynrtkr 
konungr,  of  koma  mundu  „weil  er,  der  edle  König  glaubte,  daß  ieli 
ihm  zu  Hülfe  kommen  würde".  Auf  diesen  Grund  zu  kommen,  war 
nun  zwar  leicht,  denn  Oddrun  sagt  Str.  31  selbst:  vilda  ek  fylkis  jwrvi 
biarga.  Aber  diesen  Entschluß  konnte  Oddrun  recht  wohl  fassen,  so- 
bald sie  die  Harfe  hörte,  ohne  daß  Gunnar  eine  solche  Absich  1  mit 
seinem  Spiele  hatte.  Wenn  nun  aber  einmal  der  Fertiger  des  Zusatzes 
diesen  für  nöthig  wähnte  und  deßhalb  die  Strophe  zu  überladen  kein 
Bedenken  trug,  so  hätte  er  um  so  weniger  die  Albernheit  begehen 
sollen,  Geirmunds  Wohnung  auf  der  Insel  Lässö  anzunehmen;  denn 
er  lässl  oach  mundu)  die  Üddrun  aoeh  Bagen:  Nam  ek  at  heyra  or 
Hleseyju,  hve  par  etc.   Wie  kam  er  aber  zu  seinem   Lässö? 

GERM  \M  \    '  vii     \l\  .  2 


18  E.  WILKEN 

Str.  31  lesen  wir  letum  ßiöta  far  lund  yfir,  d.  h.  wir  ließen  unser 
Schiff  durch  den  Wald  schwimmen  (natürlich  auf  der  Donau,  denn 
da  liegt  unserm  Dichter  Hunland).  Man  nimmt  an  dem  lund  Anstoß 
und  will  dafür  sund  lesen.  Es  ist  sehr  wohl  denkbar,  ja  wahrschein- 
lich, daß  bereits  eine  alte  Handschrift  sund  bot,  und  so  kam  unser 
Zusetzer  sehr  begreiflich  auf  sein  Lässö.  So  entstund  der  Unsinn,  daß 
man  den  Klang  einer  Harfe,  die  man  an  der  Donau  spielte,  auf  Lässö 
im  Kattegat  gehört  haben  soll.  —  Wir  haben  vielmehr  uns  Geirmunds 
Sitz  an  der  Donau,  in  der  Nähe  von  Atlis  Ormgardr  zu  denken;  so 
will  es  der  Dichter. 


ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION. 


Daß  es  sich  hier  um  die  Auffassung  der  gesammten  germanischen, 
weiterhin  aber  auch  indogermanischen  Declination  handelt,  sei  voraus 
bemerkt,  doch  werde  ich  als  Germanist  immer  zunächst  das  Gotische 
und  Germanische  ins  Auge  fassen,  und  die  übrigen  Spi'achen  nur  so 
weit  heranziehen,  als  es  zur  Verständigung  unerlässlich  Noth  thut.  Ich 
denke  nun,  um  meine  Auffassung  zu  begründen  I.  die  praktischen 
Bedenken  gegen  die  bisherige  Grimm-Boppsche  Erklärung  der  starken 
oder  vocalischen  Declinationsclassen  vorzubringen,  IL  theoi'etische 
Bedenken  gegen  den  bez.  Standpunkt  anzuschließen,  III.  theore- 
tische Begründung  einer  neuen  Auffassung  zu  versuchen  und  IV.  die 
praktische  Anwendung  derselben  zu  erörtern.  Überall  werde  ich,  da 
es  sich  hier  ja  nur  um  die  erste  Orientierung  und  allgemeinste  Dar- 
legung handeln  kann,  möglichst  kurz  verfahren. 

Was  I  betrifft,  so  spricht  für  die  Grimmsche  Auffassung  der  drei 
vocalischen  Declinationsclassen,  der  a-,  i-  und  w-Classe,  allerdings  Man- 
ches, so  namentlich  die  Form  des  Dat.  und  Acc.  Plur.  in  den  drei 
Classen:  am,  ans;  im,  ins]  um,  uns.  Dagegen  aber  spricht  erstens  der 
Sing,  der  masc.  z'-Stämme,  der  bekanntlich  mit  denen  der  c-Stämme 
identisch  ist;  zweitens  Nom.  und  Gen.  Plur.  masc.  und  fem.  der 
«-Stämme,  die  von  der  Regel  abweichen;  drittens  die  Formen  des 
Gen.  Plur.  in  -e  und  -ö,  die  keineswegs  den  verschiedenen  Classen 
analog  unterschieden  sind;  viertens  die  Gestalt  der  regelmäßigen 
schwachen  oder  consonantischen  Declination,  die  eine  auffällige  Ver- 
wandtschaft mit  der  a-Classe  offenbart;    fünftens   die  Spielarten  der 


ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION.  19 

conson.  Docl.;  wozu  namentlich  die  ?'-Stämme,  sowie  die  auf  Gutturale 
oder  Dentale  auslautenden  Stämme  gehören,  die  vielfach  zur  Analogie 
der  i-  und  «-Stämme  hinneigen;  sechstens  eine  Fülle  von  Anomalien 
der  Declinationsweise ,  die  sich  ganz  besonders  stark  in  den  Eigen- 
namen vertreten  finden;  siebentens  die  häufige  Nichtübereinstimmung 
der  gotischen  Declinationsclassen  mit  denen  der  andern  germanischen 
Dialecte  einerseits  und  den  übrigen  indogermanischen  Sprachen  anderer- 
seits; achtens  die  Vergleichung  der  Adjectivdeclination. 

Was  den  Sing,  der  i-Stämme  betrifft,  so  sind  die  künstlichen 
Versuche  balgis  aus  balgias,  balga  aus  balgiai  zu  erklären,  von  Joh. 
Schmidt  Zur  Gesch.  des  indogerm.  Vocalismus  S.  51  Anm.  mit  Recht 
verworfen,  vom  Standpunkt  der  bisherigen  Auffassung  lässt  sich  nur 
sagen,  daß  in  balgis,  balga  die  Analogie  der  a-Stämme  vorliege.  — 
Was  den  Plur.  sunjus,  sunive  betrifft,  so  zeigt  sich  hier  jedenfalls  ein 
j  oder  i,  das  die  schematische  Richtigkeit  der  w-Decl.  schon  im  Goti- 
schen trübt,  in  den  andern  deutschen  Dialecten  ist,  wie  es  bekanntlich 
heißt,  die  y-Classe  mit  der  {-Classe  allmählich  ganz  zusammengefallen.  — 
Der  Gen.  Plur.  hat  wahrscheinlich  in  den  Masculinis  der  drei  sog.  voca- 
lischen  Classen  früher  gleichmäßig  auf  -e  gelautet:  fast  alle  oder  alle 
Fremdwörter,  die  im  Ganzen  der  w-Classe  folgen,  zeigen  den  Gen.  Plur. 
in  -''.  bo  apanstaulS,  GaddarenS  (Mc.  5,  1),  Judaie  (Mtth.  27,  11),  prau- 
/-/'.  agg/'/r  n.  s.  w.  Außerdem  zeigen  die  Fem.  der  t-Classe  bekanntlich 
-elbe  Form,  während  andere  Gen.  Plur.  auf -ö  den  jetzigen  Erklärern 
viele  Schwierigkeit  machen.  (Vgl.  M.  Heyne  Ulfilas  5  A.  S.  421.)  — 
Was  die  conson.  Declination  betrifft,  so  sind  Formen  wie  Gen.  Sing. 
hanins  wohl  nur  auf  hananis,  PI.  Nom.  und  Acc.  hanans  auf  hananas, 
ha mi na us  zurückzuführen,  und  mit  den  übrigen  Casus  steht  es  nicht 
viel  anders.  Wenn  ich  hiernach  nun  vorläufig  als  Vermuthung  aus- 
spreehen  möchte,  daß  die  angeblichen  a-Stämme  in  der  That  auch 
consonantische  seien  (und  ein  umgekehrtes  Verhältniss  ist  nicht 
wohl  denkbar),  bo  widersprichl  dem  durchaus  nicht  das  Verhalten  jener 
vereinzelten  Bildungen  conson.  Stämme,  *\\<-  man  früher  als  Anomalien 
aufzufassen  geneigt  war.  Denn  eh  auch  bawrgs,  brüste  und  einige  andere 
scheinbar  der  /-Classe  folgen,  und  im  Acc.  Plur.  oaikte  neben  vaihtins 
Bteht,  so  zeigen  doch  halle  wie  der  Dat.  Plur.  nahtevm  von  nahte,  m&nd- 
jniui  von  mendp,  daß  auch  bei  diesen  conson.  Stämmen  ein  ahnliches 
Schwanken  wie  bei  den  vocalischen  herrscht1),  und  »rieder  bo,  daß  im 

')  VgL  auch  <lii-  Plur.  in    fu»  der  Worte  bröj  a,  B.w.  Hier  and  weiter- 

hin entnehme  ich  die  Beispiele  meist  der  U161asausgabe  \'>u  II,   II 

2* 


20  E.    WILKKN 

Ganzen  die  a-Clsse  als  Regel,  die  beiden  andern  mein-  nur  als  Spiel- 
arten erscheinen2).  — Nimmt  man  hiezu  die  Anomalien,  die  uns  überall 
da  in  der  got.  Declin.  entgegentreten,  wo  es  sich  um  Einführung  neuer 
und  fremder  Worte  handelte,  so  kann  das  oft  fast  komische  Schwanken 
zwischen  der  a-,  i-  und  tt-Declin.  wohl  auch  nur  auf  ursprüngliche 
Identität  hindeuten.  Ich  hebe  hier  folgende  Fälle  hervor:  aggilus,  PI. 
aggiljus  und  aggileis]  aipistule  {-ei)  Acc.  PI.  aijpistulans]  apaustaulus, 
PI.  apaustauleis ;  diakaunus  mit  der  Nebenform  diakun  (für  die  Identität 
mit  der  conson.  Declin.  sprechend);  Fareisaius,  PI.  Fareisaieis ;  Galatius, 
PI.  Galateis,  Gaumaurreis,  Dat.  Gaumaurjam\  Johannes,  -is,  Gen.  -nes, 
-ni»,  Dat.  -ne,  -nen,  -nau,  Acc.  -nen,  -nein,  -ne\  Jairusaulyma,  PI.  Jairu- 
saulymeis]  Jacobus,  Gen.  Jacobis,  Dat.  Jacoba  neben  den  Formen  nach 
der  w-Declin.;  von  Jaurdanus  scheint  der  Dat.  Jaurdane  Mc.  I,  5,  9 
vorzukommen,  wo  Heyne  freilich  einen  Nom.  Jaurdanes  annimmt; 
Jaissais,  Joses  u.  A.  Gen.  Jaissaizis,  Josezis;  Jesus,  Gen.  Jesuis,  Dat. 
Jesua  und  Jesu]  Iscariotes,  Dat.  -tau,  Acc.  -tu  und  -ten\  MattatMus, 
Gen.  -tlüaus  und  -thivis\  praufetes  neben  praufetus\  sabbatus,  Dat.  Plur. 
-tum  und  -tim\  Saudaumeis,  Dat.  -mim  und  -mjam]  Seimon  neben  Sei- 
monus;  Teitus,  Dat.  und  Acc.  auch  Teitauhj  Tibairias,  Dat.  Tibairiadau. 

Um  zu  zeigen,  daß  nicht  bloß  Fremdworte  diesen  Schwankungen 
unterliegen,  will  ich  noch  auf  einige  echt  gotische  Anomalien  der  Art 
hinweisen:  aivs,  Dat.  PI.  aivam,  Acc.  aivins;  bajops,  Dat.  bajopum  neben 
fidvorim  von  fidvor;  haims  hat  im  Plur.  Acc.  haimos,  Dat.  haimom,  Gen. 
haimo;  vegs  hat  regelwidrig  den  Nom.  Plur.  vegos  neben  dem  Dat.  PI. 
vegim.  Eine  Menge  Worte  lassen  es  bei  ihrem  sparsamen  Vorkommen 
überhaupt  zweifelhaft,  welcher  Classe  sie  zufallen,  vgl.  Gr.  P  598 
Anm.  1.  —  Über  reiks  und  veitvods  vgl.  Heyne  Ulfilas  5  A.  S.  418. 

Die  Fremdworte  im  Gotischen  zeigen  aber  nicht  bloß  dieß  oben 
berührte  Schwanken  in  der  Flexion,  sondern  auch  vielfach  die  Fähig- 
keit, sich  der  fremden  (griechischen)  Flexionsweise  analog  zu  verhalten. 
In  einigen  Fällen,  wo  solche  Analogie  angenommen  wird,  bleibt  sie 
allerdings  zweifelhaft:  will  man  den  Dat.  Teüaun  (s.  oben)  mit  Heyne 
(S.  434)  aus  Tita  erklären,  so  bleibt  das  auffällige  n  gerade  unerklärt. 
Merkwürdig  ist  auch,  daß  griech.  Fremdworte  weiblichen  Geschlechts 
wie  Marja  und  Aiwa  der  Analogie  einer  Declinationsclasse  folgen, 
der  von  echt  gotischen  Worten  nur  Masculina  zufallen,  und  umgekehrt 
griech.    Masculina   wie  Aharön,    Apaullo  u.  A.    sich    der  Analogie   von 

J)  Der  a-Classe  schließen  sich  auch  die  Part,  auf  -and  im  Dat.  Plur.  an.  Übri- 
gens setzen  ja  neuerdincrs  Einige  a,  e,  o  als  die  drei  Classenvocale  an,  was  zu  unserer 
Ansicht  auch  wohl  passen  könnte. 


Zli;  DEUTSCHEN    DECLINATION.  21 

tuggd  anschließen,  was  wiederum  für  die  freie  Auffassung3)  der  Decli- 
nationsclassen  zeugt.    Besonders  wichtig  ist  aber,    daß  alle  im  gfiech. 
Nora,  consonan tisch  auslautenden  Nomina  (mit  Ausnahme  derer  auf 
-og  (=  got.   -us)   und   -ccg  (=  got.   as   oder  a  nach    der  Analogie  von 
hana)  der  sog.  vocalischen  a-Declination  folgen!  Vgl.  Heyne  S.  434. 
Was  die  übrigen  deutschen  Dialecte  betrifft,  so  zeigen  sie  theils 
ähnliehe  Schwankungen  in  ihrem  eigenen  Gebiet,  theils  untereinander. 
Im  Ags.  z.  B.  hat  man  (homo)  im  Dat.  PI.  mannum  (got.  mannam),  im 
Altn.4)  entspricht  bei    den  Verwandtschaftsnamen  fadir,    brddir  zwar 
der  Dat.  Plur.  scheinbar  dem  Gotischen,   aber  der  Umlaut  in  fed/rum 
zeigt,    daß    die  Endung  früher   den  i-Vocal  besaß,    und  es  wird  hier 
der  Plur.  (Nom.  Acc.  fear)  früher  entschieden  der  ^-Classe  gefolgt  sein, 
während  die  obliquen  Casus  des  Sing,  ebenso  entschieden  der  w-Classe 
sich  anschließen,  wie  dieß  im  got.  Plural  der  Fall  ist.  Dasselbe  Schwan- 
ken  zeigt   sich   bei   den  (wirklich  vocalischen)  Feminin -Stämmen   auf 
ä  oder  a  —  die  Quantität  ist  bekanntlich  zweifelhaft  —  wo  z.  B.  got. 
giba  (ahd.  k!:pa),  altn.  giöf '=  gi(a)fu,  got.  airpa,  ahd.  iirda  altnordischem 
iörd  entspricht.  Es  zeigt  sich  durch  diese  Beispiele  ferner,  daß  Umlaut 
auch    durch    sog.    unorganisches   u  gewirkt   werden    kann,    wie    denn 
überhaupt  gerade  auf  altnord.  Gebiet  die  bisherige  Umlautslehre  sich 
als  besonders  willkürlich  erweist5).   Und  wie  bequem  weiß  man  nicht 
den  Gen.  Sing,    der  Masc.    nach    der   sog.  i-  und  zt-Classe   auf  -ar  als 
Entlehnung  aus   dem  Feminin  zu  erklären!    Bekanntlich   ist  aber  das 
Suffix  auch  des  masc.  Genetivs  ebenso  wie  das  des  Nominativ  Pluralis 
ursprünglich   -as,  welches  -as  im  Got.  Plural  schon  zu  -äs  gedehnt,  im 
Ags.  noch  in  der  Form  -as  (schwerlich  -as),  im  Altn.  in  der  Form  -ar 
erscheint;    ist   das  -ar  in  armar   nun    auch    eine  Entlehnung   aus   dem 
Feminin,   weil    dieses    dasselbe  Suffix   zeigt?    Natürlich   fehlt   es    auch 
nicht  an  Anomalien:  eine  ganze  Reihe  von  Worten  (vgl.  Wimmer  S.  44) 
können  für  das  regelrechte  (aber  unverstandene)  -ar  im  Gen.  s  haben, 
und  wiederum  tritt  für  regelrechtes  -s  ar  ein  (Wimmer  S.  38  und  39) 
in  hjarar  neben  hjörs,   in  snaevar  neben  maes,   in  sarrar  neben  saevs, 
in  bekkjar  neben  bekks.   l>aß  demnach  dieß  -s  des  Gen.  wohl  vermittels! 
-18  (und  seihst  us)  aus   as  ebenso  abzuleiten  ist  wie  -ar  aus  -as.  dürfte 
einige  Wahrscheinlichkeit  haben.  Von  diesem  Standpunkt  aus  betrachte! 


3)  Vom  sprachwissenschaftlichen  Standpunkt  kann  die-.  Freiheit  natürlich  durch- 
aus nicht  auffallen,  da  die  Flexionsweise  ursprünglich  für  all.'  Genera  fast  identisch 
war.  *)  VgL  Wimmer  Altn.  Gramm.  8.  64.  Womit  ich  nicht  sagen  will, 

daß  ich  den  neuesten  Umlauttheorien  unbedinert  beistimmen  könnte. 


22  E.  WILKEN 

gewinnt  freilich  die  bisherige  Schematisierung  der  vocalischen  Classen 
ein  gefährliches  Aussehen. 

Gehen  wir  einen  Schritt  weiter  und  betrachten  die  urverwandten, 
zunächst  die  classischen  Sprachen,  so  zeigen  sich  dieselben  Erschei- 
nungen überall.  An  die  von  der  scholastischen  Grammatik  sogenannten 
Heteroklita  und  Metaplasien  im  Griech.  will  ich  nur  kurz  erinnern: 
die  Fälle  solcher  Freiheiten  mögen  in  den  classischen  Sprachen,  die 
früh  unter  die  regelrechte  Scheere  der  Grammatiker  kamen,  etwas 
seltener  sein  als  in  den  altd.  Dialecten,  wo  der  Anomalien  wahrschein- 
lich noch  weit  mehr  zu  Tage  treten  würden,  wenn  uns  alle  Casusformen, 
die  überhaupt  vorkamen,  zur  Prüfung  vorlägen.  Von  den  Schwan- 
kungen zwischen  den  einzelnen  Sprachen  möge  hier  einiger  gedacht 
werden.  So  entspricht  unserm  got.  fisk  nach  der  sog.  a-Classe  der 
vocalischen  Declin.  das  lat.  piscis,  das  seiner  ganzen  Flexion  nach 
entschieden  mit  unserer  sog.  z-Classe  sympathisiert,  und  auch  von  Leo 
Meyer  z.  B.  als  pisci-  unserm  got.  fisca-  zur  Seite  gestellt  wird.  Dieses 
pisci-  zeigt  aber  wiederum  auffallende  Ähnlichkeit  in  der  Flexion6) 
mit  dem  consonantischen  Thema  vöc-  (Nom.  vox  für  vocis  u.  s.  w.), 
während  das  entsprechende  Nomen  im  Sanscr.  väc  wieder  in  seiner 
Flexion  eine  gewisse  Conspiration  mit  der  vocalischen  a-Classe  (im 
Sanscr.  und  Gotischen)  durchaus  nicht  verbirgt.  Kurz  man  kann  sieh 
bei  der  bisherigen  Auffassung  in  angenehmster  Weise  beständig  im 
Kreise  drehen  und  nach  dem  Motto:  „exceptio  firmat  regulam"  die 
gute  alte  Regel  von  den  drei  Classen  der  vocalischen  Declination 
gerade  wegen  der  Menge  der  Ausnahmen,  welche  diese  Theorie  ge- 
stattet, aufs  bequemste  gegen  jeden  leichtfertigen  Angriff  vertheidigen. 
Anders  läge  die  Sache  freilich,  wenn  man  auch  theoretisch  die  Mängel 
des  alten  Systems  aufdecken  könnte  —  doch  zuvor  werfen  wir  noch 
einen  Blick  auf  die  Adjectiv-Declination. 

Diese  ist,  sofern  sie  nicht  zur  Pronominal-Declination  stimmt7), 
wohl  identisch  gewesen  und  vielfach  noch  ähnlich  der  Substantiv- 
Declin.    Im  Gotischen    ist   uns   zunächst    auffallend,    daß    die  {-Declin. 


6)  Auf  Unterschieds  im  Gen.  Plur.  (ium  neben  um)  komme  ich  hier  noch  nicht 
zu  sprechen.  T)  Das  Verliältniss  ist  allerdings  sehr  zweifelhaft.    Im  Sing.  Acc. 

z.  B.  got.  Llindana  ist  mir  eine  Zusammensetzung  mit  einem  Pronominal-Casus  nicht 
sehr  wahrscheinlich,  blindana  im  Got.  scheint  mit  dem  ahd.  plintan  verglichen  als  rich- 
tige, nur  etwas  erweiterte  adjectivische  Flexion,  die  wieder  durch  seltene  Fälle  in  der 
Sub.stant.-Declination  wie  Christan  (lat.  Christum)  und  cotan  (=  deum,  Graff  IV,  149), 
sowie  durch  die  Anal,  der  classischen  Sprachen  auch  für  das  Substantiv  sich  fol- 
gern lässt. 


ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION.  23 

bei  den  Adj.  nur  nocli  im  Nom.  Sing.  masc.  und  fem.,  und  fast  ebenso 
kärglich  die  M-Declin.  zu  erkennen  ist,  wogegen  alle  anderen  Casus 
der  i-  und  w-Declin.  „die  jüngere  Entartung"  -ja  erkennen  lassen.  Im 
Altn.  geht  die  sog.  starke  Form  des  Adj.  im  Plural  nach  Analogie  der 
vocalischen  a-  und  i-Declin.  des  Subst,  nur  daß  der  Dat.  hier  wie  dort 
der  Analogie  der  w-Declin.  folgt.  Im  Sing,  ist  der  Dativ  beim  Adj.  wieder 
ebenso  nach  «-Declin.  gefärbt,  Nom.  und  Gen.  würde  man  herkömm- 
licher Weise  der  ä-Declin.  zuweisen,  wogegen  die  i-Declin.,  glaube  ich, 
mindestens  ebenso  viel  Recht  hätte,  und  der  Acc.  Sing,  riecht  wieder 
nach  a-Declination! 

Was  die  theoretische  Auffassung  der  indogerm.  Declination 
betrifft,  so  werde  ich  mich  im  Wesentlichen  auf  Bopps  Standpunkt  als 
den  bisher  geltenden  zu  beziehen  haben,  da  alle  übrigen  Forscher  mit 
nur  geringen  Variationen  der  Boppschen  Ansicht  gefolgt  sind.  Bopp 
trennt  (vgl.  Gr.  I3,  197)  die  Wortwurzeln  überhaupt  in  zwei  Classen: 
Verbal-  und  Pron  ominal-Wurzeln.  In  Bezug  auf  erstere  giebt  er 
allerdings  zu,  daß  diese  Bezeichnung  nur  eine  herkömmliche  und 
ungenaue  sei,  da  auch  Nomina  unmittelbar  aus  solchen  Wurzeln  ent- 
springen könnten.  Da  diese  übliche  Bezeichnung  „Verbalwurzeln"  aber 
zu  der  meiner  Ansicht  nach  entschieden  falschen  Auffassung,  als  ob 
das  Verbum  überhaupt  eine  ältere  Sprachform  sein  müsse  als  das 
Nomen,  Anlaß  gegeben  hat,  so  möchte  ich  diese  Bezeichnung  gerne 
verbannt  wissen.  Wenn  ich  nun  für  „Verbalwurzeln"  in  demselben 
Umfang  die  Bezeichnung  „Nominalwurzeln"  vorschlage,  so  mag 
dieß  zuerst  etwas  paradox  klingen,  doch  sei  bemerkt,  daß  ich  den 
Ausdruck  Nomen  weiter  fasse  als  dieß  gewöhnlich  geschieht;  ich  sehe 
Substantiv,  Adjectiv  und  Verbum  als  drei  Unterscheidungen  desNomens 
an.  Da  nicht  bloß  Infinitiv,  Particip,  Gerundiuni  u.  s.  w.  des  Verbums 
entschieden  der  Nominalbildung  zufallen,  sondern  auch  Formen  wie 
lat.  amamini  entschieden  als  Participia  und  somit  als  nominale  Bil- 
dungen sich  ausweisen,  so  scheint  mir  die  Unterordnung  auch  des 
Verbums  unter  dem  Nominalbegriff  zulässig.  Für  die  Nominalwurzeln 
würde  ich  nun  ein  ursprünglich  weder  substantivisches  noch  verbales, 
eher  adjectivisches  oder  füglicher  vielleicht  prädicativ  zu  nennendes 
Gepräge  annehmen;    so  erscheint  /.  B.   di  Verbalwurzel  vi<l  = 

scire  in  dem   Comp,   d'arma-vid    noch    als  einlaches   Prädicat,    d'arma- 
vid  =  rechtskundig. 

Außer  den  Nominal-  und  Pronominal -Wurzeln  hätte  eine  dritte 
Classe  etwa  die  Bezeichnung  [nterjectionswurzeln  zuführen,  und 
auch  aus   diesen   lassen   sich    direcl  Substantive  und  Verben  ableiten. 


24  E.  WILKEN 

So  ist  z.  B.  die  got.  Interjection  vai,  mhd.  tu«  substantiviert  als  mhd. 
dcuz  we,  und  um  den  berüchtigten  Wauwau  noch  einmal  zu  mißbrau- 
chen, so  ist  die  verdoppelte  Interjection  Wau  in  dem  Wauwau  zum 
Substantiv  erhoben,  und  wauwauen  wäre  ein  ganz  verfassungsmäßiges 
Verbura. 

Die  gewöhnliche  Ansicht  von  den  „Verbalwurzeln",  aus  denen 
alle  oder  fast  alle  Nominalstämme  sollten  abgeleitet  sein,  hat  zu  der 
Annahme  geführt,  als  ob  die  Nomina  der  Regel  nach  durch  Bildungs- 
suffixe aus  jenen  Verbal  wurzeln  abgeleitet  seien,  und  auch  Fälle,  wo 
von  derartigen  Suffixen  nichts  wahrzunehmen  war,  so  beurtheilen  lassen, 
als  ob  hier  ein  Suffix  eben  nur  abgefallen  sei,  wenn  man  sich  nicht 
begnügte,  solche  Fälle  eben  als  Ausnahmen  von  der  Regel  anzusehen*). 
Als  das  erste  und  häufigste  dieser  zur  Nominalbildung  verwandten 
Suffixe  hat  Bopp  °)  kurzes  a  angesetzt,  das  dann  im  Griech.  und  Lat. 
zu  o  (oder  u)  hinabgesunken,  auch  der  Schwächung  zu  i  unterworfen 
war.  So  haben  wir  von  der  lat.  Verbalwurzel  pisc  (für  pasc?  vergl. 
pasc-ere)  den  Stamm  oder  das  Nominalthema  pisci-,  woraus  durch  An- 
tritt des  s  (aus  sa  nach  Bopp)  piscis  wurde;  got.  fisks  =  fiskas  geht 
ebenso  angeblich  auf  eine  Wurzel  fisk  (==  pisc,  pasc),  dann  auf  das 
Thema  fiska-  zurück.  Scheinbare  Ausnahmen  wie  lat.  puer  (waln'schein- 
lich  älter  pur  oder  por)  werden  nun  so  erklärt,  daß  das  Thema  puero 
im  Nom.  in  der  abgestumpften  Form  puer  mit  Einbuße  auch  des  Casus- 
zeichens vorliege.  Um  den  wahren  Stamm  eines  Wortes  zu  erhalten, 
hat  man  sich  mit  Vorliebe  an  Composita  gehalten,  und  z.  B.  aus  %r]vo- 
ßoöxog  den  Stamm  %rji>o- ,  oder  gar  aus  einem  Gen.  Plur.  civitatium 
(obwohl  civitatum  die  häufigere  Form  zu  sein  scheint)  das  Thema 
civitati-  gefolgert10)  u.  s.w.  Auf  das  leicht  täuschende  Verhältniss  der 
Composita  hat  Bopp  selbst  (vgl.  Gramm.  I3,  246)  aber  sehr  treffend 
hingewiesen,  und  auch  aus  andern  Gründen  lässt  sich  die  bezeichnete 
Auffassung  angreifen.  Wenn  nämlich  Interjectionen,  selbst  auch  Pro- 
nomina (z.  B.  das  Ich)  ohne  Weiteres  substantiviert  werden  können, 
so  wäre  gar  merkwürdig,  wenn  aus  jenen  andern  Wurzeln,  die  man  (um 
die  Ausdrücke  nominal  und  verbal  zu  vermeiden)  am  besten  wohl  mit  Max 
Müller  Fr ädicats wurzeln  nennen  könnte,  nur  oder  doch  fast  nur 
durch  Suffixe  Substantiva  gebildet  Averden  könnten.  Wenigstens  müsste 
man  consequent  sein  und  auch  neutrale  Bildungen  wie  das  got.  blind 
aus  blindam11),  unser  nhd.  gut,  wo  es  masc.  ist  aus  guter,  wo  es  fem. 


6)  Bopp  Kurze  Sanscr.  Gr.  (3  A.)  §§.  527,  571   und  namentlich  572.         9)  Bopp 
a.  a.  O.  §.  575  ').  ,n)  Vgl.  Leo  Meyer  Gr.  und  lat.  Decliii.  S.  3,  4.  ll)  So 

erklärt  Leo  Meyer  in  der  That  diese  Bildung. 


ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION.  25 

aus  gute?  wo  es  neutr.  aus  gutes  entstehen  lassen12)  —  aber  die  andere 
Auffassung,  wonach  in  gut  als  Adj.  und  Subst.,  in  vaurd  als  Subst., 
in  puer  u.  s.  w.  eben  nichts  abgefallen  ist,  sondern  die  Wurzel  zugleich 
als  Thema  oder  Stamm13)  fungiert,  ist  offenbar  weit  einfacher  und, 
glaube  ich,  hinreichend  gesichert.  —  Was  nun  die  Casusbildung  be- 
trifft, so  nimmt  Bopp  als  Nomin. -Zeichen  ein  5  an,  das  er  auf  das 
Pron.  sa  zurückführt.  Ein  schlagender  Beweis  für  die  Richtigkeit  dieser 
Annahme  soll  sein  (vgl.  Gr.  I3,  280),  ..daß  das  genannte  Pron.  in  der 
gewöhnlichen  Sprache  sich  über  die  Grenze  des  Nom.  masc.  und  fem. 
generis  nicht  hinaus  erstreckt".  Ich  fühle  mich  durch  diesen  Beweis 
nicht  sehr  geschlagen:  gesetzt  auch,  sa  =  griech.  o,  sä  =  gr.  y\  kämen 
sonst  nicht  vor,  und  wären  nicht  identisch  auch  mit  ö?,  r\  (Ö)  und 
vielleicht  noch  andern  Bildungen  —  folgte  aus  diesem  übrigen  Nicht- 
vorkommen,  daß  sie  uns  mumienhaft  in  den  Casuszeichen  erhalten 
sein  müssten?  Überdieß  ist  die  durchgängige  Abstumpfung  von  sa 
zu  s  für  mein  sprachliches  Gefühl  eine  sehr  harte  Zumuthung:  weit 
leichter  ließe  sich  s  als  's  aus  as  erklären,  wenn  dieß  sonst  angienge. 
Und  warum  nicht?  Giebt  man  jenes  armselige  a,  das  als  Suffix  zur 
Bildung  männlicher  Hauptwörter  verwandt  sein  soll  —  wogegen  doch 
auch  schon  einige  Bedenken  laut  geworden 14)  —  einfach  auf,  so  er- 
halten wir  ja  in  Worten  wie  sanscr.  sivas,  griech.  ccv&Qcortog,  lat.  muii- 
dus,  got.  ßsk(a)s  u.  s.  w.  eben  as,  resp.  os  oder  us  als  Zeichen  des 
Nominativs,  welches  as  ja  ein  wohlbekanntes  Pronomen  und  auch  als 
Nominalsuffix,  wenn  auch  in  sehr  geringem  Umfange,  bereits  anerkannt 
ist  ' ■').  Nun  glaube  ich  freilich  nicht,  daß  dieses  -as  als  eigentliches 
Nominativzeichen  anzusehen:  Nom.  und  Voc.  sind,  wie  ich  vermuthe, 
ursprünglich  ohne  besonderes  Zeichen  gewesen16).  Dagegen  scheint 
freilich  u.  A.  zu  sprechen  1.  daß  neben  puer  älteres  puerus,  neben 
socer  älteres  socerus  17)  sich  nachweisen  lässt,  2.  der  Noin.  der  Neutra 
auf  am  oder  auf  einen  Dental  endend.  —  Indeß  was  1.  betrifft,  so 
glaube   ich,    daß    man    in  älterer  Zeit   puer   und    puerus    beliebig 


IJ)  In  diesen  Beispielen   ließ   sich    der  sog.  Themavocal  von  dem  Casuszeichen 
nicht  wohl  trennen.  3chon  durch  solche  bildliche  Bezeichnungen  lässt  man 

sich  leicht  zu  irriger  Anschauung  verleiten    I  * i  •    Wort    sind  eben  keine  Pflanzen,  son 
dem   vielfach  wenigstens  wie  Minerva   fix   und    fertig    dem  Geist    oder    der  Phani 

entsprungen.  '*)  80  bat  z.  B.  I Meyei   Got,  Spr.  §,  364  in  dem  a  nur  eine 

Verkürzung  von  "><  und  weiterhin  emt  erblicken  wollen,  aber  schwerlich  mit  Recht. 
,s)  Vergl.  Hopp  K.  Sanscr.  Hr.  §.  57ö,   13.  —  Wie  weil    dieses  a»   mit    dem   Pronom.- 
Btamm  a    Bopp  %.  247)  zusammenhängt,  lasse  ich  liier  dahingestellt,  '")  Vom 

Vocativ  nimmt  man  dieß  zum  Theil  Bchon  an.  '")  Vergl,  Leo  Meyei   griech,  und 

lat.  Declin.  S.  6  oben. 


2ß  E.  WILKEN 

brauchen  konnte  und  erst  der  Einfluß  der  Grammatik  hier  den  Usus 
endgiltig  feststellte;  was  2.  betrifft,  so  ist  im  Neutr.  Nom.  und  Acc. 
bekanntlich  gleichlautend,  der  Acc.  wahrscheinlich  aber  in  diesem  Fall 
für  den  Nom.  maßgebend  gewesen,  und  wohl  selbst  nur  aus  dem 
Acc.  des  Masc.  entlehnt.  Was  den  neutralen  Nom.  und  Acc.  z.  B.  im 
lat.  istud  betrifft,  so  glaube  ich,  daß  der  Dental  nur  Rest  eines  Demon- 
strativ-Pronomens ist,  und  istud  aus  istumd(e)  etwa  zu  erklären  wäre. 
Von  einem  wirklichen  Casuszeichen  ist  also  auch  hier  wohl  nicht  zu 
reden. 

Die  Casusbildung  würde  sich  meiner  Ansicht  nach  im  Sanscr. 
z.  B.  so  zugetragen  haben :  vom  Paradigma  sivas  ist  kein  Thema  siva, 
sondern  nur  die  Wurzel  svi  =  siv  zugleich  als  Thema  anzusetzen.  In 
einer  älteren  Periode  wird  siv  zugleich  als  Nom.  des  Adj.  und  Subst. 
gegolten  haben,  sowie  wir  im  Nhd.  noch  jetzt  gut  (bonus)  neben  guter 
gebrauchen,  als  (einfaches)  Genetiv- Suffix  aber  -as  angetreten  sein, 
welches  selbe  Suffix  vielleicht  auch  den  Nom.  Plur.  sivas  (für  sivas 
vgl.  unten)  gebildet  haben  wird.  Diese  zwiefache  Verwendung  des 
Suffixes  -as  ließe  sich  wohl  am  einfachsten  durch  den  Partitivbegriff, 
der  in  ähnlicher  Art  dem  Gen.  Sing,  und  Nom.  Plur.  inhäriert,  er- 
klären: Brotes  deutet  zunächst  auf  eine  Theilung,  dann  aber  auch 
auf  eine  Vielheit  der  Brottheile  oder  Brote  hin  18).  —  Dieses  einfache 
Genetiv- Suffix  -as  erfuhr  aber  späterhin  eine  Verstärkung  durch  -ja, 
so  daß  nun  asja  das  vollere  Gen.-Suffix  wurde,  das  aber  nicht  überall 
antrat.  Wo  es  antrat,  konnte  nun  das  ältere  einfache  Suffix  als  eine 
Art  Nominativzeichen  verwandt  werden,  da  es  bei  dem  häufigen  Ge- 
brauch gerade  dieses  Casus  doch  seine  Bedenken  hatte,  ihn  ganz 
unbezeichnet  zu  lassen.  Daher  finden  wir  auch  da,  wo  dem  Genetiv 
einfaches  -as  als  Endung  genügte,  aus  diesem  -as  auch  eine  ähnliche, 
aber  etwas  variierte  Endung  für  den  Nomin.  entwickelt,  und  z.  B.  neben 
vocis  Gen.  das  identische,  aber  variierte  vocs,  vox  als  Nom.  oder  neben 
nubis  Gen.  das  gedehnte  nubes  als  Nom.  angewendet.  —  Ganz  ähnlich 
wie  mit  dem  Gen.  verhält  es  sich  meiner  Ansicht  nach  mit  dem  Dativ: 
das  ältere  Suffix  ist  -ai,  e,  das  aber  auch  durch  ja  verstärkt,  also  zu 
äja  (aus  ai  -\-  ja)  werden  konnte,  so  steht  siv-dja  neben  vac-e.  —  Der 
Accusativ  hat  die  Endung  -am,  und  diese  ist  im  Neutr.  auch  für 
den   Nom.   eingetreten.  —  Wie  weit  einige  Locativbildungen   auf  -am 


,8)  Das  franz.  du  pain  =  Brot  (worunter  auch  mehrere  Brote  gedacht  sein 
können,  nur  daß  diese  in  ihrer  Besonderheit  nicht  einzeln  bemerkt  werden  dürfen,  in 
welchem  Falle  des  pains  richtiger  wäre)  ist  wohl  noch  deutlicher. 


ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION.  27 

und  -am  etwa  diesem  Accus.-Suffix  verwandt  sind,  lasse  ich  hier  dahin- 
gestellt. —  Die  gewöhnliche  Locativendung  ist  -i,  doch  konnte,  wo 
der  Dativ  das  vollere  Suffix  dja  gewählt  hatte,  die  einfache  Dativ- 
endung ai  =  e  auch  für  den  Locat.  eintreten,  also  sive  Loc.  neben 
vaci.  —  Als  Endung  des  Ablativs  nehme  ich  natürlich  nicht  -t  wie 
Bopp19),  sondern  -at  an,  woraus  sich  -dt  durch  Dehnung  (vgl.  w. 
unten)  bildet.  —  Der  Instrumental  hat  d  zur  Endung,  kann  aber 
durch  nachgesetztes  -na  verstärkt  werden,  also  sivena  für  sivdna  aus 
siv-d  -\-  na. 

Im  Plural  war  einst  vielleicht  Nom.-  und  Acc.-Endung  identisch 
und  zwar  -as"°),  woraus  durch  Dehnung  und  erweiternde  Nasalierung 
alle  die  Formen,  welche  uns  jetzt  entgegentreten,  geworden  sein 
mögen.  Im  Gen.  Plur.  hat  das  einfache  Suffix  -dm  wiederum  Verstär- 
kung erfahren  durch  vorgesetztes  -an*1)  (an)  oder  -as,  letzterer  Fall 
(also  as  -f-  dm)  tritt  im  lat.  Gen.  Pluralis  auf  -arum,  -omni  zu  Tage  22).  — 
Für  Instr.,  Dativ,  Ablat.  und  Locativ  sind  als  ursprüngliche  Endungen: 
abhis,  abhjas,  asu  anzusetzen,  was  zum  Theil  schon  von  Benfey  23J  und 
Ad.  Bezzenbergcr24)  vermuthet  ist,  an  welche  Formen  sich  auch  der 
Dual  Gen.  auf  abhjdm  anschließt,  während  ich  die  andern  Dualformen 
hier  bei  Seite  lassen  will.  Bekanntlich  wird  der  Anlaut  dieser  eben  ge- 
nannten Suffixe  in  der  Declination  gedehnt  und  zwar  nach  ionisch- 
gotischer Weise25)  zu  e,  siveshu,  sivübhis  und  Instr.  Sing,  sivena,  wahr- 
scheinlich aus  euphonischen   oder  Accentuationsgründen. 

Ehe  ich  indeß  weitergehe,  möchte  ich  einigen  Einwendungen, 
die  man  mir  leicht  machen  könnte,  zu  begegnen  suchen.  Man  sagt 
vielleicht,  gesetzt  auch,  siv-as,  dev-as  u.  s.  w.  lasse  sich  wohl  ansetzen, 
aber  nicht  j-as,  k-as  u.  s.  w.  In  diesen  Fällen  seien  ja,  ka  die  Themen, 
aus  denen  durch  Antritt  von  -as  jäs,  käs  hätte  werden  müssen.  Aber 
in  solchen  Fällen  ist  das  a  des  Stammes  wohl  nur  als  eine  Art  Hülfs- 
vocal   anzusehen ,  ja  ist  nur   eine  Entfaltung  von  i,    na  (z.  B.  in  der 


'"i   Vergl.  Gramm.  I3,  348,  wo  die  Ansicht  <icr  indischen  Grammatiker,  welche 
«'  als  Ablativ-Endung  ansetzen,  bekämpft  wird.  J0)  Interessant  ist,  daß  in  den 

Veden    (vergl.    1 1 . . p ] .    K.  Kanscr.    Gr.  §.   Ml'   Änm.)    sich    auch    das    verdoppelte   Suffix 
äsas,  welches  Bopp  sicher  mit  ßechl  aus  tu  -f  tu  erklärt,  findet,  Xl)  Ursprünglich 

ü7ii?  Daraus  an,  an,  hi  u.  s.  w.    Ea  wäre  dann  das  Suffix  des  Gen.   Plur.  wohl   ebenso 
als  verdoppelt  anzusehen,  wie  das  des  Nom.  in  den  Veden.  Die  ursprüngliche  Quai 
bleibt  mehrfach  zweifelhaft.  ")  Auch  tum  gehl  in  einiges  Fällen  wohl  auf  aham 

=  asam  zurück-.  Kurzi    9a    icr.  Gr.  §§.    lö'.»  und    I*;,.  '")  Untersuche 

über  die  gotischen  AdveAiien  B.  8,    iura.  '■'•.  Die   aber  auch  im   Englischen, 

Schwedischen,    Friesischen   und  .-on.it  im  Nd.  oft  genug  auftritt,    im  Englischen  meisl 
nur  in  der  Aussprache. 


28  E.  WILKEN 

7.  Conjug.-Classe)  nur  Ersatz  für  n,  und  so  befremdet  es  nicht,  wenn 
aus  ja  -f-  as  nur  jas,  und  leicht  auch  jis,  aber  nicht  jäs  geworden  ist. 
Etwa  das  umgekehrte  Verhältniss  zeigt  der  Nomin.  Plur.  siväs, 
den  ich  nicht  aus  siva  -\-  as,  sondern  nur  aus  siv-as  erkläre  durch 
eine  Dehnung,  die  ich  dem  Einfluß  des  s  glaube  zuschreiben  zu  dürfen, 
und  die  ich  ganz  ähnlich  erkläre  wie  die  Dehnung  von  i  und  u  im 
sanscr.  Passiv  vor  den  Lauten  r  und  v  26),  und  wie  die  got.  Potenzie- 
rung von  i  und  u  vor  r,  v,  hv  zu  ai  und  aü.  —  Als  Grund  aller  dieser 
Erscheinungen  glaube  ich  die  Schwäche  der  nachfolgenden  Liquida 
oder  Spirans  ansehen  zu  dürfen,  vor  welcher  ein  kurzer  Vocal  zu  sehr 
des  Haltes  entbehrte,  um  nicht  die  Neigung  zu  spüren,  durch  Dehnung 
sich  zu  befestigen27).  Vergleicht  man  im  Griech.  Formen  wie  noAtog 
mit  dem  jüngeren  jroAfcag,  lafog  mit  /Uog;  im  Lat.  nubes  (Nom.) 
neben  nubis  (Gen.),  vocis  neben  voces28),  welche  letztere  Form  nach 
dem  griech.  oitss,  sanscr.  vacas  zu  schließen,  ursprünglich  ebenso  gut 
kurzen  Vocal  besessen  haben  muß;  im  Deutschen  got.  fiskös  mit  alt- 
nord.  fisJcar,  so  wird  man  nicht  leugnen  können,  daß  überall  der  kürzere 
Vocal  organisch  ist,  und  daß  sich  die  Dehnung  nur  aus  phonetischen 
Motiven  wird  vollzogen  haben.  Wo  sonst  Dehnungen  eingetreten  sind, 
z.  B.  im  Gen.  Plur.  sivänäm  für  siv-an-äm,  vielleicht  für  urspr.  siv-am-ant, 
werden  entweder  dieselben  Gründe  maßgebend  gewesen  sein,  da  auch 
m  und  n  als  Liquidae  Dehnung  vorhergehender  Vocale  begünstigten, 
oder  es  mag  der  Accent  eingewirkt  haben.  Übrigens  müssen  auch 
Bopp  und  seine  Anhänger  einige  Dehnungen  von  ihrem  Standpunkte 
aus  zugeben,  denn  sivebhjas  ist  nach  ihnen  aus  siva-bjas,  siveshu  aus 
siva-su  entstanden.  (Vgl.  Bopp  K.  Sanscr.  Gr.  §§.  149,  151).  Daß 
übrigens  auch  bh  ein  sehr  weicher  Laut  war,  vor  welchem  Dehnung 
des  Vocals  beliebt  werden  konnte,  zeigt  der  völlige  Ausfall  des  bh  im 
Instrum.  Plur.  siväis  für  siv-abhis,  woraus  ebenso  gut  sivebhis  hätte 
werden  können29). 


26j  Vergl.  Bopp  Kurze  Sanscr.  Gr.  §.  448.  27)  Die  Erklärung  der  sog.  got. 

Brechung  konnte  ich  hier  eben  nur  berühren.  Das  gotische  r  war  gewiß,  wie  noch 
jetzt   im  Nd.,    ein   sehr  weicher  Laut.  28)  Vergl.   Leo  Meyer   griech.    und   lat. 

Declin.  S.  7  —  11,  wo  ich  freilich  nicht  jedem  Satze  beipflichten  kann,  z.  B.  wenn 
S.  10  die  Länge  des  e  im  griech.  öaqpjjg  erklärt  wird  als  Ersatz  eines  verlorenen 
Zischlautes.  Ich  erkläre  oacprjg  =  actcpug  oder  oaepsg,  auch  das  lat.  homines,  con- 
suleis  u.  s.  w.  aus  consulis  nach  dem  von  mir  angenommenen  Einfluß  des  .«.  Das 
Digamma  wird  auf  Formen  wie  Afoog  für  Xccfog  schwerlich  gewirkt  haben.  *")  Wenn 

Bopp  K.  Sanscr.  Gr.  §.  448  die  Vocaldehnung  in  föjatä,  srnjatä  daraus  ableitet,  daß 
i  und  u  hier  als  Endvocale  (doch  nur  der  Silbe!)  stehen,  so  mag  auch  hier  vielmehr 
vor  dem  schwachen  J-Laut  eine  Vocalcorroboration  stattgefunden  haben. 


ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION.  29 

Was  die  Feminina  betrifft,  so  glaube  ich,  daß  sie  an  und  für 
sich  kein  besonderes  Merkmal  weder  im  Thema  noch  in  den  Endungen 
bedurften30),  und  daß  erst  mit  der  Zeit  der  Wunsch,  sie  von  den 
Masculinis  schärfer  zu  unterscheiden,  aufgetreten  ist.  Feminina  als 
solche  wurden  nunmehr  kenntlich  gemacht  durch  Antritt  von  ä  an 
den  Stamm,  das  auch  zu  e,  o,  i,  ei,  vielleicht  auch  ü  variiert  werden 
konnte.  In  Bezug  auf  die  Flexion  der  Femin.  scheint  man  sich,  um 
einen  Unterschied  vom  Masc.  zu  machen,  zum  Theile  derselben  Suffixe 
in  umgekehrter  Folge  bedient  zu  haben;  ich  erkläre: 

Gen.  Masc.  sivasja  aus  siv-as  -\-  ja\  Fem.  siväjäs  aus  sivä-ja  -\-  as; 
Dat.  M.  siväja  aus  siv-ai  -\- ja;  Fem.  siväjai  aus  sivä-ja  -f-  ai;  andere 
Unterschiede  z.  B.  im  Loc.  müssen  hier  unberührt  bleiben. 

Während  wir  also  bei  den  meisten  Femininis  ein  vocalisches 
Thema  zugeben,  halte  ich  es  für  zweifelhaft,  ob  es  im  Germanischen 
überhaupt  vocalische  Masculinthemen  giebt:  die  consonantischen  Masc- 
Themen  gliedern  sich  aber  in  zwei  Gruppen,  je  nachdem  der  End- 
consonant  schon  der  Wurzel  oder  aber  nur  einem  Ableitungssuf'fix 
gehört.  Diese  letztere  Gruppe  ist  bisher  vorzugsweise  als  die  con- 
sonantische,  oder  bei  Grimm  als  die  schwache  bezeichnet.  Letztere 
Bezeichnung,  gegen  die  schon  vielfach  Bedenken  laut  geworden31), 
lässt  sich  in  dem  Sinne  allerdings  nicht  unpassend  beibehalten,  daß 
hier  die  durch  Suffixe  erfolgte  Wurzelerweiterung,  die  man  nun  als 
Stamm  oder  Thema  bezeichnen  mag,  früher  eine  Abstumpfung  oder 
Schwächung  der  Casuszeichen  eintreten  ließ  —  der  leichteren  Aus- 
sprache wegen  —  als  bei  den  kürzeren  Wurzelthemen32).  Schwä- 
chung oder  Abstumpfung  ist  hier,  meine  ich,  ebenso  durch  vorher- 
gegangene Verstärkung  hervorgerufen  wie  bei  einem  ähnlichen  Falle 
in  der  Conjugation33). 

Besondere  Berücksichtigung  verdienen  noch  die  auf  dem  ger- 
manischen Gebiet  so  häufigen,  durch  die  Suffixe  ja  oder  va  gebildeten 
M.iseulina.  Da,  wie  schon  bemerkt,  das  a  in  diesem  Falle  nur  als 
Ilülfsvocal  auftritt,  und  j  und  v  nach  bekannten  Lautgesetzen  auch 
in  i  oder  u  sich  auflösen  können,  so  ist  hier  freilich  ein  Schein 
vocalischer  Declin.  vorhanden,   und  in  einzelnen  Fällen  lässt  sich  ein 

30)  Beispiele    dafür  würden     sich    aus    dem    Lateinischen  leicht   häufen  lassen. 
Sl)   Unter  Andern    schon  von  E.   ('•.   Graff    in   Beiner    noch    immer  Kenntnissnahme  ver- 
dienenden: Theorie  der  schwachen   Declination,  Sep.-Abdr.  aus  dem  Neuen  Jahrbuch 
der  Berl.  Ges.  für  d.  Spr.  u.  Alt.  Berlin  1836  Plalm.  35j  Natürlich  verstehe  ich 

darunter    solche    Wurzeln,     die     zugleich    in    die    grammatische   Kategorie     der  Themen 
fallen.  33)  Vergl.  Göttinger  Gel.  An/,    ist:;  s.  :ti".  unten. 


3()  E.  WILKEN 

Zweifel  denken,  wie  das  Thema  des  betr.  Wortes  anzusetzen  sei. 
Betrachten  wir  z.  B.  im  Gotischen  das  Wort  sunus,  so  tritt  hier  der 
w-Vocal  in  der  Declin.  so  entschieden  auf,  daß  wir  versucht  sind, 
sunu  =  sunva  als  Thema  anzusetzen,  und  den  Nom.  sunus  also  aus 
sun  _|_  u  (=  va)  -j-  's  (für  as)  zu  erklären.  Aber  in  den  andern  Dia- 
lecten34)  liegt  die  Sache  ganz'  anders:  im  Ags.  erscheint  u  nur  noch 
im  Nom.  Acc.  Sing,  sowie  im  Dat.  Plur.,  welcher  letztere  Casus  aber 
nicht  in  Betracht  kommt,  da  im  Ags.  der  Dat.  Plur.  überhaupt  in  um 
endet.  Die  andern  Casus  wird  ein  unbefangener  Beurtheiler  wohl  nur 
auf  das  Thema  sun-  zurückführen  können,  und  diese  Annahme  bestätigt 
das  Altnordische. 

Hier  zeigt  nur  Dat.  und  Acc.  Plur.  den  w-Laut,  und  das  Verhältniss 
des  Dat.  Plur.  ist  hier  ebenso  wie  im  Ags.  —  die  andern  Casus  würden, 
wenn  man  nicht  aus  dem  Got.  sich  der  Declin.  von  sunus  erinnert 
hätte,  sich  schwerlich  je  bei  den  Grammatikern  in  eine  altnordische 
£7-Declination  verirrt  haben35).  Wer  nun  freilich  das  einzige  Heil 
seines  grammatischen  Gewissens  in  Regeln  und  Ausnahmen  erblickt, 
der  mag  nach  wie  vor  die  drei  Classen  der  vocalischen  Declin.  fest- 
halten, uns  aber  und  Gleichgesinnten  wird  sich  ein  anderer  Weg  zeigen. 

Wir  theilen,  um  von  der  Theorie  zur  praktischen  Durchführung 
zu  schreiten,  die  deutsche  Declin.  in  die  Classen  der  consonantischen, 
der  halbvocalischen  und  der  vocalischen  Stämme  ein.  Erstere  umfasst 
aber  einmal  (A)  die  consonant.  Stämme  mit  starker,  d.  h.  vollerer 
Flexionsweise  und  dann  die  mit  geschwächter  oder  abgestumpfter 
Flexion  (B).  Beide  Unterabtheilungen  lassen  sich  dann  bez.  der  Flexions- 
silbe noch  in  Fractionen  zerlegen:  bei  (A)  lässt  sich  eine  a-,  i-  und  u- 
Fraction36)  in  der  Weise  annehmen,  daß  der  ursprüngliche  a-Vocal 
der  Flexionssilbe  der  Schwächung  i,  der  Trübung  u  Platz  machen, 
auch  wohl  ganz  ausfallen  konnte37). 


34)  Daß  Ahd.,  Ags.,  Altnord,  dem  Gotischen  als  entschieden  jüngere,  grammatisch 
entartete  Dialecte  nachständen,  war  eine  voreilige  Annahme  der  Grammatiker. 
3S)  Im  Got.  selbst  zeigt  die  sog.  EADeclin.  sehr  bedeutende  Schwankungen,  vergl.  Heyne's 
Ulfilas  5  A.  S.  420.  Der  Umstand,  daß  nicht  bloß  im  Acc.  und  Voc.  au  für  u,  im  Dat. 
u  für  au,  sondern  selbst  im  Nom.  au  für  u  (sunaus  filius  Lc.  IV,  3)  begegnet,  lässt  wohl 
überall  das  au  nur  als  phonetische  Dehnung  von  u  (vors  oder  am  Wortschluß),  «  aber 
als  Trübung  von  a  erscheinen.  Im  Plur.  ist  sunjus  =  sunüs  für  svn\us,  und  dieß  für 
sun-as,  wie  es  altn.  sonar  im  N.  Plur.  ebenso  gut  heißen  könnte  für  das  gebräuchliche 
synir.  _  Der  got.  Gen.  sunwe  steht  wohl  für  sunjue  mit  irrthümlicher  Verwendung 
des  Nominativs  als  Thema,  ähnlich  wie  tvaddje  =  tvaje  =  tvaie  vom  Nom.  tvai  u.  A. 
3«)  Ich  entlehne  diese  Bezeichnung  Bopp,  der  sie  Vergl.  Gr.  I3,  XVI  in  etwas  anderer 
Weise  fürs  Armenische  verwendet.  37)  In  diesem  Falle  war  wohl  die  Schwächung 

in  i  vorhergegangen,  Nom.  ßsks  steht  wohl  zunächst  iürßskis,   dieses  aber  für  ßskas. 


ZUE  DEUTSCHEN   Dl-X'LINATION.  31 

Diese  drei  Fractionen  der  starken  consonantischen  Decli- 
nation würden  einigermaßen  den  drei  Classen  der  von  Grimm  und 
Bopp  so  genannten  starken  oder  vocalischen  Declin.  entsprechen 
mit  Ausschluß  aber  der  Feminina  wie  giba  u.  a.  —  Bei  der  schwa- 
chen consonantischen  Declin.  (B)  sind  nach  dem  Grade  der  Schwä- 
chung ebenfalls  weitere  Sonderungen  zu  machen:  denn  die  Participia 
auf  -and  lassen  sich  den  Flexionsvocal38)  noch  mehr  verflüchtigen  als 
die  nach  hana  gehenden  Subst.  (wenn  nämlich  Dat.  hanin  für  hanani 
steht,  wogegen  von  nasjands  Dat.  nasjand),  und  die  auf  Gutturale 
und  Dentale  endenden  Stämme  zeigen  weit  mehr  Variationen  des  Fle- 
xionsvocals,  als  die  auf  n  (für  nd?)  schließenden  Themen. 

Folgendes  Paradigma  würde  meine  Auffassung  der  starken  con- 
sonantischen Declination  veranschaulichen : 
Grundform  pisk  (pask?) 


Lat.  piac-is  Nom. 

Got 

.  fish-s 

Altnd 

.  fixk-r 

Ags 

•  fisc 

Ahd 

.  fisk 

pisc-is  Gen. 

ßsk-is 

fisk-s39) 

fisc-es 

fisk- es 

pisc-i  Dat. 

fisk-a40) 

fisk-i 

fisc-e 

fisk-e(a) 

pisc-em  Acc. 

fisk-(am) 

fisk 

fisc 

fisk 

pisc-es  N.  Plur. 

fish- os 

fisk-ar 

fisc-as41) 

fisk-a 

pisc-ium  G.  Plur 

fisk-e 

fisk-a 

fisc-a 

fisk-o 

pisc-ibus4V)  Dat. 

PI. 

fisk-am 

fisk-um 

fisc-um 

fisk-iun 

pisc-es  Acc.  PI. 

fisk-ans 

fisk-a 

fisc-as 

fisk-a 

Zu  den  halbvocalischen  Stämmen  würde  ich  namentlich  die 
durch  -ja  und  -va  gebildeten  zählen,  zu  den  rein  vocalischen  wohl 
nur  die  Feminina  auf  a  (z.  B.  got.  gib-a),  das  dann  freilich  auch  in 
andere  Vocale  ausweichen  kann.  Diese  vocalischen  Femininthemen 
haben  als  Nominativzeichen  nur  das  genannte  Fem. -Suffix,  während  die 
consonantischen  Fem. -Themen  sich  ebenso  wie  die  Mascul.  verhalten. 
Ob  es  voc&Ksche  Xcutral-Themen,  etwa  got.  faih-u  gebe,  bezweifle  ich 
sehr,  die  lat.  Formen  pecus,  pecudis,  pecoris  neben  pecu  sprechen 
nicht  sehr  dafür.  Vielleicht  ist  pec-u(s),  faih-u(s)  anzusetzen,  ähnlich 
wie  navit-a(s),  nauta  im  lat.  Mascul.  —  Zu  den  conson.  Femininstämmen 
rechne  ich  die  durch  ansf.s  und  hantln*  im  Gotischen  gewöhnlich  repräsen- 
tierte!]  Worte:   neben   dem  Nom.  ansts  für  anstis   steht  der  Gen.  anst- 


%%)  Die  Flexion  ist  hier  natürlich  =  Declination.  3'|   Der  Genetiv  bewahrt 

hier  also  die  ältere  Form,   da  r  =  s  ist.  *°)  Ob  dieser  got.   Dativ,  dessen  ge- 

wöhnliche Erklärung    (nach  WeBtpbal)    ans  fisk-ai    mir    zweifelhaft    bleibt,    den    enl 
sprechenden  Casm   der   andern  Dialeete  auch  historisch  entspricht?    I>as  %  und  e  der 

.ludern    Dialeete    (a    im    Ahd.     ist    jünger    als    r)     erinnert     mehr    an    Locativfonmn. 
*')  Vielleicht  gedehnt  fiseäs  nach   Anal,   des   (int.   und    Lat.  •*)  Die  german.  Dati\  e 

Plur.  entsprechen  scheinbar  mehr  alten  Dual-Dativen  auf  -abjüm. 


32  E-  WILKEN 

ais  ähnlich  wie  im  Lat.  (mit  anderer  Folge)  der  Nom.  nub-es  neben 
dem  Gen.  nub-is.  Ebenso  ist  hand-aus  historisch  nur  hand-üs  neben 
dem  Nom.  handus.  Im  Plur.  ist  anst-eis  nur  wieder  gedehntes  anst-is, 
ganz  ähnlich  wie  im  Altlat.  consuleis,  vir-eis  (Nom.  Plur.)  eis  (=  ii), 
host-is,  imbr-is  u.  A.  (Vgl.  Leo  Meyer  Griech.  und  lat.  Declin.  S.  65 
bis  68).  Im  Plur.  Nom.  handjus  ist  ju  =  iu  ebenso  Dehnung  von  u, 
wie  ei  und  ai  von  i  in  Formen  wie  änsteis  und  anstais,  letztere  wohl 
durch  den  Dat.  anst-ai  graphisch  bedingt,  in  dem  ich  die  alte  Dativ- 
endung ai  wenigstens  eher  erkenne  als  in  dem  masc.  Dat.  fiska.  Nach 
Westphals  Gesetz  wäre  freilich  altes  ai  in  gotischen  Endsilben  uner- 
laubt, und  dafür  einfaches  a  zu  erwarten,  aber  ich  möchte  auf  dieß 
Gesetz  so  wenig  schwören  wie  auf  irgend  eine  Grammatikerregel,  wenn 
demselben  auch  nicht  unrichtige  Beobachtungen  zu  Grunde  liegen. 

Noch  ein  Problem  germanischer  Declination  will  ich  schließlich 
berühren,  nämlich  die  historische  Erklärung  unserer  schwachen  con- 
sonantischen  Declination,  indem  ich  zur  Orientierung  auf  die  über- 
sichtliche Skizzierung  der  Frage  durch  Delbrück  (bei  Zacher  II,  398  fg.) 
verweise.  So  nahe  die  Vergleichuag  dieser  conson.  Stämme  mit  den 
entsprechenden  der  elass.  Sprachen  zu  liegen  scheint,  so  bietet  sie 
doch  bei  näherer  Betrachtung  Schwierigkeiten,  namentlich  wenn  man 
auch  die  andern  Dialecte  des  German. ,  nicht  bloß  das  Gotische  ins 
Auge  fasst.  Sollte  z.  B.  altnord.  gumi  direct  altlat.  homon-  entsprechen 
können?  Überhaupt  zeigt  das  altnord.  Paradigma  dieser  schwachen 
Declin.  so  recht,  daß  wir  es  hier  mit  keinem  reinen  Entwicklungs- 
process,  vielmehr  mit  einem  durch  zufälligen  Usus  bedingten  Bequem- 
lichkeitsschema  zu  thun  haben.  Um  aufs  Gotische  zurückzukommen, 
so  nehme  ich  an,  daß  für  den  Nom.  Masc.  und  Neutr.  vollere  Formen, 
noch  in  gotischer  Zeit,  bestanden:  etwa  hanans  oder  hanands  analog 
nasjands,  naman  (später  namo)  entspr.  dem  lat.  nomen,  Gen.  hanans 
vielleicht  wechselnd  mit  hanins,  namins  u.  s.  w.  —  Wie  entstanden  nun 
die  kürzeren  Formen?  Werfen  wir  einen  Blick  auf  die  Adjectivflexion, 
so  wäre  an  und  für  sich  möglich,  blinda  aus  blindja  zu  erklären  (so 
auch  fara  aus  farja  in  der  Conjug.),  und  da  das  Suffix  -jai3)  beson- 
ders gut  zur  Adjectivierung  sich  eignete,  so  lässt  sich  wohl  denken, 
daß  zu  einer  Zeit  im  Altgermanischen  erlaubt  schien,  jedes  Adject. 
(etwa  mit  leichter  Verstärkung  des  Begriffs)  mit  -ja  zu  componieren. 
So  trat  zu  den  schon  vorhandenen  Formen  blind  (unflectiert,  im  Got. 
später   nur   fürs  Neutr.   gebräuchlich)    und    Uinds  für    blind-as**)    eine 


43)  Es  bedeutet  (nach  Benfey)  ursprünglich  so  viel  als  eigen,    eigentümlich. 
*)  Wenn  es  nämlich  =  blindas,  vergl.  weiter  unten. 


ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION.  33 

dritte  Form  blinda  für  blindja,  deren  Flexion  aber  zu  sehr  mit  der 
von  blinds  zusammengefallen  wäre,  wenn  man  z.  B.  im  Nom.  blind-eis, 
blinds  oder  blindis,  Gen.  blindis  u.  s.  w.  gesagt  hätte.  Oder  sollte  jenes 
blinds,  blindis,  blindamma  u.  s.  w.  wirklich  das  in  Frage  stehende  flec- 
tierte  blind-ja  sein?  Ich  lasse  dieß  unentschieden45):  jedenfalls  handelte 
es  sich  für  die  Sprache  darum ,  eine  andere,  bestimmt  unterschiedene 
Flexion  für  das  aus  blindja  entsprungene  blinda  zu  gewinnen,  sollte  dieß 
nicht  so  unflectierbar  bleiben  wie  die  Form  blind.  Man  entlehnte  nun, 
meine  ich,  aus  der  schwachen  conson.  Subst.  Declin.  den  Gen.  u.  die 
fg.  Casus  und  flectierte :  blinda,  blindins  (nach  hanins)  u.  s.  w.  Und  indem 
nun  diese  adj.  Classe  mit  der  substantivischen  fast  ganz  zusammenfiel, 
die  bestimmte  Unterscheidung  des  Nom.  Sing,  vom  Gen.  Sing.,  Nom. 
und  Acc.  Plur.  in  der  adjectiv.  Flexion  aber  vortheilhaft  sich  vor  der 
substantivischen  Monotonie  (hanans  Nom.  Sing,  und  Plur.  Abc.  Plur.) 
auszeichnete,  dazu  noch  bequemer  war,  so  mochte  man  sich  mit  der 
Zeit  gerne  gewöhnen,  wie  blinda,  blindins  nun  auch  hana,  hanins  (Plur. 
hanans)  zu  beugen.  Diese  Ableitung  des  Nom.  hana  aus  der  adjectiv. 
Flexionsweise  empfiehlt  sich  auch  deßhalb,  weil  die  Nom.  des  Fem. 
und  Neutr.  tuggo  und  hairto  in  ihrer  gleichlautenden  Endung  auch  auf 
den  Einfluß  adjectivischer  Flexionsweise*6)  hinzudeuten  scheinen.  Das 
Femin.  blindo  erklärt  sich  uns  leicht  als  blind(j)a  -j-  ä  (Fem.-Char.) 
und  nach  monotoner  adjectiv.  Weise47)  ist  das  Neutr.  blindo  dem  Fem. 
einfach  entlehnt. 

Sollte  aber  auch  diese  Auffassung  der  schwachen  consonantischen 
Declin.  Einigen  zu  künstlich  und  die  eine  oder  die  andere  meiner  Ver- 
muthungen  zu  kühn  erscheinen,  so  wird  ein  unbefangener  Beurtheiler 
doch  nicht  leugnen  können,  «daß  in  der  Hauptsache  meine  Ansicht  aber 
das  Wesen  der  indogermanischen  Declin.  einfacher  ist  als  die  herr- 
schende, und  vorläufig  hinreichend  begründet  ward,  um  einige  Berück- 
sichtigung und  genauere  Prüfung  zu  verdienen.  Sollten  dabei  auch 
noch  einige  Bedenken  aufsteigen,  wie  ich  denn  selbst  bei  meiner  nur 
mangelhaften    Kenntniss    der    asiatischen    Sprachen    längere    Zeit    mit 


4S)  Wenn  ich  oben  die  Zusammensetzung  mit  einem  Pronomen  für  die  starke 
Adject. -Flexion  bezweifelte,  so  ist  die  Composition  mit  einem  einfachen  Suffix  nicht 
darunter  verstanden.  *')  Nur  dieser  eigne!  die  Verwischung  der  Genera  im  st« 

«l>ii  Grade,   in  der  Bubst.-Declin.  wird  das  Neutr.  >"  viel  ich  sehe  nie  vom  Fem.  i" 
stimmt,  nur  von  dem  Dia  *')  Das  germanische  Adjectiv  erstrebt,   namentlich 

im    Plural ,    Gleichförmigkeil    der  Geschlechter.     Im  Altnordischen    hat1    das    schwach 
Adjectiv    im  Plural    um   Eine,    im  Bing,    auch    nur   drei    Formen    t'iir   alle  Casus   und 
r.  Mit  langt  vgl.  Doch  ahd.  guecU  nti,  mit  plinto  wü 
•   QEEMAKL*    s  ra   <\l\   J.a.rg  )  3 


34  E.  WILKEN,  ZUR  DEUTSCHEN  DECLINATION. 

meiner  Ansicht  zurückgehalten  habe,  und  noch  jetzt  bei  etlichen  Worten 
im  Sanscrit  und  selbst  im  Griech.  schwanken  muß,  wie  hier  die  Themen 
aufzustellen  seien,  so  möge  man  doch  bedenken,  daß  keine  derartige 
Hypothese  über  jeden  Zweifel  und  jede  Anfechtung  erhaben  sein  kann. 
Erst  nachdem  ich  bei  Kundigeren  theils  Zustimmung,  theils  Bedenken, 
doch  ohne  entscheidende  Argumente  gefunden,  habe  ich  meine  Ansicht 
vorgetragen,  deren  Bedeutung  freilich,  wenn  sie  richtig  wäre,  um  so 
größer  würde,  da  sich  dann  auch  die  Conjugation  müsste  analog  auf- 
fassen lassen.  Das  meine  ich  nun  allerdings  auch,  doch  möchte  ich 
nicht  mit  zu  viel  Neuerungen  auf  einmal  kommen.  —  Zum  Schluß  will 
ich  nur  darauf  noch  kurz  hinweisen,  wie  die  neue  Ansicht  1.  ein- 
facher ist  als  die  frühere,  da  wir  nun  in  vielen  Fällen  nicht  erst 
künstlich  ein  Thema  aufstellen  müssen,  sondern  den  Stamm  mit  der 
Wurzel  gleichsetzen  können;  2.  natürlicher  erscheint  im  Hinblick 
auf  die  zahlreichen  oben  beleuchteten  Schwankungen  der  bisher  sog. 
drei  vocalischen  Declinationsclassen.  Wenn  ich  statt  dieser  drei  Classen 
drei  Fractionen  der  starken  conson.  Declin.  unterscheide,  so  ist  das 
ja  keine  bloße  mutatio  nominum,  sondern  der  Ausdruck  Fractionen 
d.  h.  Brechungen  oder  Spaltungen  deutet  schon  darauf  hin,  daß  hier 
nur  leicht  wieder  vereinbare  Spielarten  derselben  Classe  gemeint 
seien.  Endlich  wird  3.  meine  Ansicht  auch  durch  gewichtige  Ana- 
logien der  indogermanischen  Grammatik  unterstützt.  Betrachten  wir 
die  von  Grimm  Gr.  II,  97  fg.  vorgeführten  conson.  Suffixe48):  -al,  -il, 
ul;  is-al;  ar  und  ir\  am  und  um',  an,  in,  un,  ein  (und  ön?);  die  Ad- 
verbialsuffixe -aba  und  -ubai9)  u.  s.  w.,  so  haben  wir  hier  ja  die  besten 
Erläuterungen  unserer  starken  conson.  Declination  mit  den  Suffixen 
-as,  -is,  -us  (alle  aus  urspr.  as)  in  Fülle  vor  uns.  Dieselben  Suffixe  sind 
auch  in  der  schwachen  conson.50)  Declin.  erhalten,  nur  sind  sie  hier 
(namentlich  bei  den  schon  mit  dem  Suff,  -and  versehenen  Stämmen) 
verkümmert:  „die  Belastung  des  Worts  durch  Composition"  nimmt 
zur  Erklärung  eines  ähnlichen  Umstandes  schon  M.  Heyne51)  an. 
GÖTTINGEN.  E.  WILKEN. 


48)  Über  den  Sinn  dieses  „eonsonantisch"  vgl.  S.  97  unten.  49)  Die  neuer- 

dings von  A.  Bezzenberger  neu  vertretene  Ansicht,  wonach  diese  Adverbsuffixe  auf 
altes  -vant  zurückgiengen,  modificiere  ich  nur  dahin,  daß  ich  dem  -vant  älteres  avant 
supponiere.  50)  Auch  der  vocal.  Declin.  eignen  im  Grunde,  wie  erwähnt,  dieselben 

Suffixe.  5l)  Laut-  und  Flexionslehre  der  altgerman.  Sprachstamme  1.  A.  S.  23$ 

Anm. 


W.  GEMOLL,  DER  VERS  VON  VIER  HEBUNGEN.  35 


DER  VERS    VON   VIER    HEBUNGEN    UND   DIE 

LANGZEILE. 

Fast  durchgchends  unterscheiden  sich  im  Mhd.  Volks-  und  höfi- 
sche Epen  durch  ihr  Metrum,  diese  gebrauchen  die  kurzen  Reimpaare 
mit  viermal  gehobenem  Vers,  jene  die  Langzeile  von  acht  Hebungen; 
denn  daß  eine  Langzeile  von  acht  Hebungen  dem  Nibelungenlied,  der 
Gudrun,  Ortnit  und  überhaupt  allen  Volksepen,  welche  Langzeilen  an- 
wenden, zu  Grunde  liegt,  geht  aus  den  Strophen  der  mhd.  Volksepen 
selbst  hervor,  die  als  mehrfach  variiertes  Grundthema  die  Langzeile  von 
acht  Hebungen  deutlich  erkennen  lassen.  Die  Betrachtung  dieser  Ver- 
schiedenheit führte,  weil  gegenseitige  Einwirkungen  beider  Dichtungs- 
arten feststehen,  auf  die  Frage:  Sind  beide  Metra  gleich  ursprünglich 
oder  ist  eins  von  dem  andern  abgeleitet  und  welches?  Ist  doch  die 
achtmal  gehobene  Langzeile  genau  gleich  zwei  Versen  von  vier  Hebungen, 
und  die  Diärese  in  jener  schien  ein  Zeichen  zu  sein  entweder  für  die 
Zusammensetzung  der  Langzeile  oder  das  Zerfallen  derselben  in  zwei 
Verse  von  vier  Hebungen.  Ich  werde  im  Folgenden  versuchen,  dieß 
eigenthümliche  Verhältniss  beider  Verse  zu  betrachten  und  so  vom 
Mhd.  ausgehend  den  deutschen  Urvers  zu  bestimmen. 

Zunächst  ist  es  wichtig  zu  zeigen,  daß  in  der  mhd.  Zeit  das 
Volksepos  nicht  ausschließlich  die  Langzeile,  wie  die  Kunstepen  nicht 
ausschließlich  den  viermal  gehobenen  Vers  anwenden.  Wäre  das  der 
Fall,  so  würde  der  Schluß  nahe  liegen,  daß  das  jedesmalige  Versmaß 
im  Wesen  der  betreffenden  Dichtungsart  begründet,  und  also  ebenso  alt 
wie  diese  sei.  Doch  finden  wir  einerseits  in  Wolfram's  Titurel  und  ein 
wenig  modificiert  bei  seinem  Nachfolger  Albrecht  von  Scharfenberg  eine 
aus  Langzeilen  gebildete  Strophe  verwendet,  deren  Vorbild  ohne  Zweifel 
die  Nibelungenstrophe  war;  andererseits  sind  die  Klage,  Biterolf  und  Diet- 
leib  u.  a.  Volksepen  in  kurzen  Reimpaaren  gedichtet,  so  daß  der  Gegen- 
satz, der  auch  in  Bezug  auf  das  Metrum  der  Volks  und  Kunstepen 
mild.  Zeit  besteht,  mehr  als  ein  künstlicher,  ersl  allmählich  gewordener 
erscheint.  Da  sich  mm  der  Gegensatz  zwischen  dem  viermal  gehobenen 
Vers  und  der  Langzeile  von  acht  Hebungen  nicht  mit  «lein  Gegensatz 
zwischen  höfischer  und  Volksepik  deckt,  uns  aber  nur  jener  vorzüglich 
beschäftigt,  so  empfiehlt  es  sich  zunächst  historisch  festzustellen,  wie  weit 
sich  jede>  Metrum  rückwärts  verfolgen  lasse,  indem  wir  ausgehen  von 


36  W.  GEMOLL 

der  Scheide  des  12.  und  13.  Jhs.,  wo  sich  ja  jene  Gegensätze  besonders 
zugespitzt  hatten  und  in's  Bewusstsein  der  Nation  getreten  waren. 

Die  kurzen  Reimpaare  finden  wir  im  12.  Jh.  selbst  nicht  bloß  bei 
Heinrich  von  Veldecke,  von  dem  man  ja  die  Reinheit  und  Feinheit  des 
mhd.  Verses  ableitet,  und  dessen  Nachfolgern  oder  den  eigentlich  höfi- 
schen Dichtern ,  sondern  auch  sonst  vielfach,  aber  mit  sehr  verschiedenem 
Geschick  gebraucht.  Die  Dichter  des  Prophilias,  des  Pilatus,  des  Ägi- 
dius  und  Eilhard  von  Oberg  beobachten  ziemlich  genau  den  viermal 
gehobenen  Vers ;  weniger  sorgfältig  sind  die  Pfaffen  Konrad  und  Lam- 
precht, Heinrich  der  Glichesäre  und  Wernher.  Mit  all  diesen  Dichter- 
namen und  Werken  bleiben  wir  noch  innerhalb  des  zwölften  Jahrhunderts, 
weiter  hinaus  lässt  sich  der  Vers  von  vier  Plebungen  historisch  nicht 
nachweisen,  man  müsste  denn  auf  das  von  Haupt  (b.  Müllenhoff 
Denkmäler  S.  371,  2.  Aufl.)  als  viertactig  erkannte  Gedicht  'Himmel 
und  Hölle'  großes  Gewicht  legen,  das  der  Mitte  des  11.  Jhs.  angehört, 
und,  da  es  ungereimt  ist,  als  ein  einzelner  Versuch  eines  Geistlichen 
von  der  gewöhnlichen  Dichtweise  abzuweichen , gelten  muß.  Wenn  man 
nun  auch  Haupt  darin  Recht  geben  wird,  daß  eine  Langzeile  ohne 
Reim  oder  Allitteration  ein  Unding  ist,  so  wird  sich  andererseits  auch 
ein  Gedicht  in  ungereimten,  viertactigen  Versen  schwer  nachweisen 
lassen;  demnach,  wenn  Haupt's  Eintheilung  des  Gedichtes  über  allen 
Widerspruch  erhaben  ist,  darf  man  es  doch  mit  den  oben  erwähnten 
in  viertactigen  Versen  abgefassten  nicht  zusammenstellen,  nicht  bloß 
weil  es  nicht  reimt,  sondern  weil  es,  obwohl  der  Zeit  nach  früher  liegend, 
viel  genauere  Verse  hat. 

Dagegen  die  Langzeile  blühte  ja  schon  zu  Otfrids  Zeit,  wobei 
ich  nur  die  gereimte  Langzeile  vorläufig  ins  Auge  fasse,  von  der  Allitte- 
rations-Langzeile  noch  absehe.  Und  es  wäre,  wenn  feststände,  daß  die 
Langzeile  des  12.  Jhs.  identisch  mit  der  Otfridschen  wäre,  dieser  histo- 
rische Nachweis  zu  Gunsten  der  Langzeile  ausgefallen.  Das  steht  aber 
nicht  fest.  Zwar  reimen  beide,  aber  das  mhd.  Volksepos  schließt  der 
durchgehenden  Regel  nach  zwei  Langzeilen  durch  den  Endreim  anein- 
ander, die  ahd.  Gedichte  reimen  die  zwei  gleichen  Hälften  der  Lang- 
zeile unter  sich. 

Die  mhd.  Langzeile  lässt  sich  erst  im  12.  Jh.  nachweisen,  am 
frühsten  am  Nibelungenlied  und  des  Kürenbergers  Liedern,  so  daß  also 
die  Priorität  des  viermal  gehobenen  Verses  über  die  mhd.  Langzeile 
auf  historischem  Wege  gesichert  scheint.  Nun  hat  aber  die  Otfridsche 
Langzeile  ebenso  acht  Hebungen  wie  die  des  12.  Jhs.,  und  letztere 
könnte    darnach    als    eine    unmittelbare   Fortsetzung    der    Otfridschen 


m.K  VERS  VON  VIER  HEBUNGEN. 


37 


Langzeile  erscheinen  mit  verändertem  Reim.  Fragen  wir  also,  wo  liegt 
denn  der  Übergang  aus  der  einen  Reimart  in  die  andere? 

In  der  ahd.  Periode  herrscht  durchaus  die  achtmal  gehobene 
Langzeile  und  zwar  stets  mit  Binnenreim,  wovon  selbst  das  halb  deutsch, 
halb  lat.  Gedicht  de  Heinrico:  nunc  almus  assis  filius  thero  tv&gero 
tkiemün  keine  Ausnahme  macht.  Diese  regelmäßige  Langzeile  können 
wir  bis  tief  ins  10.  Jh.  verfolgen,  das  eben  erwähnte  Gedicht  fällt  nach 
Lachmann  nicht  vor  962,  weil  Otto  Kaiser  genannt  wird  (über  die 
Leiche  S.  430).  Dagegen  finden  wir  in  der  zweiten  Hälfte  des  11.  und 
im  Anfang  des  12.  Jhs.  in  den  Gedichten  der  Übergangsperiode  zwischen 
ahd.  und  mhd.  Zeit,  wie  in  Ezzo's  Gesang  von  den  Wundern  Christi, 
im  Leben  Jesu  der  Ava  etc.  den  Reim  auf  das  Ende  der  Zeile  verlegt. 
Also  ungefähr  /.wischen  950  und  1050  fällt  der  Übergang  des  Reimes 
aus  dem  Binnen-  zum  Endreim. 

Aber  was  haben  diese   erwähnten  Gedichte   aus   der  Wende    des 
11.   und   12.  Jhs.    für    einen  Vers?    Zwischen    drei   bis    sechs,    sieben 
Hebungen  schwanken   die   gereimten  Zeiten   auf  und   nieder;    entartel 
also  ist  dieser  Vers  jedesfalls;  aber  woraus  entartet?  An  und  für  sich 
kann  dieser  verwilderte  Vers  ebenso  wohl  auf  Entartung  aus  der  Lang- 
zeile   durch  Verminderung    der   regelmäßigen   Anzahl   von  Hebungen 
als    aus    dem  Vers  von  vier  Hebungen    durch  Vermehrung  der  vorge- 
schriebenen Hebungen  zurückgeführt  werden.  Man  wird  aber  vorziehen, 
diesen  so  vielgestaltigen  Vers  von  der  Langzeile  abzuleiten,  nicht  vom 
Vers  von  vier  Hebungen,   weil,  wie  wir  oben  sehen,    letzterer  für  die 
dem  12.  Jh.  vorausgehende  Zeit   nicht  sicher   feststeht,    und  es    daher 
in  diesem  Falle  unlogisch  wäre,  aus  der  verwilderten  Form  die  Existenz 
der  regelmäßigen  erschließen  und  behaupten  zu  wollen.    Doch  stände 
es  auch  fest,  so  ist  der  Zeitraum  von  nicht   viel  über  100  Jahren,  der 
zwischen    den    letzten    Spuren    der  ( >tfridschen    Zeile    und    diesen    mit 
Endreim  versehenen  Versen  des  endenden  11.  Jh.  verfloss,  viel  zu  kurz 
für  die  Ausbildung  und  Entartung  des  viermal  gehobenen  Verses, 
all-,  -eleu  davon,  daß  man  für  die  Entstehung  des  letztern  keinen  recht 
stichhaltigen  Grund  Enden  wird.   Denn  so  viel  haben  wir  bis  jetzt  schon 
ben,  daß  die  deutsche  Poesie  Ins  1150  etwa  d.  h.  dem  entschiedenen 
Anfange  der  mhd.  Zeil  immer  nur  eine  Art  ZU  dichten,    immer  nur  eine 
Art  zu  reimen  hat,  so   setzl   Bich  die  Otfridsche  Zeit,  die  wir  bis  950 
ungefähr  erstreckten,  genau  und  scharf  ab  von  der  Ubergangszeil   von 
1050 — 1150,  jeih-  aber  ist  in  sich  einig,  ersl   in  der  mhd.  Zeit,  wo  die 
Stände  Bich  absondern,  linden  wir  höfische  und  Volkspoesie  durch  den 
Charakter  wie  durch   das  .Metrum   ihrer  Gedichte   geschieden.    Diesen 


38  W.  GEMOLL 

einheitlichen  Charakter  der  ahd.  Gedichte  beeinträchtigt  eine  einzelne 
Abweichung  wie  das  von  Haupt  viertactig  hergestellte  Gedicht  'Himmel 
und  Hölle5  nicht;  wollen  wir  ihn  aufheben,  indem  wir  für  die  zwischen 
9  0  und  1050  liegende  Zeit,  wo  freilich  für  vage  Combinationen  ein 
Feld  ist,  die  Ausbildung  des  viermal  gehobenen  Verses  statuieren,  der 
aber  dann  als  ohne  sichtbare  Spur  untergegangen  und  nur  in  seinem 
Zerrbild,  dem  Vers  der  Übergangsperiode  fortlebend  gedacht  werden 
muß?  Also  der  zwischen  drei  bis  sechs,  sieben  Hebungen  schwankende 
Vers  im  11.  und  12.  Jh.  geht  zurück  auf  die  achtmal  gehobene  Lang- 
zeile der  ahd.  Zeit. 

Natürlich  darf  man  daraus,  daß  der  in  Rede  stehende  Vers  nicht 
abgeleitet  werden  kann  aus  dem  Vers  von  vier  Hebungen,  nicht 
etwa  schließen  wollen,  daß  sich  letzterer  nicht  auch  finden  solle  unter 
jenen  räthselhaften  Versen  des  beginnenden  12.  Jhs.  Im  Gegentheil 
liefert  eine  genauere  Betrachtung  der  Gedichte,  die  in  solchen  gereimten 
Versen  von  drei  bis  sieben  Hebungen  geschrieben  sind,  das  Ergebniss, 
daß  die  Verse  von  vier  Hebungen,  zum  Theil  ganz  regelmäßig,  zum 
Theil  modificiert  und  verbildet,  sich  in  ziemlicher  Anzahl  vorfinden. 
Ein  gewiß  interessantes  Resultat  ist  hier,  daß  die  ältesten  Gedichte  die 
größte  Länge  der  Verse  erreichen,  daß  die  Zeilen  im  Lauf  der  Zeit 
immer  kürzer  werden  und  zuletzt  den  Versen  von  vier  Hebungen 
immer  ähnlicher.  Die  Schöpfung  (bei  Diemer  d.  Gedichte  S.  93 — 103) 
zeigt  noch  durchgehends  eine  weit  über  die  Vierzahl  der  Hebungen 
hinausgehende  Länge  der  Zeilen  und  erreicht  in  gar  nicht  seltenen 
Fällen  den  Umfang  der  Otfridschen  Langzeile.  Man  versuche  einmal 
Verse,  wie : 

da  sihit  ein  iglicher  nach  sin  selbis  wizenicheit 

an  denio  gotis  imo  selbimo  Hb  oder  leit 
als  Entartungen  aus  dem  Vers  von  vier  Hebungen  hinzustellen.  Die 
Schöpfung  gehört  noch  dem  11.  Jh.  an,  die  vier  Evangelien  von  der 
Wende  des  11.  und  12.  Jhs.  stehen,  was  die  Länge  der  Zeilen  betrifft, 
schon  nicht  mehr  mit  der  Schöpfung  auf  gleicher  Stufe,  die  Zeilen, 
welche  man  auf  den  Vers  von  vier  Hebungen  zurückführen  kann,  sind 
schon  nicht  mehr  so  selten;  in  einigen  der  späteren  Gedichte  aber,  wie 
z.  B.  von  des  todes  geliügede,  Pfaffenleben,  Gebet  zu  Gott  domine  labia 
mea  aperies  erkennt  man  schon  ganz  deutlich  den  Vers  von  vier  He- 
bungen als  das  Grundthema  für  die  freilich  mannigfachen  Variationen, 
bis  wir  später  bei  Wernher  sowie  in  dem  Alexander-  und  Rolandslied  die 
kurzen  Reimpaare  ziemlich   genau   und   regelmäßig  gebraucht   rinden. 


DER  VERS  VON  VIEE  HEBUNGEN.  39 

Fassen  wir  demnach  die  gewonnenen  Resultate  zusammen ,  so 
ergiebt  sich,  daß  die  rohd.  Langzeile  auch  erst  in  der  mhd.  Zeit,  im 
12.  Jh.  sich  findet,  die  Otfridsche  Langzeile  bis  950  herrscht,  von 
1050 — 1150  der  mit  Endreim  versehene  Vers  von  drei  bis  sechs  und 
sieben  Hebungen,  den  man  als  eine  Trübung  der  Otfridschen  Lang- 
zeile anzusehen  hat,  daß  also  Otfrids  Vers  in  seiner  reinen  oder  ver- 
dunkelten Gestalt  die  ganze  Zeit  von  Otfrid  selbst  bis  1150  umfasst. 
Für  den  Vers  von  vier  Hebungen  ergiebt  sich,  daß  er,  rein  gebraucht, 
im  12.  Jh.  auftritt,  daß  aus  dem  Vers  der  Übergangszeit,  den  wir  als 
eine  Verbildung  der  Otfridschen  Langzeile  fassen,  sich  allmählich  immer 
reiner  der  viermal  gehobene  Vers  herausbildet. 

So  der  Thatbestand.  Es  geht  nun  zunächst  daraus  hervor:  der 
Übergang  des  Reims  aus  dem  Binnen-  in  den  Endreim  fiel,  so  weit 
wir  sehen,  zusammen  mit  einer  laxeren  und  regelloseren  Handhabung 
der  achtmal  gehobenen  Langzeile.  Beide  Erscheinungen  müssen  mit 
einander  in  Zusammenhang  stehen,  da  sie  von  demselben  Ursprung 
ausgehen,  dem  mit  Binnenreim  versehenen  achtmal  gehobenen  Vers, 
und  an  eine  ruhige  Nebeneinanderentwicklung  beider  sowohl  der  Kürze 
der  Zeit  nach  als  wegen  des  Charakters  der  einen  Erscheinung,  der 
eine  Verbildung,  keine  Entwicklung  ist,  nicht  gedacht  werden  kann. 
Nun  kann  der  Übergang  des  Reimes  die  Verwilderung  der  Langzeile 
nicht  veranlasst  haben,  dafür  bürgen  uns  schon  die  Nibelungenverse, 
demnach  ist  der  Übergang  des  Reimes  eine  Folge  jener  Erscheinung. 
Wurden  die  acht  Hebungen  der  mit  Binnenreim  versehenen  Langzeile 
allmählich  nicht  mehr  streng  aufrecht  erhalten,  so  musste  bei  abnehmen- 
dem Verstau dniss  für  den  achtmal  gehobenen  Vers  derselbe  so  ein- 
schrumpfen und  verkrüppeln,  daß  ein  Binnenreim  gar  nicht  mehr 
möglich  war.  Der  Binnenreim  konnte  doch  bloß  bestehen,  wenn  die 
beiden  Hälften  der  Langzeile  o-;ill7,  genau  correspondierten;  schwand 
die  Gleichmäßigkeit  im  metrischen  Bau  derselben,  so  hörte  die  Gegen 
überstellung  auf,  die  beiden  Hüllten  näherten  sieh,  zwei  wuchsen  zu 
einem  Ganzen  zusammen.  So  war  es  natürlich,  da  man  die  Halbzeilen 
nieht  mehr  durch  den  Keim  sich  gegenüberstellen  und  binden  konnte, 
die  freilich  zum  Theil  bedeutend  verkürzten  Langzeilen  mit  einander 
zu  reimen;  also  das  Zusammenwachsen  je  zweier  Halbzeilen  zu  einem 
Ganzen  war  der  Grund  für  den  Bndreim. 

Demnach  da  'las  Nibelungenlied  zur  stehenden  Regel  für  Beine 
achtmal  gehobenen  Verse  den  Endreim  erhoben  hat,  so  darf  die  mhd. 
Langzeile  nieht  als  eine  Fortsetzung  der  Otfridscheu  betrachtet  werden, 
sondern  der  Poesie  des  12.  Jhs.,  die  den  im  Anfang  völlig  verdunkelten 


40  W.  GEMOLL 

Vers  allmählich  wieder  klärt  und  glättet  und  aus  ihm  einerseits  den 
Vers  von  vier  Hebungen  bildet,  andrerseits  die  Langzeile  des  Volks- 
epos, aber  jenen  eher.  Das  geht  hervor  aus  dem  Verhältniss,  in  welchem 
die  Nibelungenstrophe  zu  cdes  Kürenberges  wise'  steht:  sie  stimmen 
vollkommen  überein.  Wenn  nun  aus  Obigem  folgt,  daß  der  regelrechte 
und  kunstmäßige  Vers  des  Volksepos  etwa  so  gut  eine  Neuschöpfung 
ist,  wie  der  Vers  der  höfischen  Epen,  so  müsste  man  sich  schon  deß- 
halb  für  die  Autorschaft  des  Kürenbergers  entscheiden,  weil  für  eine 
allmähliche  Entwicklung  des  Verses  der  Volksgesänge,  der  bis  1150 
ohne  Zweifel  jener  Übergangsvers  war,  unter  den  Händen  der  Volks- 
sänger, kein  Platz  ist.  Gegen  das  Ende  des  12.  Jhs.  tritt  uns  dieser 
Vers  fertig  und  schon  sich  unter  das  Gesetz  einer  Strophe  schmiegend 
entgegen.  Zum  Überfluß  ist  der  Ausdruck  des  Kürenbergers: 
da  hört  ich  einen  riter  vil  ivol  singen 
in  Kürenberges  wise  al  uz  der  menigln; 
nicht  mißzuverstehen.  Demnach  schuf  dieser  Sänger  aus  dem  doppelt 
gesetzten  viertactigen  Vers  den  mhd.  Langvers  und  zugleich  die  Strophe, 
und  die  Sänger  des  Volksepos  nahmen  beide  an.  Sie  hatten  ihre  guten 
Gründe  dazu.  Seit  der  bis  in  die  2.  Hälfte  des  12.  Jhs.  hinein  auch 
für  Volksepen  gebräuchliche  viertactige  Vers  durch  feinere  Ausbildung 
unter  den  Händen  der  höfischen  Dichter  das  dem  höfischen  Epos  eigen- 
thümliche  Metrum  geworden  war,  seitdem  sich  die  höfische  Poesie  in 
Form  und  Stoff  von  der  bis  dahin  herrschenden  Volkspoesie  losmacht 
und  sich  über  sie  erhebt,  hat  mit  ihr  die  Volkspoesie  einen  Kampf  auf 
Leben  und  Tod  zu  bestehen.  Für  diesen  Kampf  nimmt  sie  die  von 
der  höfischen  Poesie  durchgeführten  Neuerungen  an ;  auch  ihre  Helden, 
die  ja  zum  Theil  uralt  sind,  tragen  das  höfische  Gewand  der  Ritter 
des  12.  Jhs.,  die  Sprache  des  Volksepos  ist  dieselbe  wie  die  der  höfi- 
schen Dichtungen,  und  im  Metrum  will  sie  sogar  ihre  vornehmere 
Schwester  überbieten.  Also  aus  dem  Verhältniss  zur  höfischen  Poesie 
heraus  ist  die  Annahme  der  Neuerungen  des  Kürenbergers  von  Seiten 
der-  Sänger  des  Volksepos  zu  erklären. 

Die  Frage  also,  ob  die  Langzeile  des  12.  und  13.  Jhs.  oder  der 
viermal  gehobene  Vers  aus  derselben  Periode  ursprünglicher  ist,  haben 
wir  so  erledigt,  daß  wir  beide  auf  den  verwilderten,  aber  mit  Endreim 
versehenen  Vers  zurücklciteten ,  den  wir  auf  der  Scheide  des  11.  und 
12.  Jhs.  vorfinden.  Um  aber  die  Frage  nach  der  Priorität  der  beiden 
Versarten  an  sieh  beantworten  zu  können,  müssen  wir  auf  den,  wie 
wir  oben  sahen,  höchst  wahrscheinlichen  Stammvater  jenes  verwilderten 
Verses  zurückgehen,  die  Otfridsche  Langzeile  und  überhaupt  die  ahd. 
Zeit,  um  so  weit  als  möglich  mit  unserer  Forschung  vorzudringen. 


DER  VERS  \n\  VIER  BEBUNGEN.  41 

Zunächst  wird  Otfrid  betrachtet  als  Schöpfer  des  Reimes  und 
muß  es  insofern  mit  Recht  gelten,  als  wir  vor  ihm*)  kein  gereimtes 
Dichterwerk  haben,  ja  der  noch  allitterierende  Heliand  wenige  Jahr- 
zehnte vor  Otfrid's  Christ  liegt.  Nach  ihm  aber  welche  Fülle  von  ge- 
reimten Gedichten,  ich  erwähne  nur  die  Übersetzung  des  139.  Psalms 
wellet  ir  gikoren  Daviden  den  guofen  und  das  Ludwigslied,  und  alle 
halicn  wie  Otfrids  Christ,  die  Längzeile  von  acht  Hebungen  mit  Binnen- 
reim. Das  ist  ohne  Zweifel  durch  den  Einfluß  des  großen  Gedichtes 
Otfrids  geschehen.  Den  Reim  nun  hat  Otfrid  höchst  wahrscheinlich 
aus  der  lat.  Hymnenpoesie  entlehnt,  obwohl  einzelne  Keime  auch  schon 
früher  in  deutschen  Gedichten  sich  finden,  wie  im  Hildebrandslied  dat 
sogetim  ml.  dsere  liiäi;  aber  das  kann  Zufall  sein.  Die  lat.  Hymnen- 
poesie hat  entweder  trochäisches  Maß,  wie  im  Lied  des  Venantius 
Fortunatus : 

Pange,  lingua,  gloriosi  |j  Proelium  certaminis 
oder  jambisches,  wie  bei  Hilarius  Pictaviensis : 

Lucis  largitor  splendide  |  Cuius  sereno  lumine  — 
und  dieser  jambische  Dimeter   ist  in    den    spätem  gereimten  Hymnen 
wohl  Regel,  wie  beim  Ambrosius: 

0  lux  beata  trinitas  |  Et  principalis  unitas  — 
und  bei  Gregor  I: 

Elex  Christe,  factor  omnium  |  Redemptor  et  credentium  — 

Aber  diese  troch.  oder  jamb.  Maße,  wo  regelmäßig  betonte  mit 
unbetonten  Silben  abwechseln,  im  deutschen  nachbilden  zu  wollen, 
konnte  Otfrid  doch  nicht  einfallen,  obwohl  seine  Strophen  von  zwei 
Langzeilen  —  daß  er  solche  Strophen  hatte,  steht  ja  durch  die  Initialen 
des  Widmungsgedichtes  fest  —  den  vierzeiligen  Strophen  der  Hymnen- 
poesie entsprechen;  er  würde,  wenn  er  auch  keine  klare  Einsicht  in 
die  verschiedenen  Principien  der  lat.  und  deutschen  Verskunst  hatte, 
doch  bald  die  Wahrnehmung  gemacht  haben,  welche  der  Dichter  des 
Pilatus  noch  im  12.  Jh.  macht:  Man  sagit  von  dutischer  zungen  sin 
$  unbetwungen,   ze  vuogene  herte.    Außerdem   kennte  ihm  der  Gedanke 


|i  !'  bauptung  bleibt  bestehen,  sollte  sich  auch  die  Vermuthung  Wüllen- 

hoffs  (Denkm.  S.  296)  bestätigen,  die  er  in  Betreff  des 'Christus  and  die  Samariterin 
betitelten  Bruchstücks,  Lesen  wir  th  macht:  „daß  d 

Gedicht  bis  in  die  Mitte  des  IX.  Jhs.  hinaufreichte  und  Otfrid  schon  bekannt  war.  ist 
sehr  wnhl  möglich."  Denn  doch  erst  Otfrids  groß)  •  Werk  brachte  diese  Art  zu  r< 
zu  Ansehen.  Übrigens  bleiben  die  Annahmen,  die  man  über  den  Ursprung  dieser  Reim- 
art macht,   dieselben,  ob  'Christus   und  die  Samaril  oder  nach  Otfrid  Lii 
denn  der  Verf.  jenes  Gedichtes  war  ja  auch  ein  Geistlicher. 


42  W.  GEMOLL 

einer  Langzeile  nicht  aus  der  lat.  Hymnenpoesie  kommen.  —  Aber  es 
gab  ja  schon  vor  Otfried  deutsche  Langzeilen,  wir  finden  sie  im  Wess. 
Gebet,  im  Hildebrandslied,  im  Muspilli  und  noch  deutlicher  im  Heliand, 
es  sind  dieß  die  Allitterationslangzeilen.  Daß  Otfrid  die  deutsche,  zum 
großeD  Theil  ja  noch  heidnische  Poesie  und  also  auch  den  Allitterations- 
vers  kannte,  ist  kein  Zweifel,  war  doch  sein  Zweck  die  cantilenas 
saeculares  zu  verbannen,  aber  natürlich  nur  in  Anlehnung  an  sie 
Besseres  an  ihre  Stelle  zu  setzen.  Direct  beweist  seine  Bekanntschaft 
mit  der  im  Volk  lebenden  Poesie  die  Entstehung  des  bekannten  Verses 
I,  18.  9  Thar  ist  lip  ana  tod,  Höht  ana  finstri  aus  dem  Muspilli;  denn 
daß  aus  Otfrid  dieser  Vers  nicht  in  das  Muspilli  übergegangen  sein 
kann,  beweist  die  Allitteration  in  demselben  und  die  Stellung  dieses 
reimlosen  mitten  unter  gereimten  Versen.  Solcher  allitterierenden,  nicht 
gereimten  Verse  giebt's  noch  einige  bei  Otfried,  wie  I,  5.  5 

floug  er  sunnun  päd  sterrono  straza, 
woraus  zunächst  die  Verwandtschaft  der  Otfridschen  mit  der  Allittera- 
tionslangzeile  hervorgeht,  dann,  da  Otfrids  gereimte  Langzeile  eine 
Neuschöpfung  ist,  der  Ursprung  der  Otfridschen  aus  der  Allitterations- 
langzeile;  dafür  darf  man  als  Beweismoment  auch  die  neben  dem 
Reim  sich  zahlreich  findende  Allitteration  verwenden,  wie  I,  5.  6  wega 
Wolkono  zi  deru  itis  frono.  Also  den  Reim  hat  Otfrid  aus  der  lat. 
Hymnenpoesie,  aber  den  Vers  aus  der  deutschen  allitterierenden  Poesie 
entnommen,  und  es  beruht  sein  Verdienst  darauf,  der  deutschen  Dicht- 
kunst, die  in  Gefahr  war  in  Allitterationsformeln  zu  erstarren,  durch 
den  Reim  ein  neues  Element  zugeführt  zu  haben,  ohne  doch  die  alte 
Grundlage,  die  Langzeile  von  acht  Hebungen,  umzustossen.  Wie  zeit- 
gemäß und  passend  diese  Neuerung  gewesen,  zeigt  ja  die  große  Menge 
von  Nachfolgern,  die  gleich  nach  Otfrid  denselben  Vers  handhaben.  Zu- 
gleich erkennt  man  nun  auch,  weßhalb  Otfrid's  Langzeile  Binnenreim 
haben  musste;  ist  ja  doch  die  Allitterationslangzeile  durch  die  Lied- 
stäbe in  sich  oder  in  ihren  zwei  Hälften  gebunden,  ohne  an  die  ihr 
folgende  Langzeile  sich  zu  kehren. 

So  ergiebt  sich  also,  daß  wir  gleich  im  Anfang  der  ahd.  Zeit  die 
Langzeile  finden,  und  es  scheint  damit  die  Untersuchung  über  die 
Ursprünglichkeit  zu  Gunsten  der  Langzeile  auszufallen.  Aber  um  ein 
volles  und  sicheres  Urtheil  zu  haben,  müssen  wir  auf  die  Allitterations- 
langzeile selbst  eingehen. 

Diese  besteht  je  aus  zwei  durch  den  Stabreim  verbundenen 
Hälften;  ob  man  diese  als  zwei  besondere  Verse  schreibt  oder  zu  einem 
vereinigt,  ist  für  unseren  Zweck   gleichgültig,    damit  wird    weder   die 


DER  VERS  VON  VIER  BEBUNGEN.  43 

Ursprünglichkeit  der  Langzeile  noch  des  Verses  von  vier  Hebungen 
dargethan.  Der  Regel  nach  erscheint  der  Stabreim  so,  daß  in  der  ersten 
Halbzeile  zwei  Liedstäbe  sind,  in  der  zweiten  der  Hauptstab;  aber  daß 
jede  Halbzeile  ursprünglich  zwei  Liedstäbe  hatte,  beweisen  nicht  bloß 
die  zahlreichen  Verse,  wo  wir  vierfache  Allitteration  in  der  Langzeile 
haben,  sondern  grade  die  Regel,  daß  wir  dreifache  Allitteration  haben 
sollen,  die  doch  schwerlich  die  ursprünglichste  Art  zu  allitterieren  war, 
vielmehr  aufgestellt  scheint,  um  dem  aus  den  beiden  Hälften  gebildeten 
Ganzen  ein  mehr  einheitliches  Gepräge  zu  geben,  die  Spur  der  Zu- 
sammensetzung zu  verwischen.  Hierzu  ist  ein  treffendes  Analogon  die 
Nibelungenstrophe,  welche  die  zweite  Hälfte  des  achtmal  gehobenen 
Verses  so  eigentümlich  verändert  hat,  um  sie  von  der  ersten  zu  unter- 
scheiden. Die  Liedstäbe  liegen  nun  stets  auf  gehobenen  Silben;  aber 
wir  haben  in  den  Liedstäben  nur  die  Haupthebungen,  wie  die  Zusammen- 
stellung von  Allitterationsversen  und  eigentlich  Otfridschen  im  Christ 
und  Otfrid's  Vers  selbst  beweisen,  der  ebenso  zwei  Haupthebungen  — 
die  Handschriften  bezeichnen  sie  ja  durch  Accente  über  den  Silben  — 
in  jeder  Halbzeile  hat.  Da  nun  Otfrid  ganz  genau  die  Halbzeile  von 
vier  Hebungen  beobachtet,  so  muß  auch  für  die  Allitterationslang- 
zeile  eine  Achtzahl  von  Hebungen,  vier  für  die  Halbzeile  angenommen 
werden. 

Daß  aber  an  eine  ursprüngliche  Langzeile  in  der  alliterierenden 
Poesie  nicht  zu  denken  ist,  ergiebt  sich  aus  einer  näheren  Betrachtung 
des  liodahättr,  jenes  namentlich  bei  den  mythischen  Gedichten  der 
Edda  gebrauchten  Versmaßes,  das  gewöhnlich  besteht  aus  zwei  II ;i  1 1  >- 
Strophen,  deren  jede  aus  zwei  durch  Allitteration  verbundenen  Halb- 
zeilen sich  zusammensetzt,  worauf  eine  dritte  selbstständige  folgt  — 
entsprechend  der  in  der  eigentlich  deutschen  Metrik  bekannten  „Weise". 
Nun  wird  dieser  für  sich  bestehende  Vers  oft  durch  eine  Verdopplung 
der  Liedstäbe  der  Langzeile  gleich;  man  bildet  also  Langzeilen 
noch  in  der  uns  vorliegenden  Form  der  Eddalieder  aus  der  Ealbzeile. 
Andrerseits  reimen  manchmal  die  dem  Metrum  nach  zu  einander  ge- 
hörenden  Halbzeilen  nicht  mit  einander,  sondern  für  sieh  allein,  wie 
Hävamäl  79,  143.  (bei  Lüning) 

Rfinar   tmuit   jnl  jinnn 

6k  rädna  stafi, 

miök  stdra  stafi, 

mieik  stimm  stafi, 

er  fadi  fimbulpulr 

6k  gördu  yinnregin       !  zweite  Balbstrophe. 

ok  reist  hroptr  rögna 


erste  Balbstrophe. 


44  W.  GEMOLL,   DER  VERS  VON  VIER  HEBUNGEN. 

Die  beiden  Hälften  der  Langzeile  stehen  sich  hier  selbständig  gegen- 
über. Diese  eben  angeführte  Bildung  von  Langzeilen  und  dieß  Zer- 
fallen derselben  in  zwei  selbständige  Hälften  müssen  doch  wohl  als 
wichtige  Zeugnisse  für  den  Ursprung  der  alliterierenden  Langzeile  an- 
gesehenwerden: sie  gieng  hervor  aus  zwei  für  sich  allitterierenden 
Halb zeilen,  woraus  man  weiter  eine  ältere  Periode  der  deutschen 
Dichtkunst  folgern  darf,  in  welcher  die  Allitteration  durchgehends  auf 
einen  Vers  beschränkt  war.  Da  ist  die  Allitteration  also  nur  Verschöne- 
rungsmittel, erst  später  wird  sie  Bindemittel  für  den  Vers.  Natürlich 
wurde  sie  aber,  wie  jeder  Schmuck  dem  zu  Schmückenden  gegenüber 
das  posterius  ist,  erst  aufgetragen  auf  den  Vers  von  vier  Hebungen, 
der  ja,  wie  wir  oben  sahen,  den  zwei  Liedstäben  der  allitterierenden 
Halbzeile  zu  Grunde  liegt.  Also  ist  der  Vers  von  vier  Hebungen  der 
ursprüngliche  deutsche  Vers*),  denn  mit  der  Allitteration  sind  wir  bis 
in  die  ältesten  Zeiten  deutscher  Poesie  vorgedrungen,  und  der  für  sich 
allitterierende  Vers  von  vier  Hebungen,  sowie  der  noch  frühere  Vers 
von  vier  Hebungen  ohne  Allitteration  entziehen  sich  schon  der  histori- 
schen Forschung. 

Der  Entwicklungsgang  dieses  von  uns  erschlossenen  Verses  von 
vier  Hebungen  ist  also  folgender:  Er  wird  mit  Allitteration  versehen, 
dann  durch  dieselbe,  welche  sich  über  zwei  Verse  hin  erstreckte,  zu- 
nächst mit  vier,  dann  drei  Liedstäben,  zur  Langzeile  erweitert;  durch 
Otfrid  mit  Binnenreim  versehen,  bildet  er  in  der  ahd.  Zeit  das  alleinige 
Maß.  Aus  der  Zeit  der  Verwilderung  der  Langzeile  im  11.  Jahrh.  geht 
allmählich  der  Vers  von  vier  Hebungen  hervor  als  eine  Neuschöpfung 
und  wird  von  den  höfischen  Ependichtern  in  der  mhd.  Zeit  adoptiert. 
Aus  diesem  und  im  Gegensatz  zu  diesem  Vers  schuf  das  Volksepos 
die  Langzeile  und  die  vierzeilige  Strophe. 

PYRITZ.  W.  GEMOLL. 


*)  Von  diesem  Punkte  aus  gewinnt  das  viertactige  aber  nicht  gereimte  noch 
mit  Allitteration  versehene  Gedicht  'Himmel  und  Hölle'  ein  eigenthümliches  Licht;  es 
ist  wohl  zu  betrachten  als  eine  Spur  des  Verständnisses  für  den  Ursprung  des  deut 
sehen  Verses,  das  bei  einzelnen  Geistlichen  auch  in  der  Zeit  der  größten  Verwilderung 
der  d.  Verskunst  lebendig  blieb.  Damit  schließt  es  sich  an  das  Lied  nunc  almus  assis 
filius  thero  h&gero  tliicriu'ni,  das  die  Behauptung  von  der  Zusammensetzung  der  ahd. 
Lauo-zeile  und  damit  der  d.  Langzeile  überhaupt  aus  zwei  viertactigen  Versen  auf's 
deutlichste  bestätigt;  denn  wäre  eine  so  schroffe  Theilung  der  Langzeile  möglich  ge- 
wesen, wenn  dieselbe  im  Bewusstsein  unserer  Väter  ein  ursprüngliches  Ganzes  ge- 
bildet hätte? 


P.  BECH,  ZERSTREUTE  BEITRÄGE.  45 

ZERSTREUTE  BEITRÄGE. 

VON 

FEDOR  BECH. 


Umbe  tnon. 
Magdeburger  Schöppenchronik  294,  7  steht:  se  Ugen  vor  der  stad 
taol  veir  wehen,  se  blef  doch  ungeumnnen,  se  xoolden  sik  6Je  nicht  »mime 
ili'm;  dazu  bemerkt  der  Herausgeber  Janicke:  „was  heißt  das?  Sie,  die 
Belagerer,  wollten  sich  nicht  nach  anderer  Hülfe  umthun,  umsehen?" 
Dieß    bedeutete  sich  umme  dun  nicht,   wie  folgende  Beispiele  darthun. 

Livl.  Reimchron.  ed.  Pfeiffer  5823  den  wart  geoffenbäret ,  duz  sich 

diu  lant  geMche  Haften  alle  umbe  getan,  Die  in  zu  helfe  seilten  stän\  — 
6118  in  was  dd  von  herzen  leit,  Daz  diu  reine  Christenheit  In  ir  lande 
hate  behalt:  Sich  tet  umbe  junc  und  alt,  Sivaz  der  Oeselaere  .was\  — 
Johannes  von  Posilge  ed.  Voigt  u.  Schubert  S.  37:  item  in  desim  järe 
tetin  sich  umme  die  stete  von  Lamparthen  unde  Ytalien  von  den  Römern, 
den  sie  doch  vor  undertänig  wb\en\  —  54  (Überschrift:  Withaud  tat  sich 
um  mal  vorryt  dese  hüser  u.  s.w.).  Dornoch  Lore::!  ich  in  täte  sich  Wytowt 
umme  mit  den  Sammogyten  u.  s.  w. ;  —  85  icend  her  itezunt  den  willen 
hatte,  das  her  sich  abir  umb  wolde  thün  von  den  Mrin\  —  291  dö  wart 
papa  Johannes  umgetan  unde  wedirwendig,  wy  wol  her  sich  deme  conciliö 
unde  den  cardinalibus  hatte  vorschrebin.  An  diesen  Stellen  ist  sich  umme 
tnon  so  viel  als:  sich  um-  oder  abwenden,  seinem  Herrn  oder  seiner 
Partei  den  Rücken  kehren,  von  einem  abfallen,  abtrünnig  werden; 
vergl.  umbe  tnon  im  mhd.  Wb.  III,  141",  39  folg.,  einen  von  seiner 
Meinung,  seinem  Glauben  abbringen,  ihn  abtrünnig  machen;  dazu  noch 
Ludus  de  beata  Katerina  (Stephan,  Stoffliefer.  II,  1G4):  is  hefte  der 
fungiste  mndir  wän  Su  mit  kunsten  ivol  umme  getan  \  Schwester  Mech- 
thild  ed.  Morel  S.  136  si  werdent  alsd  sere  verhört,  daz  sie  nieman  mit 
Worten  umbe  getuon  kan\  Georg  4888  e  man  die  helde  umme  getuo,  ez 
mohte  sorge  hän  dar  zuo. 

Sich  triegen  üf  ein  •' 
Zunächst  verweise  ich  in  Betreff  dieser  Redensari  auf  ad.  Quellen. 
So  die  Magdeb.  Schöppenchronik  247,    18  de  deken  van  mnte  Nicolaus 

schüicrfr    ,',l:   de    riil manne    nicht,     eft    sr    sulcu    dar    la'mtn,     und   drncli    sil: 

Uji  sine  holen  im  knüppele]  im  Glossar  dazu  ist  nichts  darüber  ver 
merkt;  auch  anderwärts  findet  man  nichts  darüber  außer  bei  Scham- 
bach 4T  seh  dm/,  dreigen,  Bich  thörichter  Weise  darauf  verlassen;  vgl. 


46  F.  BECH 

auch  Reinke  de  Vos  4751  se  dregen  sik  mest  up  ere  sterke  und  dazu 
das  Wörterb.  in  Hoffmanns  Ausgabe  S.  195.  Der  Ausdruck  lässt  sich 
aber  auch  aus  md.  Quellen  belegen,  so  aus  Nie.  von  Jerosshin  2207 
der  gotis  wigant  —  mit  strite  überwant  Amalech  die  roten  e,  Di  in  vrevele 
wilde  Sich   trogin  uf  ire  Schilde  =■  Judith  ed.  Vulg.  4,  13  Amalec  con- 

ßdentem  in  virtute  sua et  in  clypeis  suis;  Jerosch.  14823  di  her  — 

herber ge  vingin  Und  ir  gezelt  ufhingin  Sich  triginde  uf  ire  macht ;  16582 
er  troc  sich  uf  den  solt,  Der  di  herrin  machit  holt,  Di  nicht  recht  ir 
witze  hän;  Alsfelder  Pass.  ed.  Grein  4683. 

Regal. 
Magdeb.  Schöppenchron.  319,  22  {de  borgere)  geven  om  (dem  Erz- 
bischof Günther)  regäl  und  confect  üt  der  apoteken  und  schenkeden  om 
icin\  im  Glossar  wird  zu  regäl  bemerkt:  „(kostbare)  Bewirthung  oder 
besondere  Art  von  Leckerbissen".  Daß  es  nur  das  letztere  bedeuten 
kann,  ergiebt  sich  aus  der  vorliegenden  Stelle  sowohl  wie  aus  den 
folgenden:  Urkundenbuch  der  Stadt  Göttingen  ed.  G.  Schmidt  =  Urk. 
des  histor.  Ver.  für  Niedersachsen  Heft  VII,  1867,  S.  370  (a.  1491): 
do  gingk  uppe  biddent  des  rädes  hertoge  Wilhelme  wedder  uppe  de  dorn- 

izen >  unde  de  rädt  —  —  leydt  ome  do  schencken  int  erste  backen 

erüdt  unde  daruppe  cläret  unde  wyn,  darnä  regall  unde  daruppe  averst 
claret  unde  win  u.  s.  w.;  ebenda  S.  382  (a.  1497):  under  deme  dantze 
hefft  de  räd  to  deme  fursten  unde  furstinnen  geschicket,    se  gebeden  leiten 

mitsampi  oren  güden   lüden uppe  de  räd  dorntzen  to  komen,   unde 

hefft  one  de  rädt  backen  erüth,    regal,    vorsulvert  tabulät,    rosßyn  unc'e 

ehirbrot,    darto   claret,    must  unde  fernewin  unde  Emb.  beir läten 

vordragen  unde  schenken;  —  bei  einer  ähnlichen  Gelegenheit  verbrauchte 
man  a.  1497 — 98  aus  der  Apotheke  10  $.  regals  unde  tabulätes  vor- 
sulvert unde  anderes  backen  erüd  ebenda  S.  383  Anm.;  —  Alteste 
Statuten  von  Görlitz  395,  26  —  34  (15.  Jahrh.):  als  denn  vormals  man- 
cherley  unfdr  by  den  fravoen  ader  junefrawen   bylegen  gescheen  ist,    und 

doselbist ggote  zeu  missebUung  und  einem  gemeinen  gutte  zeu  merek- 

lichenn  schaden  tewrbar  confeckt,  regal  und  obirzcogen  zucker  vorstreicet 

und  zübracht ist,  wil  der  rät  mit  wissin  eldsten  und  gesworn,  das 

fort  mer  nymand  by  solichen  bylegin  eyngerley  confeckt,  regal,  obirzcogen 
zvekir  adir  wy  das  gethän  wer  gebin  ader  vortragen  sulle.  Daß  das  frag- 
liche Wort  einen  Leckerbissen  bezeichnete,  mit  dem  man  Jemanden 
zu  regalieren  pflegte,  ist  somit  klar.  Fraglich  aber  ist  es,  ob  dieser 
von  regaler,  regalare  (Dietz,  Etym.  Wörterb.  I,  345)  seinen  Namen 
hatte   und  nicht  vielmehr  von  jenem  regal,    das  bei  Cornelius  Eil.  ed. 


ZEHSTREUTE  BEITRÄGE,  47 

Hasselt  525  mit  arsenicum,  auripigmentum,  et  aconitum,  vulgo  realgarum, 
et  risagattum  erklärt  wird;  vgl.  fr.  reagal  realgal  realgar,  Rauschegelb; 
und  Nemnich  III  1165;  Diefenbach  Gloss.  Lat.  Germ.  510°  s.  v.  san- 
daraca.  Vielleicht  war  das  Confect  damit  überzogen,  gleichwie  man 
vorsulvert  tabulät  hatte? 

Wapentüer. 

Magdeb.  Schöppenchron.  161,  26:  markgreve  Otte  ivart  gevangen 
und  mit  ome  dreihundert  riddere  und  knechte,  de  men  dö  wapentnre  heit\ 
ebenso  in  dem  Urkundenbuch  des  Klosters  Arnsburg  aus  dem  Jahre 
1326  bei  Baur  384,  586:  wir  Johan  Eydesel  ryther  und  scheffen  der 
stad  zu  Grünenberg  grüzen  vnd  byden  dinest  hern  Franken  von  Linden 
eime  rither  vnd  Hartmüde  von  Clethenberge  eime  loepintüre,  das  die  herren 
von  Arnsburg  und  Kraft  von  Rudenhüsen  ein  wepintüre  aller  ere  sache 
mit  ein  gesünt  smf;  ferner  in  einer  Urkunde  des  Rathes  der  Stadt  Halle 
a.  1324  bei  Dreyhaupt,  Beschreibung  des  Saalkreyses  I,  55:  .beyde  die 
icapentüren  unde  wie  bürgere  under  eynander\  endlich  Cornelius  Kilianus 
ed.  Hasselt  787  wapentüer,  egues  cataphractus ,  armiger.  Schwierigkeit 
macht  die  Ableitung  der  zweiten  Hälfte  des  Wortes  -tüer,  -iure.  Darf 
man  dabei  an  einen  Ausdruck  wie  icäpen  tuon  denken,  entsprechend 
dem  französischen  faire  oder  tirer  des  armes,  sich  in  den  Waffen  üben? 
vgl.  auch  den  Ruf  tuo  her  den  schilt!  tuo  her  sperä  sperl  bei  Ulrich 
v.  Liechtenstein  457,  27;  458,  4;  oder  ist  es  eine  Umdeutung  von 
armiduetor?  dem  Sinne  nach  ist  es  wohl  gleich  ivapenaere,  vergl. 
Schneller  IV,  121  und  mhd.  Wb.  III,  458. 

A  beziere. 
Bei  Ebernand  von  Erfurt  heißt  es  V.  3731-34: 

die  hosen  abietere 

manege  wcb'e  mere 

leeren  zeiner  lugene 

und  sprechen  ez  si  ein  trvgene; 
das  Wort  abietere  —  so  schreibt  die  Handschr.  nach  Bechsteins  aus- 
drücklicher Angabe  für  das  in  den  Text  gesetzte  abetiere  —  habe  ich 
früher  (im  fünften  Band'-  dieser  Zeitschrift  S.  501)  als  Abjetere,  Abjä- 
thaere  gedeutet.  Inzwischen  aber  haben  mich  andere  Stellen,  die  mir 
l><-i  meiner  Leetüre  aufgestossen  sind,  eines  andern,  wenn  nicht  eines 
bessern  belehrt.  Am  Schluß  von  Heinrich  Heslers  Apokalypse  (V.  2l>L'T  I 
folg.  nach  F.  K.  Köpke  in  v.  d.  Ilagens  Germania  X,  102)  steht  nämlich: 
so  werde  dem  abezn'rc  rjnt  grhaz,  machende  lere  in  des  lebenden  buche»  teil\ 
bei  Daniels  und  Gruben  in  der  Glosse  zum  Sachs.  Weichb.  221. 
so  rvere  is  nicht  ein  märer,  sundern  ein  abesfihir\  ferner  finde  ich  in  der 


48  F.  BECH 

Chronik  des  Joh.  von  Posilge  ed.  Voigt  u.  Schubert  S.  252  (=  Scrip- 
tores  rer.  Pruss.  III,  330)  und  S.  301  (=  Script,  r.  Pr.  III,  357) 
den  Namen:  meister  Johannes  Abeczier,  doctor  utriusque  juris,  prdbist 
czur  Vroweriburg;  damit  vergleiche  man  das  Leben  der  H.  Dorothea 
von  Joh.  Marienwerder  II,  23  (=  Scriptores  rer.  Pruss.  II,  263),  wo 
das  lat.  comes  mit  miteczier  verdeutscht  ist:  unsir  herre  Jhesus  Cristus, 
cd  ires  iveges  ein  gnadenreicher  miteczier ;  ferner  uf zieher,  ofziher  = 
Münzen wäger,  in  dem  Zeitzer  Programm  von  1870  (Die  bischöflichen 
Satzungen  über  das  Eidgeschoss  in  Zeitz)  S.  16  Z.  11;  Urkundenbuch 
der  Stadt  Leipzig  von  Fr.  v.  Posern-Klett  I,  no.  483.  Hiernach  wird 
es  doch  sehr  wahrscheinlich,  daß  bei  Ebernand  abeciere  —  abeziere  im 
Original  gestanden  hat,  d.  i.  detractor,  ganz  in  Übereinstimmung  mit 
der  lateinischen  Vorlage  des  Dichters:  forte  et  illud  detractoribus  fabu- 
losum  et  inßdelibus  incredibile  putabitur.  Vergl.  Diefenbach  Gloss.  177° 
detractor,  abezerrer;  dafür  abertzer,  abrisser  in  des  Teufels  Netz  12868 
(Var.  BC)  und  bei  Conr.  v.  Megenb.  232,  17. 

Härgeplocke. 
Leben  der  H.  Elisabeth  ed.  Rieger  2345  folg. 

/Si  zugete  manic  lachen,  (Tuch  von  Wolle) 

Hi  von  si  wolde  machen 

Doch  äne  härgeplocke 

Minren  brüdern  rocke 

Unde  anderen  heiligen  kinden, 

Wä  si  di  künde  finden, 

Den  si  allen  kleider  gap, 

Di  man  irzügete  unde  wap 

Uz  ir  reinen  arbeit. 
Hierzu  ist  im  Glossar  über  äne  geplocke  S.  380  vermerkt:  „ohne  Haar- 
gepflücke,  also  keine  eigentlichen  haerin  geioant,  aus  denen  man  die 
hervorstechenden  Haare  pflücken  kann.  Oder  härgeplocke?  d.  i.  ohne 
daß  sie  har  vom  Rocken  zu  pflücken  brauchte,  da  sie  nach  6978  f. 
keiuen  Flachs  spinnen  konnte".  Daß  unter  geplocke  nicht  „Pflücken" 
gemeint  ist,  sondern  daß  man  an  ein  Collectivum  von  plocke,  jener 
hessischen  Form  für  vlocke  flocke  nach  Vilmar  Idiot.  304,  zu  denken 
hat,  scheint  mir  aus  folgenden  Stellen  hervorzugehen:  Bei  Boehmer, 
Urkundenb.  von  Frankfurt,  S.  636,  in  den  dort  verzeichneten  Gewohn- 
heiten der  gewandmecher  aus  dem  J.  1355  heißt  es:  wo  man  ein  düch 
rindet  mit  lytzen,  daz  da  wurde  gemachit  mit  schroden  adir  von  dromen 
adir  von  plocken  adir  von  wlzseme  garn  gebözsirt,   daz  düch  sal  sin  vir- 


ZERSTREUTE  BEITRÄGE.  .'i<! 

hrn ;  —  in  den  Innungstatuten  der  tückmecher  (oder  icullenweber)  czu 
Friberc  bei  Schott  Samml.  zu  den  d.  Land-  und  Stadtrechten  III,  292: 
welch  man  begriffen  wirt,  daz  her  valsche  (Hs.  walsche)  tüch  also  von 
hären  adir  von  vlocken  hat  läzen  machen,  dye  seibin  tüch  sal  man  vor 
dy  burger  brengen:  leisen  denne  dye  burger  mit  den  meistirn,  daz  dye  tüch 
valsch  (Hs.  v  unde  ungerecht  sint,  so  sal  man  dye  tüch  vorbomen, 

unde   icas  pyne   adir   buze   der  feischer,    der  dy  tüch  höt   läzen  machen, 
dorvmme  sal  liden,  daz  sal  sten  czu  der  burger  unde  meistir  genäden;  — 
Lambert,  Die  Rathsgesetzgebung  der  freien  Reichstadt  Mühlhausen  in 
Thüringen  S.  119:  wer  här  odir  pflockin  mischete  odir  mengete  czu  wollen 
tüch  dar  üz  czu  machene,  der  vorläset  zwo  marg\  —  Rössler,  Die  Stadtr. 
von  Brunn  S.  366  (108):  Von  valschem  tuech:  wo  man  ein  tüch  vail  vintf 
da  här  czu  genumen  ist,  daz  schol  man  pruen\  —  Ortloff,  Das  Rechtsb. 
nach  Distinctionen  S.  291:  daz  ist  ein  gemeine  geseeze:  kein  Fleming  sal 
sine   icollen  felschen  w edder  mit  höre  noch  mit  phluchen  (Varr.  phloken, 
flehen,  wollen)  noch  mit  keinerlei  unt ad \ — in  den  Jahrbüchern' Johannes 
von  Guben  26,  31 :  mit  flockeng eic and e  und  mit  andern  falschen  geioande, 
daz  man  macht  mit  wolle  und  mit  flokken\  —  12,  22  folg.   iz  hatten  die 
tüchmecher  in  dirre  stat  (Megdeburg)  XV  vlockyner  tüch  uf  gehalden,  dl 
ii  eynes  burgers  in  dirre  stat:  daz  selbe  gewant  brauten  di  tüchmecher 
uf  dem  markte  al  czu  möle.    Dazu  vergleiche   man  das  Sprichwort  här 
under    wolle    slahen    oder    mischen    bei  Berthold    ed.  Kling  S.  40    und 
J.  Grimm  Kl.  Schriften  IV,  332  nebst  Zarncke  zu  Seb.  Brants  Narrensch. 
100,  19.    Über  flocke  pflocke  plocke  ist  nachzusehen  Diefenbach  Gloss. 
s.  v.  t Omentum  587"  und  s.  v.  lana  facta,  plocktvollen  317%  Frisch  I,  278°, 
wo  sich  flocke,  pflocken,  pflockentuch  aufgeführt  finden;   dasselbe  meint 
Hermann  von  Bibera  bei  Kirchhoff,  Die  ältesten  Weisthümer  der  Stadt 
Erfurt  113  (208)   unter  fructibus  (frustibus?)   seu   particulis  pannorum, 
quae  eiduutur  inter   cameras- pannieidarum,    apud  beckinas  seu  moniales 
s,  n  d!i,is  ad  tunicas,  tochas  seu  alia  vestimenta.   In  der  oben  angeführten 
Stelle    der  Elisabeth  verstehe  ich  hiernach   unter    härgeplocke  das  Ein- 
mengen,   die   falsche  Zuthat    von  Haarflockeu :     Elisabeth    lieferte   viel- 
mehr nur  reine  arbeit,  wie  es  weiter  unten  in  V.  2353  heißt. 

Arm,  m.  =  Ärmel. 
Elisabeth   ed.   Rieger  865:    biz  dar  dt  junefrouwe  nit  enpflac, 
s'i  ir  arme  prfoete]    hier  ist.  wie  der  Herausgeber  selber  bemerkt,   das 
bei  Dietrich  von  Apolde    stehende   manicas    mit    arna    wiedergegeben; 
auch  in  V.  7009  ei  hatte   ouch   lutzel  rücl  ermel  wären  Zeri 

<hr  vi!  clären  bieten  die  Handschriften  Aa  arm    statt  des  in  l>  stehen- 

QEEMAN]  \     '■  MI.  (XIX.)  Jutarg.  4 


50  F.  BECH 

den  ermel.  Vgl.  Boehmer  Urkundenb.  von  Frankfurt  S.  624  (a.  1352) 
ez  ensal  unsir  keiner  diekeinen  andirn  arm  dragen  dan  alse  der  rock  ist. 

Gerjen  (Gergen,   Gerigen,  gerwen,  geren). 
Elisabeth  3416  folg. 

Der  reine  herre  wol  gedän 

Bat  nü  den  arzet  machen 

Nach  früntlichen  Sachen 

Ein  edel  lattewerjen: 

Di  hiez  er  starke  gerjen, 

Daz  si  in  mochte  reizen 

Und  innerliche  heizen. 
Was  soll  und  kann  hier  gerjen  bedeuten?  Wenn  man  die  Lesarten 
betrachtet,  in  welchen  gereicen,  gerwen,  gerben  als  auf  lattewerien,  lacte- 
wergen,  lattewarien  gereimt  aufgeführt  werden,  so  kann  man  als  Reim 
zu  lattewerjen  oder  lattewergen  (lattewerigen)  nur  eine  Form  wie  gerjen, 
gergen  (gerigen)  für  möglich  halten;  von  ungenauen  Reimen  findet  sich 
sonst  bei  dem  Dichter  keine  Spur.  Im  Glossar  37 7b  ist  nun  dieses 
Wort  als  diabetische  Nebenform  zu  gerwen  im  Sinne  von  „zurecht 
machen"  gefasst,  welches  wie  gerjen  oder  garjen  (ahd.  garaiejan)  aus- 
gesprochen worden  sei.  Von  einer  solchen  Aussprache  werden  sich, 
zumal  in  md.  Dialecten  und  gerade  bei  diesem  Worte,  kaum  analoge 
Beispiele  auffinden  lassen.  Mich  hat  der  Zusammenhang,  in  welchem 
gerjen  hier  gebraucht  ist,  auf  eine  andere  Ableitung  geführt,  und  zwar 
auf  geren  gerjen,  gerigen,  ahd.  jerian,  gerian  (Graff  I,  611)  =  fermentare 
von  jesen,  fermentescere,  neben  geren  ist  die  Form  gerwen  noch  bekannt. 
Dazu  vergleiche  man  Erlösung  3867  folg.,  wo  es  von  Johannes  dem 
Täufer  heißt:  keinen  vom  der  herre  d/i^anc,  Bier  noch  onch  keinen  mete 
Und  swaz  genoen  ie  gedete:  Honic  az  der  wise  u.  s.  w.  Gerwen  ist  hier 
die  Lesart  der  Prager  Handschr.,  wofür  in  der  Nürnberger  ieman  steht; 
es  kann  nur  gähren,  aufregen,  berauschen  bedeuten.  Ferner  Nürn- 
berger Polizeiordn.  ed.  Baader  S.  212  ez  ist  auch  gesetzet,  daz  ein  iec- 
lich  breuwe,  sxoenne  er  breuwet,  sol  daz  gantze  brauioe  in  einer  kfifen  mit 
einander .  geren;  hier  hat  geren  den  Sinn  von  gähren  lassen.  Während 
in  der  Stelle  der  Erlösung  dem  Johannes  aufregende  Getränke  ver- 
boten werden,  soll  im  Gegentheil  in  unserer  Stelle  die  Medicin  gähren- 
der  Natur  sein  und  dadurch  eben  zur  Lust  reizen.  Die  Frage  ist  nur 
noch,  ob  man  gerjen  gerigen  als  archaistische  Form  neben  geren  (wie 
nerigen  nergen,  werigen  irergen,  herigen  hergen  neben  neren  iceren  heren) 
in  so  später  Zeit  wie  die,  in  welche  die  Elisabeth  fällt,  gelten  lassen 


ZERSTREUTE  BEITRÄGE.  51 

kann;  oder  ob  man  nicht  vielmehr  an  eine  Ableitung  von  dem  Adjec- 
tivum  geric  (cfr.  gerbig,  gerwig  bei  Konrad  von  Megenb.  354,  28; 
gärickt,  eßervescens,  feculentus  bei  Stieler  I,  609;  obergährig,  undergährig 
Bier  im  heutigen  Düringeu  und  anderwärts)  zu  denken  hat,  also  an 
gerigen  =  geric  machen?  vgl.  horgen  =  horwegen,  horwee  machen  und 
andere  analoge  Bildungen. 

Jämer  sehen  (schouwen) 
ist  ein  seltener,  bisher  wenig  belegter  Ausdruck.  Er  findet  sich  in  der 
Elisabeth  5959,  da  wo  von  der  Ankunft  der  Leiche  des  Fürsten  die 
Rede  ist:  auch  wären  zu  der  selben  not  Des  lantvolkes  michel  schar  Von 
den  dorfen  kamen  dar,  Dl  alle  jämer  sähen  u.  s.  w. ;  ebenso  in  der  Er- 
lösung ed.  Bartsch  4793;  der  heilant  wart  gerecket,  Gesperret  und  ge- 
strecket An  des  erfices  arme  iesä.  Daz  volc  sach  allez  jämer  da  (wo  allez 
mit  volc  zu  verbinden  ist);  ferner  in  der  Ravennaschlacht  984:  si  be- 
gründen jämer  schouwen,  Ir  clage  was  vreissam',  endlich  bei  Muscatblut 
ed.  Groote  30,  79 — 80:  Adam  und  Eva,  spricht  Muscatplüt,  Mussten  dd 
(Handsohr.  den)  jämer  schouwen  j  dazu  vgl.  noch  Pass.  H.  74,  30  in 
dirre  jämer schouxoe.  In  allen  hier  aufgeführten  Stellen  muß  jämer  sehen 
oder  schouwen  den  Sinn  haben:  Jammer  aus  den  Augen  blicken  lassen, 
den  Anblick  oder  das  Bild  des  Jammers  gewähren;  vgl.  das  griechische 
(fößov,"s4Qt)v,  uttlötiuv  ßkbxtiv ,  daÖOQxivat  und  xa/.u,  ohe&QOv  oö- 
öeo&cci  (Bernhardy,  wiss.  Syntax   der   griechischen  Spr.  S.  110 — 111). 

Mit  lichten  vorscheiten  und  mit  der  glocken  vorlüden. 
Magdeburger  Schüppenchron.  414,  3:  ein  barvdteribrdder  von  sante 
Franeisous  strich  —  —  tip  den  predingstdle  und  dede  Gersike  dm  ketter 
mit  stuer  selschop  to  banne  vnd  vorschot  de  mit  lichten  und  vorludde  se 
mit  der  glocken  und  predigede  und  anherdede  <l<tt  volk  dai  crücze  an  to 
nennende  jegen  de  ketter\  darüber  ist  im  Glossar  S.  477  unter  vorschoten 
(?  vielmehr  rorsrhriten  stv.  anzusetzen)  vermerkt:  „vorschöi  de  mit  lichten 
löschte  die  Lichter  aus?"  und  unter  vorluden  ebenda:  „und  vorludde 
on  mit  der  glocken  wohl:  durch  Glockengeläute  der  Gemeinde  den  Bann 
bekannt  machen".  An  beiden  Stellen  isl  das  Richtige  niohl  getroffen. 
Was  das  erstere  zu  bedeuten  hatte,  konnte  der  Herausgeber  aus 
Frisch  II,  180'  oder  aus  Oberlin  S.  1768  und  S.  928  erfahren,  wo 
..rrrsrhi, ,.<,  n  mit  Lichtern"  erklärt  isl  durch  candelas  projiciendo  excom 
muniaaMonem  indicare.  Noch  ausführlicher  aber  bat  die  Sache  Haltaus 
behandelt  in  seinem  Glossarium  Germ.  m.  aevi  417-  US  a.  v.  Fackel 
und    dureli    Beispiele    aus    dem    l  1.  Jahrhunderi    erläutert.    In    einem 

1 


52  F.  BECH 

Mandat  des  Erzbischofs  Wilhelm  von  Cöln  aus  (hin  Jahre  1357  heißt 
es:  campanis  pulsatis  candelisque  accensis  et  in  terram  projectis  et  pedibus 
conculcatis  excommunicatos  publice  et  solenniter  nuncietis;  andere  Stellen 
bei  Haltaus  zeigen,  wie  zu  diesem  feierlichen  Acte  der  Excommunication 
bestimmte  Gesänge  gesungen  und  auf  Dathan  und  Abiron,  die  die  Erde 
verschlang,  hingewiesen  wurde.  Beispiele  aus  dem  16.  Jahrhundert, 
namentlich  aus  Hans  Sachs,  hat  Frommann  gebracht  in  seinen  Deut. 
Mundarten  VI,  70,  wo  es  ebenfalls  heißt  bannen  einen  und  mit  Hechten 
verschießen  oder  einen  in  den  schweren  ban  bringen  und,  mit  wachsliechtern 
verschießen.  Im  Sinne  von  verwerfen  braucht  verschiezen  schon  der 
Dichter  des  Servatius  1204:  die  got  mit  urteile  verschoz  (:  gröz),  vgl. 
1230 — 31.  Wie  nun  verschiezen  mit  Hellten  bedeutet  durch  schiezen 
(==  mittere,  werfen,  wie  in  der  Redensart  die  palmen  schießen  bei  Lexer 
HWörterb.  II,  199,  palmen  scheiten  Magdeb.  Chron.  356,  9)  mit  lieht en 
einen  feierlich  verwerfen  oder  verbannen,  so  wird  vorlüden  einen  mit 
der  glocken  nichts  anderes  sein  als  durch  Läuten  mit  der  Glocke  einen 
feierlich  für  ausgestossen  erklären,  in  den  Bann  thun.  Ganz  dem  ent- 
sprechend sagte  man  ehedem  in  Oberdeutschland  einem  mit  der  glocken 
die  stat  widerteilen,  vgl.  Schreiber  Urkundenb.  von  Freiburg  I,  S.  83 
(a.   1275)  und  S.  106  (a.  1282). 

Ruodel,  stn. 
Das  im  Mhd.  Wörterb.  von  Zarncke-Müller  zweifelhaft  angeführte 
ruodel,  n.,  Ruder,  findet  sich  schon  sehr  frühe  vor,  so  in  Böhmers 
Urkundenbuch  von  Frankfurt  S.  505  (a.  1309)  item  ein  nache  der  ein 
stende  rüdil  hat]  in  einem  nrh.  Glossar  des  13.  Jahrh.  bei  Aufsess  und 
Mone  im  Anzeiger  f.  Kunde  u.  s.  w.  III,  51  gubernaculum  stürrüdel, 
clamis  stürrüdelnagel,  scrupus,  rudelseil,  palmula  rudellaff\  im  Spiegel 
bei  Meister  Altswert  146,  43  sin  rüdel  und  sin  stangen  Warf  ez  von 
siner  hand)  156,  32  und  nam  wider  in  sin  hant  Daz  rüdel]  ebendort 
trifft  man  das  Verbum  rädeln,  rudern,  146,  10:  diser  deine  marner  Dut 
vast  zu  uns  her  rüdeln  und  204,  9.  Vielleicht  gehört  auch  eine  Stelle 
des  Marner  hierher  in  MSH.  II,  253a: 

ein  wiser  meister  riet  mir,  daz  ich  argez  rodel  (?)  würfe  hin. 
Die  Worte  argez  rodel  geben  in  diesem  Zusammenhange  kaum  einen 
annehmbaren  Sinn.  Ich  möchte  lesen  daz  ich  arge  'z  ruodel  würfe  hin- 
und  es  wäre  naheliegend  anzunehmen,  daß  damit  der  Marner  eine 
Anspielung  eines  Gegners  auf  seinen  Namen  (marnaere)  habe  wieder- 
geben  wollen.  Ich  arge  ist  so  gut  wie  ich  tumbe  bei  Ulrich  von  Liechten- 
stein 383,  9  oder  ich  arme  im  Iwein  3299,  vgl.  Gramm.  IV,  565;  wenn 
nicht  auch  arge  verlesen  ist  für  verge. 


ZERS1  REUTE  BEITRÄGE.  53 

Traister,  m. 
Im  Buch  vom  den  Wienern  gibt  Michael  Beheim  327,  28  vom  einem 
gewissen  Walman,  einem  vom  der  Partei  des  Herzogs  Albrecht  [einem 
:  r  oder  herzoch-albreckter)  unter  andern  folgende  Schilderung: 

für  edel  er  sich  auch  wolt  hän. 

d<  r  st  Ib   tragscr   und  traister 

sprach  .~w  dem  harnuschmaister : 

was  vShsi  mit  disem  singer  (=  Beheim)  an? 

s,  in  maul  uns  niht  geschaden  Jean, 
Schwierigkeit  für  das  Verständniss  machen  liier  der  tragser  und  der 
traister.  Das  letztere  Wort  wird  auch  bei  Schmeller-Frommann  I,  676 
aufgeführt,  aber  ohne  Erklärung.  Die  Bedeutung  lässt  sich  indessen 
erschließen  aus  zwei  Stellen  in  des  Teufels  Netz  ed.  Barack  8924  nach 
der  Neustädter  Handschr. : 

dasselb  tuond  die  raet  und  zunfftmaister, 

pfüsen  und  traisten 

und  so  herlich  schwenken*). 

wer  mocht  es  alles  bedenken? 

hat  iemand  wider  si  getan  ald  gesprochen. 

das  muos  bald  werden  gerochen. 
Dasselbe  enthält  die  Wallenst  siner  Handschr.  dieses  Gedichts  nach 
V.  8964,  nur  schreibt  sie  pfnusen  für  phusen.  Aus  diesen  Stellen  I 
sich  vermuthen,  daß  traisten  ein  dem  benachbarten  phnüsen  oder  phüsen 
(=  niesen,  schnauben,  sich  aufblähen)  sinnverwandter  Ausdruck  war. 
In  einem  Gedicht  „Der  Alte  und  der  Junge",  aus  dein  15.  Jahrh.,  in 
den  Altd.  Blättern  I,  30,  10  folg.,  sagt  der  Alte:  min  gen  behilffet  sich 
mit  eym  stab,  Und  irrist  und  rutsche**)  eüendeclich,  Myn  gebein  das 
heischt  zu  dem  grab,  Es  ist  hergangen  umbe  mich.  Hierzu  hat  Haupt 
S.  34  auf  das  in  Frisch  1.  2Ö5  Btehende  ich  dreister,  gemo  verwies 
Midier  bestimmt  wird  es  auch  liier  durch  das  daneben  gesetzte  ich 
rutsche,  das  wohl  ein  lautmalender  Ausdruck  und  wahrscheinlich  eine 
dialectische  Nebenform  ist  zu  ruzen,  riuzen,  ahd.  rüzjan  stertere  stemutare 
stridere,  vgl.  Gräfin,  562,  Zarncke-Müller  Wörterb.  H,  825b,  womit 
Doch  zu  vergleichen  i-t  eine  Stelle  im  unechten  Neidhard  bei  Haupt 
S.201:  ah  er  dann*   gerüzet     II  .  ge\        '     unde  gedraset  [grdzet  inMSH. 


*)  £  hier  jed(  ofallfl  den  wedelnden,  g 

vornehm  thuenden  Gecken;   vom  Flu  I   ilken  und  dea  Adlers  braucht  i 

frid  13523  and   l 

\     gl.  Martina  124  Schilderung  eine    öreü 

im  enhiic/dt.  Er  dra  ichit. 


54  F.  BECH 

III,  201'',  wie  in  Wolframs  Willen.  59,  17  er  dreiste  unde  gräzte)  der 
vil  iibele  man.  Ich  halte  freisten  für  eine  Ableitung  von  fräsen  traesen 
draesen  (und  dieses  wieder  von  draehen  dreien),  vgl.  Lexers  HWörterb. 
I,  459;  sei  es,  daß  es  unmittelbar  aus  tr&st  drdst  (freist)  stm.  gebildet, 
oder  daß  das  t  im  Auslaut  der  ersten  Silbe  bloßer  diabetischer  Ein- 
schub  ist  wie  in  eister  =  eiser  M.  Beheim  77,  7  disen  pösiciht  und 
aister  Sy  da  saezten  hubmaister,  oder  eistlich  eisteclich  =  eislich  eiseclich 
ebenda  vgl.  Lexer  1.  1.  I,  537  oder  geniest  (:  Triest)  =  geniez  bei  Beheim 
356,  23;  andere  Beispiele  von  diesem  eingeschobenen  t  in  Weinholds 
Bairischer  Gramm.  §.  142,  S.  147.  Wie  nun  traisten  und  phnüsen  in 
der  obigen  Stelle  aus  des  Teufels  Netz  bildlich  zu  nehmen  sind  für 
sich  aufblähen,  aufblasen,  so  wird  auch  traister  nichts  weiter  meinen 
als  einen  sich  aufblasenden  eiteln  Gecken.  Ebenso  ist  tragser  auf  draehen 
zurückzuführen  und  dem  traister  in  seiner  Bedeutung  verwandt. 

Wenholde.  Wenhalden.  Wenhaldunge. 
Zu  den  in  dieser  Zeitschrift  6,  285  von  obigen  Wörtern  gesammelten 
Beispielen  sind  noch  folgende  nachzutragen :  Frankenhäusische  Statuten 
aus  dem  Jahre  1558  bei  Walch  Beitr.  I,  201:  der  rath  soll  kirchväier, 
altarleute  u.  s.  w.  ordenenn  undt  dennselbigenn  bey  ihrem  eidt  einnbindenn 
—  —  dem  armut  ohne  wähn  halde  (d.  i.  xoenholde)  außzuteihnn]  Lam- 
bert, Die  Rathsgesetzgebung  der  freien  Reichstadt  Mühlhausen  S.  89: 
daz  he  der  stad  icillekore  äne  wenehald  halde  wolle,  und  S.  91  die  icille- 
kore  halde  an  dem  armen  als  an  dem  rychen  äne  ivtnhaldj  Frerbergef 
Stadtr.  bei  Schott  III,  303 :  were  is  aber  also,  das  der  underrichter  icelde 
winhalden  oder  der  oberrichter  weide  loinhalden  durch  irer  f runde  willen, 
daz  das  den  burgern  geclait  wurde,  die  sullen  is  mit  dem  richter  reden', 
dasselbe  noch  einmal  auf  S.  90;  —  in  einer  Handschrift  des  Zeitzer 
Collegiatstiftes,  einem  Handelbuch  des  Bischofs  Dietrich  von  Buxdorf, 
fol.  34;l,  sollen  die  Rathsherren  zu  Zeitz  siceren  das  sie  nindert  icen- 
halden,  sundern  recht  urteil  finden  icollen  dem  armen  als  dem  riehen,  dem 
riehen  als  dem  armen  und  den  joden  (a.  1465) ;  und  fol.  69b  lautet  der 
seht ppeneid  aus  dem  Jahre  1466:  wir  sweren  dem  hochwirdigen  in  got 
vater  und  hern,  hern  Heinrich  bischofe  czu  Nuburgk,  unserm  gnädigen 
kern,  das  wir  recht  orteil  finden  und  teillen,  roenne  wir  von  dem  richter 
in  gericht  dm-  wmb  gefrait  werden,  als  wir  die  uf  das  allir  rechtist  und 
beste  vissen,  dem  riehen  als  dem  armen,  dem  armen  als  dem  riehen  und 
nyndert  wenhalden  weder  durch  lieb  noch  leit,  durch  fruntschaft  noch 
durch  hasfie,  durch  forcht  noch  <hn-ch  drauioe,  durch  miet  adir  durch 
gab,  noch  durch  keinerlei  sachen  willen,  als  uch  got  helf  und  dy  hilligen. 


ZERSTREUTE  BEITRÄGE.  55 

Daß  in  wenehalden,  weneholde  der  erste  Theil  der  Zusammensetzung 

das  ahd.  wird,  mhd.  wine  ist,  unterliegt  nun  wohl  keinem  Zweifel,  ob- 
wohl dessen  Grundbedeutung  früh  schon  nicht  mehr  gefühlt  sein  mag. 
Außerhalb  dieser  Zusammensetzungen  kam  es  im  14.  Jahrhunderte 
wohl  sehr  selten,  im  15.  und  16.  gar  nicht  mehr  vor.  Daher  ist  die 
zweifelhaft  geäußerte  Vermuthung  Karl  Janickes  in  dem  Glossar  zur 
Magdeburger  Schöppenchronik  S.  4831,  über  das  Wort  winner  zu  be- 
richtigen. In  der  genannten  Chronik  172,  5  folg.  heißt  es  nämlich: 
dat  satten  se  (d.  h.  die,  welche  sich  gegen  die  damals  bestehende  Ord- 
nung der  Stadt  auflehnten)  under  andern  gesettm  in  dit  stucke,  ive  in 
der  vorsten  rdde  wer  edder  ore  cleiding  neme  edder  w  winner  were,  den 
scholde  men  voricisen  üt  dem  rdde.  Hier  lässt  der  Herausgeber  im  Glossar 
es  unentschieden,  ob  man  winner  zu  icinnen  oder  zu  ahd.  icini  zu  ziehen 
habe.  Wäre  das  letztere  richtig,  so  müsste  man  annehmen,  daß  winm  r 
=  iciner  sich  aus  toine  entwickelt  hätte  wie  etwa  Vormünder  aus  Vor- 
munde (vgl.  Schöppenchron.  477").  Die  Form  iciner  ist  aber  in  diesem 
Sinne  nirgends  belegt;  wine  oder  wm  würde  im  nd.  und  md.  Dialecte 
ohnehin  richtiger  wene  lauten,  vgl.  z.  B.  diese  Zeitschrift  15,  2031'  (46); 
für  die  Zeit  der  Abfassung  des  Textes  der  Schöppenchronik  ist  das 
Wort  überhaupt  als  ausgestorben  anzusehen.  Sonach  bleibt  für  winner 
nur  die  Ableitung  von  winnen  möglich.  Dieß  ist  dann  als  nd.  Form, 
gleichbedeutend  dem  mhd.  geivinnaere  geicinner  zu  nehmen,  welches  in 
J.  Rothes  Chronik  cap.  632  denjenigen  bedeutet,  der  für  jemand  die 
phronde  (Pfründe)  üz  richtit,  seine  Einnahmen,  Renten  vermittelt,  ihn 
mit  Lebensunterhalt  versieht,  eine  Art  Verwalter,  Schaffner,  oeconoums, 
procurator;  ähnlichen  Sinn  hat  es  schon  im  Speculum  eccles.  148,  L58 
(=  Haupt  Zeitschr.  I,  274)  so  der  briester  wirt  getwihet,  Sd  ist  <  r  </"/<■ 
vi!  lieb,  So  nril  er  zewdre  In  haben  zeimme  gewinnäre,  Sinea  vil  heren 
amman;  vgl.  Lexer  HWörtefb.  I,  992. 

Mit  triuicen  mute  <hi  'hl,, 

Was  ich  zur  Erklärung  dieser  in  Wolframs  Parzival  XVI,  1149 
stellenden  Worte  ehemals  in  dieser  Zeitschr.  7,  .'!<>2  beigebracht  habe, 
nehme  ich  hiermit  zurück,  leh  erkannte  bald  darnach,  daß  an  dem 
Worte  äderstöz  nicht  /.u  rühren,  das  \<>n  mir  in  Vorschlag  gebrachte 
understoz  zu  verwerfen  wäre,  wenn  ich  es  auch  nicht  wie  Scherer  meint 
(in  der  Zeitschr.  für  d.  österr.  Gymnasien  L869,  11.  Beft,  S.  x '••"'  als 
„Unterschied",  sondern  wie  die  von  mir  aufgeführten  Beispiele  zeigi 
als  Beimischung,  Hintergedanken,  wusch  auffassen  zu  dürfen  glaubte. 
Die  Erklärungen   von  Scherer  1.  1.    und  von  Bartsch   zu  dieser  Stelle 


56  F.  F. ECU 

sind  offenbar  dem  Wahren  näher.  Ich  will  nun  versuchen,  ob  ich  durch 
Belege  die  Richtigkeit  ihrer  Auffassung  noch  mehr  erhärten  kann. 
Auszugehen  ist  hierbei  von  dem  Worte  stoz.  Dieß  bedeutet  aber,  zu- 
mal in  der  Zusammensetzung  mit  äder,  hier  den  Pulsschlag,  das  Pochen, 
Klopfen,  Zittern,  Beben  der  Pulsader  (vgl.  Diefenbach  472c  s.  v.  pulsus), 
namentlich  der  äder  des  herzen  wie  sie  Conrad  in  Engelhard  2313  und 
im  Trojanerkriege  12771  "nennt,  daher  auch  der  herzenstoz  in  Pfeiffers 
Marienlegenden  18,  59.  Die  Pulsader  stösst  aber  oder  schlägt  heftiger 
beim  Eintritt  starker  Gemüthsbewegungen  oder  Affecte;  sie  verräth 
die  ungewöhnliche  Freude  wie  den  plötzlichen  Schmerz,  die  Lust  wie 
das  Leid,  die  Begier  wie  den  Widerwillen;  daher  bei  Wolfram  Parz. 
35,  27  sin  herze  gap  von  stozen  schal,  wand  ez  nach  riterschefte  swal\ 
Ulrich  von  Liechtenst.  36,  10  daz  herze  min  mir  mangen  stoz  Mit  Sprün- 
gen stiez  an  mine  brüst;  579,  24  mit  hohen  Sprüngen  manegen  stoz  An 
die  brüst  ez  (daz  herze)  stoezet  mir;  442,  3  an  die  brüst  daz  herze  stözet; 
Alexius  ed.  Maßm.  57,  654  vil  ofte  ez  ime  umz  herze  stiez;  Helbling  2,  89 
daz  get  mir  stozend  umb  die  5rws£;  Reinfrid  24118  daz  herze  —  —  im 
selben  tuot  den  stoz  mit  snelleclichem  gufte;  Karlmeinet  320,  48  mm  rüwe 
issogioes,  Dat  ich  haen  menchen  stoes  Van  herzen  ind  van  sinne;  Brants 
Narrenschiff  67,  30  so  kumbt  im  dann  der  rüicen  stoz.  Nach  den  beiden 
letzten  Beispielen  zu  urtheilen,  kann  also  äderstöz  den  durch  die  riuwe 
verursachten  heftigen  Pulsschlag,  das  Zucken  der  Ader  oder  das  Herz- 
klopfen als  sichtbares  Zeichen  der  riuwe  bezeichnen.  Und  daß  dieß 
Wolfram  an  unserer  Stelle  im  Sinne  gehabt  hat,  dafür  spricht  eine 
parallele  Stelle  im  Willen.  462,  8,  wo  am  Manne  die  mute  äne  riuwe 
gepriesen  wird.  Schon  Hartmann  im  Erec  2734  sagte :  was  —  er  — ■ 
mute  äne  riuwe;  und  ebenso  heißt  es  in  der  Krone  17007  Gawein  icas 
—  —  —  der  milt  stam  sunder  riuwe;  im  J.  Titurel  1827,  4  mute  s an- 
der riuwe  und  sunder  haz;  Stricker  in  v.  d.  Hagen  Germania  2,  85  (82) 
so  der  arge  riche  muose  geben,  So  gap  er  so,  daz  man  sin  leben  Für  den 
muten  armen  lohte,  Sicie  er  nach  der  gäbe  tobte  Mit  kerzeclieher  rinn-,'. 
In  ganz  ähnlicher  Weise  lobt  die  rückhaltslose,  durch  nichts  beein- 
trächtigte Freigebigkeit  Walther  in  der  schon  von  Pfeiffer  und  Bartsch 
herbeigezogenen  Stelle  127,  13  (ed.  Pfeiffei')  man  sach  Liupoltes  haut 
da  geben,  daz  si  des  niht  erschrac;  und  Ernst  von  Kirchberg  S.  798, 
Z.  3:  der  h<-r::n<i<-  Erich  da  von  Sassin  Der  konig  machte  sundir  lassin 
An  dem  geschefte  rittir  Mit  milden  sundir  zittir;  und  eine  ähnliche  Aut- 
fassung liegt  auch  dem  Fluche  zu  Grunde,  den  Heinrich  Frauenlob 
in  dem  Spruche  325,  15 — 17  ausspricht:  ich  vluoch  der  hant,  Die  dan 
der  krampf  ziuht,    sicenn  si  loesen  sol  Der  tugeni  ir  pfant.    Fraglich  ist 


ZERSTREUTE  BEITRÄGE.  57 

mir  noch  eine  Stelle  im  Karlmeinel  351,  36,  wo  gesagt  wird:  Karl  war 
so  freigebig,  so  swS  (wenn  jemand)  dch  was  trlois,  Dem  gaff  hey  äne 
stois  Alle  sine  er<  wider\  ist  äne  stois  liier  so  viel  wie  äne  herzen  — 
oder  äderstdz? 

Niht,  nie,  niender,  niemer. 

Zur  Vervollständigung  der  in  dieser  Zeitschrift  1,  438 — 39  an- 
geführten Beispiele  vom  umgestellten  niht  =  auch  nicht,  nicht  einmal, 
nequidem,  bringe  ich  noch  folgende  Nachträge: 

Einen  niht  genesen  län  Wigal.  98,  27;  einer  möhte  nihi  genesen  138,  9 
(=:  5318  Benecke  und  Aura.) ;  einer  niht  Gudrun  110,  4;  120,  3;  911,  4 
(vgl.  Hildebrand  in  der  Zeitschr.  für  D.  Piniol.  IV,  360);  aller  tugende 
eine  mit  Pirlinger  Alemannia  I,  73,  Z.  14;  78,  Z.  1;  einer  nihi  Reinfrid 
7968*);  Matth.  v.  Benenn  Evangelienb.  S.  29  (29);  eine  .—  neu  Gode- 
frit  Hagen  Reimchron.  321.  —  Ein  mensche  niht  (auch  nicht  ein  M.) 
Partonop.  826  u.  12416;  Heinrich  Trist.  6030;  ein  minsche  nett  Der 
Seelen  Trost  (Frommann  Mund.  I)  fol.  52";  ein  wip  —  niht  I.  Büchl. 
106 — 108.  —  Ein  tcort  niht  (auch  nicht  ein  Wort)  Partonop.  18535;  daz 
er  —  ein  wort  niht  ensprach  Flore  3131;  ein  wort  niht  Amis  1708;  Armer 
Heinrich  893;  ein  icort  mit  Nie.  von  Basel  164;  ein  wort  neit  Godefrit 
Hagen  Reimchron.  290;  ein  wort  neit  gesprechen  Der  Seelen  Trost  40  ; 
ein  wort  reden  niht  Reinfrid  3042;  ein  einigß  wort  nicht  sprechen,  Fast- 
nachtsp.  1296,  Z.  21.  —  Ein  wörtelin  niht  sprechen  Partonop.  8305.  — 
Über  einen  schrit  niht  Wigal  179,  39;  einen  halben  schrit  niht  Partonop. 
11007. — Einen  fuoz  niht  färbaz  trat  er  Heilige  Magdalena  fol.  42'.  — 
Des  einen  stich  niht  (auch  nicht  ein  Pünktchen,  auch  nicht  das  Geringste) 
sehen  Amis  529,  Dyocletian  2SG5:  Keller  Altd.  Gedd.  (Tübingen  1846) 
95,  13:  Herbort  Troj.  Krieg  17178.  —  Eines  puneten  niht  enbrast 
Reinfrid  24989;  eins  punts  niht  Gundacher  von  Judenburg  152  ;  nml> 
einen  puneten  nihi  <m  sehen  Pfeiffer  Predd.  u.  Tractat.  der  Mystiker 
(Haupts  Zeitschr.  VIII)  459,  Z.  21.  —  Einen  tac  niht  (auch  nicht  einen 
T.)  Flore  1806;  Der  Veter  P.uch  ed.  Palm  52,  3:;:  Reinfrid  L7605; 
halben  tue  niht  gebeiten  7865.  Eim  stunde  nicht  Der  Veter  Buch  ed. 
Palm  til  .  25.  —  Umb  ein  ei  niiii  vervähen  Flore  6490.  -  Ein  clauwe 
dar  nicht  van  ghevunden  wart  Herrn.  Korner  in  dieser  Zeitschr.  9,  21  1 .  26. 
Ein  här  nicht  Veld.  234,  6;  eines  häres  niht  Berthold  438,  38;  eil 
här  niht  467,  28.  Einen  phenninc  nihi  Amis  2270.  —  Ein  /'<<<"■  niht 
Meister  Eckhart  203,  29;  umb  ein  bonen  niht  Reinfrid  20837.  —  1>>< 
hist   der  minrn   einigen  trophen  niht  Berthold  545,  2;    du    unsere  herren 

ii  Reinfrid  17:;-:;   hi  nicht  mit  einem  (sondern  mi 

mehreren),  ein   sonsl  selten  vorkommender  Fall. 


58  F.  BECH,  ZERSTEEUTE  BEITRÄGE. 

üchamen  —  drof  (■=  gutta)  niet  enachtent  Adrian  Mitth.  450,  6  (vgl. 
Denkin.  von  Müllenh.  u.  Scherer  XIII,  23  und  Aura.).  —  So  vil  niht 
(ne  tantillum  quidem)  I.  Büchl.  537;  Erec  410—411.  —  Einz  bim  an- 
dem  niht  beleip  Herz.  Ernst  ed.  Bartsch  2138,  S.  53.  —  Zwene  glich 
einander  niht  (auch  nicht  zwei)  Konrad  v.  Würzb.  Sprüche  25,  86  (ed. 
Bartsch).  —  Der  abritte  nicht  Ludwigs  Kreuzf.  6206.  —  Min  vier  niht 
Eabenschl.  769;  der  vierde  niht  Heinrich  von  Rugge  (MSFr.)  108,  31.  — 
Fiinve  niht  Bruder  Wernher  in  MSH.  II,  233''.  —  Vierzehen  tage  niht 
Hartm.  Gregor  2944.  —  Der  drizigiste  nicht  Ludw.  Kreuzf.  2132  u. 
5931.  —  £e  hadden  boven  47  glevien  nicht  Magdeb.  Schöppenchron. 
377,  1.  —  Daz  tüsentste  teile  nicht  sagen  Johannes  Marienwerder  309, 
Z.   11;  312,  Z.  3. 

So  wie  niht  wird  auch  nie  zur  Verstärkung  nachgesetzt  im  Sinne 
von:  niemals  auch  nur,  nicht  einmal,  auch  nicht.  Z.  B.  wan  ich  der 
eine  nie  gegen  im  genoz  Bruder  Wernher  in  MSH.  II,  233''  (3);  eines 
nie  vergezzen  Reinfrid  12467;  eine  nieman  vant  Milst.  Hs.  140,  35  (andern 
Sinn  dagegen  hat  nieman  einen  vant  149,  21).  —  Daz  sie  ein  ander 
tanb  ein  här  sit  nie  (niemals  wieder  auch  nur  um  ein  Haar)  wurden 
leider  Flore  7845.  —  Einen  trit  nie  Pfeiffer  Predd.  u.  Tractat..  der 
Mystiker  462,  Z.  4  von  unten.  —  Um  einen  fuoz  nie  Reinfrid  3356.  — 
Einen  blic  nie  Pfeiffer  1.  1.  462;  einen  ougenblic  nie  Myst.  I,  290,  15.  — 
Zeiner  wile  nie  Gudrun  556,  3.  —  Es  teil  nie  gewinnen  Hartm.  Gregor 
2548.  —  Einen  trophen  nie  Ettm.  Jahrbb.  65,  17.  —  Umb  ein  toort  nie 
Reinfrid  8063.  —  Ein  esse  nieman  überga.p  Wolfr.  Willen.  162,  22.  — 
Der  minen  schaden  halben  nie  gewan  Walther  120,  29.  —  Der  sehste  nie 
Amis  8.  —  Vgl.  deheinem  —  nie  Konr.  von  Heimesf.  Mar.  Himmelfahrt 
786  u.  s.  w. 

Ferner  steht  so  niemer.  Z.  B  ain  här  newirdet  niemir  an  im  verrucket 
Rolandslied  264,  16.  —  Ir  einigen  niemer  an  gesehen  Berthold  464,  7; 
einen  niemer  an  gesehen  464,  31.  —  Einen  trahen  daran  niemer  versagen 
Gottfrieds  Tristan  4876.  —  Einen  tac  niemer  mere  geleben  Übel  Weib  721. 

Endlich  auch  ni ender.  Z.  B.  eine  ädern  niender  (nirgends  auch  nur 
eine  Ader)  er  hat  Reinmar  v.  Zweter  in  MSH.  II,  210",  186b.  —  Mit  eime 
worteline  es  niender  vaelet  dar  an  Walther  v.  Rheinau  50,  4.  —  Häres  grdz 
n imler  GAbent.  III,  13,  292.  —  Aus  Vridanks  Bescheidenheit  42,  1  isi 
noch  zu  erwähnen:   under  ougen  eine  spanne  hat  ir  fceinz  geliehen  schin. 

Consequent  ist  freilich  diese  Umstellung  nicht  durchgeführt.  Die 
meisten  der  hier  erwähnten  Schriftsteller,  die  sich  ihrer  bedienen,  pfle- 
gen auch  auf  andere  Weise  dasselbe  auszudrücken. 

ZEITZ  in  den  Osterferien  1873.  FP]DOR  BECH. 


E.  WILKEN,  MIID.  BAEEEN.  .",'.1 


MHD.  BÄEHEK 

Die  von  mir  in  Nr.  45  des  Liter.  Centralblattes  (1873)  versuchte 
Klarlegung  des  Verses:  der  tumJtcr  tor  sich  selben  baet  (Tyrol  u.  Fridebr. 
II,  40)  mißlang  gegenüber  einem  Rec.,  der  sich  auf  eine  Autorität  wie 
Lexers  Handwörterbuch  berufen  konnte,  wo  baehen  „durch  Überschläge 
erwärmen"  erklärt  wird.  Man  wird  an  einem  so  verdienten  Werke  nicht 
einzelne  Mißgriffe  schärfer  urgieren  wollen,  aber  bedenklich  war  es 
allerdings,  den  im  medicinischen  Gebrauch  begründeten  Wortsinn  in 
einer  Weise  hervorzuheben,  als  ob  er  der  allein  giltige  sei.  Dieser 
Ansicht  scheint  freilich  Herr  W.  B.  unrettbar  verfallen  zu  sein,  denn 
in  solchem  Sinne  versucht  er  auch  jetzt  noch  an  dem  dunklen  Verse  zu 
interpretieren.  Das  Verbum  baehen,  mit  backen  wohl  nahe  verwandt 
—  was  in  Kuhns  Zeitschr.  VIII,  202  freilich  bestritten  wurde  —  und 
auch  von  sanscr.  päc,  gr.  ninav  etc.*)  schwerlich  zu  trennen,  bedeutet 
erwärmen,  durch  Wärme  reif,  zeitig,  weich  u.  s.  w.  machen.  So  wurde 
es  zunächst  wohl  von  der  Sonne,  dann  namentlich  vom  Feuer  und 
heissem  Wasser,  schließlich  auch  von  anderen  Mitteln  der  Erwärmung, 
Umschlägen  u.  dgl.  gebraucht.  Ob  in  der  Stelle  Parz.  420,  29  baehen 
durch  nhd.  brühen  oder  durch  röste*  —  in  letzterer  Bedeutung  scheint 
baehen  nach  Grimms  Wb.  s.  v.  auch  nhd.  noch  vorzukommen  —  zu 
übersetzen  sei,  ist  nebensäehlieh .  jedenfalls  ist  hier  so  wenig,  wie  an 
der  von  Lexer  citierten  Stelle  bei  Haupt  VIII,  152  v.  268  (daz  broi 
lachen  noch  baen)  von  „warmen  Umschlägen"  die  Rede!  Auch  braucht 
man  baehen  nicht  nothwendig  unserem  nhd.  brühen  (das  zunächst  auch 
nur  =  erwärmen  und  wohl  mit  brüten  nahe  verwandt  ist  I  gleichzusetzen**), 
sondern  sich  nur  daran  zu  erinnern,  daß  in  zahlreichen  sprichwört- 
lichen Wendungen  (Gebrannte  Kinder  scheuen  das  Feuer;  Wer  sich 
einmal  verbrannt  hat,  bläsl  hernach  die  Suppe  Nr.  1290,  91  bei  Sim- 
mek,  ähnlich  ist  10*20  und  die  bekannte  Redensart:  sich  dabei  die 
Finger  verbrennen  u.  s.  w.)  ein  ähnlicher  oder  eben  derselbe  Sinn  liegt, 
wie  hier  in  dem  Verse:  der  tumber  tor  sich  selben  baei  (verbrennt,  be- 
schädigt sich  selbst).-  Aber  nichl  bloß  zulässig  isl  diese  Schreibung, 
sondern  für  den  Zusammenhang  die  einzig  richtige.  Berr  W.  B.  kann 


*)  Siehe  G.  Curtina  Gr.  Etymol.  b.  v.  tu-tc  — . 

**)  Allerdings   bleibt  der  übertragene  Gebrauch  von   brühen  =  vexare   r 
Grimm  D.  Wb.  s.  v.)  besonders  beachtenswert!!. 


60  E-  WILKEN 

freilich  über  die  warmen  Umschläge  und  den  Judas,  der  im  nächsten 
Verse  genannt  wird,  nicht  hinwegkommen,  und  will  a.  a.  O.  mit  der 
Hs.*)  Jiaetu  lesen  für  botet.  Allerdings  hat  sich  Judas  gehängt,  wie  selbst 
einem  Ignoranten  wie  mir  bekannt  sein  dürfte,  er  ist  im  nächsten  Verse 
genannt,  und  im  folgenden  ist  sogar  von  einem  Baume  die  Rede,  an 
dem  er  sich  bequem  genug  gleich  aufhängen  könnte,  wenn  hier  vom 
Hängen  überhaupt  irgendwie  die  Rede  wäre.  Gerade  die  triviale  Ver- 
ständlichkeit des  Wortes  haet  musste  dieß  einem  umsichtigen  Hrgb. 
weniger  empfehlen  als  die  schwierigere  Variante  betet  {=becht  im  Ms.). 

Da  ich  früher  wohl  zu  starke  Ansprüche  an  das  eigene  Nach- 
denken der  mit  meiner  Belehrung  beauftragten  Recensenten  gemacht 
habe,  so  will  ich  hier  die  Stelle  II,  38  fg.  im  Zusammenhang  erläutern. 
Sie  besagt:  Der  falsche  (d.  h.  gewissenlose)  Priester  unterlässt  es  nicht, 
er  empfängt  (im  Sacramente  der  Messe)  auch  den  lieben  Gott  (gleich 
dem  guten  Geistlichen;  aber)  der  einfältige  Thor  hat  selbst  den  Schaden 
davon;  Judas  (in  der  Hölle)  und  er  haben  gleiche  Pein  (zu  leiden) 
u.  s.  w.  —  Daß  bei  der  „Pein  des  Judas"  in  altd.  Gedichten  nicht  an 
sein  Aufhängen,  sondern  an  die  ewige  Höllenstrafe,  wie  sie  Dante  im 
letzten  Gesänge  des  Inferno  so  entsetzlich  schildert,  zu  denken  sei, 
darauf  hätte  Herrn  W.  B.  die  Erläuterung  zu  II,  41  wohl  hinführen 
können.  Ich  bemerke  noch,  daß  dieser  Vergleich  mit  dem  Judas  darum 
so  nahe  lag,  weil  ja  auch  Judas  das  h.  Abendmahl  genossen  und 
(nach  der  kirchlichen  Vorstellung)  sich  zum  Gericht  genossen  hatte. 
Da  durch  die  Transsubstantiation  die  genossene  Hostie  in  den  wahren 
Leib  Christi  verwandelt  gedacht  wurde,  so  war  ein  leichtsinniger  Ge- 
brauch der  Messe  ebenso  gut  ein  Verrath  des  Heilandes,  wie  die 
äußerliche  That  des  Judas.  Das  ist  offenbar  der  Gedanke,  bei  aller 
Strenge  altkirchlicher  Anschauung  doch  ernst  und  würdig;  hieße  V.  40 
dagegen:  der  einfältige  Thor  hängt  sich  selbst,  so  wäre  die  verwunderte 
Frage  erlaubt:  War  es  denn  die  üble  Gewohnheit  schlechter  Priester**) 
im  MA.  sich  aufzuhängen? 

Wenn  ich  es  gleichwohl  Herrn  W.  B.  überlassen  muß,  mit  Be- 
rufung auf  Lexer  das  Verbum  baehen  nicht  zu  verstehen  und  exegetisch 
Versuche  mit  warmen  Umschlägen  weiter  hin  zu  machen,  so  kann  ich 
nicht  allen  wiederäufgewärmten  Ausstellungen  desselben  aufs  Neue  be- 
gegnen. Ratio  plus  valet  quam  librorum  auctoritas  pflegen  Lateiner  zu 


*)  Doch  gegen  das  Ms.,  vergl.  weiter  u. 
**)  Denn   auf  den  Priester   ist   zunächst  II,  40  doch  allein  zu  beziehen,    nicht 
auf  Judas,  mit  dem  Jener  ja  erst  im  fg.  Verse  verglichen  wird. 


MHD.  BAEHEN.  Gl 

sagen,  und  die  größten  Kritiker  haben  eine  Überlieferung,  die  ungleich 
besser  und  reicher  war   als   die  uns  für   die  Tyrolfragmcnte  zu  Gebot 
stehende  nicht  als  sacrosanct  behandelt.  Auch  ist  es  nach  Herrn  W.  B. 
einer    „besonnenen   Kritik""    nicht    verboten,   die   Fälle,    wo    klingende 
Verse   mit  vier  Hebungen   sich   finden*),   etwa   zu  beseitigen.  Die  be- 
sonnene Kritik  scheint  vergessen  zu  haben,  daß  ähnliche  Verse  von  L. 
zum   [weinV.  772  so  besprochen  sind:  „Keines  der  alleren,  genau  ge- 
messenen   Gredichte**)    verschmäht    übrigens    leicht    die   vierfach  ge- 
hobenen Verse  mit  klingendem  Reim".  Man  wird  deren  Zahl  erforder- 
lichen Falls  also  eher  vermehren,  als  mit  Herrn  W.  B.  beseitigen  dürfen. 
Wenn   ich  II,  29  und  42  dazt  für   deist    oder  daz  ist  schrieb,  so  hatte 
ich  dabei  Ahnliches  im  Sinn,  als  L.  zu  Iwein  V.  191  mit  der  Bemerkung: 
„Man  kann  daraus  (aus  der  Schreibung  in  A)  schließen,  daß  einer  der 
ältesten  Schreiber  des  Gedichtes  neben  deiz  auch  dazz  oder  daz  schrieb" 
u.  s.  w.    Aber  die  Verbindung  zt  ist  allerdings  im  Hd.  wenig  beliebt: 
mit  der  Zeit  pflegt  sie  gerne  in  st  (auch  szt  im  Nhd.)  überzugehen,  so 
z.  B.  in  der  zweiten  Person  weist  für  weizt,    welche  letztere  Form  ich 
aus   etymologisierender  Laune***)  zweimal  in   den  Text  gesetzt  hatte. 
Noch  weniger  haltbar  ist  freilich  der  Imper.    bringe  III  H.  2,  6  —  doch 
bleibt  mir  in  diesem  Falle  von  Gedankenlosigkeit  wenigstens  der  Trost, 
einen  Leidensgefährten  in  Leipzig  gehabt  zu  haben.     Herr  W.  B.  hat 
nämlich   in  Nr.  45  des   Centralblattes   glücklich   vergessen,    daß    er  in 
Nr.  31    bez.    des  Imper.    bringe   wörtlich    so   geschrieben    hatte:    „der 
Sing.  Imp.  bringe,   der,   wenn   auch    nicht  unbedingt   falsch,    so    doch 
nicht   sehr   empfehlenswert!)    ist"   —  und  beschuldigt   den   Hrgb.:  „Er 
hat  nämlich  gar  nicht  verstanden,  weßhalb  ich  den  Imp.  bringe  nicht 
sehr  empfehlenswert]!  genannt   habe.    Dieser  Imper.  heißt  ja  bekannt- 
lich (?)   correct   brinc.u    Daß   sich   Herr  W.  B.   auch   in  Nr.  35  wohl 
hüten  würde,    in   die    schwierigen,    literarhistorischen  Untersuchungen 
selbst  einzutreten,  war  vorauszusehen:  möchte  man  sich  künftig  lieber 
von    vornherein    mit  der  —  ja    immer  wohllöblichen  —  Flohhatz   auf 


ilcher  Fälle   habe  ich  (S.  39)  zwei  angemerkt,    Herr  W.  B.  führt  selbst 
drei  weitere  auf,  von  denen  einer  indeß  (II,  96)   anrichtig  ist.  Vier  sichere  Fälle  Bind 
füi   40Q  Verse  schon  ziemlich  viel.  Vgl.  auch  II,   107—8. 

In  diese  Classe  gehören  eben  unsere  Tyrol-Fragmente  auch  hinein. 
***)  Nicht  aus  Uhkenntniss  der  Grammatik,  wie  Bert  W.  B.  mehrfach  bemerken 
zu  müssen    glaubt.    Derselbe   scheint    keine  Ahnung  davon  zu  Italien,    daß  auf  hochd. 

t   eigentlich   v;eizt   ebenso    das  Sichtige,    wie   weist,    wiat  "_r"t.  vaist    auf  V 
deutschem;  got.  oaitt  aber  Btehl  bekanntlich  für  vaitt,  und  schwerlich  blieb  dieß  ältere 
st  ganz  anverschoben. 


62  M.  BÜCK 

kleine  Flüchtigkeiten*)  begnügen,  und  nicht  durch  übereiltes,  unver- 
ständiges Absprechen  eine  Achtung,  wie  sie  Herr  W.  B.  wegen  besserer 
Leistungen  allerdings  verdient,  unnöthig  aufs  Spiel  setzen.  Errare  est 
humanuni  —  dieß  alte  Wort  könnten  manche  junge  Recensenten  auch 
in  ihrem  eigenen  Interesse  öfter  beherzigen. 

E.  WILKEN. 


ÜBER  GESCHLECHTSNAMEN  AUF  -EISEN, 

-ISEN  **). 

Die  jetzige  Endung  der  Namen  unserer  Sippe,  wie  die  schon  im 
13.  Jhrdt.  vorfindliche  Schreibung  -isen  leiten  scheinbar  auf  das  Metall 
Eisen  hin.  Wenn  man  Namen  wie:  Hebeisen,  Mühleisen,  Bammeisen, 
Stemmeisen  hört,  denkt  man  unwillkürlich  an  die  Werkzeuge  dieses 
Namens  und  am  allerwenigsten  an  eine  ganz  andere  Bedeutung  der 
Geschlechtsnamen  auf  -eisen. 

Man  hat  schon  öfters  darüber  gesprochen,  ob  solche  Familien- 
namen, wie  Hebeisen  etc.  nicht  etwa  aus  ursprünglichen  Hauszeichen 
wie :  zum  Hebeisen  etc.  entstanden  seien,  da  ja  bekanntlich  die  meisten 
Häuser  der  oberdeutschen  Städte  das  ganze  Mittelalter  hindurch  allerlei 
Schildzeichen,  ähnlich  unseren  Wirthshäusern,  zu  führen  pflegten  und 
da  ja  auch  unter  diesen  Hauszeichen  nicht  allein  die  Vögel  des  Himmels, 
das  reissende  Gethier   der  Erde  und   die  Bewohner  des  Wassers  ver- 


*)  Dem  rühmlichen  Eifer  des  Herrn  W.  B.  verdanke  ich  die  Berichtigung  fg. 
theils  Druckfehler,  theils  Flüchtigkeiten:  I,  58  lies  mit,  86  Juden;  I,  118  und  II,  70 
himelhort,  Note  zu  II,  40  lies:  enpfecht  —  becht  Ms.;  II,  65  (Text  u.  Note)  unt  mit; 
II,  72  weist,  90  weistü.  —  III  A  3,  3  mit;  III  C  1,  6  tinnelcleider.  D  l,  3  mit;  3,  3 
nasen;  Note  zu  E  2,  5  geprubet,  G  1,  4  mit,  H  2,  5  u.  6  (Text  u.  Note)  bringet.  — 
S.  39,  Z.  3  v.  oben  lies:  Die  Endreime  sind  mit  Ausnahme  von  IIb  107,  8  durch- 
gängig stumpf;  Z.  2  v.  unten  1.  II,  120,  wohl  auch  126;  S.  43,  Z.  1  1.  tinnekleider ; 
S.  44  Z.  10  geprubet.  (II,  52  1.  giht.) 

**)  Abkürzungen:  E.  Eben,  Geschichte  der  Stadt  Ravensburg;  Egg.  Eggmami, 
Geschichte  von  Waldsee;  C.  Catalogus  personarum  Dioecesis  Constantiensis  de  aa.  1779; 
F.  D.  Freiburger  Diöcesanarchiv;  A.A.  Schriftstücke  des  gräfl.  Königsegg'schen  Archivs 
zu  Aulendorf;  B.  Bacmeister,  Germanistische  Kleinigkeiten;  H.  Heider,  Gründliche 
Ausführung  etc.  der  Reichsstadt  Lindau.  Nürnberg  1643;  H.  U.  Habsburger  Urbar. 
Bibliothek  des  lit.  Vereins  in  Stuttg.  Band  XIX;  Lz.  Geschichtsfreund  für  die  5  Orte 
Luzcin  etc.;  W.  U.  Kausler,  Wirt.  Urkundenbuch ;  U.A.  Schriften  des  Ulmer  Alter- 
thuinsvereins.  Neue  Folge. 


ÜBER  GESCIILECIITSNAMEN  AUF  -EISEN,  -ISEN.  C3 

treten  waren,  sondern  auch  Handwerkserzeugnisse  und  Geschirre:  z.  B. 
zu  dem  Kurnagel,  zu  dem  Rossisen,  zu  dem  Ribisen,  zu  der  Scheren  etc. 
Straßburger  Gassen-  und  Häusernamen,  Straßbg.  1871.  Es  wird  kaum 
einem  Zweifel  unterliegen,  daß  einzelne  Häuserbesitzer  ihren  Ge- 
schlechtsnamen von  ihren  Häusern,  durch  einfache  Übererbung  des 
Hausnamens,  erhalten  haben  werden.  So  gab  es  in  Straßburg  ein  Haus 
ze  der  Megede  (Jungfrau)  und  schon  im  J.  1285  wird  ein  Her  Conce 
die  Maget  genannt.  Fällt  jetzt  noch  der  Artikel  weg,  so  ist  der  Ge- 
schlechtsname auch  formell  fertig. 

Wenn  wir  nun  aber  die  Namen  auf  -eisen  mustern,    so  kommen 
unter  ihnen  auch  so  unmögliche  oder  wenigstens  unverständliche  -eisen 
vor,  wie  z.  B.  Gengeisen,  Raueisen,  Schnetzeisen,  Übeleisen,  daß  wir 
offenbar  gezwungen  sind,  nachzudenken,  ob  es  nicht  noch  eine  andere 
Entstehungsart   für    dieserlei  Namen    gebe.    Beim   Durchlesen    langer, 
alphabetisch  geordneter  Namenregister,  fiel  mir  alsbald  auf,  warum  sich 
in  der  Nähe  so  vieler  Namen  auf  -eisen  stets  wie  der  Abendstern  beim 
Monde   ein   Geschlechtsname   aufhält,    der   dem  Namen    auf   -eisen   im 
ersten  Theil  ganz  ähnlich  und  wie  dessen  Vater  aussieht.  Z.  B.  neben 
Biegeisen  Bieg,  neben  Hocheisen  Hoch  u.  s.  w.    Ich  dachte  ferner  an 
unsere  schwäbischen  Hausnamen  und  an  die  Art  und  Weise,  wie  man 
derlei  Namen  unter  dem  Volke  decliniert.  Meines  Nachbars  Haus  kann: 
Simmisen  (Simons),  Hannisen  (Johanns)  oder  Seppisen,  Theissisen,  Bert- 
isen  (Alberts  u.  s.  w.)  heißen,    neben  Hannis,  Simmis,  Sepsis,   Theissis, 
Bertis.  Ja  es  kommt  vor,  daß   einer   aus  der  Familie  des  Simmis  oder 
Sinnnisen  schlechtweg  als  Simmiser  bezeichnet  wird.  Gesetzt  nun,  man 
habe    in  dieser  Weise    schon   vor   alter  Zeit   verfahren,    dann  geht  für 
die  Namen   auf  -eisen  ein   neues  Licht  auf.    Hieß    ein  Mann  Billi  und 
nach  ihm  das  Haus  schlechtweg  Billis,  so   konnten  seine  Söhne,  falls 
er  Doch  keinen   beständigen  Geschlechtsnamen  hatte,    zum  Geschlecht 
BiUis  genannt  werden.    Wie  anders  könnte  man  sich  sonst  Namen  er- 
klären, wie:  Jacobus  Berchtoldi,  Conradus  Meliae,  Hedi  Sennen  (neben 
Joh.  Senno),  Burchard  Heinrichs,  Rudolf  Ortolfs,  P.  Rantzen,  Johannes 
Qretun,    Heinricus    Mechtildinun  u.  s.  w.  Lz.  24,  113  ff.    Nun   konnte 
diese  genitivische  Ellipse  fiir  das  Haus  oder  das  Geschli  chl  Lillis,   nach- 
dem  sie   lange    genug    im    Munde    der    Leute    herumgekommen    war, 
wieder   wie  ein  Nominativ   behandelt  und   so   abermals  decliniert  werden, 
so  daß  ein   Haus  Billis  im   Laufe  der  Zeil  zu   Billisen  ward.    Als  man 
aber  aus  falscher  Analogie  den  Ton  von    ler  ersten  Silbe  des  Wortes 
auf  die  zweite  verlegte,   um  eine  Anlehnung  an  das  bekannte  isen  zu 
gewinnen,  da  war  auch  die  Zeil  schon  nahe,   wo  dieses  lange  mhd.  i 


64 


M.  BÜCK 


sich  in  ein  neuhochdeutsches  ei  auflöste.  Mancher  Name  unserer  Sippe 
wird  dann  wohl  auch  im  ersten  Theil  so  lang  verarbeitet  worden  sein, 
bis  das  endständige  eisen  dem  kopfständigen  Stammwort  den  lautlichen 
Betriff  irgend  eines  Werkzeuges  aufgenöthigt  hatte.  Ich  erinnere  an 
die  Verwandlung  von  Rechseisen  in  Röscheisen. 

Ich  erlaube  mir  nun  in  zwei  Spalten  eine  Auswahl  entsprechender 
Kamen  im  Nominativ  und  im  doppelten  Genitiv  gegenüber  zu  stellen 
und  für  beide  die  Orte  des  jetzigen  oder  früheren  Vorkommens  bei- 
zusetzen. 


Appeli  (jetzt  Äppli),  J.  1306,  Lindau.  H. 

liieij  um  Ravensburg. 

Bili  Lz.  20a   Register. 

Brech  Oberseh waben. 

End,  16.  Jb.,  Meßkirch.  A.  A. 

Falk  überall. 

Felsi  Lz.  20a. 

Frischi  Lz.  20a. 

Füeg  Oberschwaben. 

Fyl,  Viel,  Schwaben. 

Fund,  1750,  Ebisweiler.  A.  A. 


Geng  Oberschwaben. 

Halwe,  Helwe,  Lindau.  H. 

Hau,  1684,  Oberschwaben.  A.  A. 

Hebe  Oberschwaben. 

Hoch  Ober-  u.  Niederschwaben. 

Höni  Schweiz. 

Kalt,  15.  Jh.,  Tuggen  (Schweiz),  Lz.  25, 

175. 
Keck,  Keck,  Kecho  Lz.  20a. 
Koch  überall. 
Kolb  Biberach. 
Küclc,  Kick,  Biberach. 
Krumm,   14.  Jahrb.,  Mon.  Zoll.  1,  291. 

Müele,    Müle.    Mulin.    W.  U.    3,    238; 

3,  229.  Jetzt  um  Biberach. 
Milrdi  Lz.  20".  Schweiz. 


Not,  J.  1455,  Not  in  Waldsee.  E. 
Ramm  Waldsee. 

Waldsee. 
Ruß'  Ravensburg. 


98. 


Appeleisen,  J.  1498,  Ravbg.  E. 
Biegeisen,  17.  Jh.,  Lz.  20'. 
Bil'lisen,  14.  Jh.,  Lz.  17,  251. 
Brecheisen,  J.  1779.  Zeil.  C. 
Entissen,  15.  Jh.,  Ravbg.  A.  A. 
Falkeisen,  J.  1508,  Basel.  B.  20. 
Felfyßen,  16.  Jh.,  Luzern.  Lz.  16,  221. 
Frischysen,  J.  1499,  Luzern.  Lz.  20\ 
Füegeisen,  J.  1779,  Baden-Baden.  C. 
fylysen,  J.  1337,  Hohenzollern.  B.  22. 
Fundisen,   15.  Jahrb.,  Pflumern  Annal. 

Biberac.  Ein  Findynsen  in  Richentals 

Chr.  des  K.  Conc. 
Gengyssen  Reuttlingcn.  B.  23. 
Halbisen,  15.  Jh.,  Luzern.  Lz.  20". 
Hatieise»  Riedlingen.  Vgl.  Hocheisen. 
Hebeisen  Oberschwaben. 
Hocheisen  Stuttgart. 
Hönisen,  J.  1443,  Zürich.  Lz.  6,  175. 
Hönisen,  J.  1315,  B.  20. 
Kaltisen,  14.  Jh.,  H.  U.  266. 

Keckeisen  Ravensburg. 
Kocheisen,  J.  1  750,  Ravbg.  A.  A. 
Kolbeisen,  J.  1750,  Ravbg.  A.  A. 
Kückeisen,  J.  1750,  Ravbg.  A.  A. 
Crumpisen,   J.    1219,   Franken.   W.   U. 

3,   99. 
Mtiliscn  B.  36 ;  jetzt  Mühlcisen  in  Ehnin- 

gen,  Gmünd. 
Murdysen,  J.  1323,  B.  37. 
Mürdenisen,  14.  Jh.,  Ztschr.  f.  Oberrh. 

17,  96. 
Notisen  B.  38.  Augsburg. 
Rammeisen  um  Zwiefalten. 
Raiveisen,  J.  1590,  Ravbg.  A.  A. 
Rufeisen,  J.  1750,  Ravbg.  A.  A. 


ÜBER  GESCHLECHTSNAMEN  AUF  -ETSEN,  -fSEN. 


65 


Recht  Lz.  23,  328. 
Rech  Lz.  20\ 

Ribi  Schweiz.  Lz.  20" 


Hink,  Ring,  Schweiz. 

Sand  Schweiz. 
Schenk  überall. 
Schleif  Schweiz. 
Schmelz  Biberach. 
Schmid  überall. 


Schnetz  Ravensburg. 

Streck,  Steub,  oberd.  FN.  133. 

Silber  Stuttgart. 

Stemm,  Stümi,  Schweiz. 

Stoll  überall. 

Sur  (Sauer)  Altstatt. 


Thurn  um  Waldsee. 


Übel  Oberschwaben. 


Rauffeisen  in  Waldsee. 
Rechseisen,  16.  Jh.,  B.  20. 

Ribisen,J.  1276,  Straßbg.  Gassennamen. 

Reibeisen,  J.  1713,  Ravbg.  A.  A.,  jetzt 
ein  Hof  Reibeisen  b.  Ravensburg. 

Rinkeisen,  J.  1713,  Ravensburg.  A.  A. 

Ringeisen  Lz.  20". 

Sandeisen  Ravensburg. 

Schenkisen  Ravbg.  E. 

Schleifinsen  Ravbg.  E. 

Schneit zinsen,  J.  1567,  Ravbg.  A.  A. 

Schmideisen,  J.  1590,  A.  A.  —  Da  der 
Name  auchSchmidheißen  geschrieben 
ist,  kann  er,  weil  in  der  Gegend  der 
Name  Heiß  daheim  ist,  alter  Haus- 
name sein.  Kann  aber  auch  aus 
Schmidhiiusern  verballhornt  sein.  Vgl. 
Thurneisen. 

Schnetzisen,  15.  Jh.,  Ravbg.  E.  Unweit 
liegt  Schnetzenhausen. 

Slreckysen,  J.  1500,  Basel.  B.  20. 

Silberreisen,  J.  1451,  Stuttgart.  B.  45. 

Stemmeisen,  J.  1713,   um  Ravbg.  A.  A. 

Stolysen,  J.  1525,  B.  20. 

Surrisen,  15.  Jh.,  Ravensburg,  jetzt 
Sauereisen  und  in  Sourisseau  ver- 
welscht. 

Tliumeisen.  Vgl.  B.  20,  wo  nachgewiesen 
ist,  daß  die  Thurneisen  von  Basel 
ehedem  Thurneyser  und  Thurnhäußer 
hießen. 
Vbelisen,  J.  1324,  um  Zwiefalten.  F.  D. 
4,  28. 

Zerrysen,  J.  1482,  Möhringen.  B.  51. 


auf  -wer,    isser  an ,    da 


Zerr  finde  ich  als  Personennamen  nur 
im  Zerrenhau  bei  Söflingen.  Vgl. 
Sero,  Serrald.  Förstemann  NB. 
1,  1075. 

An  die  Namen  auf  isen  reihen  sich  die 
einige  dieser  Sippe  augenscheinlich  aus  genetivischen  Ellipsen  auf  -is 
weitergebildet  sind.  Ich  .•rinnen-  an  Albiser  und  die  Bofhamen  Albis- 
haus,  Albisreul  von  Albi  —  Albrecht;  an  Bilrgisser  und  dm  Namen 
Burgi  =  Burghart;  an  Eafiser  und  die  Familiennamen  Bans  und  Hai. 
welche  iu  der  Schweiz  und  im  Algäu  vorkommen;  an  Eiedisser  und 
Rudi  s.v.  a.  Rudolf;    an  Entüser   und    Entis   zu    End;    an   Fryschiser 

ÜERMAMA.  Neue  Reihe  VII.    (MX.  Jährt;.)  ^> 


66  M.  BUCK,  ÜBER  GESCHLECHTSNAMEN  AUF  -EISEN,  1SEN. 

B.  22  und  Frisch;  an  Välisser  B.  21  und  den  Geschlechtsnamen  Väl, 
Vel  (Fehl). 

Einige  lauten  in  Folge  der  unbestimmten  Aussprache  auch  -esser, 
so  Riedesser  neben  Riedisser,  Segesser  neben  Segisser.  Der  letztere 
Name  gehört  jedoch  nur  scheinbar  in  unsere  Sippe,  da  er  alt  Segenser 
lautet.  Vgl.  B.  44.  Lz.  20\  Ob  er  aber  zu  Segens,  Sense  oder  noch 
wahrscheinlicher  zu  einem  Ortsnamen  gehöre,  will  ich  hier  nicht  unter- 
suchen. Ganz  entschieden  zu  einem  Ortsnamen  gehört  Digiser,  was 
die  schwäbische  Aussprache  für  Digisheimer  ist,  denn  Digisheim  lautet 
bei  uns  Digisen.  Diese  Zusammenziehungen  scheinen  schon  alt  zu  sein, 
wenigstens  nennt  der  Cod.  Laures.  nr.  2337  das  Dorf  Lomersheim 
schon  im  J.  854  Lotmasen.  Ganz  anders,  wenn  auch  aus  einem  Orts- 
namen, ist  der  Geschlechtsname  Kniebiser  zu  erklären.  Es  gehört  zum 
alten  Knieboz,  Kniebreche,  wie  steile  Bergpfade  mitunter  heißen. 
Namen  wie:  Manezze,  Mitezze,  Verkenesser  gehören  wohl  zu  esse 
(edo).  Wohin  gehört  der  Isenesser?  J.   1275.  B.  21. 

Diese  Namen  auf  -isser  verdumpfen  sich  zuweilen  in  -asser.  Im 
Vorarlberg  gibt  es  Familien  Gallis,  Gallus  neben  Gallijler  und  Gal- 
lußer.  Es  ist  auch  die  Heimat  der  Riedißer.  Unsere  Stuttgarter  Binkiser 
heißen  im  14.  Jahrh.  Binkusser  und  Pingosser.  B.  17.  Diesem  Namen 
scheint  der  Geschlechtsname  Bengg  näher  zu  stehen.  Der  Form  nach  reiht 
sich  dem  Binkusser  der  bei  B.  22  angeführte  Ganusser  Ganasser  an. 
Diesen  Namen  habe  ich  stark  im  Verdacht,  daß  er  aus  Ganaffer  ver- 
lesen sei,  denn  ganz  in  derselben  Gegend  und  in  derselben  Zeit,  wo 
die  sog.  Ganasser  um  Tübingen  und  Rottenburg  herum  Urkunden, 
finde  ich  auch  Ganapher  und  Genepher  (Maulaffenfeilhaber) ,  z.  B. 
einen  bertholt  den  geneppher  in  den  Monum.  Zoller.  1,  323. 

Es  scheint  dieses  dumpfe  u  für  i  auch  in  andern  nur  mittelbar 
hieher  gehörenden,  zum  Theil  schwer  deutbaren  Namen  vorzukommen. 
Ich  nenne  den  Ulmer  Arlapus,  Arlapuz,  dessen  Wappen  einen  Erlen- 
busch zeigt,  einer  ist  z.  B.  z.  J.  1298  in  der  Zeitschr.  f.  Gesch.  d. 
Oberrh.  23,  61  genannt,  andere  in  den  Schriften  des  Vereins  für  Kunst 
und  Alterth.  in  Ulm  und  Oberschwaben.  Es  wird  wohl  nur  Zufall  sein, 
wenn  nach  Merian  Topogr.  von  ( »sterreich  S.  31  Bechlarn  einstens 
Arlape  geheißen  hat.  Im  J.  1442  kommt  ein  Ulmer  Rollubutz  vor, 
U.  A.  3,  77,  der  wie  mancher  andere  dieser  Form  freilich  wieder  auf 
andere  Erklärungspfade  führt.  Ein  Proteus  ist  der  alte  Stuttgarter: 
Borrus,  Bouruss,  Borrhaus,  jetzt:  Bauereiß,  Baureiß,  Baureß,  Bareß, 
Bareiß  B.  16.  —  Der  Vollständigkeit  halber  mögen  noch  einige  -uz, 
-us  hergesetzt   sein:    Bonruz,  Bonros,  Bombroz   14.  Jahrh.  H.,    in  der 


C.  M.  BLAAS,  DEK  MARIENKÄFER  IM  NIED.-ÖSTERR.  KINDERSPRUCH.       67 

letztern  Form  als  hieße  er  Baumknospe,  broß  Knospe  (vgl.  Buochen- 
öugli).  —  J.  1240  dict.  Genuz.  W.  U.  3,  458.  —  J.  1343  dict.  Kruchuz 
Ztschr.  f.  Oberrh.  16,  43.  —  J.  1364  dict.  Kurlapus  ib.  6,  360.  Dieser 
Name  klingt  an  Hurlapus,  Arlapus  und  den  Stuttgarter  Ilurlebausch 
an.  —  J.  1414  Hurruz  in  Konstanz.  Richentals  Chron.  -  -  Eine  Straß- 
burger Familie  nannte  sich  Kapnz  Straßb.  Gassenn.  S.  96,  eine  Schweizer 
Kabis  Lz.  20%  eine  andere  Kabi  und  Kebi.  —  Die  Familie  Hoppus 
15.  Jh.  um  Frohnhofen  lebt  jetzt  als  Hops  zu  Markdorf'.  Nebenbei 
gibt  es  eine  Familie  Hopp,  Hoppe  und  Höbe.  Der  Hof  Baums  im 
wirt.  0.  A.  Wangen  ist  nichts  weniger  als  latinisiert,  es  ist  der  schwä- 
bische Locativ  für  Baur,  dessen  Casusendung  so  dumpf  lautet,  daß 
man  nicht  weiß,  ob  man  Baurus  oder  Bauras,  Baures,  Bauros  oder 
Bauris  schreiben  soll. 

Zum  Schluß  noch  eine  Zubuße  für  Namenliebhaber.  Eisenbeiß, 
Eisobeifi,  Tritenbeiß.  B.  47.  —  J.  1424  Bronbisz  Lindau.  H.  —  J.  1344 
Huntpisz  Ravensburg.  B.  28.  —  J.  1288  Hanebitz  Menger  Archiv.  — 
J.  1448  Affenbitz  Lz.  17,  6.  —  J.  1452  Frumppisz  Lz.  11,  99.  —  J.  1381 
Froioenbisz  E.  322.  —  J.  1247  Katzenbiz  B.  30.  —  Rimpiss  B.  40.  — 
Vgl.  Steub,  die  oberdeutschen  Familiennamen  S.  80. 

AULENDORF  im  September  1873.  Dr.  BÜCK. 


DER  MARIENKÄFER  IM  NIEDEROSTERREICHI- 
SCHEN  KINDERSPRUCH. 

VON 

C.  M.  BLAAS. 


Schon  bei  den  alten  Indern  war  der  Marienkäfer  (coccinella 
septempunetata)  ein  vorzüglich  geheiligtes  Thierchen  (s.  v.  d.  llagens 
Germania  7,  435)  und  J.  Grimm  (Deut.  Myth.  S.  658)  deutet  seinen 
Namen  auf  Frouwa,  welcher  nach  J.  W.  Wolf  (Beiträge  z.  deutschen 
Myth.  II.  Bd.  S.  449 j  der  Käfer  heilig  gewesen  sein  muß.  Überdieß 
ha1  \V.  Mannhardl  in  Beinen  Germanischen  Mythen  (S.  243  fg.)  ein- 
gehend nachgewiesen,  daß  die  coccinella  im  Norden  Gottheiten,  wie: 
Preyr,  Freya  und  Frigg  geweihl  war,  und  wie  im  übrigen  Deutsch 
land,  ebenso  steht  der  Marienkäfer  auch  in  Niederösterreich,  nichl  nur 
im  besondern  Ansehen,  sondern  er  wird  im  oiedorüsterreichisclmn  Wald- 
viertel,  gleich  der  Schwalbe  und  dem  Rothschwänzchen,   für  „heilig'' 

5* 


68  C.  M.  BLAAS 

gehalten.  Daran  gemahnen  vor  Allem  schon  die  Namen  des  Käfers  in 
Niederösterreich  als:  Herrgottskäferl,  Herrgottskalb'l,  Muttergotteskäferl, 
Frauenkäferl  und  Sonnenkäferl.  Nebst  diesen  mythischen  Benennungen 
des  Marienkäfers  deutet  auf  die  Verehrung  desselben  in  Niederöster- 
reich außer  dem  Volksglauben,  nach  welchem  dieß  Käferchen  jedem, 
dem  es  zufliegt,  Glück  bringt,  auch  noch  die  Meinung  der  Kinder. 
Diese  glauben  nämlich,  daß  derjenige,  der  ein  Frauenkäferl  tödte, 
eine  schwere  Sünde  begehe,  welche  durch  einen  Sterbefäll  in  dessen 
Familie,  oder  durch  ein  anderes  Unglück,  welches  die  Muttergottes 
schicke,  bestraft  werde1).  Übrigens  soll  der  Marienkäfer  in  Nieder- 
österreich auch  einen  schönen  sonnigen  Tag  bringen,  und  die  Kinder 
glauben,  wenn  er  von  ihrer  Hand,  während  sie  ihn  besprechen,  auf- 
fliege, so  werde  bald  darauf  die  Sonne  aus  den  Wolken  hervor- 
kommen2). 

Indeß  erscheinen  die  Beziehungen  des  Marienkäfers  zur  Sonne 
und  zum  Wetter  am  klarsten  in  den  hier  folgenden  Kindersprüchen, 
welche,  wenn  hiefür  auch  kein  anderer  Grund  maßgebend  wäre,  schon 
deßhalb  unsere  Aufmerksamkeit  verdienen,  weil  nach  Rochholz  (Alem. 
Kinderlied  S.  VII)  der  Kinderspruch  so  alt  wie  unsere  deutsche  Helden- 
sage ist. 

1.  Sprinzerl,  Sprinzerl3) 

fliag  unsan  Herrgott  in's  Tümpferl, 

bring  uns  heint  und  moargn  a  schene  Sunni. 

(Reingers.) 

2.  Sunnkäferl,  Sunnkäferl  fliag  in'n  gold'nen  Brunn, 
bring  uns  heint  und  moarg'n  a  rechte  schene  Sunn. 

(Stockerau.) 

3.  Frau'nkäferl  fliag  in'n  Brunn, 

bring  uns  heint  und  moarg'n  a  schene  Sunn4). 

(Litschau.) 

4.  Frau'nkäferl  fliag  über'n  Brunn 
und  bring  a  schene  Sunn5). 

(Stockerau.) 


')  In  Schwaben  wird  der  Marienkäfer  als  der  Muttergottes  geweiht  betrachtet 
und  man  sagt  daselbst,  wer  ihn  tödte,  komme  in  die  Hölle.  E.  Meier,  Sagen  aus 
Schwaben  S.  223  und  224.  2)  Vergl.  Panzer,  Bayer.  Sagen  II.  Bd.  S.  379.  3)  Im 
niederösterr.  Waldviertel  wird  der  Marienkäfer  auch  Sprinzerl  und  Sprinzkäferl  ge- 
nannt. 4)  Vergl.  Panzer,  Bayer.  Sagen  II.  Bd.  S.  547.  5)  Vergl.  Mannhardt 
German.  Mythen  S.  254. 


DER  MARIENKÄFER  IM  NIEDERÖSTERR.  KINDERSPRUCH.  69 

5.  Frau'nkäferl,  Frau'nkäferl  fliag  nach  Hollabrunn6) 

und  bring  uns  heint  und  moarg'n  a  rechte  schone  Sunn. 
(Korneuburg,  Hörn,  Retz  und  Groß-Weikersdorf.) 

6.  Frau'nkäferl  fliag  nach  Hollabrunn 
und  bring  a  goldene  Sunn. 

(Stockerau.) 

7.  Frau'nkäferl  fliag  nach  Hollabrunn 
und  bring  uns  moarg'n  a  schene  Sunn. 

(Kirchberg  am  Wagram  und  Nalb  bei  Retz.) 

8.  Sunnenkäferl  fliag  über  Hollabrunn 
und  bring  uns  a  schene  Sunn. 

(Eggenburg.) 

9.  Frau'nkäferl,  Frau'nkäferl  fliag  nach  Mariabrunn7) 

und  bring  uns  heint  und  moarg'n  a  wunderschene  Sunn. 

(Wien  und  Rodaun.) 

10.  Frau'nkäferl,  Frau'nkäferl  fliag  über  Brunn8) 

und  bring  uns  heint  und  moarg'n  a  goldene  Sunn. 

(Langenlois.) 

11.  Sunnenkäferl  fliag  über  den  Rhein 
und  lass  die  Sunn'  sehen  schein. 

(Tulln.) 

12.  Frau'nkäferl  fliag  über  den  Rhein, 

daß  's  heint  und  moarg'n  recht  sehen  soll  sein. 

(Waidhofen  an  der  Ybbs.) 

13.  Frau'nkäferl  fliag  über  den  Rhein, 
schau  was  moarg'n  für  a  Tag  wird  sein. 

(Senning.) 

14.  Frau'nkäferl,  Frau'nkäferl  fliag  davon 

und  bring  uns  heint  und  moarg'n  a  schene  Sonn. 

(Stockerau.) 


fi)  In  Niederösterreich  führen  zwei,  ungefähr  6  Stunden  von  einander  entfernte, 
Orte  den  Namen  Hollabrunn,  nämlich  Oberhollabrunn  and  Niederhollabrunn.  7)  Ein 
Wallfahrtsort  in  Xiederösterreich,  über  dessen  Bedentang  für  Legende  und  Sage  s. 
Marian,  Geschichte  der  österr.  Klcrisey  IV.  Tl..  VIII.  Bd.  S.  394  -409.  Gebhart,  die 
heilige  Sage  in  Österreich  8.  21.  Kaltenback,  .Mariensagen  8.  109-  113  and  die  in 
diesem  Werke  auf  S.  360  verzeichneten  Schriften.  Ferner  vergl.  Chambers,  Populär 
rhymes  of  Scotland  S.  171.  „At  Vienna,  the  childern  do  the  Barne  thing  crying  — 
Käferl,  Käferl,  Käferl,  Flieg  n.-t<-h  Mariabrunn,  Und  bring  ans  a  schöne  Sonn.  —  That 
is  as  much  as  to  say,  in  the  language  ol  a  Scottisfa  yonth  -  Little  birdie,  little  bi 
Fly  to  Marybrun,   And   bring  OS   hame   a   fioe   Mina.  [n  torrcich  gibt  es 

mehrere  Orte,  welche  den  Namen  Brunn  fahren, 


70  C.  M.  BLAAS 

15.  Herrgottskalb'l  fliag  in'n  Brunn 

und  bring  unsan  Herrgott  a  goldene  Sunn. 

(Schoderlee  bei  Stronsdorf.) 

16.  Frau'nkäferl  fliag  nach  Brunn 

und  bring  unsan  Herrgott  a  goldene  Sunn. 


17.  Frau'nkäferl,  Frau'nkäferl  fliag  davon, 

bring  unsan  liab'n  Herrgott  a  schene  Sonn. 


(Langenlois.) 
(Stockerau.) 


18.  Frau'nkäferl  fliag  nach  Karnabrunn9) 

und  bring  der  Muttergottes  a  goldene  Sunn. 

(Stockerau.) 

Hinsichtlich  des  „gold'nen  Brunn"  im  Spruche  2  sei  hier  er- 
wähnt, daß  sich,  wie  in  Bayern  (Panzer,  Bayer.  Sagen  I.  Bd.  S.  184 
und  Schönwerth,  Aus  der  Oberpfalz  II.  Th.  S.  173)  und  in  Tirol  (Alpen- 
burg, Mythen  und  Sagen  S.  320 — 321  und  Zingerle,  Sagen  und  Ge- 
bräuche S.  107)  so  auch  in  Niederösterreich  die  Sage  vom  goldenen 
Brunnen  localisiert  hat,  und  ich  verweise  hier  nur  auf  das  Sagenreiche 
„gold'ne  Brünnl"  im  Rohrwald  bei  Rohrbach  (unweit  Stockerau), 
in  dessen  Nähe  (der  Sage  nach)  eine  weiße  Frau,  vom  Volke  die 
„Annamiarl"  (Anna  Maria)  genannt,  um  eine  Eiche  gehend  bemerkt 
wurde,  welche  sich  aber,  seit  ein  Marienbild  an  den  Baum  geheftet 
wurde,  nicht  mehr  sehen  lässt.  —  Ob  nun  diese  „Annamiarl "'  auf  die 
Brunnenfrau  Hol  da  (Holla)  zu  deuten  sei,  will  ich  hier  dahingestellt 
sein  lassen;  ich  glaube  aber  bei  dieser  Gelegenheit  auf  den,  in  den 
angeführten  Sprüchen  vorkommenden,  Ortsnamen  „Hollabrunn",  ob- 
wohl er  mir  wie  die  übrigen  Ortsnamen  in  den  Sprüchen  nur  eine 
zufällige  Localisation  des  betreifenden  wirklichen  Brunnens  oder  Ge- 
wässers zu  sein  scheint,  hier  aufmerksam  machen  zu  müssen,  und  zwar 
weil  Mannhardt  in  seinen  German.  Mythen  nachweist,  daß  die  Sprüche 
vom  Marienkäfer,  sowie  der  mit  demselben  in  Bezug  stehende  Brunnen, 
auch  auf  die  deutsche  Holda  zurückzuführen  seien. 

Übrigens  soll  Oberhollabrunn  der  Sage  nach  von  einem  wirklichen 
Brunnen,  in  welchem  die  Hirten  der  dortigen  Gegend  in  alter  Zeit 
ihr  Vieh  tränkten,  den  Namen  erhalten  haben  und  sein  Wappen  ist 
„ain  Schult  Inn  der  mitte  vberzwerch  In  zwen  taill  gleich  abgethaillt,  Das 
ganntz  vnndertaill  Inn  gstalt  aines  wassers  vnnd  Inn  dem  vordern  taill 
des  Schillts   erscheinendt  vber  sich  ain  velsen,   dar  Innen  enntspringenndt 


9)  Ein  Wallfahrtsort  in  Niederösterreich, 


DER  MARIENKÄFER  IM  NIEDERÖSTERR.  KINDERSPRUCH.  71 

aus  ainer  hölle  durch  ain  goldifarbes  Nörlc  ain  Vnimienqucl  vnnd  gegen 
demselben  Im  wasser  ain  Schwannen  seiner  natturlichen  färb  vnnd  gestallt. 
Das  Ober  taill  des  Schillts  aber  Plaw  oder  Lasurfarb  Inn  demselben  vber- 
zicerch  ain  gelber  oder  goldf arber  wolffs  Aungl  den  ainen  Spitz  gegen  dem 
vordem  <  >b,  rn  vnnd  den  anndern  gegen  dem  mindern  hindern  egg  kherendt, 
darnach  gegen  dem  vordern  vnndern  rund  im  hindern  Obern  taill  des 
schillts  ain  goldf  arber  Sterenu.  —  (S.  Mayer,  drei  Capitel  aus  der  Ge- 
schichte Oberhollabrunns  S.   7.) 

Schon  in  den  erwähnten  Sprüchen  erscheint  der  Marienkäfer  als 
Bote  und  Vertrauter  der  Götter  (vgl.  Grimm  deutsche  Myth.  S.  658), 
noch  mehr  tritt  er  aber  als  solcher  in  den  folgenden  hervor: 

19.  Herrgottskalb'l  [Frau'nkäferl]   fliag  af  d'Woad 
und  bring  unsan  Herrgott  a  goldenes  Kload. 

(Schoderlee  bei  Stronsdorf.  —  Großmugl  und  Wulzeshofen.) 

20.  Herrgottskäferl  fliag  af  d'Hoad 

und  bring  unsan  Herrgott  a  schens  Kload.  (Retz.) 

21.  Sunnkäferl  fliag  nach  Karnabrunu  über  d'Woad 

und  bring  der  Muttergottes  a  schens  goldenes  Kload  10j. 

(Stockerau.) 
Für  die  Auffassung  des  Marienkäfers  als  Götterbote  spricht  indeß 
ferners  noch  der  Umstand,  daß  derselbe  den  Kindern  in  Niederöster- 
reich nicht  nur  Jenseits  einen  „schönen  Ort"  suchen  soll,  sondern  daß 
er  ihnen  auch  anzeigt,  ob  sie  in  den  Himmel  oder  in  die  Hölle  kom- 
men; denn  in  Stockerau  sagen  die  Kinder  zu  ihm,  wenn  sie  ihn  auf 
der  Hand  halten: 

22.  Frau'nkäferl,  Frau'nkäferl  Hing  fort, 
such'  mir  an  sehen  Ort 
entweder  Himmel  oder  Höll; 
oder: 

23.  Frau'nkäferl,  komm  i  in    n   Himmel  oder  in  d'Höll"? 
und   glauben    dabei,    sobald    der  Käfer   aufwärts    fliege,    kämen  sie  in 
den  Himmel,  wenn  aber  abwärts,  in  die   Hölle11). 

Zu  d>n  Anrufungen  des  Marienkäfers  in  Niederöstencieli   gehören 
endlich  noch  zwei  Sprüche  aus  dem  Waldviertel,  und  zwar: 
24.  Sprinzerl  fliag  hoam, 

deine  Kinda  wear'n  woan, 
dei  Häuser]  wird  brinna, 
deine  Kinda  wear'n   versinka! 


,0)  Vergl.  Zeitschr.    f.  d.    Myth,   IV  ")  Vcrgl.  A.   Kuhn,    Sagen    aus 

Westfalen  II.  Th.  S.   78. 


72  W.  WATTENBACH 

25.  Sprinzkäferl  fliag  hoam, 

dei  Muada  thuad  woan, 

deine  Kinda  thoan  singa, 

dei  Häuserl  thuad  brinna!12) 

(Reingers.) 
Schließlich  reihe  ich  an  diese  Sprüche  noch  die  einzige  mir  vom 
Marienkäfer  bekannte  Sage.  Dieselbe  scheint  sowohl  mit  den  Benen- 
nungen des  Marienkäfers,  als  auch  mit  jenen  Kindersprüchen,  in  wel- 
chen derselbe  als  eine  Milch  und  Butter  bescheerende  Kuh  aufgefasst 
wird  (s.  Rochholz,  Alemann.  Kinderlied  S.  93),  in  Verbindung  zu  stehen. 
Sie  wurde  mir  erst  kürzlich  in  Stockerau  von  einem  Knaben  aus 
Böhmen  erzählt,  wie  folgt:  Als  Christus  geboren  wurde,  brachten  ihm 
die  Hirten  Milch  und  Butter,  und  als  die  Muttergottes  diese  Geschenke 
in  Empfang  genommen  hatte,  flog  auf  das  Milchgefäß  ein  Frauenkäferl, 
welches  seit  dieser  Zeit  stets  bei  der  heiligen  Familie  blieb  und  diese 
erst,  als  sie  vor  Herodes  nach  Egypten  flüchten  musste,  daselbst  ver- 
ließ. —  Außerdem  sagte  mir  der  Knabe  noch,  Christus  habe  dem  Frauen- 
käferl, weil  es  der  Muttergottes  zugeflogen  sei  und  er  es  lieb  hatte, 
den  Namen  Maidalenka  (Magdalena)  gegeben,  welchen  Namen  das 
Marienkäferchen  bei  den  Tschechen  führt.  (Über  andere  tschechische 
Namen  dieses  Käfers  s.  Grohmann,  Aberglauben  und  Gebräuche  aus 
Böhmen  S.  83  und  233.) 


ARENGA  DE  COMMENDATIONE  STUDIL 


Incipit   arenga  de  commendacione   studii   humanitatis  atque  amenitate 

estivalis  temporis*). 

I«  Arva  floribus  extant  decusata, 

Ave  anime  mi  respira!  5  Prata     universa  rident, 
Dira     hyems  iam  preteriit,  Strident     erarii,  ludos 

Feriit     famelicos  atque  nudos.  Videntes  oriri  tarn  iocundos. 


i2)  Vergl.  Grimm,  Deutsch.  Myth.  658.  Wunderhom,  III.  Bd.  S.  406.  Mannhardt, 
Germanische  Myth.  S.  349  —  351.  Landsteiner  Keste  des  Heidenglaubens  S.  41. 

*)  Die  Überschrift  von  der  (gleichzeitigen)  Hand  der  Glossen.  [Die  strophische 
Abtheilung  habe  ich  hinzugefügt;  es  sind  drei  Strophen,  die  Stollen  länger  als  der 
Abgesang  und  mit  Übergangsreimen  (vergl.  Germania  12,  181 — 185)  versehen.     K.  B.] 

1  Aye]  darüber  als  Glosse:  hortandi  est.  2  preteriit]  abivit.  3  feriit]  seil, 
que  percussit.        famelicos]  esurientes.  4  decusata]  ornata.  5  rident]  florent. 

6  strident]  zanclaffent.     erarii]  usurarii. 


AEENGA  DE  COMMENDATIONE  STUDII. 


73 


Ut  tristemur  non  est  phas. 
Mas  bymnisat  corde  leto; 
Freto     rethe  inmergitur 

45  Ad  prendendura  pisces. 

Coniuuctus   nunc   si  sis  puellis 
Bellis     ([uc  111,'itronis 
Donis     ornabis  eas. 
Receptabere  ad  viridaria, 

50  Varia     virtute  te  decorant, 
(  > r.int     secum  una  ut  meas 
Ac  curialia  multa   disccs. 
§   lliis  si  comniunices  convivis, 
Divis     modestiis  indulge, 

55  Fulge     morali  facecia. 

Hec  sciunt  recensere  mores, 
Fores     adornanl  faceto 
Discreto     dant   magna  precia, 
Ac  ipsi  rubicundas  genas  por- 
rigunt. 

60  Hinc  ut  subserviam  sexui 
Pexui     mentis  erines, 
Fines     racionisnetranscendam. 
Detestantur  (scio)  grossos 
Fossos     dura  rusticitate. 

65  Late     infligunt  ipsis  mendam 
Acrique  iudicio  corrigunt. 
§  Olfactu   tarn  fragranl   virencia, 
Aer  virtute  extal   plenus, 
Sed  excellit  terre  encia 

70  Nobile  femmeum  genus, 

Quod  nobis  balnea  conficit  arti- 

ficialia 
Floribus,  rosis,  herbis,  qualia 
Fiunt  in  Suevia,AthesietAlsacia, 
As1  alibi  natura  scaturiunt: 

75  In  quis  populi  queritanl  solacia 
El  heroes  i  cum  i  puppis  liguriunt. 

-   arbusta]  heck.         9  segetes]  fructus.     fundo  agro.         lt  invitant]  indicunt. 
16  culcat|  terit,      pusio]   puer.  jten.  17  inservit]   inhabitat.  L8  cetus] 

turba.         L9  frei  '  '''-•  comprus. 

27  ätillarom]  guttarum.       capitulis]  a  caput.  dulcorat]  dulces  facit.       vorbei 

i.  berbaa  el  capitnr  pi nni  berba.         :;i  eum]  rast i cum  vel  ortutanum.      serva]  &b 

cilla.       terit]  content.         39  venustate]   pulchritudine.         42   phas]   licitum.         43  mas 
bymnisat]  vir  cantat.         45  prendendum]  capiendum.         IT  bellis]  com  ms. 

|s  ornabis]  mnnerabis.  50  d  51    jecum]  cum 

eis.       meas]    vadas.  62   II  iminunices]    communitatem    habes. 

r,l  Glo  cijs    1 1 •  mi-,  tu  inhere.  56  bee]    virgini  schätzen. 

57  fores]  iannas.  60  subserviam]  occulte  sicrviam.  spernnct. 

t',5  mendam]    macnlam    repreb  67  olfactu]    ! fragrant]    ■ . <  1  > .  i  .-i ut . 

71   conficit]  alü  confert.  71  ast]  eciam,     scaturiunt]  quellent.         76  quis    quibus. 

populi]   vulgares,     queritant]  frequenter  querunt.         7t",  beroes]  magni  domini,     puppis] 
cum  dominabufl  et  virginibus.     liguriunt]  laute  vivunt. 


Vepres  arbustaque  vireseunt, 
Crescunt     segetes  ex  fundo, 

10  Mundo     conferentes  solamina. 
Arbor  queque  suos  facit  fruetus. 
Luctus     acerbos  refutemus : 
Nemus     ac  camporum  gramina 
Nos  invitant  letabundos. 

15  Jam  arillator  terram  sulcat, 
Culcat     lianc  pusio  rastro. 
Castro     inservit  miles: 
Jam  feminarum  triumphat  cetus, 
Fretus     estivali  gaudio. 

20  Audio     virgines   civiles 
Novas  psallere  cantilenas; 
Coreas  dueunt  vespertinas. 
Binas     video  connexas 
Plexas     adolescentum  digitulis : 

25  Jocus  iste  est  festivus. 
Rivus     dulei  unda  fluit. 
Ruit     ymber  stillarum  capitulis, 
Radices  dulcorat  et  verbenas. 
Jam  omnis  exultat  creatura: 

30  Philomena  merula  et  frigellus 
Equali  concinnunt  mensura. 
Jam  arida  feeundatur  tellus, 
Jam  sua  ortulanus  sata  serit, 
Post  eum  serva  glebas  terit. 

35  Jam    vinearum     prescinduntur 

vites, 
Sed  frutices  religantur. 
Jam  omnes  penuriarnm 
Novo  fruetu  resecantur. 


lites 


IL 


40 


Montes  nunc  venustate  vigent, 
Frigent     coli  ss   yernali  ror<  . 
Flore     vallis  respergitur: 


74 


W.  WATTENBACH,  ARENGA  DE  COMMENDATIONE  STUDH. 


III. 

§  Ubi  sat  letati  fuimus, 

Fumus     ignorancie  abicietur. 

Detur     locus  seiende. 
80  Progrediamur  ergo  foras, 

Oras     longinquas  visemus. 

Reinus     ignave  demencie 

Concremetur  prorsus. 

Almania  hew  prostrata  iacet, 
85  Tacet     preceptoruin  vox. 

Nox     illic  diem  retundit. 

Exurge  ergo  festive  studens ! 

Prudens     animo  nunc  si  sis, 

Scis :     Ytalia  doctrinani  fundit : 
90  In  Liptzk  caristie  mordet  ursus. 

Ytalia  pregnantes  habet  scolas. 

Volas     ad  ipsius  sinurn: 

Trinum     sorciaris  profectum. 

Illic  ars  pollet  humanitatis, 
95  Satis     eciam  dicendi  generis. 

Veneris     haud  invenies  ibi  lec- 
tum, 

Sed  florere  canones  atque  leges. 
Aus  der  Berliner  Hs.  lat.  fol. 
BERLIN. 


Humanitatis  arte  non  imbutus, 
Mutus     erit  neque  doctus, 
100  Coctus    aqua;sednecconditus. 
Arte  oratoria  vere 
Splendere     qui  conspicitur, 
Dicitur    eloquencie  studio  peri- 

tus, 
Is  imperatores  adoritur  atque 

reges. 
105  §  Hoc  qui   sum   carmen  poe- 

tatus, 
Arti  humanitatis  indulgeo, 
Sumque  Samuel  vocitatus. 
Lacera  quoque  facie  fulgeo. 
Calciamentorum   rostra   longa 

gesto, 
110  Sed   marsubio  gradior  mesto. 
Cogor  ergo  aliorsum  prosilire. 
Vale    Liptzk!     salva    semper 

syes. 
Omnipotens  te  dignetur  custo- 

dire7 
Sit    vel    alumnis    meis    parta 

quies. 
49  (15.  Jahrh.),  f.  91. 

W.  WATTENBACH. 


80  progr.]  vadamus.  81  oras]  patrias.     visemus]  frequentemus.  82  ignave 

dem.]  male  stulticie.  83  prorsus]  omnino.  84  über  hew  prostrata:  Quo  diver- 

tamus.  85  prec.  exreeeptorum  Hs. ;  darüber  docencium.  86  retundit]  vnder- 

truck  (1.  undertruckt).  87  festive]  celebris.  89  fundit]  dat.  91  pregnantes] 

feeundas.  92  volas]  velociter  curras.     sinum]  gremium.  93  trinum]  triplicem. 

profectum]  ibi.  94  illic]  eodem  loco.  pollet]  viget.  humanitatis]  poetrie.  95  die. 
gen.]  ars  oratoria  pollet.  96  ibi]  in  Ytalia.  98  human.]  poesi.  non  imbutus]  est 
expers.  100  coctus]  f.  (aus  s  entstellt  =  seil.)  qui   non   est   inbutus   arte   poesi. 

conditus]  salsus.  101   vere]  certe.  103  eloquencie]  faeundie.  104  is]  iste. 

adoritur]  alloquitur.  105  Poetatus  (darüber  dietavij  deponentale  est  a  poetor  poe- 

taris.  106  indulgeo]  insisto,  inhereo.  107  Sam.  vocit.]  hoc  nomine  vocatus. 

108  lacera]  lacerata,  wlnerata.  110  mars.  gr.  m.]  bursa  transeo  vacua.  111  al. 

prosil.]  in  alias  partes  transire.  113  omnip.]  deus.  custodire]  protegere.  114  vel] 
eciam.     alumnis]  nutritoribus.     parta]  parata. 


H.  RÜCKERT,  ZWEI  GEISTLICHE  GEDICHTE  AUS  SCHLESIEN.         75 

ZWEI  GEISTLICHE  GEDICHTE  AUS  SCHLESIEN. 


Aus  Cod.  Chart.  I,  4,  466  der  Breslauer  Universitätsbibl.  hat 
Hoffmann  in  der  Monatsschrift  f.  Schlesien  738  eine  Anzahl  von  deut- 
schen und  böhmischen  geistlichen  Liedern  rnitgetheilt,  welche  jeden- 
falls für  öffentlichen,  vielleicht  auch  für  den  Gebrauch  in  der  Kirche 
bestimmt  waren.  Es  ist  wohl  der  älteste,  dann  häufig  wiederholte  Ver- 
such, dem  geistlichen  Kirchengesang  in  der  Landessprache,  welchen 
die  Hussiten  sofort  durchführten,  von  katholischer  Seite  her  ein 
Paroli  zu  biegen.  Denn  daß  sie  von  dieser  Seite  ausgegangen  sind, 
wird  durch  ihren  Inhalt  und  durch  den  Ort  ihrer  Überlieferung  be- 
wiesen. Die  bez.  Handschrift  ist  nämlich  von  dem  kathol.  Geistlichen 
Nicolaus  v.  Cossel  geschrieben,  über  den  Hoffmann  1.  c.  die  ihm  zu- 
gänglichen Notizen  gibt,  und  Theile  von  ihr  sind  bis  zum.  Jahre  1417 
vollendet  gewesen,  darunter  gerade  derjenige,  vor  welchem  die  von 
H.  gegebenen  Stücke  und  unmittelbar  hinter  welchem  die  beiden  hier 
folgenden  stehen,  die  H.  nicht  mitgetheilt  und  die  doch  der  Publication 
werth  scheinen.  Aus  der  schles.  Monatsschrift  sind  die  deutschen  Lie- 
der in  H's.  Gesch.  d.  deutschen  Kirchenl.  von  Nr.  63  an  übergegangen. 
Wir  geben  den  Text,  der  in  I  in  abgesetzten  Versen,  in  II  in 
fortlaufenden  Zeilen  geschrieben  ist,  genau  nach  dem  Original,  nur 
mit  Auflösung  der  wenigen  Abkürzungen  und  in  unserer  Interpunction. 

I.   (f.   88a.) 
Pater   noster: 

Ich   man   dich,   valer  iesu  crist, 

wen   du  mein   dirlözer  bist, 

gedenk,   herre,   an   dein   erbeyt, 
5   an   dein   iamer   und   an   dein   leyt, 

an  dein   hunger  und   an  dein   durst, 

an  dein   bieze  and  an  dein  vrust, 

an   dein   czeher  und  an   dein   bw< 

der   do   blutig   und    ; 
10  obir  deynen  heyligen   rücken  vlos 

und  eich   nedir   auf  dj    erde   dergoe. 

Patei  ii"  • 
Ich  man  dich,  herre,  bey  der  stunden, 
do   dich   dy   Juden   vyngen   und   banden; 
15  zy  zogen  nicht  an  dej  o  enlende, 
zy  banden  dir  rüsse  und   bende, 
das  dir  das  blut  aua  den  negiln  drank. 
0  züsser  got,  wy  zere  dich  betwank 


76  H.  RÜCKERT 

deyn  vetirliche  liebe! 
20  gleich   einem  dybe 

woldistu  dich  losen  vüren 
und  vor  den  zünder  rügen! 

Pater  n oster: 
Ich  man  dich,   hirre,  bey  der  smacheyt 

25   dy  dir   dirbot  dy  valsche  Judischeyt: 
do  sy  dich  hatten   gebunden, 
ze  slugen  dir  grosse  wunden, 
ze  slugen  dich   of  deyn  heyligen  hals 
(f.    88b)  und  ze  sprochen,   dein  lere  were  yalsch. 

30  ze  rofften  und  vorspeyten  dich, 

und  ze  slugen  dir  mangen  herthen  strich, 
das  dir  das  blut  obir  dein  heyligin  zeyten  ran. 
o  süsser  got,   nu  gedenck  doran 
und  vorgyp  mir  all  meyn  schult 

35  und  las  mich,  herre,  han  deyn  hult! 

Pater  noster: 

Ich  bitte  dich,  lieber  vater  meyn, 

gedenk  an   alle  dy  martir  deyn, 

gedenk  an  deyn  crone  so  swer, 
40   an   deyn  negil  und   an  deyn  sper; 

gedenk  an  deyn  tyffe  wunden 

dy  dyr  blebin  unverbunden; 

gedenk  an  deyn  bittern  tot. 

behut  mich,  hirre,  vor  allir  not 
45  und  sych   czu  der  rechtin  hant, 

do  der  schecher  dy  rewe  vant, 

und  vorleih   myr  wäre  rewe 

durch   deyn  vetirliche  trewe! 

Pater  noster: 
50  Ich  man  dich  bey  der  lyben   muter  deyn, 

Maria,   dy  züsse  konygeyn, 

gedenk  an  yr  gros  leyt, 

wy  eyn  swert  yr  hercze  durchsneyt, 

do  ir  qwomen   dy  mer, 
55   das  yr  lybes  kynt  gevangen  wer. 

gedenk  an  eren  grosen   smerzen 

und  trost  meyn  betrübtes  hercze 

in   alle   meym   leyde. 

ce  wen  ich  von  hynne  scheyde 
60   zo  tröste  dy  arme  zele  meyn 

und  las  mich  nicht  in  nöten  zeyn  ! 

Pater  noster: 
Ich   man  dich  noch,  vil  guter  got, 
gedenk  an  der  Juden  spot 


ZWEI  GEISTLICHE  GEDICHTE  AUS  SCHLESIEN.  77 

65  und  an   den   bittern  gallen  trank 
und  an  den  jemmer liehen  gank, 

do  du  czu  der  marter  woldest  gen, 
nakt  und  bloz  vor  den  Juden  sten, 
do   das   ürteyl   obir   dich   dirgynk 
70   das  man  dich  an  das  creueze  hynk. 

Pater  noster: 

Ich  man  dich  noch,  vil   guter  heylant, 

al  meyn  not  und  al  meyn  leyt  zey   dir  bekant. 

ich   bit  dich  durch   deyn   reynes  blut 

das    du   mit  geduldigem   mut 
75    durch  meynen   willen   woldest   vorgissen, 

des   las   mich,  herre,  genissen, 

und   vorgip   mir   alle   meyn   missetat 

dy  meyn  zundiger  leip  y  begangen   hat 

wider  dy   werk   der  heyligen   barmherezekeit, 
80   und  wider  dy  zyben  heylykeit 

und  wedir  dy   czen  gebot : 

alle   totliche   zünde   vorgip   mir,   lieber   vater   und   guter   got, 

und  las  mich  nicht   dirsterbin, 

ich   mus   der  vor   ee   dein   hulde   dirwerbin, 
85   Amen. 

II.  Salve  regina. 
Gegrusset  zeistu  könegin,   eyn   muter  der  barmherezikeit, 
ein   lebin  und  zussikeit 
und   unsir  hoffenunge. 
90  bis  gegrusset,   czu  dir  schrey  wir  enelcnden   kynder  frawen   Ewe, 
czu  dir  irsufeze  wir  weynende   und  irsufezende 
in  dem  tal  der  czer. 
eya  dorumme,   unsir  vorsprecherynne.   dein   barmherzigen   ougen  czu 

uns  wende, 
und  iesum,  dy  gebehedeyte  vrucht   deynes  leybes,   uns  noch   desin 

enelende 
95  irzeyge,  o  gütige,  o  milde,   o  süsse   Maria- 
Amen. 

Über  die  sprachlichen  Eigentümlichkeiten  dieser  die  echte  Fär- 
bung der  schieß.  .Mundart  ihrer  Zeit  tragenden  Lieder,  von  denen  das 
zweite  richtig«!-  Sequenz  zu  nennen  wäre,  das  erste  wegen  der  unglei 
chen  VersezabJ  Beiner  Strophen  im  uneigentlichen  Sinne  Leich  heißen 
könnte,  verweisen  wir  auf  unsere  Darstellung  der  Laut-  nnd  Flexions 
lehre  der  gen.  Mundart  in  der  Zeitschr.  d.  Ver.  f.  Gesch.  u.  AJterth. 
Odiles.  Bd.  III,  1  —  Bd.  XI.  -.  wobei  die  Bandschr.,  aus  der  beide 
Nummern  entnommen  Bind,  vollständig  benutzl   wurde. 

BRESLAU.  B.  Kl  I  kl. KT. 


78  A.  BIRLINGER 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG*). 

Etwas  Ähnliches  wie  die  Zimmern'sche  Chronik  ist  das  „Buch 
Weinsberg"  im  Kölner  Stadtarchiv,  bestehend  in  vier  handschrift- 
lichen (Papier-)  Folianten,  ehemals  dem  Syndikatarchive  daselbst  an- 
gehörig und  erst  seit  einem  Jahrzehent  von  Dr.  Ennen  aufgefunden. 
Der  Verfasser,  zugleich  ein  übereifriger  Federzeichner,  nennt  sich 
Licentiat  Hermann  von  Weinsberg,  geb.  1517,  f  1598;  er  war  Advocat 
und  Assessor  am  erzbischöflichen  hohen  Gerichte,  Kirchmeister  in 
St.  Jacob,  von  seinen  Zunftgenossen  auf  dem  Schwarzenhause  eilfmal 
in  den  Rath  gewählt.  Absicht  des  Buches  ist  die  herabgekommene 
Patrizierfamilie  von  Weinsberg  auf  möglichst  edle,  alte  hohe  Abstam- 
mung zurückzuführen.  Sein  einziger  und  ewiger  Refrain  liegt  in  den 
Reimereien  des  zweiten  Vorsatzblattes: 

Wilt  Godt  bidden  vnd  versoenen 
Daß  er  den  Weinsberch  laß  groenen! 
So  führt  ,  er  seine  Abstammung  auf  die  Grafen  von  Weinsberg  in 
Schwaben  zurück  und  berichtet  wie  folgt  von  der  Weibertreue;  ja  die 
bairische  noch  ältere  Abstammung  überliefert  er  echt  romanhaft  der 
Nachwelt  in  schönem  Kölnisch-Hochdeutsch.  Seine  Familie  ist  auch 
mit  den  Zollern  verwandt.  Bd.  I,  151a  merkt  der  Verfasser  an:  „ich 
hab  eyn  maill  von  eym  blinden  lutenisten,  Jürgen  genent,  gehört,  wie 
er  es  darvür  hilt,  daß  die  von  Zolleren  syn  grauen  vnd  die  von  Weins- 
berg auch  grauen  eynß  stambs  oder  geschlechtz  weren;  dasz  er 
Jürgen  war  mit  den  oberlendischen  heren  kundich.  man  hatz  doch  zu 
erfaren".  Dieser  Richtung  sein  Haus  zu  verherrlichen  gelten  die  unzäh- 
ligen lateinischen  Reimereien,  die  zum  Überfluß  bis  zum  Überdruß  so 
manche  Blätter  füllen.  Anerkennenswerth  ist,  wenn  er  Vater  und  Mutter 
durch  solche  Hausgeschichte  auch  ehren  will  (Bl.  7h)  und  zugleich 
danken   „derwegen   man    jnnen   hynwidderumb    ehr  vnd   danckbarheit 


*)  Vorsatz-Pergamentblatt:    das   boich  Weinsberch,    nit  reine   dan   das  clack- 
boich:  were  es  so  balde  zu  corrigern  zu  conciliern  vnd  dan  abzucopiern  als  nyt,   es 
were   lange    eynmaill  gescheit,  zitverdreif fboich.    Eyn  spilboich  bin  ich,   lusus 
chartae  in  qua  luditur  seriis  et  jocis  domini  et  familiae  (Winsb.).    Ferner: 
Das  boich  Weinsberch  heisch  ich  verwar   es   doch  heimlich 

Der  hausfatter  leiß  mich  Das  es  kein  fremder  krich 

Vor  zeit  verdreiff  bei  sich.  zu  lesen  vnd  neit  sweich 

Es  wirt  jm   sein  nutzlich  Das  mögt  dan  syn  spotlich. 


AUS  DEM   BUCH   WEINSBERG  79 

zu  beweisen  schuldich  ist  nach  dem  gebot  des  herrn:  ehre  dynen 
fatter  und  dyne  mutter  vff  daß  du  lankleibich  Beiß  vn  erden  vnd  der 
weiß  man  Cato  leret:  cognatos  cole,  ehre  dyne  mage  vnd  bloitz- 
bewanten  vnd  sulche  ehrerzeigung  ^  nd  danckbarheit  nit  bequemer 
ader  foglieher  gesehein  kau  ader  mag.  dan  daß  jre  alte  verdunckelte 
gedechtniß  vnd  memorien  vernüwerl  werden  u.  s.  w.u  Darum  schickte 
sich  H.  von  Weinsberg  an  „zum  kurtzwiligen  Zitverdreiff"  nebenbei 
alles  zu  sammeln,  was  zu  seinem  Kram  passte:  vnd  wan  ich  lustich 
war  vnd  mich  vermehen  (ermeien  mhd.  belustigen)  wolte  die  alte 
register.  anzeigungen  vnd  abmalungen  von  mynen  vüreltern  von  handt 
zu  handt  (wie  man  sagt)  nach  verlaißen  vnd  eitz  von  altheit  scheir 
gar  zürstückert  vür  die  handt  genomen;  hab  auch  von  mynen  eitern 
vnd  eltsten  fründen  allerlei  erfraigt  vnd  erfaren  vnd  alten  trembden 
lüthen  vill  gehört,  in  historien,  Croniken,  Schreinen,  ahoi  breitl'en, 
rechensboechen,  missiven  vnd  ander  schrifften  fasl  geleßen  u.  s.  w." 
(G\)*) 

Die  altern  Familiennachrichten  hatte  er,  wie  Dr.  Ennen**)  in 
den  Annalen  des  hist.  Vereins  für  den  Niederrhein  VI  (1859),  S.  124 
angibt,  von  seinem  Groß  oheim  Patroclus,  einem  Mönch  in  Corvey,  der 
mit  unermüdlichem  Fleiße  eine  Familiengeschichte  zusammengetragen 
und  dieselbe  bei  Gelegenheit  eines  Besuches  in  Köln  seinem  liruder 
Gotschalk  als  ein  für  den  jedesmaligen  Stammhalter  der  Familie,  den 
Eermann  immer  „Hausvater"  heißt,  bestimmtes  Erbe  übergeben.  Dieser 
Patroclus  war  geboren  1441,  f  1490.  Also  knüpfte  Hermann  hieran 
die  Geschichte  seiner  Großeltern  und  Eltern,  und  während  40  Jahren 
wuchs  das  opus  als  umfangreiches  Tagebuch  an,  das  Bd.  II.  III.  IV 
füllt  und  darum  für  Kölns  Vorzeil  von  unschätzbarem  Werthe  ist. 
Dr.  Ennen  gedenkt  das  ganze  Material  für  den  Stuttgarter  Litterari- 
schen Verein  herzurichten,  wozu  Bd.  1  weniger  taugen  dürfte;  er  ent- 
hält Concept  und  Reinschriften  und  hat  zur  Abwechslung  auch  ein 
opus  Beati  Rhenani,   Druck,  mit  eingebunden  nebst  Randbemerkungen. 


i    dem    i  \      atzblatt:  macht  zu  gelegenen  zeiten  mit  gattem 

vorbeil.-flit    an  i äfften    stucken 

wirken,    eyn   gl  lieh    boiefa    mit    »ynen    prosen  rersen,    reimen    bilt* 

:i.  wapen  gemeille  ■•■•  ai  nodicbj  deinlich  vml  zeirlich  «Irin  mag  Btain.  --  Was  hilffl 

aber  vill  boieh  zu  Bcbrinen,  wan  sie  keiner  m  ler  den  inbalt  leist  dreinen 

in  eheren  hell  nit  groiC  achtet,  bo  grob  Ist  daß  er  nit  mirokt  wa  i « - 1  j  myt  dissem  boioh 

liyn   vili   will. 

In  J.  Müllers  Zeitschrift  für  Kulturgeachichte  bringt   E,  die  koBtbai 
theiluugeu  für  dii  1-7  1.   1.  Heft, 


80  A.  BIELINGER 

Hermann  kennt  die  Kölnischen  Chroniken;  citiert  sie  wiederholt  und 
merkt  aus  einer  (Ea)  an:  „alle  altheit  ist  vol  vnd  vermengt  mit  fabulen. 
Meint  aber  seir  altheit".  Cronica  Colonensis  civitatis  fol.  35  p.  2(?).  — 
So  entnimmt  er  —  wir  haben  es  hier  nur  mit  Bd.  I  zu  thun  —  Stellen 
dem  Seb.  Frank,  Munsterus.  Seine  classischen  Kenntnisse  sowie  die 
der  Neulateiner  zeugen  von  Hermann  als  einem  äußerst  gebildeten 
und  gelehrten  Manne.  Den  mittelalterlichen  Cato  führt  er  häufig  in 
längern  Auszügen  an  und  ist  voll  seines  Lobes.  Bl.  176a  virtutem  pri- 
main Zarncke  S.  175,  V.  5.  plus  vigila  3  ff.  que  nocitura  V.  11  ff. 
constans  et  lenis  V.  13.  nil  temere  V.  15  ff.  contra  verbosos  V.  19  ff. 
(Zarncke).  dilige  sie  alios  21  u.  s.  w.  V.  20  spem  tibi  promissam  u.  s.  w. 
gibt  H.  v.  W. :  „rem  tibi"  und  fügt  am  Rande  bei  obseruent  mercatores 
plus  quam  alii  u.  s.  w.  Die  Hälfte  der  Disticha  sind  defect  hier  wieder- 
gegeben; Zeilen  zählt  dieses  Blatt  ungefähr  70.  Bl.  170b  stehen  eben- 
falls quedam  ex  Catone  moralia,  dabei  die  Notiz  (Germania  17,  93) 
Catonis  boichlin  helt  man  u.  s.  w.  Zarncke  S.  174  erste  Reihe  No.  1. 
2.  3.  5.  6:  foro  te  para.  51.  7.  Dann  folgt  ad  consilium  accesseris 
antequam  voceris.  9.  10;  dabei  steht:  comis  enim  et  blanda  salutio 
sepe  conciliat  amicitiam,  inimicitiam  diluit,  certe  mutuam  benevolen- 
tiam  alit  augetque.  Dann  minori  parce.  Vgl.  No.  49.  —  4.  14.  13; 
sodann  cliligentiam  adhibe.  50.  18  u.  s.  w.  —  Wichtiger  dürften  die 
Sprüche  und  Sentenzen  in  ihrem  kölnisch-deutschen  Gewände  sein 
die  ich  hier  mittheile.  Der  Kampf  des  Neuhochdeutschen  mit  dem  Alt- 
kölnischen ist  näherer  Beobachtung  werth. 

Beifügen  will  ich  noch  vorher  die  Sage  von  der  Weibertreue. 
Bl.  151a  b  enthält  eine  Reihe  Auszüge  über  diese  Geschichte.  Zuerst 
ist  genannt  ein  Chronica  civitatis  Coloniensis  antiquae  f.  167 :  item  als 
Keiser  Lüder  zu  lande  quam,  so  quam  ime  clage  ouer  Greue  Herman 
u.  s.  w.  Darauf  ist  eine  Chronica  civitatis  Coloniensis  f.  169  angeführt: 
desse  konninck  Conrat  zouch  in  syme  derden  jare  vür  Nürenberch 
vnd  Winsburch  etc.  Ferner  Joannes  Carion  in  sua  Cronica  u.  s.  w. : 
„im  kreich  mit  den  welffen  gewan  Conradus  daß  sloß  und  Stadt  wins- 
burg  u.  s.  w.  bis:  und  leiß  jnnen  jre  gutter  darzu  folgen  — ".  Cosmo- 
graphia  Munsteri  f.  592.  Cronik  der  Päpste  des  Sebastiani  Franck 
f.  249.  Joannes  Oecolampadius.  J.  Sleidanus  Hb.  IV  fol.  1525.  Endlich 
Franck's  Deutsche  Cronik.  Daß  H.  v.  Weinsberg  Alles  kölnisch-deutsch 
auszog,  darf  einen  nicht  wundern.  Bl.  L"  ist  unter  dem  Jahre  1140 
die  Weibertreue  wiederum  mit  wenigen  Worten  erwähnt.  Bl.  Qb  steht: 
zouch  Keiser  Conradt  dar  vur  mit  hereß  krafft  vnd  gewan  daß  sloß 
vnd  Stadt  seir  balde,  leiß  alle  die  vom  adel  fangen,  darunder  Balthasar 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG.  81 

der  fatter  auch  war;  aber  jren  weiberen  sagt  er:  sei  mochten  dar  von 
zehen  vnd  eyn   iede  mögt  so  vil  mit  nemen  als  sei  tragen  mögt,    da 
nam  Sabin  jren  son  Heinrich,  vnd  die  ander  frauwen  jre  menner  vnd 
jre  kynder  vnd  trogen  die  vß  der  stadt.   dargegen  dachten  etliche:  es 
were    gemeint  von    guttern  vnd  nit  von   lüthen  vnd  wolten   die   edle 
kynder  behaltenn.  Aber  dem  Keiser  gefeill  die  tugent  der  edler  weiber 
woll  vnd  schaffet,  daß  sei  neyt  der  jugent  sicher  daruon  quaraen  vnd 
leiß    innen  jre    gatten    darzu   folgenn  vnd    die   moder  Sabin  flöhe  mit 
jrem  son  Heinrichen  u.  s.  w.  Vgl.  Bl.  240b  mit  einigen  Reimen. 
Bl.  203"  ist  ein  Lied,  Text  und  Noten,  das  heißt: 
Ich  haben  min  Sachen  zu  Got  gestelt 
Er  wirt  es  wol  machen  wie  es  im  gefeit 
Dem  dhoin  ich  mich  befillen. 

Min  sei,  min  leib,  min  Ehr,  min  gut 
Erhelt  Got  stetich  in  siner  hut 
Hie  vnd  dort  zum  ewigen  leben. 

Was  all  der  wellt  verloren  acht, 
Das  stet  doch  fast  in  syner  macht 
Es  geschieht  nach  sinem  willen. 

Daten  begegnen  im  I.  Bd.  einige;  Bl.  Hb  steht  am  Schlüsse  der 
Einleitung  1560;   andere  bewegen  sich  zwischen  1550  und  1560. 

Ich  merke  noch  folgendes  an:  Die  Schrein-  oder  Schrin- 
boicher  in  Cöln  syn  vngeferlich  a.  1225  rayn  oder  mehr  angefangen 
vnd  man  hat  die  häusser  vnd  f harren  eirst  zu  Latin  geschriben  biß 
a.  1390  vngeferlich,  do  hat  man  eirst  angefangen  zu  deutschn  drin  zu 
schriben  bis  off  heutigen  tagh.  f.  314".  —  Twerge  gesehen,  a.  1526: 
wie  er  auch  (der  Weinsberg)  vff  eym  wagen  vff  die  Steinen  nach  Neuß 
solt  zehen  mit  sinen  eitern  vnd  fründen  syn  angfraw  zu  visitern  hat 
er  zwischen  wegen  zwei  twerge  gesehen,  jedes  eyns  foiß  hoich 
im  wege  ghonn.  f.  325b.  —  Von  Konrad  von  Weinsberg,  dessen 
Einnahmen-  und  Ausgaben-Register  uns  der  Stuttgarter  litterarische 
Verein  V.  Jahrg.  1.  Lief,  brachte,  weiß  unser  Kölner  nichts.  Er  citiert 
f.  151  eine  Stelle  aus  der  Chronik  der  Päpste  Sebastiani  Franck  in 
Dützs  (Deutsch)  f.  249:  Daß  die  Geistlichen  vff  dem  consilio  zu  Basel, 
wuchs  anno  1438  gehalten  dermaissen  an  eynander  gehriten,  daß  der 
Raidt  zu  Basel  vnd  Graiff  Conradt  van  Weinsberch  sei  schiden  moisten, 
vide  ibidem,  quisnam  ille  fuerit  nescio.  —  Gemälde  im 
Hause  Weinsberg.    f.  201''    Pietas:    bittend  —  eyn    raem    oder    heister 

GERMANIA.  New,-   Eteihfl   Vil.  (XIX.)  Jülir«.  6 


82  A.  BIRLINGER 

mit  eim  crucifix  in  der  erde  setzende.  —  Providentia:  mater  divitiarum, 
sol  mit  eyner  gaffeln  mist  spreiten.  —  Cura:  soll  mit  eyner  heppen 
die  alte  reben  absniten  vnd  samlen  oder  plotzen.  —  Industria:  sol 
gerden  oder  reben  anbynden  oder  hechten.  —  Opera:  sol  mit  dem  karst 
hacken  vnd  roden  umb  einen  wynstock.  —  Custodia:  sol  mit  eyner 
rasseien  die  foegel  von  den  trüben  abweren.  —  Diligentia:  sol  trüben 
lesen,  sniten  tragen  eyn  kessel  im  armen  in  eym  teil  vnd  mit  eym 
teil.  —  Assiduitas:  sol  keltern  oder  eyn  faß  füllen  oder  trüben  intreden 
oder  eyn  teil  tragen.  —  Parsimonia:  sol  durch  eyn  kreingin  jn  eyn 
schenkengin  zappen  oder  mit  eym  schenkengin  in  eyn  klein  gleslin 
schenken.  —  Utilitas:  steht  an  eynem  stinen  hofftaifflin,  hat  trüben, 
weißbroit  vür  sich  vnd  drinckt  viß  einem  gülden  oder  glisern  geschir 
oder  ist  eyn  drube. 

I  Sprüche. 

1.  Es  fengt  zeitlich  an  zu  brennen  das  gut  nessel  wil  werden,     f.  16b. 

2.  Alle  Anslege  gerathen  nit   17".    136b:  alle    gutte    anschlege    gerathen  nit 

al  zit. 

3.  Vill  willen  syn  wol  geholden 

von  nemans  werden  gescholden.      18\ 

4.  Weß  man  fromlich  mag  geneissen 

Deß  laiß   man  sich  nicht  verdreissen.     20*. 

5.  Lichter  nit:   besser  ist  etwass  zu  schelten  dan  zu  bessern.      22". 

6.  Balder  ist  etwaß  zu  sagen,   dan  zu  thoin. 
Lichtlicher  zu  schelten   dan  zu  bessern.      15*. 

7.  Vil  besser  ists  weislich  zu  wircken,   dan  weislich  zu  gedenken.      15". 

8.  Nemans  byn  ich 
Nemans  wil  ich 
Nemans  ist  mein 
Nemans  eigen  will  ich   sein 
Dan  Gottes  allein.      49b. 

9.  Wem  stedicheit  mit  trewen  ist  bereit 
Der  leuet  in  groisser  erwerdigheit.      59b. 

10.  Halt  dich  allein, 
Dein  hertz  halt  rein, 
Vnd  acht  dich  klein. 

Hab  lieb,   das  nymer  mach   vergain 

So   kan  dyn  herlz  in  frewden  stain.      60b. 

1 1 .  Amoris  macht 
Veneris  bracht 
Cupidinis  swerth 

Hant  manchen  verzert.     60b. 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG.  83 

1  "2.    Vif  erden   ist 
kein  bessor  list 
dan  der  syner  zongen   meyeter   ist.  a.  a.  0. 

13.  Frome   luyde  soicht  man  gerne, 
weise  luyde  soicht  man  ferne.      601'. 

14.  Es  moiste   syn  eyn  rechter  schehn, 
Vnd   wer   er   auch   von   schilt   und   heim, 

der  wer  bei  schonen  jonffrawen  vnd  guttem  wyn, 
Vnd   wolt   dan   noch   seir   trurich   syn.      71". 

15.  Gelt  das   stum  ist 

Macht  recht  das   krum   ist: 

drumb   daß   ich   reclit  krum   vnd   krum  recht  kan   machen 
Trach    ich    syden    vnd    roit    scharlachen,      a.   a.   0.    und   136b   die    ersten 

zwei   Zeilen. 

16.  Es  gilt  ezunt  nit  mer  dan  gelt  vnd  goit 
Das  gibt  ehr,  gunst  vnd  hohen  moit 

Es  gibt  der  früntschafft  auch   gar  vil 

Zum   armen  schuyst  man  nach   dem  zil.      a.   a.    0. 

17.  Het  ich  gelt  nach  willen, 
Ich   wult  den  Pabst  stillen: 
Den  Keiser  vom  weib   triben 

Vnd  noch  im  landt  pliben.      a.  a.   0. 

18.  Ich   was   leiff  alß   ich  meinde, 

Es  ist  eyn   ander,   alß  ich  befynde: 

Wall  hin,  ich   will  mich  lyden 

Vp   wanckelen  bergen  ist  quaidt  ryden.      a.   a.   0. 

19.  Trewe,  die  ist  dhoit 
Vntrewe  ist  groit.      a.   a.  0. 

20.  Früntschafft  geit  vor  alle  dinck: 

Das  straffen   ich,  sprach   der  pfennink, 

Dan   war  ich   kere  vnd  wende, 

Dar   hat  al  früntschafft  eyn   ende.      a.   a.   0. 

21.  Were  einer  van  Judas  art, 
Der  ärgste  der   ehe  gewart, 

Syn  moder  eyn  hoer,   syn   vader  eyn  deiff: 

Ich  glcub,  het  er  gelt,  so   wer  er  leiff.      a.   a.   0. 

22.  Wer  mit  schonen  jouffrauwen   consortia   querit  habere, 
Vnd   kan  daß  triben   et  sie  de  fraude   cauere: 

Den  will  ich   achten  speciali  arte   nitere.      a.   a.   0. 

23.  Was   helffen   kertzen   oder  brill 

Der  nit  sehn   wil,   off  sunst  nit  wil.      71  '. 

24.  Es  ist  verdreit, 
da  die  hen  kreit 

vnd  der  han  neit.      75b. 


84  A.  BIRLINGER 

25.  Wer  myr   thoit  waß   er   mir  gan, 
Den   wil  ich  loben  als  ich  kan: 

Es  sy  gut  oder  quaidt  ich  wilß  gedenken 
Vnd   wil  im  vom  besten  inschenken.      82". 

26.  Dan  heidnisch   ist  wraggeirichkeit  (Rachgirigkeit) 
Schott   quidtschlain   zu   der   Christenheit,      a.   a.   0. 

27.  Wiste  mancher  mynen  syn 

so  were  ich   lieber  dan   ich   byn.      a.  a.   0. 

28.  Wer  vor  mir  daß   beste  klaffet, 
Vnd   hinder  mir  daß   ergste  schaffet, 
Den  achten   ich  auch   anders  neit 

Dan  Judas  der  Jhesum  verreit.,      a.  a.   0. 

29.  Mach  seiden  sehen  frewde  geben, 

So   hand   die   blynden   eyn   frolich   leben 
0.   Weinsbergh 

30.  Seiden   sehen  dhoit  kein  goit 
Des  trag  ich   einen  sweren  moit 

31.  Ist  lyden   froligkeit 

So  ist  bei  myr  kein  trurigkeit.   Dabei:  wil  sy   nit  wal.      a.   a.   ' 

32.  War  daCs  T  also  steyt  —   Trewe, 

Dar  daß  L  dar  bouen  geiht  —  Loißlieit. 

Das  V  hat   dar  die  macht  —    Vnrecht, 

Das   es  das  R  nit  acht  —  Recht, 

Dar  wirt  der  mensch   also  verblendt, 

Das   er  noch  E  noch   G  enkenth  —  Ehr  vnd   Godt.      f.    91a. 

33.  Wan   das  P  geith  vur  dem   G  —  penninck,    Godt 
Vnd  das  V  vur  dem  T  —    Vntrew,   Treiv, 

So  hat  V  ond  P  sulche  macht 

Das  man   noch   T  noch   G  enacht  —    Treiv  noch   Gott  a.  a.   0. 

34.  Such   vor  dich  zu  aller  stundt 

Dan  mancher  hat  eyn  falschen  grundt, 
Syn   wort,   syn  guth,   ouch   sin  gebeer, 
Mer  mit  dem  herzen  ist  er  fern.      a.   a.   0. 

35.  Diß  ist  der  werelt  eyn: 

Man   spricht,  Jha,  vnd  meint  Nein. 

Item. 

36.  Schoene   worth   synt  nyt  dan   wynt 
Da   die   wirken   nyt   bei   en   synt. 

Item. 

37.  Eyn  fruntlich  gebiere  sonder  gunst 
Ist  zwar   eyn   arth   van   Judas   kunst. 

Item. 

38.  Schoin  in  dem  mondt  ist  sitz  gemein 
Trew  in  dem  grondt  de  findt  man  klein. 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG.  85 

Item. 

39.  Schone  worde,   vnd  die  gelogen, 
Haben   manchen   menschen   bedrogen. 

Item. 

40.  Adams  ryb   vnd  reiffen  naß 

Macht  manchen  froe,   der  trurich   waß. 

Item. 

41.  Gelt,  gelt,   schreit  all  die  weit. 

42.  Er  ist  geryng  gesacht 

Des  lange  wirt  gedacht.      91\ 

43.  Leiff  hauen  und   leiff  helen 
doit  leiff  vnd  leuen   quelen, 

Mer  leiff  hauen  vnd  nit  leiff  syn 

Vff  erden   ist  ghein  swerere  pyn.      a.  a.    0. 

44.  Rechte  trew  ist  eyn  werder  gast, 
Wer  dieselb  hat  der  halt  sy  fast, 
Nyt  lieber  liefft  ich   vff  erden, 

dan   daß  mir  rechte  trew  mögt  werden 

daß  ich   des  gar  nit  befynden 

thut  mir  fleisch   und  bloit  verswinden. 

45.  Wer  Gelt  hat  nach  synem  willen 

der  kunt  den  pabst  seir  wohl  stillen   u.   s.   w.   (s.   oben.)   91*. 

46.  Bedench  das  endt. 

das  dich   Got  schenkt.      99\ 

47.  Ich   will   hoffen   vnd  herden 

Was   nit  ist,   daß   mach   werden.      105*. 

48.  Het  mich   hoffnung  nit  ernert  — 
Truren   het  mich   lang  verzert. 

49.  Wer  hat  der  frewe  sich: 
Ich  hab  nit  noch  hoff  ich. 

50.  Ick  weit  wat  ick  weit, 

Wist  ick  nit,   dat  wer  my  lcit. 

51.  Mancher   beneydet  daß  hie  suydt  (sieht) 

Vnd   moiß  doch   lyden,   daß   geschuydt.      105*. 

52.  Wem   licht  daran, 
Was   mir   Got  ghan. 

Derß   doch  nyt   keren   kan. 

53.  Wan   der   schriber  sitzt, 
vnd    die   fedder   ist   gespitzt 
zu   schriben   ist   benidt. 

so   kan    er   so   wol   schriben    Ingen    »U    warheit,       105". 

54.  All   myt  luyst 

Waß  e0  koist.      105h. 


86  A.  BIRLINGER 

55.  Jeder  tag  bringt  syn  wirk  mit  gemach  ob  ongemach.      a.  a.  0. 

56.  Ich  was  leiff,  daß  neinde  ich, 

Ich  byn   vergessen  das  befinde  ich 
Ich  gedencke  diß  vnd   al  des  andern 
Das  ich  suß  in  ellendt  moiß  wandern. 
Wist  ich   einen  so  ellendich  alß  ich  byn, 
zu  dem  wult  ich  wegen  mynen  syn.      119\ 

57.  Wer  daß  al  wil  wrechen 

was  er  suydt  off  hoirt  sprechen, 

der  sal  al  syn  synne  zu  brechen 

Vnd  sich  darzu  in  meir  leiden  stechen,     a.  a.  0. 

58.  L     L     L     L 

Leibde  leirt,  leidt,  Leiden 

das  befynde  ich  zu  dissen  zeiden.  a.  a.   0. 

59.  Ach  leider  ich  byn  geworden  weiß, 
Daß  wer  da  zymmert  vff  daß  eiß 
Syn  kost  vnd  arbeit  moiß  verlesen, 
dan  es  mag  nit  alzyt  fresen.      119*. 

60.  Och   leider,  ich  byn  also  beschert, 
Dat  niemans  myner  begert. 

Ich  bin  alsus  geboren, 

Was  ich  begyn  ist  al  verloren! 

Das   mag  ich  wol  klagen  mit  goidem  recht 

Ich   byn  leider  dieser  weit  zu  schlecht,     a.  a.    0. 

61.  Ferne  gesessen 
Wirt  baldt  vergessen 
Nach  bei  der  handt 
Wirt  fast  bekandt.      119b. 

62.  Gut  verloren  (klein)  nitz  verloren 
Ehr  verlorn  groiß  verlorn, 

Moet  verlorn  all  verlorn,     a.  a.   0. 

63.  Fürsten,  Herren,  Ritter  und  Knecht 

Wie  sie  es  krigen   es  dunkt  sin  syn  recht,     f.    120b. 

64.  Het  mancher  nit  mehe  dan  syn  weir  mit  recht 
Der  itz  ist  Her,  wer  dan  wol  knecht.      121*. 

65.  Verlangen  thut  wehe 

Mer  myden  noch   vil  mehe.      127*. 

66.  Der  hoffen  will  sonder  volherden 

Dem  sol  trew  seiden  zu  deinste  werden. 

67.  Och   Got  wolde  sie  alß  ich 

So  wer  myn  hertz  van  freuden  rieh! 

68.  Ich  hoffen  zu  dir, 
Zweiffei  nit  an  mir. 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG.  87 

69.  In  lyden  gedult 

Ist  besser  dan  golt, 

70.  Wer  nit  magh  lyden 
Der  stahe   beseyden. 

71.  Acht  dich   klein 
Halt  dich  allein. 

72.  Got   ist  myn  schilt 
Wilt  wie  du  wilt. 

73.  In   Gotzs  gewalt 

Hab   ich   aldink   gestalt. 

74.  Der  leib   hat  vnd  lieb   verkeust 
Vnd  lieb   vmb   liebes  willen  vcrieust: 
Ich   rhade  im,   das  ir  also   widder  kiese, 
Das   er  lieb  vni   liebe  willen    nit  Verliese. 

75.  Seiden   bei  bedrohet  my 

In   lyden  fro,   wer  kan   also. 

76.  W.   W.   V.   W.   W. 

Wer  weiß  vmb   wes  willen. 

77.  Hab  leiff  waß  nit  mach  verghain 
So  sal   dyn   hertz  jn  freuden   sthain. 

78.  All  verlorne   weisheit 

In   eyns  armen   manß  heupt.      127b. 

79.  Willt  nyt  messen   vor  dem  dreschen,      a.   a.   0. 

80.  Eyn   goit  hoerßman   ist   eyn   goit   bescheidtzman.      a.    a.    0. 

81.  Wer  da  mit  friden  leben  will 

Der  sehe  und   hör  und   swich   all  still,      f.    136". 

82.  Swigen  zu  siner  zith   ist  kunst 

Vil   klaffens   bringt  vnguust.      a.    a.    0. 

83.  Wer  allzyt  swegh  vnd  nymmer  spreich 
AVer   wist  was   im   gebreich,      a.   a.   0. 

84.  Ich   bynß   alleine  nicht 

Der  synen   willen   nit   enkricht 

Vnd   dem  auch   vil   gebricht,      a.   a.   0h. 

84.  Gleub  jederman   nit  glich 

Waiit  wenich   halten  ßich. 

85.  Eyn   weisser  hab  mit  Beiß   in   butt 

Syn   sei,   syn   leib,   syn    dir,    syn    gutt.      200  . 

85.  Eyn  weisser  hab   mit   fleiß  in   hutl 

syn  seel,   syn  leib,   syn   i ihr,       n    G  ■"•      f.    -00, 

86.  Leufft   dir   das   glück 
Zu  gut,   so  zuck, 


18  A.  BIRLINGER 

Es   wendt  sich  duck. 

Gehts   dan  zurück 

Vnd  macht  dir  druck 

Halt  moidt,  doch  bück.     f.   208\ 

87.  Wer  trew  eyn  orden 

So  wer  myn  frünt  Abt  worden,     f.    234". 

88.  Got  hatz  beschert 
das  ich  begert 
Got  hats  gefoigt 

Das  mir  genoigt.     233b. 

89.  Ich  scheide  mit  dem  lieue 

Mit  dem  hertzen  ich  vch  bleiue.     f.  234b. 

90.  Och   wie  wehe  doit  jm  syn  moit, 

Der  gerne  bliff  vnnd  scheiden  dhoit.     a.  a.  0. 

91.  Fründt,  gedencket  an  mich, 
Gelich  als  ich  an  dich: 

Nith  mehe  begeren  ich.     a.  a.  O. 

92.  Gewyn  vnd  myn 

Verwar  und  spar.     f.   235\ 

93.  Die  frawen  haben  gut  spinnen 

da  die  menner  gnog  winnen.     a.  a.   0. 

94.  Wer  synen  disch  wil  versorgen 

schlaff  nyt  steitz  zum  hellen  morgen,     f.   236*. 

95.  In   Collen  wenich  widdirfirdt 

Das   nyt  myt  wein  bedronken  wirt     f.   254\ 

95.  Der  vntrew  ist  baussen  so  vill, 

Das  ich  mich  binnen  halten  will.     270°.  (eine  Schnecke  dabei.) 

96.  Wo   Gott  zum  hauß  nit  gibt  syn  gunst 
So  arbeit  iederman  vmbsunst, 

Wo  Got  die  Stadt  nit  selbst  bewacht 

So  ist  vmb  sunst  der  wechter  macht,   f.  270b.   (psalm   217   nisi  dominus). 

97.  Lehin  ich  eym  fründt,   das  ist  verlorn 
Lehn  ich  im  nit,  so  ists  eyn  zorn. 
So  ist  mir  vil  lieber  eyn  zorn 

dan  gelt  vnd  fründt  darzu  verlorn,      f.    277". 

98.  Kynder,   borgt  nemans,  vor  denen  ir  vre  goede 
moist  abzehen,  wan  ir  sie  manet.  a.  a.   0. 
(Vrowins  von  Weinsberch  mines  proaui  leer.) 

99.  Bischoffen  in  Italia, 
Grauen  in  Germania, 
Rittern  in   Hispania 

Sunt  in  magna  copia     f,   278*. 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG.  89 

100.  Ir  myn   kynder  vnd  enckel,  staet  all  zit  nach 
eym   gülden  wagen,  kricbt  ir  den  wagen,  so 
mögt  ir  eyn  gülden  spannagel  daruon  krigen ! 
(Marie  Keppels  leer,   myneß  fatters  motter)  a.   a.   0. 

101.  Wa  war  der  Edelman 

Do  Adam  groiff  vnd  Eva  span?     f.  28  lb. 

102.  Respondit  Maximilianus  primus  Ro.   Cesar: 
Ich  byn  eyn   man  wie  eyn   ander  man, 
wiewol  mir   Godt  der  Erhen  gan.      a.   a.   O. 

103.  Ist  dir  eyn   ampt   eyn  zit  lanck  gegeben 

darvff  saltu   dich  nyt  zu  hoich   erheben,      f.   282*. 

104.  Wan   wir  all  weren  megtich   rieh 
Auch  eyner  dem  andern  gelich, 
Dan  an  eynem  dische  gesessen 

Wer  sult   vfftragen  das   essen?     a.   a.   O. 

105.  Den  kuckkertz  beirboum  heischt  man  mich 
vil  geuch  vnd  narren   speisen  ich. 

(Unter  einer  Federzeichnung  einen  Baum  vorstellend)  f.  287". 

(Mit  Bild.) 

105.  Schendrius   est  pluris  quam  tota  scientia  juris 

Laborat  in  vanum   qui  non  novit  Schenderianum.      f.   287". 

105.  Eyn  zillendt  arm  vnd  from  geschlecht 

Meirt  auch  dem  haus  Winsberg  syn  recht,      f.   235  . 

106.  Wer  hat  recht  vnd   darzu  macht, 
Des  recht  wirt  groiß  geacht. 
Wer  der  macht  aber  nit  enhat 

Moiß   liden,   das  er  wirt  geiagt.     f.   290b. 
(Federzeichnung:   ein  Hirsch   vom   Hunde  verfolgt.) 

107.  Fürsten  vnd  hern,   ritter  vnd   knecht 
wie  sie  es   krigen,   so   ist  in  -al   recht. 

Nota:   Hett  mancher  nit   mehe  dan  syn  wer  mit  recht 
Der  mehe  ist  her,   wer  dan   wol  knecht.      f.    291b.   (oben.) 

108.  Bei   einer  Federzeichnung:   ein  großer   Fisch    kleine   fressend,   steht: 
Groisse   vngerechte,   gewaltdedige,   eigennutzige 

herrn,    amptlude,   kaufflude,   wochner, 
fressen  den   armen   man   inß   leib.      f.    291". 

109.  Wer  zu  gericht  will    gaen 
Moiß  drei   budel   voll   han 

Gelds,   Gunnsts,   Rechts,      f.    291b. 

110.  Es   darff  sich   keiner   freuwen   seir 
vber  eyns   andern   vuglück   iweir, 
Der  nyt  kan   wissen   ob  das     \  u 
Glichfalls   zu   bloühen    citz   brgyn.      f.    296*. 


90  A.  BIRL1NGER 

111.  Will  glück  an   den  man 

So  ists  all  weißheit  was  er  kan 

Wennß  jm   aber  mißgheit 

So  ists  narheit  wa  erß  besteit.      f.   307*. 

112.  Zenck  ich  mich   mit  eym  geck 
vnd  reiff  mich  an   eym  dreck, 

so  krich  ich  balt  eyn  fleck,      a.   a.   0. 

113.  Man  sal  heudt  spisen  arme  leudt 

vir  aula  pelles   cibare  brachia  pulsa.      f.    312  . 

114.  Porta  patens   esto  nulli  claudaris  honesto, 
Hangt  jn  nit,   laist  jn  leben!     f.   313a. 

115.  AI   tag  moiß  man  syn  noitturft  han 
Gedenck   daran  vnd  gwyn  sie  dan 
AI  tag  dhu   hast  scheir   eynen  last 

Mach  dich   gefast  zu   soichen   rast.     f.   315  . 

116.  Gehoirte  stim  wie  wint  hynt  reibt 
Geschriben   wort   durhafftich   pleibt.      Vorsatzbl. 

117.  Wilt  Godt  bidden  vnd  versoenen 

Daß  er  den   Weinsberch  laiß  groenen.      Bl.   Aa. 

118.  Von  frembden  schriben  fremden  vil 
Das  ich  von  fründen  auch  thoin  wil. 
Ist  jenen  sulchs  dan   wolgethain: 

Wer  wil  mir  diß  vor  vbel  han?     a.    a.   O. 

119.  Weinsberch   dein  schilt  ist  sylber  weiß 

Das   sparkle  dem   [Altstein]   pechswartz   gemeiß.      Ch. 

120.  Diß   hauß  schult  ist  so   weiß  als   sne 
vnd   kolswartz   ist   der   spar   vnd   kle.      C  . 


II  Geschichten. 

Die  historia  Aramondi  von  Weinsberg. 

Daß  I   Capittel. 

Wie    die    ro mische    botschafft  zu   Brunsaw    quam  vnd    eyn    jonger 

Romer   Adel d im  leib  gewan. 

Nach  der  gebort  Jhesu  Christi  vnssers  selichmechers,  do  man  schreiff  sieuen- 
hondert  dreivndneunzich  jar  hat  der  bapst  Adrianus  sinen  legaten  Vincentium 
Procillumm  zu  Carolo  der  Francken  konink  sampt  etlichen  Dützen  fürsten  ab- 
gefertiget  vnd  wie  er  hyn  vnd  her  in  Duytzlandt  reißde  vnd  syn  geschefften  vyß- 
richte  vnd  vff  die  grenße  von  Beiern  tuschen  der  Donaw  vnd  Bohemer 
walt  bei  Fullonium  den  herren  zu  Brünßaw  quam,  wolt  er  sich  etwas  myt 
syner  geselschafft  vur  groisser  hitzden  der  hondtach  resten.  Vnd  sobalde 
Fullonius  der  Romscher  (niederrhein.  stark)  botschafft  zukompft  vernam,  ginck 
er  selbst  zu  jn   vnd  begerte,    daß    sei   von    den  perden  steigen  vnd   vber  nacht 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG.  91 

bei  im  pleiben  wolten.  Daß  wart  von  Vincentio  Procillo  bewilliget  vnd  zu 
groessem  danck  angenomenn.  Fullonius  befalch  synenn  dienern  den  perdenn 
foterung  zugebenn;  rüstet  eyn  herlich  abentmaill  zu  vnd  machte  sich  mit  der 
Komscher  botschaft't  frolich.  Indem  warff  eyn  jonger  Romer  (der  mit  Vincentio 
war)  syn  \e\bde  vff  Adeldim,  Fullonii  dochter,  myt  sulcher  gebeir  daß  Adeldis 
deß  edlen  jongen  Romers  liebde  woll  spürde.  Derwegen  warff  Adeldis  jre 
leibde  hynwider  vff  den  jongen  Romer,  wie  dan  den  menschen  von  uatur  jn- 
gebildet  ist ,  daß  die  geliebten  die  leibhaber  gern  widder  plegen  zu  lieben, 
iedoch  dorften  sei  sich  nit  zu  eynandern  foegen  gesprech  samen  zu  halten; 
dan  des  Romers  sprach  was  italianiseh  vnd  Adeldis  sprach  dütz.  Aber  daß 
füer  der  groisser  leibden  gab  vrsach  daß  ein  jeder  van  jn  vff  wege  bedacht 
wäre,  wie  dem  anderen  syn  verborgen  leibde  entdeckt  mögt  werden.  Deß  andern 
dags  als  sich  die  Romische  botschaft  rüstet  gen  Wirtzenberch  zu  reiten,  er- 
dacht vnd  gebraucht  der  jonger  Romer  dissen  auslach,  do  er  (f.  lb)  vff  synem 
perdt  saß,  gab  er  zu  verstain  vnd  gebeir  von  sich,  als  ob  were  im  swacheit 
von  der  groisser  hitzden  ankörnen  vnd  begunt  myt  listen  vom  perdt  zu  sinken, 
alls  ob  er  van  vnmacht  fallen  moste,  daß  sagen  die  diener  vnd  ergriffen  in, 
hoben  in  vom  perde  vnd  forten  jn  zum  hauß  Fullonii.  da  begert  Vincentius 
von  Fullonio :  er  wolte  den  jongling  byß  zu  syner  wederkompt  bei  jm  dulden; 
verleiß  jm  einen  diener  zu  warten  der  Deutz  reden  kunt.  Das  bewilliget  Ful- 
lonius vnd  befalch  synem  gesynde  myt  fleiß  vff  den  jongen  Romer  zu  sehen, 
daß  er  widder   genesen  mogte. 

Daß  II  Capittel. 

Wie   der   jonger  Romer  vnd  Adeldis    die  wirk  jrer  leibden  volle n- 

brachten  vnd  van  eynanderen  scheiden. 

Als  nahe  Vincentius  mit  syner  gesellschaft  nach  Wirtzenberch  verreiset 
war,  droieh  es  sich  eynmal  zu,  daß  der  jonger  Romer  vnd  Adeldiß  allein  bey 
eynandren  quamen  vnd  wiewoll  keiner  dem  andern  zureden  kunt,  daß  er  es 
verstain  mocht,  idoch  halßten  sei  sich  vnd  myt  vill  früntlicher  gebeir  kortz- 
weileten  sei  heimlich  samen  vnd  darnach  so  duck  es  die  bequemicheit  gab,  biß 
sei  entlich  alle  werk  der  leibden  rollenbrachten  vnd  eyn  dem  andern  zeychen 
syner  treuwen  zäunte,  dar  befandt  sich  kein  swacheit  mehe  am  jongen  Romer, 
darvmb  wollt  er  jn  myt  nach  Rom  foerenn  vnd  wiewoll  der  Romer  Adeldin 
vur  groisser  harte  straiff,  wilche  den  Christen  begegnet,  wan  sei  sich  mit  den 
vnchristen  angelacht  vnd  vertrawet  hetten;  dan  der  Romer  war  eyn  Christ  vnd 
Adeldis  vngleubieh.  Derhalb  gab  er  Ädeldi  eyn  zeychen,  als  ob  er  mit  Vincentio 
wolt  verreisenn  vnd  darnach  widder  zu  jr  keren  vnd  bei  jr  bleibenn.  Vnd  als 
er  jr  die  hant  gegeben  vnd  sei  geküsset  vnd  also  synen  abscheidt  mit  jr  ge- 
macht (f.  2")  hatte,  zocli  er  mit  Vincentio  von  Bronßaw  nach  Rom  myt  groissem 
swarmoidt  synß  heizen,  aber  Adeldis  rertroist  ßich  vS  Byn  wedcrkompfl  vnd 
leiß  jn  nach  mangfeltigem  süffzen   vnd   «reinen   verreisen. 

D  il    IM   Capittel. 

Wie  Adeldis  mit  der  deinstmagl   Cumerellen  handiel   vnd  wie  das 

kindt  vff  dem   Weinsberg  heimlich  geboren   wan. 

Vber  etliche  tag  darnach  quam  Adeldis  in  erfarnng,  daß  sei  vom  jongen 

Romer  swanger  wäre.   Du.'  . -i-ln.yil'  iidi  cyrst   eyn  weynen   vikI  clagen;  jr  hertz 


92  A.  BIRLINGER 

war  vol  trurens  vnd  mit  groisser  sorgen  benawt:  dan  der  gebrauch  war  daselbst, 
daß  wilche  jonckfraw  sich  betraegen  leiß,  die  wart  aller  jrer  ehren  beraubt 
vnd  jr  fatter  mocht  sei  von  allen  güttern  enterben.  Daß  beherziget  Adeldis 
vnd  mirkt  nuhe  eirst,  daß  sei  vom  jongen  Romer  verlaissen  war,  wost  auch 
niet,  weß  sei  sich  troisten  solt,  sprach  duck:  o  gecke  liebde,  wie  hast  du  so 
manchen  menschen  bedragen  vnd  betrübt.  Doch  war  sei  gedencken  an  jre  getrew 
gespillin  Cumerel,  jrer  motter  deinstmacht.  In  hoffnung  die  worde  alle  sachen 
heimlich  halten  vnd  jr  troist  in  jren  noetten  geben,  erzallt  der  alle  gelegenheit 
vnd  begeit  rhat  van  jr.  Cumerell  die  kloick  vnd  geschickt  war,  troist  sei  mit 
vill  gutten  worten  vnd  gab  jr  disseu  rhaidt:  sei  sulte  sich  heimlich  halten, 
swacheit  annemen  vnd  nemans  fill  zu  sich  laissen  komen.  Wannehe  dan  die 
zeit  der  gebort  anqueim  vnd  daß  kindt  geboren  worde,  wolde  sei  es  heimlich 
umbprengen,  daß  jr  fatter  noch  motter,  noch  kein  mensch  erinnert  sult  werden, 
daß  sei  ehezeitz  swanger  were  gewesen  vnd  Adeldiß  leiß  wenicher  folks  zu  ir 
komen  on  Cumerel,  die  sei  seir  leib  hatt.  Vnd  als  die  zeit  der  gebort  heran 
quam,  gincken  sei  duck  samen  in  daß  feldt  ader  geweldt  spacern  vnd  vff  eynen 
morgen  frohe,  den  dritten  tag  Maij  im  sibenhondert  veirvndneunzichsten  jar 
(f.  2  )  hin  den  Bronßaw  vff  dem  wyngarthen  oder  Weinberch  (negst  vür 
dem  dem  walde  gelegen)  spacern  ginken,  ward  Adeldi  kindtzwehe  vnd  gepar 
eynen  son  vnd  Cumerell  sach  umb  sich  her  vnd  spurden  daß  sei  allein  waren, 
dan  im  anfang  Maiß  pleicht  wenichs  folks  in  den  wimbergen  zu  handien  vnd 
machte  eyn  noille  mit  jren  henden  in  die  losse  erde  vnd  wolt  daß  geborn  kyndt 
lebentich  darin  begrabenn.  Als  daß  Adeldis  sach,  wiewoll  sei  fast  vnmechtich 
war,  edoch  bewechte  sei  mütterliche  leibde,  welche  nit  leucht  vnd  sprach  zu 
Cumerellen:  halt  still,  daß  kindt  ist  myn  fleisch  vnd  bloidt  vnd  solde  ich  aller 
ehren  vnd  mynes  erbtheills  beraubet  werden,  so  soll  es  nit  vmbpracht  werden 
dan  es  sali  lebentich  bleiben  vnd  greiff  es  damit  in  jre  armen  vnd  küsset  daß 
kindt  vnd  vergaß  alles  smertzen,  wolt  es  auch  von  sich  nit  folgen  laissen.  Die 
deinstmacht  Cumerel  sach  daß  gern  vnd  erfrewt  sich  der  groisser  leibde;  doch 
gab  sei  Adeldi  dissen  rhaidt:  sei  sulte  daß  kindt  heimlich  in  dem  weinberg 
legen,  zu  hauß  gain  vnd  bei  wilen  verschaffen  daß  es  gespeist  vnd  gelafft  worde. 
da  tuschen  mocht  emautz  van  den  heckern  daß  kyndt  wanschaffen  finden  vnd 
vffzehen,  also  daß  sei  gutt  achtung  künth  haben,  wa  daß  kyndt  hynqueim  vnd 
wie  es  ufferzogen  worde  vnd  kündt  dem  kyndt  auch  woll  alle  noitturfft  ver- 
schaffen vnd  zu  gelegenen  zeiten  in  jr  gewalt  bekomen.  disser  ratschlag  gefeill 
Adeldi  woll  vnd  folgden  deß  vnd  lachten  daß  kyndt  vff  weiugartz  blader,  lassen 
es  vff  dem  weinberch  liegen  vnd  geinken  heimlich  nach  Brunßaw  zu   hauß. 

Daß  IUI  Capittol. 

Wie  Hellonissar  daß  kyndt  fandt  vnnd  Aramondt  von  Weinßberch 
nennet  vns   Adeldi  gab  vnd  wie  es  gestalt  wart. 

Denselben  dach  nacli  dem  essen  leiß  sich  Hellonisar  Adeldis  broder  syn 
perde  satlen  vnd  reidt  mit  etlichen  synen  dienern  vff  die  jacht  vnnd  von  ferns 
schawt  er  daß  die  foegel  vnd  raben  bouen  dem  weinberch  flogen,  kreischende, 
gleich  ob  sei  eyn  aiß  fonden  hetten  (f.  3\).  derhalb  reidt  Hellonissar  zu  dem 
weinberch  zu  besichtigen ,  waß  der  foegell  flegen  vnd  kreischen  zu  bedeuten 
hett  vnd    alls    die   jachhondt    deß    kyndes    gewar  wordenn,    leiffen    sei  zurück, 


AUS  DEM  BUCH  WEINSBERG.  93 

Hellonissar  entgegen  mit  den  zwentzen  zauelende,  springende  vnd  geberende, 
ob  sei  des  kyndes  bedawret  betten,  zue  lest  sach  Hellonissar  daß  kyndt  im 
Weinbercb  ligen  galen  vnd  schreien  vnd  mit  den  beinger  zauelenn.  Er  leiß 
es  sich  durch  syuer  diener  eynen  recken  vnd  sach  daß  es  eyn  wolgestalt  hübschs 
keutlynn  war;  er  nam  es  in  syn  armen  vnd  reidt  damit  zu  Brunsaw  vff  synes 
fatters  hauß  vnd  leiß  durch  die  gansse  herschaft  verkünden,  wem  daß  kyndt 
zugehorich  were  ader  waher  es  queim.  Aber  nemantz  vermocht  vernemen,  wem 
es  zuquam.  Adeldis  hillt  sich  auch  in  sulcher  gebeirden,  daß  man  jr  nicht 
kundt  mircken.  Derhalb  wart  daß  kindt  vur  eyn  fondelinck  von  edermann  ge- 
halten vnd  Aramondt  von  Weinsberch  genant,  von  dem  weinbercb  dar- 
vff  er  fonden  wäre  vnd  Helonissar  gab  es  Adeldi  syner  suster  mit  befelch,  daß 
sei  es  nach  aller  notturft  sult  vffzehen  laissen  vnd  sagt  wiewoll  es  eyn  fonde- 
linck were,  so  were  es  dannest  eyn  mensch  vnd  moist  versorget  werden;  vil- 
licht  mocht  etwas  gutz  vyß  im  werden.  Also  foeget  daß  glück  dem  nichtz 
wonderlich  ist,  daß  Adeldis  iren  son  in  ir  eygen  bewarsamheit  vnd  gewalt  on 
argwon  überquam,  den  hilt  sei  bei  sich  vnd  leiß  in  mit  fleiß  vffzechen  vnd  als 
er  vffwoisch  ward  er  zymlicher  hoichden,  small  von  leib,  bleich  mit  rotem  ge- 
mengt vnder  dem  angesicht;  syn  har  war  gell,  schlecht  vnd  lanck  biß  zu  dem 
kyn;  syn  hart  war  woliich  vnd  broun,  die  augenappel  bla,  die  naß  zymlicher 
spitzden  vnd  grossden,  der  mont  klein,  hat  lang  bein  und  armen;  syn  sprach 
war  groff  vnd  hell,  syn  ganck  lansam,  syn  gebeir  ernst,  auch  frölich  vnd  goder 
zeren. 

Daß  V   Capittel. 
Wie  Adeldis    in   der    deilung  vürab    den  Weinsberch    erlangte  vnd 
Aramondt  vür   jr    kindt    annam   vnd   an   Trudonem    bestatte    damyt 

er   kyn  der  gewan. 

Dar  tuschen  war  Fullonius  vnd  Sigismunda,  Adeldis  (f.  3,J)  fatter  vnd 
motter  gestorben  vnd  ir  broder  Helonissar  entfing  daß  lehen  von  der  herscliaft 
Brunsaw  vnd  behillt  was  zu  leben  gehorich  war  vnd  damit  moist  er  eyn  be- 
nogen  haben.  Aber  was  Fullonius  on  daß  Leimgut  besessen  hatte,  gereidt  vnd 
vngereidt,  daß  war  den  andern  kyndern  zutheil  verfallen  vnd  deß  war  eyn  groist 
werdt,  dan  Fullonius  halt  vi  11  <'ygen  erbgüttcr  der  Weinbergen,  ackerlandts  vnd 
büschen  mit  siner  frawen  Sigismunda  beheiliget  vnd  sunst  vnder  syner  her- 
scliaft gegolten.  Vnder  dissen  gegolten  güttern  war  der  weinbercli  begriffen, 
darvff  Aramondt  geborn  war,  doch  vnder  der  herlichkeit  Bronßaw  gelegen,  der 
int  fasl  hoich  war,  sonder  (lach  vür  Walde  gegen  mittach  lach,  varmaills  van 
etlichen    leutlien    in    der    herschafft   Bransaw    durch    außrüttung    des  vraltz    mit 

weinstocken    beplanzet  vnd    zum    weinbercb    gemacht.    Do   nulie   die   erbgena n 

Kulionii  Barnen  quamen  die  erbschafft  zu  theilen,  begerthe  Adeldis  vürab  des 
wreinberche  darvff  Aramondt  gepom  war  in  dem  vür  ander  gütter  glicher  ach- 
tung  \  d'  anderen  platzen  gelegen  zuzutheilen.  Sulicha  hatten  ire  broder  vnd 
mitgedeling  eynen  gutten  benogen  vnd  theiltenn  jr  den  weinberch  zu  vnd 
gaben  ir  daneben  was  ir  zustendich  war.  Neben  dem  I « •  i l>  Adeldis  heimlich  zu 
Rom  erfaren  wie  es  mit  dem  jongen  Römer  irem  allerleib  ten  gelegen  were. 
vnd  als  .sei  vernam,  daß  er  gestorben  war  vnd  nit  zu  der  ehe  gegriffen  hett, 
gedacht  sei,  daß  buII   er  vnd.     vner  trewen  jr  zu  l<  ■■\i  leihen  vnd  ver- 

newert  in  irem    herzen    die    alte    leib    gegen    den   Homer  vnd    Bwoir  ir  lebtach 


94  A.  BIKLINGER 

keinen  mann  zu  nemen,  dan  sei  wolt  Aramondt  von  dem  Romer  vnd  ir  geporn 
vür  ir  kindt  halten  vnd  denselben  an  ir  anerstorben  erbtheill  brengen;  ginek 
darnach  vür  gericht  vnd  nam  Aramondt  in  kyndes  stadt  vür  iren  erben  an 
daß  im  von  jedermann  gegont  wart  vnd  Adeldis  verschaffte,  daß  ir  broder 
Hellonissar  Aramondo  seyn  eldesthe  thochter  Trudonem  zum  weib  gab,  daß 
domaills  vff  ir  heidensche  weiß  wollgeschein  mögt,  wiewol  doch  die  sipschaft 
beider  eheleuthen  vnbewost  war.  Mit  disser  Trudone  gewann  Aramondt  folgens 
acht  (f.  4a)  kynder,  dar  vnden  seß  sone  waren  gnant  Clodoveus,  Tillo,  Fullonius, 
Marcus,  Eibrardus  vnd  Gusollus,  zwa  Dhochter,  genant  Filana  vnd  Risia.  Als 
nuhe  Adeldis  jr  leben  in  groisser  eynsamheit  zu  endt  pracht  hatt,  ist  sei  im 
siben  vnd  funfzichsten  jar  jrs  alters  gestorben  vnd  ist  vff  den  Weinberch  (dar- 
vff  Aramondt  geboren  war)   begrauen  worden,  wie  sei  selbst  begert  hat. 

A.  BIRLINGER. 


GRAMMATISCHE   VERSUCHE   EINES    KÖLNERS 
AUS  DEM  XVI.  JAHRHUNDERT. 

Aus  dem  Buch   Weinsberg. 


Vom  Namen  Weinsberg.  Vnd  der  zunam  ist  nit  mehe  dan 
eyn  bedeutlich  wort;  dar  bei  der  Stam  vnd  daß  hauß  bezeichnet  er- 
kant  vnd  ernant  wirt  vnd  ist  eyn  compositum  nomen,  daß  ist  eyn  wort 
van  zweyen  substantivis  samen  gefoigt,  wuchs  bey  der  reiner  latinscher 
Sprach  verbotten  aber  bey  den  Dützen  zugelaissen  ist  vnd  begrifft 
zwa  sillaben,  der  jeder  syn  besonder  bedeudung  hat  vnd  daß  ganß 
worth  hat  acht  boichstaben,  der  etliche  dubbel  etliche  eynletzich  synt. 
die  weill  aber  an  den  boichstaben  vill  gelegen  ist,  so  will  ich  folgens 
von  jederm  jn  Sonderheit  meldong  dhoin;  dan  wan  vff  die  boichstaben 
kein  achtung  gehat  worde  mocht  man  nemen,  der  zunam  het  synen 
vrsprunck  vam  wint,  winde,  findt,  borch,  burch  vnd  derglichen,  so  er 
doch  allein  van  eym  berch  deß  weins  herkompt,  den  man  drinkt  vnd 
an  den  reben  —  vff  dem  berch  gestanden  —  gewassen  ist,  dan  vff 
sulchem  berch  ist  Aramondt  geborn. 

Bl.  354",  wo  dieses  Thema  kürzer  conceptweise  als  Entwurf  wohl 
steht,  heißt  die  Überschrift:  Weinsberch.  Der  zunam,  stamnam,  agna- 
tionnam,  haußnam,  geschlechtnam  wirt  ordentlich  rhein  vnd  woll  mit 
acht  principalen  littern  geschreiben  und  geredt  als  mit  W.  EI.  N.  S. 
B.  F.  R.  CH.  darvnden  syn  drei  dubbel  vnd  fünff  eynletzich. 

W.  Der  ersthe  boichstab  ist  eyn  dubbel  w,  bei  den  Dützen  gar 
gebrüchlich,  damit  der  zunam  anhebt,  er  werde  zu  latin  ader  ze  Dützen 


GRAMMATISCHE  VERSUCHE  EINES  KÖLNERS.  95 

geschreben  vnd  dieweill  er  vür  ansteidt,  sol  er  alzeit  groisser  ge- 
schreben  werden,  den  die  ander  vnd  in  syn  stadt  soll  kein  eynletzich 
v  ader  f  ader  gv  gesatzt  werden,  darauß  eyn  frembde  bedüdung  deß 
worts  erwassen  mocht. 

Bl.  354*  der  eirste.  W  disses  dubbeln  littern  brauchen  die  Deutz- 
chen  bei  denen  er  seir  gemein  ist;  vnd  sol  nit  verändert  werden,  dan 
der  name  hat  synen  vrspruugk  in  Beiern  deutscher  nation 
vnd  man  jn  schoin  latini  orthographi  gebrauchen  moissen  vnd  willen, 
so  sullen  sie  gu-  in  die  stadt  nit  setzen  wie  sie  vfi"  vil  orthen  dhoin 
alß  Giternerus  pro  Wernerus,   G*<ensbergius  pro  Weinsbergius. 

Bl.  354a:  Petrus  Hompheus  dicit,  quod  EI  diphtongus  apud  anti- 
quos  in  frequentissimo  usu  fuit,  nunc  autem  pene  exolevit.  Ist  aber  bei 
etlichen  Deutzschen  wörthern  propter  pronunciationem  hoch  nodich  alß 
bei  Weinsberch  vom  wein  a  vino  genant;  dan  Winsperch  vom  winde 
a  vento  aut  ab  alia  quadam  significatione,  daß  nit  syn  sol. 

EL  Der  zweite  boichstab  ist  eyn  diphthongus  ei,  daß  ist  zwein 
vür  einen  gesatzt,  die  beid  jr  krafft  behalten,  dan  im  hochdützen 
sacht  man  wem,  nit  wm;  derhalb  ist  e  ader  i  ader  y  allein  gesatzt 
verbotten  vmb  frembder  bedüdung  willen. 

Der  zweite:  ei;  disser  ist  auch  dubbellet  diphtongus  steht  bei 
den  deutschen  seir  wol  in  prima  syllaba  vnd  ist  auch  zu  theil  nodich 
propter  etyinologiam  et  sigtiificationem ,  wicwol  der  gmein  man  deß  i 
oder  y  instatt  disser  braucht. 

N.  Der  dritte  boichstab  ist  n  vnd  kau  nit  außbleiben  ader  auch 
verändert  werden,  dan  er  leidet  keinen  andern  jn  syner  Stadt. 

Bl.  354:  N.  disser  ist  eynletzich,  gepurt  sich  also  vnverend<  ii 
zupliben. 

S.  Der  veirde  boichstab  ist  s  vnd  bedüdet  genitivum  singujaris 
nunieri;  dan  derselb  casus  will  nit  vißpleiben,  da  zwei  Substantiv a  bei 
eynandern  staint,  wie  man  redt:  der  man,  deß  man/3;  der  wein,  deß 
weio/J  vnd  wicwol  im  gmeinen  reden  wein  Ix-rrli  sonder  s  geschreben 
vnd  gcbr.-iuchl  wirt,  daß  soll  hei  nit  irren,  dieweil  disser  zunam  bei 
den  liuiissLiriiossen  alzeit  mit  dem  s  gebraucht  ist  worden  vnd  zu  end 
dißer  sillabcn  ist  daß  d  ader  /  ader  dt  ader  tz  ader  /;  verbotten  vnd 
waß  derglichen  ist. 

Bl.  3f>-l":  der  veirthe,  ß.  disser  ist  auch  eynletzich,  wirt  bey  den 
deutschen  vmb  des  genitivi  casus  willen  darzugesefed  .  ist  anfencfcdich 
vißpliben  vnd  wirt  hiemit  die  eirst  syllaba    que  ei  dictio  est)  beschlossen. 

B.  Der  vünffte  boichstab  ist  b  damit  die  zweite  Billaba  anfangt 
vnd  ist  disser  boichstab  von  altera  bei  den  Beierschen  ge- 


96  A.  BIRLINGER 

brüchlich  gewest  vnd  wiewol  die  pronunciation  vff  vil  orthen  vn- 
glich  ist  vnd  daß  p  mit  mehr  scharffheit  gebraucht  wirt,  so  ist  es  doch 
hie  verbotten. 

Bl.  354\  Der  fünfFte  B.  d isser  boichstab  ist  eynletzigh  der  zweite 
in  alphäbeth  vnd  fengt  mit  dissem  die  ander  syllaba  an  que  etiam 
dictio  est  vnd  vil  hohe  deutsche  setzen  ein  p  in  disser  statt. 

F.  Der  sexsthe  boichstab  ist  e  und  soll  kein  i  ader  o  ader  v  ader 
y  in  syn  stadt  gesatzt  werden,  dan  es  heischt  rein  borch  van  steinen 
vnd  holtz  zur  wonung  gezymmert,  dan  eyn  berch,  dar  weinstock  vff- 
staint  vnd  wein  vffwescht. 

Bl.  354a:  Der  sesthe.  disser  ist  einletzig,  sol  nit  verendert  werden 
wiewol  etliche  daß  y  oder  i  in  die  stat  setzen. 

R.  Der  sibende  boichstab  ist  r,  kan  nit  verändert  werdenn,  dan 
er  leidet  keinen  andern  syner  stadt,  moiß  auch  nit  aushüben. 

Bl.  354a:  Der  Seuende.  R.  disser  moiß  notwendich  da  syn,  ist 
auch  eynletzich. 

Ch.  Der  achte  vnd  lesthe  boichstab  ist  ch  vnd  laudt  so  vil  als  g, 
dan  das  h  ist  kein  boichstab,  aber  alleyn  ein  zeichen  deß  zublasens; 
doch  ist  das  g  im  end  diß  wortz  im  latin  vnd  Dutzen  zugelaissen, 
aber  gh,  ck  ader  gk  ader  c  allein  ist  verbotten  vnd  hiemit  endet  daß 
wort  des  zunamens. 

Bl.  354a:  der  achte,  disser  scheinet  mit  der  aspiration  H  dubbel, 
wilche  doch  kein  boichstab  ist  vnd  mag  daß  g  in  diß  stat  gesetzt  werden, 
ist  zugelaissen;  etliche  aber  setzen  ck  oder  gh,  ist  nit  zugelaissen. 

Bl.  354b:  Daß  gu-  moiß  gar  nit  voran  stain,  noch  kein  ander 
litera  dan  W;  der  nam  werde  zu  latin  oder  deutsch  geschriben,  die- 
weil  man  oft  und  duck  namen  und  zunamen  mit  2  littern  bezeignet 
aß  H  :  W  kan  bedüden  Herman  Winsberg,  sult  aber  stain  G  in  stat  W 
alß  H  :  G.  wie  kunt  man  darauß  Hermann  Weinsberg  verstaia.  Eß  sol 
eyn  dubbel  W  geschriben  vnd  pronunciert  werden,  licht  nit  daran  wie 
es  die  Itali  oder  Galli  oder  Latini  curiosi  außsprechen.  wir  halten  unssen 
stylum. 

Bl.  354a:  vide  in  elencho  scriptorum  sub  dictione  (r?«arinus;  ibi 
solent  Itali  et  Galli  Vu,  w  germanica  pro  digamraa  gg  duplex  ponere 
v  simplex  ut  Ghilhelmo  pro  Vuilhelmo. 

Bl.  354b  folgt  die  ganze  große  Anzahl  der  Schreibarten  von  Weins- 
berg: Beinsberg,  Geinsberg,  Wainsberg,  Weinsberg  etc. 

Vnad  mit  obbestimpten  ach  boichstaben  schreibt  man  den  zu- 
namen recht  vnd  rhein  vnnd  wiewoll  er  vürmaills  vnd  auch  noch  zur 
zeit  ader  in  der  eill  ader  vyß  vnwissenheit  vngeschicklich  geschreben 


SPRÜCHE  IM  KÖLNER  DIALECT.  97 

viid  geredt  ist  wordenn;  edoeh  sol  nemans  daß  vtir  cvn  exempel  an- 
zehen,  sonder  sieh  mit  groissem  fleiß  vben  den  zunanien  obbemelten 
regelen  gemeiß  rhein  zu  schreiben  vnd  zu  redenn,  wie  auch  der  wortlin 
zu  ader  von  vur  den  zunamen  gebraucht  mogenn  werden,  ist  lichtlich 
anzuzeigen,  dan  man  schreibt  vnd  redt:  hausfater,  sorghaber,  hauß- 
gnoß,  herburger,  vnderthain,  diener  u.  s.  w.  zu  Weinßberch.  Ist  aber 
eyner  da  her  komen  ader  entsprossen,  den  nennet  man  Paulus  von 
Weinßberch  ader  sonder  daß  wortlin  van  als  Paulus  Weinßbercher 
ader  durch  daß  g.  Weinßberger,  vnd  also  gebrauchen  etliche  canzeleien 
bei  den  hochdeutzen.  Aber  Paulus  Weinßberch,  sonder  die  wortlin  zu 
ailcr  van  gebraucht  man  seiden,  eyner  werde  dan  sonder  dauffriamen 
Weinsberch  allein  mit  dem  zunanien  gnant.  Wannehe  auch  eyn  adjee- 
tivum  drauß  gemacht  wirt,  gebraucht  man  es  durch  k  oder  (j  als:  cvn 
Weinsberehisch  man.  eyn  weinbergische  fraw  vnd  so  fortan.  Glichfalß 
redt  man  im  latin:  paterfamilias  in  Weinsberch:  Aramondus  de  Weins- 
berch. Simon  a  Weinsberch,  Christianus  Weinsberchius  ader  per  g: 
Weinsbergius.  Also  stellt  man  auch  den  Adjectiven  Weinsberchianus 
m  per  g  aut  ch  ad  libitum  vnd  es  ist  verbotten  den  zunanien  vff 
latin  zu  transfererenn  ader  zu  verändern  als  Vinimons,  Vmimontanus 
etc.  ader  vff  greckisch  alls:  ohcoo  ader  senorius  ob  es  schoin  bei 
den  gelerthen  weir  ader  in  frerabder  uation.  Dan  der  zunam  bedüdet 
nit  mehe  dan  die  person,  daz  zu  er  gehört,  damit  zu  zeigenen  oder 
zu  nennen,  wie  dan  vil  zunanien  sint,  die  in  sich  gar  kein  bedüdung 
haben  vnd  doch  die  person  da  yn  erkant  wirt;  da  man  nit  weiß  ob 
er  dütz  latin,  welsch  ader  derglichen  sprach  sei.  Doch  mach  disser 
zunam  weinsberch  von  den  poeten  ader  witzhalben  woll  verändert 
werden.  A.  BIRLINGER. 


SPRÜCHE  IM  KÖLNER  DIALKCT. 


it,    der    wail    vindt, 
1 1  .    w.iil  leeffi ,  der  wail  endt. 
Der  loen  Bai  duren   ewelich, 
Der   arbeit   naüwe   ein   ougenblick. 

en  doel   i  chilt, 

Dai  um1!  leefft  ala  du  sterven   will , 
Wal   ia  i.lit  klein  an  itedich   I  ven ; 

.  uck   il  it  recht  lis   w  uil   beven. 

GERMANIA.  Neu«  Beil«    \ll.  (XIX.  Jal.rg  > 


98  A.  BIRLINGER,  SPRÜCHE  TN  KÖLNER  DIALECT. 

So   wer  in   disser   tzyt   erkiest, 

Da  he  sinen  got  mit  verliest, 

Alst  komen  sal  an  ein  scheiden , 

So  moiß  he   derven  alle  beiden. 

Ach  wie  lustich   dat  wesen  mach, 

Da  dusent  jair  is  einen   dach, 

By  dattet  is  tzo  syn  aldair, 

Da  einen   dach  is  dusent  jair. 

Die  werlt,   der  vyant  und   dat  vleisch, 

Als   disse  dry  haven  iren  heisch, 

So   blyfft  die   edel  seel  verloren, 

Die  got  so  vrüntlich   hat  verkoren. 

Die  werelt  vlye,   dem  vyant  entspringe, 

Dyn  vleisch   mit  bescheidenheit  bedwinge, 

Setze  dich  in   die  nederste  statt, 

So  machstu  klimmen  den  hoechsten  pat, 

Vertzye  dich  selven  in  allen  dingen. 

Hangt  an  got  mit  rechter  mynnen, 

Keert  dyn   meynunge  zo  got  dem  heren , 

So  sal  dich  got  die  wairheit  leren. 

Ach   minsch,  sxaet  up  dyn  hoede  bloiß, 
Want  die  valsche  werelt  is  so  loiß , 
Yr  genoecht  is  vol  unreinicheit, 
Yr  rait  is  hoverdy  und  gyricheit, 
Yr  dienst  is  sueß,  yr  loen  is  krauck, 
Yr  bloem  is  schoen,  yr  vrucht  is  stanck, 
Yr  Sicherheit  is  verradeniß , 
Yr  medecyn  is  vergiffeniß. 
Want  vur  vreude  gifft  sy  rouwe, 
Schand   vur   eer,   valscheit  vur  trouwe, 
Vur  rycheit  gifft  sy  groeß   armoet, 
Vur  ewich  leven  den  ewigen   doet, 
Want  kurtze  vreude  und  langes  leit 
Dat  is  der  werelt  lieffden  kleit. 

Hedden  wyr  alle  einen  gelouven , 
Got  und  gemeinen   nutz  vor  ougen , 
Ein  eile,  maiß  und  gewycht, 
Goede  fryd  und  rechte  gericht, 
Ein  müntz  und  goet  gelt, 
So  stundt   ist  wail  in  der    weit.*) 

A.  BIRLINGER. 

*)  Aus:  Ein  schatzboechlin  der  Gotlicher  lieffden  —  Gedruckt  zo  Collen  durch 
Eucharium  Hirtzhorn,  wonende  in  dem  Swan  by  sant  Pauwels  Kirche  (fol.  q.  5—  q.  8). 


W.  CRECELIUS,  ALSO  BAI;.  99 

ALSO  BAU 


J.  Grimm  führt  im  Wb.  I.  Sp.    L056  unter  dem  Worte  baar  diese 
Stelle   aus  Fischarts  Gargantua  (S.  403   nach  der  Ausgabe  von  1590) 
an:  ndise  haben  gebeieht  vnd  gereuwet,  v und  Ablaß  bekommen,  darumb 
werden  sie  also  Par  inns  Paradiß  fahren,  wie  ein  Sans  inn  Sack,  vnd 
ein  Sau   inns  Mäußloch."     Es  soll    hier   also  par  in  dem  Sinne  von  so 
(durch  beichte  und  r<  we)  ;/<  r<  imVjrt  stehen.  Die  Vergleicliung  der  folgenden 
Beispiele  aber  muß  lehren,   daß  also  bar  nichts  anderes  bedeuten  kann. 
als   1,  also  fort,  jetzt  gleich  und  2,  in  diesem  Augenblicke,  so  eben. 
Fischart  Flöhhaz  3372  (Kurz  II.  S.  89): 
Aber  mit  gfar  werd  jrs  gewar, 
Wan   sie  euch  haschen  also  par, 
Vnd  werfen  euch,  bös  inißgewächs, 
Inn  glut  zuprennen  wie  ein  hechs. 
Fischart  Jesuiterhütlein  285  (Kurz  II,  S.  249): 
Hierauff  als  es  nun  fertig  war, 
Befahl  der  Satan  also  par, 
Daß  es  des  Behemots  Gesind 
Solt  führen  durch  die  Welt  geschwind. 
In  großer  Menge  finden  sich  die  Belege  für  das  Wort  im  ersten 
Buch   des   Amadis   (ich   citiere    die    Seitenzahlen    der   neuen   Ausgabe 
\..i,  A.  v.  Keller  Stuttgart  1857): 

Als  ich  verschiener   zeil  wider  den  Elisen  Albadan  —  zuschlagen 
anderstunde  vnd  also  bahr  auff  der  reyß  ward    etc.  S.  45. 

Weh  dir,  daß  du  diese  Jungfraw  jemals  gesehen.   Dann  du  mußt 
bahr  dein  Haupt  darumb "dahinden  lassen.  S.  76. 
Daneben  werdet  jhr  jhm  weitters  anzeigen,  daß  mein  Herr  vml 
Vatter  mich  höhn  lassen.  \  ml  ich  also  par  wegfertig  sey,  in 
Britannien  zuziehen. 

Demnach  soll  der  streil   ynder   euch   vnd   mir   allein  Beyn.     Vnd 
auch  also  bar,  wo  jr  wölt.  S.  98. 

Ich  bitl   E.   L.  gantz  freundlich,   Herr,  last  jn  also  bahr  beruffeü 
\nd  bitten,  daß  er  vns  seyn  nami  3     108. 

So  Int   ich  euch  nun  flei  /t  Galaor,  jr  wolt  mich 

zum  Ritter  machen.  S.    I  1 8. 

Vml   daneben   ersah  Schiff   von   diesem  Vngewitter   der 

[eben,  daß  kein  hilff  sh  heyl  von  en  zuhoffen,  vnd 

das  noch  böser,  war  die  nacht  bc! also  par  vorhanden.  S.    11 


100  w-  CBECELIUS,  ALSO  BAR. 

Du  thust  recht,  daß  du  mich  vermeinest  mit  deiuen  Worten  zu- 
erschrecken,  aber  die  Teuffei  werden  dich  also  par  viel  ängstiger 
machen,  denn  ich  jhnen  dein  Geist  auffopffem  wil.  S.  207. 

Dann  du  mußt  da  deine  vbrige  Wehr  auch  lassen,  oder  also  par 
sterben.  S.  236. 

Vnd  wo  ich  es  jetzunder  also  bahr  thun  wolt,  ließ  mau  mich 
nicht  hinein?  sagt  Amadis.  S.  283. 

Vnd  so  schwere  ich  euch,  Antwort  der  Kitter,  daß  jhr  es  durch 
mich  nicht  innen  werden  solt,  so  lang  ich  das  leben  hab,  vnd  wölte 
lieber  also  bar  sterben,  denn  daß  ich  euch  solches  anzeiget.  S.  407. 
Da  sagt  die  Jungfrauw:  König,  Mein  gnedigst  Frewlin  Briolania, 
welche  jr  vnehrlich  enterbet,  schicket  euch  diesen  Brieff,  welchen  jr  in 
beyseyn  diser  Herren  also  bar  lesen  lassen  sollen,  vnnd  folgendts  zu 
meiner  abfertigung  mir  widerumb  antwort  zu  stellen.  S.  414. 

Ir  redet  so  lieblich,  sagt  sie,  daß  ich  also  bar  versuchen  will,  ob 
jr  ein  so  Manlicher  gesell  seyt,  daß  jr  mich  von  diesem  ort  hinweg 
füren  dörfft.  S.  426. 

Für  die  zweite  Bedeutung  so  eben  finden  sich  folgende  zwei  Stellen 
im  Amadis: 

E.  May.  Bruder,  der  König  Perion  ist  also  bahr  ankommen.  S.  51. 
Ewer  starckmütigkeit  nach,  so  ich  euch  also  bar  volstrecken  vnd 
klärlich  erzeigen  gesehen  etc.  S.  118. 

Über  ein  früheres  Vorkommen  dieses  Gebrauches  von  also  bar 
habe  ich  mir  keine  Beispiele  aufgezeichnet.  Es  werden  sich  aber  ge- 
wiß auch  bei  Schriftstellern  aus  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrh.  deren 
finden,  vielleicht  fällt  die  Entstehung  der  Bedeutung  sogar  noch  in 
die  Zeit  des  Mittelhochdeutschen.  In  dem  Leben  der  h.  Elisabeth 
(herausgegeben  von  Rieger)  stellt  der  Schenk  Walther  den  Landgrafen 
zur  Rede,  über  dessen  harte  Behandlung  der  verwitweten  Elisabeth; 
er  sagt  dabei  V.  6124  ff.: 

Ouch  sint  uns  uffenbere 
Von  drubeclicher  witze 
Forme  vnd  ouch  antlitze 
Vor  schäme  wurden  missevar, 
Daz  man  so  beltliche  unde  so  bar 
Zu  disen  selben  stunden 
Hat  an  uch,  herre,  funden 
Solich  unverwizzenheit, 
Daz  ir  uch  der  unmildekeit 
Nach  eren  woldet  uit  bewarn. 


LITTERATUR:  ÜBER  NORDISCHE  PHILOLOGIE   UND  GESCHICHTE,     im 

Rieger  erklärt  die  betreffenden  Worte  mit  ..so  frech  und  unver- 
liüllf.  "\" itlKit'lit  bedeuten  sie  aber  „so  gar  bald  und  sogleich  nach 
eurem   Regierungsantritt". 

Es  wird  zunächst  darauf  ankommen,  den  berührten  Gebrauch  von 
also  bar,  so  weil  es  möglich  ist.  zu  verfolgen,  und  ich  möchte  jeden, 
drin  Beispiele  davon  zu  Gebote  stehen,  darum  ersuchen,  dieselben 
hier  mitzutheilen. 

ELBEKrr.il».  W.  CRECELIUS. 


LITThTvATUR. 


Zur  neueren  Litteratur  über  nordische  Philologie  und  Geschichte. 

Ohne  irgend  welches  genauere  Eingehen  auf  Einzelnheiten  zu  beabsich- 
tigen, oder  irgend  welchen  Anspruch  auf  Vollständigkeit  erheben  zu  wollen, 
möchte  ich  auf  einige  neuere  Erscheinungen  aufmerksam  machen,  welche  auf 
dem  Gebiete  der  nordischen  Philologie  und  Geschichte  eine  bedeutsame  Stelle 
einnehmen,  in  der  Hoffnung,  daß  eine  kurze  Charakteristik  manchem  Leser 
dieser   Zeitschrift   nicht    unerwünscht  sein   werde. 

An  erster  Stelle  nenne  ich  das  „Jcelandic-English  Dictionary"  Richard 
Cleasby's,  welches  Gudbrandr  Vigfusson  in  völlig  neuer  Bearbeitung 
herausgegeben  hat.  Das  erste  Heft  dieses  großartigen  Werkes  ist  im  Jahre 
1869,  das  zweite  im  Jahre  1871  erschienen;  das  dritte  und  letzte  aber  trägt 
die  laufende  Jahrzahl,  wurde  indessen  bereits  in  den  letzten  Tagen  des  Jahres 
1873  ausgegeben.  Dieses  letzte  Heft  enthält  neben  dem  Schlüsse  des  Wörter- 
buches unter  Andern  auch  eine  Lebensbeschreibung  Cleasby's,  sowie  einige 
Specimina  Beiner  eigenen  Arbeit,  wie  er  sie  bei  seinem  Tode  hinterließ,  und 
u  diese  klar  erkennen,  welche  kolossale  Arbeit  sein  Nachfolger  aufzuwenden 
.    um  diese   in   diej  zu  bringen,  in   welcher  dieselbe  nunmehr 

vorliegt.  Ich  habe  mich  früher  schon  über  den  Zustand  der  altnordischen  Lexico- 
graphie   vor  dem   Erscheinen   dieses   Werkes     im   Ai  ir   Kunde   der  deut- 

schen   Vorzeit,    1863,   nr.    12,   dum   Germania,    XII,    S.    236      40  .   dann 
die  Anlage  dieses  Werl  n    Heftes     in   dn  Bi 

zur  Augsburger  Allgemeinen  Zeitung,  1-7".  nr.  ,->  and  7  näher  ausgesprochen 5 
hier  möchte  ich  aber  darauf  aufmerksam  machen,  daß  Jon  Porkelsson  dessen 
erstes  lieft    im    23.  Jal  fyödölfr,    S.    1      5,    19 — 20   und 

dum   dosen  zweites  Heft  im    1 'J.  Jabrgan  Nbrdanfari,   3     103      1,  einer 

eingebenden   Besprechung    unterzogen   hat.    [ch   bemerke   l"i  dieser  Gelegenheit, 

daß  rundliche   Kenner    der  en   Litteratur    1  Sprache    auch 

r    manche    Behr    werthvolle    lexicale    sowohl    als    quellengeschichtliche 

Artikel  in  isländischen  Zeitungen  niedergelegl  hat,  die  wohl  verdienten  gesammelt 

»eben   zu  werden;    ich   erwähne  nur  b  die   Aufsätze   „aldux 

vfsnanna  i  Grel  og  fäeinar  leidrjettingar  vid   bana",  dann   „vi  »ur  1  Mork- 


102     LITTERATUK:  ÜBER  NORDISCHE  PHILOLOGIE  UND  GESCHICHTE. 

inskinnu"  (Norctanfari ,  7.  Jahrg.,  S.  45 — 46,  und  9.  Jahrg.,  S.  19);  ferner 
„midstig  atviksorda  i  Islenzku",  „um  baejanöfn  ä  Islandi"  (ebenda,  8.  Jahrg., 
S.  17 — 18,  dann  S.  85 — 86  und  89 — 90),  „um  stödu  atviksorda  i  mälsgrein- 
um  i  Islenzku",  und  „um  nokkurar  rangar  ordmyndir  eda  ordskipanir  i  Is- 
lenzku" (ebenda,  9.  Jahrg.,  S.  55-56,  und  59—60,  dann  S.  82  —  83,  86  bis 
87,  und   89  — 90). 

Ivar  Aasen's  „Norsk  Ordbog",  welches  ich  in  Bd.  XVII  der  Germania. 
S.  235  —  38  angezeigt  habe,  ist  inzwischen  im  vorigen  Jahre  fertig  geworden, 
und  Asbjörnsen  hat  am  Schlüsse  desselben  Jahres  die  fünfte  Ausgabe  der 
von  ihm  und  J.  Moe  gesammelten  „Norske  Folke-Eventyr"  ausgehen  lassen; 
die  Zahl  der  mitgetheilten  Stücke  (60)  hat  sich  dabei  nicht  vermehrt,  wogegen 
die  Ausstattung  des  Büchleins,  zumal  auch  durch  einen  von  Markus  Grönvold 
vortrefflich  entworfenen  und  durch  die  Gebrüder  Obpacher  hier  in  München  in 
Farbendruck  geschickt  ausgeführten  Umschlag  gegen  früher  noch  gewonnen  hat. 

Sehr  werthvolle  Arbeiten  über  die  Quellen  zur  norwegischen  Königs- 
geschichte sind  neuerdings  theils  herausgegeben,  theils  wenigstens  herauszugeben 
begonnen  worden.  Zunächst  hat  G.  Storni  einen  sehr  beachtenswerthen  Auf- 
satz: „Norske  Historieskrivere  paa  Kong  Sverres  Tid"  in  den  Aarböger  for 
nordisk  Oldkyndighed  og  Historie,  Jahrg.  1871,  S.  410  —  31  erscheinen  lassen, 
sodann  aber  eine  selbständige  Schrift:  „Snorre  Sturlassöns  Historieskrivning", 
Kopenh.  1873  herausgegeben.  Weiterhin  hat  Professor  Sophus  Bugge  in 
denselben  Aarböger,  Jahrg.  1873,  S.  1 — 49  ,,Bemaerkninger  om  den  i  Skot- 
land  fundne  latinske  Norges  Krönike"  mitgetheilt,  in  welchen  er  zu  nicht 
unwesentlichen  anderen  Ergebnissen  über  das  Breve  chronicon  Norwegise  gelangt 
als  Storm.  Endlich  ist  soeben  das  erste  Heft  einer  „Undersögelse  af  Konge- 
sagaens  Fremvaext"  von  A.  Gjessing  erschienen,  welche,  von  der  „Videnskabs- 
Selskab"  zu  Christiania  herausgegeben,  die  in  ihrem  Titel  bezeichnete  Frage 
mit  aller  Gründlichkeit  zu  erörtern  verspricht.  Storms  Schriften  kehren  sich 
hauptsächlich  gegen  die  von  mir  seiner  Zeit  aufgestellte  Behauptung,  daß  die 
Konüngasögur  wesentlich  ein  Product  der  isländischen,  nicht  der  norwegischen 
Litteratur  seien,  und  daß  die  Heimskrfngla,  so  wie  sie  uns  vorliegt,  nicht  aus 
Snorri's  Feder  geflossen  sei ;  bei  großer  Selbständigkeit  im  Einzelnen  sucht  der 
Verfasser  doch  im  Großen  und  Ganzen  nur  den  bekannten,  von  P.  A.  Munch 
und  R.  Keyser  vertretenen  Standpunkt  neuerdings  zu  verfechten.  Bugge  sucht, 
mittelst  einer  ebenso  gründliehen  als  selbständigen  Untersuchung  darzuthun, 
daß  das  Agrip  af  Noregs  Koniinga  sögum  nicht,  wie  Sform  annimmt,  das  Breve 
chronicon  benutzt  habe,  sondern  daß  die  zwischen  beiden  Werken  bestehen  de 
Verwandtschaft  aus  der  Benützung  einer  beiden  gemeinsamen  älteren  Quelle 
erklärt  werden  müsse,  wie  dieß  schon  von  Munch  und  mir  ausgesprochen  wor- 
den war;  er  beweist  ferner,  daß  diese  gemeinsame  Quelle  in  nordischer  Sprache 
geschrieben  war.  Wiederum  thut  er  dar,  daß  das  Breve  chronicon  sowohl  als 
die  Yngh'nga  saga  neben  rjöctölfs  Ynglfngatal  noch  eine  andere  prosaische 
Quelle  benützt  hat,  welche  aller  Wahrscheinlichkeit  nach,  mittelbar  wenigstens,  ein 
Werk  Ari  frödi's  war,  daß  dasselbe  ferner,  ebenso  wie  Agrip,  Odds  Lebens- 
beschreibung des  Olafs  Tryggvason  und  überdieß  auch  noch  den  Adam  von 
Bremen  und  einige  englische  Quellen  benützt  habe,  wogegen  er  die.  Benützung 
Theodorichs,  der  Fagrskinna,  der  Sagen  vom  heil.  Olaf,  wie  sie  uns  vorliegen, 
sowie    des    Königsspiegels    leugnet,    was   den   letzteren    betrifft,     doch   wohl    mit 


Mi  DERATURt   I  BEK   NORDISCHE  PHILOLOGIE  UND  GESCHICHTE.     103 

Unrecht.  Wenn  aber  der  Verf.  die  Abfassung  der  Schrifl  in  die  Jahre  1190 
bis  1260,  oder  noch  genauer  ungefähr  in  das  Jahr  1230  setzen  will,  so  will 
mir  dieß  oicht  recht  einleuchten,  [ch  gebe  zwar  gerne  zu,  daß  dieselbe  nicht 
erst  im  15.  Jahrh.  entstanden  sein  kann;  aber  ihre  Angaben  über  die  Bezirks- 
verfassung Norwegens  scheinen  mir  auf'  die  /fit  nach  der  Entstehung  des 
gemeinen  Landrechtes  1274  hinzudeuten,  während  Bich  die  für  eine  frühere 
Entstehung  angeführten  Gründe  wohl  dürften  widerlegen  lassen.  Gjessing  end- 
lich sucht,  sii  viel  sich  aus  dein  bisher  veröffentlichten  Theile  seiner  Unter- 
Buchungen  erkennen  lässt,  die  erste  Grundlage  der  Konünga  BÖgur  in  einem 
Werke  Ali  frö&Ts.  Hie  von  mir  im  XV.  Bde.  der  Germania,  S.  300  -  321  ent- 
wickelte Ansicht  über  die  litterarische  Wirksamkeit  dieses  Mannes  findet  bei 
ihm  theils  Billigung,  theils  eine  sehr  ansprechende  Erweiterung.  Wie  ich,  nimmt 
auch    G  an.    daß    die  verlorene    erste   Recension     der   [slendingabök    die 

ungleich  ausgedehntere  gewesen  sei,  und  dal:  deren  uns  erhaltene  zweite  Recen- 
sion im  Wesentlichen  durch  eine  Ausscheidung  der  aett  irtala  und  der  K.oniin<.ra3efi 
entstanden  sei.  Wie  ich,  nimmt  er  ferner  an,  daß  An'  neben  der  zweiten  Recen- 
sion Beiner  [slendingabök  durch  die  in  dieser  gestrichene  aettartala  den  Grund 
zur  Landnäma,  und  durch  die  gleichfalls  gestrichenen  Konungaaefi  den  Grund 
zu  den  Konüngasögur  gelegt  habe;  aber  er  ergänzt  diese  Annahme  durch  die 
weitere  Vermuthung,  daß  Arä  selbst  auch  diese  letzteren  beiden  Bestandteile 
nochmals  selbständig  überarbeitet,  und  somit  selbst  noch  eine  Landnäma  und 
einen  Abriß  der  norwegischen  Königsgeschichte  verfasst  haben  möge,  und  er 
sucht  sodann  im  Einzelnen  nachzuweisen,  welche  Theile  der  späteren  Konünga- 
sögur diesem  seinem  Werke  entnommen  sein  mögen.  Ich  sehe  der  Fortsetzung 
seiner  Untersuchung  mit  Spannung  entgegen,  und  wird  diese  zugleich  den  er- 
wünschten Anhaltspunkt  bieten  zu  einer  eingehenden  Prüfung  der.  wie  mir 
scheint,    etwas  einseitigen  Aufstellungen   Storms. 

Der  Jahrgang  1873  der  Aarböger  bringt  ferner  eine  Abhandlung  des 
bekannten  isländischen  Rechtshistorikers  VilhjaJmr  Einsen:  „Gm  de  [slandske 
Love  i  Fristatstiden  ,  S.  Htl  250.  Dieselbe  ist,  wie  sie  selber  ausspricht, 
aus  Anlaß  des  Artikels  „Grag&s"  geschrieben,  welchen  ich  für  den  7  7.  Band 
der  Allgemeinen  Encyklopädie  d  i  W  -  enschaften  und  Künste  geliefert  hatte 
(1864  ,  und  zu  welchem  ich  im  XV.  Bd.  der  Germania,  S.  1 — 17,  noch  einen 
Nachtrag  gab.  Im  Übrigen  mit  mir  wesentlich  einverstanden,  geht  der  Verf. 
doch  in  zwei  Punkten  von  mir  ab,  soferne  er  nämlich  erstens  sowohl  die  uns 
erhaltenen  isländischen  Rechtsbücher  als  auch  die  ihnen  guten  Theils  zu  Grunde 
liegende],  der  isländischen    lögsögumenn   lediglich   auf  da 

liehe  Recht  beschränkt  wissen  will,  und  jede  Existenz  von  Gewohnheitsrecht 
sowie  irgend  welcher  Jurisprudenz  leugnet,  während  er  zweitens  die  Entsteh ut 
zeit  unserer  Rechtsbücher  ungleich  weiter  in  >\<-y  Zeit  hinaufrücken  zu  Bollen 
glaubt,  als  ich  dieß  gethan  hatte.  In  der  ersteren  Beziehung  muß  ich  zur 
Richtigstellung  der  Frage  bemerken,  daß  ich  von  Gewohnheitsrecht  und  .luris- 
prudenz  redend  weder,  v,  •  Verf.  thut,  den  Gerichtsgebrauch  von  «hin  ersteren 

.  noch  auch  unter  der  letzteren  lediglich  Btreng  theoretische  Pro- 
dnete  verstanden  wissen  wollte,  wie  ich  denn  ausdrücklich  da-  Sammeln  und 
Glossieren  von  Legaltezl  n .  die  Construction  von  Rechtsformeln  u.  dgl.  unter 
die  juristische  Thätigki  I  niert    habe;    außerdem  glaube  ich   auch  darauf 

aufmerksam  machet)  zu  dürfen,  B     :hränkung  der  Dingzeit   auf 


104     LITTERATUR:  ÜBER  NORDISCHE  PHILOLOGIE  UND  GESCHICHTE. 

14  Tage  im  Jahre  zu  der  Annahme  passt,  daß  die  ganze  Masse  unserer  Rechts- 
bürh'T  aus  Beschlüssen  der  lögretta  hervorgegangen  sei,  deren  Thätigkeit  doch 
nur  den  kleinsten  Theil  der  vorwiegend  gerichtlicher  Thätigkeit  gewidmeten 
Dingzeit  für  sieh  in  Anspruch  nehmen  durfte.  In  der  zweiten  Beziehung  aber 
liisst  sich  aus  den  vom  Verf.  hervorgehobenen  Momenten  meines  Erachtens  nur 
auf  das  Älter  eines  Theiles,  und  allenfalls  eines  großen  Theiles  der  einzelnen 
in  unsere  Rechtsbücher  aufgenommenen  Stücke,  aber  nicht  auf  das  Alter  dieser 
Rechtsbüchcr  selbst  ein  Schluß  ziehen;  die  Folgerungen  aber,  welche  ich  im 
Bd.  XV  der  Gennania  aus  bestimmten  einzelnen  Angaben  auf  deren  Abfassung 
nach  1258,  resp.  1262,  zog,  hat  der  sehr  geehrte  Verf.  meines  Erachtens 
unwiderlegt  gelassen.  Ich  bemerke  übrigens,  daß  Jon  rorkelsson  in  einem 
Artikel  „um  Gragasina",  welchen  die  Zeitschrift  Vikverji ,  Jahrg.  1873,  S.  98 
bis  09  und  102 — 3  bringt,  sich  im  Wesentlichen  den  Ansichten  Finsens  an- 
schließt. 

Zu  Jon  Arnason's  „Islenzkar  rjodsögur  ogsefintyri"  (vgl.  Bd.  VII,  S.  247 
bis  251,  und  Bd.  IX,  S.  231 — 45  der  Germania)  hat  die  Verlagshandlung  nach- 
traglich noch  ein  deutsches  Sach-  und  Namenregister  nachgeliefert,  welches  die 
Ausnützung  dieser  überaus  reichen  Sammlung  islandischer  Sagen  und  Märchen 
gar  sehr  erleichtern,  und  damit  diese  für  die  mythologische  und  litterargeschicht- 
liche  Forschung  erst  recht  zugänglich  machen  wird.  Einen  anderen  Beitrag  zur 
Kunde  des  voiksthümlichen  Wesens  auf  Island  bietet  das  soeben  von  Th  eodor 
Möbius  mit  bekannter  Sorgfalt  zum  ersten  Male  herausgegebene  .,  Malshätta 
kvsecti",  über  welches  sich  bereits  Jon  rorkelsson  im  Vikverji,  S.  141  bis 
142   sehr  anerkennend   ausgesprochen  hat. 

Die  seit  dem  Jahre  1871  von  der  norwegischen  historischen  Gesellschaft 
herausgegebene  „Historisk  Tidsskrift"  bringt  wie  in  ihren  beiden  ersten  Bänden, 
so  auch  in  dem  eben  erschienenen  ersten  Hefte  des  dritten  Bandes  manches 
für  den  Philologen  Interessante;  für  dießmal  ist  ein  Aufsatz  E.  Jessen's: 
„Notitser  om  Dialecter  i  Herjedal  og  Jemteland",  S.  1—57,  dann  ein  solcher 
von  G.  Storm:  „Om  Ynglingatal  og  de  norske  Ynglingekonger  i  Danmark", 
S.  58 — 79  zu  nennen,  zumal  aber  nicht  unerwähnt  zu  lassen,  daß  dem  neuesten 
Hefte  der  Zeitschrift  der  Anfang  einer  neuen,  durch  A.  E.  Eriksen  besorgten 
Ausgabe  der  Dichtungen  des  Peter  Dass  folgt.  Die  Gedichte  des  im  Jahre  1708 
verstorbenen  Pfarrers  Peter  Dass  und  zumal  dessen  „Nordlands  Trompet"  bil- 
den, in  zahlreiclien  Auflagen  verbreitet,  bis  auf  den  heutigen  Tag  herab  eine 
Liebüngslecture  der  nordländischen  Bauern  und  Fischer  in  Norwegen,  und  sind 
als  Dichtungen  sowohl  wie  in  eulturhistorischer  Beziehung  vom  höchsten  Werthe; 
eine  vollständige  und  zugleich  kritische  Ausgabe  derselben  muß  somit  im  höchsten 
Grade   erwünscht  kommen. 

Ein  hohes  Interesse  hat  ferner  auch  für  den  Philologen  zu  beanspruchen 
eine  auf  öffentliche  Veranstaltung  erscheinende  und  von  G.  Storm  besorgte 
Ausgabe  der  Abhandlungen  P.  A.  Munch's.  Von  diesen  „Samlöde  Afliand- 
lingcr",  welche  auf  vier  Bände  veranschlagt  sind,  ist  bereits  der  erste  Band, 
sowie  Heft  1  —  3  des  zweiten  erschienen.  Wer  die  Zahl,  Bedeutung  und  Zer- 
streutheit der  kleineren  Aufsätze  Munch's  einigermaßen  kennt,  wird  sich  freuen, 
dieselben  endlich  in  einer  handlichen  Gestalt  zur  Verfügung  zu  bekommen;  ich 
wenigstens  muß  gestehen,  daß  mir  trotz  langjährigen  Sammclns  nordischer 
Litteratur  und  vielfach  dabei  genossener  freundlicher  Unterstützung  manche 
dieser  Aufsätze,  jetzt  zum   ersten  Male  zugänglich  geworden  sind. 


LITTERATUR:  K    SCHBÖDEB    Rl  LNKE  DE  VOS.  105 

Zum  Schlüsse  mag  es  noch  gestatte!  sein,  auf  zwei  Schriften  aufmerksam 
zu  machen,  welche  allerdings  nur  in  weiterem  Abstände  hieher  gehören,  näm- 
lich auf  Hans  Olof  Hildebrand  Hildebrand's  „Statens  historiska  Museum 
ocli  Kongl.  Myntkabinettel  i  Stockholm",  und  dessen:  „De  förhistoriska  Polken 
i  Europa",  von  welchem  letzteren  Werke  freilich  vorläufig  nur  das  erste  Heft 
vorliegt.  Heide  Veröffentlichungen  gehören  dem  vorigen  Jahre  an;  beide  sind 
weniger  auf  Männer  vom  Fach  berechnet,  als  auf  das  wissenschaftlich  gebil 
Publikum  im  Allgemeinen;  beide  werden  aber  bei  ihrer  klaren  und  kurzen 
Darstellung  und  der  reichlichen  Beigabe  gut  gewählter  und  ausgeführter  Illu- 
strationen gewiß  gar  Manchem  als  ein  willkommener  Behelf  zur  Orientierung  auf 
einem  Gebiete  dienen,  welches  dem  Historiker  und  Philologen  nahe  genug  liegt, 
um  von  ihm  nicht  ignoriert  werden  zu  dürfen,  und  doch  auch  wieder  ferne 
genug,   um  ihm  gründliches   und   selbständiges  Einarbeiten    unmöglich  zu  machen. 

K.  MAURER. 


Reinke  de  Vos.  Herausgegeben  von  Karl  Sehroder.  Leipzig.  •  F.  A.  Brock- 
haus. 1872.  Mit  Einleitung,  Anmerkungen  und  Wortregister,  kl.  8.  XXVIII 
und   332   Seiten. 

Die  vorliegende  Ausgabe  des  H.  V.  bildet  den  zweiten  Band  der  zweiten 
Folge  in  der  Sammlung  deutscher  Dichtungen  des  Mittelalters,  herausgeg.  zuerst 
von  Franz  Pfeiffer,  jetzt  von  Karl  Bartsch.  Bekanntlich  verfolgt  diese  Samm- 
lung ausgesprochenermaßen  den  Zweck,  die  hervorragenden  Dichtungen  des 
Mittelalters  auch  dem  großen  Publikum  zugänglich  zu  machen.  Je  wünschens- 
werther  nun  aber  die  Erreichung  dieses  Zweckes  erscheinen  muß,  um  so  ent- 
schiedener ist  es  geboten,  gegen  eine  so  unpraktische,  unwissenschaftliche  und 
flüchtige  Ausgabe  wie  die  vorliegende  bei  Zeiten  aufzutreten  und  diese  Art 
des  Arbeitens  in   gehöriger   Weise  zu   beleuchten. 

In  der  Einleitung  gibt  der  Herausgeber  nach  einigen  Mittheilungen  über 
die  Geschichte  des  Thien-pos  u.  s.  w.  einen  Überblick  über  die  Reimverhältnisse 
im  R.  V-   und  ■    damit  auf  das  Gebiet  der  tonlangen  Vocale  und  des  l'm- 

lauts.  Hiermit  eh   zwei  Hauptmängel   berührt,   an   denen   die  vorliegende 

A    jgabe   leidet.     Hr    Sehr    hat   nämlich   im    R    V.   (wie   ähnlich   in   Beinen   schon 
früher   erschienenen  Ausgaben   mnd.  Denkmäler    versucht,   Nergers   principiell  ja 
ganz   richtige  Theorie  von   dem  Unterschied«   tonlanger   und   grammatisch   langer 
ile   in   der   Praxis  durchzuführen  Iramm.   d.   mecklenburg.  Dia- 

lectes.  Leipzig  1869  und  1'.  G   rmania  XI  S.  152  (F.),   indem  er  die  ersteren 

nicht    bezeichnet,    die    letzteren  i    überall    mit   dem   Circumflex  versieht. 

I;    l  .n   wird   die  vorliegende  für  die  mnd.  Längenbezeichnung 

lehrreich,  denn  Hr.  Sehr,  verwickelt  sich  bei  seinem  Verfahren  in  die 
größten  Widersprüche  und  beweist  damit  zugleich,  wenn  auch  sehr  gegen  Beinen 
Willen,  daß  N  heorie  in  der  Praxis  nicht   durchführba        t.    3o  lange  es 

sieh   nämlich  nur  am  grammatisch   lange  and  tonlange  Vocale  in  offenen  Silben 

delt,  so  lange  i-t  die  Unterscheidung  derselben  durch  Setzen  und  Nichtsel 
des  Circumflexes  viellei<  annehmbar;  sobald  aber  der  Fall  eintritt,  «laß 

ein  tonlai  il    durch  Abfall   oder  Ausfall  des  Vocals  d<  len  Silbe 

aus    einer  offenen   Silbe  in   i  beben  kommt   und  seine    I 


LQ6  LITTERATUR:  K.  SCHRÖDER,   REINKE  DE  VOS. 

länge  beibehält,  dann  ist  die  Verlegenheit  wegen  der  richtigen  Bezeichnung  groß, 
denn  dann  handelt  es  sich  um  den  Unterschied  zwischen  grammatisch  langen, 
tonlangen  und  kurzen  Vocalen.  Nerger  verwendet  in  diesem  Falle  für  die  ton- 
langen  Vocale  den  Strich  statt  des  Circumflexes ;  Hr.  Sehr,  aber,  der  wohl  mit 
Recht  den  Strich  in  der  Ausgabe  eines  Denkmals  nicht  verwenden  zu  dürfen 
geglaubt  hat,  schwankt,  in  der  größten  Verlegenheit  zwischen  dem  Circumflex 
und  der  Nichtbezeichnung  hin  und  her  und  stempelt  dadurch,  nach  seinem 
Princip,  seine  tonlangen  Vocale  entweder  zu  grammatisch  langen,  oder  er  ver- 
leitet den  Leser,  z.  B.  das  e  in  mer  (Meer)  für  eben  so  kurz  zu  halten  als 
das  in  vel  (Fell).  Er  schreibt  also  bewärde  betälde,  vormände,  begerde,  begert, 
vorworn,  tovörn  —  warum  nicht  auch  gränken,  spelde?  Er  schreibt  ferner  schär 
Schaar),  kär  (Karre),  war  (Waare),  hän  (Hahn),  aber  her  (her),  her  (Heer), 
er  (ihr),  mer  (Meer),  ber  |  Bär),  smer  (Fett),  dor  (Thür),  vel  in  velvrätz  (Viel- 
fraß),  spei  (Spiel),  die  ja  alle  ebenfalls  aus  zweisilbigen  Wörtern  verkürzt  sind. 
I  >«e  im  Druck  von  1498  so  häufige  Schreibung  beer,  meerape,  veelvratz,  beer, 
speel,  veel  u.  s.  w.  hätte  Hrn.  Sehr,  den  Circumflex  auch  für  diese  Worte  plau- 
sibel macheu  müssen,  aber  er  hat  sich  gefürchtet,  damit  seinem  Princip  in's 
Gesicht  zu  schlagen.  Nun  sagt  Nerger  §.26,  daß  ä  und  ä  allerdings  identisch 
seien,  stellt  aber  die  Gleichheit  von  e  und  e,  6  und  ö  in  Abrede.  Wenn  sich 
min  auch  gegen  diese  Behauptung,  namentlich  gegen  die  Art  ihrer  Begründung 
noch  Einiges  sagen  ließe,  so  hält  sie  doch  Hr.  Sehr,  für  richtig,  und  da  er 
für  die  tonlangen  Vocale  in  geschlossenen  Silben  nur  die  Wahl  zwischen  Cir- 
cumflex und  Nichtbezeichnung  hat,  so  versieht  er  die  a  mit  dem  Circumflex, 
obwohl  auch  nicht  einmal  durchgängig,  und  lässt  die  e  und  o  unbezeichnet. 
Allen  diesen  Widersprüchen  wäre  Hr.  Sehr,  entgangen,  wenn  er  sich  nicht  auf 
die  Unterscheidung  der  tonlangen  und  der  grammatisch  langen  Vocale  gesteift 
und   das  Mnd.   in  die  Schablone  des   Mhd.   zu   pressen  versucht  hätte. 

Daß  die  grammatisch  langen  Vocale  in  offener  Silbe  ihre  ursprüngliche 
Länge  behalten  haben,  wird  heute  trotz  Grimm  Gr.  I3  251  Niemand  mehr 
leugnen;  dieselbe  Länge,  wenn  auch  vielleicht  eine  etwas  andere  Aussprache, 
muß  man  aber  auch  den  tonlangen  a,  e  und  o  zugestehen,  und  will  man  den 
ersteren  den  Circumflex  geben,  so  gebührt  derselbe  auch  den  letzteren.  Das 
hieße  freilich  die  Texte  ir.it  Circumflexen  überladen  und  sie  ungenießbar  macheu. 
Warum  also  nicht  zu  der  so  einfachen  und  ungemein  praktischen  Schreibweise 
zurückkehren,  welche  Grimm  selbst  vorgeschlagen  hat,  nämlich  die  (grammatisch 
und  ton-)  langen  Vocale  nur  in  geschlossenen  Silben  mit  dem  Circumflex  zu 
versehen,  in  offenen  dagegen  unbezeichnet  zu  lassen!  Selbst  der  Anfänger,  der 
nur  Einmal  in  Grammatiken  oder  Vorreden  auf  diese  Bezeichnungsart  auf- 
merksam gemacht  ist,  wird  sich  leicht  in  dieselbe  schicken,  während  er  sich 
in  dem  Schröderschen  Bezeichnungslabyrinth  nur  mit  Mühe  zurechtfinden  wird. 
Eine  zweite  Schwierigkeit  tritt  bei  Nergers  Unterscheidung  der  grammatisch 
langen  und  der  tonlangen  Vocale  dann  ein,  wenn  es  sich  um  die  Bezeichnung 
solcher  Vocale  handelt,  die,  obwohl  ursprünglich  kurz,  durch  den  Einfluß  der 
•nden  Consonanten,  insbesondere  des  r,  rd,  rt,  in,  auch  1  und  m  lang  ge- 
worden sind,  vgl.  Nerger  Gr.  §.  12,  13  Anm.  2.  20  Anm.  2,  22  u.  s.  w.  Ich 
selbst  halte  die  Länge  solcher  Vocale,  wenigstens  im  15.  Jahrb.,  theilweise 
noch  für  sehr  unsicher,  da  man  selbst  Denkmäler  größeren  Umfangs  (Rein.  V. 
1498.   Todtentanz    1489   und    1496   u.    s.  w.^   durchsuchen  kann,    ohne  nur  ein 


LITTERATUR:  K.  SCHRÖDER,   REINKE  DE  VOS,  107 

einziges  Mal  vor  r.l.  rt,  m  statl   eines  graminat.  kurzen  a,  e,  o  ein  ae,  ee 
zu   finden;    vor    einfachem   r  erklärt  sich   dergleichen   durch   Tonlänge   (s.   oben) 
nach  abgefallenem  Endvocal.   andererseits  aber  finden  sich  auch   einzelne  baat 

:  ,  was  (war»,  laand  Land  u.  s.  w..  die  mit  demselben  Recht  dafür  citierl 
werden  könnten,  um  auch  bat,  was,  laut  u.  -s.w.  zu  schreiben,  was  meines 
Wissens  bis  jetzt  noch  Niemand  gethan  hat.  K<  werden  also  solche  vereinzelte 
Längenbezeichnungen  vielleicht  der  breiteren  Aussprache  eines  einzelnen  Schrei- 
bers zuzuschreiben  sein.  Nehmen  wir  nun  aber  an.  daß  in  solchen  Fällen  der 
Vocal  wirklich  lang  geworden  sei,  so  müssten  wir  nach  Nergers  Unterscheidungs- 
prineip  für  diese  durch  Consonanteneinfluß  entstandenen  Längen  eigentlich  noch 
ein  drittes  Zeichen  erfinden,  da  ja  dieselben  weder  grammatisch  lang  noch 
tonlang    sind    und    also    weder   den    Circumflex    noch    den    Strich    erhalten    dürfen. 

»er  setzt  theilweise  den  Ersteren,  theilweise  den  Letzteren.  Hr.  Sehr,  aber 
nur  den  Circumflex,  jedoch  wiederum  mit  der  größten  [nconsequenz.  Er  sehreibt 
zwar  bärt,  kreitwärder,  erde,  gerne,  bernen  (!!  brennen),  wört,  hörn  (Hörn), 
aber  swart  (wenigstens  3740  und  5909,  dagegen  im  Wortreg.  und  V.  740  mit 
Circumflex),  werden,  worden,  kort,  borde  (Bürde),  born  (Born)  u.  s.  w.,  ja  sogar 
start  neben  stert;  tl^n  Verbindungen  des  r  mit  anderen  Consommten  seheint 
er  die  Verlängerungskraft  nicht  zuzuschreiben,  nur  honnichmärket  und  kerleman 
werden  mit  dem  Circumflex  bedacht,  jedoch  verliert  das  letztere  Wort  denselben 
wieder  im  Wortregister!  Eine  andere  in  der  Praxis  wunderlich  genug  er- 
scheinende Consequenz  der  Bezeichnung  aller  grammatischen  Längen  ist  die, 
daß  Hr.  Sehr,  allen  einsilbigen,  vocaliseh  auslautenden  Wintern,  sogar  dem 
Artikel  de  (wahrscheinlich  «'('gen  des  alten  thie  u.  s.w.)  durchgängig  den  Cir- 
cumrlex  gegeben  hat.  Ich  habe  schon  einmal  gelegentlich  auf  den  schönen  Vers 
682  dat  was  de  de  de  besten  grutte  konde  beroiden  u.  s.  w.  aufmerksam  ge- 
macht: man  kann  da  nur  fragen:  Warum  nicht  beim  Alten  bleiben  und  alle 
auslautenden  Vocale  ebenfalls  unbezeichnet  lassen?  Länge  und  Kürze  ergeben 
sich  von  selbst  durch  Hochton  und  Tiefton.  Vgl.  Grimm  Gr.  I'1  2(50  und  Nerger 
Gr.  §.  45.  Aber  auch  sonst  hat  \\r.  Sehr,  in  Bezug  auf  Langen  und  Kürzen 
zuweilen  ganz  eigene  Gedanken.  Wie  <!<"•  durch  thie,  so  ließe  sieh  allenfalls 
auch  eschen  durch  alts.  eskon  erklären  vgl.  Nerger  §.  66,  Anm.  ,  wenn  auch 
die  durchgehende  Schreibung  esschen  sehr  gegen  die  Länge  des  e  spricht,  doch 
beweisen  lässt  sieh  die  Kürze  nicht.  Was  soll  aber  der  Circumflex  in  kräschen  und 
Dräschen,  welche  doch  nur  Nebenformen  von  krassen  kratzen  und  brassen  sind! 
Ebenso  unerklärlich  ist  sIepen  schleppen  und  segel  sTgillum),  neben  welchem  zum 
Überfluß  noch  ein  paar  Mal  seggel  vorkommt!  Lud  andererseits,  warum  hat  Hr. 
Sehr,  den  Circumflex  nicht  gesetzt  in  blekent  (Blöken,  onomatopoietikon !),  eventür 
(äventiure),   licht  (leicht,   lil  I  'I     atui 

lautenden    !.;    im   Original?    Daneben    aber   doch 
richtig  Wackei  Hen  die  räthselhaften  Worte 

zu   Y.  stof,   mhd.   stoup,   mit    kurzem  Vi  en  di         i  lautenden   f?! 

Vgl.  )     Hinzuzufügi  >.   daß  di      I  des   zweiten   i 

in   [8egrim  Behr  wahrscheinlich   ist     vgl.  Lübben,   die  Thiernamen  im   Rein. 
Oldenb.  1863),   und  daß  die  l  n   henk,  genk,   venk   durch  die  Neben- 

formen hink,  gink,  vink  -ehr  in  I  teilt  wird,   vgl.  auch  vallen,   vel,  vellen, 

ville.  Jedenfalls  hätte  \lv.  Sehr,  neben  benl  nk  auch  orlicb,  licht    Licht  . 

ordel,  vordcl  (und  zwar  nicht   nu  chreiben    müssen.    Unser   ..II 


108  LITTERATUR:  K.  SCHRÖDER,  KEINKE  DE  VOS. 

erscheiut  im  R.  V.  in  drei  Formen:  here,  her  und  her,  von  denen  die  zweite 
meist  nur  des  Reimes  wegen  einsilbig  geworden  ist  und  daher  stets  mit  ee  ge- 
schrieben wird;  die  dritte  dagegen  hat  einen  kurzen  Vocal  und  findet  sich  nur 
vor  Namen  und  Titeln ,  oft  mit  diesen  zu  Einem  Worte  verbunden  und  zwar 
stets   mit  einfachem  e  geschrieben.    Hr.   Sehr,   schreibt  in  beiden   Fällen  her. 

Der  zweite  noch   mehr  störende  Mißgriff  des  Herausgebers   besteht  in  der 
Wiedereinführung    des  von  Lübben    bereits    beseitigten   Umlauts.    Hr.   Sehr,   hat 
sich   nämlich   vor  die   (wie  schon  Strobl   in   seiner  Recension  von  Lübbens  Rein. 
Vos.   Germania    18(57    richtig    ausgesprochen    hat)    völlig;    unnöthige  Alternative 
gestellt  (S.  XIX),   entweder  leugne  man  überhaupt  das  Vorkommen  des  Umlauts 
im   Niederdeutschen  vor    dem  Beginn    des    16.   Jahrhunderts,    und    das  sei  sehr 
gewagt,   oder  man  erkenne  sie  alle  an  als  factisch,   wenn  auch  mit  zweifelhafter 
Berechtigung  bestehende.    Er  entscheidet  sich   nun  für  das  Letztere,    und  setzt 
überall,   wo  im  Original   (nämlich  nach  Hackmann,   s.  unten)   über  o  und  u  (ein- 
mal   über  a  in  ande   6405)    ein    rechts    offenes   Häkchen    (kein   e)   steht,     den 
Umlaut  ä,   ce,   ö,   ü ,    welches  letztere  Zeichen  er  sonderbarer  Weise  für  Länge 
und   Kürze  verwendet,  während  er  ce  und  ö  von  einander  scheidet!   Die  vielen 
unsinnigen   Formen,  welche    durch    diese  Umlaute    entstehen,    erklärt  Hr.   Sehr, 
damit,  daß  man  ähnliche  unorganische  Umlaute  in  jeder  Mundart  kennen   lerne, 
Umlaute,    die    entweder  in  der  Mundart    keinen   Boden  finden  und  bald  wieder 
ausgeworfen   werden,    wie  in  unserm  Gedichte  z.  B.   hülde,    schulde,    müre  er- 
scheinen,    aber  in  der    heutigen   Sprache    nicht    in   umgelauteter  Form    im   Ge- 
brauche   sind;    oder  aber,    und    das    sei    das   Häufigere    und  wohl  zu  beachten, 
Umlaute,   die  trotzdem,  daß  sie  unorganisch  sind,    dennoch  von  der  Mundart 
festgehalten   werden   und   im  Gegensatze   gegen   die  Schriftsprache   mit   Zähigkeit 
fortleben :   noch  heute  sage  man  im  Niederdeutschen  heevet  nhd.   Haupt,  leeven 
(glaeven)   nhd.   glauben,    sceken    nhd.    suchen,     döget    nhd.   Tugend,    jöget  nhd. 
Jugend,    meet    nhd.    muß,    speeken    nhd.    spuken   —   was   nennt   denn   Hr.    Sehr, 
unorganischen  Umlaut?    Ich  wenigstens   verstehe  darunter  den   Umlaut,   der 
ohne  den  Einfluß   eines   darauf  folgenden  ursprünglichen  i   entstanden   ist,   und 
begreife    nicht,    wie  Hr.   Sehr,    als  Beispiele    für    den    unorgan.   Umlaut    heevet 
(haubith),   loeven   (galaubjan),  sceken   (sökjan),   speeken  (spökjan?)  citieren   kann, 
wenn    er,    wie  es    der  Fall,     im  Mnd.    überhaupt    einen  Unterschied    zwischen 
organischem  und   unorganischem  Umlaut  macht.   Jedenfalls  glaubt  er  damit  den 
Umlaut  überall,   wo   das   Häkchen   steht,   bewiesen   zu   haben;    nur   das   deen   für 
dön  (thun)  hat  für  ihn   etwas  Befremdendes,   aber  auch   sogar  in   diesem  Worte 
hält    er   den   Umlaut    fest,    weil    in   Weinholds    alemann.    Gramm,    der   Gebrauch 
von  tuen,   düen  in   oberdeutschen   Gegenden   constatirt  wird. 

Man  sollte  es  kaum  für  glaublich  halten ,  daß  dergleichen  Experimente 
mit  einer  Ausgabe  gemacht  werden,  welche  dazu  bestimmt  ist,  das  größere 
Publikum  mit  dem  Reinke  Vos  bekannt  zu  machen!  Selbst  wenn  Hr.  Sehr,  der 
Ansicht  war,  daß  die  Häkchen  über  den  Vocalen  den  Umlaut  bezeichnen,  so 
mussten  ihm  die  daneben  vorkommenden  Formen  derselben  Worte  ohne  Häk- 
chen doch  sagen,  daß  die  nicht  umgelauteten  (bis  zum  Jahre  1494  in  Lübecker 
Drucken  allein  üblichen)  Formen  jedenfalls  tadellos  sind,  und  daß  er  dem  Texte 
durch  völliges  Ignoriren  des  Umlauts  wenig  oder  nichts  geschadet  hätte,  daß 
er   aber    durch    seine   oe,    ö   und   ü   (die    noch   gar   nicht  so   sicher    sind,    wie   er 


UTTERATUR:  K.  SCHRÖDER,  REINKE  DE  VOS.  109 

glaubt)    die   Ausgabe   wenigstens    für    das    größere   Publikum    fast    ungenießbar 
gemacht  hat. 

Dem  Texte  liegt  nach  Hrn.  Schr's.  Angabt'  der  Druck  von  1  4 U 8  zu  Grunde. 

Es  ist  jedoch  dabei,  wie  sich  leicht  nachweisen  lässt,   fast  nur  Hackmanns  Ausgabe 

benutzt,  der  Druck  von  1498  aber,  sowie  Hoffmanns  und  Lübbens  Ausgaben,  wenn 

überhaupt,   nur  sehr  oberflächlich  verglichen  worden.   Solch  Verfahren  rächt  sich 

selbst.    Hr.  Sehr,   gibt  zwar   alle  möglichen  Curiositäten  des  alten  Druckes  wieder, 

z.   1>.   geslachtz    (Abkürzung   für    geslachtet     200,    gisterren    284,    twalf  2326, 

Beichgede    6311     (dazu    eine    lange  Anm.    im   Wortregister,    daneben    aber   be- 

seichede    47),    aber    gleich    in    V.    12    schreibt    er   mit    gröten    schal    und    erklärt 

dazu  ausführlich,    di  •   regelrechte  Form  sei   eigentlich   gröteme,   grotem  u.   s.w. 

Hackmann   gibt  nämlich   groten,   aber  im  Druck  von  14i*S  (ich  habe  das  Wolfen- 

bütteler    Exemplar    selbst   verglichen)    steht    groß    und    deutlich   da    mit    grotem 

schal.     Denselben    Hinweis    auf    die    vollere    Form    hastigem    und     dem    gibt    Hr. 

Sehr,    zu    hastigen     2522    und    den    .' >  7  2  2 ,    wo    der    Druck    von     1498   wiederum 

hastygem    und    dem,    Hackmann    aber    hastygen    und    den    hat.    Ebenso   liest   er   in 

dir    Uberschr.    zu    1 ,    6    einen,     4  ">  7    den,     (jberschr.    zu   1,    8    in    den    böme,    zu 

I,    18   vor   einen   kloster,    5161    up   den,    obwohl   der  alte    Druck  .eyne,   de,    iu 

de   bome,   vor   eyne   kloster,   up   d"?   bietet   und    also   die    Wahl   zwischen   den   n- 

und    den    richtigeren   m-Formeu    freistellt.     Hack  mann   hat   überall  die   ersteren, 

also   auch   Hr.    Schröder.    Nur    einmal    1007,    wo   der  Druck   in   de   huß,    Ha. 

in  den    huß   hat,    schreibt  er   in  deine    hüs.    Fs    redueiereii    sieh    also   die  15  Fälle, 

in    denen    bei   Hrn.    Sehr,    die   n-.Form    für    die   m-Form    steht,   auf    7:    23,    1259, 

1685,   2131,    2157,   G17(>,    1390,    wo  allerdings   deutlich   in   <!•  u  bot',    eynen, 

in  den  hof,   den  grevink   sinen,   unsen  vrunt,   vor   den   dot,   den  Otter  vn  de  kater 

steht     Nachweisbar    auf    dieselbe    Weise   kommt    Hr.   Sehr,   zu   den   Formen   efte 

fct.   eft  649,   öges  st.   ogen    1245    (vgl.    G515),   mine  st.    min    1591,   vreden   st. 

vrede   1720,    bildichlich    st.   bildichlik    L921,    alle  st.  al   3562,    s§re  :  h§re  st. 

ser  :  her  5311  :  12,  het  st.   bete  G413,  bej  I     begunden   6519,   kocke  st. 

koke   6622.   Auch   seine   Umlaute  gerathen   dadurch   in   Unordnung,   z.  ß.    6293 

und   6340,    wo   der  Diuek   don  mit   einem    Häkchen,    Hackmann   aber  don   ohne 

dasselbe   und   also   Hr.   Sehr,   don   ohne   Umlaut   hat.   Aber  auch   von    Hackmann 

finden  sieh   Abweichungen  und   zwar  gerade  an   Stellen,    wo  derselbe  den  Toxi 

ganz  richtig  wieder  gibt.   So  schreibt  Hr.  Sehr.  Kustevil  Bt.  Rustevile  660.    bb'5, 

benevart   (sogar  im  Wortregister)   *t.   bennevärt   2060$    dürb&rsten    st.    dürbäre- 

sten  4516,    underslage   ^t.   undersloge   4521.    lieble-  st.    hebbel    4666,    lest  st. 

leste  4784,  wat  st.  wcs5210,  don   st.   deen   dit  6401,   vinster  st.  venster  6439, 

proken,    st.   sproken   6450,    se   her  st.   se   hir   her   6484,    Bineme    st.    sinem 

6723.  —  Die  Glosse  hat  Hr.  Sehr,  sieh  und  dem   Leser  mit  Recht  geschenkt. 

in  den  Anmerkungen    sind  vor  Allem    die    schwierigeren   Verbalformen    erklärt 

worden,  wobei    des  Guten  vielleicht    hin    und  wieder  etwas  zu   viel  gethan  i-t; 

um  so  wünsch  nswerther  wäre  i  ■    en,    wenn   Hr.   Sehr.   Formen   wie 

terer    5006    nicht    ganz    mit    Still.-  hweigeu    übergangen    hatte.     Dil       m  Ligen 

Bachlichen    und    grammatischen  Erklärungen    Bind   jedoch  "it   recht   bedenklich; 

holt  und'-  et  215   erklärt  er  holt  unde  et,  hole  es  und  ib.   ohne  zu  bedenken, 

dafi  Isegrim    dem  Reinke    das  Krummholz  Belber  hinreicht     V.  217),  »lab  nicht 

nicht  nur  im  ganzen  R.  V.   Bondern  auch  Bonst  im  Mnd.  das  Wort   holen  „b 

i  In  ieben  n  och  wenigstens    halt   un 


HO  LITTERATUR:  K.  SCHRÖDER,  REINKE  DE  VOS. 

lauten  müsste;  holt  ist  natürlich  im}),  von  holden.  Seinem  hol't  zu  Liebe  nimmt 
er  sogar  im  Wortregister  neben  halen  eine  Nbf.  holen  auf!  —  331  will  er 
kloke  hon  zu  Einem  Wort  zusammenfassen,  ohne  zu  bedenken,  daß  dabei  aus 
dem  beabsichtigten  „Kluckhuhn"  beinahe  ein  „Glockenhuhn"  wird.  Schon  im 
Chyträus  (1525)  steht  S.  365  „Kluekhenne"  und  das  Wort  wird  als  Onoma- 
topoietikoii  wohl  immer  so  gelautet  haben.  Außerdem  passt  ja  „das  kluge  Huhn" 
ganz  vortrefflich  in  unsere  Stelle.  —  Zu  601.  602  behaupte  ich  im  Gegensatz 
zu  Hrn.  Sehr.,  daß  der  Gedanke  bedeutend  verlieren  müsste,  wenn  statt 
och  im  Texte  lep  stände;  daß  der  Bär  blindlings  Reinken  nachfolgt,  setzt 
durchaus  nicht  unbedingt  voraus,  daß  R.  snel  unde  swinde  vorausläuft,  vielmehr 
hätte  eine  solche  Eile  den  Hären  mißtrauisch  machen  müssen,  und  daß  R. 
lügt,  ist  für  den  Gedanken  durchaus  nicht  gleichgültig;  gerade  darin,  daß  R. 
durch  seine  Lügen  den  Bären  übertölpelt,  liegt  hier  die  Hauptpointe.  Außer- 
dem stellt  sich  ja  R.  als  ob  er  kaum  gehen  könnte  (V.  589),  wie  soll  er  da 
snel  unde  swinde  laufen!  —  1740  were  he  gut  erklärt  Hr.  Sehr,  unbegreiflicher 
Weise  (wie  Lübben):  wäre  er  unschuldig,  statt:  wäre  er  edel,  nobilis,  in  wel- 
cher Bedeutung  gut  ja  oft  genug  vorkommt,  vgl.  den  stehenden  Ausdruck  gude 
mans,  Edelleute,  auch  R.  V.  4422.  834  u.  s.  w.  —  In  der  Überschrift  zu  I,  21 
hält  Hr.  Sehr,  die  Form  Reinkens  (gen.  sg.)  für  älter  als  Reinken  —  etwa 
weil  das  gothische  Paradigma  hanins  aufweist?  —  Bei  2821  findet  er  in  der 
Änderung  sundeliker  statt  sunderliker  viel  Verlockendes;  seit  wann  ist  denn 
Brot  eine  söudliche  Speise?  Auch  im  Reinaert  3073  steht  Sonderlinge  spise 
und  für  sundelik  ist  die  gewöhnliche  Form  sundich ,  sundichlik.  —  Zu  4748 
men  van  klokeme  räde  hebben  se  nen  not  erklärt  Hr.  Sehr.,  nen  not  könne 
auch  als  „keine  Nuß,  gar  nichts"  verstanden  werden;  abgesehen  davon,  daß 
bei  allen  solchen  Wendungen  (nicht  ein  kaf,  nicht  eine  eierschelle  u.  s.  w.) 
stets  nicht  ein,  nie  nen  verwendet  wird,  so  hätte  Hr.  Sehr,  nur  noch  einmal 
in  seinen  Hackmann  sehen  sollen;  derselbe  schreibt  ausdrücklich  noet,  wie  der 
alte  Druck.  —  In  bringet  men  her  dit  vort  ersten  unde  denne  noch  mer  5368 
fasst  er  vort  als  vor  dat,  für's  Erste,  vorläufig,  statt:  dies  sofort  zuerst  u.  s.w. 
Oder  kann  Hr.  Sehr,  für  seine  Auffassung  Parallelstellen  citieren?  Für's  Erste 
heißt  mnd.  int  erste.  —  5949  ist  set  dö  ik  hörde  ganz  unnöthig  in  set  dat 
ik  hörde  geändert,  vgl.  auch  Reinaert  6585  als  ic  dese  tale  hoorde,  wo  frei- 
lich die  Satzverbindung  etwas  anders  ist.  Ebenso  unnöthig  ist  die  Umstellung 
von  scholde  und  he  in  6003  und  noch  unnöthiger  die  nicht  einmal  motivirte 
von  Heft  und  he  in  2600,  wo  auch  bei  Hackmann  richtig  Heft  he  steht.  — 
Zu  6228  sagt  Hr.  Sehr.,  daß  Grimbart  die  von  der  Äffin  vorgesprochenen 
Worte,  nämlich  den  Zauberspruch,  ebenfalls  über  Reineke  gesprochen  habe; 
jedoch  geht  das  so  sprak  ök  de  greviuk  Grimbart  allein  auf  6227  zurück: 
set  Reinke  nü  sint  s;i  wol  vorwärt.  Oder  kennt  Hr.  Sehr.  Beispiele  davon,  daß 
zwei  Personen  denselben  Zauberspruch  bei  derselben  Gelegenheit  ab- 
beten ,  vielleicht  um  die  Wirkung  kräftiger  zu  machen?  Warum  sprach  dann 
nicht  lieber  gleich  die  ganze  Verwandtschaft  den  Spruch  über  Reinke?!  — 
In  6616  edder  de"  recht  de  wärheit  kende  ändert  Hr.  Sein-,  das  erste  de"  in  d<">; 
de,  sagt  er,  wäre  nur  zulässig,  wenn  davor  noch  was  stände.  Warum  nicht  ein 
solches  was  einfach  in  Gedanken  ergänzen?  —  4783  allen  dessen  is  he  tö 
behende  Unde  lieft  int  lest  einen  beschetten  ende.  Hr.  Sehr,  macht  heft  zur 
t-Form  der  3.  pl.   praes.  und  stellt  es  als  Verbum   zu   einein   ergänzten  Subject 


LITTERATUR:  K.  SCHRÖDER:  REINKE  HE  VOS.  \\\ 

alle  desse,  statt  einfach  als  Subj.  ein  it  zu  ergänzen;  Subjectswechsel  findet  so 
wie  so  statt  und  die  t-Form  der  3.  pl,  praes.  heißt  nicht  heft,  sondern  hcbbet.  - 
Aus  dem  Wortregister  liebe  ich  nur  hervor,  daß  sich  Hr.  Sehr,  zu  dein  falsch 
abgeleiteten  plur,  exe  5677  steht  exen  Äxte  einen  eigenen  sing,  ax  statt  exe 
gebildet  hat,  und  daß  er  als  nom.  sg.  statt  probende,  provene,  Pfründe,  die  Form 
proven  proeven  ansetzt,  wahrscheinlich  wegen  V.  '1774.  Einige  Belege  für  dies 
Wort  finden  sich  in  meinem  Lübecker  Todtentanz  (Heil.  1873)  Anm.  zu  25,  2. 
Schließlich  bleibt  noch  zu  rügen,  daß  Hr.  Sehr,  die  Erklärungen  seiner  Vor- 
gänger fast  überall  benutzt  hat,  ohne,  wie  es  üblich  ist,  dessen  Erwähnung  zu 
thun.  Ich  glaube  mein  Gesammturtheil  über  Hrn.  Schröders  Ausgabe  nicht 
wiederholen  zu  brauchen;  statt  dessen  noch  ein  paar  Bemerkungen  zu  einigen 
bisher  falsch   erklärten   Stellen   des    R.  V. 

4425  erklärt  Hoffmann:  oder  kann  ich  dessen  nicht  überhoben  sein 
(vgl.  d.  Wb.),  Schröder:  oder  kann  ich  mich  nicht  gütlich  wegen  der  Sache 
mit  ihnen  vertragen.  Meiner  Ansicht  nach  bedeutet  es  jedoch:  oder  kann  ich 
das  nicht  erlangen,  daß  man  mich  nämlich  mit  guden  tugen  zu  überführen 
sucht  (vgl.  4422),  so  fordere  man  mich  zum  Zweikampf  heraus.  Latet  mi  na 
rechte  beteren  dan  heißt  nicht:  laßt  mich  mein  Vergehen  wieder  gut  machen, 
sondern:  laßt  mich  mein  Vergehen  nach  dem  Gesetze  büßen.  Wenn  11.  mit 
guden  tugen  einmal  überführt  war,  so  helfen  ihm  alle  Versprechungen,  sein  Ver- 
gehen gut  machen  zu  wollen,  nicht  das  Geringste;  so  soll  er  auch  in  V.  1814  ff., 
nachdem  er  überführt  ist,  sofort  gehängt  werden.  R.  stellt  also  seinen  Feinden 
die  Alternative,  ihn  entweder  mit  Zeugen  zu  überführen,  oder  ihn,  wenn  sie 
das  nicht  können,  zum  Kampf  herauszufordern;  deßhalb  verlassen  ja  auch  Krähe 
und  Kaninchen  sofort  den  Hof,  weil  sie  weder  Zeugen  haben  noch  kämpfen 
können,  vgl.  auch  ihre  Worte  4439  —  4454.  —  5935  men  mach  jo  to  en  tiden 
tor  not  erklärt  Schröder  nach  d.  Br.  Wb.,  Hoffmann  und  Lübben):  Man  kann 
durchaus  zur  Noth  zu  ihnen  ziehen,  d.  h.  sie  können  für  den  Nothfall  Schutz, 
Hilfe  gewähren,  man  kann  sie  unter  Umständen  wohl  brauchen.  Die  Stelle 
beruht  auf  einem  Mißverständniss  der  Worte  des  Reinaert  6571:  want  het  is 
een  troostelik  toetiden,  denn  das  ist  ein  tröstlicher,  erfreulicher  Vortheil  Zu- 
nahme, Zuzug),  wozu  vgl.  3'Jlb  Want  het  is  een  seoon  toetiden  Te  bebben 
kinder  die  sijn  so  vrome.  —  6455  ik  begere  ok  nergeus  vor  ju  to  leiden. 
Die  bisher  vorgeschlagenen  Erklärungen  'beleidigen,  Geleitsrechte  üben,  ver- 
leiten) sind  sämmtlieh  unwahrscheinlich.  Die  holländische  Vorlage  würde  hier 
gewiß  Aufschluß  geben,  In  V.  6456  wal  kan  ik  grotter  sone  beden  würde 
nämlich  das  letzte  Wort  nach  einer  Zurückübersetzung  in  das  Holländi 
nicht  beden,  sondern    bie<  wozu  sieh   <{<\-  Keim  lijden   von  selbst  er- 

gibt:   Ieli    begehre    auch    nii  I  ien,    den   Vortritt  zu  haben. 

Bei  der   Übersetzung   ins  Nd.   geriethen  die   Reime  liden  :  beden  in  Verwirrung. 
Hr.   Sehr      etzt   h  ere    für    da  Druckes;"    leider  hat   hier 

wieder  nur  llaek.nann   I  Druck  aber  begberu.    —   Das  anrieht 

Weise  auch  von  Lübben   beibehaltene   nom.   propr  Als«  (in  der  /.weiten  Vorn 
für    die    im   R.  \.   gar    nicht    vorkommende   weibliche  wilde   Katze    isl    ebenfalls 
aui  Hackmann  zurückzuführen,   der  durch  die  unregelmäßige  und   durchaus  nicht 
ebende  In  in  des  alten  Druck'-  verleitet  wurde,   in  der  Conjunction 

abe   einen   Eigennamen     u  sehen     Dei    Druck   ron    1498   bietet   Dämlich   Bl,  \ 
unten  ff.   Den   greuynek   beth  be,    grymbart   De  wylde  katte.    alze.    den  i. 


112     LITTERATUR:  K.  SCHRÖDER,    BEMERKUNGEN  ZUM  VORSTEHENDEN. 

nomct  he.  Hyntzen  De  apen  lietli  he  märten  De  apyr.n?  heth  he.  vrow  ruke- 
nauwe  Deu  tzegebock  u.  s.  w.  Natürlich  ist,  wie  auch  der  Druck  von  1517 
bietet,  zu  lesen:   de  wilde  katte,   alse  den  kater,  nomet  he  Hinzen. 

BERLIN,  im  Mai  1873.  Dr.  H.  BAETHCKE. 

Einige  Bemerkungen  zum  Vorstehenden. 

Wenn  ich  der  vorstehenden  Recension  meinerseits  noch  einige  Worte 
hinzufüge,  so  geschieht  es  gewiß  nicht  um  die  Berechtigung  derselben  anzu- 
fechten oder  um  meine  Ausgabe  als  ein  opus  omnibus  numeris  absolutum  hin- 
zustellen. Das  liegt  mir  völlig  fern.  Ich  würde  geschwiegen  haben,  wenn  es 
sich  nur  um  einzelne  Ausstellungen,  wären  dieselben  noch  so  zahlreich,  handelte; 
ich  würde  mit  stillschweigendem  Danke  dasjenige  acceptiert  haben,  worin  ich 
eine  Berichtigung  erkenne,  und  hätte  im  Übrigen  der  Sache  ihren  Lauf  ge- 
lassen. Indessen  handelt  es  sich  hier  daneben  auch  um  principielle  Streitfragen, 
und  dieser  Umstand  mag  es  rechtfertigen,  wenn  ich  zu  Gunsten  der  von  mir 
vertretenen  Ansichten  noch  einmal  das  Wort  ergreife,  wenn  es  mir  auch  schwer- 
lich gelingen  wird,  diese  beiden  Fragen,  welche  allein  ins  Auge  fassen  zu  wollen 
ich   hiemit   ausdrücklich   erkläre,   zum   Austrag  zu   bringen. 

Das  System  der  Längenbezeichnung  und  der  Umlaut,  das  sind  die  beiden 
Dinge,  gegen  die  Hr.  B.  im  Wesentlichen  seine  Angriffe  richtet.  In  diesen 
Punkten  bin  ich  hauptsächlich  wieder  von  der  Praxis  der  Lübben'schen  Aus- 
gabe abgewichen,  und  darum  bin  ich  nicht  erstaunt,  Hrn.  Lübben  an  der  Seite 
meines  Recensenten  zu  sehen  (vgl.  Zeitschr.  f.  deutsche  Philologie  V,  «57  ff.). 
Jene  Praxis  ist  freilich  viel  bequemer;  sie  gestattet  es  einer  Menge  von  heiklen 
und  unentschiedenen  Fragen  aus  dem  Wege  zu  gehen,  aber  verdient  sie  darum 
auch  den   Vorzug? 

Hr.  B.  hebt  richtig  hervor,  daß  ich  die  langen  Voeale  mit  einem  Cir- 
cumflex  bezeichnet,  die  Tonlängen  dagegen  ohne  Bezeichnung  gelassen  habe. 
In  ersterer  Hinsicht  habe  ich  natürlich  diesen  Circumflex  allemal  gesetzt,  wo 
nach  meinem  Dafürhalten  vocalische  Länge  vorlag,  nicht  nur  da,  wo  diese 
Länge  sich  von  selbst  versteht,  wie  Hr.  B.  und  Hr.  Lübben  empfehlen;  den 
Werth  einer  solchen  Unterscheidung  vermag  ich  nicht  anzuerkennen.  Die  Ton- 
längen anlangend  bekenne  ich,  daß  ich  dieselben  nur  mit  Bedauern  ohne  ein 
besonderes  Merkmal  gelassen  habe:  die  von  Nerger  eingeführte  Bezeichnung 
durch  einen  Strich  (p,  ö)  glaubte  ich  nicht  verwenden  zu  sollen,  worin  mir 
auch  Hr.  B.  recht  gibt;  ein  anderes,  von  Hoffmann  aufgebrachtes  und  von  mir 
selbst  in  früheren  Publicatiouen  gebrauchtes  Zeichen  für  tonlanges  e  (e)  dient 
zwar  diesem  Zwecke  recht  gut,  aber  warum  einseitig  bei  e  die  Tonlänge  be- 
zeichnen, bei  a  und  o  aber  nicht?  Darum  wurde  auch  von  dem  e  abgesehen. 
Vielleicht  ist  ein  Anderer  erfindungsreicher  als  ich  und  beschenkt  uns  mit  einem 
annehmbaren   Zeichen  für  die  tonlangen  Voeale. 

Wie  ist  es  nun  aber  in  dem  Falle  zu  halten,  „daß  ein  tonlanger  Vocal 
(durch  Abfall  oder  Ausfall  des  Vocals  der  folgenden  Silbe)  aus  einer  offenen 
Silbe  in  eine  geschlossene  zu  stehen  kommt?"  Dann  geräth,  meint  Herr  B., 
der  Herausgeber  „in  die  größte  Verlegenheit".  Doch  wohl  nicht  in  dem  Grade, 
wie  sich  Hr.  B.  einbildet.  Nehmen  wir  einige  der  vielen  von  Hrn.  B.  zur  Er- 
härtung seines   Ausspruches  beigebrachten   Beispiele. 


LITTERATUß:    K.  SCHRÖDER,   BEMEßKUNGEN   ZUM  VOESTEHENDEN.     H3 

Ich  habe  betälde,  begerde,  vorworn  angesetzt  und  damit,  wie  Hr.  B.  sagt, 
die  tonlangen  Vocale  zu  grammatischen  Längen  gestempelt.  Und  das  war  auch 
in  der  That  meine  Absicht;  ich  halte  wirklich  in  den  genannten  Fallen  ä,  e 
und  6  für  richtig,  nur  beruht  die  Länge  des  ä  auf  einem  andern  Moment  als 
die  von   e  und  6. 

Hr.  B.  citiert  Nerger  §.  26,  wo  die  Identität  von  ä  und  ä  behauptet 
wird.  Gegen  diese  Behauptung  ließe  sich,  meinl  Hr.  1!.,  Einiges  sagen,  aber 
was   es  ist,   was    sieh    dagege  ließe,    das   hat  uns   Hr.   B.   leider  vorent- 

halten. Ich  meines  Theils  bin  mit  Nerger's  Ausführungen  völlig  einverstanden 
und  gebe  ihm  auch  recht,  wenn  er  sich  auf  die  heutige  Mundart  (das  dem 
Lübeckischen  so  eng  verwandte  Meklenburgische)  bezieht,  die  bei  der  Ent- 
scheidung derartiger  Fragen  doch  sicher  das  Recht  hat  gehurt  zu  werden.  Die 
heutige  Sprache  aber  kennt  bei  a  keinen  Unterschied  zwischen  grammatischer 
und  Tonlänge,  zwischen  a  und  ä,  ihr  ist  jedes  offene  a  lang,  läteu  (lassen) 
vollständig  gleichwertig  mit  mäken  (machen),  wäter  (Wasser)  u.  s.  w.,  während 
sie  doch  e  und  e,  ö  und  6  sehr  wohl  zu  trennen  weiß.  Demgemäß  musste  also 
betälde  angesetzt  werden,  um  zu  verhindern,  daß  etwa  Jemand  betalde.  wie 
nhd.  Halde  spreche.  Ahnlich  verhält  es  sich  mit  begerde  und  vorworn.  Hier 
sind  es  die  Consonanteuverbindungen  rd  und  rn,  welche  die  Länge  des  vorher- 
gehenden Vocals  bedingen,  wie  gleichfalls  Nerger  an  den  von  Hrn.  B.  selbst 
angezogenen  Stellen  ausgeführt  hat,  und  wie  ich  abermals  glaube  mit  vollem 
Rechte;  Hr.  B.  hat  auch  hier  sich  den  Gegenbeweis  erspart.  Weßhalb  man 
aber  zwischen  Tonlänge  und  Länge  schlechthin  noch  eine  Zwischenstufe  an- 
nehmen soll,  das  ist  mir  unerfindlich.  Hier  sollte  wieder,  wie  ich  meine,  die 
heutige  Sprache  gehört  werden.  Und  da  wird  jeder  Kenner  wissen,  daß  zwi- 
schen ürn  (Ohren)  und  vorlürn  (verloren),  zwischen  ürt  (Ort)  und  lürt  lauert), 
zwischen  gelirt  (gelehrt)  und  wirt  (werth),  zwischen  im  (ehren)  und  virn  (fern), 
glrn  (gern)  u.  s.  w.  ein  Quantitätsunterschied  nicht  stattfindet.  Und  wenn  das 
der   Fall   ist,    ist  man    dann    nicht    bei  begßrt    und   voiw.hu    anzusetzen? 

Warum   wäre   denn   das    „abscheulich",    wie  HÖfer   in  Germania  XVIII,     II    Anui. 
behauptet?  Freilich  muß  ich  annehmen,  daß  in  den  westlicheren  niederdeutsi 
Mundarten  das  Verhältniss  ein  verschiedenes   ist;   sonst  ist   mir  ganz  unverständ- 
lich,   wie  Hr.  Lübben  a.  a.  0.    p.  59    an    pert  (Pferd)  Anstoß    nehmen    kann. 

Wenn    nun    die  Lautverbindungen  rt,   rd,   rn  Län  irherg  henden 

VocaL    bewirken,    so    gibt  es   doch   Ausnahmen    von    dieser   Regel,     und    e 
Ausnahmen   sind  z.  B.  ßwart,   kort   und   born.    \\  !    unterworfen, 

so  müsste  es  heute  swört  heißen  wie  bort  (Bart),  vört  Fahrt)  u.  b.  w.,  kürt 
wie  wärt  (Wort),   vürt  (f  ••>'.,   bürn  wie  kürn  (Koru  .   därn    Dun    u.  b.  w., 

während  man  eben  mit  aller  Entschiedenheit  swart,  kort  und  born  Bagt.  Eine 
weiten-  Ausnahme  bilden  mi  Formen  dea  Verbum   werden, 

doch  kann  ich  mich  vielleicht  «laiin   täuschen.    \\  :ommende 

Form  Btart  anbetrifft,  so  verweise  ich  auf  N  13. 

Ich   muß  Hrn.   B.  zugeben,    daß  man  nicht   h  rt,  rd,   rn  ein  ae, 

ee,  oe  geschrieben   fiudet,    aber  i  ich   darin   nicht. 

mal  gibt  es  genug  'reil g  nur 

sein-    sparsamen   Gebrauch    machen,    wie  z.   B    das    Hartcbok,    trotz  seiner  vor- 
wiegend niederländischen   Vorlage,  also  l>-'i  notorischer  Länge  des  Vocale  doch 
einfach  gan,    stan,    Blan,    Bloch,  otmodich  u.  ■,  w.  schreiben,    und  ai 
QKBMAHIA.  Neue  Reih«  VII.  (XIX.)  Jahrg. 


114     LITTERATUR:    K.  SCHRÖDER,   BEMERKUNGEN  ZUM  VORSTEHENDEN. 

findet  sich  anderswo  oft  genug  aa,  ee  geschrieben  bei  einfacher  Tonlänge,  wie 
gheschreeuen,  de  gheene,  ja  sogar  bei  offenbar  kurzem  Vocal,  wie  baat,  laant 
u.  s.  w.  Hätten  mir  diese  Fälle,  um  mit  Hrn.  B.  zu  reden,  „den  Circumflex 
auch  für  diese  Worte  plausibel  machen  müssen",  wie  er  es  für  beer,  vee!,  speel 
u.   s.  w.  verlangt? 

Hr.  B.  hat  vielleicht  Recht  mir  vorzuwerfen,  daß  ich  nicht  gränken  ge- 
schrieben habe,  jedenfalls  aber  Unrecht  zu  glauben,  daß  ich  auch  hätte  spelde 
ansetzen  sollen.  Zwischen  begerde  und  spelde,  die  Hr.  B.  in  Parallele  stellt, 
besteht  gar  keine  Analogie:  in  begerde  wird  das  e  lang  durch  folgendes  rd, 
während  ld  einen  gleichen  Einfluß  auf  die  Quantität  des  vorhergehenden  Vocales 
nicht  übt.  Auch  was  die  Wörter  wie  schär,  kär,  her,  er,  siner,  dor  u.  s.  w. 
betrifft,  glaube  ich  im  Rechte  zu  sein.  Sie  alle  verdanken  auslautendem  r  eine 
Dehnung  des  Wurzelvocals.  die  Kürze  wird  zur  Tonlänge;  nun  fällt  aber  ton- 
langes  a  mit  ä  zusammen,  und  so  kann  schon  in  der  älteren  Periode  schar 
und  kar  anstandslos  mit  jär  und  här  reimen,  wie  sie  denn  auch  in  der  heu- 
tigen Sprache  durchaus  gleichwertig  sind  (schör,  kor,  jör,  hör),  während  her, 
er,  mer,  smer,  dor  u.  s.  w.  mit  ihrer  Tonlänge  in  der  Sprache  sehr  merklich 
von  wirklicher  Länge,  wie  mer,  1er  (heute  mir,  lir  oder  mier,  lier)  u.  s.  w.  unter- 
schieden sind. 

Hr.  B.  nimmt  Anstoß  daran,  daß  ich  de  (der,  die)  gesetzt  habe.  Dazu 
bewog  mich  der  Umstand,  daß  in  echt  niederd.  Schriftstücken  häufig  neben  de 
auch  die  steht;  z.  B.  Mekl.  Urkundenb.  VII  Nr.  4630:  sunte  Martins  dage 
die  nu  negest  kumt;  die  hirna  bescreuen  stan;  die  slote  vnde  lant;  die  uiar- 
greue ;  al  die  die  durch  den  margreuen  dün  vnde  laten  willen  u.  s.  w.  Auch 
die  breitere,  noch  heute  vielfach  gehörte  Form  dey  spricht  wohl  deutlich  genug 
für  de.  So  heißt  es  im  Urkundenbuch  der  Stadt  Lübeck  IV  Nr.  251:  Vort 
weit  weten  dat  dey  coningh  van  Engelant;  dat  gi  op  dey  tut  hir  ouer  komen 
moghten,  des  were  dey  kopman  begerende;  wert  sake  dat  gi  ghene  breiue  en 
hedden  ....  dat  ju  dey  worden,  wante  wii  meinen  dat  vus  dey  grotelich  in 
steden  solden  stan;  enen  wisen  taleman  dey  wol  fransos  kunne  spreken.  Unter 
diesen  Umständen  habe  ich  de,  auch  da,  wo  es  der  Vers  einmal  mit  sich  brachte, 
de  de  de  gesetzt,  woran  Hr.  B.  großen  Anstoß  nimmt;  gefällt  ihm  etwa  de  de  de 
besser  ? 

Wie  die  für  de,  so  spricht  gelegentliches  hie  für  he,  z.  B.  Mekl.  Urkundenb. 
VI  Nr.  3923,  und  sie  für  se,  z.  B.  Brem.  Gesch.  Qu.  9  7.  Was  eschen  betrifft, 
so  beweist  die  Schreibung  esschen  gar  nichts  gegen  die  Länge  des  Vocals, 
denn  beide  Schreibungen  wechseln  und  in  manchen  Gegenden,  z.  B.  im  15.  Jahr- 
hundert am  Niederrhein  wie  in  den  Niederlanden  und  in  diesen  noch  heute  ist 
ssch  die  überwiegende  Schreibung  für  seh,  ohne  jedwede  Rücksicht  auf  Länge 
oder  Kürze  des  vorhergehenden  Vocals.  Wegen  des  für  Hrn.  B.  ,,  unerklärlichen  u 
slepon  virweise  ich  ihn  auf  das  mlid.  Wb.  II'2,  40 lb,  26:  „slSpe  niederd.  für 
sleife".  Von  andern  Fällen  bekenne  ich  offen,  daß  sie  mir  zweifelhaft  waren 
und  zum  Theil  auch  noch  sind.  Möglich  daß  segel  falsch  ist,  obgleich  ich  der  An- 
sicht bin,  daß  das  nhd.  „Siegel"  seinen  Diphthong  niederd.  Einfluß  verdankt; 
möglich,  daß  ich  hätte  sweten  schreiben  sollen,  wenn  auch  meims  Wissens  beide 
Formen,  sweten  und  sweten,  gleich  sehr  im  Gebrauch  sind,  vgl.  z.  B.  Schambach, 
Gött.-Grubenh.  Idiotikon  p.  221.  Wenn  ich  bräschen  schrieb,  so  folgte  ich  Hoff- 
mann,  den  ich  nach  der  leichtfertigen  Behauptung  des  Hrn.  B.   wenn  überhaupt, 


LITTERATUR:    K.  SCHRÖDER,   BEMERKUNGEN  ZUM  VORSTEHENDEN.     115 

jedenfalls  sehr  oberflächlich  verglich,  und  ich  denke  mit  Hoffmanu,  daß  die  Neben- 
formen breschen  und  brieschen  wohl  für  ein  ä  sprechen  dürften;  kräscheu  musste 
dann  natürlich  analog  mit  a  angesetzt  werden;  vgl.  übrigens  Schanibach  a.  a.  0. 
p.  32  und  111.  Eben  demselben  Hoffmann  bin  ich  mit  voller  Überzeugung  gefolgt, 
wenn  ich  eventür  schrieb  trotz  mhd.  äventiure,  denn  man  spricht  im  Nd.  so:  es  liegt 
eben  ein  sehr  einfacher  Fall  von  Versuch  einer  Umdeutschung  vor.  Auch  auf 
einige  andere  Fragen  will  ich  Hrn.  B.  Kede  stehen.  Ordel  und  vordel,  noch 
genauer  ortel  und  vortel,  sind  heute  die  überwiegend  gebrauchten  Formen,  vgl. 
Hoft'mann  im  Wörterbuch  s.  v.  vordel,  Schambach  a.  a.  0.  p.  148,  277,  Dan- 
neil Wörterb.  d.  altmärk.-plattd.  Mundart  p.  241;  selbstverständlich  kann  diese 
Schwächung  der  zweiten  Silbe  erst  im  Laufe  der  Zeit  eingetreten  sein,  und  es 
wird  eine  Zeit  gegeben  haben,  wo  man  promiscue  ordel  und  ordel,  vordel  und 
vordel  sprach;  ein  analoger  Fall  liegt  beim  nhd.  Urtheil  und  Urtel,  Drittheil 
und  Drittel  vor.  Ich  halte  es  daher  für  durchaus  statthaft,  neben  ordel  und 
vordel  im  Bedürfnissfalle,  d.  h.  im  Reim  ordel  und  vordel  zu  verwenden.  Ferner: 
Ich  habe  los  geschrieben,  weil  es  mir  über  allem  Zweifel  steht,  daß  man  Niederd. 
los  sagt,  in  den  flectierten  Formen  meines  Wissens  nicht,  obwohl  das  Brem. 
Wb.  III,  87  neben  een  losen  bove  sogar  een  lossen  vent  anführt ;  die  Schrei- 
bung des  Lübecker  Drucks  losz  i:vosz)  und  loze  entspricht  durchaus  der  heu- 
tigen Übung.  Zweifelhaft  bleibt  mir  nur,  ob  die  Sprache  einen  Unterschied 
machte  zwischen  los  (lose,  böse)  und  los  (los,  ledig).  Sollte  freilich,  wovon  ich 
keinen  Grund  einsehe,  der  Name  des  kleinen  Hundes  der  Analogie  dieses  los 
gehorchen  müssen ,  so  würde  ich  mir  als  Fehler  anrechnen ,  was  Hr.  B.  für 
richtig  erklärt,  und  hinfort  Wackerlos  schreiben.  Übrigens  schreibt  auch  Lübben 
v.  32  los,  v.  71  Wackerlös.  Für  Hrn.  Lübben  bemerke  ich,  daß  in  der  That 
in  meiner  Heimat  —  und  wie  ich  aus  Danneil  a.  a.  0.  p.  45  ersehe ,  auch 
anderswo  —  die  Aussprache  des  Wortes  dwas  entschieden  kurz  ist,  trotz  niederl. 
dwaas;  wenn  Hr.  Lübbeu  v.  830  selbst  dwas  (:  was)  ansetzt,  so  ist  das  dann 
also  nur  ein  Druckfehler. 

Ein  ähnlicher  Fall  liegt  bei  stof  vor.  Hier  freilich  kann  ich  es  Hrn.  B. 
nicht  verdenken,  wenn  ihm  meine  Anmerkung  rätheelhaft  vorkommt,  denn  das 
Fragezeichen,  welches  ich  in  meinem  Manuscript  hatte,  ist  durch  ein  Druck- 
und  Correcturversehen  ausgefallen*).  Ich  wollte  damit  die  Frage  off< 
ob  es  unter  dein  Einfluß  des  auslautenden  f  geschehen  sein  könnte,  daß  stof 
(mhd.    stoup)    im   Niederd.    mit  Entschiedenheit    kurzen   Vocal    h  inch 

r  in  Germania  XVIII,   20);  ein  analoger  Fall  liegt  bei   oriof  vor,  und 
lautet   der   gen.  stoves,    der  dat.  orlöve.    Ech  habe  endlich  mit  gutem   Bedach! 
den  von   Hrn.   B.   mir    angesonnenen   Circumflex    nicht    gesetzt    bei    blekent   und 
bei  licht  (mhd.  lihtc).    Bleken  hat  im   Niederd.    I  .    nicht  langen   V 

vgl.  Schambach  a.  a.  0.   p.  27   und  Mnd,  \YI>.  I  I  tikon 

i->t,  wie  Hr.  B.  mit  Ausrufungszeichen    hervorhebt,    thut   doch   wohl   nichl 
Sache.  Will  im  zweiten  Falle  Hr.  B.  im  Ernste  licht  ansetzen,  so  kennt  er 


*    Ein  anderer,    nicht    mindei  ehler,    auf  den   ich    erst  durch 

Hrn.  Lübben  aufmerksam  werde,  steht  im  Wörterverzeichnis«  I 

des    sinnlosen    „zusammen-'    vielmehr    „zukommen* 

D    Sinn,   wenn   ich   auch   antik«  Dl 

klärt  hat  als  ich. 


116     LITTERATUR:   K.  SCHRÖDER,  BEMERKUNGEN  ZUM  VORSTEHENDEN. 

eine  der  Eletnentarregeln  der  Quantitätslehre  im  Niederd.  nicht,  welches  vor 
cht  keine  Vocallänge  duldet,  so  wenig  wie  vor  ft  und  pt.  Warum  tadelt  Hr.  B. 
denn  Lübben  nicht,  der  ebenfalls  ganz  richtig  bicht  (mhd.  bihte)  und  licht 
(mhd.  lihte)  ansetzt?  Und  wenn  Hr.  B.  hier  und  in  andern  Fällen  meine 
Schreibung  durch  Hinweise  auf  die  entsprechenden  mhd.  Formen  berichtigen 
will,  unterliegt  er  nicht  selbst  dann  dem  gegen  mich  erhobenen  Vorwurf,  „daß 
ich  versucht  hätte,  das  Mnd-.  in  die  Schablone  des  Mhd.  zu  pressen?"  Schließ- 
lich meinerseits  noch  die  Frage:  ist  Hr.  B.  wirklich  der  Ansicht,  daß  von  vallen 
das  praet.  vel  lautet?  Mit  dieser  Meinung  dürfte  er  ziemlich  vereinsamt  stehen; 
vgl.   Nerger  §.   90. 

Ich  wende  mich  nun  zur  zweiten  der  principiellen  Fragen,  zum  Umlaut. 
Hoffmann  hatte,  wie  man  weiß,  demselben  in  seiner  Ausgabe  eineu  ziemlich 
weiten  Spielraum  gelassen.  Diesen  Umlaut  hatte  Lübben  „glücklich  beseitigt", 
wie  Hr.  B.  sagt  —  ich  möchte  lieber  sagen  „escamotiert"  —  und  auch  Nerger 
will  einen  Umlaut  von  o  und  u  —  der  Umlaut  von  a  ist  auch  für  frühere 
Perioden  nicht  angefochten  —  im  Niederd.  vor  der  Mitte  des  16.  Jhs  ,  oder 
vor  der  Reformation,  wie  Hr.  Lübben  annimmt,  nicht  gelten  lassen.  Indessen 
habe  ich  wenigstens  die  Beruhigung,  bei  meiner  Auffassung  mich  mit  andern 
gleichfalls  bewährten  Kennern  des  Niederdeutschen  im  Einklang  zu  befinden. 
Es  mag  mir  gestattet  sein,  hier  auf  Homeyer's  Sachsenspiegel  (3.  Ausg.),  Einl. 
p.  99  zu  verweisen  und  mich  auf  einen  Brief  des  nun  leider  verstorbenen 
Schiller  zu  beziehen,  der  mir  am  12.  Juni  d.  J.  schrieb:  „Übrigens  habe  ich  mich 
gefreut  über  Deinen  Ausspruch,  den  Du  in  der  Einleitung  zu  Deinem  R.  V. 
S.  XVII  f.  gethan  hast",  und  in  einem  weiteren  Schreiben  vom  18.  Juni  mich 
nochmals  seiner  Zustimmung  versicherte.  Doch  lassen  wir  die  Autoritäten  und 
treten  der  Frage  selbst  etwas  näher. 

Ich  habe  ein  gewisses  Zeichen  im  Lübecker  Druck  der  R.  V.  für  die 
Bezeichnung  des  Umlauts  erklärt*)  und  dadurch  das  Mißfallen  des  Hrn.  B. 
erregt.  „Kein  e",  sagt  er,  „sondern  ein  nach  rechts  offenes  Häkchen!"  Nun, 
meinetwegen,  kein  e.  Aber  dieses  nach  rechts  offene  Häkchen  ist,  wie  Jeder- 
mann weiß,  ein  in  Hss.  des  späteren  MA.  häufig  vorkommendes  Zeichen  und 
in  oberdeutschen  Hss.  bisher  ohne  Widerrede  für  das  Zeichen  des  Umlauts 
genommen.  Es  ist  ferner  bis  in  unser  Jahrhundert  hinein  in  den  weitaus  mei- 
sten Fracturdrucken  das  reeipierte  Zeichen  für  den  Umlaut  gewesen ,  bis  es 
durch  ä,  ö,  ü  verdrängt  wurde.  Es  ist  ferner  dasselbe  Zeichen,  welches  neuere 
Fracturdrucke  mit  ihren  schärferen  Typen  durch  ä,  6  und  ü  wiedergeben,  und 
Niemandem  ist  es  eingefallen,  in  solchen  Ausgaben,  wie  z.  B.  Städtechroniken, 
Kurz'  Deutsche  Bibliothek  u.  a.  m. ,  zu  sagen,  damit  sei  nicht  der  Umlaut 
gemeint.  Urkundenbüchcr,  welche  sich  der  Antiqua  bedienen,  haben  ebenfalls 
die  Zeichen  ö,  ü  adoptiert.  Endlich  ist  das  nach  rechts  offene  Häkchen  selbst 
bei  Ausgabrn  niederdeutscher  Texte,  die  dießseits  der  Reformation  entstanden, 
wie  z.  B.  Neocorus,  ohne  Widerspruch  als  Umlautszeichen  angesehen.  Aber  im 
R.  V.  von  1498  hat  eben  dieses  Zeichen  gar  keine  Bedeutung,  überhaupt  ist 
es   vor    der  Reformation    ohne  Inhalt,    erst  seitdem  bezeichnet  es  den  Umlaut! 


*)  Hr.  B.  ist  in  seinem  Rechte,  wenn  er  mir  vorwirft,  einige  Umlaute  für  un- 
organisch erklärt  zu  haben,  die  in  Wahrheit  organische  sind.  Für  die  Umlautsfrage 
selbst  aber  ist  dieser  Fehler  irrelevant. 


LITTERATUR:   K.  SCHRÖDER,  BEMERKUNGEN  ZUM  VORSTEHENDEN.     H7 

Ich  weiß  wohl,  man  bat  gesagt  und  Hr.  Lübbcn  a.  a.  0.  wiederholt  es, 
die  Schreibung  dun,  die  außer  im  R.  V.  von  1498  auch  z.  B.  Lübecker 
Urkundenb.  IV  p.  101  Nr.  106  erscheint  (dar  to  dön  dat  beste),  sei  nur  eine 
abweichende  Art  der  Längenbezeichnung.  Dabin  würden  dann  also  auch  Formen 
gehören  wie  Lüb.  Urkundenb.  IV  p.  100  Nr.  105:  verzönet,  p.  101  Nr.  106 
v.'ghen,  p.  128  Nr.  134  prövet,  p.  129  Nr.  135  möte,  p.  393  Nr.  361  bmno, 
behoven  u.  s.  w.,  denn  hier  bandelt  es  sich  um  unbestrittene  Vocallänge.  Auch 
für  Tonlunge  könnte  man  die  Schreibung  passieren  lassen,  wie  Mekl.  Urkundenb. 
VII  p  128  Nr.  4457  to  ddgende,  p.  275  f.  Nr.  4630  tnSlen,  upburen,  ib.  VI 
p.  462  f.  Nr.  4114  schulen,  hove,  p.  4R9  Nr.  4142  siner  s<»ne  u.  s.  w.  In- 
dessen ist  mir  die  Schreibung  Lübeke  und  Inbescher  (z.  B.  Lüb.  Urkundenb. 
IV  p.  410  f.  Nr.  .'575,  p.  727  Nr.  Uli  u.  öfter)  wohl  begegnet,  aber  nie  die 
andere  Luebeke  und  Iuebescher,  die  doch  auch  vorkommen  müsste,  wenn  es 
sich  nur  um  eine  andere  Art  der  Längenbezeichnung  handelte.  Und  wie  steht 
es  denn  in  den  Fällen,  wo  abermals  6  und  ö  geschrieben  steht  und  doch  von 
einer  Längenbezeichnung  keine  Rede  sein  kann,  weil  die  Vocale  kurz  sind? 
So  z.  B.  Lüb.  Urkundenb.  IV  p.  410  f.  Nr.  375  stucke,  di  ufteynhundert, 
p.  412  Nr.  376  hcgcholten,  olderen,  p  517  Nr.  471  börgermestere  mehrmals, 
Mölne  (Mölln),  p.  528  Nr.  483  vorsten,  p.  129  Nr.  135  ghönnen;  ferner  Mnd. 
Wb.  I.  72'',  22  wörde  nu  einer  ...  verkörtet,  ib.  173b,  40  were  dat  user 
ienich  des  anderen  bedachte  u.  s.  w.  Und  wohlgemerkt:  alle  diese  angeführten 
Stellen  werden  heute  mit  unbestrittenem  Umlaut  gesprochen.  Selbst  in  einer 
lateinischen  Urkunde  im  Lüb.  Urkundenb.  IV  p-  665  Nr.  597  lese  ich  Hinrico 
Bützowe   (Bützow  noch  heute   ein  Name). 

Doch  sehen  wir  ab  von  6  und  u:  das  Niederdeutsche  hat  noch  andere 
Arten,   den  Umlaut  zu  bezeichnen. 

Heyne  in  „Kleine  altsächs.  und  altniederfränk.  Grammatik"  p.  10  führt 
aus  der  Essener  Heberolle  eine  Stelle  an.  wo  wahrscheinlich  die  Schreibung 
io  nur  einen  unserm  ii  ähnlichen  Zwischenlaut  des  u  bezeichnen  soll*).  Hier 
wird  das  i  zu  Hilfe  genommen,  um  den  Umlaut  auszudrücken,  wie  auch  anderswo, 
z  B.  Mekl.  Urkundenb.  VI  p.  161  Nr.  3767  (anno  1315)  huÜden  (vgl.  hülde 
R.  V.  2149).  ferner  tu  tiuge  ib.  p.  29<;  Nr.  3923  (anno  1317)  und  Lüb. 
Urkundenb.  IV  p.  100  Nr.  I05»tuycb  (Zeugniss),  heute  tüchniss  und  eb 
fcochnisse  Lüb.  Urkundenb.  IV  p.  410  Nr.  .°>7;>.  Und  wenn  man  weiß,  daß  nhd. 
„Silber"  und  „selber"  im  Niederd.  heute  BÜlver  und  BÜlven  heißt,  im  Mnd. 
meist  sulver  und  sulven  geschrieben,  und  man  begegnet  dann  der  Schreibung 
siluer  und  to  der  siluen  thyt  und  dat  silue  (daneben  in  derselben  Urkunde 
in  der  suluen  wis)  Mekl.  Urkundenb.  VI  p.  239  Nr.  .".SCO  anno  1316  ,  p 
Nr.  :!!")l!i   (anno    1317)  —  dann  ist  es   u,  Altena  schwer  zu  verkennen, 

daß  hier  i  wie  u  nur  Schreibungen  sind,  und  ü,   das  heute  übliche,  gemeint  i 

Nicht  weniger  wahrscheinlich  i  I  es  mir,  daß  in  vereinzelten  Fällen  man 
sich  auch   des  y  bediente,   um  ü  zu  bezeichnen.   Das  Wort  „Zeuge"  z.  1'-.  lautet 


*)  Da  auch   das  Mitteldeutsche   das  Schicksal  de«  Niederdeutschen  theilt,    daß 
<r   einer   gewissen  Periode    der  Umlaut    abgesprochen  werden  -.11. 

Einsicht  beiläufig  aufWeiske'a  Sachsenspiegel,   '..  Ami.  bearb.  von  Hilde- 


ihm  vor 

ich  in 

brand  p.  XII]  tmd   Note   l 

**)  Vgl.  HUdebrand  a.  a.  O. 


118     LITTERATUE:  K.  SCHEÖDEE,  BEMEEKUNGEN  ZUM  VOESTEHENDEN. 

nd.  heute  tüge,  in  älteren  Denkmälern  gewöhnlich  tughe,  aber,  wie  eben  be- 
merkt, auch  tiuge;  in  der  Schreibung  tyghe  steht  es  z.  B.  Mekl.  Urkundenb. 
VII  p.  11  7- Nr.  4444  (anno  1323).  Ferner:  Jedermann  kennt  die  Namen  Lützow 
und  Bülow,  in  den  Urkunden  meist  Lutzowe  und  Bulowe  geschrieben.  Ist  es 
schon  an  und  für  sich  unwahrscheinlich,  daß  so  alte  Geschlechtsnamen  plötzlich 
seit  der  Reformation  ohne  weiteres  vom  Umlaut  ergriffen  worden  seien,  so  fällt 
das  noch  schwerer  zu  glauben,  wenn  auch  die  Schreibungen  Lytzowe  (Mekl. 
Urkundenb.  VII  p.  131  Nr.  4461)  und  Bylowe  (ib.  p.  292  Nr.  4644)  be- 
gegnen. Die  Wahrheit  wird  sein,  daß  diese  wie  andere  ähnliche  Namen  von  je 
mit  Umlaut  gesprochen  wurden. 

Das  y  ist,  wie  man  weiß,  in  den  skandinavischen  Sprachen  der  Umlaut 
von  u.  Wäre  es  wunderbar,  wenn  diejenigen  Striche  Niederdeutschlands,  welche 
Jahrhunderte  lang  im  allerengsten  Verkehr,  friedlichen  wie  feindlichen,  mit  den 
skandinavischen  Völkern  standen,  auch  sprachliche,  orthographische  Einflüsse 
erfuhren?  Ich  denke,  dieselben  liegen  für  jeden,  der  sehen  will,  deutlich  genug 
zu  Tage.  Im  Dänischen  ist  0  das  Zeichen  des  umgelauteten  0,  und  dieses  selbe 
Zeichen  findet  sich  überaus  häufig  in  Urkunden  in  denjenigen  Gegenden,  welche 
dänischen  Einflüssen  ausgesetzt  waren.  Wie,  frage  ich,  kamen  die  niederd. 
Schreiber  dazu,  dieses  „unbequeme",  wie  Grimm  sagt,  Zeichen  zu  entlehnen? 
Hatten  sie  gar  kein  Verständniss  davon,  was  dieß  0  in  der  Sprache,  aus  der 
sie  es  entlehnten,  bedeutete?  Wie  viel  natürlicher  ist  es,  anzunehmen,  daß  sie 
es  mit  Bewusstsein  verwandten  für  den  Umlaut,  den  es  dort  bezeichnete ,  für 
den  es  aber  in  der  Heimat  —  die  unsicher  tastenden  Schreibungen ,  welche 
ich  bereits  anführte,  lehren  es  —  an  einem  recipierten  Zeichen  fehlte*).  Wenn 
das  0  keinen  Zweck  hatte,  warum  brauchen  es  denn  die  Schreiber  bei  niederd. 
Namen  sogar  in  lateinischen  Urkunden?  So  steht  im  Liib.  Urkundenb.  IV  p.  665 
Nr.  597  domino  Johanni  de  Stoue,  im  Mekl.  Urkundenb.  VI  p.  389  Nr.  4025 
Pole  (die  Insel  Pol  bei  Wismar),  ib.  VII  p.  375  Nr.  4746  procurator  Thome 
Morkerken,  und  die  Herausgeber  des  Mekl.  Urkundenb.  haben  ganz  gewiß 
recht,  wenn  sie  Namen  wie  Smodesin  (VII  p.  63  Nr.  4387),  Korneco  (ib. 
p.  85  Nr.  4414),  Bre0ghe  (ib.  p.  295  Nr.  4649)  u.  s.w.  in  den  Überschriften 
als  Smödesin,  Körneke  und  Breöge  wiedergeben.  Andere  Namen  sind  Madentin 
(ib.  p.  122  f.  Nr.  4452),  Kx&pelin,  Str^mekendorp  (ib.  p.  611  f.  Nr.  4973), 
lauter  Namen  die  heute  Mödentin,  Kröpelin,  Strömkendorf  lauten.  Die  Verwen- 
dung des  0  ist  eine  sehr  reichliche;  von  den  vielen  Beispielen  notier3  ich  Lüb. 
Urkundenb.  IV  p.  199  Nr.  199  to  Mane,  ib.  p.  727  Nr.  644  0reszunt,  p.  442  f. 
Nr.. 453  voranderen,  brake  (vgl.  R.  V.  2380),  p.  91  f.  Nr.  93  bm-ghere  mehr- 
mals, schalen  (sollen,  heute  sölen);  Mekl.  Urkundenb.  VI  p.  157  Nr.  3764 
schulen,  mrrghen,  Schede,  p.  288  f.  Nr.  3919  meghen,  vormoghen,  orloghe, 
p.  294  Nr.  3921  l»uede  (Gelübde),  p.  336  Nr.  3962  benameden,  mit  deme 
thoulote  mit  deme  afulote,  malen,  brokes,  hoghisten,  verkapende,  w0lde  (wollte), 
bedrouen,  nakamelingen,  geghenwardeghen  (neben  geghenwordich,  anderswo 
ib.  VII  p.  232   Nr.  4584  iegenwerdigen,   hier  also  vermuthlich   das   a  nur  eine 


*)  Nerger  §.  27  kennt  dieses  0 ,  will  es  aber  nur  als  Zeichen  der  Tonlänge 
gelten  lassen.  Indessen  zeigt  sich  die  Unrichtigkeit  dieser  Auffassung  dadurch,  daß 
das  0  in  gleicher  Weise  bei  Länge,  Tonlänge  und  Kürze  verwandt  wird.  Die  weiter- 
hin folgenden  Beispiele  erhärten  das. 


LITTERATUR:    K.  SCHRÖDER,  BEMERKUNGEN  ZUM  VORSTEHENDEN.     H9 

Verdumpfung  des  e  zu  ö,  wie  sie  auch  in  andern  Mundarten  nicht  selten  ist), 
brodere  (vgl.  R.  V.  5298),  ib.  VII  p.  48  Nr.  4369  mnen,  crm,  lasen,  p.  55 
Nr.  4377  ergenäroeden,  harret,  p.  122  f.  Nr.  4452  hörende,  biedere,  tho 
donde(!),    gegenwördicheyt ,    ani'Jörende ,    naknmeling,  kapere,  brerke,  higher, 

klieren,  bedroueu,  scolen,  inngheii.  sone  (Sohn,  heute  sün),  dromet  (Drömt) 
u.   s.  w. 

Also  durchstrichenes  o  für  ö.  Aber  auch  ii  niusste  natürlich  bezeichnet 
werden,  und  da  ergab  sich  neben  dem  schwerfälligen  in  oder  ui,  uy,  und  neben 
y  mit  leichter  Analogie  des  durchstrichenen  o  ein  durchstrichenes  v,  also  y, 
wie  es  gleichfalls  Urkunden  massenhaft  verwenden.  In  dieser  Form  begegnet 
uns  wieder  der  schon  behandelte  Name  Lytzowe  Mekl.  Urkundenb.  VI  p.  336 
Nr.  39(52:  VT1  p.  123  Nr.  4452.  Und  wie  wir  in  lateinischen  Urkunden  bei 
der  Wiedergabe  niederd.  Namen  das  Zeichen  0  fanden,  wo  es  nach  meiner 
festen  Überzeugung  nichts  anderes  bezeichnen  kann  als  den  Umlaut,  so  steht 
auch  in  anderen  lateinischen  Urkunden  y,  wie  Mekl.  Urkundenb.  VII  p.  367 
Nr.  4733  Frater  Johannes  Bryseuitz  (Brüsewitz  noch  heute  ein  Name)  und  in 
platea  L^bicensi.  Auch  hier  haben  die  Herausgeber  genannten  Werkes  VJI  p.  110 
Nr.  4437  Libekeruar  in  der  Überschrift  gewiß  richtig  mit  Lübekervar  wieder- 
gegeben und  ib.  p.  303  Nr.  4661  Krysekenberghe  mit  Krüsekenberge.  Ich 
gebe  auch  hier  einige  weitere  Beispiele,  die  sich  mit  Leichtigkeit  verzehnfachen 
ließen:  Mekl.  Urkundenbuch  VI  p.  336  Nr.  3962  kristenlyden,  betyghen,  vor- 
mvnden.  al  vmme,  alsvsdaner.  svnderliken .  Hinric  bi  der  M^ren  (!  vgl.  E.V. 
311.  381.  1140.  1633,  nach  Hrn.  B.  eine  unsinnige  Form),  ib.  VH  p.  122  f. 
Nr.  4-152  lvdeu .  Lybeke,  svnderliken,  Lfbeker,  Syuerke,  betvghinge.  U'ghe, 
p.  335  Nr.  4700  th|gen,  vonnvndere,  p.  336  Nr.  4701  Lybeker  penninge, 
tyghe,  svnte  Sanct:  vgl.  dazu  sinte  il».  VI  p.  336  Nr.  3962),  p.  611  f.  Nr.  4973 
krytze,  ossenhvde,  bukeshyde,  styreman,  dvdische  seiplyde,  lantlvde,  stveke  u.  s.  w., 
lauter   Fälle,   in   denen   heute   der   Umlaut   herrscht. 

Ich  will  und  kann  hier  keine  Abhandlung  über  den  Umlaut  im  Nieder- 
deutschen liefern;  was  ich  angeführt  habe,  sind  nur  Andeutungen,  die  hoffent- 
lich Anderen  ein  Anlaß  werden,  diese  Fragen  näher  zu  untersuchen.  Ich  meines- 
theils  kann  nicht  anders  als  glauben,  daß  wenigstens  in  den  rechtselbischen 
Gebieten  Niederdeutschlands  mindestens  seit  dem  14.  Jahrb.  der  Umlaut  herrschte, 
wenn  er  auch  —  und  darin  liegt  eine  große  Schwierigkeit  —  nicht  regelmäßig 
geschrieben  wurde.  Denn  in  denselben  Urkunden  finden  sich  dieselben  Wörter 
mit  0  und  «,  mit  v  und  v,  wie  Im  Lübecker  Druck  des  R.  V.  dieselben  Wörter 
mit  und  ohne  Häkchen,  woraus  nicht  zu  folgen  braucht,  daß  dieß  und  jenes 
Wort  bald  mit,  bald  ohne  Umlaut  gesprochen  sei:  sondern  gesprochen  wurde 
es  immer  mit  Umlaut,  nur  geschrieben  häufig  ohne  Umlautezeichen.  Das  ist  in 
andern  Mundarten  nichl  anders.  Derselbe  Closener  (Chroniken  der  deutschen 
Städte  VIII)  schreibt  21.  17  manig  tusenl  gevanger  lute  und  28,  .".1  lüt  6in 
geheißen  Valwen,  schreibt  43,  16  lützel  und  11!',  26  lutzel,  Bchreibl  46,  6.  8 
trugener  und  46,  II  trügener.  Für  einen  Herausgebe)  niederdeutscher  Texte 
aber    —  das   ist  nach   wie  vor  meine  Meinung         bleibt   vorläufig  nichts  übrig 

»ich  an  die  Praxis  seiner  Vorlage  zu  halten.  Denn  die  Meinung  wird  wohl 
Niemand  vertreten  wollen:  ea  sei  die  Publication  niederdeutscher  Gedichte  so 
lange  zu  Bistieren,  bis  die  Umlautsfrage  ihre  endgültige  Entscheidung  ge- 
funden habe. 


120  MISCELLEN. 

Schließlich  zwei  Bitten,  deren  erste  ich  an  Hrn.  Lühben  richte,  auf  dessen 
Schultern  seit  Schiller's  Tode  das  ganze  Mnd.  Wörterb.  ruht.  Schiller  theilte 
meine  Ansichten  über  den  Umlaut  und  wollte  für  sein  Wörterbuch  die  Typen 
0  und  y  anfertigen  lassen.  Herr  Lübben  hingegen  hat  sich  in  den  stärksten 
Ausdrücken  gegen  die  Annahme  des  Umlauts  für  die  frühere  Periode  des 
Niederdeutschen  erklärt,  er  hat  also  von  seinem  Standpunkte  aus  gar  keine 
Veranlassung,  gewisse  Häkchen  und  Zeichen,  in  welchen  ich  und  andere  „leicht- 
gläubige" Menschen  Bezeichnungen  des  Umlautes  sehen  möchten ,  irgend  zu 
beachten  oder  in  seinem  Wörterbuch  zu  reproducieren.  Daß  er  aber  der  leicht- 
gläubigen Minderheit  die  Concession  mache,  eben  jene  Zeichen,  wo  sie  ihm  bei 
seinen  Sammlungen  für  das  Wörterbuch  in  Handschriften  oder  Drucken  be- 
gegnen, zu  conservieren ,  daß  er  uns  auch  die  0  und  -f  nicht  vorenthalte,  — 
das  ist  es,  worum  ich  ihn  bitten  möchte.  Die  andere  Bitte  ergeht  an  die- 
jenigen, welche  Beruf  oder  Neigung  der  niederdeutschen  Sprache  und  ihren 
Denkmälern  zuführt.  Mögen  sie  die  Umlautsfrage  ihrer  Aufmerksamkeit  und 
vorurtheilslosen  Prüfung  würdigen  und  die  Ergebnisse  ihrer  Forschung  uns 
nicht  vorenthalten.  Sind  meine  Ansichten  irrig,  so  widerlege  man  sie  mit  ernsten 
Gründen  und  ich  werde  sie  nicht  länger  hegen;  bloße  allgemeine  Redensarten 
aber  oder  Epitheta  wie  „flüchtig,  unwissend"  u.  s.  w.  werden  diese  Wirkung 
nicht  haben. 

LEIPZIG.  KARL  SCHRÖDER. 


MISCELLEN. 


Übersicht 

der  germanistischen  Vorlesungen  an  den  Universitäten  Deutschlands,   Österreichs, 

der  Schweiz  und  Hollands  im  Winter   1873/74. 

Encyclopädie:  Encyclopädie  der  deutschen  (germanistischen)  Philologie: 
Heidelberg-Bartsch;  Geschichte  der  germanistischen  Philologie:  Bonn-Reifferscheid. 

Vergleichende  Grammatik:  Berlin-Ebel:  Breslau-Stengler;  Heidel- 
berg-Lefmann;  Leiden-Kern;  Marburg- Justi;  vgl.  Grammatik  des  Gothischen 
und  Althochd.  mit  dem  Griech.  und  Lateinischen:  Halle-Pott;  des  Deutschen, 
Slawischen  und  Litauischen:  Leipzig-Leskien;  ausgewählte  Kapitel  der  vergl. 
Grammatik:  Greifswald-Höfer;  Königsberg- Nesselmann;  Einleitung  in  das  Studium 
der  vgl.  Sprachwissenschaft:  Gräz-Schmidt;  Entwickelungsgeschichte  der  gram- 
matischen Formen  in  den  indoeuropäischen  Sprachen:  Prag-Ludwig;  Sprach- 
wissenschaft!. Glossologie,  ihre  Hauptergebnisse  und  ihr  Studiengang:  Straßburg- 
Bergmann;  Classification  und  Geschichte  der  Sprachen:  Zürich-Tohler;  Phonetik 
oder  natürliches  System  der  Sprachlaute  und  sein  Verhältniss  zu  den  wichtigsten 
Cultursprachen :  Bi  eslau-Rumpelt. 

Deutsche  Grammatik:  Breslau- Rückert;  Erlangen-Raumer;  Gießen- 
Weigand;  Heidelberg-Bartsch;  Königsberg-Schade;  Leipzig-Zarncke;  München- 
Hofmann;  Straßburg  Scherer;  Tübingen-Keller;  Wien-Heinzel ;  Zürich-Tobler; 
ausgewählte  Kapitel:   Halle-Zacher. 


MISCELLEN.  121 

Gothische  Grammatik:  Bonn-Diez;  Dorpat-Meyer;  Groningen-Moltzer; 
Halle-Hildebrand;  Leiden-de  Vries;  Würzburg-Lexer ;  Zürich-Haag. 

Althochdeutsche  Grammatik:   Münster- Storck;  Prag-Kelle. 

Neuhochdeutsche  Grammatik:  Berlin-Begemann  (Ak.  f.  ra.  Phil.); 
Bonn-Birlinger ;  Darlegung  der  deutschen  Conjugation;  Bonn- Andresen ;  deutsche 
Syntax:   Kiel-Groth. 

Altsächsische  Grammatik:   Leipzig-Paul. 

Altfriesische   Grammatik:   Leiden-de  Vlies. 

Niederländische  Grammatik:  Groningen-Moltzer;  Leiden-de  Vries; 
Utrecht-Brill. 

Angelsächsische    Grammatik:   Groningen-Moltzer;    Leiden-de  Vries. 

Englische  Grammatik:  Berlin-Mätzner  (Ak.  f.  mod.  Phil.);  Leipzig- 
Wüleker. 

Altnordische  Grammatik:   Göttingen- W.    Müller. 

Deutsche  Mythologie:  Halle-Zacher;  Innsbruck-Zingerle ;  Marburg- 
Grein. 

Deutsche  Alterthümer:  Kiel-Weinhold;  angelehnt  an  Tacitus'  Ger- 
mania: Basel-Gerlach ;  Berlin-Müllenhoff;  Heidelberg-Scherrer;  Leipzig-Brandes; 
Straßburg-Scherer;  Zürich-Schweizer-Sidler;  Culturgeschichte  des  Mittelalters: 
Münster- Xordhoff;  Kunst-  und  Culturgeschichte  der  Stauferzeit:  Breslau-Schultz; 
Beschreibung  des  alten  Islands  (874 — 1264):  Kiel-Möbius. 

Deutsche  Rechtsquellen,  Erklärung:  Breslau-Gierke;  Göttingeu- 
Frensdorff;  Wien-Schuster;  Würzburg-  Schröder;  Sachsenspiegel:  Berlin-  Lewis ; 
Erlangen-Gengler;  Kiel-IIänel;  Leipzig-Höck ;  Marburg  -  Rösteil ;  Zürich- Orelli  ; 
über   deutsche  Rechtsquellen :   Ronn-Meibom. 

Deutsche  Li  tteraturgesch  icht  e:  Heidelberg-Laur;  bis  zur  Gegen- 
wart: Freiburg-Martin;  Königsberg-Schade;  Übersicht  derselben:  Dorpat-Maring ; 
Geschichte  der  deutschen  Sprache  und  Litteratur:  Ronu-Simrock;  Geschichte 
der  altdeutschen  Poesie:  Berlin-Müllenhoff;  Marburg-Lucae;  Rostock-Rechstcin  ; 
Würzburg-Lexer;  allgemeine  Geschichte  der  Poesie  des  Mittelalters:  Göttingen- 
Gödecke;  Geschichte  der  deutschen  Dichtung  von  400  —  1600:  Zürich-Ettmüller; 
althochdeutsche  Litteraturgeschichte:  Jena-Sievers;  Übersicht  derselben  mit 
Erklärung  von  Denkmälern:  Göttingen-Wilken;  mittelhochdeutsche  Litteratur- 
geschichte: Bern-Schöni;  Göttingen-Wilken;  des  1">.  Jahrhunderts:  Leipzig- 
Paul;  deutsche  Literaturgeschichte  im  Mittelalter:  Prag  Kelle;  vergleichende 
Litteraturgeschichte  Deutschlands,  Englands,  Prankreichs  von  der  Reformations- 
zeit bis  zu  Ende  des  18.  Jahrhs.:  Leipzig-Biedermann;  Geschichte  der  deutschen 
Dichtung  Beil  Beginn  des  17.  Jahrhs.:  Göttingen-Tittmann;  der  deutschen  Sprache 
und  Litteratur  seit  dem  17.  Jahrb.:  Kiel-Groth;  Neuere  Litteraturgeschichte 
besonders  des  17.  und  18.  Jahrhs.:  Halle-Gosche;  deutsche  Litteraturgeschichte 
im   17.   und    18.  Jahrh. :    ;  3cherer;    des    18.  Jhrs.:   München-Berti 

Schiller:  Wien-Tomaschek ;  seil  Ende  des  18.  Jahrhs.:  Kiel- Weinhold ;  im 
19.  Jahrh.:  Graz  Schönbach;  deutsche  H<  I  l<  a  age:  Gießen-Zimmermann;  Leben 
und  Dichten  der  Minnesinger:  Münster  Storck;  über  deutsche  Lyrik  (Fortsetzung): 
Leipzig-Minckwitz ;  deutsehe  Lyrik  des  18.  und  19.  Jahrhs  :  Zürich- Stiefel;  über 
das  neue  Volk  lied,  1"  onders  des  16.  Jahrhs.,  mit  besonderer  Verwerthung  für 
die  Culturgeschichte:  Leipzig- Hildebrand;  Geschichte  der  christlichen  Dichtung, 
besonders    bei    den   Deutschen:    Braunsbei  Lessing:   Heidelh 


122  MISCELLEN. 

Fischer:  Marburg-Lucae;  als  Philosoph  und  Dramatiker:  Bern-Hobler;  Ver- 
hältniss  Lessings,  Schillers  und  Goethes  zur  Philosophie:  Bonn-Meyer;  über 
Goethe:  Göttingen-Gödecke;  Halle-Hagen;  Innsbruck-Zingerle;  Goethes  Gedichte: 
Tübingen-Holland;  über  Göthes  Faust:  Heidelberg-Reichlin-Meldegg;  Müuchen- 
Carriere;  über  Schiller:  Gießen-Ziinmerinann ;  Geschichte  der  Koniantik  in 
Deutschland:   BernSchoni;  schwabische  Dichterschule:   Halle-Gosche. 

Niederländische  Litte raturgeschichte:  Leiden-de  Vries;  Utrecht- 
Brill;  der  neueren  Zeit:   Groningen-Moltzer. 

Angelsächsische    Litte  raturgeschichte:   Wien-Zupitza. 
Englische  Litte  raturgeschichte:   von   Chaucer  bis  Milton:   Heidel- 
berg-Ihne;   2.  Theil:   Stiaßburg-ten  Brink ;  über  das  altenglische  Theater:  Berlin- 
Vatke  (Ak.  f.  mod.  Phil.). 

Deutsche  Metrik:  Elemente  der  altdeutschen  Metrik:  Greifswald-Höfer; 
englische   Metrik:   Marburg-Suchier;   Straßburgten   Briuk. 
Sprachdenkmäler: 

Gothische:  Jena- Sievers;  Leipzig  Paul;  Wien-Heinzel;  Zürich-Haag; 
Evangelium  Matthaei:  Bonn-Diez;   Gießen- Weigand. 

Altdeutsche:   Bonn-Simrock;   Breslau- Amelung;  Königsberg- Schade. 
Althochdeutsche:    Basel-Heine;    Berlin-Müllenhoff ;    Otfrid :    Bonn-Bir- 
linger;   Tatian :  Jena-Sievers. 
Mittelhochdeutsche: 

Gottfrieds  Tristan:    Wien  Heinzel. 

Hartmanns   Gregorius:   Basel-Meyer;   Greifswald-Höfer. 
Klage:    Rostock-Bechstein. 

Konrads  von   Würzburg  Otto  mit  dem   Barte:   Gräz-Jeitteles. 
Kudrun:    Leipzig-Hildebrand. 

Nibelungenlied:  Freiburg- Martin;  Gießen-Weigand;  nebst  Einleitung 
über  die  deutsche  Heldensage:  Göttiugen-W.  Müller;  Einführung  ins 
Studium  des  NL.  und  Erklärung  ausgewählter  Stücke:  Basel-Heyne. 
Rudolfs  Barlaam  und  Josaphat:  Bonn-Reifferscheid. 
Walther  von  der  Vogel  weide:  Breslau-Rückert;  Zürich-Ettmüller. 
Wernhers    Meier    Helmbrecht:     Bonn-Birlinger;     Gräz-Jeitteles; 

Leipzig-Hildebrand. 
Wolframs  Parzival:   Heidelberg-Bartsch;  Innsbruck-Zingerle. 
Altsächsische:    Heliand:  Leipzig-Paul;  Tübingen-Keller. 
Mittelniederländische  Gedichte:   Leiden-de  Vries. 
Angelsächsische:  Beowulf:  Breslau- Amelung;  Wien-Zupitza;  neuangel- 
sächsische:  Straßburg-ten   Brink. 

Altenglische:   Chaucer's   Canterbury   Tales:    Breslau-Mall. 
Altnordische:    Lieder  der  Edda:    Kiel-Möbius;    Marburg  Grein ;    Fjö's- 
vinnismäl:   Straßburg-Bergmann;   Njalssaga:   Leipzig-Zarncke. 

Germanistische  Übungen  in  Seminarien,  Gesellschaften,  Societäten,  Kränz- 
chen werden  gehalten  in  Basel,  Berlin,  Bonn,  Breslau,  Freibarg,  Göttingen, 
Graz,  Halle,  Heidelberg,  Jena,  Innsbruck,  Kiel,  Königsberg,  Leipzig,  Marburg, 
Rostock,    Straßburg,   Tübingen,   Wien   und   Würzburg. 


MISCELLEN.  123 


Karl  Schiller. 

(Nekrolog.) 

Karl  Christian  Schiller  wurde  am  11.  Nov.  1811  zu  Rostock  geboren. 
Nachdem  er  auf  dem  dortigen  Gymnasium  vorbereitet  war,  verließ  er  dasselbe, 
um  sich  dem  Studium  der  Philologie  zu  widmen.  Er  begann  es  auf  der  Uni- 
versität seiner  Vaterstadt,  und  setzte  es  in  Leipzig  fort.  Hier  gehörte  er  in 
den  Jahren  1832  und  1833  auch  der  von  G.  Hermann  geleiteten  griechischen 
Gesellschaft  an,  erwarb  liier  die  philosophische  Doctorwürde,  und  nahm  1834 
eine  Anstellung  am  Gymnasium  zu  Schwerin  an,  womit  andere  Plane,  mit  denen 
er  sich  trug,  aufgegeben  wurden.  Die  ganze  übrige  Zeit  seines  Lebens  ist  er 
an  diesem  Gymnasium  als  Lehrer  thätig  gewesen,  an  dem  er  nach  und  nach 
vom  letzten  bis  zum  ersten  ordentlichen  Lehrer  aufrückte.  Ein  Versuch  in  das 
geistliche  Amt  einzutreten  scheiterte;  er  hatte  freilich  die  amtlicherseits  er- 
forderliche Befähigung  sich  erworben,  aber  da  er  einigemal  bei  einer  Wahlpfarre 
nicht  die  nöthige  Stimmenmehrheit  erlangte,  gab  er  weitere  Versuche,  auf,  und 
blieb  dem  Lehrfache  von  nun  an  für  immer  getreu. 

Die  erste  wissenschaftliche  Arbeit,  mit  der  er  öffentlich  hervortrat,  war 
die  Herausgabe  des  griechischen  Eedncrs  Andocides  (1835,  Leipzig),  bis  dahin 
die  erste  Einzelausgabe  dieses  Redners;  dann  folgte  ein  Commentar  zu  einigen 
Oden  des  Horatius,  Leipzig  1837,  und  im  Programm  des  Gymnasiums  vom 
J.  1844;  im  Programme  von  1855  erschienen  von  ihm  die  Regeln  der  latei- 
nischen Syntax  für  untere  Classen.  Für  die  Leser  der  Germania  ist  aber  seine 
Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  deutschen,  speciell  der  niederdeutschen  Sprach- 
forschung, von  größerer  Bedeutung.  Erst  im  reiferen  Mannesalter  ward  er  auf 
verschiedene  Veranlassungen  dahin  geführt;  gleich  seine  erste  umfassende  Arbeit 
auf  diesem  Felde  zeigte  indeß,  daß  er  nicht  mit  dilettantischem  Eifer,  sondern 
mit  wissenschaftlicher  Gründlichkeit  verfuhr;  sie  beurkundete  zugleich  die  ganze 
Eigentümlichkeit  seiner  wissenschaftlichen  Thätigkeit,  emsigen  Sammlerrleiß 
und  treue,  gewissenhafte  Forschung.  Dieß  war  das  Programm  von  18G0  „Zum 
Thier-  und  Kräuterbuche  des  meklenburgischen  Volkes",  dem  noch  zwei  Fort- 
setzungen 1861  und  1864  folgten  (Bärensprung,  Schwerin).  Dieses  Werk  gab  auch 
Veranlassung  zur  Bekanntschaft  mit  mir,  der  ich  bis  dahin  ihm  ganz  fern  gestan- 
den hatte.  Schiller  übersandte  mir  das  erste  Heft  und  bat  mich  am  Beiträge;  ich 
gab  sie  ihm  gern  und  bereitwillig,  soviel  ich  vermochte;  seitdem  entspann  sich 
zwischen  uns  ein  reicher  Briefwechsel,  der  fast  bis  zu  seiner  Todesstunde  fort- 
gedauert hat.  Zugleich  hatte  sich  Schiller  eine  lexicalische  Sammlung  nieder- 
deutscher Wörter  angelegt,  die,  wie  er  mir  1867  schrieb,  damals  bereits  10.000 
Quartblätter   umfasste.    Aus  diesem  reichen  Vorrathe   hal  367   „Beil 

zu  einem  mittelniederdeutschen  Glossar"  I  eben.    Zu  einer  Herausgabe 

mittelniederdeutschen  Wörterbuches ,  wie  sie  der  sei.  Professor  Fr.  Pfeiffer 
auf   der  l'liilologenversamtnlung   zu   Hannover   1864  '    hatte,    wolll 

sich  anfanglich  gar  nicht  verstehen.  „Es  fehlen  mir  dazu  die  Jahre,  schrieb 
er  mir,  dagegen  meine  ich,  ein  mnd,  Glossar  noch  mit  rüstiger  Kraft  zu  Stande 
bringen  zu  können,  da  mir  ein  stattliches  M  iterial  bereits  zu  Gebote  steht." 
Erst  als  die  Versuche  des  auf  Pfeiffers  Vorschlag  niedergesetzten  Comitea 
für  die   Herausgabe  eines   mnd.   Wörterbuches  ohne  Erfolg  waren,   entschloß   er 


124  MISCELLEN. 

sich  mit  schwerem  Herzen  und  erst  auf  dringendstes  Zureden  guter  Freunde,  von 
einem  bloßen  Glossar  abzustehen,  zumal  auch  buchhändlerische  Schwierigkeiten 
der  Herausgabe  eines  bloßen  Glossars  entgegentraten.  Schiller  hatte  mich  be- 
reits, als  er  nur  noch  ,, Beitrüge  zu  einem  mnd.  Glossar"  herauszugeben  gedachte, 
aufgefordert  als  Mitherausgeber  aufzutreten.  Ich  sagte  es  ihm  zu,  und  war 
ebenfalls  dazu  bereit,  als  der  Plan  des  Werkes  sich  erweiterte,  damit  doch  endlich 
aus  der  Sache  etwas  würde  .und  die  Arbeit  mehrerer  Jahre  nicht  ganz  ver- 
geblich gemacht  sei.  Als  endlich,  nachdem  Krankheit,  Krieg,  dazu  Bedenklich- 
keiten aller  Art,  die  aus  seiner  Gewissenhaftigkeit  entsprangen,  Verzögerungen 
und  Schwierigkeiten  gemacht  hatten,  das  erste  Heft  1872  ans  Licht  trat,  fühlte 
er  sich  freudig  erregt,  und  seine  Freude  ward  gesteigert,  als  auf  eine  Petition 
der  Germanistenversammlung  in  Leipzig  sein  Landesherr  ihn  in  der  ehrenvollsten 
Weise  von  seinen  amtlichen  Functionen  entband,  um  in  voller  Muße  seinem 
Lieblingswerke  leben  zu  können,  und  der  Kaiser  eine  peeuniäre  Unterstützung 
gewährte.  Die  kurze  Zeit,  die  ihm  das  Schicksal  vergönnte,  so  für  das  Wörter- 
buch thätig  sein  zu  können,  hat  er  in  gewohnter  Weise  mit  regelmäßigem 
Fleiße  ausgenützt;  schrieb  er  mir  doch  schon  1867,  daß  er  jeden  Morgen 
Winters  und  Sommers  mit  dem  Schlage  5  am  Arbeitstische  sitze.  Der  nöthigen 
mündlichen  Besprechung  halber  und  zugleich  einer  Freundespflicht  zu  genügen, 
wollte  er  mich  in  den  diesjährigen  Hundstapsferien  besuchen.  Die  Zeil,  ja  der 
Tag  war  fast  schon  bestimmt,  als  ein  Fußübel  —  wie  es  sich  nachher  heraus- 
stellte, eine  Gefäßverstopfung  in  Folge  eines  Herzleidens  —  ihn  nöthigte  zu  Hause 
zu  bleiben.  Er  forderte  mich  nun  auf  zu  ihm  zu  kommen,  ich  sagte  es  ihm  zu, 
wofür  er  mir  noch  in  seinem  letzten  Brief  am  21.  Juli  1873  dankte;  aber 
aus  der  Reise  ward  nichts,  denn  der  Todesengel  berührte  ihn  am  4.  August. 
Noch  in  seinen  letzten  Stunden  hatte  ihn  der  Gedanke  an  das  Wörterbuch 
beschäftigt. 

Seine  reiche  wohlgeordnete  lexicalische  Sammlung  ist  mir  von  seinen  Erben 
bereitwilligst  zur  Verfügung  gestellt  worden. 

So  tief  es  auch  zu  beklagen  ist,  daß  Schiller  nicht  mehr  persönlich  an 
seinem  Werke  arbeiten  kann,  so  ist  mir  doch  durch  die  Sorgsamkeit  und  Sauber- 
keit seines  Arbeitens  die  Möglichkeit  gegeben,  das  Werk  in  seinem  Geiste  fort- 
zuführen. 

OLDENBURG,  7.  Deceinber  1873.  A.  LÜBBEN. 


Hermann  Kurz. 

(Nekrolog.) 

Am  10.  Oclober  ist  in  Tübingen  ein  Mitarbeiter  der  Germania  gestorben, 
der  Universitätsbibliothekar  Dr.  Kurz.  Über  sein  Leben  wird  eine  ausführliche 
Biographie  von  Freundes  Hand   vorbereitet.   Hier  mögen  einige  Worte  genügen. 

Hermann  Kurz  ist  am  30.  Nov.  1813  in  Reutlingen  geboren.  Die  Zu- 
stände seiner  Kindheit  und  seines  Lebens  in  der  Heimath,  an  der  er  mit  der 
Liebe  eines  alten  Reich sstädterB  hieng,  sind  in  verschiedenen  seiner  Erzählungen 
anziehend   geschildert.  Die  Gymnasialbildung  erhielt  er  in  dem  evangelisch-theo- 


MISCELLEN.  125 

logiseben  Seminar  Maulbronn,  wo  er  mit  Eduard  Zeller,  jetzt  Professor  der 
Pbilosopbie  in  Berlin,  im  gleicben  Curse  zusammentraf.  Im  Herbst  1831  bezog 
er  die  Universität  Tübingen  und  gehörte  bis  gegen  das  Ende  seines  akademischen 
Lebens,  Herbst  1835,  dem  evangelisch-theologischen  Seminar  au,  um  die  Zeit, 
wo  E.  Zeller,  G.  v.  Rümelin  als  Zöglinge,  D.  F.  Strauß,  Gustav  Pfizer,  Friedr. 
v.  Vischer  als  Repetenten  in  dieser  Anstalt  weilten.  Er  bestand  mit  rühmlichem 
Erfolge  die  erste  theologische  Dienstprüfung  und  war  später  einige  Zeit  Pfarr- 
gehilfe bei  seinem  Oheim,  dem  Pfarrer  Mohr  in  Ehningen  bei  Böblingen.  Damit 
aber  war  seine  theologische  Laufbahn  abgeschlossen,  denn  schon  auf  der  Uni- 
versität hatte  er,  angeregt  durch  die  Vorlesungen  Unlands  und  Moriz  Rapps, 
sich  vorzugsweise  sprachlichen  und  litterarhistorischen  Studien,  ja  poetischen 
und  mimischen  Versuchen  zugewendet,  wozu  Ulilands  stilistische  Übungsstunden 
und  die  unter  Rapps  Leitung  von  seinen  Zuhörern  ausgeführten  dramatischen 
Darstellungen  fruchtbare  Anregung  gaben.  Der  Umgang  mit  Sucher  führte  ihn 
in  die  clnssische  Musik  ein  und  veranlasste  die  Bearbeitung  verschiedener 
Liedertexte  für   Suchers   Melodien   und   Volksliedersammlungen. 

Kurzs  erstes  schriftstellerisches  Auftreten  fällt  noch  in  die  Studentenzeit, 
wo  er  für  die  Reutlinger  Drucker,  die  damals  noch  regelmäßig  die  deutschen 
Volksbücher  auf  grauem  Löschpapier  für  die  Jahrmärkte  zurechtmachten,  das 
seit  langer  Zeit  fehlende  Faustbuch  neu  bearbeitete.  Ich  gab  dazu  mein  Exemplar 
des  G.  R.  Widmann,  Wilhelm  Eytel  lieferte  die  Zeichnungen  zu  den  Holz- 
schnitten ,  Kurz  besorgte  den  Text.  Das  Buch  erschien  so  zum  ersten  Mal 
wieder    1834. 

Von  den  eigenen  Dichtungen,  lyrischen,  dramatischen,  epischen,  soll 
hier  nicht  weiter  die  Rede  sein;  seine  Gedichte,  seine  Novellen,  seine  Romane 
,, Schillers  Heimathjahre"  und  „der  Sonnenwirt"  sind  bekannt.  Noch  weniger 
darf  ich  auf  seine  vielen  Übersetzungen  aus  Äriost  (Roland),  Cervantes,  Chateau- 
briand,  Shakspeie,   Byron,   Moore   u.  a.    eingehen. 

Seine  eindringenden  Studien  über  Shakspere  sind  thcils  in  seineu  Über- 
setzungen, theils  in  den  Jahrbüchern  der  deutschen  Shaksperegesellschaft,  theils 
in  den  besondern  Schlitten  niedergelegt  z.  B.  Zu  Shaksperes  Leben  und  Schaffen; 
Altes  und  Neues.  München  1808.  Falstaff  und  seine  Gesellen  von  Paul  Konewka, 
Text  von   Hermann   Kurz. 

Mit  Gottfried  von  Straßburg  hat  sich  Kurz  frühe  beschäftigt.  In  den 
vierziger  Jahren,  als  er  gleichzeitig  mit  Franz  Pfeiffer  in  Stuttgart  lebte,  ent- 
stand unter  philologischem  Beirath  des  letzteren  dl  Übersetzung  dr^  Tristan, 
welche  mit  eigenem  Schlüsse  versehen  und  mit  reicht  r  sagengeschichtlicher 
Einleitung  ausgestattet  1844  und  mit  neuem  Titel  1847  in  Stuttgart  bei 
Rieger  (Becher)  erschienen  ist.  Mit  dieser  Arbeit  im  Zusammenhange  steht  eine 
kleine  polemische  Schrift:  „Wenn  es  euch  beliebt,  der  Kampf  mit  dem  Drachen. 
Ein   Bitter-  und  Zaubermärchen.   Zum   Besten  di  igers   und  Tristans- 

kritikers  Hrn.  Oswald  .Marbach,  mit  neu-,  mittel-  und  althochdi  utschen,  aber  aller 
Welt  verständlichen  Glo  »eben   Karlsruhe  den   30.  Nov.    ISN    von   Her- 

mann Kurz."  Stuttgart  L845.  Mehr  als  20  Jahre  später  finden  wir  Kurz  von 
Neuem  mit  Gottfried  beschäftigt,  in  einer  Untersuchung  über  .  I1  bters 
Geschlecht  und  Leben,  die  zuerst  in  der  Wochenauagabe  der  allgemeinen  Zei- 
tung, dann  durchgesehen  und  vermehrl  in  der  Germania  15,  20  ff.  veröffentlicht 
wurde.   Hier,   wie   in    allen    seinen   wissenschaftlichen   Untersuchungen,    schreitet 


126  MISCELLEN. 

er  mit  strenger  Methode  vor  und  weiß  jeden  gewonnenen  Anhaltspunkt  mit  Scharf- 
sinn in  seine  Consequenzen  zu  verfolgen  und  zu  neuen  Combinationen  zu  verwerthen. 

Bald  nach  der  Studienzeit,  als  Kurz  lediglich  mit  litterarischen  Arbeiten 
beschäftigt  in  Stuttgart  lebte,  entstand  in  unserem  Kreise  eine  kritische  Zeit- 
schrift, die  freilich  keine  große  Verbreitung  gefunden  hat:  der  Spiegel,  Zeit- 
schrift für  litterarische  Unterhaltung  und  Kritik.  Stuttgart,  bei  J.  B.  Metzler. 
1837  und  38.  Sie  enthielt  Beiträge  von  Gustav  Schwab,  J.  Fallati,  B.  Auer- 
bach, Eduard  v.  Kausler,  Rudolf  Kausler,  R.  v.  Mohl  u.  a.  Zu  dem  bedeutendsten, 
was  diese  Zeitschrift  brachte,  gehört  wohl  Kurzs  Artikel  über  Eduards  von 
Bülow  Simplicissimus.  Er  gibt  zuerst  die  Ergebnisse  seiner  Untersuchungen  über 
den  Verfasser  dieses  merkwürdigen  Buches  und  stellt  als  den  wahren  Namen  des- 
selben Hans  Jacob  Christoffel  von  Grimmeishausen  fest.  (Vgl.  meine  Ausgabe 
des  Buches,  Stuttgart,  für  den  litterarischen  Verein,  1854.  2,  1127  f.).  Weitere 
eingehendere  Forschungen  über  Grimmeishausen  und  seine  Schriften  hat  Kurz 
in  der  Beilage  der  Allgemeinen  Zeitung  yom  13.  Juli  1865  gegeben.  Wenn, 
wie  man  hoffen  darf,  Kurzs  wissenschaftliche  Abhandlungen  in  Auswahl  ge- 
sammelt erscheinen,  so  wird  diese  gediegene  Arbeit  nicht  übersehen  werden. 

Außer  dem  Dichter  des  13.  und  dem  des  17.  Jahrhunderts  vertiefte  sich 
Kurz  noch  vornehmlich  in  einen  des  18.,  den  heimischen  Schiller.  Sein  Roman 
über  seine  Jugendjahre  hat  insofern  theil weise  historische  Bedeutung,  als  der 
Verfasser  aus  mündlichen  und  schriftlichen  Quellen  über  die  Geschichte  jener 
Zeit  schöpfte,   welche  theils  jetzt  verstummt,   theils  wenigen,  zugänglich  sind. 

Für  die  neueste  deutsche  Poesie  und  ihre  Geschichte  war  Kurz  thätig 
besonders  durch  den  deutschen  Novellenschatz,  in  dem  er  in  Verbindung  mit 
Paul  Heyse  Proben  aus  den  besten  modernen  Erzählern  seit  Göthe  mit  kurzen 
biographischtn  Skizzen  zusammenstellte  und  wovon  seit  1871  18  Bände  er- 
schienen sind.  Der  als  Seitenstück  dazu  gegebenen  Sammlung  „Novellenschatz 
des  Auslands"    (1872  f.  9   Baude)    möge  hier  nur  beiläufig  gedacht  werden. 

Von  den  poetischen  Arbeiten  Kurzs  wird,  besorgt  von  Paul  Heyse,  eine 
Sammlung  in  acht  Bänden  erscheinen. 

Über  Kurzs  äußeres  Leben  ist  nicht  viel  zu  sagen.  Ungeneigt,  sich  in 
die  Bande  eines  amtlichen  Lebensberufs  zu  fügen,  lebte  er  unabhängig,  aber 
auch  unstät ,  in  Stuttgart,  Karlsruhe,  Weilheim,  Kirchheim  u.  T.  Einige 
Jahre  besorgte  er  die  Redartion  des  Stuttgarter  Oppositionsblattes  ,, Beobachter". 
Erst  18G-2  übernahm  er  die  durch  Prof.  Tafeis  Tod  erledigte  Stelle  an  der 
Universitätsbibliothek  in  Tübingen,  deren  Benutzer  seine  vielseitigen  Kenntnisse, 
wie  seine  aufopfernde  Gefälligkeit  dankbar  zu  rühmen  hatten.  Von  äußeren 
Ehrenbezeugungen  ist  dem  in  stiller  Zurückgezogeuheit  lebenden,  vielfach  ver- 
kannten Mann  nur  eine  zu  theil  geworden,  die  Verleihung  des  Doctordiploms 
honoris  causa  seitens   der  philosophischen   Facultät  in  Rostock. 

A.  v.  KELLER. 


Artur  Köhler. 

(Nekrolog.) 

Es  ist    eine    schöne   Sitte,    deren  Ausführung  Herr  Prof.  Bartsch    in  den 
letzten  Jahren    meist    selbst    auf   sich    genommen    hat,  den  dahin  geschiedenen 


MISCELLEN.  127 

Mitarbeitern  unserer  Germania  in  dieser  Zeitschrift  ein  ehrendes  Andenken  zu 
widmen.  In  dem  vorliegenden  Falle  aber  dürfte  es  sich  besonders  für  mich 
schicken,  dieser  Pflicht  gegen  den  zu  früh  verstorbenen  Fachgenossen  gerecht 
zu  werden,  da  ich  vor  mehreren  Jahren  an  der  Kreuzschule  zu  Dresden  Artur 
Köhler  als  College  nahe  stand  und  außerdem  von  dieser  Zeit  her  das  gegen- 
seitige, warme  Interesse  für  die  speciellen  wissenschaftlichen  Arbeiten  des  Anderen 
eine   engere  Verbindung   zwischen   uns   wach   erhielt. 

Dr.  Emil  Artur  Köhler  ist  geb.  zu  Dresden  am  22.  März  1841,  besuchte 
von  1854 — 1860  die  dortige  Kreuzschule,  studierte  anfänglich  Theologie,  dann, 
worauf  ihn  seine  Neigung  mehr  wies,  Philologie,  besonders  germanische  Sprachen 
in  Leipzig  unter  Zarnckes  Leitung.  1862  siedelte  er  nach  Göttingen  über  und 
promovierte  daselbst  am  19.  Nov.  1864.  Nachdem  er  hierauf  eine  Zeit  lang 
Hauslehrer  in  und  bei  Dresden  gewesen,  und  am  13.  Juli  1866  das  Examen 
für  die  Candidatur  des  Gymnasialschulamtes  in  Leipzig  bestanden,  wirkte  er 
an  der  Kreuzschule  zu  Dresden,  zunächst  als  Cand.  prob.,  seit  Ostern  1868 
als  ständiger  Oberlehrer.  Er  führte  hier  in  den  letzten  Jahren  das  Ordinariat 
der  Untersecuuda  und  ertheilte  den  deutschen  Unterricht  in  der  Prima.  Im 
Sommer  1873  erkrankte  er  an  einem  acuten  Lungenleiden  und  folgte  am 
26.  August  d.  J.  seiner  neun  Wochen  vorher  ihm  durch  den  Tod  entrissenen 
Gattin   ins   Grab*). 

Köhler  gehörte  zu  den  Gymnasiallehrern,  denen  ihr  Beruf  nicht  nur 
Mittel  zum  Zweck,  sondern  voller  Selbstzweck,  erste  Lebensaufgabe  ist.  Seine 
Lehrgeschicklichkeit,  vor  allem  auch  der  frische  anregende  Ton,  den  er  in  den 
Unterrichtsstunden  anzuschlagen  verstand,  erwarben  ihm  ebenso  das  Interesse 
wie  die  Liebe  seiner  Schüler.  Trotzdem  aber  ging  sein  Leben  nicht  in  dieser 
Thätigkeit  auf;  seine  Freistunden,  zumal  seine  Ferien,  verwendete  er  mit  un- 
ermüdlichem Eifer  für  theoretisch-wissenschaftliche  Arbeiten  auf  germanistischem 
Gebiete.  Nur  wenigen  ist  es  beschieden,  diese  ideale  Verbindung  praktischen 
und  theoretischen  Wirkens  auf  die  Länge  durchzuführen,  zugleich  Schulmann 
und  Förderer  der  Wissenschaften  zu  sein.  Köhler  war  nicht  stark  an  Körper- 
kraft; dieser  Widerstreit  der  Pflichten  und  die  damit  verknüpfte  übermäßige 
Anspannung  der  geistigen  Kräfte  ist  es  wohl  hauptsächlich  gewesen,  die  ihm  einen 
so  frühen  Tod  bereitet  hat. 

Köhler  hatte  sein  Interesse  besonders  zwei  Gebieten  zugewendet.  1.  Der 
Erforschung  der  gothischen  Syntax.  2.  Dem  Studium  der  angelsächsischen  Poesie, 
vor  allem   des  Beovulf. 

Die  Resultate  seiner  gothischen  Studien  hat  er  in  folgenden  Arbeiten 
niedergelegt. 

1.  Über  den  syntactischen  Gebrauch  des  Dativs  im  Gothischen.  Köhlers 
Doctordissertation.  Dresden   1864.   Wieder  abgedr.   Germ.  XI   p.   261  ff. 

2.  Nachtrag  zu   dii  indlung  Germ.   XII   p.   •  ',,'!  f. 

3.  Der  syntactische  Gebrauch  des  Infinitivs  im  Gothisohen.  Genn.  XII 
p.    421   IV. 

4.  Der  syntactische  Gebrauch  des  Optativs  im  Gothischen.  Germanistische 
Studien,  edd.  Bartsch.  I,  p.  77  ff.  <\  i  Brdmann,  Ztscbr.  f.  d.  Piniol. 
V  p.   212  ff.). 


*)  Für  die  genaueren  biogr.  Notizm  bin  ich  11.  Bector  Prof.  Bultsch  in  Dn 
zu  Danke   verpflichtet  K. 


128  MISCELLEN. 

Seine  übrigen  Abhandlungen  behandeln  nach  verschiedenen  Eichtungen 
die  ags.  Poesie.  Es  sind  diese: 

5.  Germanische  Alterthümer  im  Beövulf.   Germ.   XIII  p.    129  ff. 

6.  Über  den  Stand  berufsmäßiger  Sänger  im  nationalen  Epos  germani- 
scher Völker  [Vorwiegend  angels.  Verhältnisse  berücksichtigend].  Germ.  XV 
p.    27    ff 

7.  Die  Einleitung  des  Beövulfliedes.  Ein  Beitrag  zur  Frage  über  die 
Liedertheorie.   Ztschr.  f.   d.   Phil.   II  p.   350  ff. 

8.  Die  beiden  Episoden  von  Heremod  im  Bcövulfliede.  Ztschr.  f.  d.  Phil. 
II  p.   314  ff. 

Köhler  beabsichtigte  eine  größere  selbständige  Schrift  über  die  Com- 
pcsition  des  Beövulf  auszuarbeiten,  von  der  7  und  8  nur  Proben  sein  sollten. 
Wie   weit  dieselbe  gediehen,  vermag  ich  nicht  anzugeben. 

BRESLAU,  im  Nov.  1873.  EUGEN  KÖLBING. 


Notizen. 

Professor  Dr.  E.  Martin  in  Freiburg  hat  einen  Ruf  als  Professor  der 
deutschen  Sprache  und  Litteratur  an  die  Universität  Prag  erhalten  und  leistet 
demselben   Ostern    1874   Folge. 

Dr.  Ludwig  Hirzel,  Lehrer  an  der  Kantouschule  zu  Aarau,  ist  als 
ordentlicher  Professor  der  deutschen  Sprache  und  Litteratur  an  die  Universität 
Beru   berufeu   worden. 

Dr.  E.  Steinmeyer  hat  eine  außerordentliche  Professur  in  der  philo- 
sophischen  Facultät   der  Universität   Straßburg   erhalten. 

Dr.  Felix  Lindner  aus  Bunzlau  hat  sich  als  Privatdocent  für  die  neueren 
Sprachen,   besonders  für   Englisch,    an    der  Universität   Rostock   habilitiert. 

Am  22.  Januar  1874  starb  in  Corvey  Hoff  mann  von  Fallersieben; 
am  5.  Februar  in  Berlin  Moriz  Haupt;  am  G.  Februar  in  Berlin  Dr.  Oscar 
Jan  icke,  Oberlehrer  an  der  Sophienrealschule.  Nekrologe  wird  die  Germania 
in  ihrem   nächsten  Hefte  bringen. 


Zu  Germania  XVIII,  454,  Zeile  13  v.  u. 

Zu  diesen  Marzo  und  April e  in  den  Cyclopeninaueru  der  Porta  Bellona 
stimmt  in  Vielem,  was  ich  Genn.  17,  459  f.  über  das  Heidenwerfen  in 
Heimburg  mit^etheilt.  So  wie  an  der  Porta  Bellona  links  vom  Eingange  der 
Marzo  angebracht  war,  der  gesteinigt  wurde,  so  in  Heimburg  der  SommeT. 
Wie;  ihm  dort  der  Aprile  gegenübersteht,  so  in  Heimburg  dem  Sommer 
der  Winter  (oder  Attila).  Das  Auffallende,  daß  in  Heimburg  der  Sommer 
gesteinigt  ward  statt  des  Winters  steht  freilich  zu  diesem  in  Italien  auftreten- 
den Gebrauch  des  Heidenwerfens  in  Widerspruch;  denn  der  gesteinigte  Marzo 
ist  der  Winter.  SCHRÖER. 


BEITRÄGE   ZUR   KENNTNISS   DER  LANGOBAR- 
DISCHEN  SPRACHE. 


Zu  den  oft  wiederkehrenden  Änderungen,  welche  sich  die  roma- 
nischen Abschreiber  der  langobardischen  Gesetzessammlungen  in  Be- 
zug auf  die  in  denselben  erhaltenen  langobardischen  Ausdrücke  er- 
laubten, gehört  u.  a.  das  Weglassen  des  anlautenden  h  vor  Vocalen 
sowohl  als  vor  folgendein  r.  Das  nämliche  Gesetz  gilt  natürlich  auch 
für  die  bei  Paulus  Diaconus  erhaltenen  Namen.  Zwei  langobardische 
künigsnamen  ,  welche  in  den  meisten  Handschriften  mit  r  beginnen, 
haben  vor  demselben  ohne  Zweifel  ursprünglich  noch  ein  h  gehabt, 
ein  h,  welches  in  Einern  Falle  wenigstens  handschriftlieh  noch  erhalten 
und  beglaubigt  ist.  Es  sind  die  beiden  Königsnamen  Röthari  und  Ratchis, 
deren  ältere  und  echtere  Formen  Hrötharit  und  Urateis  müssen  ge- 
lautet haben. 

Wir  beginnen  zunächst  mit  dem  zuletzt  genannten  Namen  und 
suchen  demselben  auf  einem  kleinen  Umwege  beizukommen.  Bei  Paulus 
Diaconus  nämlich  in  dem  Werke  _,De  gestis  Langobardorum"  (VI, 
2C  u.  VI,  51)  heißt  ein  Sohn  des  Herzogs  Peinmo  von  Friaul  Ratchais. 
In  Ratchis  ist  das  h  zwischen  c  und  i  ohne  Zweifel  nur  eingeschoben, 
damit  der  Guttural  nicht  gequetscht,  sondern  wirklich  guttural  ge- 
Bprochen  werde,  gerade  wie  die  Italiener  aoch  heutzutag  ■  neben  amico 
in  der  Mehrzahl  amichi  schreiben  Das  zweite  Worl  isl  demnach  das 
Substantivuni  ix'i*.  dessen  streu"  althochdeul  che  Form  kis,  eis  lautel 
und  das  als  zweiter  Bestandtheil  zusammeng«  etzter  Männernamen  die 
Bedeutung  von  ..Held"  muß  gehabt  haben  (Wackernagel  in  Bindings 
Gesch.  des  burgundisch-romanischen  Königreichs  Bd.  I  S.  368).  Audi 
bei  Ratchait  gehört  das  zweite  Worl  zu  der  Dämlichen  Wurzel;  auch 
(ahd.  ger)  bezeichnel  1  I  den  Speer  und  2  in  zusammengesetzten  Namen 
von  persönlicher  Bedeutung  den  Helden  (Wackernagel  a.  a.  0.);  das 
h  aber  wird  hier,  wo  ei  an  und  ftlr  ich  allerdingf  entbehrlich  w 
nach  der  Analogie  der  mil  i  eis  zusammengesetzten  eingeschaltet 
sein.  Nun  aber  der  erste  Bestandtheil.  Pörsteraann  (Altdeutsches 
Namenbuch  I,  991)    schwankt   zwischen    dem    Sab  tantivura    räd, 

&MANU  Beihe.  .  9 


130  KARL  MEYER 

welches  seiner  Bedeutung  nach  sowohl  dem  lateinischen  opes,  copia 
als  consilium  entspricht,  und  dem  Adjectivum  hrad  (celer).  Daß  jedoch 
nur  letzteres  an  dieser  Stelle  passend  und  möglich  ist,  wird  sich  sofort 
ergeben.  Das  Substantivum  räd  hat  gedehntes  a;  nun  heißt  aber  bei 
Augustinus  (de  civ.  Dei  V,  23)  ein  gothischer  Heerführer  Rhadagaisus, 
also  genau  ebenso  wie  unser  Langobarde.  Da  aber  die  Gothen  be- 
kanntlich kein  ä,  sondern  bloß  a  hatten,  so  kann  jener  Heerführer  in 
ihrer  eigenen  Sprache  nur  Hradagais  (ahd.  Hratager)  geheißen  haben*). 
Von  Hratcais  aber  zu  Hratcis  ist  der  Schritt  ein  leichter  und  kurzer, 
und  die  Analogie  empfiehlt  denselben  obendrein;  wir  stellen  daher 
auch  das  erste  Wort  von  Ratchis  zu  hrad.  Dazu  kommt  noch,  daß 
Hratcais  einen  Bruder  Namens  Hratcis  hatte  (Paul.  Diac.  VI,  26),  und 
durch  diesen  Umstand  wird  die  Analogie  nicht  nur  zur  Möglichkeit 
oder  Wahrscheinlichkeit,  sondern  geradezu  zur  Notwendigkeit. 

Nun  aber  der  zweite  Königsname.  Die  Handschriften  haben  die 
Formen  Rotari,  Rothar,  Rohtarith,  Rottari,  Rotharus,  Rotharis,  Rotharit 
und  Hrotharit  neben  einander.  In  der  ältesten  und  besten  derselben, 
der  S.  Galler  (Nr.  730),  ist  der  Name  leider  gar  nicht  erhalten;  hingegen 
ist  nicht  zu  übersehen,  daß  eine  Pariser  Handschrift  von  hohem  Werthe 
(Nr.  4614,  bei  Bluhme  Nr.  10)  —  Bluhme  hält  sie  für  die  zweitbeste  — 
die  Form  Hrotharit  hat;  das  auslautende  t  erscheint  auch  sonst,  z.  B. 
als  th  im  Codex  Vaticanus,  ja  sogar  bei  Paulus  Diaconus  (VI,  18)  und 
ist  also  schwerlich  bloßes  Einschiebsel.  Wir  haben  also  das  zweite 
Wort  nicht  als  das  Substantiv  hari,  sondern  als  ein  schwaches  Parti- 
cipium  Perfecti  aufzufassen;  das  Verbum  aber,  welches  dieses  Partici- 
pium  voraussetzt,  ist  im  Gothischen  erhalten ;  es  lautet  da  vasjan  (vgl. 
altind.  vas,  lat.  vestire,  vestis,  ahd.  gaweri  1)  investitura,  Einkleidung 
in  den  Besitz,  2)  Besitz),  hat  die  Bedeutung  des  Kleidens,  Bekleidens, 
und  wird  also  bei  den  Langobarden  warjan  geheißen  haben;  das  an- 
lautende w  ist  wie  in  zahlreichen  andern  langobardischen  und  germa- 
nischen Worten  weggefallen.  Der  erste  Bestandtheil  sodann  hröth  ist 
das  Substantivum  rot,  ruod,  an.  hrödr  (gloria)  und  hat,  was  auch  sonst 
im  Langobardischen  Regel  ist,  die  dentale  Aspirata  beibehalten,  die- 
selbe noch  nicht  zur  Media  verschoben  (vgl.  Theudelinda,  Theuderäda, 
thinc,  morth  u.  s.  w.).  Hrotharit  ist  also  wörtlich  der  mit  Ruhm  be- 
kleidete. 


*)  Bei  Olympiodor  und  bei  Zosimus  heißt  der  Name  'Po3o-yt'üoo<;;  allein  das 
griech.  o  kann  für  ä  natürlich  nichts  beweisen.  (Vgl.  Zeuli ,  die  Deutschen  und  die 
Nachbarstämme,  S.  419  Anm.). 


BEITRÄGE  ZUR  KENNTNISs  DEK  LANGöRARDtSl  HEM   SPRACHE.     131 

In  Hrötharit  ist  also  das  im  Gothiseheu  noch  erhaltene  s  schon 
in  r  übergegangen.  In  einem  andern  Falle  hingegen  ist  das  s;  und 
zwar  auslautendes  s  geblieben.  Im  Edictus  Hroth.  nämlich  (278,  373, 
380)  steht  dem  lateinischen  curtis  ruptura  ein  langobardisch.es  Wort 
zur  Seite,  welches  in  den  Handschriften  oberus,  operus,  ebreos,  overos, 
oberus,  hoberos  lautet.  Die  beiden  Buchstaben  b  und  v  werden  im 
spätem  barbarischen  Latein  häufig  verwechselt,  (z.  B.  octabo,  renobintur, 
scriua,  culpauelis  für  octavo,  renoventur,  scriba,  culpabilis);  daß  aber 
hier  die  Aspirata,  wenn  auch  in  ihrer  weichen  Form,  und  nicht  die 
Media  am  Platze  ist,  ergibt  sich  aus  dem  lateinischen  'curtis  ruptura 
unzweideutig.  Das  gothische  raus  nämlich  (ahd.  rör)  setzt  ein  starkes 
Zeitwort  voraus,  welches  g.  hriusa,  hraus,  hrusum,  ahd.  riusu,  ros, 
rurumes  (ags.  hre'osan,  hreäs)  muß  gelautet  und  als  Grundbedeutung 
die  des  Brechens  muß  gehabt  haben;  rör  bezeichnet  demnach  das 
Geknickte,  Gebrochene,  während  ros  die  abstractere  Bedeutung  des 
Brechens  hat.  Das  s  ist  hier  durch  seine  Stellung  im  Auslaut  geschützt 
wurden:  auch  in  den  starken  Conjugationsclassen  des  Althochdeutschen 
erhält  sich  s  in  den  einsilbigen  Formen  des  Präteritums,  also  im  Aus- 
laut, länger  als  in  den   mehrsilbigen,  wo  es  in  den  Inlaut  kommt. 

Noch  ein  drittes  Wort,  welches  sein  anlautendes  h  vor  folgendem 
r  in  der  handschriftlichen  Überlieferung  verloren  hat,  während  die 
Laugobarden  selbst  dasselbe  unstreitig  noch  hatten  ,  findet  sich  Ed. 
Roth.  16;  der  Leicheuraub  heißt  da  rairaub;  Ansuald,  der  Notarius 
des  Königs  Hrotharith,  hat  ohne  Zweifel  noch  h rairaub  geschrieben. 
(Vgl.  g.   hraiv,   ahd.   hreo.) 

Auch   vor  anlautenden)  1   mögen   die  Langobarden  selbst  noch  ein 
h  gehabt  haben;    nur  ist  das   betreffende  Wort    schwieriger  zu    deuten 
als  die  bisherigen.  Ein  Fischteich  nämlich  hieß  bei  den    Langobarden 
lama  (Paul  Diae.  I,  1.5).  J.  Grimm  (Gesch.  d.  deutschen  Sprache  694) 
denkt  an  das  finnische  lammi  (lacus  minor),  das  litthauische  loma,  das 
lateinische    lama  (locus  humidus,   palustris,   das  spanische  (gothischi 
lama  (Schlamm,  Seegrund);  letzteres  wird  indessen  von  Diez     Etvniol. 
Wörterbuch   I,  241)   wohl    richtiger    nebsf    dem    portugiesischen    lama 
und  dem  in  der  Dauphin«'-  nachgewiesenen   lamma  auf  das  gemeinsam! 
lateinische  lama  zurückgeführt.    Letzteres  sowie  die  angeführten  finni 
sehen  und  litthauischen  Formen  können  wohl   urverwandt  sein;  es  fragl 
sich  indessen,  ob  innerhalb  der  germanischen  Mundarten  nicht  ebenfalls 
stammverwandte  Worte    zu    finden    sind.     Abel,    der   Übersetzer    des 
Paulus  Diaconus,  erklärt   Lima   durch  Lehm,  glaubl   also,  ei    stehe  hier 
ä  für  ai;  allein  Lehm   und  \\  <     ei       nd   doch  rschiedene  Dinge. 


132  KARL  MEYER 

Nun  besitzt  das  Altsächsische  ein  Verbum  hlamon  (hlamodun  üdeon, 
ström  an  stamne,  Hei.  2915),  ags.  hlemman;  welches  die  Bedeutung 
des  Rauschens  und  Tosens  hat;  hlama  als  stf.  oder  hlamo  als  schwm. 
würde  demgemäß  das  Wasser  als  rauschendes,  tosendes  Element  be- 
zeichnet haben.  Letzteres  wäre  nun  allerdings  eine  Eigenschaft,  welche 
zunächst  und  vorzugsweise  für  fließende  Gewässer  und  nicht  für  einen 
stehenden  Fischteich  sich  eignete;  es  ist  indessen  nicht  unmöglich, 
daß  dieselbe  zunächst  vom  Wasser  im  Allgemeinen  galt,  dann  aber 
schließlich  zur  Bezeichnung  einer  bestimmten  Art  von  Wasserbehälter 
verwendet  wurde. 

Auch  vor  Vocalen  ist  anlautendes  h;  zumal  in  den  spätem  Hand- 
schriften, weggefallen.  So  heißt  der  Schultheiß  in  den  langobardischen 
Gesetzbüchern  durchweg  mit  Wegfall  des  h,  mit  welchem  das  zweite 
Wort  eigentlich  beginnen  sollte,  sculdais  (nur  die  S.  Galler  Handschrift 
hat  sculdhais  Roth.  35),  und  daraus  wird  dann  gelegentlich  noch,  da 
die  Romanen  den  Diphthongen  gerne  auswichen,  sculdahis  (vgl.  den 
marpahis  für  marpaiz  bei  Paul.  Diac.  II,  9).  In  beiden  Worten,  in 
sculdhaiz  und  marpaiz,  ist  überdieß  die  Vertauschung  der  dentalen 
Aspirata  z  im  Auslaut  gegen  s  charakteristisch  für  die  romanischen 
Schreiber*;,  welchen  wir  die  Aufzeichnung  der  Gesetze  wie  des  Ge- 
schichtswerkes des  Paulus  Diaconus  verdanken. 

Als  eine  Eigentümlichkeit  der  langobardischen  Mundart  wird 
uns  ferner  von  Paulus  (I,  9)  das  anlautende  gw  bezeichnet  —  Wodan 
sane,  quem  adjecta  litera  Gwodan  dixerunt  — ;  indessen  war  J.  Grimm 
(Gesch.  d.  deutschen  Sprache  295,  296)  geneigt,  diese  Consonanten- 
verbindung  romanischem  Einflüsse  zuzuschreiben,  und  daß  er  in  dieser 
Beziehung  vollkommen  Recht  hatte,  ergibt  sich  aus  folgenden  Gründen. 
Die  altern  und  bessern  Handschriften  des  Edictus  Hrötharit  kennen 
im  Anlaut  bloßes  w,  haben  also  wergild,  wecwori,  waregang:  im 
Gegensatze  hiezu  haben  die  spätein,  welche  die  ursprünglichen  lango- 
bardischen Formen  auch  sonst  immer  mehr  entstellen,  zumal  die  Madrider, 
einmal  (Roth.  9)  auch  die  von  La  Cava,  guidrigild,  guecorion,  guare- 
gang.  Die  S.  Galler  Handschrift,  welche  also  noch  nirgends  gw  kennt, 
gehört  noch  dem  siebenten  Jahrhundert  an;  Paulus  schrieb  sein  Ge- 
schichtswerk gegen  Ende  des  achten.  Wenn  nun  einerseits  die  ältesten 
langobardischen  Quellen  anlautendes  gw  nicht  kennen,  und  wenn  an- 
dererseits Paulus  dasselbe  als  eine  Eigenthümlichkeit  der  Sprache 
seines  Volkes  erwähnt,  so  ergibt  sich  daraus,  daß  die  Eigenthümlich- 


': ;  Auch  die  S.  Galler  Hdscbr.  hat  dieses  s  durchweg. 


BEITRÄGI    ZUK  KENNTNISS  DER  l  ^NG  OB  ARDISCHEN  SPRÄCHE.     133 

km  als  solche  keine  ursprüngliche  ist,  daß  ihre  Ausbildung  vielmehr 
erst  einer  spätem  Lebensepoche  der  Sprache  angehört,  daß  sie  in 
keinem  Falle  älter  ist  als  das  achte  Jahrhundert.  Daß  wir  aber  die- 
selbe romanischem  Einflüsse  verdanken,  schein!  mir  namentlich  aus 
folgendem  Umstände  hervorzugehn.  Die  italienischen  Worte,  welche 
Diez  (Grammatik  d.  roman.  Sprachen  •"«.  Aufl.  Th.  [,  S.  (17  ff.)  als  aus 
dem  Germanischen  eingedrungen  anführt,  sind  sicherlich  beinahe  au 
nalimslos  langnnardischen  Ursprungs;  es  entspricht  alter  in  denselben 
•  rmanischem  w  im  Anlaut  durchweg  gu;  aus  werra  wird  z.  B.  guerra 
(französ.  guerre),  aus  wisa  guisa  (franz.  guise),  aus  warten  guardare 
u.  s.  w.  Anlautendes  gw  ist  somit  allerdings  eine  Eigenthümlichkeil 
d<  Langobardischen ,  alter  kein.-  echte  und  ursprüngliche,  sondern 
eine  aus  romanischem  Einfluß  eingedrungene;  vollständig  durch- 
gedrungen ist  dieselbe  übrigens  auch  im  achten  Jahrhundert  keines- 
wegs, und  Paulus  selbst  liat  noch  genug  langobardische  Worte,  in 
welchen  das  einfache  w  im  Anlaut  entweder  geblieben  (Wacho,  Wald- 
räda  u.  s.  w.)  oder  gänzlich  abgefallen   ist   (Ulfhari). 

Unter  den  wegen  ihres  auf  einer  spätem  Entwicklungsstufe  des 
Sprache  eingetretenen  anlautenden  gw  erwähnten  Worten  verdient  einer 
noch  eine  speciellere  Besprechung,  nämlich  wergild.  Das  Wort  wurde 
in  dieser  seiner  eckten  Tonn  den  Langobarden  früher  einfach  ab- 
rochen.  ..  I  >)»•  langobardischen  Gesetze  haben  nie  werigild,  vielmehr 
widrigild,  guidrigild",  sagt  .1.  Grimm  (Deutsche  Rechtsalterthümer, 
S.  652).  In  ähnlichem  Sinne  äußert  sich  Osenbrüggen  (Strafrecht  der 
Langobarden,  S.  15):  „Wergeid  kommt  in  den  langobardischen  Rechten 
nicht  vor,  an  unzähligen  Stellen  aber  Widrigild :  an  wenigen  Stellen 
findet  sich  die  Form  Wjrigild  (Roth.  268.  Liutpr.  85),  aber  nicht  mit 
Wergeid  zusammenfallend,  sondern  in  der  Beziehung,  die  das  Widri- 
gild am  häutigsten  hat".  Seitdem  di<  Ausgabe  der  langobard.  Gesetze 
von  Fr.  Bluhme  (Monumenta  Germaniae  historica;  legum  tomus  IV. 
Hannovera«  1868  und  Edictus  ceteraeque  Langobardura  leges.  Ilanno- 
vera<  lst'>'.'  1  r  chi<  nen  ist  vi  rhält  sich  die  Sache  anders.  Nach  Blulime 
nämlich  haben  die  besten  Handschriften,  die  S.  Galler  und  die  Paj 
(1  und  10)  wergild,  und  widrigild  linde)  .ick  erst  in  jungem  oder 
schlechtem,  auf  welchen  freilich  alle  frühern  Ausgaben  <\<  1  Gesetze 
beruhen*).    Eine  Stelh  ,    an    welcher,    wie  Osenbiit  1    0     16 


*)  Genau  genommen  hat  1  nur  wergild,  10  neben  wergild  mich  wirgild  und 
wirigild,  die  übrigen  meist  widrigild,  wählend  8  immer  und  9  meistentheils  guidiigild 
hahen. 


134  K  VKT-  MEYEH 

meint,  „Widrigild  nicht  Wergeid  bedeutet"  oder  vielmehr  nach  seiner 
Auffassung  nicht  Wergeid  bedeuten  kann,  ist  mir  nicht  vorgekommen; 
vielmehr  scheint  mir  „wergild"  an  allen  von  ihm  zum  Beweise  des 
Gegentheils  angeführten  Stellen  die  Bedeutung  von  Wergeid  sehr  wohl 
haben  zu  können.  Wenn  es  z.  B.  nach  Ed.  Roth  9  von  einem  falschen 
Ankläger  heißt*):  „Et  si  provare  non  potuerit  et  cognuscitur,  dolusse 
adeusassit,  tunc  ipsc,  qui  aecusavit  et  prouare  non  potuit,  wergild  suo 
conponat,  medietatem  regi,  et  medietatem,  cui  crimen  injeetum  fiierit", 
so  ergibt  sich  aus  der  angefühlten  Stelle  gerade  das  Gegentheil  dessen, 
was  Osenbrüggen  aus  derselben  zu  beweisen  sucht.  Der  falsche  An- 
kläger hat,  eben  weil  seine  Klage  eine  falsche  ist,  sein  Leben  verwirkt, 
und  um  sich  zu  lösen  von  der  Strafe,  muß  er  denjenigen  Preis  be- 
zahlen, zu  welchem  jenes  für  den  Fall  der  Ermordung  angeschlagen 
ist,  also  sein  Wergeid.  Daß  die  Hälfte  des  letztern  dem  König  zufällt, 
ergibt  sich  aus  der  germanischen  Anschauungsweise,  nach  welcher 
durch  die  Missethat  der  allgemeine  Zustand  des  Friedens  (Waitz, 
Deutsche  Verfassungsgeschichte  2.  Aufl.  Bd.  I,  392)  gebrochen  und 
somit  die  Gesammtheit  des  Volkes  (Waitz, .  ebend.  410,  411),  als  deren 
Repräsentant  bei  den  Langobarden  der  König  erscheint,  verletzt  ist. 
In  der  lex  Salica  z.  B.  (tit.  XVIII)  erscheint  allerdings  auf  Verläum- 
dung  eine  geringere  Buße  (2500  dinar,  qui  faciunt  sol.  62'/„)  gesetzt 
als  auf  Tödtung  eines  freien  Franken  (8000  dinar,  qui  faciunt  sol.  200 
nach  tit.  XLI,  1) ;  hingegen  stimmt  jene  mit  dem  Wergeid  eines  tribut- 
pflichtigen Römers  (tit.  XLI,  7)  überein.  Es  ergibt  sich  daraus  bloß, 
daß  falsche  Anklage  bei  den  Langobarden  härter  bestraft  wurde  als 
bei  den  Saliern ;  denn  daß  Ed.  Roth.  9  nichts  anderes  als  das  Wergeid 
gemeint  ist,  ergibt  sich  einmal  aus  dem  Texte  der  Handschriften  1 
und  10,  und  zweitens  hätte  das  hinzugefügte  Pronomen  possessivum 
suo'  durchaus  keinen  Sinn,  wenn  Widrigild  (Wiedervergeltung)  richtige 
Lesart  wäre.  Übrigens  sagt  Osenbrüggen  selbst  (a.  a.  O.  S.  15),  Widri- 
gild bezeichne  entweder  den  Werth  des  Verletzten  oder  den  des  Ver- 
letzers, und  S.  16  nennt  er  es  den  „Entgelt  für  die  verwirkte  Per- 
sönlichkeit"**). Es  ist  also  stets  wergild  richtige  Lesart;  widrigild  mag 
an  und  für  sich  wohl  ein  langobardisches  Wort  gewesen  sein,  nur 
kann  es  nicht   den  Werth    einer  Persönlichkeit,   sei  es  der   eines  Ver- 


*)  Nicht  zu  übersehen  ist,  daß  es  sich  um  eine  Capitalanklage  direct  beim 
König  handelt:  Si  qnis  qualemcumque  hominem  ad  regem  ineusaverit  quod  ad  animse 
perteneat  periculnm  etc. 

**)  Vergl.  auch  noch  ebend.  S.  159,  160. 


BEITRÄGE  ZUR  KENNTNISS  DER  LANGOBARDISCHEN  SPRACHE.     135 

letzten  oder  der  eines  Verletzers,  bezeichnet  haben,  sondern  seine 
Bedeutung  muß  einfach  die  <\c*  Schadenersatzes,  der  compositio,  ge- 
wesen sein.  An  und  für  sich  ist  freilich  das  Wergeid,  Avelches  ein 
Mörder  den  Angehörigen  des  Ermordeten  zahlt,  auch  in  gewisser  Hin- 
sicht ein  Schadenersatz;  nur  liegt  es  auf  der  Hand,  daß  der  Begriff 
der  compositio  ein  viel  umfassenderer  ist  als  der  des  Wergeides.  Ganz 
ähnlich  vorhält  es  sich  mit  der  von  Osenbrüggen  (a.a.O.  S.  16)  eben- 
falls zu  Gunsten  seiner  zwischen  Wergeid  und  Widrigild  unterscheiden- 
den Theorie  citierten  Stelle  Ratchis  9:  Nam  si  ipsum  oeeiderit — con- 
ponat  mortem  illius,  simul  et  wirigild  (sie.  Cod.  Paris.  —  10)  suo  regi 
pro  praesumptionem *).  Hier  ist  also  der  Fall  angenommen,  daß  ein 
Langobarde  einen  Freien,  den  er  zu  seinem  Hörigen  oder  Sclaven 
machen  will,  tödtet;  auch  da  hat  <\^\-  Betreffende  sein  eigenes  Leben 
verwirkt  und  muß  nun.  um  sich  zu  losen,  dem  König  sein  eigenes 
Wergeid  bezahlen,  abgesehen  von  dem  ebenfalls  zu  entrichtenden 
Wergeide  des  Erschlagenen. 

Es  ist  oben  darauf  hingewiesen  worden,  wie  gerne  die  nichtger 
manischen  Schreiber  das  organische  h  weglassen,  und  es  bot  sich  da- 
mals in  Bezug  auf  sculdahis,  der  neben  sculdais  erscheinenden  Form, 
auch  Gelegenheit,  auf  eine  zweite  Eigenthümlichkeil  der  Romanen, 
auf  ihre  Neigung,  unorganisches  h  einzuschalten  oder  hinzuzufügen, 
hinzuweisen.  Und  es  findet  sich  dieses  unorganische  h  nicht  nur  in 
Fällen,  wo  es  sich  darum  handelte,  einen  dem  Romanen  nicht  geläu- 
figen Diphthongen  zu  trennen,  sondern  es  kommt  dasselbe  auch  im 
Beginn  der  Worte,  lateinischer  sowohl  als  langobardischer,  vor  einem 
Vocale  vor.  Nach  Bluhme  finden  sich  in  der  S.  Galler  Handschrift 
Formen  wie  hedictum,  hoccisus  u.  s.  w.,  und  ein  langobardisches  Wort, 
welches  dieselb<  in  der  nämlichen  Weise  entstellt  hat,  ist  amund 
(haamund  l)  Ed.  Roth.  224,  2.">.r>;  auch  andere  Bandschriften,  z.  B. 
die  Wolfenbüttler  (Nr.  •  '»)  und  die  schon  mehrfach  erwähnte  Pariser 
hahen  in  diesem  Worte  d.i.-  anlautende  h.  An  und  für  sich  bezeichnet 
ämund  denjenigen,  welcher  von  der  Mund,  von  der  vormundschaftlichen 
Gewalt   eines  andern,  frei  ist. 

Die  beiden  Handschriften  von  Paris  und  S.Gallen  stimmen  end- 
lich hinsichtlich  des  anlautenden  h  auch  darin  ftberein,  daß  sie  das- 
selbe den  schon  viel  besprochenen  Worten  haldius,  haldia  und  haldio 
geben;  dasselbe  h  findet  Bich  Übrigens  auch  in  den  Handschriften  Nj     1 


*)   Die    praesumptio    ist    die   Darlegung   des   bösen  Willens    ohne  Rücksicht  auf 
den  Erfolg;  vgl,   Wilda,  Btrafrecht  603,    ! 


136  KARL  ME1  ER 

und   11  ,  während    es   in   allen    übrigen    fehlt.    Es    tragt  sieh  demnach, 
ob  wir  auch  hierin  eine  Einwirkung  des  Romanischen   erkennen,  oder 
ob  wir   die  Formen   mit  li   umgekehrt  für  die  echtem  langobardischen 
halten  sollen.  Für  letzteres  würde  der  sonstige  Werth  der  beiden  Hand- 
schriften, zumal  der  der  S.  Galler  sprechen,  für  ersteres  die  Analogie 
der  übrigen  angeführten  Beispiele.  Bluhme  hat  sich  bekanntlich  für  die 
Form  mit  h  entschieden  und  dieselbe  demgemäß  in  seinen  beiden  Aus- 
gaben consequent  durchgeführt;  seine  Erklärung  des  Wortes  —  es  soll 
zu  dem  Zeitwort    halten'  gehören  —  ist  jedoch  wie  so  manche  andere 
seiner  Deutungen  (vgl.  z.  B.    das   über  ari-gauuere  Gesagte)  so  aben- 
teuerlich, daß  sich  kein  der  altern  germanischen  Mundarten  Kundiger 
durch  dieselbe  wird  bestimmen  lassen;  sie  ist  auch  anderswo  bekannt- 
lich auf  heftigen  Widerspruch    gestossen.  Ohne  Zweifel  ist  das  h  hier 
sowenig  organisch   als  in  ämund,    und  kämen  die  betreffenden  Worte 
so  selten  vor  wie  jenes,  wären  sie  ferner  so  leicht  zu  deuten  wie  ämund, 
so  würde  man   keinen  Augenblick   an   der  Unechtheit   des  h  zweifeln. 
So  wie   die   Dinge   in  Wirklichkeit   liegen,    imponiert   allerdings   beim 
ersten  Blick  die  consequente  Durchführung  verbunden  mit  der  so  häu- 
figen Wiederkehr    der    genannten  Worte.    Ich    stehe    indessen   keinen 
Augenblick  an,  aldius,  aldia   und  aldio    für    die   echt   langobardischen 
Formen  zu  erklären,  zumal  da  die  bairische  Quelle,  welche  das  Wort 
ebenfalls   kennt,    die  Urkunden   in  Meichelbecks    historia   Frisingensis, 
für  das  achte  Jahrhundert  ebenfalls  die  Form  ohne  h  bezeugt  (J.  Grimm, 
Rechtsalterthümer  S.  309).  Und  was  die  Bedeutung  des  Wortes  betrifft, 
so  wird    man    schwerlich    über    dasjenige    hinauskommen,    was    schon 
J.  Grimm  (Rechtsalterthümer,  S.  310)  vermuthet  hat.  Nur  an  das  von 
ihm  ebendaselbst  angeführte  gothische  albino,  albjino  wird  man  nicht 
denken    dürfen,    da  aldius  etc.  .  .  .  wie    das  ags.  eldjan  einerseits  und 
das  ahd.    eltan,    alta   andrerseits   zeigen,    selbst   auf  der  gothisch-ger- 
manischen  Stufe  der  Lautverschiebung  geblieben  ist,  und  da  auch  sonst 
die  hochdeutsche  Lautverschiebung  im  Langobardischen  gerade  in  der 
Reihe    der   Dentale    am   wenigsten    durchgedrungen    ist.    Im    übrigen 
aber   empfiehlt    sich  Grimms  Deutung   um  so    besser,    als   das   andere 
und  häufigere  Wort,  welches  in  den  meisten  germanischen  Mundarten 
den  Halbfreien  oder  Freigelassenen  bezeichnet,  litus,  auf  der  nämlichen 
Anschauung  beruht   (vgl.  Rechtsalterthümer  308,  309). 

Koch  andere  langobardische  Worte  sind  bis  jetzt  entweder  gar 
nicht  oder  wenigstens  nur  ungenügend  gedeutet  worden.  Im  Ed.  Roth. 
wird  an  mehreren  Stellen  (tit.  14,  48,  74)  ein  Hauptwort  angargathungi 
genannt  und   zugleich    durch  die  lateinischen  Worte  qualitn^  personae 


BEITRAG]    /i  R  KENNTNISS  DEE  l  ^NGOBARDIS«  min  SPRACHE      137 

umschrieben.  Das  Worl  ist  ein  Decompositum,  d.  h.  das  bereits  mit 
der  Vorsylbe  ga-  zusammengesetzte  thungi  ist  noch  mit  einem  Nomen 
angar  zusammengesetzt  worden.  Wenn  wir  nun  die  Deutung  des 
Wortes  mit  dem  zweiten  Bestandtheile  beginnen,  so  erinnert  derselbe 
zunächst  an  as.  githungan,  ags.  gethungen  im  Sinne  von  'tüchtig,  treff- 
lich', welches  seinerseits  auf  ein  Zeitwort  thingan  mit  der  Bedeutung 
des  lateinischen  proficere  (Ztschr.  f.  d.  A.  XI,  430)  hinweist.  Hierher 
gehört  auch  an.  thungr  :  schwer  (an  Gewicht)  und  der  thunginus  der 
lex  Salica  (tit.  44,  1;  46,  1).  Das  Hauptwort  gathungi  (stn)  bezeichnet 
folglich  den  Werth  einer  Person .  zu  welchem  dieselbe  für  den  Fall 
eines  Todschlags  oder  auch,  wenigstens  seil  der  Zeit  d«  s  Königs  Uro 
tharit,  für  den  einer  Verstümmelung  (cf.  tit.  7 1  angeschlagen  war. 
1>;i>  erste  Wort  von  angargathungi  nun  aber  ist  schwerlich  ein  anderes 
als  das  gewöhnliche  ahd.  angar,  nhd.  Anger;  denn  auf  dem  größern 
oder  geringern  Eteichthum  an  Gras  und  Ackerland  beruhte  neben  dem 
Viehstand  bei  einem  vorzugsweise  dem  Ackerbau  und  der  Viehzucht 
ergebenen  Volke  die  Werthschätzung  des  Mannes  überhaupt.  Man 
denke  an  die  ähnliche  Doppelbedeutung  von  fihu;  Hgangi  heißt  Roth. 
253,  2'.U  der  Dieb;  ursprünglich  bezeichnete  es  den  mit  der  beweg 
liehen  Habe  eines  Andern,  zumal  mit  dessen  Vieh,  Davongehenden. 
Die  größten  Schwierigkeiten  bietet  indessen  Roth.  225.  Si  libertus, 
qui  fulcfre  factus  est,  filiüs  dereliquerit  legetemüs,  sint  Uli  heredes;  si 
rilias,  habeant  legem  suam,  si  naturales,  habeanl  et  ipsi  legem  suam. 
Et  si  easu  casu  faciente  sine  heredes  mortuus  fuerit  et  antea  judica- 
verit  se  vivo  res  suas  proprias,  id  est  andegauuerc  et  arigauuerc  seeun 
dum  legem  Langobardorum ,  habeat  cui  donaverit.  Nam  quantum  de 
benefactori  suo  per  donum  habuit,  si  eas  non  oblegavit  in  liber- 
tatem,  ad  ipsum  patronum  aut  ad  heredes  ejus  revertantur.  Et  si  ali- 
quid in  casindio  ducis  aut  privatorum  hominum  obsequium  donum 
munus  conquisivit,  res  ad  donatore  revertantur.  Alias  vero  res,  si,  ul 
dictum  est,  heredes  aon  derelinquerit,  aut  se  vivo  non  judieaverit, 
patronue  succedat  sieul  parenti  suo.  I  handelt  sich  also  um  das 
Recht  ein,-.  v,,n  »einem  Herrn  Freigesprochenen  für  den  Fall  seil 
Todes  über  'in  Ei  gen  thum  zu  verfügen  Nicht  tinter  diese  Verfugungs 
recht  fallen  einmal  diejenigen  Gegenstände,  welche  der  Patron  dem 
Freigelassenen  geschenkt  hat  (quantum  de  res  benefactori  iio  pei 
donum  habuit),  falls  nicht  der  libertus  dieselben  sich  ebenfalls  als  frei 
ausbedungen  hat  (si  eas  non  oblegavil  in  libertatern  ;  ist  letzteres  nicht 
geschehen,  sti  lallen  die  betreffenden  Gegenstände  an  den  patronus 
zurück,    Wae   ferner  dei    libertu     »ich  entweder  auf  einem  ileereszuge 


138     K.  MEYER.   BEITRÄGE  ZUR  KENNTNIS*  DER  LANGOBARD.  SPRACHE. 

(in  easindio  ducis)  oder  im  Dienste  von  Privatpersonen  (privatorum 
hominum  obsequium)  noch  erworben  hat,  fällt  an  den  Geber  zurück 
(ad  donatore  revertantur).  Im  Gegensatze  nun  zu  den  genannten 
Gegenständen  steht  dasjenige,  was  der  Edictus  alias  res  und  res  suas 
proprias '  nennt,  und  was  er  mit  den  langobardischen  Ausdrücken  ande- 
gauuerc  und  arigauuerc  bezeichnet.  Die  beiden  Worte  sind  keineswegs 
durchweg  in  dieser  Form  überliefert;  vielmehr  sehwanken  die  Hand- 
schriften, abgesehen  von  eigentlichen Ungenauigkeiten  und  Entstellungen, 
zwischen  garniere  und  gaunere.  In  beiden  Worten  findet  sieh  auslauten- 
des c  in  Cod.  6,  10,  11,  auslautendes  e  in  Cod.  2,  3,  5,  8,  9.  In  der 
S.  Galler  Handschrift  ist  leider,  wie  mir  Prof.  Götzinger  brieflich  mit- 
theilt, die  Stelle  durch  Anwendung  chemischer  Mittel  im  höchsten  Grade 
unleserlich  gemacht  (vgl.  auch  Mon.  Germ.  bist.  Leg.  tom.  IV,  pag. 
XIII);  eine  genaue  Entscheidung  ist  hiedurch  beinahe  zur  Unmöglich- 
keit geworden;  doch  möchte  sich  Götzinger  —  und  auch  Bluhme  hat 
so  gelesen  —  am  liebsten  für  ein  c  im  ersten  und  für  ein  e  im  zweiten 
Worte  entscheiden.  Nehmen  wir  an,  das  e  sei  richtig,  so  würde  uns 
das  auf  gawere  (ahd.  gaweri,  Graff  I,  929,  mhd.  gewer)  führen;  ga- 
weri  gehört  zu  werjan  (g.  vasjan)  und  heißt  1)  Einweisung  in  den 
Besitz,  investitura,  2)  Besitz  (vgl.  Heusler,  Die  Gewere.  S.  50).  Dieser 
Erklärung  steht  indessen  ein  Umstand  im  Wege;  die  Sprache  der 
Langobarden  nämlich,  wie  sie  uns  in  den  Rechtsbüchern  derselben 
überliefert  ist,  zeigt  auch  nicht  die  leiseste  Spur  des  Umlauts,  und  das 
Wort  müsste  demnach  nicht  gawere  sondern  gawari  gelautet  haben; 
auch  die  Schwächung  des  i  zu  stummem  e  wäre  für  das  siebente 
Jahrhundert  noch  ganz  undenkbar,  zumal  da  das  Wort  sein  i  noch 
zu  Anfang  des  neunten  (Graff  I,  929)  ungeschwächt  bewahrt  hat.  Da 
also  ein  e  in  der  Flexionssilbe  wie  in  der  Wurzelsilbe  undenkbar 
ist,  da  ferner  der  Codex,  schon  als  Bluhme  ihn  verglich,  sehr  entstellt 
war,  und  da  drittens  c  und  e  einander  sehr  ähnlich  sind,  so  bleibt 
keine  andere  Möglichkeit  übrig,  als  auch  für  das  zweite  Wort  ein 
auslautendes  c  anzunehmen.  Es  ist  das  umso  eher  gestattet,  als  die 
Übereinstimmung  von  <>,  IC»  und  11  in  Bezug  auf  zweimaliges  e  einer- 
seits und  die  vielfachen  Übereinstimmungen  von  1  und  10  andrerseits 
dieser  Annahme  zu  Hilfe  kommen.  Richtige  Lesart  wäre  somit  in 
beiden  Fällen  gawere,  und  zwar  in  dem  collectivisch  concreten  Sinne, 
welchen  mit  ge-,  ga-  zusammengesetzte  Nomina  so  häutig  haben,  also 
etwa  in  der  Bedeutung  von  Geräthc.  Der  erste  Bestandtheil  des 
zweiten  Wortes  ist  nichts  anderes  als  das  Substantivum  ari,  welches 
auch    sonst   im   Munde    der    Romanen   oft   sein    anlautendes  h   verliert 


K    MAURER    DAS  G0TTESURTHE1]    IM  ALTNORDISCHEN  RECHTE       139 

vgl.  arimannus,  arischild,  aritraib)  und  arigawerc  oder  harigawerc 
wäre  demnach  Heergeräthe ,  Bewaffnung.  Aber  auch  das  erste  Wort, 
andegawerc,  wird  ein  anlautendes  li  eingebüsst  haben,  und  es  wird 
ursprünglich  und  langobardisch  handegawerc  geheißen  haben;  die 
formelhafte  Verbindung  der  beiden  Begriffe  verlang!  auch  den  näm 
liehen  Anlaut.  Nicht  leicht  ist  nun  freilich  zu  sagen,  was  unter  hande 
gawerc  (Handgeräthe)  zu  verstehen  ist.  Vielleicht  stellt  das  Wort  in 
einem  gewissen  Gegensatze  zu  harigawerc,  wie  das  ja  bei  derartigen 
formelhaften  Verbindungen  zweier  Werte  häufig  der  Fall  ist;  in  diesem 
Falle  müsste  man  an  diejenigen  Gerätschaften  denken,  welche  für 
die  friedlichen  Beschäftigungen,  Ackerbau,  Viehzucht  oder  Handwerk 
nothw endig  waren. 

Da  oben  von  Wodan  die  Rede  gewesen  ist,  so  mag  zum  Schlüsse 
noch  seine  Gemahlin  erwähnt  werden.  Paulus  Diaconus,  welcher  die- 
selbe (1,8)  anführt,  nennt  sie  Frca.  Das  e  entspricht  hier  dem  sonst 
üblichem  i  gerade  wie  in  lülcfrc  (Roth.  216,  224,  22ö,  257),  dessen  i 
hinwiederum  Dehnung  eines  ursprünglichen  i  (vgl.  goth.  frija)  ist.  Zur 
Erhaltung  des  organischen  i  haben  die  Gothen  eben  das  j  hinter  dem- 
selben eingeschoben,  und  auch  im  Ahd.  findet  sieh  neben  fri,  fri-a, 
frie  ein  frige,  dessen  g  als  j  aufzufassen  ist.  Auch  in  dem  Namen  der 
genannten  Göttinn  findet  sich  das  kurze  i  conserviert  in  der  thüringi- 
schen Form  des  zweiten  Merseburger  Zauberspruchs,  wo  Müllenhoff 
und  Scherer  (Denkmäler  S.  7)  freilich  unrichtig  Fria  schreiben;  und 
ebenso  ist  die  nordische  Form  Frigg  aus  *Frijar  durch  die  Mittelstufen 
*Frijr,  *Frigr  entstanden.  Die  Langobarden  hingegen  haben  die  Dehnung 
vorgezogen,  haben   jedoch  an   die   Stelle  des  i  ein  c  gesetzt. 

BASEL,  Febr.  1874.  KARL  MEYER. 


DAS  GOTTESURTHEIL  IM  ALTNORDISCHEN 

RECHTE. 

In  den  isländischen  sowohl  als  norwegischen  Rechtsquellen  tritt 
das  Gottesurtheil  regelmäßig  unter  der  Benennung  skirsl  oderski'rsla 
auf.  Von  dem  X>  itworte  skira,  d.  h.  reinigen,  abgeleitet,  ist  diese  Bezeich 
nung  offenbar  nur  einet  bersetzung  des  kirchlichen  Ausdruckes  „purgatio;" 
wenn  ferner  in  den  uorwegischen  Rechtsbüchern  von  guds  skirslir 
prochen1),    oder  zwischen   dem   Bkirsl    guda   ok  manna    unter 

I      !    I.  .    I.\     §.    10. 


140  K.  MAUREK 

schieden  wird2),  so  ist  damit  unverkennbar  der  kirchliche  Gegensatz 
der  purgatio  canonica  et  vulgaris  in  das  einheimische  Recht  herüber- 
getragen. Ob  auch  der  ein  einziges  Mal  gebrauchte  Ausdruck  vitnit 
mikla3)  überhaupt  auf  das  Gottesurtheil  zu  beziehen  sei,  und  wie  er 
solchenfalls  zu  erklären  sein  möge,  lasse  ich  vorläufig  dahingestellt; 
sehe  ich  aber  von  ihm  ab,  so  ist  klar,  daß  jede  nationale  Bezeichnung 
für  dieses  fehlt,  welche  sich  allenfalls  noch  auf  die  vorchristliche  Zeit 
zurückbeziehen  ließe. 

Auch  die  Formen  des  Gottesurtheiles,  welche  sieh  in  den  Rechts- 
büchern verwendet  zeigen,  sind  lediglich  die  in  der  ganzen  abend- 
ländischen Christenheit  gebräuchlichen.  Der  järnbur  dr,  d.  h.  die  Probe 
des  glühenden  Eisens,  wurde  vorzugswei  se  bei  Männern,  das  ket  iltak, 
d.  h.  der  Kesselfang,  vorzugsweise  bei  Weibern  angewandt4);  doch 
hielt  man  an  dieser  Regel  keineswegs  ausnahmslos  fest,  vielmehr  ließ 
man  auch  Weiber  gelegentlich  zur  Eisenprobe  greifen.  Im  Übrigen 
gestaltete  sich  aber  der  Gebrauch  des  Gottesurtheiles  etwas  verschieden 
in  Norwegen  und  auf  Island. 

In  Norwegen  geschieht  der  Eisenprobe  zuerst  unter  der  Re- 
gierung des  heil.  Olafs  Erwähnung,  während  deren  sich  der  Fsering 
Sigurdr  borläksson  zu  deren  Bestehen  erbot  5i  und  der  Isländer  Grettir 
Asmundarson  sich  derselben  wirklich  unterzog6);  ein  weiteres  Aner- 
bieten, welchesc  dem  dänishen  Hroi  in  den  Mund  gelegt  wird7),  würde 
zwar  derselben  Zeil  angehören,  soll  aber  in  Schweden  erfolgt  sein, 
und  ist  überdieß  geschichtlich  ohne  Werth,  da  der  ganze  Hröapattr 
ein  Abenteuer  ist.  In  rechten  Aufschwung  schein!  die  Eisenprobe  in- 
dessen in  Norwegen  erst  gegen  die  Mitte  des  12.  Jhdts.  gekommen  zu 
sein,  nämlich  seit  dem  Zeitpunkte,  in  welchem  sich  Haraldr  gilli  durch 
dieselbe  als  Sohn  des  K.  Magnus  berfaetti  auswies  (1129).  Von  da  ab 
wurde  das  Gottesurtheil  wiederholt  zu  ähnlichem  Behufe  gefordert, 
angeboten  oder  auch  bestanden,  und  von  jetzt  an  geschieht  desselben 
darum  auch  in  den  geschichtlichen  Quellen  öfters  Erwähnung;  die 
Rechtsbücher  aber  behandeln  dasselbe  als  ein  in  steter  Anwendung 
befindliches  Beweismittel,  dessen  sie  eben  darum  bei  den  verschiedensten 
Gelegenheiten  gedenken.  Der  Gebrauch  des  Gottesurtheils  war  nach 
ihrem  Zeugnisse  wesentlich  ebenso  geregelt  wie  nach  unserem  älteren 
deutschen  Rechte;  dasselbe  fand  demnach  ganz  gleichmäßig  in  Rechts- 

*)  E])L.,  I,  §.  42.             3)  GpL.,  §.   156.  *)  vgl.  z.  B.  FrJ>L.,  III.  §.  15; 

EbL.,  I,  §.  42;  ferner  Festa]),  cap.  55,  S.  380.   1.  s)  Heimskr.  Olafs  s.  ens 

helga,  cap.  145,  S.  389,  sammt  den  ihr  folgenden  Quellen.  6)  Grittla,  cap.  39. 
S.  03.         7,  Flbk.  II,  S.   7!). 


DAS  GOTTESURTHKIL  IM  ALTNORDISCHEN  RECHTE.  141 

machen  der  verschiedensten  Art  Anwendung,  und  galt  andererseits  immer 
nur  als  ein  subsidiäres  Beweismittel,  zu  welchem  gegriffen  wurde,  wenn 
einerseits  Zeugen  nichl  zur  Verfügung  standen,  und  andrerseits  der 
Partheieneid  und  die  Eideshülfe  aus  irgend  welchem  Grunde  nicht 
anwendbar  oder  genügend  erschienen.  Auf  Betrieb  des  Cardinallegaten 
Wilhelm  von  Sabina  winde  der  Gebrauch  der  Eisenprobe  im  Jahre  1247 
abgeschafft8),  ganz  wie  derselbe  ungefähr  gleichzeitig  auch  in  Schweden 
durch  Birgit-  jarl  beseitigt  wurde9),  Beides  offenbar  zufolge  eines 
Beschlusses  der  Lateranischen  Synode  von  1215,  welche  den  Geistlichen 
jede  Mitwirkung  bei  derartigen  Gottesurtheilen  untersagt  hatte10),  und 
in  Folge  dessen  auch  in  Dänemark  K.  Woldemar  II  diese  verboten 
hatte11). 

Etwas  anders  verhielt  sich  die  Sache  auf  Island.  Die  Rechts- 
bücher zunächst  gedenken  hier  der  Eisenprobe  nur  sehr  selten,  und 
des  Kesselfanges  vollends  nur  an  einer  einzigen  Stelle12),  und  sie 
zeigen  die  Anwendung  heider  auf  ein  möglichst  enges  Gebiet  beschränkt. 
Durch  ein  Gottesurtheil  konnte  nach  ihnen  die  Vaterschaft  in  Bezug 
auf  ein  unehelich  geborenes  Kind  bewiesen  werden,  wobei  es,  unter 
Umständen  wenigstens,  die  Kindesmutter  war,  welche  die  Probe  zu  be- 
stehen hatte ia).  Durch  das  Gottesurtheil  kann  sich  ferner  derjenige 
reinigen,  welcher  von  einem  Manne  auf  Grund  der  Aussage  seiner 
Frau  des  Ehebruches  beschuldigt  wird  u).  Endlich  scheint  das  Gottes- 
urtheil, mochte  nun  der  Mann  oder  das  Weib  dasselbe  zu  bestehen 
haben,  auch  gegenüber  einer  Klage  wegen  Blutschande  zulässig  ge- 
wesen zu  sein,  obwohl  allerdings  die  betreffende  Stelle  nicht  völlig 
concludent  ist15);  sie  könnte  möglicherweise  auch  auf  eine  bloße  Pater- 
nitätsklage bezogen  werden,  deren  Ausgang  ja  allerdings  auch  für 
jene  andere  Beschuldigung  maßgebend  werden  konnte.  Auf  diese  Fälle 
beschränken  sich  die  Bestimmungen  unserer  Rechtsbücher,  und  selbst 
von  ihnen  sind  einzelne  unschwer  als  späteren  Ursprungs  zu  erkennen. 
Eine  Rundschau  aber  in  den  Geschichtsquellen  zeigt  uns  die  Eisen- 
probe einmal  um  die  Mitte  des  12.  Jhdts.  angewandt  in  einer  Vater 
schaftssache16),  und  ein  andermal  nur  wenig   später  angeboten,  um  den 


■)  Hakönai  b.  gamla,  cap.  256,  8.  22.        ">  ÖGL.    Eps.,  17.        ,ü)  c.  | 
ue  derlei  vel  monachi,  III,  50.     "    Biehe  dessen  Verordnung  für  Schonen  bei  Schlytei 
IX,  S.  440—48.  '  i   I  •     tap.,   cap.  56,  8    380     l  '*)  Kgsbk,   §.   143,  8.  26; 

§.  156,  S.  49;   §.  204,  8.  216;   Öm  I    l     299     i  •     ta]       cap.  26  £ 

bis  341,  and  cap.  4;..   B    361     Kl  B.    hinn   gamli,  cap.  14.  S.  62,  rot.  1,  und  cap.  47, 
S.  168.  M)  Pestap.,  cap  Ebenda  cap,  65,  8.  380—1. 

ii  i    i     II      cap     II    8,  66;  die  Zeitbestimmung  ergibt    sieb  aus  Jen  Worten: 
La   \ai   Ingi  Baraldsson  konungi    (1137     Hol  , 


]42  K-  MAUKER 

Beweis  der  ehelichen  Geburt  eines  Mannes  zu  führen  17),  Beides  Fälle, 
welche  sich  ganz  wohl  unter  die  in  den  Rechtsquellen  maßgebenden 
Gesichtspunkte  bringen  lassen;  außerdem  zeigt  sich  aber  die  Eisenprobe, 
und  zwar  wiederum  ungefähr  um  dieselbe  Zeit,  auch  zweimal  in  Dieb- 
stahlssachen in  Aussicht  genommen18),  während  die  Rechtsbücher  von 
einem  derartigen  Gebrauch  derselben  nichts  wissen;  in  beiden  Fällen 
soll  freilich,  was  nicht  zu  übersehen  ist,  die  Probe  nur  auf  Grund  eines 
Vergleichs,  und  ohne  jede  vorausgehende  gerichtliche  Untersuchung 
stattfinden.  Nur  ein  einziges  Mal  wird  meines  Wissens  von  einem 
Gottesurtheil  gesprochen,  welches  in  einer  früheren  Zeit  vor  sich  ge- 
gangen sein  soll,  nämlich  zu  der  Zeit,  da  Bischof  Isleifr  zu  Skälholt 
saß,  also  in  den  Jahren  105G—  80 19);  auch  dieser  Fall  betrifft  wieder 
eine  Vater  seh  aftsklage,  und  auch  in  ihm  ist  es  wieder  ein  Vergleich, 
nicht  ein  gerichtliches  Verfahren,  welches  zu  der  Vornahme  der  Probe 
führt.  Dabei  ist  wohl  zu  beachten ,  daß  sich  in  der  Handhabung  des 
Gottesurtheiles  auf  Island  eine  gewisse  Unsicherheit  geltend  macht;  es 
wird  an  mehreren  Stellen  eine  Wiederholung  der  Probe  ins  Auge  ge- 
fasst,  welche  der  Bischof,  oder  auch  der  ihre  Vornahme  leitende 
Priester  anordnen  möge 2o) ,  während  doch  eine  solche  Wiederholung 
dem  innersten  Grundgedanken  dieses  Beweismittels  widerspricht.  End- 
lich wird  man  auch  nicht  übersehen  dürfen,  daß  das  Gottesurtheil,  so 
unentbehrlich  es  dem  norwegischen  Rechte  als  Schlußstein  seines  Be- 
weissystemes  sein  mochte,  doch  für  das  isländische,  wesentlich  auf  das 
Geschworeneninstitut  begründete  Beweisverfahren  keineswegs  ein  Be- 
dürfniss  ist;  in  einer  Reihe  der  oben  angeführten  Stellen  wird  in  der 
That  der  Beweis  durch  Geschworene  dem  durch  das  Gottesurtheil  zu 
führenden  Beweise  alternativ  zur  Seite  gestellt,  und  es  ist  kein  Grund 
ersichtlich,  weßhalb  nicht  dasselbe  auch  in  allen  übrigen  Fällen  hätte 
geschehen  können. 

Nach  allem  dem  scheint  die  Eisenprobe  sowohl  als  der  Kessel- 
fang zunächst  auf  Island  als  ein  nicht  nationales,  vielmehr  von  Außen 
her  eingeführtes  Institut  betrachtet  werden  zu  müssen.  Nur  ein  ein- 
ziges Mal  tritt  die  erstere,  wenn  wir  anders  der  beti*effenden  Nachricht 
überhaupt  Glauben  schenken  wollen,  im  11.  Jhdt.  als  ein  im  Vergleichs.- 
wege  beliebtes  Beweismittel  auf,  ganz  wie  um  etwa  ein  halbes  Jahr- 
hundert früher  auch  wohl  Reinigungseide  im  Vergleichswege  oder  selbst 


,:)  Ebenda,    cap.  21,  S.  7t».  ,8)  Ebenda  II,    cap.  11,  S.    56-58;  III, 

cap.  16,  S.   146-47.  '-)  Ljösvetninga  s.,  cap.  23.  S.  77—78.  I0)  Kgsbk, 

§.  264,  S.  216;  Ljösvetninga  s.,  ang.  O. 


DAS  GOTTESURTHEIL  IM  NORWEGISCHEN   RECHTE.  143 

gelegentlich  gerichtlicher  Verhandlungen  auferlegt  werden  konnten'21), 
sei  es  nun ,  weil  das  isländische  Beweisverfahren  damals  noch  nicht 
seine  spätere  Gestaltung  erlangt  hatte,  oder  auch  weil  auf  die  Rechts- 
übung, zumal  außerhalb  der  Gerichte,  gelegentlich  die  norwegischen 
Zustände  bestimmend  einwirkten.  Etwas  häufiger  lässt  sich  der  Ge- 
brauch der  Eisenprobe  auf  der  Insel  seit  der  Mitte  des  12.  Jhdts.  nach- 
weisen, sei  es  nun,  daß  (leren  wiederholte  Anwendung  durch  Thron- 
prätendenten in  Norwegen  ihr  eine  gewisse  Berühmtheit  verschafft  hatte, 
oder  daß  die  ganz  oder  halbwegs  kirchlichen  Gewohnheiten  dieses 
letzteren  Landes  der  Insel  durch  die  kirchliche  Verbindung  näher  ge- 
rückt worden  waren,  in  welche  dieselbe  seit  dem  Jahre  1152  zu  Nor- 
wegen getreten  war.  Auch  in  dieser  späteren  Zeit  scheint  indessen 
zunächst  wieder  nur  ein  vertragsweises  Anbieten  und  Annehmen  der 
Probe  in  Frage  gewesen  zu  sein;  in  die  Rechtsbücher  dagegen  scheint 
dieselbe  erst  sehr  allmählig  Aufnahme  gefunden  zu  haben,  und  zwar 
bezeichnender  Weise  nur  auf  dem  Gebiete  der  geschlechtlichen  Ver- 
gehen und  Vaterschaftsklagen,  also  gerade  auf  demjenigen  Gebiete, 
auf  welchem  die  bekannten  Vorkommnisse  innerhalb  der  norwegischen 
Königsgeschichte  dieses  Beweismittel  am  bekanntesten  gemacht  hatten. 
Das  in  den  Jahren  1122— o3  aufgezeichnete  Christenrecht  enthält  jeden- 
falls von  dessen  Gebrauch  noch  keine  Spur,  und  recht  eingebürgert 
hat  sich  dasselbe  auf  der  Insel  auch  später  nicht:  gerade  aus  der  ge- 
ringen Bedeutung,  welche  die  Eisenprobe  sowohl  als  der  Kesself;ing 
sich  erworben  hatte,  möchte  es  sich  erklären,  daß  sie  unbeschadet  ihrer 
in  Norwegen  erfolgten  Abschaffung  auf  Island  einige  Jahrzehnte  hin- 
durch unangefochten  blieben,  bis  ihnen  endlich  durch  die  Annahme 
der  nach  norwegischen  Vorlagen  gearbeiteten  Järnsida  und  Jönsbök 
auch  hier  der  Boden  entzogen  ward.  —  Aber  auch  in  Norwegen 
scheinen  beide  Gottesurtheile  nicht  bodenständig,  sundern  erst  durch 
die  Kirelc-  nach  dem  Vorbilde  anderer  christlichen  Lande  eingeführt 
worden  zu  sein.  Die  Gesetzgebung  des  heil.  Olafs  scheint  ihnen  hier 
bleibenden  Eingang  verschafft  zu  haben,  vielleicht  angelsächsischem 
Muster  folgend,  und  jedenfalls  weist  die  kirchliche,  und  nicht  nationale 
Bezeichnuni;  <h~  (juttesuitheiles,  dann  die  Form  seiner  Anwendung,  auf 
eme  fremdländische  Herkunft  hin;  eben  «lahm  deutet  luch,  daß  das 
Institut  söhnt  wieder  verschwand,  sowie  die  Kirche  sich  gegen  d  isselbe 
erklärte,  so  vortrefflich  dasselbe  auch  in  das  ganze  Beweissystem 


")  z.  B.  Vfgaglüm    -    ca]  -■     I  gja,  cap.  16,  S    19, 

und  Landuäiua,   II.   cap.   9, 


144  K.  MAURER 

norwegischen  Rechtes  sich  eingefügt  hatte.  Damit  will  nun  aber  in 
keiner  Weise  gesagt  sein,  daß  es  dem  altnordischen  Heidenthum  auch 
an  jeder  andern  Form  des  Gottesurtheiles  gefehlt  habe.  Das  Beweis- 
system des  norwegischen  Rechts  bedurfte,  wie  oben  bereits  bemerkt, 
eines  derartigen  subsidiären  Auskunftsmittels  ganz  in  derselben  Weise 
und  ganz  aus  denselben  Gründen,  wie  dieß  bei  unsern  deutschen 
Rechten  der  Fall  war,  und  es  fehlt  auch  nicht  an  positiven  Anhalts- 
punkten in  den  Quellen  für  die  Annahme,  daß  der  Grundgedanke 
wenigstens  der  Gottesurtheile  auch  der  nordischen  Vorzeit  vollkommen 
geläufig  war.  Eines  der  Lieder  der  älteren  Edda  erzählt22),  wie  Gudrun 
von  ihrer  eigenen  Magd  aus  Eifersucht  bei  K.  Atli  eines  Ehebruches 
bezichtigt  wird,  welchen  sie  mit  K.  bjödrek  begangen  haben  soll:  da 
ihre  Brüder  abwesend  sind,  welche  sie  kämpflich  zu  vertreten  gehabt 
hätten,  erbietet  sich  die  Königin  zum  Kesselfange,  indem  sie  zugleich 
bittet,  den  deutsehen  König  Saxi  kommen  zu  lassen,  als  welcher  den 
Kessel  zu  weihen  verstehe23).  Das  Lied  ist  im  Codex  regius  enthalten, 
welcher  am  Schlüsse  des  13.  Jhdts.  auf  Island  geschrieben  zu  sein 
scheint,  und  die  Anlage  der  Liedersammlung,  welche  uns  in  demselben 
aufbewahrt  ist,  lässt  sich  mit  annähernder  Sicherheit  ungefähr  auf  das 
Jahr  1240  zurückführen  24);  wie  alt  freilich  die  einzelnen  in  diese  Samm- 
lung aufgenommenen  Lieder  sein  mögen,  ist  damit  nicht  entschieden, 
indessen  setzt  Gudbrandr  Vigfiisson  wenigstens  die  Entstehung  der 
Völsungenlieder  nicht  über  das  11.  Jhdt.  hinauf25),  und  diese  Zeitbe- 
stimmung scheint  aus  inneren  Gründen  völlig  zutreffend.  Man  sieht 
aber,  daß  das  Lied  zwar  die  Form  des  Kesselfanges  deutlich  genug 
als  fremde,  von  Deutschland  herstammende  bezeichnet,  aber  doch  die 
Grundidee  des  Gottesurtheiles  als  auch  eine  den  Nordleuten  geläufige 
bezeichnet,  da  ja  sonst  Gudrun  unmöglich  darauf  verfallen  sein  könnte, 
sich  zum  Bestehen  eines  solchen  zu  erbieten;  man  war  sich  also  zu 
der  Zeit,  da  das  Lied  gedichtet  wurde,  im  Norden  des  fremden  Ur- 
sprunges des  Kesselfanges  noch  ganz  wohl  bewusst,  während  man  zu- 
gleich dafür  hielt,  daß  der  Glaube  an  die  Verlässigkeit  derartiger 
Proben  auch  dem  nordischen  Heidenthume  bereits  wohl  bekannt  ge- 
wesen sei.  Auf  dasselbe  Ergebniss  führt  noch  ein  zweites  Quellen- 
zeugniss.  Widukind  von  Corvey  sowohl  als  Thietmar  von  Merse- 
burg erzählen  von  einem  Priester  Poppo,  welcher  vor  K.  Harald  von 
Dänemark  durch  das  glückliche  Bestehen  der  Eisenprobe  die  Wahr- 
heit des  christlichen  Glaubens  erwiesen  habe,  und  dieselbe  Erzählung 


")  GurTrunarkviita    111,  bei    Bugge,  S.  274  —  75.  53)    Str.    6:  Sentü    at 

Saxa,  Sunnmanna  gram;  bann  kann    helga  hver  vellanda.         24)  vgl.  Bugge,  S.  VIII 
und  LXVII.  ")  Dictionary  S.  2.  Sp.  2. 


DAS  GOTTESURTHEIti  IM  NORWEGIS«  III  N    RECHTE.  |  |., 

kehrt,  mehrfach  ausgeschmückt,  in  einer  Reihe  anderer  Quellen  wieder 
nur  daß  diese  anstatt  Haralds  auch  wohl  K.  Erich  oder  K.  Svein 
nennen86);  Saxo  Grammaticus  aber  berichtet,  daß  dieses  Wunder  so 
mächtig  auf  das  dänische  Volk  gewirkt  habe,  dal.*  dasselbe  zur  Ein- 
führung der  Eisenprobe  und  zur  Abschaffung  des  Zweikampfes  in  seiner 
Anwendung  auf  die  Entscheidung  von  Rechtssachen  sieh  entschlossen 
habe87).  Auch  hier  wird  also  der  Gebrauch  der  Eisenprobe  auf  kirch- 
lichen Einfluß  zurückgeführt;  auch  hier  aber  setzt  der  Eindruck,  welchen 
das  Bestehen  der  Probe  macht,  bereits  die  vorgängige  Existenz  eines 
entsprechenden  Volksglaubens  voraus.  Eine  dritte  Angabe,  welche  sich 
in  Riniberts  Lebensbeschreibung  des  heil.  Anskars  findet,  und  welche 
von  Stemann  hierhergezogen  werden  will'*8),  lasse  ich  außer  Ansatz 
da  dieselbe  auf  die  nordalbingischen  »Sachsen,  nicht  auf  die  Dänen 
sich  bezieht,  und  überdieß  nicht  von  einer  neuen  Einführung  des 
Gottesurtheiles  handelt,  sondern  nur  von  dessen  Erstreckung  auf  Fälle 
in  welchen  man  sich  vorher  mit  Zeugniss  oder  Reinigungseid  besmüffl 
hatte.  Nun  könnte  man  allerdings,  wozu  die  angeführte  Stelle  des  Saxo 
sogar  einen  äußern  Anhaltspunkt  gewährt,  zu  der  Annahme  greifen, 
daß  der  Zweikampf,  dessen  häufige  Anwendung  -  zur  Erledigung  von 
Rechtsstreitigkeiten  im  Norden  ja  feststellt,  in  der  heidnischen  Zeit  die 
Stelle  eingenommen  habe,  welche  in  der  christlichen  Zeit  durch  die 
Eisenprobe  und  den  Kesselfang  besetzt  wurde ;  indessen  lässt  sich  doch 
weder  verkennen,  daß  die  Grundidee,  von  welcher  jener  beherrsch! 
wird,  eine  wesentlich  andere  als  die  für  die  beiden  letzteren  maß- 
gebende ist,  noch  auch  übersehen,  daß  der  Zweikampf  keineswegs  in 
allen  Fällen  anwendbar  war,  in  welchem  jene  beiden  Gottesurtheile  eine 
Entscheidung  bringen  konnten.  Glücklicherweise  lässl  sich  in  den 
Quellen  wirklich  noch  eine  Spur  eines  älteren  und  wahrhaft  nationalen 
Gottesurtheiles  im  Norden  nachweisen,  nur  freilich,  wunderlich  genug, 
nicht  in  Norwegen,  sondern  auf  Island. 

Eine  geschichtlich  ganz  verlässige  Quelle  erzählt   uns29),  daß  am 
Ende  des   1".  Jhdts.  einmal  in  einem  Falle  der  Commorienz  mehrerer 


'"',  Belegstellen  Labe  I  *  - 1 »  in  meiner  Schrift:   I  >  i «    Bekehrung  des  norwegischen 

Stammes  zum  Christenthume,  Bd.  II,  S.  182     B3    Aum.    ■  i     S.    189,  A ,  30, 

verzeichnet.  '  |  IM    toria  Danica,   \     -.    198     99  "    Vita  Anskarii, 

cap.  32  (bei  Langebek,  I     8     191       ■  jl.  Stemann,   Den  danske  Retshistorie,  S.    137, 
Aum.  l.         l9j  Laxdaela,  cap.  18  Nu  p6tti  beim  framdum  börarins  nokkul 

efanlig  Bja*  saga    ok  köllndast  beir  ei  mundu  trtinad  äleggja  raunarlanst,  ok  töidu  beb 

halft  vi d  horkel,  en  borkell  b^kut  einu  ui  ra  til  xkfrslu  al  sid  bi 

bat   v.ii    l'.-i    skfrsla   I   bat    muiid,    al  kyldi    undii    jnrdarmeii ,    bai   ei   torfa  vat 


146  K.  MAURER 

Verwandter  die  Aussage  des  einzigen  überlebenden  Genossen  von  der 
Partei,  zu  deren  Ungunsten  sie  lautete,  als  unglaubhaft  verworfen  wer- 
den wollte,  und  daß  man  in  Folge  dieser  ihrer  Beanstandung  zu  einer 
Probe  griff,  für  welche  die  Bezeichnung  „gänga  undir  j ardarmen", 
Gehen  unter  den  Rasenstreifen,  gebraucht  wird.  Man  stach  Rasen- 
streifeu  in  der  Art  aus,  daß  dieselben  an  ihren  beiden  Endpunkten 
mit  dem  Erdboden  verbunden  blieben,  und  man  richtete  diese  Streifen 
sodann  in  der  Art  auf,  daß  sie  eine  Art  stehenden  Bogens  bildeten; 
die  Person,  welche  die  Probe  zu  bestehen  hatte,  musste  sodann  unter 
denselben  durchgehen,  und  die  Probe  galt  als  gelungen,  wenn  die 
Streifen  dabei  nicht  niederfielen.  Der  Berichterstatter  selbst  vergleicht 
dieselbe  mit  der  „skirsla"  der  Christenleute;  von  neueren  Schriftstellern 
vielfach  besprochen30),  scheint  dieselbe  doch  ihrem  inneren  Wesen 
nach  noch  keineswegs  vollkommen  genügend  gewürdigt  worden  zu 
sein,  und  mögen  darum  hier  noch  ein  paar  Worte  in  dieser  Richtung 
verstattet  sein.  —  Die  Stelle,  welche  den  Gang  unter  die  Rasenstreifen 
zum  Zwecke  einer  gerichtlichen  Beweisführung  gebraucht  zeigt,  steht 
insoweit  allein;  dagegen  zeigen  mehrfache  andere  Quellenstellen  die 
selbe  Formalität  bei  der  eidlichen  Eingehung  der  Bundbrüderschaft 
(fostbrceclralag)  verwendet31),  und  wieder  an  einer  anderen  Stelle  wird 
derselben  gelegentlich  eines  Vergleichsabschlusses  erwähnt32);  sucht 
man  aber  das  geraeinsame  Moment  bei  diesen  verschiedenen  Anwendungs- 
weisen einer  und  derselben  feierlichen  Handlung  zu  ermitteln,  so  ist 
es  offenbar  darin  zu  erkennen,  daß  durch  dieselbe  ein  zuvor  abgelegter 
Eid  bestärkt  werden  soll,  „bä  skyldu  ]>eir  gänga  undir  3  jardarmen, 
ok  var  pat  eidr  peirra",   sagt  die  F6stbrcedrasaga  mit  ausdrücklichen 


ristin  6r  velli,  skyldu  endarnir  torfunnar  vera  fastir  i  vellinum,  en  s;i  madr  er  skirsluna 

skyldi  fram  flytja,  skyldi   par  gänga  undir. Ekki  pöttust  heidnir  mann  niinna  eiga 

i  äbyrgd,  bä  er  sb'ka  hluti  skyldi  fremja,  en  m'i  pykiast  kristnir  menn,  ]>ä  er  ski'rslur 
eru  gervar.  bä  vard  sä  skirr,  er  undir  jardarmen  gekk,  ef  torfan  feil  ei  ä  liaim. 
30)  Arngrimus  Jonas,  Crymogaea  S.  101—102;  John  Arnesen,  Historisk  Indled- 
ning  til  den  gamle  og  nye  Islandske  Raettergang  S.  7,  233.  3G,  240  —  41,  und  252,  so- 
wie zumal  die  von  Jon  Ein'ksson  diesen  Stellen  beigegebenen  Anmerkungen;  1'.  E. 
Müller,  De  vi  formulse  „at  ganga  undir  jardarmen,"  in  der  Ausgabe  der  Laxdsela, 
S.  395—400;  R.  Keyser,  Nordmaendenes  Religionsforfatning  i  Hedendommen,  S.  130 
bis  131,  und  Norges  Stats-  og  Retsforfatning  i  Middelalderen,  S.  392;  meine  Geschichte 
der  Bekebrung  des  norwegischen  Stammes  zum  Christenthume,  II,  S.  17o,  Amn.  80, 
und  S.  222-33  u.  dgl.  m.  ;il)  Gisla  s.  Sürssonar,  I,  S.  11,  und  II,  S.  93—94; 

F «5stbrcje.il  a  s,,  cap.  2,  S.  6,  ed.  Konrä.1  Gislaaon,  und  cap.  1,  S.  7,   ed.  1822;  sowie 
Flbk.  II,  S.  93;  vergl.  porsteins  s.  Vikingssonar,   cap.  21,  S.  44:..  >  Vatns- 

dsela,  cap.  33,  S.  53,  und  daher  die  Melabok,  Landnäma,  III,  cap.  4,  S.  181. 


DAS  GOTTESURTHEIL  IM  NORWEGISCHEN  RECHTE.  147 

Worten;  die  Aussage  Gudmunds,  welche  nach  der  Laxdsela  durch  den 
Act  bekräftigt  werden  sollte,  ist  ohne  Zweifel  als  eine  eidlich  abge- 
legte Zeugenaussage  aufzufassen;  bei  dem  in  der  Vatnsdsela  berichteten 
Vorfalle  endlich  liegt  es  nahe,  ebenfalls  an  einen  vorgängigen  Eid  zu 
denken,  möge  dieser  nun  ein  tryggdaeidr,  d.  h.  Urfehdeeid  gewesen 
sein,  oder,  was  mir  wahrscheinlicher  ist,  ein  jafnadareidr,  d.  h.  ein 
Eid,  durch  welchen  der  Schuldige  versprach,  in  einem  etwaigen  zu- 
künftigen Falle  sich  mit  den  gleichen  Vergleichsbedingungen  als  ver- 
letzter Theil  begnügen  zu  wollen,  welche  ihm  jetzt  als  verletzendem 
verwilligt  worden  seien33).  Man  sieht,  daß  sich  der  Gang  unter  den 
Rasenstreifen  mit  der  Eisenprobe  und  dem  Kesselfang  in  seiner  An- 
wendung wirklich  sehr  nahe  berührt,  ohne  doch  völlig  mit  ihnen  zu- 
sammenzufallen. Beide  Institute  haben  den  obersten  Grundgedanken 
mit  einander  gemein,  den  Glauben  nämlich  an  ein  unmittelbares  Ein- 
greifen der  Gottheit,  welche  durch  ein  sichtbares  Zeichen  Verborgenes 
kund  thut;  beide  unterscheiden  sich  aber  darin,  daß  sie  diesen  Grund- 
gedanken in  sehr  verschiedener  Weise  verwerthen.  Unsere  Gottesur- 
theile  kommen  wesentlich  nur  als  ein  Reinigungsmittel  für  einen  dringend 
verdächtigen  Angeklagten,  und  höchstens  noch  als  ein  Beweismittel  be- 
züglich irgend  welcher  sehr  unwahrscheinlicher  Thatsachen  in  Betracht 
immer  also  in  der  Art,  daß  die  Gottheit  um  die  unmittelbare  Ent- 
hüllung einer  verborgenen,  der  ferneren  Vergangenheit  angehörigen 
Thatsache  angegangen  wird;  der  Gang  unter  den  Rasenstreifen  dagegen 
kommt  lediglich  als  ein  Mittel  der  Bestärkung  von  Eiden  in  Betracht, 
ist  aber  als  solches  auch  bei  jeder  beliebigen  Art  von  Eiden  verwendbar, 
und  die  Frage,  welche  bei  ihm  durch  das  directe  Eingreifen  Gottes 
entschieden  werden  soll,  betrifft  nicht  irgend  welche  weil  zurückliegende 
Thatsache,  sondern  immer  nur  die  Reinheit  des  anmittelbar  vor  oder 
bei  der  Probe  abgeschworenen  Eides.  Der  Gang  unter  den  Rasenstreifen 
hat  hiernach  einerseits  einen  viel  ausgedehnteren  Spielraum  als  unsere 
Gottesurtheile,  soferne  er  bei  promissorischen  wie  assertorischen,  und 
bei  Zeugeneiden  wie  Parteieneiden  eintreten  kann;  aber  er  kann  andrer- 

eits   auch  immer   ■  im  Anschlüsse   an  einen   Eid  eintreten,  und  ist 

somit  in  allen  den  Fällen  ausgeschlossen,  in  welchen  ein  solcher  außer 
Frage  steht,  wie  denn  /..  B.  die  Feststellung  der  Vater  chafi  durch  eine 
von  dem  angeblichen  Sohne  glücklich  bestandene  Eisenprobe  ganz 
wohl   möglich  ist.    wahrend  der  Gang  untei    den   Rasenstreifen  diesem 

\    1      an  .1   1   1  ark  b,  li ,  §.  31     und   III     §    90     dann    Färnsi'da     M  ann  h 
.   1   1  M  ■       h         26. 


148     K-  MAURER,  DAS  GOTTESURTHEIL  IM  NORWEGISCHEN  RECHTE. 

kaum  liätte  gestattet  werden  können.  Es  stellt  sich  demnach  der  Ge- 
brauch dieser  alterthümliehen  Probe  im  Norden  durchaus  auf  die  o-leiche 
Linie  mit  der  Eideshülfe,  welche  ja  auch  ihrerseits  bei  promissorischen 
Eiden  ebenso  gut  wie  bei  assertorischen  verwendet  wurde  34),  und  wenn 
wir  zwar  bei  der  Dürftigkeit  unserer  Quellenangaben  nicht  nachweisen 
können ,  in  welchem  Umfange  das  ältere  Hecht  im  Beweisverfahren 
von  derselben  Gebrauch  gemacht  habe,  so  lässt  sich  doch  vermuthen, 
daß  sich  ihre  Verwendung  auf  diejenigen  Fälle  beschränkt  haben  werde, 
in  welchen  ein  Mangel  hinsichtlich  der  Zahl  oder  Beschaffenheit  der 
Partei ,  der  Zeugen  oder  der  Eideshelfer  den  bloßen  Gebrauch  der 
gewöhnlichen  Beweismittel  nicht  genügend  erscheinen  ließ.  Es  wäre 
möglich,  daß  das  in  den  GpL.,  §.  156,  erwähnte  „große  Zeugniss" 
gerade  mit  dieser  Probe  ursprünglich  zusammengefallen  wäre;  jeden- 
falls aber  ist  soviel  klar,  daß  diese  in  Norwegen  durch  die  von  der 
Kirche  eingeführten  neuen  Gottesurtheile  verdrängt  worden  sein  muß, 
wogegen  sie  auf  Island  nicht  sowohl  diesen  als  vielmehr  dem  sich  hier 
ausbildenden  Geschwoineninstitute  zu  weichen  hatte.  Eine  Frage  ließe 
sich  nun  freilich  zum  Schlüsse  noch  aufwerfen,  die  Frage  nämlich,  ob 
nicht  vielleicht  auch  unsere  deutschen  Gottesurtheile  ursprünglich  dem 
Gang  unter  den  Rasenstreifen  ähnlicher  gestaltet  gewesen  seien,  indem 
auch  sie  einen  vorgängigen  Parteieneid  voraussetzten,  und  zunächst 
nur  über  dessen  Reinheit  Aufschluß  zu  geben  berufen  waren,  oder  ob 
nicht  wenigstens  auch  auf  deutschem  Boden  gesondert  von  den  gemein- 
hin üblichen  Gottesurtheilen  noch  Proben  vorkamen,  welche  an  jenen 
eigenthümlichen  Gebrauch  des  uordischen  Heideuthumes  anklingen? 
Ich  will  und  kann  auf  die  Erörterung  dieser  Frage  hier  nicht  eingehen, 
möchte  aber  doch  auf  tit.  14  der  Lex  Frisiouum,  de  homine  in  turba 
occiso,  aufmerksam  machen,  welche  auf  eine  Verteidigung  des  An 
geschuldigten  durch  den  Eid  unter  bestimmten  Voraussetzungen  noch 
ein  weiteres  Verfahren  folgen  lässt,  nämlich  im  Hauptlande  ein  Ver- 
fahren mittelst  geworfener  Loose,  im  Westlande  ein  solches  mittelst  des 
Kesselfangcs,  und  im  Ostlande  ein  solches  mittelst  des  Zweikampfes; 
daß  das  erstere  Verfahren  wenigstens  einen  Ausspruch  der  Gottheit 
über  die  Reinheit  des  voniäu»>'i<i'  geschworenen  Eides  und  nicht  über 
die  Schuld  oder  Unschuld  in  der  Sache  selbst  provocieren  sollte,  wird 
dabei  ausdrücklich  gesagt.  K.  MAURER. 


31)  vgl.  ■/..  B.  Heimskr.  Magnus  ,s.  göcla,  cap.  7,  S.  WO;  Siguräar  s.  J6rs- 
alafara,  cap.  11,  S.  667;  Magnus  s.  Erlin gssonar,  cap.  22,  S.  797  u.  dgl.  m. 


I     M  G]  i  .  ZI     i.'i  [NM  \i;  VON  BAGENAU  |  |n 


ZU   REINMAR  VON  HAGENAU. 

VON 

E.  REGEL 


Unter  der  Nachtigall  von  Hagenau,  welche  Gottfried  von  Straß- 
burg in  seinem  Tristan  feiert1),  hat  man  jenen  Reinmar  zu  verstehen, 
der  von  der  Pariser  Handschrift  in  der  Bildunterschrift  des  Wartburg 
Urieges  zur  Unterscheidung  von  Reinmar  von  Zwcter  als  der  Alte  be- 
zeichnet wird.  Schon  Docen2)  sprach  diese  Vcrmuthung  ans,  welche 
jetzt  allgemeine  Zustimmung  gefunden  hat.  V.  d.  Ilagens  Ausdeutung3) 
auf  Leutold  von  Seven  hat  dieser  Annahme  keinen  Eintrag  thirn  kön- 
nen ;  Wackernagel*)  sowohl  als  Lachmann5)  stimmen  ihr  ganz  ent- 
schieden  bei. 

Hagenau   ist  wohl   sicher   die  Stadt   im    Elsaii 6).  V.  d.  Hagen 7) 
freilich  hält  es  für  wahrscheinlicher,  daß  Reinmar  ein  Baier  gewesen  sei. 

Reinmar  von  Hagenau  nun  scheint  den  größten  Theil  seines 
Lebens  am  Hofe  Herzog  Leopolds  VI  von  Osterreich  zugebracht  und 
dort  seine  Kunst  ausgeübt  zu  haben.  Nach  Thüringen  an  den  Hof 
Hermanns  ist  er  gewiß  nicht  gekommen,  weßhalb  er  auch  keinesfalls 
am  Wartburgkriege  theilgenommen  haben  könnte,  so  daß  die  oben  be- 
rührte Angabe  der  Pariser  Handschrift  auf  einer  Verwechslung  beruht. 
Wie  v.  d.  Hagen8)  selbst  zugibt,  ist  es  auffallend,  daß  Reinmar  in  jenem 
Sängerstreite  auf  Seite  des  thüringischen  Fürsten  steht,  und  vielleicht 
doch  noch  auffallender  als  bei  Walther,  da  wir  bei  Reinmar  nichts 
von  Schicksalsschlägen  und  Fürstenungnade  wissen,  wie  sie  Walthern 
getroffen:  und  ferner:  sollte  Reinmar  diese  Reise  nach  Thüringen  mit 
Stillschweigen  übergangen  haben,  da  er  uns  doch  über  eine  andere, 
wenn  auch  wichtigere,  die  nach  dem  gelobten  Lande,  in  seinen  Liedern 
berichtet  hat?  Dieser  Kreuzzug  scheint  mir  nun  auch  für  Reinmar  der 
einzige  Anlaß  einer  kurzen  Trennung  von  Österreich  gewesen  zu  sein. 
Er  hat  ihn  wahrscheinlich  im  Gefolge  seines  geliebten  Fürsten  i.  .1.  L190 
unternommen9).  In  Palästina  ist  daher  wohl  das  Lied  NVv.  181,  13 
iingen;  aber  auch  das  vorhergehende  180,  28  bal  den  bevorstehenden 


',  v.  Bechstein  I,  4776—4790.  l)  Altd.  Museum   l,  167.         ')  MS.  IV,  4871'. 

')  Litt.   §.  71,6.  ")  MFr.  E  "i  \'_1.  Lacbm.  a.  a.  <  >.  Vergl. 

v.  .1.  Hagen  a.  a.  O.  ■)  MS.  IV,  139».               Vgl.  Wilken,   Geschichte  d.  Kreuz- 
Büge,  IV,  284. 


150  E.  REGEL 

Kreuzzug  zum  Gegenstand.  Der  Spruch  156.  10  ist  vielleicht  auf  der 
Heimreise  gedichtet,  und  v.  d.  Hagen  10)  zieht  noch  ein  echtes  Lied  ' ') 
hierher,  welches  den  Gefühlen  des  Sängers  nach  der  Rückkehr  Aus- 
druck gibt.  Alle  diese  Lieder  würden  also  in  das  Jahr  1190  zu  setzen 
sein;  ebenso  der  Gesang  der  Herrin  MFr.  190,  25.  Sonst  weiß  ich  nur 
noch  von  einem  einzigen  die  Entstehungszeit  anzugeben,  und  dieses 
führt  uns  zugleich  auf  die  Frage,  wann  Reinmar  gestorben  ist. 

Das  Lied  nämlich,  welches  den  Tod  eines  Leopold  beklagt1-), 
ist  nicht  mit  Docen  a.  a.  O.  und  nach  ihm  Pischon 13)  auf  Leopold  VII 
zu  beziehen,  der  1230  in  Italien  starb,  sondern  auf  dessen  Vater,  den 
Gönner  Reimars,  Leopold  VI,  der  zu  Ende  des  Jahres  1194  in  Folge 
eines  Sturzes  vom  Pferde  umkam ,4).  Das  betreffende  Lied  ist  im 
Frühling  1195  gedichtet,  denn  der  erwähnte  Sommer  kann  nur  der  dieses 
Jahres  sein ;  1230  kann  Reinmar  nicht  mehr  gelebt  haben,  da  Walthcr 
seinen  Tod  beklagt15).  Gewöhnlich  sagt  man  jetzt 16),  daß  er  um  1207 
gestorben  sei,  und  schließt  dieß  aus  der  bekannten  litterärischen  Stelle 
im  Tristan,  den  man  um  1210  ansetzt.  Dagegen  bemerkt  nun  Simrock  17), 
man  scheine  ihn  zu  früh  anzusetzen,  denn,  wenn  auf  das  erste  Buch 
des  Parzival  angespielt  werde,  folge  daraus,  daß  Gottfried  das  letzte 
nicht  gelesen?  Die  Strophen  Walthers  auf  Rcinmars  Tod  könnten  recht 
wohl  um  1215  geschrieben  sein,  denn  um  1207  hätte  Walther  wohl 
noch  nicht  so  müde  gesprochen,  wie  er  dieß  Zeile  24  und  25  thut. 
Lachmann  18)  hält  es  für  streng  erwiesen,  daß  Reinmar  um  1220  todt 
war;  1215  konnte  er  aber,  meint  Simrock,  noch  recht  wohl  am  Leben 
sein.  Den  Beweis,  daß  Reinmar  um  1220  schon  gestorben  war,  hat 
Haupt  geführt19),  allerdings  in  Bezug  auf  Hartmann  von  Aue;  da  aber 
in  der  in  Betracht  kommenden  Stelle  Heinrichs  vom  Türlein  Reinmar 
mit  Hartmann  zusammen  beklagt  wird,  so  findet  die  Behauptung  auch 
auf  ihn  Anwendung.  Zwischen  1215  und  1220  ist  daher  Reinmar  ge- 
wiß gestorben. 

Da  nun  das  Kreuzlied  MFr.  181,  13,  welches  sicher  auf  das 
Jahr  1190  geht20),  unseren  Dichter  schon  auf  der  Höhe  seiner  Kunst 
zeigt,  so  mag  er  um  1170  schon  geboren  sein,  es  würden  sich  dann 
für  seine  Lebenszeit  45—50  Jahre  ergeben;  und  daß  Reinmar  fast  l>i. 
an  sein   Ende  Minnelieder  gesungen    hat,  geht    aus  den  vielen  Stellen 


,n)  MS.  IV,    140».  "i  MFr.    182,   14.  '•)  MFr.   167,  31.  ,3)  Denkm. 

I,  574.  '*)  Vgl.  v.  d.   Hagen  MS.  IV,  139b  f.         ,h)  Walther  v.  Lachm.  3.  A.  82  f. 

l6)  z.  B.  auch  Becbstein,  Einleitung  zum  Tristan  XXX  und  Koberstcin,  Grandriß  §.  111 
S.  223  (Bartsch).  ,7)  zu  Walther  68.  69.  ,8)  zu  Walther  S.   196.  l9)  Zu 

Hartmanns  kleineren  Gedichten  XII  u.  XIV.  ™)  Vgl.  Lachm.  zu  Walthcr  S.  197. 


ZU  REINMAE  VON   HAGEN  \i  IM 

hervor81),  in  welchen  er  klagt,  daß  er  alt  und  grau  werde,  ohne  eine 
Frucht  von  seinem  langen  treuen  Dienen  zu  ernten. 

I»Viinnar  war  von  edelem,  ritterlichem  Geschlechte;  darauf  deuten 
sein  Wappen,  die  Benennung  herre  und  her  (IIss.  BCE)  und  eigene 
Andeutungen:  er  nennt  sieh  seihst  ritter  oder  lässt  sich  so  nennen22). 
Auch  scheint  mir  aus  seinen  Liedern  hervorzugehen,  daß  er  ein  wohl- 
habender  Mann  war  und  kein  anderes  Mißgeschick  kannte,  als  die 
Ungnade  seiner  Herrin.  Nichts  findet  sich  hei  ihm  von  dem  waltherischcn 
Reichthum  an  Liedern  zum  Preise  und  Lobe  der  Tugenden  hoher 
fürstlicher  Personen,  namentlich  einer  Tugend,  der  Milde,  d.  h.  Frei- 
gebigkeit; nirgends  beschwert  er  sieh  andrerseits  über  die  Kargheit 
seiner  Gönner.  Daraus  kann  man  wohl  mit  Fug  und  Recht  den  Schluß 
ziehen,  daß  Reinmar  ein,  wenn  nicht  reicher,  so  doch  wohlhabender 
Mann  und  nicht  so  auf  Unterstützung  angewiesen  war  wie  der  größte 
und  begabteste  Minnesänger,  Walthor  von  der  Vogelweidc.-  Reinmar 
sagt   uns  selbst   einmal  (MFr.  168,  32  f.) 

mickn  besiocere  ein  rehte  herzeltchiu  not, 
min  sorge  ist  anders  kleine. 
Sollte  man    dieses  Bekenntniss  bei  ihm,    der  in    der  Regel   keine 
nichtssagenden  Phrasen  macht,  nicht  darauf  deuten    können,    daß  der 
Dichter  nicht    mit    drückenden  Nahrungssorgen  zu  kämpfen  hat,  daß   es 
ihm  äußerlich  wohl   Lreht.    und  er  ein    behagliches  Leben  führt,    außer 
daß    ihm    seine  Geliebte   Kummer   bereitet?    Damit  stimmt  denn  auch, 
daß  Reinmar    den    größten    Theil    seines  Lebens,   wenigstens   so   lange 
_<  dichtet   und  gesungen   hat,  und   das  tli.it  er  wohl  fast  bis  an  sein 
Lebensende,    an   einem    bestimmten  Orte    zubrachte    und  nicht  an  ver- 
schiedenen Höfen  umher  wanderte.  Zu  Wien,  am  Hofe  der  Babenberger, 
i-t   seine   Bejmatstätti  n,   und   dahin  hat   ihn  Leopold  VI,  jener 

gesangliebende  Fürst,  neben  Hermann  von  Thüringen  und  Kaiser 
Friedrich  11  gewiß  der  hervorragendste  Gönner  und  Beschützer  der 
deutschen    höfischen   Dichtung  :en.    nicht    um    ihn  aus   dürftigen 

Lebensverhältnissen  zu  befreien,  sondern  um  sein  Ohr  und  sein  Gemüth 
zu  bezaubern  und  zu  erbauen  an  den  tief  zu  Herz  und  Sinnen  >\no- 
chenden  Gesängen  dieses  an  Innerlichkeit  der  Empfindung  allen  vor- 
stehenden Meisters.  Hier  i-t  er  jedenfalls  mit  Walther  zusammen 
..fren.  der  Manches  von  ihm  gelernt  haben  mag,  sich  aber  mit  ihm 
entzweit   hat  j  doch  darüber  später. 

■»)  Man    vgl.    MFr.    201,    B8     157,    1   a    2     172,  M      16.    186,    8  -1.  Vgl.    auch 
l~     i\     !;  Ml  e    160    15.    151,  3.   196,  26.  203,  12.   10:i,  29. 

Man  vgl.  v    •!.   Hagen  MS.  IV, 


152  I     REGEL 

Dieß  ist  das  Wenige,  was  ich  über  Reinmars  Heimath  und  äußere 
Lebensverhältnisse  aus  seinen  eigenen  Äußerungen  und  denen  Anderer 
schließen  kann.  Ist  man  nun  bei  Berührung  seiner  Lebensumstände 
schon  fast  allein  auf  seine  Lieder  angewiesen43),  so  ganz  bei  seinen 
Liebesverhältnissen;  hier  aber  erschließt  sich  dafür  nun  auch  ein  um 
so  reicheres  inneres  Leben.  Ich  komme  zur  Besprechung  seiner  Lieder. 
Was  zuerst  die  Überlieferung  derselben  betrifft,  so  gewährt,  wie  bei 
den  meisten  Minnesängern,  so  auch  bei  Reinmar  die  Pariser  Hand- 
schrift (C)  die  reichste  Ausbeute;  sie  enthält  unter  Reinmar  224  und 
unter  Friedrich  von  Husen  noch  2  Strophen,  die  ich  alle  für  rcin- 
niarischo  halte;  außerdem  wiederholt  sie  2  Str.  unter  Walther  (MFr. 
152,  25  u.  34),  1  Str.  unter  Milon  von  Sevelingen  (J95,  3)  und  4  Str. 
unter  Heinrich  von  Rugge  (103,  3,  11,  19  u.  27).  Die  beste  Hs.  A 
(Heidelberger  Nr.  357)  überliefert  unter  Reinmar  57  Str.,  unter  Wal- 
ther 2  (MFr.  152,  25  u.  34),  unter  Niüni  5  (169,  9  u.  21.  183,  33.  184, 
10  u.  17),  unter  Reinmar  dem  Fiedler  4  (175,  5.  190,  27  u.  36.  192,  18), 
unter  Gedrut  5  (183,  27.  u.  33.  186,  1,  7  u.  13)  und  unter  Leutold  von 
Seven  3  Str.  (103,  3,  11  u.  19).  Die  Weingartner  Hs.  (B)  enthält  in 
ihrer  ersten  Reihe  reinmarischer  Lieder  30  Str.  unter  Reinmar,  4  unter 
Heinrich  v.  Rugge  (MFr.  103,  3,  11,  19  u.  27),  in  der  zweiten  Reihe  (b) 
83  Str.,  zusammen  also  117  Str.  Der  Anhang  der  Hs.  A  (a)  liefert  2  Str. 
(MFr.  168,  6u.  18),  die  Würzburger  Hs.  (E)  114  und  ihr  Anhang  (e) 
12  Str.  (189,  5.  190,  3.  202,  25,  31,  37.  203,  4,  10,  17,  24,  31.  204,  1  u.  8). 
Sodann  finden  sich  in  M  3  Str.  (177,  10.  185,  27  und  203,  10),  in  m 
unter  Walther  8  Str.  (167,  13  u.  22.  197,  3.  202,  1,  7,  13  u.  19  und  eine 
MFr.  S.  298)  unter  Nyphen  5  Str.  (178,  1,  8,  22,  29  u.  36),  in  i  1  Str. 
(162,  16),  in  p  2  Str.  (179,  21  u.  30),  in  s  1  Str.  (179,  30),  in  r  2  Str. 
(MFr.  S.  314,  1  u.  9),  in  n  1  Str.  (MFr.  S.  314,  9). 

Außer  den  in  MFr.  unter  Reinmar  mitgetheilten  Strophen  schreibe 
ich  ihm  also  zu  das  Lied  MFr.  103,  3,  ferner  die  Strophe  auf  Seite  298 
und  die  2  Strophen  auf  Seite  314.  Gegen  das  Lied  MFr.  192,  25  er- 
heben Lachmann  und  Haupt  allerdings  begründete  Zweifel  'i4). 

Änderungen  in  Bezug  auf  Anordnung  der  Strophen  werden  ge- 
legentlich angegeben  werden. 

Die  Betrachtung  der  Lieder  eines  jeden  Dichters  zerfällt  natur- 
gemäß in  zwei  Theile,  ich  untersuche  die  reinmarischen  hier  nur  der 
Form,  nicht  dem  Inhalte  nach. 


3)  Vgl.  v.  .1.  Hagen  MS.  140'-.  J<)  S.  MFr.  zu  193,  8, 


ZU  km;i\m  \i;  \  n\  ii  \(.i  \  \i  17,3 

Reinmar,  sagl  v.  d.  Hagen25),  ist  als  derjenige  zu  betrachten, 
rlcr  in  heimischer  oberdeutscher  Zunge  den  von  Veldek  vorgebildeten 
Minnesang  zuerst  zur  völligen   reinen  Ausbildung   brachte.    Er  gehört 

zu  den  ältesten  Meistern,  steht  noch  an  der  Schwelle  des  deutschen 
Minnesangs,  welcher  in  ihm  einerseits  seinen  tiefsten  und  geistigsten, 
andererseits  in  der  Form  seinen  schlichtesten  und  einfachsten  Ausdruck 
findet26).  Er,  der  gedankenreiche  Sänger,  kehrt  oft  zu  den  alten,  wenn 
auch  einfachen  Tönen  zurück;  bei  ihm  überwiegt  die  Dichtkunst  über 
die  Tonkunst.  Seine  metrischen  Formen  sind  im  Ganzen  einfach  und 
streng,  seine  Spracbformen  zuweilen  noch  alterthtimlich,  sein  Stil  sehlieht 
und  schmucklos.  Wiederholung  und  Gleichklang  im  Ausdruck  ist  in 
den  wenigsten  Fällen  als  Spielerei  oder  Künstelei,  vielmehr  als  etwas 
Volksthümliches  aufzufassen. 

Die  metrischen  Formen  betreffend  handle  ich  zuerst  von  der  Vers- 
messung,  dann  vom  Strophenbau  und  zuletzt  vom  Reime. 

Die  mhd.  Metrik  ist  bei  Reinmar  schon  in  ihrer  ganzen  Reinheit 
ausgebildet.  Die  Regel  der  mhd.  Lyrik,  daß  auf  jede  Hebung  eine 
Senkung  folgt,  erleidet  keine  Ausnahme  "").  Daktylische  Verse  finde  ich 
bei  Reinmar  nur  4  (MFr.  155,  3,  14,  25  und  156,  8,  wo  ich  aber  aus 
später  zu  erörternden  Gründen  (S.  156)  schreibe:  sin  fremeden  müet 
mich  im  s'ti);  sie  reimen  als  Körner.  Zweisilbiger  Auftact  ist  von  Lach- 
mann einmal  (MFr.  157,  4),  von  Haupt  dreimal  (154,  21.  181,  35.  196,  38) 
bezeichnet,  aber  eine  fünfte  Stelle  (152,  36)  von  diesem  wenigstens 
nicht  ausgezeichnet  worden,  weil  er  sagt,  hier  könne  auch  sf>  gvrinnet 
geschrieben  werden""  . 

Jambischer  Rhythmus  überwiegt  bei  Reinmar.  aber  nicht  bedeutend, 
[ch  gehe  die  verschiedenen  Versarten  und  ihre  Verbindungen,  wie  sie 
sich   bei   Reinmar  finden,   jetzt   der   Reihe  nach  durch: 

1.  Vers  von  2  Hebungen. 
a)  Jambisch. 
Bei    Reinmar  kommt    er  nur  stumpf,  auch   nur   in   -    Liedern,   und 
/.war  in  Verbindung  mit  dem  gleichen  Vera  von  4  Heb.  vor  im  zweiten 
Theile  des  Abge 

MFr.  159,  I.  Hier  ist  zwischen  den  von  2  und  den  von  1  Heb. 
noch  ein  gleicher  Vers  vor  6  Heb.  eingeschoben. 


MS.  IV.  137  .  '     Vgl.  Uhlands  Abhandlung  über  den  Minnesang  (Schriften 

zur  Geschichte   der  Dichtung  und  Sag<    \     181  Vgl    Bari  ch,  Ldederdichtei 

zu  XV,  71,  MFr.  s.  290. 


154  E.  KEGEL 

MFr.  183,  33.  Hier  sind  zwei  von  4  Heb.  mit  dem  von  2  Heb. 
gebunden.  In  beiden  Fällen  haben  alle  3  Verse  gleichen  Keim,  und  der 
von  2  Heb.  rindet  sieh  am  Schlüsse  der  Strophe,  wo  sonst  längere 
Verse  stehen.  Die  Verbindung  des  von  4  und  des  von  2  Heb.  ist  eine 
romanische.  Bartsch29)  vergleicht  eine  Form  Wilhelms  von  Poitou. 

b)  Trochäisch. 

So  kommt  der  Vers  häufiger  vor: 

a)  Stumpf  MFr.  176,  5,  mit  dem  gleichen  gebunden  (2  u.  5  des 
Auf'gesanges. 

ß)  Klingend  MFr.  190,  25,  mit  dem  von  3  Heb.  gebunden  (im 
ersten  Theile  des  Abgcsanges).  Auch  hier  findet  sich  die  Verbindung 
mit  dem  von  4  Heb.:  MFr.  151,  33  (im  zweiten  Theile  des  Abges.). 
Der   kürzere  steht  hier  vor  dem  von  4  Heb. 30). 

2.  Vers  von  3  Hebungen. 
a)  Jambisch. 

a)  Stumpf.  Als  Waise  steht  er:  MFr.  167,  31  (5.  Zeile  des  Abges.). 
Mit  gleichem  gebunden:  160,6.  167,31.  1S6,  10  (2  u.  5.  Z.  d.  Abges.). 
Mit  dem  von  5  Heb.  gebunden  165,  10  (3.  u.  5.  Z.  d.  Abges.).    In   der 

3.  Str.  ist  der  von  5  Heb.  trochäisch;  in  der  5.  Str.  fehlt  der  von  3  Heb. 
Vielleicht:  daz  ich  des  wese  fri. 

ß)  Klingend.  Mit  gleichem  gebunden:  MFr.  168,  30.  103,  22  (2.  u. 

4.  Z.  d.  Aufges.).  Dazu  die  Strophe  auf  S.  208.  In  der  4.  Str.  ist  der 
zweite  Vers  trochäisch.  Mit  dem  von  5  Heb.  gebunden:  MFr.  150,  1 
(3.  u.  5.  Z.  d.  Abges.).  MFr.  151,  1.  17  (2.  u.  4.  Z.  d.  Abges.).  (151,  24  ist 
vielleicht  so  zu  ergänzen:  dazs  an  mir  statten  also  misset  (de).  MFr.  152, 
25.  34  (1.  u.  2.  Z.  d.  Abges.).  MFr.  156,  10  (11.  u.  12.  15.  u.  17.  Zeile). 

y)  Stumpf-klingend.  MFr.  156,  10.  (5.  u.  6.  Zeile). 

d)  Klingend-stumpf.  Hier  haben  wir  die  alte  epische  Langzeile; 
deßhalb  ziehe  ich  auch  mit  Bartsch31)  zusammen:  MFr.  154,  37  u.  38. 
155,  10  u.  11,  21  u.  22,  32  u.  33.  156,  4  u.  5. 

(i)  Trochäisch. 
a)  Stumpf.   Mit  gleichem  gebunden:  MFr.  160,6(2.  u.  5.  Abges.). 
MFr.  190,  27  (2.  u.  5.  und  3.  u.  6.  Aufges.)  MFr.  203,  24  (2.  u.  4.  Auf-.) 
203,  25   ändert    Bartsch3'2):    diu    ich    hän    vernomen  (wohl    besser).    Mit 


30)  Germania    II,  271.  in)  Ich    möchte   hier   ändern:    152,  3    sost    mir   also 

vool  ze  muole.  152,  22  wdn  mirst  leide.      u)  Liederd.  XV,  55.       3J)  Liederd.  XV,  561. 


ZI     i;i  [NMAB  VON   II  M.l  \  1}  155 

dem  von  1  Heb  gebunden:  MFr.  176,  5  (4.  u.  5.  Abges.)  MFr.  190,  27 
(3.  u.  1.  Abges.j  der  kürzere  Vers  stehl  hier  nach). 

ß)  klingend.  Mit  dem  von  2  Heb.  gebunden  (s.  0.)  MFr.  199,20 
(2.  11.  1.  Abges.).  Mi1  gleichem  gebunden:  MFr.  170,  1  (l.u.  3.  Aufges.). 
170,  3  möchte  ich  lesen :  sost  ez  niender  nähen.  170,  10  möchte  ich  lesen : 
wies  ein  vrouioe  wcere.  MFr.  199,25  (.">.  u.  4.  Abges.).  Hier  mit  beiden 
noch  ein  gleicher  Vers  von  5  Heb.  (Schluß  der  Strophe)  gebunden,  was 
selten  ist.  MFr.  202,  25  (1.  u.  3.  Aufges.). 

In  der  1.  Str.   möchte  ich  losen  202,  25  Mirst  der  werlde  unsteete 

und  202,  27,  allerdings  sehr  willkürlich :  gerne  ich  rehte  teete  und  dann 

202,  29  statt  so,   was  dem  swie  entsprach,    doch.    MFr.  203,  24.(1.  u. 

Ufges.).  Mit  dem  von  4  Heb.  gebunden:  MFr.  186,   19  (2.  u.  4.  Ab- 

In   der  -/weiten  Strophe  beginnt   der  von  4  Heb.  mit  Auftaet. 

3.  Vers  von  4  Hebungen. 

Dieser  Vers  ist  in  der  deutschen  sowie  in  der  romanischen  Poesie 
der  älteste   und   häufigste. 

<i)  Jambisch. 
a)  Stumpf  (achtsilbig).  Dieser  Vers  kommt  in  vielen  Strophen  für 
ich  allein  vor,  paarweise  oder  gewöhnlich  überschlagend  gereimt;  oft 
im  ganzen  Aufgesang,    aber   auch    sonst    im  Auf-    und  Ahgesang    sehr 
häufig33);  am  häutigsten  hat  ihn  gerade  Reinmar: 

1.  Durch  die  ganze  Strophe  (und  zwar  durchaus  mit  über- 
schlagenden  Reimen).    MFr.   187,31.   187,34    möchte   ich   nach   Hs.  A 

11:  deich  ir  vergezzen  niem    mac.   MFr.    188,31.    191,  7.  25.  203,  10. 
I-;.:.  3. 

2.  Im  ganzen  Aufgesang  (auch  durchaus  mit  überschlagenden 
Reimen):  MFi  150,  I.  151,  1,  17,33.  152,25,34  (36  mit  zweisilbigem 
Auftacl  1..:;,...  14,  23,  32  154  5.  181,  I.".  (35  not  zweisilbigem  Auf 
tact)  182,  I    183,  :;;:.   198,  I. 

."'    In  den  Stolhii  nur  theilwei  e    MF]     154,32  (1    u   3   Aufges.). 

liier   sehreiht    man    in    der   ersten    Zeih     wohl    be       1      8di    iender 

MFr  155,  27  |  I.  .,.  3  Aufges.).  38  ohne  Auftaet  156,  l<>  (1.  2.  :'..  Aufg.). 
MFr.   156,27  (1.  u.  3    tal  19  ohne  Auftacl    MFr.   158,   1.   159,   1 

(1.  11.  :*..  Aufges.)  MFr.  160,  6  1  l.  u.  I.  aufges.).  25  möchte  ich  nach  .Im 
Hss.    schreiben:    wil  si  des   noch    niht    //"'/<    vemomen.  MFr.   1»'»2,  7,  3  1 
I.  u.  3.  Aufges.).   163,  2:;  (2  u.  I.  \m  Eb<  nso:   HU.  :;<>  (die  drei 


Vgl    Bari  .1:  (Germania  II,  274) 


15ß  E.  REGEL 

vorhergehenden  Strophen  stelle  ich  nach  dieser34).  165,  1.  165,  10 
(1.  u.  3.  Aufges.).  Ebenso:  166,  16  (167,  4  ohne  Auftact).  167,  13,  22. 
167,  31  (1.  u.  4.  Aufges.).  171,  32  (1.  u.  3.  Aufges.  nur  in  der  3.  Str.). 
172,  11  (3.  Aufges.  nur  in  d.  I.  Str.).  172,  23  (1.  u.  3.  Aufges.  nur  in  d. 

2.  Str.).  172,  23  (3.  Aufges.  nur  in  d.  3.  Str.).  184,  31  (2.  u.  4.  Aufges.). 
Ebenso:  185,  27.  193,  22  (1.  u.  3.  Aufges.;  29  ohne  Auftact).  Ebenso: 
195,  10  (28  ohne  Auftact):  197,  15  (nur  in  der  2.  Str.).  201,  12  (2.  u. 
4.  Aufges.  nur  in  der  1.  Str.). 

4.  Im  Abgcsang:  MFr.  150,  1  (4.  Zeile;  Waise).  151,  33  (3.  u.  6.  Z. 
nur  in  der  2.  Str.).  MFr.  152,  25  (3.  Z.  gebunden  mit  einem  Vers  von 
7  Heb.).  (Ich  ziehe  hier  und  in  den  folgenden  Liedern  die  beiden  letzten 
Zeilen  der  Strophe  zusammen35).  Ebenso:  MFr.  152,  34.  153,  5,  14,  23, 
32.  154,  5.  154,  32.  (4.  Z.  Körner;  ich  stelle  die  beiden  Strophen  155, 

27  und  155,  38  um  und  rechne  die  2.  mit  zum  Vorigen  Liede,  indem 
ich  das  Korn  156,  8  nach  C  (v.  d.  H.),  aber  mit  kleiner  Abweichung, 
um  daktylischen  Rhythmus  zu  bekommen,  wieder  herstelle:  sin  fremeden 
müet  mich  nu  sit).  MFr.  155,  27  (4  Z.  Waise;  ich  lese  hier  nach  Hss. 
AC:  r/ot  helfe  mir  deich  mich  hewav).  156,  10  (13  Z.  mit  einem  Vers  von 
7  Heb.  gebunden).  156,  10  (16  Z.  Waise).  156,  27  (1.  Z.  Abges.  mit 
einem  Vers  von  6  Heb.  gebunden).  156,  27  (4.  u.  3.  Z.).  157,  9  ist  wohl 
besser  zu  schreiben:  daz  sis  niht  mere  heeren  toü;  18  ist  ohne  Auftact; 

28  hat  zAveisilbigen  Auftact.  MFr.  156,  27  (6.  Z.  mit  Vers  von  6  Heb. 
gebunden).  156,  36  und  157,  30  sind  ohne  Auftact.  158,  1  (3.  u.  5;  4.  u. 
6  Z.),  28  ist  ohne  Auftact.  159,  1  (3.  Z.  mit  einem  Vers  von  6  Heb. 
und  einem  von  2  durch  den  Reim  gebunden  s.  o.).  162,  7  (4.  Z.  Waise; 

3.  Z.  mit  einem  Verse  von  5  Heb.  gebunden),  13  ohne  Auftact.  Ebenso 
MFr.  162,  34.  163,  23  (3.  u.  5.  Z.).  164,  2  ohne  Auftact.  163,  23  (4.  Z. 
Waise).  Ebenso:  164,  30  (Anordnung  s.  o.).  165,  1  (9  ohne  Auftact). 
166,  16  (1.  Z.  mit  einem  Vers  von  7  Heb.  gebunden,  4.  Z.  Waise). 
Ebenso:  167,  13,  22.  167,  31  (3.  u.  6.  Z.;  4.  Z.  Waise).  170,  1  (2.  Z. 
Waise') ,  36  (2.  Z.  Waise;  1.  Z.  der  1.  u.  5.  Str.  mit  Vers  von  6  Heb. 
gebunden).  172,  23  (2.  Z.  d.  2.  Str.;  2.  u.  3.  Z.  d.  3.  Str.).  174,  3  (2.  Z. 
d.  1.  u.  5.  Str.).  179,  3  (5.  Z.  der  6.  Str.  mit  Inreim  gebunden30).  Ich 
schreibe  180,  15  u.  16  zusammen.  181,  13  (3.  u.  §.  Waisen;  4.  u.  6). 
Ebenso  182,  4.  183,  9  (1.  Z.  d.  2.  Str.  mit  Vers  von  7  Heb.  gebunden). 
183,  33  (1.  u.  2.  Z.)  185,  27  (1.  Z.  d.  2.  3.  4.  Str.  mit  Vers  von  7  Heb. 
gebunden).  189,  5  (4.  Z.  Waise).  192,  25  (1.  Z.  d.  3.  u.  4.  Str.  mit  Vers 


M)  Vcrgl.  Bartsch,  Liedcrd.  XV,  154.  3S)  Vgl.  Bartsch,  Liederd.  XV,  47. 

6)  Vgl.  Bartsch  (Germ.  IU,  482.  XII,  135). 


ZU  REINMAR  VON  HAGENAU.  157 

vu.,  6  Hebungen;  1?.  Z.  Waise).  193,  22  (1.  u.  2.  Z.  d.  3.  4.  5.  Str.). 
195,  10  (3.  u.  4.  Z.)  197,  15  (1.  Z.  d.  2.  u.  I.  Str.  mit  Vers  von  7  Heb. 
gebunden;  2.  Z.  Waise).  201,  12  (2  Z  d.  .'?.  Str.  mit  Vers  von  (i  Heb. 
gebunden).  MFr.  S.  314  (6.  u.  8.  Z.). 

Der  Vers,  welcher  nach  dein  alten  Gesetze  der  Hebungen  dem 
achtsilbigen  jambischen  entspräche,  ist  der  siebensilbige  mit  klingendem 
Reime  (s.o.).  Beide  wechseln,  zumal  bei  Dichtern,  welche  leichtere 
Melodien  lieben37),  nicht  selten  mit  einander;  so  auch  hei  Reinmar: 
MFr.    193,  22. 

ß)  Klingend  (neunsilbig).  MFr.  163,  23  (1.  Z.  des  Abges.  gebunden 
mit  Vers  von  8  lieb.).  Ebenso:  1G4,  30  (Anordnung  s.  o.).  165,  1.  177,  10 
(1.  u.  3.  Aufges.  der  3.  Str.).  108,  4  (1.  u.  2.  Abges.).  Ich  ziehe  hier  zu- 
Bammen  8.  u.  9.  38);  10.  u.  11:  ebenso  in  den  anderen  Strophen.  MFr. 
S  "'14  (f).  u.  7.  Z.).  Die  7.  Zeih  der  ersten  Strophe  kann  man  vielleicht 
schreiben:  daz  si  da  krenket  in  ir  jären. 

Dieser  Vers  ist  in  der  romanischen  Lyrik  selten,  in  der  Epik 
ebenso  häutig  als  der  achtsilbige;  die  Lyriker  brauchten  dafür  den 
achtsilbigen  trochäischen  Vers.  Die;  Romanen  stellen  den  neunsilbigen 
jambischen  Vers  gern  zu  Anfang  des  Abgesanges,  um  kürzere  Verse 
der  Stolleu  mit  längeren  des  Abgesanges  zu  verbinden ;  ein  solches 
Beispiel  hat  man  auch,  wenn  man  zusammenzieht,  bei  Reinmar  in  der 
obigen  Stelle  MFr.  198,  4. 

Die  Scheidung  des  jambischen  und  trochäischen  Rhythmus  ist  am 
Btr engsten  im  Verse  von  4  Hebungen;  ich  gehe  zu  den  trochäischen 
über : 

h)  Trochäisch. 

a)  Stumpf  (siebensilbig).  Durch  die  ganze  Strophe  findet  er  sich 
nicht.  Im  ganzen  Aufgesang:  MFr.  178.  1  und  198,  28.  Im  ganzen 
Abgesang:  MFr.  203,  24  (3  Zeilen  durch  gleichen  Reim  gebunden), 
29  Bchreibl  Bartsch39)  ward  ich  für  sit  /VA  (wohl  besser).  Sonst  ist  der 
Vers  häufig  bei  Reinmar:  MFr.  151,  1  (2.  u.  4.  Aufges.  der  2.  Str.) 
154,  32  (1.  Zeile  d.  4.  Str.  Anordnung  s.o.).  156,  10(4.7.8  9.  10  Zeile). 
156,  21  (3.  u.  10.  Z.  de-  1.  Str..  s.  Z.  der  3.  Str.,  5.  Z.  der  1.  Str.).  158,  1 
-  /.  d.  3.  Str.)  162,  7  (7.  Z.  «1.  1.  Str.)  166,  0'.  (1.  Z.  d.  1.  Str.).  168,  30 
il.Z.  des  Abges.  gebunden  mit  Vera  von  7  Heb.);  dazu  die  Strophe 
MFr.  S.  298,  wo  man  in  der  5.  Zeih-  vielleicht  "hne  Aufiact  schreiben 
kann:  muoi  van  vröuden.    169,  9  (2.   n.  4.  Aufges.;   1.  Z.  d.  Abges.  ge 


\  ,i     Bartrn  li   Germ.il       II    27(1  '     ■  U 

lerd    M. 


158  E.  REGEL 

bunden  mit  Vers  von  6  Heb.).  Ebenso:  169,  33.  170,  1.  170,  36  (1.  Z. 
d.  Abges.  d.  2.  3.  4.  Str.  gebunden  mit  Vers  von  6  Heb.).  171,  32  (1.  u. 

3.  Aufges.  d.  1.  u.  2.  Str.  1.  Z.  des  Abges.  gebunden  mit  Vers  von  7  Heb.). 
Ebenso:  172,  11  (in  d.  1.  Str.  die  3.  Zeile  mit  Auftact).  172,  23  (1.  Z.  d. 
Aufges.;  3.  Z.  d.  Aufges.  d.  1.  Str.;  1.  u.  2.  d.  Abges.  d.  1.  Str.;  1.  Z.  d. 
Abges.  d.  2.  Str.).  173,  6  (2.  u.  4.  Aufges.;  2.  d.  Abges.  gebunden  mit 
Versen  von  5  u.  6  Heb.).  174,  3  (1.  u.  3.  Aufges.;  2.  Z.  d.  Abges.  d.  2.  3. 

4.  Str.;  gebunden  mit  2  Versen  von  5  Heb.).  175,  1  (1.  Z.  d.  Abges., 
gebunden  mit  Vers  von  5  Heb.).  Ebenso  175,  29  und  36.  176,  5  (1.  u.  4., 
3.  u.  6.  Aufges.;  1.  u.  2.  Abges.;. 3.  Abges.  Waise;  5.  Abges.  gebunden 
mit  Vers  von  3  Heb.).  177,  10  (1.  Z.  d.  Abges.  gebunden  mit  Vers  von 

6  Heb.)-  178.  1  (1.  u.  3.  Abges.).  179,  3  (1.  Z.  Abges.  durch  Inreim  ge- 
bunden; s.  o.);  nur  in  der  6.  Str.  steht  Auftact.  182,  14  (1.  Z.  Abges.  ge- 
bunden mit  Vers  von  5  Heb.).  182,  34  (1.  Z.  Abges.  gebunden  mit  Vers  von 

7  Heb.).  Ebenso  183,  9  (in  d.  2.  Str.  mit  Auftact).  185,  27  (in  d.  1.  u.  5.  Str.). 
186,  19  (1.  u.  3.  Abges.  Waisen).  190,  27  (1.  u.  4.  Aufges.;  1.  Z.  Abges. 
gebunden  mit  Vers  von  3  Heb.  s.  o.).  192,  25  (1.  u.  3.  Aufges.;  1.  Z. 
Abges.  d.  1.  2.  5.  Str.  gebunden  mit  Vers  von  6  Heb.).  193,  22  (1.  Auf- 
ges. d.  2.  u.  5.  Str.).  194,  34  (1.  Z.  Abges.  gebunden  mit  Vers  von  5  Heb.). 
195,  10  (2.  Z.  Abges.   gebunden  mit  Vers  von  8  Heb.).    195,  37  (1.  u. 

3.  Aufges.).  Ich  möchte  hier  mit  Bartsch40)  schreiben: 

196,     1 :  ivärt  ir  ie  ein   wcetlich  itrvp 
196,  13:  doch  frönt  mich  sin  Sicherheit 

197,  15  (1.  u.  3.  Aufges.  d.  1.  3.  4.  Str.;  1.  Z.  Abges.  d.  1.  u.  3.  Str.  geb. 

mit  Vers  von  7  Heb.).  198,  28  (1.  u.  3.  Abges.).  199,  25  (2.  u.  4.  Aufges.). 

Ich  ziehe  hier  MFr.  1  u.  2.,  4.  u.  5.  zusammen;  über  die  Grunde  später. 

201,  12  (1.  u.  3.  Aufges.).  Die  1.  Z.  d.  1.  Str.  hat  Auftact;  in  der  3.  Z. 
d.  3.  Str.  möchte  ich  schreiben  zallen.  201,  12  (2.  Z.  Abges.  d.  1.  u. 
2.  Str.  gebunden  mit  Versen  von  5  und  6  Heb.).  201,  33  (2.  u.  4.  Aufges.) 
Ebenso  202,  25.  201,  33  (1.  Z.  Abges.  gebunden  mit  Vers  von  7  lieb.). 

202,  25  (1.  Z.  Abges.  gebunden  mit  Vers  von  8  Heb.).  202,  35  kann 
man  vielleicht  und  weglassen. 

ß)  Klingend  (achtsilbig).  Dieser  Vers  ist  bei  Reinmar  viel  seltener 
als  der  stumpfe.  MFr.  151,  33  (5.  Z.  Abges.  gebunden  mit  Vers  von 
2  Heb.  s.  o.).   152,  3  möchte  ich  schreiben:  sost  mir  also  .  .  .  160,  6  (1.  u. 

4.  Abges.).  161,  11  möchte  ich  nach  bC  schreiben:  wdns  enlät  mich  von 
ir  scheiden  177,  10  (1.  u.  :').  Aufges.).  Ebenso  182,  39.  183,  9.  186,  19 
(3.  u.  6.  Aufges.;  4.  Z.  Abges.   gebunden  mit  Vers  von  3  Heb.  s.  o.). 


")  Zu  Liederd.  XV,  510.  Liederd.  XV,  522. 


ZU  REINMAR  VON  HAGENAU.  159 

195,  37  (1.  Z.  Abges.  gebunden  mit  Vers  von  8  Heb.).  199,  25  (1.  u.  3. 
Aufges.  mit  innerem  Reim;  Zusammenziehung  s.  o.).  201,  33(1.  u.  3. 
Aufges.).  Sehr  häufig  ist  in  der  deutschen,  wie  in  der  romanischen 
und  lateinischen  Liederpoesie  die  Verbindung  von  trochiiisch-stumpfen 
und  klingenden  Versen,  und  so  wechseln  denn  auch  hei  Keinmal'  (MFr. 
199,  25.  201,   3:5  und   180,   19  |  im  Abgesang])  diese  mit  jenen  ab. 

Echt  deutsch,  da  beide  ursprünglich  gleiche  metrische  Geltung 
haben,  ist  die  Verbindung  des  trochäisch  klingenden  von  4  Hebungen 
mit  dem  trochäisch  stumpfen  von  5  Hebungen;  und  so  wechseln  bei 
Keinmal'  beide  mit  einander  ab  in  den  Liedern  MFr.  177,  10  und 
182,  34. 

Der  Wechsel  zwischen  jambischen  und  trochäischen  Versen  von 
1  Hebungen  ist  sehr  häutig;  er  geht  sogar  durch  die  ganze  Strophe: 
MFr.  I'.'l.  34:  jambisch  2.  u.  4.  Aufges.  2.  u.  3.  Abges.;  trochäisch:  1.  u. 
.'!.  Aufges.  1.  Abges.  Abweichungen  finden  sich  nur  192,  10.  u.  23,  wo 
trochäischer  statt  jambischer  Rhythmus  sich  zeigt. 

Aber  sie  werden  auch  durch  den  Keim  gebunden: 

jambisch  trochäisch  (stumpf):  MFr.  151,  1  (1.  u.  3.  Abges.;.  Ebenso 
151.  i?  in  der  2.  Str.  104,  30  (3.  u.  0.  Abges.  der  2.  u.  4.  Str.  Anordnung 
Ebenso  165,  1.   185,  20  (2.  u.  4.  Aufges.)  201,  12  (1.  u.  3.  Aufges. 
d    1.  Str.;  2.  u.  4.  Aufges.  d.  2.  u.  3.  Str.). 

Trochäisch-jambisch  (stumpf):  MFr.  151,17  (1.  u.  3.  Abges.  der 
1.  Str. :  151,  :;:;  (3.  u.  0.  Abges.  d.  1.  u.  3.  Str.).  MFr.  100,  0  (7.  u.  8.  Ab 
)  In  der  1.  Str.  schreibe  ich  hier  nach  den  Hss.  050,  19:  sol  <■::  mit 
wol  erboten  tun,  denn  die  entsprechenden  Zeilen  An-  anderen  Strophen 
haben  alle  Auftact.  MFr.  193,  22  (1.  u.  2.  Abges.  d.  1.  u.  2  Str.)  KM.  Ill 
il.  .1   3.  Aufges.)    Ebenso   195,   10  (d.  3.  Str.). 

4.  V (TS  v  on  5  1 1  eh  n  ngen. 
Dil    •!  Vers  ist  aus  der  romanischen  Poesie  entlehnt41),  nicht  ur- 
prünglich  deutsch;   er  komml   im   Deutschen  viel  seltener  vor  als  dei 

von   -1    Hebungen;    auch    wird    er   hier    nicht     mit    derselben    Strenge    I" 

handelt  wie  im  Romanischen:  namentlich  fehlt  ihm  die  männliche  Cäsur 
nach  dei  vierten  Silbe.  Km  Reinmar  stehl  er  indes  i  ü  verhältnissmäUig 
bäufi 

a  i  Jarabi  cli 
a)  Stumpl    .-  •  I  m  i :  1 1 1  •  i       [m     mzen  Aul       ing    tehtei    MFi    194,18. 
Hei    kommt   er  außerdem   noch    zweimal    im   Abj  '   u   3   Z 


\    i    i  1 1 


UjU  E.  REGEL 

vor,  und  zwar  wechselnd  mit  dem  klingenden  von  5  Hebungen,  so  daß 
er  fast  die  ganze  Strophe  ausmacht.  Ebenso  wechselnd  mit  dem  von 
5  Hebungen  steht  er:  MFr.  S.  314  (2.  u.  4.  Aufges.).  Die  erste  Zeile  kann 
man  hier  vielleicht  lesen: 

Sicel  wip  wil  daz  man  si  da  niht  etizlhe 
und  in  der  4.  Z.  nach  Hs.  n  schreiben : 

beide  in  dem  plane  und  üf  den  hohen  allen. 

Nicht  romanisch  ist  der  Wechsel  des  jambisch  stumpfen  Verses 
von  5  Heb.  mit  gleichem  von  4  Heb.;  bei  Reimnar  kommt  er  häutig 
vor:  MFr.  154,  32  (2.  u.  4.  Aufges.).  Ebenso  155,  27.  162,  7  (26  ist  wohl 
so  besser  wegzulassen;  Hss.  bCE).  162,  34.  Hier  steht  der  Vers  noch 
einmal  am  Schlüsse  der  Strophe,  und  zwar  sogar  durch  den  Reim  ge- 
bunden mit  dem  von  4  Heb.  MFr.  163,  23  (1.  u.  3.  Aufges.  d.  2.  Str.). 
Ebenso  164,  30  (1.  Z.  d.  4.  Str.  [Anordnung  s.  o.]  lese  ich  mit  Bartsch42): 
Uue  des  daz  ich  einer  rede  vergaz).   165,  1.   195,  10  (2.  u.  4.  Aufges.). 

Auch  mit  dem  trochäischen  von  4  Hebungen  wechselt  er:  MFr. 
171,  32  (2.  u.  4.  Aufges.  d.  1.  Str.).  Ebenso  172,  11  (die  3.  Z.  d.  1.  Str. 
hatAuftact).  192,  25.  195,37  (196,  14  lese  ich  mit  Bartsch43):  daz  er 
mir  .  .  .).  Auch  mit  dem  von  4  Heb.  gebunden  kommt  er  vor:  MFr. 
182,  14  (4.  Z.  der  vierzeiligen  Strophe). 

Auch  sonst  noch  findet  sich  der  Vers:  MFr.  154,  32  (1.  Z.  d.  Au- 
ges, gebunden  mit  Vers  von  6  Heb.).  Ebenso  155,  27.  159,  1  (1.  u.  2. 
Abo-es.).  165,  10  (am  Schluß  der  Str.  gebunden  mit  Vers  von  3  Heb. 
s.  o.),  36  ist  ohne  Auftact.  170,  36  (2.  u.  4.  Aufges.  wechselnd  mit 
trochäischem  Vers  von  6  Heb.).  178,  1  (2.  Z.  d.  Abges.  der  2.  Str.  Waise) 
190,  3  (3.  Z.  d.  Abges.  gebunden  mit  trochäischem  Verse  von  7  Heb.). 
196  35  (2.  u.  4.  Aufges.  wechselnd  mit  trochäischem  Verse  von  6  Heb.), 
38  hat  zweisilbigen  Auftact.  196,  35  (1.  Z.  des  Abges.  geb.  mit  jamb. 
Vers  von  8  Heb.).  197,  1  ist  ohne  Auftact. 

ß)  Klingend  (elfsilbig).  Dieser  Vers  steht  gern  entweder  zu  Anfang 
des  Abgesanges,  um  einen  Gegensatz  gegen  die  kürzeren  Verse  des 
Abgesanges  zu  bewirken,  oder  am  Ende  der  Strophe,  wo  längere 
Verse  überhaupt  beliebt  sind:  MFr.  150,  1  (LZ.  d.  Abges.  gebunden 
mit  troch.  kling.  Vers  von  6  Heb.).  MFr.  150,  1  (am  Schluß,  gebunden 
mit  Vers  von  3  Heb.  s.  o.).  Ebenso  MFr.  151,  1  u.  17.  152,  25  und  32 
(2.  Z.  Abges.  ebenso  gebunden).  MFr.  153,  5  (2.  Z.  Abges.  gebunden  mit 
Vers  von  4  Heb.  s.  o.).  Ebenso  153,  14,  23,  32.  154,  5.  166,  16  (3.  u.  5. 
Abges.).  Ebenso  167,  13,  22.  181,  13.  (1.  Z.  Abges.  gebunden  mit  Vers 


«)  Liederd.  XV,  181.  •      Liederd.  XV,  ü-i:). 


ZU  REINMAB  VON  HAGENAÜ.  161 

von  6  Heb.)  Ebenso  182,  4.  189,  5  (1.  u.  3.  Aufges.  wechselnd  mit 
(roch.  Vors  von  6  Hebungen).  11'4,  18  (1.  n.  4.  Abges.  wechselnd  mit 
stumpfem  s.  o.)  Ebenso  MFr.  S.  314  (1.  u.  3.  Aufges.)  1(.>4,  34  (2.  Z. 
Abges.   Waise). 

h)  Trochäiscli. 
a)  Stumpf  (neunsilbig).  Bei  Reinmar  zeigt  sich  dieser  Vers  ebenso 
häutig  wie  der  jambisch-stumpfe.    Im  ganzen  Aufgesang:  MFr.   175,  1, 
29,  36.  Hier  überall  außerdem  in  der  3.  Z.  Abges.  geb.  mit  Vers  von 

4  Heb.  190,  3  außerdem  in  der  2.  Z.  Abges.  geb.  mit  Vers  von  0  Heb. 
(190,  6   ist    wohl  besser  zu  schreiben:  so  nimt  sis  ....). 

Echt  deutsch  ist  es  wieder,  wenn  der  trochäisch-stumpfe  Vers  von 

5  Heb.  mit  dem  trochäisch4ilingenden  von  4  Heb.,  welche  ursprüng- 
lich gleiche  metrische  Geltung  haben,  wechselt:  MFr.  177,  10  (2.  u. 
4.  Aufges.).  Ebenso  182,  34.  183,  <>. 

Auch  sonst  kommt  der  Vers  oft  vor,  häutig  am  Schluß  der  Strophe: 
MFr.  151,  33  (1.  u.  2.  Z.  Abges.  d.  2.  Str.;  vielleicht  ist  auch  in  der 
1.  Str.  zu  schreiben  (38):  mirst  vil....  MFr.  160,  6  (3.  u.  6.  Aufges. 
und  die  beiden  letzten  Zeilen  der  Strophe).  MFr.  162,  7  (am  Schluß, 
mit  Vers  von  4  Heb.  geb.  s.  o.).  165,  10  (4.  Z.  Abges.  Waise).  167,  31 
(3.  u.  6.  Aufges.).  Ich  schreibe  nach  Bartsch44)  168,8:  wie  min  heil 
(in  filme  libe  lac.  168,  11  (eine  Hebung  zu  wenig):  swaz  ick  ievier  me 
geleben  mac.  168,  20:  also  deich  ir  mer  enberen  sol.  168,  23:  daz  min 
Jdagedez  herze  ist  jdmers  vol.  MFr.  167,  31  (I.  Z.  Abges.  geb.  mit  jamb. 
Vers  von  7  Heb.).  171,  32  (2.  u.  4.  Aufges.  d.  3.  Str.,  wechselnd  mit 
Vers  von  4  Heb.).  172,  23  (ebenso,  nur  wechselnd  mit  troch.  Vers 
von  4  Heb.  Die  Lesart  von  Bartsch  4:')  kann  ich  nicht  billigen.).  MFr. 
172,  23  (am  Schluß  d.  Str.,  geb.  mit  Vers  von  4  Heb.)  die  letzte 
Zeile  d.  3.  Str.  hat  Auftact.  173,  6(1.  Z.  Abges.,  geb.  mit  Versen  von 
4  u.  6  Heb.).  174,  3  (1.  u.  3.  Abges.,  wieder  am  Schluß  d.  Str.);  14  hat 
Auftact.  178,  1  (2.  Z.  Abges.  Waise);  13  hat  Auftact.  179,  3  (1.  u.  3. 
Aufges.,   wechselnd   mit  Vers   von  6  Heb.).    184,  31  (1.  u.  3.  Aufges. 

wechselnd  mit  jamb.  Vers  von  4  Heb.).  Ebenso  185,  20  (185,  1  ist 
nach  Bartsch4'')  zu  schreiben:  da  entrastent  kleiniu  vogellm).  Außer- 
dem in  beiden  Liedern   1.  Z.  Ahges.,  geb.  mit  jamb.  Vers  von  8  Heb. 

zusammengezogen).  185,  27  (1.  u.  3.  Aufges.,  wechselnd  mit  jamb.  Vers 
von  4  Heb.).  189,  5  (1.  Z.  Abges.,  geb.  mii  Vera  von  6  Heb.).  190,27 
(2.  Z.  Abges.  Waise).  194,  34  (3.  Z.  Abges.,  geb.  mit  Vera  von    1  Heb., 


",  \.<i.  l.i-l.nl.  XV,  L'l.i,  ülf,,  225,  228.  Liederd.   XV,  260.         u)  Lie 

SV,   146. 
i  \MA.  Neue  Beihe  VII    i.\l\  |  J  11 


162  E.  REGEL 

wieder  am  Schluß).  201,  12  (1.  Z.  Abges.,  geb.  mit  Versen  von  4  u.  6 
Heb.).  201,  16  vielleicht:  da   ich  grdze  herzesiccrre  trage. 

ß)  Klingend  (zehnsilbig).  Dieser  Vers  ist  viel  seltener  als  der 
jambisch -klingende;  er  dient  häufig  dazu  eine  Strophe  in  kürzeren 
Versen  zu  beschließen  (MFr.  199,  25).  MFr.  160,  6  (3.  u.  6.  Abges.). 
161,  39  ist  vielleicht  zu  lesen:  hat  diu  guote  (diu  liehe)  leider  sich  ver- 
borgen 4:).  1 69, 9  (1.  u.  3.  Aufges.  wechselnd  mit  stumpfem  Verse  von  4  Heb.). 
Ebenso  169,  33.  179,  3  (2.  Z.  Abges.  durch  Inreim  gebunden48).  189,  5 
(3.  Z.  Abges.  geb.  mit  jamb.  Vers  von  7  Heb.).  199,  25  (am  Schluß,  geb. 
mit  Versen  von  2  u.  3  Heb.  s.  o.). 

Jambische  und  trochäische  Verse  kommen  auch  hier  gebunden  vor : 

Jambisch -trochäisch,  stumpf.  MFr.  163,  23  (1.  u.  3.  Aufges.  d. 
I.  Str.).  174,  3  (1.  u.  3.  Abges.  d.  2.  StrA 

Klingend.  MFr.  180,  28  (2.  Z.  Aufges.  geb.  mit  der  5.  u.  6.  Z.  d. 
Aufges.;  in  der  1.  Str.  ist  auch  die  5.  Z.  jambisch). 

Trochäisch-jambisch  (stumpf).  MFr.  151,  33  (1.  u.  2.  Z.  Abges.  d. 
3.  Str.).  180,  28  (die  beiden  letzten  Zeilen  der  Strophe). 

5.  Vers  von  6  Hebungen. 

Dieser  Vers  unterscheidet  sich  vom  Alexandriner  dadurch,  daß 
er  keine  bestimmte  Cäsur  nach  der  sechsten  Silbe  hat.  Daß  er  gern 
mit  dem  von  4  und  dem  von  5  Heb.  gebunden  wird  oder  wechselt  ist 
schon  oben  bemerkt.  Wie  letzterer,  so  steht  auch  er  gerne  am  Ende 
der  Strophe.  Stumpfe  Verse  sind  bei  Reinmar  bedeutend  häufiger  als 
die  klingenden;  jambischer  Rhythmus  überwiegt  hier  nur  bei  den  klin- 
genden Versen. 

et)  Jambisch. 

a)  stumpf,  (zwölfsilbig).  MFr.  154,  32  (am  Schluß  d.  Str.,  geb.  mit 
Vers  von  7  lieh.  Zusammenziehung  s.  c;  2.  Z.  d.  Abges.  mit  weib- 
licher Cäsur  nach  der  3.  Heb.  (dreizehnsilbig),  geb.  mit  Vers  von  5  lieb, 
s.  o.).  Ebenso  155,  27.  156,  27  (2.  u.  4.  Aufges.  wechselnd  mit  Vers  von 
4  Heb.).  Ebenso  158,  1.  159,  I.  156,  27  (2.  Z.  Abges.  geb.  mit  Vors  von 
4  Heb.  d.  2.  3.  4.  5.  Str.;  3.  Z.  Abges.,  geb.  mit  Vers  von  4  lieb.).  Hier 
ist  die  Stellung  der  beiden  umgekehrt;  der  kürzere  steht  am  Ende  d  i 
Strophe.   157,  17  ist  kurz;  vielleicht: 

und  sol  du::  dl  die  ;uf  so  trüreclichen  stän. 
158,  1   (1.  u.  2.  Abges.  d.  1.  u.  4.  Str.).   159,  1    (4.  Z.  Abges.,  geb.  mit 
Vers  von  4  Heb.).  165,  10  (2.  u.  4.  Aufges  wechselnd  mit  Vers  von  4  Heb.). 


")  Haupt  au  161,  89,  |S)  \  -\    Bartsch  (Germ    III,  482  ..    \n 


ZU    KKIVM  \i;    VON    HAGEN  VI  163 

170,  1  am  Schluß,  geb.  mit  troch.  Vers  von  4  Heb.).  Ebenso  171,  3G 
3.  4.  Str.:  mit  jam.  geb.  1.  u.  5.  Str.  i.  175,  1  (2.  Z.  Abges.  d.  2.  Str. 
Waiso.  177.  10  (am  Schluß,  geb.  mit  troch.  Vers  von  4  Heb.).  Ebenso 
192.  25.  197,  15  (2.  u.  4.  Aufges.,  wechselnd  mit  troch.  Vers  von  4  Heb.). 
197,  16  vielleicht:  ich  enbegünde  es  entriuwen  niemer  me.  201,  12  (am 
Schiuli   (1.  3.  Str.,  geb.  mit   troch.  Vers  von  4  Heb.). 

ß)  Klingend  (dreizehnsilbig).  MFr.  166,  16  (2.  u.  4.  Aufges.,  wech- 
selnd  mit  stumpfem  Verse  von  4  Heb.;.  Ebenso  167,  13  u.  22.  181,  13 
2.  Z.  Abges.,  geb.  mit  dem  von  5  Heb.).  Ebenso  182.  4.  198,  44!,>  (3.  Z. 
Abges.,  geb.  mit  dem  von  7  Heb.). 

b    Trochäisch. 
a    Stumpi  (eilfsilbig).   Im  ersten  Theile  (der  vierzeiligen  Strophe 
steht  er:  MFr.   182,  14  (in  der  2.  Str.  [18])  schreibt  Bartsch50): 

Ich  hän  ir  ze  gehen  nihi  wan  min  selhes  Ivp.  MFr.  156,  27  (2.  Z. 
Abges.  d.  1.  Str.,  geb.  mit  jamb.  Vers  von  4  Heb.).  MFr.  165,  10  (1.  Z. 
Abges.  d.  1.  2.  4.  5  Str.  mit  jamb.  Vers  von  7  Heb.).  168,  30  (1.  u. 
3.  Aufges.);  dazu  die  Strophe  MFr.  S.  298.  MFr.  169,9  (am  Schluß, 
geb.  mit  Vers  von  4  Heb.;.  170,  36  (1.  u.  3.  Aufges.,  wechselnd  mit 
jamb.  Vers  von  5  Heb.).  173,  6  (1.  u.  .'!.  Aufges.,  wechselnd  mit  troch. 
Vers  von  4  Heb.:  außerdem  am  Schluß,  geb.  mit  Versen  von  4  u. 
5  Heb.).  174,  3  (2.  u.  4.  Aufges.,  wechselnd  mit  Vers  von  4  Heb. 
.1.  1.  2.  3.  4.  Str.,  175,  1  (2  Z.  Abges.  Waise).  Ebenso  175,  29  u.  36. 
179,  3  (2.  u.  4.  Aufges.,  wechselnd  mit  Vers  von  5  Heb.;  außerdem  am 
Schluß,  geb.  durch  Inreira  s.  o.).  In  der  6.  Str.  findet  sich  weibliche 
.r  nach  der  3.  Heb.  186,  19  (1.  u.  4.  Aufges.).  189,  5  (2  Z.  Abges., 
geb.  mit  Vers  von  5  Heb.).  Ebenso  die  t.  Z.  Abges.  190,3.  194,34 
IL',  ii.  4.  Aufges  ,  wechselnd  mit  Vers  von  4  Heb.).  196,  35  (1.  u.  3.  Aul' 
d.  2.  u.  .'!.  Str.,  wechselnd  mit  jamb.  Vers  von  5  Heb.).  198,  28 
2  Z.  Abges    Waise  .  33  vielleicht : 

des  sich  lilüi  jener  getreestet  scelic  man. 
201,  12    am  Schluß  d.    1.  u.  2.  Str..  geb.  mit  Versen  von    1  u.  5  Heb.), 
25  ungefähr:    nust  es  niht.  ich  warn  ez   ieman  reden  sol. 

;    Klingend  (zwölfsilbig)   MFr.  150,  1    2  /   Abges.,  geb.  mit  jamb. 

von  5  Heb.).   189,  5  il'.  u.   I    Aufg   -     wechselnd  mit  jamb.  von  5  Heb,). 

Auch    hier  werden    jambische  Verse    mit    trochäischen   gebunden 

jambisch   trochäi  cli       tumpf       MFr,    171,. 'l    iL'    u.    1.  Aufges.    d. 

5  Sti       180  "      I    u    3   Aul-,      d    I    Mi  l    Die  dritte,  durch  gleichen 

l  I,.  i     dii    \  ■  i   tln  iluii  BarLscli      I h  Liederd 

\\ 

11 


1(54  E.  REGEL 

Keim  gebundene  Zeile  der  1.  Str.  ist  auch  trochäisch,  wenn  man  nach 
v.  d.  H.  MS.  I,  187"  schreibt: 

kceme  aber  iemer  mir  ein  lebender  tac. 
Die  entsprechenden  Zeilen  der  anderen  Strophen  schreibe  ich : 

ISO,  39:  so  enmac  ein  man  erwerben  des  er  gert 

181,    8:  teil  er  die  diu  sinne  unde  ere  hat. 
Alle  3  durch    den  Reim   gebundenen  Verse  müssen  nämlich  auch  glei- 
ches Maß  haben,  sonst  kaun  ich  wenigstens  keine  Gleichmäßigkeit  im 
Bau  der  Strophe  entdecken,  welche  ich  nach  der  Formel:  aba  :  abb/cc 
auffasse. 

Trochäisch -jambisch  (stumpf).  MFr.  158,  1  (1.  u.  2.  Z.  Abges.  d. 
3.  Str.).    180,  28  (1.  u.  3.  Aufges.  d.  2.  u.  3.  Str.).    182,  14  (Aufges.  d. 

1.  Str.).  196,  35  (1.  u.  3.  Aufges.  d.  1.  Str.). 

6.  Vers  von  7  Hebungen. 

Dieser  Vers  ist  häufiger  in  der  Spruchpoesie  als  im  Liede;  er 
steht  ebenfalls  gern  am  Schlüsse  der  Strophe. 

a)  Jambisch. 
a)  Stumpf  (vierzehnsilbig).  MFr.   156,  10  (4.  Z.,  geb.  mit  Vers  von 
4  Heb.).  165,  10  (2.  Z.  Abges.,  geb.  mit  troch.  Verse  von  6  Heb.).   166,  16 

2.  Z.  Abges.,  geb.  mit  jamb.  Verse  von  4  Heb.).  Ebenso  167,  13,  21,  31 
(hier  mit  troch.  Verse  von  5  Heb.  geb.).  An  dieser  Stelle  steht  er  auch 
sehr  gern;  er  schließt  gewissermaßen  einen  ersten  Theil  des  Abgesanges 
vom  übrigen  ab. 

Am  Schlüsse:  MFr.  171,  32  (1.  u.  3.  Str.).  172,  11  (1.  Str.).  182,  34. 
183,  9.  185,  27.  195,  10  (1.  u.  2.  Str.).  197,  15.  201,  33  (3.  u.  4.  Str.). 
Hier  überall  ist  er  gebunden  mit  Versen  von  4  Heb. 

ß)  Klingend  (fünfzehnsilbig).  Am  Schluß:  MFr.  189,  5  (geb.  mit 
troch.  Vers  von  5  Heb.).  MFr.  198,  4  (geb.  durch  Inreim;  Zusammen- 
ziehung s.  o.). 

b)  Trochäisch 
nur  stumpf  (dreizehnsilbig).  MFr.  154,  32  (3.  Z.  Abges.,  geb.  mit  Vers 
von  6  Heb.).  Ebenso  155,  27.  Zusammenzuziehen:  155,  1  u.  2;  ebenso 
in  der  folg.  Str.  Hier  Hndet  sich  weibliche  ( 'äsur  nach  der  3.  Heb.  (vier- 
zehnsilbig). Am  Schluß:  MFr.  168,30  dazu  die  Strophe  MFr.  S.  298). 
171,  32  (2.  Str.).  172,  11  (2.  Str.).  Alle  diese  sind  mit  Vers  von  4  Heb. 
gebunden.  190,  3  (geb.  mit  jamb.  Vers  von  5  Heb.).  195,  10  (3.  Str.) 
geb.  mit  jamb.  Vers  von  4  Heb.  Ebenso  201,  33  (1.  u.  5.  Str.). 

Trochäisch-jambisch  (stumpf).  MFr,  162,  7  (1.  u.  2.  Abges.;  erster 
Theil), 


V.V    Kl  l\M  AK    \n\    ||\,,|  \\|  ]  | ,. , 

7.  Vers  von  8  Hebung«  a 

Auch  dieser  Vers  findet  sich  im  Liede  nur  vereinzelt;  er  ist  spe- 
cifisch  deutsch,  die  Verdoppelung  des  von  4  Heb.  Die  älteren  Dichter 
wie  unser  Reinmar,  brauchen  ihn  hauptsächlich  und  gern  am  Ende  der 
Strophe.  Deßhalb  ziehe  ich  in  den  Liedern  MFr.  184,31  und  185,20 
die  heideii   letzten   Zeilen  der  Strophen  zusammen. 

a    .Jambisch. 

a)  Stumpf  (sechszehnsilbig).  Außer  an  den  oben  angeführten 
Stellen  noch: 

MFr.  195,  10  (1.  Z.  Abges.  d.  3.  Str.,  geb.  mit  troch.  Verse  von 
1  Heb  i.  Hier  steht  der  kürzere  nach.  190,35  (am  Schiuli  der  1.  u. 
2.  Str.,   geb.   mit  Vers  von  5  lieb.). 

Klingend  siebenzehnsilbig).  MFr.  163,23  (2.  Z.  Abges. ,  geb. 
mit  Vers  von  4  Heb.).  Ebenso  164,  30  und  165,  1  51).  Anordnung  s.  o. 
165,6  ist  zu  kurz;  vielleicht  kann  man  noch  ein  wenig  anders  als 
Haupt   mit  jambischem   Rhythmus  schreiben: 

daz  ich  si  d  l  von  vor  <l<-t)  andern  wiben  allen  iemer  hrane. 

I    Trochäisch, 
a    Stumpf     fünfzehnsilbig  .    MFr.    195,  10   (1.  Z.  Abges.    d.   1.  u. 

2.  Str.,    geb.    mit  Vers   von    1  Heb.)     MFr.    196,35   (am  Schlüsse    der 

3.  Str.,   geb.    mit  Vers  von  5  Heb.).    MFr.  202,25   (am  Schlüsse,  geb. 
mit  Vers  \  "ii  3   Heb.  s.  o.). 

Klingend  (sechszehnsilbig).  MFr.  195,37  am  Schlüsse,  geb. 
mit  Vera  \  on  4   1  [eb.). 

Nachdem  ich  die  einzelnen  Versarten  und  die  Art,  wie  sie  sich 
bei  Reinmar  verbinden,  besprochen,  komme  ich  zur  Anordnung  der 
Beiben  in  der  Strophe,  zum  Strophenbau. 

Maßgebend  bei  Bestimmung  der  Formeln,  nach  welchen  die  Stro 
phen  der  Minnelieder  aufzufassen  Bind,  ist  das  Gesetz  der  Dreitheilig 
keit.  In  den  Leichen  und  Sprüchen  ist  dasselbe  nicht,  oder  wenigstens 
nur  unvollkommen  beobachtet.  Da  aber  Reinmare  Poesie  keine  Leide 
aufweist,  und  in  dem  einzigen  Gedichte*2),  welch-  ich  als  Spruch 
bezeichnen  möchte,  Dreitheiligkeil  zu  erkennen  ist,  so  bleiben  nur 
wem-.   Strophen  übrig,  bei  welchen  man  w  rader  Zeilenzahl  auf 

Zwei-  oder  Qntheiligkeil  erkennen  möchte. 

Auch  in  diesem  Capitel  wird  ans  Reinmar  als  der  alte,  Btrenge 
Meister  entgegentreten,  bei  dem  die  ursprünglichen  einfachen   Formen 


.   II. tnj.T   Ml  i  MFr.    166,   10. 


166  I     REGEL 

bei  Weitem  überwiegen.  Seine  Alterthümlichkeit  gibt  sieh  vor  Allem 
darin  kund,  daß  der  in  der  Strophenform  eines  Liedes  (MFr.  182,  14) 
noch  mit  der  alten,  volkstümlichen  epischen  Poesie  in  Zusammenhang 
steht.  Seine  einfachste  Strophe  ist  nämlich  die  vierzeilige  nach  der 
Formel  aa/hb.  Die  beiden  ersten  Zeilen  sind  ganz  gleich  gebaut,  man 
könnte  sie  daher  vielleicht  als  einzeilige  Stollen,  welche  wirklich  vor- 
kommen, und  die  beiden  anderen  als  Abgesang  auffassen,  aber  ich 
möchte  doch  lieber  Zweitheiligkeit  annehmen.  Der  zweite  Theil  unter- 
scheidet sich  durch  andere  Versart  ganz  merklich  vom  ersten. 

Die  einfachste  Art  des  dreitheiligen  Systems,  die  dreizeilige  Strophe, 
rindet  sich  bei  Reinmar  nicht,  denn  man  wird  wohl  kaum  in  dem  eben 
angeführten  Liede  die  beiden  letzten  Zeilen  zusammenziehen  und  dann 
Mittelreim  annehmen  wollen,  da  Reinmar  Verse  von  9  Hebungen  nir- 
gends  bildet,  diese  auch  schon  etwas  Unmelodisches  haben.  Wohl 
aber  findet  sich  die  Verdoppelung  der  dreizeiligen  Strophe,  die  sechs- 
zeilige,  indessen  nicht  in  ihrer  einfachsten  Form,  mit  gepaarten  Reimen. 

1.  Sechszeiligc  Strophe. 

Formel:  ab  :  ab/ er.  liier  spricht  sich  die  Dreitheibgkeit  noch  nicht 
in  ihrer  schönsten  Symmetrie  aus,  denn  nach  richtigem  Verhältnis  muß 
der  Abgesang  grösser  als  der  Stollen,  aber  kleiner  als  der  ganze  Aul' 
gesang  sein;  hier  nun  ist  er  gleich  dem  Stollen.  Abgegrenzt  gegen  den 
Aufgesang  kann  der  Abgesang  durch  vier  Mittel  sein: 

1.  Durch  gepaarten  Reim  im  Gegensatz  zum  überschlagenden. 

2.  Durch  andere  Versart53). 

3.  Durch  Verlängerung  der  Schlußzeile. 

4.  Durch  anderes  Reimgcschlecht  (selten). 

Ich  führe  jetzt  die  Lieder  der  Reihe,  nach  an,  welche  nach  der 
obigen  Formel  gebildet  sind.  Wo  Verwandtschaft  zwischen  Auf  und 
Abgesang  hervortritt,  wird  dieß  hier  und  in  den  folgernden  Strophen 
arten  bei  den  einzelnen  Liedern  bemerkt  werden :  MFr.  168,  30  (dazu 
noch  die  Strophe  auf  S.  298).  Hier  ist  der  Abgesang  durch  Mittel 
1,  2,  3  unterschieden.  169,9  u.  3.°»  (Mittel  1  u.  3).  Die  letzte  Zeile 
des  Aufgesanges  wird  am  Anfang  des  Abgesanges  wiederholt.  Ebenso 
171,  32  u.  172,  11;  hier  ist  es  alter  die  erste  Zeile  des  Aufgesanges, 
welche    wiederholt    wird.     177,  10.    182,34    u.   183,0   (Mittel   1,  2,  3), 


53)  Auf  Abweichungen  vom   Rhythmus  in  einzelnen  Strophen   eines  Liedes  kann 
ich  hierbei  l<ciuc  Rücksicht  nehmen, 


ZU    REINM  \K    \  n\    II  \.,|.  \  \|  I,;-, 

184,31  ii.  185,20.  Ich  schreibe  hier  die  beiden  letzten  Zeilen  zusam- 
men (Mittel  1  u.  3).  Die  erste  Zeile  des  Aufgesanges  am  Anfang  des 
Abgesanges  wiederholt.  185,  27  (Mittel  1  u.  3)  die  letzte  Zeile  des 
Aufgesanges  am  Anfang  des  Abgesanges  wiederholt.  10"),  37  falle  4 
Mittel),  196,35  (Mittel  1  u.  3).  Wieder  die  letzte  des  Aufgesange 
am  Anfang  des  Abgesanges  wiederholt.    Ebenso  201,  33.  202,  25. 

2.  Siebenzeilige  Strophe. 

Diese  isl  die  Grundform  <\v>  dreitheiligen  Systems.  In  der  ein- 
fachsten  Form:  aa:bb/cdc  kommt   sie  nieht   vor. 

a)   Formel   ab  :  ab  cdc.  Schon   durch   die  Waise  ist  hier  der  Unter 
chied   bezeichnet;  aber  außerdem  bleiben  die  obigen  Mittel: 

1.  andere  Versart, 

2.  Verlängerung  der  Schlußzeile. 
3    anderes  Ftaimgeschlecht: 

d)  in  der  Weise; 
b)  in  den  beiden  .'indem  Zeilen 
MFr.    170,  1   (Mittel   1   u.  2).     Ebenso    170,86.    175,1  (Mittel    1). 
Bier  die  Versarl  des  Stollens   am  Schluß  wiederholt.     Ebenso   175,21* 
n.  36     178,  1    (Mittel   1   nur  in  der  Weise;  sonst   der  Stollen   im   Abge 
sang  wiederholt).   17'.».  3 54)  (Mittel   1    n.  3,  o)  die  letzte  Zeile  des  Auf 
uiv.es  am  Schluß  wiederholt.    191,  ->l  hier  ausser  dem  ganzen  Stollen 
die    zweite  Versarl    >]<■>  Aufgesanges    Doch    einmal    in    der  Waise  wie 
derholt;  also  nahe  Verwandtschaft.   MFr.  192,  25  (Mittel  1  u.  2).   194,34 
Mittel   1    ii.  3,  a).   1(.»7.  15    Mittel    I    u    2).   Hier  überall  die  erste  Zeih 
am  Anfang   des   Abges.  wiederholt.    198,28  (Mittel   1   nur 
in  der  Waise,  sonsl   der  Stollen  im  Abges.  wiederholt). 

h)  Formel  ab  :  ab  'ccc.  Hier  isl  der  Abgesang  hauptsächlich  durch 
den  dreifachen  gepaarten  Reim  unterschieden,  welcher  dem  Schluß 
der  Absätze  in  der  Epopöe  entspricht55);  sonst  zeig!  sich  große  Ver- 
wandtschafl  zwischen  Auf-  und  Abgesang:  MFr.  17_\  23.  Der  Stullen 
isl  hier  im  Abges.  wiederholl  und  die  erste  Versarl  kehrt  in  der  mitt- 
leren Zeih'  desselben  uoch  einmal  wieder.  173,  656  Hier  isl  der  Stollen 
am  Schluß  des  Abges.,  aber  in  umgekehrter  Ordnung,  wiederholt.  Ein 
Zusatz  findet  sich  am  Anfang  des  Abges.  174,3.  Hier  ist  die  mittlere 
Zeile  des  Abges.  gleich  der  ersten  desAufges.;  in  der  1.  u.  3.  Z.  dei 


Anordnung  s.  ...  s.  162  Inreim.  I  Vgl.  Bartsch  (Genn.  II,  286).        '"    In 

der  5.  Sti .  1  oi  mel  i  ab  :  al 


[68  F..  REGEL 

Abges.  findet  sieh  neue  Versart.  183,  33.  Hier  ist  der  Stolleu  am  An- 
fang des  Abges.  wiederholt;  der  Zusatz  findet  sieh  am  Ende,  was 
seltener  ist.  201,  12.  Hier  wiederholt  die  mittlere  Zeile  des  Abges.  die 
1  des  Aufges.;  in  der  1  u.  3  des  Abges.  findet  sich  neue  Versart  (Ver- 
längerung der  Sehlußzeile).  203,  10.  Die  Versart  des  Auf-  und  Abges. 
ist  die  gleiche.  203,  24.  Hier  ist  die  Versart  des  Abgesanges  wohl  unter 
sich  gleich,  aber  von  der  des  Aufgesanges  durchaus  verschieden. 

c)  Formel  ab  :  ab/ceb.  MFr.  193,  22.  Der  Stollen  wird  am  Schluß 
des  Abgesanges  wiederholt;  der  Zusatz  steht  am  Anfang  desselben. 

3.  Achtzeilige  Strophe. 

Sie  entsteht  aus  der  siebenzeiligen  dadurch,  daß  die  Waise  mit 
einer  neuen  Zeile  gebunden  wird.  Hier  kann  man  nicht  immer  Droi- 
theiligkeit  annehmen. 

a)  Formel  aha  :  abJi/cc.  Nach  dieser  fasse  ich  das  Lied  MFr.  180,  28 
auf,  wie  schon  oben  S.  163  f.,  wo  auch  die  Änderungen  angegeben  sind, 
bemerkt  wurde.  Der  Abgesang  ist  hier  kleiner  als  der  Stollen,  was 
sehr  selten  vorkommt;  die  Versarten  desselben  sind  andere  als  die 
des  Aufgesanges. 

b)  Formel  ab  :  ab/cedd.  So  und  nicht  nounzeilig  faße  ich  die 
Strophen  in  den  Liedern:  MFr.  152,  25  u.  34.  153,  5,  14 57),  23,  32  u. 
154,  5,  denn  der  Vers  von  7  Hebungen  steht  gern  am  Ende  und  kurze 
sind  hier  selten.  Der  Abgesang  zerfällt  hier  gewissermaßen  wieder  in 
zwei  Theile;  der  erste  (cc)  steht  im  größten  Gegensatze  zum  Aufge- 
sang; der  zweite  wiederholt  am  Anfang  die  Versart  des  Aufgesanges; 
am  Schluß  findet  sich  dann  der  längere  Vers.  Auf-  und  Abgesang  sind 
gleich  groß.  MFr.  190,  3.  Hier  ist  der  2.  Theil  des  Abges.  ganz  ab- 
weichend; in  der  2.  Zeile  des  1.  Theiles  ist  die  Versart  des  Aufges. 
wiederholt,  aber  die  1.  Zeile  länger.  MFr.  198,4  mit  Jnreim58).  Hier 
herrscht  der  größte  Gegensatz  zwischen  Auf-  und  Abgesang. 

c)  Formel  abab/eded.  Hier  möchte  ich  nur  Zweitheiligkeit  anneh- 
men: MFr.  151,  1.  Die  Versart  des  1.  Theiles  ist  nur  am  Anfang  des 
2.  wiederholt;  sonst  ist  dieser  verschieden.  Ebenso  151,  17.  (In  der 
1.  Strophe  hat  die  3.  Zeile  des  2.  Theiles  gleiche  Versart  mit  dem 
1.  Theil.)  MFr.  S.  314.  Hier  entsprechen  sich  die  beiden  Theile  fast 
ganz,  nur  daß  im  2.  durchgehends  die  Verse  eine  Hebung  weniger 
haben.  MFr.  103,  3  (unter  Heinrich  von  Rugge).  Hier  cutsprechen 
sich  die  beiden  Theile  vollkommen;  eine  Versart  geht  durch  die 
ganze  Strophe. 

Vgl    Bartsch,  Liederd    XV,  47  :    Vgl    Bartsch  (Germ    II,  275). 


ZI     REINMAR  VON  HAGENA1  169 

d)  Formel  ab  :  ab /cd  de.  Hier  herrscht  wieder  Dreitheiligkeit :  MFr. 
194,  18.  Der  Stollen  ist  im  Abgesange  wiederhol!  und  zwar  von  einem 
neuen  Verspaare  in  die  Mitte  genommen. 

1    X  c unzeilige  Strophe. 

Sie  entsteht  aus  der  achtteiligen  wieder  durch  Einfügung  einer 
Waise  im  Abgesang;  hier  herrschl  wieder  durchweg  Dreitheiligkeit. 

a)  Formel  ab  :  ab/ceded.  Hier  ist  der  Abgesang  größer  als  der 
Aufgesang:  MFr.  150,  1.  Der  Abgesang  zerfallt  wieder  gewissermaßen 
in  2  Theile;  der  1.  bildet  den  größten  Gegensatz  zum  Aufgesang;  im  2. 
wiederholt  die  Waise  die  Versart  des  Aufgesanges.  159,  1  5<J).  Hier  findet 
dasselbe  Verhaltniß  statt,  nur  daß  der  2.  Theil  des  Abgesanges  noch 
größere  Verwandtschaft  mit  dem  Aufgesang  zeigt,  indem  er  den  Stollen 

wiederholt  und  dann  am  Schluß  nur  noch  eine  kürzere  Zeile  anfügt. 
MFr.  162,  7.  Der  2.  Theil  des  Abges.  wiederholt  hier  den  Stolien,  die 
2.  Zeile  nur  ohne  Auftakt,  die  1.  Zeile  außerdem  noch  in  der  Waise. 
Ebenso  162,  34.  L63,  23.  Die  2.  Zeile  des  Aufges.  wird  im  2.  Theil 
des  Abges.  dreimal  wiederholt.  Ebenso  164,  3060).  165,  1.  165,  10.  Hier 
ist  Auf-  und  Abges.  verschieden.  166,  16.  Die  erste  Zeile  des  Aufges. 
am  Anfang  des  Abges.  und  in  der  Waise  wiederholt.  Ebenso  167,  13 
u.  22.   189,  5.    Hier  ist  Auf-  und  Abges.  verschieden. 

Nach  dieser  Formel  fasse  ich  nun  auch  die  Strophe  MFr.  155,27 
und  zwar  als  selbständiges  Lied.  Dir  Änderung,  welche  Lachmann 
hier  vorgenommen  hat,  ist  willkürlich  und,  wie  er  selbst  sagt61),  wenig 
hickt.  Er  bezweifelt  die  Echtheit  dieser  und  der  folgenden  Strophe 
im  Tone  des  vorhergehenden  Liedes:  da  aber  die  2.  Strophe  auch  ihrem 
Inhalte  nach  zum  vorigen  Liede  mehr  stimmt  als  die  1..  wenn  man 
die  Eigentümlichkeit  der  Wechsellieder  bedenkt,  in  denen  die  liede 
der  Frau  demselben  Gedanken  Ausdruck  gibl  wie  die  des  Mannes,  so 
stelle  ich,  wie  eben  Bchon  S.  153)  angegeben,  die  Zeilen  155,36  und 
156,8  nach  den  Hss.,  mit  kleiner  Änderung,  wieder  her  und  setze 
die  2.  Strophe  ans  Ende  des  vorigen  Liedes.  Die  Verstheilung  ist  nach 
Bartsch  gemacht6"  .  somit   kommt   die  obige  Formel  heraus. 

Die  2.  Zeile  des   Aufgesanges  wird    am  Anfang   des  Abgesai 
wiederholt,  die  erste  in  der  Waise. 

Das  vorhergehende  Lied,  mit  der  Strophe  155,  38  am  Lude,  geht 
nach  der  Formel: 


li    dei   5   Str.  Formel:  ab  Anordnung  s.  8.  16  MFi 

S..  290.       M)  Liedi  rd    W 


170  '     REGEL 

b)  ab  :  ab/bbcdc.  Hier  ist  nur  die  2.  Zeile  des  Aufgesanges  ain 
Anfang  des  Abgesanges  wiederholt,  die  1.  nicht  in  den  Körnern,  wie 
vorher  in  der  Waise,  da  hier  daktylische  Verse  stehen.  Die  Ver- 
wandtschaft von  Auf-  und  Abgesang  zeigt  sich  hier  auch  in  der  Durch- 
führung- desselben  Reimes :  der  letzte  Reim  des  Stollens  ist  im  Abge- 
sange  wiederholt,  was  der  häufigere  Fall  ist.  Diese  Art  der  Durchführung 
des  Reimes  ist  eine  echt  deutsche63)  und  wohl  von  einer  gleich  zu 
besprechenden  romanischen  zu  unterscheiden. 

c)  Formel  ah  :  ab/abeeb.  MFr.  191,  7  und  25.  Der  Stollen  wird 
am  Anfang  des  Abgesanges  sogar  mit  denselben  Reimen  wiederholt 
und  der  2.  Reim  noch  einmal  am  Schluß.  Diese  Durchführung  zweier 
Reime  durch  die  ganze  Strophe  ist  echt  romanisch;  ein  neues  Reim- 
paar im  Abgesange,  wie  hier,  tritt  auch  bei  anderen  Dichtern  ein64). 

Dieselbe  Versart  geht  hier  durch  die  ganze  Strophe;  einen  Unter- 
schied im  Abgesange  bewirkt  noch  der  Mittelreim  der  3.  Zeile. 

d)  Formel  ab  :  ab / ceddd.  MFr.  195,  10.  Die  1.  Zeile  des  Aufges. 
wird  im  2.  Theile  des  Abges.  zweimal  wiederholt;  sonst  herrscht  überall 
der  größte  Gegensatz. 

e)  Formel  a  (Mittelreim)  b  :  c  (Mittelr.)  'b/ddeee6b).  MFr.  190,  25. 
Hier  ist  der  Abgesang  ganz  anders  gebildet   als  der  Aufgesang. 

In  allen  bisherigen  Fällen  war  der  Abgesang  größer  als  der  Auf- 
gesang,  im  folgenden  ist  er  gleich  dem  Stollen. 

f)  Formel  abc:abc/ded.  MFr.   190,27.    Hier  wiederholt   der  Ab- 
gesang  die   beiden   Versarten    des   Stollens,    nur    die  2.   nicht    zweimal; 
dafür  tritt    in  der  Waise  eine  neue  ein;  der  Aufgesang   hat   ein   Reim 
paar  mehr   als  sonst. 

5.    Zehnzeil  ige   Strophe. 

Diese  entsteht  wieder  aus  der  neunzeiligen  durch  Bindung  der 
Waise  mit,  einer  dem  Abgesange  hinzugefügten   Zeile: 

a)  Formel  ab  :  ab/cedeed.  Hier  zeigt  sieh  schon  zu  großes  Über- 
gewicht des  Abgesanges  über  die  Stollen.  MFr.  151,  33.  Erst  im 
2.  Theile  des  Abgesanges  tritt  wieder  Annäherung  an  den  Aufgesang 
zu  Tage,  indem  in  der  3.  und  6.  Zeile  des  Abgesanges  der  Stollen 
wiederholt  wird;  freilich  hat  die  .'5.  keinen  Auftakt,  MFr.  15''»,  27.  Hier 
zeigt  sieh  große  Ähnlichkeit  <\r^  Auf-  und  Abgesanges.  Beide  Stollen 
werden  im  Abgesange   wiederholt,  der  2.  nur  in  umgekehrter  Stellung 


63)  Vgl.   Bartsch  (Germ.  II,  20fi  f.).        '")  S.  Bartsch  (a.  a.  O.    297).         65)  Zu- 
sammenziebung  s.  S.  158;  über  die  Gründe  später. 


ZI     RE1NMÄK   VON   HAGENAl  171 

in  der  3.  und  6.  Zeile  des  Abgesanges ;  das  zwischen  diese  eingescho- 
bene Reimpaar  hat  wieder  die  Versarl  der  1.  Zeile    des  Aufgesanges. 

b)  Formel  ab  :  ab  I  cedede.  MFr.  158,1.  Hier  zeigt  sich  größere 
Verwandtschaft.  Die  1.  Zeile  des  Stollens  wird  im  2.  Thcilc  des  Ab- 
gesanges viermal,  die  2.  im  1.  Thcile  zweimal   wiederholt. 

c)  Formel  ab  :  ab / cedefe.  MFr.  181,  13  und  182,4.  Hier  tritt  der 
Gegensatz,  wie  gewöhnlich  im  1.  Theile  des  Abgesanges  hervor;  der 
2.  entspricht  ganz  dem  Aufgesang,  nur  daß  das  eine  Verspaar  nicht 
durch   dm  Reim  gebunden  ist,  so  daß  2  Waisen  entstehen. 

d     Formel   abc  :  abc/defe.    Hier  herrscht  wieder  das  richtige   Ver 
hältniß;   der  Abgesang  ist  kleiner  als  der  Aufgesang,  aber  größer  als 
der  Stollen;  der  Aufgesang  hat  liier  wieder  3  Reimpaare:  MFr.  186,  19 
Der  Aufgesang  ist  hier  ganz  verschieden  vom  Abgesang. 

Lieder  in  mehr  als  zehnzeiligen  Strophenformen  rinden  sich  hei 
Reinmar  nur  vereinzelt. 

6.  El fz eilige  Strophe. 

Im  Abgesange   ist   wieder  eine  Waise  hinzugefügl  : 

Formel  abc  :  abc/ddejf.   Das  Verhältnis  ist  auch  hier  ein  richtiges: 

MFr.    17ti,  5.     Hier    werden    die    Zeilen    1,   3.    1,   6   des    Aufgesanges    in 

den  Zeilen    1,  2,  3,  5  des  Abgesanges  wiederholt 

7.  Zwölfzeilige  Strophe. 

Zu   der  elfzeiligen   im   Abgesange  noch  eine   Waise  zugefügi 
Formel  <il><-  \  abc/ddefge.   Hier  ist  Auf-  und  Abgesang  gleich  groß. 
MFr.  167,31.    Am  Anfang  des  Abgesanges  ist   die  letzte  Zeile  des  Stol 
lens  wiederholt,  im  2.  Theile  die  2.  Zeile  >\i^  Stollens  in  der  2    Waise, 
die   1.  Zeiie  dreimal06);    der   1.  Theil  i\i~>  Abgesanges  zeigl   auch  hier 
wieder  größere   Verschiedenheit,  um  den  Gegensatz  auszudrücken, 

-     Dreiz  e  h  o  zeilig  e  S  I  rop  he. 

Formel  abcd  \  abed/eefgf.  Hier  stehen  im  Aufgesang  sogar  I  Reim 
paare.  Das  richtige  Verhältnis  zwischen  Auf  und  Abgesang  ist  wiedei 
hergestellt:  MFr.    187,31      Der   ganze  Stollen  wird    im   Ab  wie 

derholt   und  außerdem   findet   sieh   noch  eine  Waise   von  gleicher  Vers 
art.  MFr.  188,31    ist  gewiß  ebenso  zu  lassen  und  mit  Haupt61    189,3 
sin   in  wesen  zu  ändern. 


Die  Änderungen  in  der  2.  und  3.  Sti     -'i"1  schon  S.  161    augegeben  MFi 

[06 


172  E,  KEGEL 

9.  Sechzehnzeilige  Strophe. 

Formel  abc  :  abc/defdefgghh.  MFr.  160,  6.  Hier  überwiegt  der  Ab- 
gesang  bedeutend;  er  enthält  der  Zeilenzahl  nach  den  ganzen  Aufge- 
sang, und  am  Schluß  findet  sich  noch  ein  vierzeiliger  Zusatz 6S).  Von 
den  Versen  findet  sich  nur  am  Schluß  der  Strophe  der  3.  des  Aufges. 
zweimal  wiederholt. 

10.  Siebzehnzeilige  Strophe. 

MFr.  156,  10.  (Spruch).  Ich  möchte  diese  Strophe  einen  Spruch 
nennen,  da  Reinmar  einen  ähnlichen  Bau,  auch  solche  Länge  in  seinen 
Liederstrophen  nicht  hat;  der  Inhalt  stimmt  ganz  mit  dem  seiner 
Minnelieder,  nur  ist  dieß  ein  Freudengesang,  welcher  ein  größeres  Gefäß 
braucht,  in  das  er  sich  ganz  und  voll  und  ungehemmt  in  einem  Sturz 
ergießen  kann.  Die  Dreitheiligkeit  hält  der  Spruch  fest: 

Formel  aabbec  :  ddeeff /  gghih.  Der  2.  Theil  entspricht,  einige  Ab 
weichungen  im  Auftact  abgerechnet,  dem  ersten;  im  3.  Theil  sind  zwei 
Versarten,  der  stumpfe  Vers  von  4  Hebungen. und  der  klingende  von 
3  Hebungen  zweimal  wiederholt. 

Dieß  sind  die  Strophenformen,  welche  bei  Reinmar  vorkommen; 
die  Formeln  derselben  werden  immer  nach  den  Endreimen  gebildet, 
und  der  Reim  spielt  in  der  That  eine  der  wichtigsten  Rollen  in  der 
mlid.  Metrik  überhaupt;  ich  muß  daher  jetzt  zur  genaueren  Besprechung 
desselben  übergehen  Schon  aus  den  Strophenformen  ersieht  mau,  daß 
Reinmar  im  Ganzen  Reimspiel  wenig  liebt;  auch  hier  bekundet  sich 
seine  Einfachheit  und  Strenge. 

Ungenaue  Reime  zeigen  sich  bei  ihm  selten  und  nur  in  solchen 
Liedern,  welche  in  seine  frühere  Zeit  zu  setzen  sind.  Ich  finde  nur  an 
5  Stellen  ungenauen  Reim.  Haupt69)  will  bei  Reinmar  nur  im  stumpfen 
Reime  die  ungenaue  Bindung  des  a  mit  d  zulassen  und  führt  hierfür 
die  Stellen  MFr.  160,  30  und  189,  9  an.  Derselbe  Fall  findet  sieh  MFr. 
103,  31  in  einem  Heinrich  von  Rugge  zugeschriebenen  Liede;  dieser 
hat  aber  solche  Bindung  nirgends.  Bartsch7")  hält  deßhalb  jenes  Lied 
(MFr.  103,  3)  für  reinuoarisch  trotz  des  Reimes  wvp  :  lit  (20  u.  22),  weß- 
vvegen  es  Haupt  Reinmarn  abspricht.  Bartsch  findet  für  seine  Annahme 
eine  Stütze  in  dem  Liede  MFr.  182,  14,  gegen  welches  Haupt  keinen 
Zweifel    erhebt;   hier   scheint  er   aber  den  Reim  l/p  :  <jit  übersehen  zu 


6%)  Die  Änderungen  sind  schon  o.  angegeben  S.  155  (o.)  und  158  (u.)  und  159  (o.). 
,i  Zu  MFr.   L03,  22  S.  -„'71  f.  D)  Liederd,  zu  XV,  387. 


ZU  REINMAB  \<>\   llAGENAU.  173 

haben,  und  dieß  ist  doch  ein  dem  obigen  ganz  analoger  Fall.  Hier 
haben  wir  also  außer  den  obigen  3  Fällen  (a  :  ä)  noch  2  andere  Bei- 
spiele von  ungenauem  Keime  Da  ich  nun  wegen  der  geringen  Zahl 
der  Freudenlieder  dieselben  in  eine  bestimmte  Periode,  und  zwar  in 
die  des  Kreuzzuges  (1190),  der  drr  freudenvolle  Spruch  (MFr.  156,  10) 
ganz  sieher  angehört,  setzen  möchte,  so  stammt  auch  das  Lied  182,  14 
aus  der  früheren  Zeit  der  dichterischen  Thätigkeit  Reinmars;  und 
wegen  des  sieh  darin  findenden  ungenauen  Reimes  schließe  ich  auf 
eine  frühe  Entstehungszeit  auch  der  übrigen  Lieder,  in  denen  sich 
selcher    findet.    In  seiner    späteren  Zeit  bindet  Reinmar  immer  genau. 

Was  das  Verhältniss  des  stumpfen  zum  klingenden  Reime  betrifft, 
so  ist  jener  bei  Reinmar  fast  doppelt  so  häufig  als  dieser.  Die  einzelnen 
Stellen  noch  einmal  im  Zusammenhange  aufzuzählen,  würde  keinen 
Zweck  haben,  da  sie  schon  bei  Besprechung  der  Versarten  aufge- 
führt sind. 

Ebenso  genügt  es  zu  bemerken,  daß  der  gepaarte  Reim  weit 
seltener  ist,  als  der  überschlagende,  und  dieser  meistens  im  Aufgesang, 
jener  vorzüglich  im  1.  Theil  des  Abgesanges  steht.  Nur  die  Waisen 
will  ich  noch  einmal  angeben : 

1.  Zwei  Waisen:  in  den  Liedern  MFr.  107,131.  181,  13.  182,4. 
186,  19. 

2.  Einfache  Waise:  MFr.  151,  1.  155,  27  7I).  156,  1<>.  162,  7  u.  34. 
L63,  23.   164,  30"  .    165,  1  u.  10.  166,  16.    1G7,  13,  22  u.  31.  170,  1  u. 

36.  175,  1,  24  u.  36.  176,  5  (zwischen  zwei  Reimpaaren):  178,  1.  187, 
31.  188,  31.  189,5.   RIO,  27.  IHR  34.   192,  25.   194,  34.  197,  15.   198,  28. 

Als  Körner  reime,,:  MF,-.  155.  3,  14,  25  u.  156,  872).  171,  2  u.  23. 
186,  37  u.  187,  29.  198,  33  u.  lim,  273). 

Rührender  oder  reicher  Reim  findet  sich,  wie  schon  \V.  Grimm74) 
bemerkt  hat,  im  Endreim  bei  Reinmar  nur  einmal:  MFr.  200,  3  U.  4. 
geliehen :  gemellicken;  und  zwar  ist  dieß  nicht  einmal  der  eigentliche 
Fall,  wo  die  gleichen  Wörter  verschiedene  Bedeutung  haben,  sondern 
nach  J.Schneider75)  Fall  2,  o).  Ein  Reim,  wie  der  MFr.  191,  18  u.  20: 
kan  :  belcan  ist  kein  rührender,  weil  er  hier  noch  mit  einem  3.  Reime 
(16)  man  zusammensteht   (Schneider  2,  c). 


1    Anordnung    s.  o.  S.   169  u.    and    Änderung   S.   !">:!  o.  a    a    0 

Nach  der  Conjectui   8.    163.  '    Zui   Geschiebte  des  Reims  (Ahh.  d,   k    Akad 

d.  Wi-s.    in   Berlin    !*">l    S.  636).  S     tem     and    geschichll,    Darstellung    dei 

deutschen  \  i  i  knn  t,  Tüb    1861,  6.   i  18 


174  E.  REGEL 

Ganz  regelrechter  rührender  Reim  steht  aber  einmal  im  Inreim, 
über  den  ich  an  späterer  Stelle  sprechen  werde7"):  MFr.  187,  32  u.  36: 
mit   sänge  niuwen  :  vil  langem  niuwen. 

Grammatischer  Reim  steht  häufiger  bei  Reinmar:  MFr.  154,  32 
u.  33:  tage  :  tac.  164,  13  u.  20:  gesehen  :  sach.  164,  15  u.  18:  geschehen  : 
geschach.  171,  35  u.  36:  begän  :  hegie.  176,  16  u.  18:  erliten  :  erleit.  181, 
29  xx.  30:  pflege  :  pflac.  198,  4  u>  5:  gevniten  :  geweit.  198,  6  u.  7:  erliten  : 
erleit.  198,  16  xx.  17:  geschehen  :  geschach.  198,  18  u.  19:  gesehen  :  gesach. 
(Hier  ist  16  u.  18;  17  u.  19  zugleich  erweiterter  Reim.)  MFr.  314,  13 
u.  14:  gestanden  :  ste. 

Erweiterter  Reim  ist  auch  häufig:  MFr.  172,  30  u.  32:  verstät  :  er- 
gät.  175,29  u.  31:  erkom  :  verlorn.  175,  30  u.  32:  ungemach  :  gesprach. 
176,  14  u.  15:  gesehen  :  geschehen;  dieser  außerdem:  178,  26  xx.  28.  185, 
21  u.  23.  187,  21  u.  24.  188,  2  u.  4.  199,  38  u.  200,  2.  194,  19  u.  21:  ge- 
sach :  geschach  (diese  und  die  vorhergehende  Form  hatten  wir  schon 
oben  beim  grammatischen  Reime)  198,  16  u.  18;  17  u.  19;  auch  hier 
im  Inreim  12  u.  14:  geschach  :  gesach).  176,  25  u.  26:  gevarst  :  bewarst. 
180,  24  u.  27:  gedigen  (Inreim)  : genigen.  181,  17  xx.  18:  besteeten  :  getrosten. 
182,  1  u.  3:  getan  :  bestän.  183,  19  u.  20:  betrogen  :  gezogen.  185,  37  u.  38: 
begraben  :  gehaben.  186,  31  u.  34:  hdchgemüete  :  behüete.  189,  36  xx.  37  nie 
geschach  :  nie  gebrach  (zugleich  Doppelreim).  198,  29  u.  31:  verklagt  : 
unverzagt.  MFr.   103,  7  xx.  9:  erwern  :  ernern.   103,  12  u.  14  erkds  :  verlos. 

Doppelreim  findet  sich  auch  öfters: 

a)  Nicht  in  beiden  Zeilen;  das  Reimwort  der  2.  Zeile  ist  in  der 
I.  wiederholt.  MFr.  165,  1:  so  vro  :  3.  also. 

b)  In  beiden  Zeilen:  MFr.  171,  11  u.  13:  stceteclichen  bite  :  wunder- 
liche site.  176,  27  xx.  30:  nie  getan  :  nie  verlän.  1S9,  36  u.  37:  nie  geschach  : 
nie  gebrach  (zugleich  erweiterter  Reim  s.  o.).  Ebenso:  MFr.  103,  8  u. 
10:  niht  engiht  :  ruht  ensiht.  193,  15  u.  17:  ich  baz  :  ich  daz.  202,  23  u. 
24:  ein   loint  ■  ein.  kint.  204,  2  u.  4:  unde  he/n  ■  unde  stein. 

Wichtiger  aber  als  alle  diese  Arten  von  Reim  ist  ein  Kapitel 
dvr  mlid.  Metrik,  "welches  seinen-  Schwierigkeit  wegen  bis  jetzt  noch 
wenig,  ja  eigentlich  nur  einen  Hauptbearbeiter  in  Bartsch  gefunden 
hat,  ich   meine  den   inneren   Keim  in  der  höfischen  Lyrik. 

Wenn  ich  versuchen  will,  bei  Reinmar  die  Fälle  anzugeben,  in 
denen  innerer  Reim  anzunehmen,  so  berufe  ich  mich  auf  die  Anwei- 
sungen und  Kriterien,  welche  jener  Forscher  im  zwölften  Bande  der 
Germania    gegeben  li.it     In  MFr.    ist  der   innere   Reim   wenig  beachtet, 

175. 


Zu   REINMAK  \<>\   HAGENAU.  1  7f> 

und  doch  ist  er  oft  maligebend  für  den  Bau  der  Strophe.  Ich  halte 
die  Reihenfolge  ein,  welche  Bartsch  in  jener  Arbeit  befolgt77),  und 
spreche  zuerst  von  dem  Inrcini,  dann  vom  Mittelreim,  Binnenreim, 
Schlagreim,  übergehenden  Reim  und  zuletzt  von  den  Pausen.  Ich  werde 
dabei,  namentlich  beim  Inrcini.  auf  zufälliges  Vorkommen  wenig  Rück- 
sicht nehmen. 

1.   In  reim. 

Unter  Inreim  versteht  man  einen  Reim,  welcher  innerhalb  eines 
Verses  steht  und  mit  einem  gleichen  der  entsprechenden  Zeile  oder 
auch  mit  dem  Schluß  der  vorhergehenden  oder  seltener  der  folgenden 
Zeile  reimt 

Zwei  Fälle,  welche  Bartsch  erkannt,  in  Folge  dessen  er  die  An- 
ordnung der  betreffenden  Strophen  geändert  hat,  sind  schon  mehrmals 
berührt  worden;  ich  brauche  sie  nur  noch  einmal  anzuführen:  in  den 
Liedern  MFr.  179,3  und  198,  4 7s). 

Aber  es  finden  sich  bei   Reinmar  noch    andere  Lieder,    in  denen 
der  Inreim,    wenn    auch   nur   in    einzelnen  Strophen,  regelrecht  steht: 
MFr.    187.3.  Der  Aufgesang  der   1.  Strophe  ist  hier  zu  schreiben: 
Nu  muoz  ich  ie  mm  alten  not 

mit  sänge  niuwen  unde  klagen, 

wan  si  mir  also  nähen  lit 
(A)  deich  ir  vergezzen  niene  mac. 

Ir  gruoz  mich   vie,  diu  mir  gebdt 

eil  langen  niuwen  Jcumber  tragen. 

■  rkande  si  den  valschen  nit , 
baz  fuogte  si  mir  heiles  tac. 
Im  jambisch  stumpfen  Verse  von  1  Hebungen  stein  der  stumpfe 
Inreim  ganz  regelrecht  nach  d^v  4,  der  klingende  nach  der  5.  Silbe; 
in  der  .').  Zeile  stellt  der  stumpfe  ausnahmsweise  nach  der  2.  Silbe 
Der  Inreim  der  2.  und  6.  Zeile  ist  zugleich  regelrechter  rührender 
löiin    (s.  o.  S.   17  I  i.    In    *\'-v  I.    und  5.  Z^ile  stehl    außerdem  Inrcini  nach 

der     2.     Silbe. 

MFr.    194,  31    ir  32  ii  i   zu     chreil 

nun    In  i    r    ist    ihr  /'.  i       veilt     tl/MUi     mir: 

oldt      in   l<i   mir ;  rnisi  i "  I"  dir. 


Dei    innen     Keim    in    dei    höfischen    Lyrik     ü MI     i  ;.".i  il.  \    l 

inia   Ml    i  ; 1   'II     l  -  '      \    I    Bari     Ii  (German    ll     '■  I      ilerd 

W    5441 


17(3  E.  REGEL 

In  der  1.  Zeile    steht  der  Inreira  regelrecht,    in  der  2.  nach  der 
3.  Heb.  In  der  1.  findet  sich  zugleich  Mittelreim  (s.  unten). 
MFr.  195,  23  ü.  24  ist  zu  schreiben: 

nieman  iveiz  ob  si  mich  wert  od  iviez  ergät.  nein  oder  ja. 

ich  enweiz  enwederz  da. 

Im  Verse  von  8  Hebungen  steht  der  Inreim  selten. 
MFr.  202,  7  u.  9  sind  zu  schreiben: 

Weste  ich  waz  ir  wille  wcere 

dne  daz  ich  si  verheere. 

Auch  im  trochäisch  klingenden  Verse  von  4  Hebungen  steht  der 
stumpfe  Inreim  nach  der  2.  Hebung  (3.  Silbe). 

MFr.  S.  314,  Zeile  10  u.  12  sind  zu  schreiben: 

nimt  al  diu  weit  an  guoten  dingen  abe 

ich  ween  diu  weit  enkeinen  Winkel  habe. 

Auch  im  jambisch-stumpfen  Vers  von  5  Heb.  steht  der  stumpfe 
Inreim  nach  der  4.  Silbe. 

2.  Mittel  reim. 

Unter  Mittelreim  versteht  man  einen  Reim  innerhalb  des  Verses, 
der  mit  dem  Endreim  derselben  Zeile  reimt.  Er  steht  oft  zufällig  im 
Verse  von  4  Hebungen;  so:  MFr.  162,  32  (in  der  Waise).  164,  38. 
176,  27.  Absichtlich  steht  er  in  den  Liedern  MFr.  191;  7  u.  25  (von 
Haupt  ausgezeichnet).  Hier  mit  Inreim  verbunden,  wie  in  dem  oben 
schon  angeführten  Falle  (S.  175)  MFr.  194,  31. 

Wichtig  für  die  Anordnung  der  Strophe  ist  die  Beachtung  des 
Mittelreimes  in  dem  Liede  MFr.  199,  25.  Ich  ziehe  hier  die  1.  und  2. 
Zeile  und  die  4.  u.  5.  zusammen;  dazu  bestimmt  mich  das  Kriterium 
der  Beobachtung  des  Auftactes 79) :  da  nämlich  der  Rhythmus  in  diesem 
Liede  trochäisch  ist,  so  würde  er  gestört  werden,  wenn  man  in  der 
1.  Strophe  als  2.  Zeile: 

ein  fröwe  ich  wcere,  als  5.  Zeile : 

nach  siner  güete  und  als  solche  in  der  4.  Str.: 

ich  gär  verteile  annehmen  wollte. 
Hier   steht    regelrechter   weiblicher  Mittelreim  nach  der  4.  Silbe 
des  trochäisch  klingenden  Verses  von  4  Hebungen.  Ich  stelle  die  erste 
Strophe  nach  meiner  Anordnung  hierher: 

Ane  sirare  ein  froive  ich  wcere 

toaii  daz  eine  daz  sicli  seni 


:'Jj  Vgl.  Bartsch  (Germ.  XII,   146). 


/I     KF.INMAK    VON    IIAOENAU.  177 

Min  yemüete  nach   der  f  Hs.   siner)  güete, 

ilri  er  mich  wol  hat  geweint. 

Sol  ich  lüden 

von  im  langez  mlden, 

daz  märt  mich   wol  sere. 

ich  sprich  im  nikt  m&re, 

wan    daz  er   mich   siht  duz  sint   sin    ere.. 
Bartsch  (a.  a.  <>.)  liat  diesen  Fall  des  trochäischen  Rhythmus  bei 
klingendem   Heime  in   seinem   Kriterium   nicht   vorgesehen.    Will  er  ihn 
nicht  gelten  lassen  oder  weiß  er  kein  Beispiel? 

3.  Binnenreim. 

Unter  Binnenreim  versteht  man  zwei  vom  Endreim  unabhängige, 
wenigstens  durch  eine  Hebung  und  eine  Senkung  getrennte  Reime 
innerhalb  des  Verses.  Naturgemäß  kommt  er  nur  bei  längeren  Versen 
vor.  Regelmäßig  nach  der  2.  und  4.  Heb.  steht  er  bei  Reinmar:  Im 
jamb.  klingend.  Verse  von  6  Heb.: 
MFr.  1GG,  20:    waz   tuon    ich,  daz         mir   Hebet  daz         mir  leiden  solde 

Im  trochäisch  stumpfen  Verse  von  G  Hebungen: 
MFr.  175,6:  ist  min  klage,         in  hohe  der  tage         den  vollen  niht. 

4.  S  c  h  1  a  g  r  e  i  m. 

Unter  Schlagreim  versteht  man  zwei  unmittelbar  aufeinander 
folgende  Reime,  jedoch  brauchen  nicht  durchaus  die  beiden  reimenden 
Silben  unmittelbar  aufeinander  zu  folgen,  denn  Schlagreim  können 
bilden  entweder  2  Hebungen,  zwischen  denen  eine  Senkung  steht,  oder 
Hebung  und  Senkung.   Ich  unterscheide  mit  Bartsch  folgende   Fälle: 

1.  Schlagreim,  bei  welchem  der  Endreim  außer  Spiel   bleibt. 
n\  Einfacher  Schlagreim. 

u)  Klingender  (bei  Reinmar  nicht  der  häufigere):  MFr.  171,  3<> 
danne  _<in  manne  (auf  der  1  u.  2.  Heb.).  175,  13  einen  kleinen  (auf  der 
1.  u.  5.  Heb.).  192,  20  mSre     und,  ,,-.   (auf  der  1.  u.  2.  Heb.). 

ß  Stumpfer.  1.  Zwei  Hebungen,  zwischen  denen  eine  Senkung. 
MFr.  174,  20  engihi  tri  niht  (auf  der  2.  a.  3.  Beb.).  178,  9  gich  daz  ich 
auf  der  1.  u.  2.  He)).  ,  IT'1.  35  'um  mit  diu  (auf  der  3.  u.  4.  Heb.  [folgt 
noch  gemeine],  182,2'.'  mir  i >on  ir  (auf  d>-r  1.  u.  2.  Heb.).  182,31  /."'< 
des  gan  laut'  der  4.  u.  5.  Heb.  186,  8  mir  von  ir  (auf  der  2.  u.  ."».  Heb.). 
187,  21   die  ich  ie  (auf  der  2.  u.  3   Heb.).    lv7.  39  mir  an  ir  (auf  der  1. 

GERMANIA.  Neue   Uribe.   VII    |XI\     Johl  12 


178  E.  REGEL 

u.  2.  Heb.)-   190,  20   daz  et   daz  (auf  der  1.  u.  2.  Heb.).  203,  2  ich  daz 
ich  (auf  der  2.  u.  3.  Heb.). 

2.  Hebung  und  Senkung  MFr.  170,  39  so  fro'  (auf  der  3.  Senkung 
und  Hebung). 

b)  Mehrfacher  Schlagreim. 

a)  Mehrere  Paare.    Hierfür  finde  ich  bei  Reinmar  kein   Beispiel. 

ß)  Derselbe  Schlagrehn  mehr  als  einmal80):  MFr.  194,  26  La 
stän  lä  stän  (auf  den  2  ersten  Senkungen  und  Hebungen).  Vgl.  Walther 
(Lachmann  42,  25). 

2.  Schlagreim  mit  Hinzuziehung  des  Endreimes  81). 
a)  Klingender.  Dafür  finde  ich  Lei  Reinmär  kein  Beispiel. 
h)  Stumpfer.  MFr.   166,  7  hau  getan.  176,  1  bi  mir  st  196,  26  hän 
gelan.  197,  13  hän  getan.  MFr.  S.  314,  16  me  dem  e. 

5.  Übergehender  Reim. 

Unter  übergehendem  Reim  versteht  man  einen  solchen,  der  durch 
Bindung  des  letzten  Wortes  einer  Zeile  mit  der  ersten  oder  zweiten 
Silbe  des  folgenden  Verses  entsteht: 

Der  Schlußreim  eines  Verses  und  der  Anfangsreim  des  folgenden 
sind  noch  mit  anderen  Reimen  gebunden.  Stumpfer  Reim. 

a)  Das  2.  Wort  steht  in  der  Hebung  des  folgenden  Verses: 
MFr.  161,  29  u.  30  daz  --  daz:  baz.   174,  29  u.  30  we  —  we  :  e. 
175,  15  u.  16  man  ■ —  wan  :  kan.  175,  22  u.  23   haz  —  toaz  :  daz.  185, 
22  u.  23  nie:  hie  --  die.  190,  5.  u.  6  sd  :  fro  —  sd.  190,  13  u.   14  da  : 
anderswä  —  da.  194,  16  u.  17  anderstvä  :  da  —  da. 

b)  Das  2.  Reimwort  steht  im  Auftact: 

MFr.  158,  19  u.  20  daz  :  baz  —  daz  gelte.  167,  37  u.  168,  1  zit  — 
sit  aller  :  Ut. 

Der  Anfangsreim  bildet  nicht  die  erste  Silbe,  sondern  die  zweite, 
so  daß  zwischen  beide  Reimsilben  eine  andere  eingeschoben  ist:  MFr. 
174,  35  u.  36  vergaz  —  und  daz  :  baz  (:  daz).  103,  28  u.  29  g uot  —  mir  tüo* 
:  muot. 

Übergehender  Reim  vom  Ende  einer  Strophe  auf  den  Anfang 
der  folgenden:  MFr.   180,  9  u.  10  ich  :  Ich. 


M)  Von  W.  Grimm    nicht    anerkannt    (Berl.    Akad.    18dl.  S.  577;.  81)  Von 

W.  Grimm  ebenfalls  nicht  anerkannt  ,a.  a.  0.). 


ZI    REINMAR  VON   HAGENAl  .  17'j 

6.  Pause. 

Unter  Pausen  versteht  man  Reime,  von  denen  der  eine  am  An- 
fang, der  andere  am  Ende  einer  Zeile  steht;  das  erste  Reimwort  kann 
am  Anfang  der  ganzen  Strophe  und  das  zweite  am  Ende  derselben, 
aber  beide  Reime  können  auch  innerhalb  der  einzelnen  Strophentheile 
stehen. 

1.  Am  Anfang  und  am  Schluß  derselben  Zeile. 
a)  Der  1.  Reim  in  der  Hebung: 
MFr.  161,  30  daz  :  baz  (Schlußzeile  der  Strophe).  171,  34  sone  '. 
fro  (3.  Z.  d.  Aufges.).  174,  30  we  :  e  (Schlußzeile  der  Strophe).  191,  4 
e:geste{\.  Z.  d.  Abges.).  Hier  noch  mit  einem  3.  Reim  am  Schluß  der 
Strophe  gebunden  :  e.  MFr.  182,  11  die  mich  :  dich  (3.  Z.  des  Abges.); 
derselbe  Fall  wie  vorher  :  mich.  Hier  steht  der  Anfangsreim-  auf  der 
2.  Silbe  bei  jambischem  Rhythmus. 

b)  Der  1.  Reim  im  Auftact: 
MFr.  168,  1  sU  aller  :  ld  (2.  Z.  d.  Abges.). 

2.  Der  eine  Reim  steht  am  Anfang  einer  Zeile  und  der  andere  am 
Schluße  der  darauffolgenden. 
MFr.  164,  21  u.  22;  außerdem  noch  am  Ende  des  Aufgesange.-, : 
Oxet  :  wS  :  mS.  Der  Anfangsreim  steht  auf  der  2.  Silbe  bei  jambischem 
Rhythmus.  Ganz  derselbe  Fall:  MFr.  165,  1  u.  2  Ich  hin  :  hin  .  hin. 
Ebenso:  103,  19  u.  20  Mtn  Ivp  :  wvp  (:  lit  ungenauer  Reim).  Auf  der 
1.  Silbe  steht  der  Anfangsreim:  MFr.  184,  31    Ich  :  ich  :  mich. 

3.  Am  Anfang  und  Ende  der  Strophe. 
MFr.  168,  18  u.  29  Die  frümh'  :  /</••  der  Anfangsreim  hier  im  Auf 
tact).  169,  27  u.  32  Wol :  dol  180,  1  u.  9  Ich  :  ich.  Ein  Beispiel  dafür, 
daß  der  Anfangsreim  am  Anfang  des  ganzen  mehrstrophigen  Liedes 
und  der  Schlußreim  am  Ende  desselben  steht,  weiß  ich  bei  Reinmar 
nicht.  Oder  ist  das  gar  keine  Pause  mein? 

1  )as  ist  es,  was  ich  über  den  inneren  Reim  bei  Reinmar  zu  sa 
vermag,  und  somit  bin  ich  mit  der  Besprechung  der  metrischen  Formen 
überhaupt  zu  Ende.  Wenn  man  einen  Rückblick  auf  dieselben  wirf! 
findet  man  liberal!  die  große  Einfachheit  des  alten  M-  •  .  heraus; 
er  steht  im  schroffsten  Gegensätze  zu  der  Künstelei  der  Bpätera  Minne 
sänger,  an  der  Eingangspforte  des  Bchon  ausgebildeten  deutscheu 
Minnesangs,  denn  in  den  Vorhallen  ist  sein  Platz  nicht  mehr.   Mi1  Recht 

!" 


180  E-  REGEL 

bezeichnet  ihn  Wackernagel 8a)  als  einen  Nachfolger  Veldekes,  der 
aber  sich  nicht  am  Abschluß  des  ersten  Zeitabschnittes,  sondern  am 
Beginn  des  zweiten  befindet.  Specifisch  Deutsches  hat  er  so  viel,  in 
seinen  Versarten,  seinen  Strophen,  seinem  Reim;  Nachahmung  der 
Franzosen  zeigt  er  nur  in  so  weit,  als  romanischer  Einfluß  im  Allge- 
meinen schon  durchgedrungen  war,  specielle  Muster  kann  man  nirgends 
nachweisen.  Und,  wie  er  durch  seine  vierzeilige  Strophe  Anklang  an 
die  alte  epische  Zeit  verräth,  so  auch  noch  durch  manche  altertüm- 
liche Sprachformen. 

Es  findet  sich  bei  ihm  die  im  Nibelungenliede  mehrfach  nach- 
weisbare Form  des  participium  präteriti  auf  -dt;  MFr.  196,  37  unver- 
wandeldt. 

Ahd.  Formen  zeigen  sich  auch  noch  in  dem  Liede  MFr.  203,  24: 
Zeile  37  steht  ot  für  et,  was  allerdings  auch  rahd.  ist.  204,  7  dannän 
für  dannen,  welche  ältere  Form  ich  nicht  mit  Bartsch  83)  in  die  letztere 
umändern  möchte.  Ich  betrachte  dieses  Lied  eben  wegen  dieser  älteren 
Formen  als  der  frühesten  Zeit  des  Dichters  angehörig,  um  so  mehr,  als 
ich  es  mit  Bartsch  84)  auf  die  niedere  Minne  beziehe,  welcher  Reinmar 
in  seiner  späteren  Zeit  nicht  mehr  gehuldigt. 

Alterthüraliches  und  Volksthümliches  zeigt  sich  dann  endlich  auch 
in  seinem  einfachen,  schmucklosen  Stil,  welcher  der  würdige,  gehaltene 
Ausdruck  seines  reinen  Denkens  und  Fühlens  ist.  In  der  öfteren  Wieder- 
holung derselben  Worte  kann  ich  nur  etwas  Naives,  Volksthümliches 
sehen;  Spielerei  und  Künstelei  liegt  ihm  im  Allgemeinen  noch  sehr 
fern.  Etwas  Künstliches  zeigt  sich  in  dem  Liede  MFr.  181,  13  in  der 
Wiederholung  des  Wortes  gedanke  am  Anfang  jeder  der  3  Strophen 
(14.  24.  33).  Wortspielerei  vielleicht  in  den  Liedern  MFr.  198,  4 85) 
u.  28.  Schlägt  man  aber  z.  B.  folgende  Stellen  nach:  MFr.  162,  34. 
35  und  163,  15  u.  17.  190,  4  u.  24.  192,  9  u.  12.  187,  38  und  188,  38. 
194,  26  u.  27,  so  wird  man  in  der  Wiederholung  der  Ausdrücke  ge- 
wiß nichts  Gesuchtes  finden. 

Solche  Gleich-  und  Anklänge  bilden  nun  auch  ein  gar  nicht  gering- 
fügiges Kriterium  bei  der  Frage,  ob  ein  Lied  reinmarisch  ist  oder  nicht. 
Ich  versuche  daher  jetzt  einige  Lieder,  welche  die  Herausgeber  von 
MFr.  entweder  Reinmarn  absprechen  oder  wenigstens  für  zweifelhaft 
halten,  neben  anderen  auch  durch  solche  Beweise  zu  stützen. 


M)  Litt.  S.  229.'        s:i)  Liederd.  XV,  580.         M)  Einleitung  zu  Liederd.  S.  XI. 
"")  Hier   erklärt    sieh   dieli   aber    durch    die  Eigenthümlichkeit  des  Wechselliedes,   wel- 
ches in  den  beiderseitigen  Reden  Gleichklang  liebt. 


ZU  BEINM  iH  VOH   H  \'.i  NAt  1>1 

Das  Heinrich  von  Rugge  zugeschriebene  Lied  MFr.  103,  3  zeigt 
mannigfache  Übereinstimmung  m<  reinmarischen.  Man  vergleiche 
103.  5  mit  171.  36  und  107,  3  u.  4.  103,  6  mil  182,  10  u.  20.  103.  9  u. 
10  mit  154,  5u.  6  und  162,20.  103,11—14  mit  160,9—11  und  169, 
27-30.  103.  15  mit  203,  20  (ähnlicher  Ausdruck).  (103,  13—18  meint 
wohl  dasselbe  wie  162,  7  u.  8).  103..  25  u.  26  mit  107.  26—28,  die  Strophe 
der  Frau   103.  27  mit   dem   Liede  203.  10. 

Tn  Bezug  auf  die  beiden  Strophen  MFr.  S.  314  sagt  Haupt"6): 
Sicher  wäre  die  Annahme  (YVackernagols  in  den  altd.  Blättern  2.  122, 
daß  jene  Strophen  unserem  Reinmar  angehören),  wenn  der  Ton  dieser 
Strophe  unter  den  reinmarischen  wiederkehrte,  oder  eine  Anspielung 
ihr  eine  Stütze  gewährte. 

Der  Ton   kehrt  allerdings  nicht  wieder,  wohl  aber  dieselbe,  Reim- 
formel, wenn  auch  nicht  häufig.  Vgl.  MFr.  151.  1    und   17.   103,  3.  An- 
klang, ja  sogar  Anspielung  findet  sich  wirklich.  Zeile  8  heißt  es: 
in   mochte  werz  dem  heiser  saget 

In  ganz  demselben  Sinne  steht  MFr.  151,  32  (in  dem  einen  der 
Lieder  mit  derselben  Reimformel): 

mich  diuhte  es  vil,  oh  et  der  keiser  wäre. 

Eine  wirkliche  Anspielung  auf  die  Strophe  MFr.  172.  5  sehe  ich 
in  den  Zeilen  5 — 7.  Man  vergleiche  auch  162.  5  u.  6.  Der  Gedanke, 
welcher  in  den  Zeilen  12 — 16  ausgesprochen  ist.  findet  sich,  wenigstens 
ähnlich,  in  der  Strophe  198,  28.  Man  vergleich,  auch  202.  25.  172. 
23  u.  24. 

Auch  in  den  Liedern  von  201,  12  an.  die  nach  Haupt87)  geringe 
Beglaubigung  haben,  zeigen  sich  mannigfache  Anklänge  an  andere 
Stellen.  Man  vergleiche  den  Ausdruck  201,  24  mit  165,  26.  Die  Zeilen 

201,  12  u.  13  deuten  auf  eine  niedere  Minne  hin,  die  ich  bei  Reinmar 
entschieden  annehmen  muß.  Man  vergleiche  160,  12 — 15.  17  1.  27  vil 
unsteeten :  erst  die  Bekanntschaft  mit  der  hohen  Frau  hat  ihn  ateett  ge- 
macht). 100,  13  u.  14.  201,  12— IS. 

201,  37  u.  38  findet  sich  .  im  entgegengesetzten  Sinne,  ähnliche] 
Ausdruck  wie   189,23  u.  24.   Man  vergleiche  202.  12  mit  -163,  30  u.  31. 

202,  13  u.  14  mil   158,  23  u.  2-1  und  183,  31  u.  32 

Das  Lied  2<  »2.  25  hält  auch  Haupt88)  fiir  reinmarisch;  gewiß  ist 
293,  v  für  hojj  ich  oach  Haupt  (a.  a.  <».)  ding  ich  oder  ween  ich  zu 
setzen.  Man  vergleiche  noch  die  Strophe  202,31  mit  <\cv  169,  3.  203, 
9  mit   186,  5. 

•      /.  itachrifl   \l  MFr,  S.  311  l  MI  r.  8     ;i  .' 


Jg2  J-  ZINGERLE 

Das  Lied  203,  10  fasse  ich  als  einen  Gegengesang  der  Herrin 
zu   dem  Spruch  Reinmars  (MFr.  156,  10). 

Über  das  Lied  203,  24  habe  ich  mich  bei  Gelegenheit  der  Sprach- 
formen schon  ausgesprochen  (S.  180). 

Es  liegt  mir  sehr  fern,  auf  solche  Anklänge  hin  sofort  die 
Echtheit  der  Lieder  für  ganz  zweifellos  zu  halten,  hingegen  zu  be- 
rücksichtigen sind  solche  dennoch.  Erfahrnere  mögen  entscheiden,  ob 
ich  richtig  gefühlt. 


CHRISTI  BLUMEN. 


Hartmann  gebraucht  diesen  Ausdruck  in  der  Stelle: 
Min  fröide  wart  nie  sorgelos 
unz  an  die  tage, 

daz  ich  mir  Kristes  bluomen  kos, 
die  ich  hie  trage, 
die  kündent  eine  sumerzit, 
diu  also  gar 
in  süezer  ougenweide  lit. 

Haupt  II,  15.  MSF.  210,  35.  Bech  II,  17. 
Bech  macht  hierzu  die  Bemerkung:  „Christi  Blumen  scheint  hier 
kein  Ausdruck  im  eigentlichen  Sinne  zu  sein;  sonst  könnte  man  auf 
die  Lilien  rathen,  die  Sinnbilder  der  Keuschheit,  wie  wir  solche  nach 
mittelalterlicher  Anschauung  im  Hohenliede  gedeutet  finden ;  gemeint 
ist  wohl  das  Kreuz,  gleichsam  Christi  Blumenschmuck."  Nach  meiner 
Ansicht  sind  Christi  Blumen  die  fünf  Wundmale  des  Erlösers,  welche 
die  Blüthen  des  Kreuzbaumes  sind.  Noch  heutzutage  findet  man  Cruci- 
fixe,  an  denen  das  Blut  der  Wundmale  blumenartige  Gestalton  bildet. 
W.  Menzel  schreibt:  „Auf  einem  alten  Bilde  in  Gorkum  sind  die  fünf 
Wunden  am  Heiland  selber  deutlich  als  Rosen  gemalt."  Symbolik 
11,566,  und  sagt:  „In  der  christlichen  Poesie  werden  die  fünf  Wunden 
mit  Rosen  verglichen"  II,  567. 

Für    meine    Auffassung    sprechen    auch    folgende   Stellen,    deren 
Mittheilung    ich    Herrn    Magnus    Ortwein,    Conventualen    des    Stifte? 
Marienberg,  verdanke.  In  einem  Hymnus  des  Fortunatus  heißt  es: 
Crux  fidelis  inter  omnes 
arbor  una  nobilis 
fronde.  ßore.  germine! 
was   Leisentril   überträgt: 


CHRIST]  BLUMEN  j«3 

Tewres  Creutz  wo  findt  man  deins  gleich 
Untern  beurnen  aufT  erdreich? 
Man  deins  gleich   in   keinen  walten 
findet  an  zweig,  blumen  und  fruchten. 

Kehrein,  Gesangbücher  S.  427. 
Im  Hymnus  ad  laudes  in  offic.  de  pretiosissimo  sanguine  Domini 
nostri  J.  Chr.   werden  die  Wunden  so  angesprochen: 
Salvete  Christi  vulnera 


nitore  Stellas  vincitis, 

rosas  odore  et  balsamo. 
Im  Hymnus   ad   laudes   in  offic.  de  s.    sindone    heißt  es  von  der 
Seiten  wunde: 

Salve  latus  salvatoris, 

mitis  apertura, 

super  rosam  ntbicunda, 

medela  salutifera. 
Am  deutlichsten  ist  die  Vergleichung  der  Wundmale  mit  Rosen 
ausgesprochen  in  den  Lectionen  des  officium  de  quinque  plagis  domini 
nostri,  die  dem  sermo  s.  Bernardi  (Üb.  de  passione  domini  cap.  41) 
entnommen  sind.  Hier  kommen  folgende  Stellen  vor:  Tntuere  et  respice 
rosam  passionis  sanguineae  quomodo  rubet.  Lect.  V.  Vide  quomodo 
hoc  flore  rosae  floruerit  optima  vitis  nostra  rubicundus  Jesus.  Vide  totum 
corpus,  sicubi  rosae  sanguineae  florem  non  invenias.  Lect.  VI.  Inspice 
manum  unam  et  alteram ,  si  florem  rosae  invenias  in  utraque.  Inspice 
pedem  unum  et  alterum,  numquid  non  rosei?  Inspice  lateris  aperturam, 
quia  nee  illa  caret  rosa.  Lect.  VII.  Das  Blut  Christi  wird  heute  noch 
^rosenfarbig"  genannt,  wie  es  schon  Ambrosiiis  in  dem  Hymnus  „Ad 
eoenam  agni  providi"  bezeichnete:  „cruore  ejus  roseo",  das  in  den  alten 
deutschen  Bearbeitung,  n  durch  „bluote  sinem  rösevarwem"  und  „tröre 
4nemu  rosfarwemu"  Kehrein,  Hymnen  S.  59  u.  21ä  gegebenwird.  Einen 
Beleg  hiefür  gibt  auch  „des   Knaben  Wunderhorn"  (1873)  I,  ßl  : 

Und  da  sie  ihm  die   Liebe   bot,  rMein   Herz,  daa  ist   um   dich  bo   rot( 

Sein  Wunden  sich   ergossen:  Kür  dich   t  r :i  ^  ich   die   Rosen, 

„0   Lieb,   wie   ist    dein    Herz   so    rot,  Ich    hrach    nie   dir   im   Liebestod, 

Deine   Hände  tragen   Kosen."  Als    ich    mein    Blut   vergossen." 
WILTEN.  J.  V.  ZINGERLE. 


]84  E-  KÖLBING 


BRÜCHSTÜCK  EINER  AMICUS   OK  AMILIÜS 

SAGA. 


Das  hier  mitgetheilte  Bruchstück  der  Amicus  ok  Arailius  Saga 
ist  uns  nur  in  einer  Handschrift  erhalten:  Cod.  Holm,  membr.  6.  4°, 
beschrieben  u.  a.  von  Stephens  in:  Samlingar  utgifna  af  Svenska  Forn- 
skrift-Sällskapct  II  S.  CXXIX  ff.,  wo  sich  auch  der  Schluß  der  Saga 
abgedruckt  findet;  dann  mit  einigen  Berichtigungen  von  mir  in:  Riddara- 
sögur  S.  I  f.  Der  Text  reicht  da  von  Bl.  1H— 3*  unten.  Der  Anfang 
der  Erzählung  fehlt  nicht,  wie  Stephens  meint  a.  a.  O.,  wohl  aber  ist 
die  erste  Seite  durchaus  unlesbar  und  ließ  sich  auch  durch  Reagentien, 
bei  deren  Anwendung  Herr  Oberbibliothekar  Dr.  Klemming  in  Stock- 
holm mir  seiner  Zeit  auf  das  liebenswürdigste  behilflich  gewesen  ist, 
nicht  wieder  herstellen,  weßhalb  ich  den  Text  erst  von  S.  lb  an  mit- 
theilen kann. 

Die  Saga  ist  nicht,  wie  man  vielleicht  erwarten  würde,  nach  dem 
französischen  Gedichte  (Amis  et  Amiles  und  Jourdains  de  Blaivies. 
Zwei  altfranzösische  Heldengedichte  des  kärlingischen  Sagenkreises. 
Nach  der  Pariser  Handschrift  zum  ersten  Mal  herausgegeben  von  Dr. 
Conrad  Hofmann.  Erlangen  1852,  sondern  nach  der  lateinischen  Fas- 
sung der  Legende  gearbeitet,  jedoch  offenbar  nicht  nach  dem  von 
Mone  (Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit.  5.  Jahrgang  p.  145 
bis  60)  abgedruckten,  sondern  nach  dem  mehrfach  gekürzten  Texte,  wie 
wir  ihn  bei  Vincentius  Bellovacensis  Spec.  hist.  lib.  XXIV  cap.  162  ff. 
wiederfinden.  Mehr  als  sonst  bei  ähnlichen  Riddarasögur  finden  wir 
hier  engen  Anschluß  des  nordischen  Bearbeiters  an  die  Vorlage,  ja  mit 
Ausnahme  weniger  Stellen  ist  geradezu  Wort  für  Wort  übertragen, 
nur  sind  zusammengesetzte  lateinische  Constructionen  aufgelöst.  Im 
Ganzen  dürfen  wir  diese  Saga  nach  Wortausdruck  und  Satzgefüge  in 
die  beste  Zeit  der  nordischen  Riddarasögur  setzen  und  unter  die  wenigen 
zählen,  die  in  späterer  isländischer  Zeit  keine  Abkürzung  zu  erleiden 
gehabt  haben. 

In  Deutschland  scheint  diese  Prosasaga  bis  jetzt  nicht  bekannt  ge- 
wesen zu  sein.  Conrad  Hofmann  a.  a.  0.  Vorwort  S.  VI  erwähnt  nur 
Amicus  ok  Amilius  Rimur.  Diese  existieren  allerdings  auch,  aber,  so- 
weit mir  bekannt,  nur  einer  sehr  späten  Papierhandschrift  Cod.  A.  M. 
chart.   2609°,  4°.  Ob   der  Dichter   der  Rimur   unsere  Saga  od^r  einen 


BK1  (  HSTÜCK  EINER  AMICUS  OK  AMILIUS  SAGA  185 

ausführlicheren  Text  als  Quelle  benutzt  hat,  habe  ich  leider  noch  nicht 
prüfen  können. 

Unser  Bruchstück  beginn!  mit  der  Abreisi  des  Amicus  vom  Hofe, 
der  seine  Gattin  besuchen  will.  Er  warnt  den  Freund  auf  das  eindring- 
lichste vor  zweierlei.  Cave  tibi  —  heißt  es  im  lat.  Texte  —  «l>  ejus 
fse.  reffis]  filia  maximeque  a  nequissimi  comitis  Arderici  fallaci  amicitia 
Mit  einer  etwas  freieren  Übertragung  der  zwei  letzten  Worte  beginnt 
der  altnordische  Text,  der  auch  hier  noch  an  mehreren  Stellen  unles- 
bar ißt. 

lb  ok  hans  rädum  ok  fortölum.  Ok  er  Amicus  hafdi  brotl 

farit,    fvard  konungs  döttir  fyrir äst   hennar,    ok  sem 

fyrst    komst    hann  vid,    hafdi    hann  af  henni    sinn  (vilja) 

at    gleäiast    af  illsku    annars    ok   bera    bat    nulluni 

allra   er   til ')    bann    sem  til  nökkurs    röskleika  var,    ok    taladi 

vid  Amilium:  (Veiztu  ekki)2),  hinn  kajri  jarl,  sagdi  hann,  "at  Amicus 
konungs  f'ehirdir  hefir  stolit  ok  nvi  flyit  i  brott?  [En  hann  gerdi  vinättu 
vid  mik  ok  gaf  ek  hänum  bar  til  trü  mina,  ok  bvi  trüdi  hann,  at  ek 
sör  vid  heilaga  döma,  at  ek  skyldi  bat  halda  vid  hann  3).  Ok  er  Amil- 
ius  hafdi  nessu  sama  jätat  hänum,  kunni  hann  eigi  vid  at  sjä  ok  birti  hän- 
um alla  sina  leynda  hluti ,  pviat  hann  trudi  Ardericum  ser  triian  vera 
mundu.  Nu  einn  dag  sem  Amih'us  stöd  fyrir  konunginum,  sem  hann 
var  vanr,  taladi  Ardericus:  Herra,  sagdi  hann,  tak  eigi  vatn  or  hönd- 
um  svä  vänds  manns  er  verdugr  er  dauda,  pviat  hann  tok  af  döttur 
ydvarri  sitt  meydomsblömstr.  Ok  er  Amilius  heyrdi  betta,  feil  hann 
nidr  af  hrsezlu  ok  mätti  ekki  tala.  [Einn  jarl  gödviljadr  ok  kurteiss  4 1 
tok  til  hans  ok  bad  hann  standa  ok  verja  sik  karlmannliga  af  bessari 
üfrsegd.  Ok  hann  stöd  upp  ok  mselti  svä:  Heyrit,  mildr  ok  hinn  re'tt- 
visasti  konungr!  Trii  eigi  lygins  manns  ordum,  Arderici,  er  millum 
allra  vill  rüg  bera,  ok  ld  me'r  stund  til,  at  ek  mega  gera  niitt  räd.  Vil 
ek  bjöda  hänum  holmgöngu,  frelsandi  mik  svä  af  vändu  upplosti  nessu 
ok  üfrsegd  vid  ydr.    En  konungrinn  af  gödvild    sinni  jätacti    pessu   ok 


')  fyrir — dat  m  Bbenso  von  ainu     ••' .    )ilja  habe  ich  ergänzt;  tü-pomi  iel 

imlcsbar.  Das  ganze  Stück  lautet  im  lat.  Text,  der  Übrigens  kürzer  gehalten  ist:     ' 
litis  vero  super  regia  filiam   oculoa  injeeit,    et  eam  quam 

delator  Ardericus,    qui   iniquitale  gaudebat  et  omni  probitati  invidebat  etc,  ')  Die 

eingeklammerteii   Worte    sind    anlesbar;    von  mir  i  I    lat       Neacia,    cariaaimt 

comea.  Dei    Üb  rsetzer  Bcheint  an  diesei    Stelle  Bein  '  >riginal  mißverstanden  eu 

haben,  denn  bo  passt  der  Satz  1 1 i « •  1 1 1  in  den  Zusammenhang;  vgl.  Nutn   ergo  ini  mecum 

omicitiat  et  fidem  ictorum  reliquiaa  aeeipe,         '    Sowohl  in  M ■- 

'I.    i    n ie  bi  i  Vinc    hebt  ihn  rlei    Kfinii     elbst 


Igg  E.  KÖLBING 

tok  Hirdigensis ')  drottning  hann  til  ein  til  verndar  af  pessari  sök. 
Ok  medan  Amilius  var  hugsjükr  ok  leitadi  s^r  räda  um  petta,  spurdi 
liann,  at  Amicus  felagi  hans  var  heim  kominn,  ok  för  pegar  til  hans 
ok  feil  til  föta  hänum  ok  mselti:  Heyrtu  einkanliga  vän  minnar  heilsu. 
lila  hefir  nü  ordit,  pviat  ek  hefi  eigi  lialdit  trü  mina  vid  jjik  pä  er  ek 
he't  pe"r  pä  er  vit  skildum,  pviat  ek  hefi  nü  misgert  ok  fallit  i  gloep 
fyrir  sakir  konungsdottur  ok  statt  liolmgöngu  vid  hinn  illa  Ardericum, 
i  konuhgs  augsyn.  En  Amicus  äsakadi  hann  mjök  af  sinni  gerd  ok 
sagdi  p6  svä:  Skiptum  vit  klaedum,  sagdi  hann,  ok  svä  hestum,  ok  far 
pü  heim  til  minnar  borgar,  en  ek  man  med  guds  miskunn  ok  trausti 
holmgöngu  halda  fyrir  pik.  Varast  pö,  at  pü  bii  scemiliga  vid  mina 
hüsfrü.  En  at  skilnadi  peirra  gre*tu  peir  bädir.  For  sidan  Amicus  til 
konungs  gards  ok  ldzt  vera  Amilius.  En  era)  hüsfrü  Amici  sä  Amil- 
ium,  hugdi  hon,  at  par  vasri  hennar  eiginn  bondi  ok  hljop  at  hanum 
ok  vildi  leggja  se'r  i  fadm  ok  kyssa  blidliga,  en  hann  talar  til  hennar: 
Far  brott,  kona,  sagdi  hann,  pviat  mdr  er  pessi  timi  til  harms  heldr 
en  gledi3),  ok  um  nottina  eptir,  sein  pau  fara  til  sinnar  ssengr,  pä  lagdi 
hann  sverd  i  milli  peirra  ok  mselti:  Se  vid,  sagdi  hann,  at  koma  eigi 
nser  me'r,  pviat  of  pü  gerir  pat,  skaltu  doemd  verda4)  pessu  sama  sverdi. 
iSvä  lägu  pau  hverja  natt  par  til  er  Amicus  kom  heim.  Ok  svä  sem 
Amicus  var  klaeddr  klsedum  Amily,  ge'kk  hann  inn  fyrir  konung  ok 
baud  sik  at  berjast  vid  Ardericum  fyrir  pä  ufrsegd,  er  hann  hafdi  kent 
hänum.  Hrasdstu  eigi,  jarl,  [sagdi  konungr,]  pviat  ef  pü  hefir  sigrazt 
ä  hänum,  pä  skal  ek  gefa  pdr  dottur  mina  Belegendam5)  til  eiginnar 
konu.  Um  morguninn  pegar  viglj6st  var,  föru  peir  Ardericus  ok  Amicus 
vel  väpnadir  ä  einn  voll,  par  sem  konungrinn  ok  allt  fölk  af  stadnum 
mätti  sjä  peirra  vidskipti.  En  pviat  Amicus  öttadist  um  sina  samvizku, 
i  moti  hänum  at  berjast,  taladi  hann  til  Ardericum  pessum  ordum: 
Heyrtu,  jarl,  sagdi  hann,  pü  tokt  üsyniligt  räd  i  pvi,  er  pü  vill  med 
svä  mikilli  fvst  girnast  dauda  mins.  Nü  ef  pü  vill  enn  pann  kost 
fyrir  pä  üfrsegd,  er  pü  taladir  üsannliga  til  min,  takim  vit  aptr  pessa 
holmgöngu,  ]iä  mun  ek  jafnan  vera  vin  ]>inn.  Ardericns  svaradi  svä, 
sagdi  sik  aldri  hirda  um  hans  vinättu  ne"  nökkura  pjonustu  hans  eda 
eptirlseti,  ütan  höfud  hans  kvedst  hann  vilja  af  höggva,  ok  sverr,  at 
hann  hefir  konungsdottur  svivirt.  En  Amicus  svarar  i  annann  stad  ok 
segir  Ardericum  }"»at  ütan  ef  Ijüga,  Eptir  pessa  ordaprsetu  bördust  peir 
snarpliga  ok  vard  Ardericus  sigradr,   pviat  Amicus  hjo  af  hänum  höfud. 


')  In  den  lat.  Texten:  Hildegardis.  ')  er  om.  mscr.  3)  gled.  mscr. 

*)  sagdi  konungr  om.  mscr.;  ergänzt  nach  dorn  lat.  5)  lat.  Belixendam. 


BRUCHSTÜCK  E1NEE  AMICI  8  OK   AMll.n  -  SAGA  L8*3 

Eptir  betta  Jjrekvirki  gipti  konungrinn  Amicö1)  pessa  sömti  döttur 
sina,  ok  gaf  med  henni,  sem  sidvenja  var,  einn  stad  raikinn  ok  ägset- 
an,  er  pau  skyldu  i  vera.  Ok  er  bann  hafdi  festa  hana,  sne>i  Amicus 
heim  til  sins  heimilis  gladr,  par  sem  Ami] ins  var  fyrir  ok  mselti:  Sd, 
hversu  ek  hefi  hefnt  ])in  ä  hinum  vända  svikara  Arderico,  ok  fastnada 
ek  ber  konungsdöttur.  Amilius  f6r  |>egar  ti!  konungs  gards  ok  fekk 
hennar  fullkomliga,  ok  föru  ]>au  pegar  til  J>ess  stadar,  er  konungr  gaf 
peim  ok  bjuggu  pau  J)ar.  En  Amicus  var  lieima  med  sinni  hüsfrü,  ok 
litlu  sidar  kastadi  gud  bardaga  ä  barm  ok  bardi  liann  med  likprä, 
svä  at  ekki  mätti  kann  pä  ur  rekkju  risa.  En  hüsfrü  hans  er  Obias*2; 
hdt,  fyrirlet  kann  )>egar  ok  hatadi  sem  vänd  kona.  Svä  kom,  at  hnn 
vildi  mörgu  sinni  hafa  kyrkt  hann  til  bana,  ok  er  bann  sä  pat,  kalladi 
bann  til  sin  tvä  pjönustumenn  ok  mselti  sva:  Foerit  mik  brott,  sagdi 
hann,  undan  höndum  konu  minnar  ok  takit  ker  mitt  sva  leyniliga,  at 
enginn  verdi  varr  vid  ok  flytit  mik  heim  til  kastalans  Bericänum. 
Peir  gerdu  eptir  pvi  sem  bann  band,  ok  er  peir  väru  mjök  komnir  at 
kastalanum,  kom  mikill  fjöldi  manna  i  möti  jaeim  ok  spurdu,  hverr 
pessi  hinn  sjüki  madr  vseri,  er  peir  fluttu  [)angat.  reir  svörudu:  ressi 
er  Amicus,  herra  ydvarr,  ok  vard  fyrir  likprä,  ok  vill  nü  hingat  fara 
til  ydvar,  bidjandi  värkunnliga,  at  pdr  veitit  hänum  bjälp  med  misk- 
nnn,  bviat  hann  J>arf  nü  mjök.  En  er  hinir  umildu  menn  ok  ükurt- 
r-isu  heyrdu  ord  peirra,  reiddust  jpeir  ok  bördu  Jjjönustumennina,  en 
Amicum  köstndu  Jieir  ur  vagninum  beim  sem  hann  var  i  ok  föru  vid 
bann  illa  ögnandi  hänum  dauda,  ef  neir  leti  ser  J>at  ord  optar  ur  munni 
2b  koma.  f*ä  tök  Amicus  at  grata  ok  mselti  sva:  Hinn  mildasti  ok  hinn 
miskunnsami  fadir,  Iät  mik  annathvärt  deyja  skjötl  ella  send  mör  bjälp 
pinnar  miskunnar!  ok  bad  Bveina  sina  flytja  sik  til  R6maborgar.  Er 
hann  kom  bar,  gekk  päfinn  i  möt  hänum,  er  Constantinus  hdt,  med 
mörgu m  Kömverjum  ok  ödrum  riddarum  beim  sem  bjä  väru  er  bann 
var  skirdr,  <>k  hänum  höfdu  s\'nt  mikinn  manndöm;  ok  gerdu  [>eir  til 
hana  soemiliga  ok  veittu  hänum  miklar  hjälpir  i  peim  blutum  sem  bann 
burfti.  En  |>rim  vetrum  sidar  gerdisl  svä  mikil  varan  i  stadnum  al 
menn  sultu,  ok  jafnvel  räku  fedr  3onu  frä  Ber  sakir  \>esaa  fellis.  En 
bj6nustumenn  Amici  bädu  bann  brotl  fara,  ok  hann  gerdi  Bvä  ok  \6\ 
flytja  sik  til  heimilis  AmiK  jarls.  Ok  er  hann  \i  fyrir  gardinum  |»ar 
-ein  Amilius  var  i,  klappadi  ä,  eptir  ]>\i  sem  sidvenja  er  til  fijükra 
manna,  "k  er  jarl  heyrdi,  baud  hann  einura  sveini  sinum:  Tak  braud 
oh  kjöl  ok  ker  pal  er  radr  var  gebt  i  R6ma,   ok  fyll  hinu  beztu  vini 


')  Arnim  om.  iii  7)  So  auch   Vioc    Moni     T<         Fhobia     er  oin.  mscr. 


188     E.  KÖLBING,   BRUCHSTÜCK  EINER  AMICUS  OK  AMILIUS  SAGA. 

ok  gef  bessurn  sjüka  manni.  ujonustumadrinn  gcrdi  eptir  bvi  sem  hann 
baud  ok  gekk  sidan  til  jarls  ok  mselti:  Sannliga,  herra,  sagdi  hann. 
upp  ä  tru  mina,  ütan  ek  hefda  haldit  ä  ydru  keri,  tryda  ek  cigi  annat 
en  bat  yseri  yftvart  ker,  er  sä  liinn  sjüki  madr  liafdi.  Jarl  let  pegar 
leiäa  til  sin  hinn  sjüka  ok  spurdi  hvadan  hann  vseri  (da  hversu  hann 
hefdi  bvilikt  ker  fcngit.  Amicus  sagdi  at  hann  var  foeddr  i  kastala 
brim  er  Bericänum  het  ok  i  Rom  feerdr  ok  af  herra  päfanum  skirdi 
nk  kerit  pegit.  En  jarl  kendi  pegar  Amicum  felaga  sinn  hinn  dyggasta. 
rr  hann  hafdi  frjälsat  af  dauda  ok  fengit  hänum  konungsdöttur  til 
riginkonn.  Hann  hljöp  ä  hals  hanum  ok  kastadi  sei*  yfir  hann  grätandi. 
En  konungsdottir,  hans  hüsfrü,  s(6d  upp  eigi  sidr  ok  leysti  här  sitt 
ok  helti  üt  mörgum  tärum  grätandi  särliga  yfir  hanum  ok  ä  mintisl 
hversu  vaskliga  hann  bardist  i  möt  Arderico  hinum  mikla  svikara. 
Eptir  pat  l^tu  hau  hann  i  höll  sina  ok  skipudu  hanum  virduligan  stad 
i  at  vera,  ok  fengu  hanum  gladliga  allt  bat  er  bau  mättu  ok  hann 
vildi  hafa.  En  er  Amicus  hafdi  bar  verit  nökkura  stund,  syndist 
hanum  engill  guds  a  einni  hverri  nött  ok  baud  hanum  at  segja  jarli 
Amilio,  at  hann  draepi  tvä  sonu  sina,  er  pau  konungsdottir  ättu,  ok 
med  peirra  blodi  skyldi  hann  bvä  Amicum,  ok  bar  af  mundi  hann 
heill  verda.  Hann  sagdi  hänum  betta  umuguligt  vera  sakir  bess  at 
hann  undirstöd  at  betta  var  bsedi  synd  at  gera  ef  eigi  bydi  gud,  ok 
hann  var  i  lifshäska  vid  konunginum,  modurfedr  sveinanna.  Ok  sem 
hann  mintist,  hversu  mikit  Amicus  hefir  gert  fyrir  hans  sakir,  ba  tok 
hann  sverd  sitt  ok  gekk  til  hvilu  sveinanna  bar  sem  beir  sväfu.  Hann 
lac,dist  upp  yfir  bä  ok  gret  särliga  ok  mselti:  Hverr  heyrdi,  sagdi  hann, 
födurinn  själfviljanda  hafa  drepit  sonu  sina,  ok  he"dan  af  em  ek  ekki 
ykkarr  fadir,  heldr  hrsediligr  dräpsmadr  ok  pinari;  ok  flugu  svä  pykt 
tär  af  augum  hänum,  sem  regn  ofan  yfir  sveinana,  svä  at  peir  vöknudu 
vid,  ok  er  peir  litu  andlit  fedr  sins.  hlögu  peir.  rä  väru  beir  brevetrir. 
Pä  mselti  fadir:  H6,  mikil  sorg!  ykkarr  hlätr  man  mer  sniiast  i  mikinn 
grät;  meinlaust  blöd  man  üt  hellast  af  illum  ok  ümildum  fedr.  Ok  er 
^  hann  hafdi  talat  sorgmödliga,  ])ä  hjö  hann  sveinana  bäda  ok  tok  ]>ä 
som  hcegligast  likin  ok  lagdi  i  ssengina,  sem  beir  svsefi.  En  blöd  peirra, 
som  hann  hafdi  lätit  renna  i  eitt  st6rt  glerker,  tok  hann  ok  pö  i  Amil- 
ium  felaga  sinn,  ok  medan  hann  bö  hann,  taladi  hann  ]>rssi  ord:  Herra 
Jesiis  Kristr,  sagdi  hann,  pü  er  heilan  gerdir  likbrän  manu  med  ordi 
]>inu,  vird  mik  til  at  hreinsa  penna  minn  felaga  ok  hreinan  gera,  pviat 
ek  helta  üt  blodi  sona  eptir  bodi  engils  bins,  ok  er  hann  liafdi  lokit  boan 
sinni,  vard  Amicus  heill  pegar  ok  hroinsadr  allskostar.  En  jarl  tök 
pegar  klajdi  sin  beztu  ok  feereti  hänum.  Sidan  göngu  peir  til  kirkju 
ok    gerdu    gudi    ]>akkir    <>k    begar    tokusl    allar    klokkur  at  hringast  i 


KÖHLER    DAS  SCEtICKSALSRAD  UND  DER  SPRUCH   vom   FRIEDEN.      189 

stadnum  själfar,  <>k  gäfu  af  se*r  fagrt  hljöd.  Ok  er  fölkit  heyrdi  |>etta, 
bä  dreif  paugat  ok  undradist  ]>enna  atburd.  <  )k  er  jarlsins  frü  sa  |j;i 
ganga  bada  saman,  spurdi  hon,  hvarr  hennar  böndi  vaeri,  bvi  hon 
kendi  hvärngan  beirra  frä  ödrum,  en  klsedi  kendi  hon  hvarstveggja 
beirra,  ok  ]m  spurdi  hon  hvarr  beirra  var.  rä  mselti  jarl:  Ek  em 
Amilius,  en  pessi  niinn  felagi  er  Amicus1),  er  sjiikr  var  ok  er  nn 
beul,  ok  andvarpadi  bä  af  öllu  hjarta  ok  mint  ist  ä  dauda  sona  sinna. 
En  konungsdottir  vildi,  at  sveinarnir  vaeri  pangat  bornir  ok  skemtadi3) 
s^r  par,  ok  «lcdist  af  nvjuin  fagnatli.  Jarl  bad  |>;i  lata  sola  ok  bad  eigi 
vekja  ba.  En  bann  gekk  einsamt  ok  hugdist  ninndn  grata  )»a  dauda, 
ok  er  hann  kom  }>ar,  fann  hann  bada  sveinana  i  ssenginni  lifandi,  ok 
lt±ku  ser  ])av,  ok  var  einn  randr  pradr  um  beggja  peirra  hals.  Jarl  tök 
ha  l  fadm  st:r  ok  bar  j>ä  inn  fyrir  raödur  beirra  ok  mselti:  Verum  v6r 
glöd,  bviat  synir  minir  lifa  bädir  peir  er  ek  drap  eptir  bodi  mgils 
guds,  ok  med  ]>eirra  blödi  er  Amicus,  fölagi  minn,  hreinsadr.  En  frä 
)>essnin  timum  heru  bau  at  halda  hreinlifin  allt  til  daudadags  ok  varu 
jafnan  i  mikilli  gödfysi  i  guds  pj6nustu,  medan  }>au  lifdu.  En  i  bann 
tiina  hljöp  uhreinn  andi  i  buk  hüsfrü  Amici,  ok  kvaldi  hana  mjök  illa, 
ok  i  beim  oerslum3)  feil  hon  fyrir  berg  ok  lauk  sv;i  hörmuliga  hennar 
lifsdögum.  Eptir  ]>at  för  Amicus  til  Bericänum  föstrjardar  sinnar  med 
her,  ok  sat  svä  lengi  um,  at  hann  gat  unnit  jui  er  )>ar  varn  fyrir  ok 
gafust  J)eir  upp  i  hans  vald.  En  hann  gaf  üllum  beim  grid  med  dreng- 
skap  ok  fyrirh:t  beim  sina  misgerd  ok  ]>at  sem  peir  höfdu  i  möt  hänum 
gert  ok  bjonadi  gudi  jafnan  med  äst,  medan  hann  lifir,  ok  n'-«!  bar 
fyrir  med  ägsetri  hreysti  ok  miklum  IVidi  ok  sambandi. 

BRESLAU,  Nov.  1873.  EUGEN   KÖLBING 


DAS  SCHICKSALSRAD  UND  DER  SPRUCH  VOM 

FRIEDEN. 


Felix  Hemmerlin  (Malleolus)  läßt  im  21.  Capitel  Beines  zwischen 
1444  und  1 4";< )  geschriebenen  Dialogus  de  Nobilitate  et  Rusticitate  den 
Edelmann  über  das  Schicksalsrad  (Rota  Fati,  Rota  fatalis)  handeln, 
welches  den  in  Reichen  und  Provinzen,  in  großen  und  kleinen  Herr 
-•haften,  in  Städten  und  Dörfern,  in  Häusern  and  Familien,  in  Klo 
tern,  Collegien  und  Kirchen  statthabenden  Kreislauf  gewie  er  Zu  tände, 

';  Amiliua  in-  ruli  nnflci  im  insci 


190 


R.  KOHLER 


deren  einer  immer  aus  dem  anderen  folgt,  darstellen  soll*).  Die  auf  deä 
Bauern  Wunsch  von  dem  Edelmann  entworfene  Zeichnung  dieses  Rades 
findet  sich  auf  Blatt  LXXVII  der  einzigen  Ausgabe  des  Dialogs**) 
als  Holzschnitt,  von  dem  ich  hier  eine  verkleinerte  Nachbildung  beifüge. 


*)  Eine  ausführliche  Inhaltsangabe  des  Dialogus  de  Nobilitate  gibt  B.  Reber, 
Felix  Hemmerlin  von  Zürich,  Zürich  184C,  S.  197—268.  Aber  die  Inhaltsangabe  des 
21.  Capitels  (S.  236)  ist  ungenau  und  undeutlich,  namentlich  ist  nicht  bemerkt,  daß 
die  Rota  Fati  von  der  Rota  Fortunae  unterschieden  ist.  Letztere  beschreibt  der  Nobilis 
im  Eingang  des  Capitels:  Sepe  vidisti  veteres  posuisse  fortune  rotam  quattuor  figuria 
signanter  descriptam  et  bis  versiculis  annotatam: 

Regno  descendo  iaceo  super  ardua  tendo. 

Sum  fortunatus,  fleo,  spero,  fio  beatus. 

Hie  iacet,  hie  scandit,  hie  sedet,  iste  cadit. 

Regno  regnabo  regnavi  sum  sine  regno. 

Hec  namque  rota  fortune  variabilis,  ut  rota  lune. 

Crescit  et  decrescit  in  eodem  sistere  uescit. 
Hierauf  bespricht  der  Edelmann  den  Unterschied  von  fortuna  und  fatum  und  sagt  dann: 
Unde  ex  premissis  sapientes  estimo  premeditatos  fuisse  aliam  non  tarnen  fortune,  sed  fati 
rotam  —  Auch  W.  Wackernagel  gedenkt  in  seiner  schönen  Abhandlung  'Das  Glücksrad 
und  die  Kugel  des  Glücks'  (Haupts  Zeitschrift  VI,  142  =  Wackernagels  Kleinere 
Schritten  1  249  f.)  der  Hemmerlinschen  Stelle,  aber  ebenfalls  in  ungenauer  Weise. 
**)  Vgl.  Reber  a.  a.  O.  S.  31—33. 


DAS  SCHICKSALSKAI)  UND  DER  SPR1  l  II   V*ÜBl  FRIEDEN  191 

Macht  man  aus  den  sechs  Relativsätzen  ohne  Anfang  und  Ende, 
welche  auf  den  innerhalb  dea  großen  Kuh-  befindlichen  sechs  kleineren 
Rädern*f  als  Inschriften  stehen,  folgende  selbständige  Sätze: 

l'ax  general  divitias, 

Divitiae  generant  superbiäm, 

Superbia  generat  guerram, 

Guerra  generat  paupertatem, 

Paupertas  generat  humilitatem, 

Bumilitas  generat  pacern  — 
so  haben  wir  hier  die  lateinische  Fassung  eines  Spruches,    den  ich  in 
deutscher,  französischer  und  englischer  Sprache   nachweisen  kann. 

Nach  einer  Mittheilung  Massmanns  in  Mones  Anzeiger  1833,  S.  261 
tindet  sich  bei  Geiler  von   Kaisersbeig-  .Massinann  sagt  leider  nicht 

in  welcher  Schrift  desselben  —  der  Spruch: 

Fried  macht  Reichthum, 

Reichthum  macht   l  berrnuth, 

Übermuth  bringt  Krieg, 

Krieg  bringt  Armuth, 

Aruiuth  bringt  Deinuth, 

Demuth  macht  wieder  Frieden. 
Und  ebenso  —  nur  in  der  Anwendung  der  Wörter  bringt  und  macht 
abweichend   und   mit  Auslassung  des   wieder    in    der  letzten   Zeile   — 
in  Christoph   Lehmans  Fiorilegium  politicum  S.  215**): 

Frid  bringt  Reichtumb, 

Reichthuinb   macht   Vberinuth, 

Vbermuth  bringt  Krieg, 

Krieg    macht  Armut h, 

Armuth  macht  Demuth, 

Demuth  machl   Fried  ' 


*)  Coustat   —  sagt  der   Edelmann   —    utique  Linus    modi    rotam  ad  modum  cir 
euli    rutuiidaiu    et    in   sua  re-tui  alifl   B6U   angul  tam.    et  prout  iu   cii- 

culo   iuxta  Euclidis   definil  tundo  non  ponitur  finia  ueque  pnncipiam,    aed  ex- 

tiL-mitates,  sie  nee  iu  hac  ruta  initium  ueque  terminum  oeque  termini  onem  distribuauius. 

**)  Der  Titel  dieser  Sammlung   lautet   vollständig:  Fiorilegium   politicum.  Poli- 
er Blumengarten.    Darinn  Jententz,   Lehren,  Regoln,  v i*>l 
Sprichwörter  auß  Theologie,  Jurisi                  Politicis,   ll  Philosophie,   PoBteo 
rnd  eygener  erfahrnng    ratei   286  Tituln  zu  sonderm  outsen  vnd  lust   II 
d.-!n    im  reden,    raten  vnd  schreiben,  da«  gut  snbrauchen  vnd  das  böß  sumeiden,    in 

locos    cuintnunes    zu-  D       Durcl  I  U        '.unkt     im 

neiisLi  autoris   Ann..    1630.   8°. 

Aui    Li  hu  i  ..  W  andi  i  Lexikon  I  r.  48 

auifc'HUouameu. 


192  K.  KÖHLER 

Folgende  Variante  gibt  Mone  in  seinem  Anzeiger  1835,  S.  207 
ohne  Quellennachweis: 

Gut  macht  miit, 

miit  macht  hoffart, 

hoffart  macht  nijd, 

nijd  macht  strijt, 

strijd  macht  armut, 

armut  macht  fryd. 
Der  französische  Dichter  Clement  Marot   schreibt   im  J.   1521   au 
Margarete,    die    Schwester    Franz    I,    damals    Herzogin    von  Alencon, 
nachmals  Königin  von  Navarra  —  es  ist  die  vierte  der  Epitres  in  Marots 
Werken  — : 

Ainsi,  bien  heuree  Princesse,  esperons  nous  la  non  assez  soadaine 
venue  de  Paix  qui  toutes  fois  peut  finablement  revenir  en  despit  de 
Guerre  cruelle,  comme  tesmoigue  Minfant  en  sa  Comedie  de  fatalle 
destinee,  disant: 

Paix  engendre  Prosperite^ 

De  Prosperite  vient  Richesse : 

De  Richesse  Orgueil,  Volupt^: 

D'Orgueil  Contention  sans  cesse : 

Contention  la  Guerre  addresse: 

La  Guerre  engendre  Pouretr  : 

La  Pourete  Humilite: 

D'  Humilite  revient  la  Paix: 

Ainsi  retournent  kumains  faits. 
Voila  comment  (au  pis  aller,  dont  Dieu  nous  gard)  peut  revenir  celle 
precieuse  Dame,  souvent  appellee  par  la  nation  Franchise,  dedans  les 
Temples  divins,  chantans:  Seigneur,  donne  nous  Paix. 

Der  Verfasser    der   von  Marot  genannten    Komödie,    die,  wie   es 

scheint,  nie  gedruckt  worden  ist,  war  wohl  David  Minfant,  von  dem 

eine  französische  Übersetzung  der  Officia  Ciceros  1502  erschienen  ist*). 

Wie   bei  Marot   und   vielleicht    aus    ihm    entlehnt   findet  sich  der 

Spruch   cPaix    engendre    Prosperite'   u.  s.  w.   unter    den    französischen 


*i  Man  sehe  De  La  Monnoyes  Bemerkung  in  Rigol ey  de  Juvignys  Ausgabe  der 
Bibliotheques  francoises  de  La  Croix  du  Maine  et  de  Du  Verdier,  T.  I,  Paris  1772, 
S.  425  f.  Wenn  La  Monnoye  sagt,  der  Titel  Fatale  Destinee  sei  'emprunte  de  ce  pas- 
sage  du  fameux  Doctenr  Suisse  Felix  Heinmerlin,  en  Latin  Malleolus,  feuillet  77  de 
son  Traite  de  Nobilitate,  en  ces  termes:  Rota  fatalis  comprehendit  sex  rotas,  qnarum 
prima  paupertas  est  quae  genciat  humilitatem:  secunda  bumilitas  quae  generat  pacem: 
tertia  pax  qnae  general   divitias:  qnarta  divitiae  quae  generant  superbiam:    quinta  su- 


DAS  SCHICKSALSRAD   UND  DER  SPRUl  I!  \  <»M   FRtEDEN.  193 

Sprichwörtern  in  dem  Florilegium  ethico-politicum  des  Janas  Gruterus, 
Francofurti  1  GH),  S.  231  .  nur  dali  hier  steht  corgueil  ei  yolupte*  und 
l^s  humains'.  Aus  Gruterus  hat  Le  Roux  de  Lincy  den  Spruch  in 
sein  Livre  des  Proverbes  francais,  2.  Edition,  Paris  1859,  II,  866,  auf- 
genommen. 

In  sinniger  Weise  haben  die  Franzosen  den  Spruch  auch  bild- 
lich dargestellt.  Ich  kenne  diese  bildliche  Darstellung  jedoch  nur  aus 
der  kurzen  Beschreibung  in  des  Quirinus  Pegeus  (d.  i.  Georg  Philipp 
Harsdörffer)  Ars  apophthegmatica,  Das  ist:  Kunstquellen  Denckwürd 
Lehrsprüche  und  Ergötzlicher  Hofreden,  Nürnberg  1655,  2.  Theil, 
S.  179,  §.  3868: 

Fried  :  Krie 
Die  Frantzosen  haben  1651  ein  solches  Gemahl  machen  lassen: 
Der  Fried  hatte  bey  der  Hand  den  Reichthum,  der  Reichthum  den 
Stoltz,  der  Stoltz  den  Krieg,  der  Krieg  die  Armut,  und  solche  die 
Demut.  In  diesem  Reyendantz  pfiffe  das  Glück  auf  einer  Sackpfeiffen *). 
Am  Ende  einer  englischen  Handschrift  --  einer  Pergamentrolle 
aus  der  Zeit  Heinrichs  V.  (1413  22)  —  stehen  (s.  Notes  and  Queries, 
4.  Series,   III,   103)  die  Zeilen: 

Pes  niaketh  plente, 
Plente  makyth  prvde, 
Pryde  maketh  plee, 
Plee  maketh   pouerte, 
Pouerte  maketh  pees. 
Auf  das  Vorsetzblatt  eines  englischen  Buches  bal  der  Besitzer  im 
J.   1744  —  s.  Notes  and  Queries,  4.  Series,   VIII,  514         diese  Reime 
geschrieben : 

War  begets  Poverty,  —   Poverty   Peace; 
Peace  bringeth   Rieh  ue'er  düth  cease; 

Riches  gender  Pride,     -  Pride  is  War's  ground; 
War  begets  Poverty,       and  so  the  World  goes  round. 


perbia  quai    general   guerram:    sexta  guerra  quae  generat  paupertatem ,  litur 

;"1  primara  rotam  ei  seqnentes  ,    so    ist 

Dialogus  stehen.   La  Monnoye  hatte  m<'Ii  wahrscheinlich  bei  gelegentlicher  Durchsicht 
Dialogua  de  Nobilitate   Notizen  daraus  gemacht    und    so    mit    obigen    lateinischen 
Worten    die  Abbildung   dei    Rota  fatal  ia  aul  fol.  77  ~.>li  notiert;  -  j .  i  i  i  •  -  •   nahm  ei   dann 
ichte  Notiz  für  eine  wörtli 
*)  Nach  Pegeus,    der  als  Quelle    genannt    ist,    auch    bei  Joh,   PrKI 
adium.    Das  ist,  Ein  Ausbund  von   Wündachel  Ruthen,  L 
QEBH  \N1A    .s.  u   Beihi     \  U    [XU  I  Juhrg.  1  ", 


194     R-  KÖHLER,  DAS  SCHICKSALSRAD  UND  DER  SPRUCH  VOM  FRIEDEN. 

Zum  Schluß  noch  zwei  deutsche  Varianten  unseres  Spruches,  in 
denen  freilich  gerade  der  Friede  fehlt.  Die  eine  hat  Massmann  an  der 
oben  angeführten  Stelle  in  Mones  Anzeiger  ebenfalls  —  wie  es  scheint 
—  aus  Geiler  von  Kaisersberg  mitgetheilt : 

Gut*)  macht  Muth, 

Muth  macht  Übermuth, 

Übermuth  Hochmuth, 

Der  macht  Krieg  und  Blut, 

Krieg  macht  Armut, 

Armut  bringt  Demuth. 
Die  andere  gibt  M.  Toppen,  Volksthümliche  Dichtungen,  zumeist 
aus  Handschriften  des  15.,  16.  und  17.  Jahrhunderts  gesammelt,  Kö- 
nigsberg 1873,  S.  103**),  aus  einer  von  einem  Danziger  Michael  Hancke 
ums  Jahr  1629  angelegten  handschriftlichen  Sammlung  von  allerlei 
Gedichten  und  Sprüchen : 

Armut  macht  Demut, 

Demut  macht  Forderunge, 

Forderunge  macht  Reichtumb, 

Reichtumb  macht  Übermut, 

Übermut  macht  Krieg, 

Krieg  macht  Armut. 
An  diesen  Spruch  schließt  sich  in  der  Handschrift  ein  auch  von 
Toppen  abgedrucktes  Gedicht  in  12  vierzeiligen  Strophen  an.  Es  ist 
ein  Gespräch  zwischen  einem  Sohn  und  einem  Vater,  der  Sohn  und 
der  Vater  sprechen  abwechselnd  je  eine  Strophe,  und  vor  je  zwei  Stro- 
phen stehen  der  Reihe  nach  die  einzelnen  Zeilen  des  obigen  Spruches 
als  Überschriften  der  beiden  folgenden  Strophen***). 

WEIMAR,  März  1874.  REINHOLD  KÖHLER. 


*)  Hut  im  Anzeiger  ist  wohl  nur  Druckfehler. 

**)  Ich  habe  dieli  Buch  in  den  Göttingisehen  gelehrten  Anzeigen  1873,  Stück  32, 
ausführlich  besprochen. 

***)  Als  Probe  mögen  hier  die  Strophen  stehen,  welchen  die  2.  und  3.  Zeile  des 
Spruches  vorgesetzt  sind. 

Demut  macht  forderunge. 
Nach   deiner  lehre  halte  ich  woll, 

Noch  weiß  ich  nicht,  was  ich  thun  soll, 
Das  ich  muchte  werden  reich, 

Sage  mir,  wo  ich  daßelbige  erschleich. 

R    Halt  traw  und  glauben,   das  ist  mein  rat, 

Und  was  du  redest,  halt  mit  der  that. 


K.  BARTSCH,  BRUCHST1  <  KE  VON   HERZOG   ERNST    \  igp 


BRÜCHSTÜCKE  VON  HERZOG  ERNST  A. 


Die  nachfolgenden  Bruchstück.'  verdanke  ich  der  gefälligen  Mit- 
theilung des  Herrn  Dr.  Richard  Wülcker  in  Leipzig,  der  sie  von  Herrn 
Dr.  Könnecke  in  Marburg  erhielt.  Es  sind  zwei  Pergaraentstreifen  eine)' 
Handschrift  des  ausgehenden  12.  Jahrhs.,  von  je  5%  Centim.  Höhe  und 
9  Ceutim.  Breite,  beide  den  oberen  Theil  eines  Blattes  enthaltend-  von 
dem  zweiten  ist  dieü  jedoch  nicht  völlig  sicher.  Beide  Blätter  liefern 
11  Zeilen  auf  jeder  Seite,  die  Verse  nicht  abgesetzt,  auf  dem  ersten 
Blatte  ist  die  letzte  Zeile  zum  größeren  Theile  weggeschnitten,  so  daß 
fast  nur  die  Spitzen  der  Buchstaben  sichtbar  sind.  Die  vollständige  Seite 
wird  etwa  22  Zeilen  gezählt  haben,  das  Format  war  also  ganz  ähnlich 
dem  der  Prager  von  Hoffmann  und  von  Pfeiffer  veröffentlichten  Bruch- 
stücke. Daß  die  neugefundenen  Fragmente  aber  mit  den  früheren  nicht 
zu  derselben  Hs.  gehören,  sondern  daß  hier  eine  zweite  Handschrift 
vorliegt,  ergeben  die  orthographischen  Verschiedenheiten  In  den  hier 
veröffentlichten  begegnet  kein  g  für  mhd.  c  und  ch,  kein  sc  für  seh, 
kein  t  für  z  u.  s.  w.  (meine  Ausgabe.  S.  V). 

Was  den  Inhalt  betrifft,  so  gehört  das  erst.'  Blatl  dem  Abenteuer 
mit  den  Schnäbelleuten  an  und  entsprechen  die  erhaltenen  Verse  der 
vorderen  Seite  etwa  den  Versen  3779—3790,  die  der  Rückseite  den 
V.  3803 — 381G  der  Bearbeitung  B.  Das  zweite  Blatl  ist  aus  dem  Aben- 
teuer am  Magnetberg;  den  erhaltenen  Versen  entsprechen  B  4200  bis 
4210  und  4220-4234. 

Ich  gebe  einen  buchstäblich  getreuen  Abdruck,  nur  in  abgesetzten 
Zeilen  und  mit  Interpunction ;  Ergänzungen  von  weggeschnittenem  oder 
unleserlichem  sind   cursiv   gedruckt. 

HEIDELBERG,  2.  Januar   1874  K.  BARTSCH. 


\\  enn  du  also  glaubwirdig  l>i>t. 

8o  wirstu  reich  in  kurzer  frist. 

Y  order  u  a  g  na  ac  li t  rei  c  li  tu  m  u. 
Vater  nun  bin  ich  reich  Bcbon, 

Was  mir  gefeit,  mag  i'-li  wol  thun. 
[ch  habe  gutes  genug,  uun  sage  hr, 

Wo  überkomme  ich  gewalt  und  ohr? 
R,  A  ■  ) i  lieber  söhn,  nach  gewall  nicht  Iracbta, 

Wann  ehr  und  gewall  wol  hoffart  macht, 
[ch  warne  dich,  thuatu  da  . 

Dir  Wechsel  d  i  leid  und  haß 


13 


196 


PERD.  VETTER 


(P)  hoffcter   do 

den  er  soltc  besten. 

do  mbeit  er  niwet  me, 

den  uanen  nam  er  selbe. 
5  do  iceseder  die  snellen 

an  die  grippinische«  man. 

die  quamen  in  mit  nide  an 

mit  maniger  schare  mehtic. 

do  wart  ein  stürm  creftie 
10  an  deme  uelde  irhaben. 

des  nam  maniger  den  schaden, 

der  sin  nie  ingnoz. 

daz  here  daz  was  fil  groz 

der  grippinischen  herren. 
15  des  guan  der  herzöge  manigen  serm 
s  sieh  gescAciden. 

alumbe  sie 

(lb)  uil  harte. 

wie  wol  sie  bewarten, 
20  daz  ir  dicheiner  were  da 

der  in  quam  so  na, 

den  endenden  rechen, 

daz  sie  in  mit  den  ecken 

mohten  irlangera. 
25  mit  zorne  beuangen 

was  der  herzöge  here. 

sin  müt  quäl  ime  sere ; 

zu  den  libe  was  ime  unwerde 

daz  sie  ime  an  der  erden 
30  wolden  strides  nit  gestaden, 

daz  er  sis  mohte  gesaden 

oder  ir  dicheiuen  irreichen. 

do  hub  er  uf  daz  «eichen : 

der  herre  mit  d 


35  (2")  zuiuel 

alle  mit  einem  müde, 

in  hetde  got  der  güde 

den  geda?'C  gesaut  in  sinen  müt; 

iz  duhte  sie  allesauient  gut, 
40  sie  wolden  ime  gerne  uolgen. 

do  gieugen  die  godes  holden 

after  den  kielen. 

sie  wnden  harte  schire 

groze  merrinder  hüde  uil. 
45  zuare  ich  uch  daz  sagen  wil, 

des  wrden  die  helide  uil  uro. 

zu  ir  schiffe  trugen  sie  sie  do 

un  schliffen  sie  na  ir  willen. 

do  namen  die  snellen 
50  eine  michele  hüt. 

da  snieden  sie  die  riemen  uz. 


(2b)  «in 

der  sich  besuwet  in  der  hüt. 

do  sprac  der  greue  uteri üt 
55    daz  sal  der  herzöge  unde  ich. 

besuwet  in  un  mich 

in  disen  huden  beiden. 

ich  inwil  mich  nTiner  gescheiden 

fan  ime  lebendic  noch  dot. 
60  ich  wil  angist  un  not 

samet  ime  liden. 

kumet  er  uz  mit  deme  libe, 

so  weiz  ich  wie  iz  uns  irgat. 

eintweder  unser  wirdet  rat 

oder  wir  uerliesen  sament  unser  leben  , 
05  sprach  der  durliche  degen. 

ich  sagen  uch  w*rliche, 

un 


FHEYR  UND  BALDR, 

UND  DIE  DEUTSCHEN  SAGEN  VOM  VERSCHWINDENDEN 
UND  WIEDERKEHRENDEN  GOTT. 


Fast  alle  Mythologieen  kennen  einen  oder  mehrere  verschwindende 
und  wiederkehrende  Götter,  d.  h.  Personificationen  der  Sonne,  des 
Sommers  und  seiner  Segnungen.  Die  Sagen  von  Osiris,  Adonis ,  Per- 
sephone,  Dionysos,  Helena,  Odysseus.  Kastor   und  Pollux  sind  längst 


FREYR  UND  BÄLDE  p.iT 

erkannt  als  Fragmente  und  Variationen  des  großen  Jahresmyt  hus, 
der  das  Kommen  und  Schwinden  des  Sommers  und  seiner  Gaben  zum 
Gegenstand   hat*). 

Bisweilen  hal  sieh  dieser  sterbende  und  wiedererwachende,  ge- 
raubte und  zurückkehrende  Gott  auch  in  zwei  Personen  geschieden. 
Polydeukes  (devy.og  =  ylvxv  :  suavissimus),  der  unsterbliche,  ist  nur 
ein  Doppelgänger  des  sterbliehen  und  gestorbenen  Bruders  Kastor; 
Persephone,  die  geraubte  und  wiederkehrende,  ist  mit  Dionysos,  dem 
Fernherkommenden  oder  Zerrissenen  und  Wiederbelebten,  in  einigen 
Culten  verschwistert,  in  andern  vermählt. 

Tacitus  findet  seinen  Kastor  und  Pollux  wieder  in  dem  göttlichen 
Brüderpaar  der  Nahanarvalen,  den  Alces,  unter  denen  also  wohl  auch 
ein  schwindender  und  wiederkehrender  Gott  zu  verstehen  ist.  Alces, 
goth.  alkeis.  sind  nach  Zacher  die  Leuchtenden,  Glänzenden:  auch 
die  Dioskuren  wurden  als  Gestirne  gedacht;  nea  vis  numiniu'  (sc.  qusa 
Castori  Pollucique),  sagt  Tacitus:  ihr  Mythus  muß  also  auch  von  Tod 
und  Wiederbelebung  'oder  Ersetzung  durch  den  Bruder)  erzählt  haben. 

Die  nordische  Mythologie  kennt  zwei  verschwindende  und  wieder- 
kehrende Licht-  und  Sommergötter  mit  oder  ohne  Bruder:  Baldr  und 
Freyr.  Wir  wiederholen  kurz  ihre  Sagen  zum  Zweck  der  Gegenüber- 
stellung und   als   Grundlage  für  alles  Folgende. 

Baldr,  der  Gott  des  Lichtes  und  der  Sommerwonne,  fällt  von 
der  Hand  Höttrs,  des  Gottes  der  Finsterniss,  der  blinden,  d  h.  dunkeln 
Winteröde,  durch  den  dämonischen,  weder  der  Ober-  noch  der  I  uter- 
weit angehörenden  Mistelzweig,  nachdem  das  Geheimniss  seiner  Ver 
wundharkeit  seiner  Mutter  abgelistet  worden.  Sein  Leichenschiff  wird 
von  Hyrrokin,  dem  „feuerberauchten"  Sonnenbrand  (Unland)  vollens 
ins  Meei  n.  daß   Feuer  aus  den   Walzen  fährt  und  alle   Lande 

erbeben:  verheerende  Naturgewalten  bringen  den  auf  Beiner  Höhe  Doch 
is  verweilenden  Lichtgott  zur  entscheidenden  Wende,   Nanna,  Nep'a 
Tochter,    zerspringt   vor  Jammer,  der  Zwerg  Litr  wird  ins   Feuer 

•n:  Nanna,  die  Blüthe    das  Soramerblut,   die  Tochter  der  Knospe 
(hneppr,  Nep    und   Litr,  die   Färb  „der    reiche  frische  Seh:. 

des  Frühsommers"  (Uhland,  Simrock),  müssen  mit  hinab,  wenn  der 
Lichtgott,  wenn  der  liebe  Sommer  Btirbt. 

Aber  er   kehrt   wieder:    nicht  zwar  ii  r  Gestall   —   das 

hindert  Thöck,  das  Dunkel,  die  Lichtfeindin  —  sondern  unter  anderem 
Namen;  die  eine  Person  isl   in  zwei    zerspalten:  er   heissl  als  Wieder- 

*)  Auch  dor  getiache  Salmolti     gehHrl  in  diese  1  Germania   IS,  214 


198  FERD.  VETTER 

geborner  Vali  und  ist  eigens  von  Odin  zum  Rächer  erzeugt,  mit  Rindr, 
der  winterlichen,  hartgefrornen  Erde;  ganz  unmündig,  nur  eine  Nacht 
alt,  rächt  er  den  Bruder  —  hier  nicht  Zwilling  --  durch  Tödtung 
Hödrs,  des  Winterdunkels*). 

Freyr's,  des  Fruchtbarkeitsgottes,  Todesmythus  ist  uns  erst  in 
der  anthropomorphisierten  Gestalt  erhalten.  Er  wird  —  als  historischer 
König  von  Schweden  —  in  seinem  Alter  krank.  „Und  als  die  Krank- 
heit überhand  nahm,  giengen  seine  Mannen  zu  Rath  und  ließen  wenige 
zu  ihm  kommen;  sie  errichteten  aber  einen  großen  Grabhügel  und 
machten  eine  Thür  davor  und  drei  Fenster.  Als  er  aber  gestorben  war, 
trugen  sie  ihn  heimlich  in  den  Hügel  und  sagten  den  Schweden,  daß 
er  lebe,  und  bewachten  ihn  drei  Winter  hindurch.  Alle  seine  Schätze 
aber  brachten  sie  in  den  Hügel:  durch  das  eine  Fenster  das  Gold, 
durch  das  andere  das  Silber,  durch  das  dritte  das  Kupfergeld.  Es  blieb 
gute  Zeit  und  Friede"**). 

Nach  Andern  fällt  er  (unter  dem  Namen  Frotho)  durch  den  Stoß 
einer  in  Rindsgestalt  verwandelten  Zauberin,  wird  dann  noch  drei 
Jahre  lang  unbegraben  gelassen  und  als  lebend  durchs  Land  geführt***). 
Das  deutet  aber,  wie  das  Fortleben  im  Hügel,  nur  auf  eine  Entrückung 
zu  spätererWiedergeburt.  Solche  Umzüge  zu  Wagen  (mit  einer  jungen 
Priesterin)  fanden  früher  zu  Ehren  Freyr's  statt  (Grimm  Myth.  194 
und  Simrock,  Myth.  310);  man  feierte  damit  den  im  Herbst  gestorbenen 
und  mit  seinen  Schätzen  begrabenen,  und  jetzt  im  Frühling  wieder 
belebten  Fruchtbarkeitsgott  (die  halbmenschliche  Sage  lässt  es  freilich, 
wie  beim  König  Ninus  in  Ninivef),  nur  ein  Scheinleben  sein),  der  im 


*)  Auch  in  der  vollständig  anthropomorphisierten  Gestalt  der  Sage  bei  Saxo, 
(ed.  Stephanius  39  ff.),  wo,  in  einer  für  den  Übergang  der  Göttersage  in  die  Helden- 
sage sehr  lehrreichen  Weise,  Balderus  und  Hotherus  als  Heerführer  sich  bekämpfen 
und  der  erschlagene  Balderus  durch  einen  von  Othinüs  zu  diesem  tfehufe  mit  der 
Finnin  Einda  erzeugten  Stiefbruder  (hier  heißt  er  Bous,  an.  Büi,  der  Bauer,  der  Gott 
der  wieder  baulich  gewordenen  Erde)  gerochen  wird  —  ist  der  Ursprung  aus  dem 
Jahresmythus  nicht  zu  verkennen. 

**)  Ynglinga  Saga  c.  12.  Die  ältere  Edda  weiß,  trotz  früherer  Entstehung, 
davon  nichts,  weil  sie,  den  Jahresmythus  bereits  zum  Weltmythus  erweiternd,  Frey's 
Tod  erst  mit  dem  Weltuntergang  eintreten  lässt,  wie  ja  überhaupt  die  ursprünglichen 
Jahr esgottheiten  später  auch  das  Abbild  des  Weltenwechsels  werden  und  ihr  Tod 
ins  allgemeine  Ragnarök  hinausgeschoben  erscheint.  Ursprünglich  starb  Freyr  wie 
Baldr  schon  vorher,  und  ganz  ursprünglich  jedes  Jahr  aufs  Neue. 
***)  Saxo  (Stephanius)  96. 

f)  Sollte  dieß  nicht  auch  eine  indogermanische  Sage,  und  Samurat  (Semiramis) 
die  Sommer-  ''früher  Tages-  [r)u(nc(\)  göttin  sein? 


FREYB  IN!»  BALDR.  190 

Geleite  einer  Gattin  wiederkehrt,  d.  h.  der  schönen  Jahreszeit,  welche 
durch  die  Priesterin  auf  dem  Wagen  vertreten  wird.  Die  Werbung 
um  diese  Gattin,  also  ein  Stück  aus  der  Sage  vom  wiederkehren- 
den Freyr.  erzählt  uns  in  der  ältesten  Gestalt  Skirnisför  (vgl.  dazu 
die  Sage  von  Frotho  und  Hanuiula,  der  Hunnentochter,  bei  Saxo 
p.  68  ff.).  Der  Gott  der  Frühlingsfruchtbarkeil  schickt  seinen  Diener 
Skirnir  (Aufheiterer,  als  Bote  des  Lenzes)  mit  dem  unaufhaltsam  vor- 
dringenden Sonnenstrahl  („mein  Schwert,  das  von  selbst  sich  schwingt") 
auf  Werbung  aus  zu  der  von  flackernder  Flamme  (des  Holzstosses) 
und  hohem  Zaun  (dem  Heigitter)  eingeschlossenen,  d.  h.  als  todt  in 
der  Unterwelt  weilenden  Göttin  der  schönen  Jahreszeit,  Gerdr:  nach- 
dem sie  allerlei  Sommergeschenke  abgewiesen,  und  dann  noch  ihr 
Bruder  Beli  (der  „Brüller",  der  Sturm  des  Frühlings- Aquinoctiums)  von 
Freyr  erschlagen  worden  —  in  Ermanglung  seines  Schwertes  mit 
einem  Hirschhorn  --  vermählt  sie  sich  endlich  dem'' Frühlingsgott  im 
grünen  Haine. 

Die  beiden  Götter  also  verjüngen  sich  im  Frühling  - 
der  eine  in  Gestalt  eines  Bruders,  welcher  der  Sohn  der  Winter- 
erde ist  (vgl.  die  Dioskuren),  der  andere  jugendlich  wiedergeboren  und 
verbunden  mit  einer  Gemahlin,  welche  im  Todesschlaf  des  Winters 
lag  (vgl.  Dionysos  und  Persephone);  und  beide  sterben  im  Hoch- 
sommer und  werden  mit  ihren  Gaben  und  Schätzen  be- 
stattet. Daß  dieß  das  eine  Mal  auf  brennendem  Schiff  und  das 
andere  Mal  im  Hügel  geschieht,  ist  bloß  zeitlich  veränderte  Aus- 
drucksweise: dem  „Brennalter"  folgte  das  „Hügelalter"*)  und  die 
spätere  Dichtung  wählte  die  damals  gebräuchliche  Bestattungsart. 

Einen  von  diesen  beiden  Göttern  nebst  seiner  Wiedergeburt  muß 
Tacitus  meinen  mit  seinen  sich  wie  Kastor  und  Pollux  ergänzenden 
Brüdern.  Simrock  entscheidet  sich  für  Baldr-Vali.  Wir  wollen  uns  zu- 
nächst noch  nach  weitern  Spuren  Frey's  in  der  Sage  umsehen. 

Es  ist  schon  auffallend  genug,  daß  zwei  in  Mythus  und  Bedeutung 
so  nahe  verwandte  Göttergestalten  in  der  nordischen  Mythologie  neben 
einander  bestehen  können;  es  erklärt  sich  das  nur  aus  der  spätem 
Aufnahme  des  einen  Gottes  von  einem  fremden  Stamme  her,  welche 
in   der  Edda  als  Krieg  und  Vertrag   mit    den  Wanen    mythisch  einge- 


*)  Im  Beövulf  z.  B.  wird  Sceäf-Scyld  auf  dem  Schiffe,  der  spätere  Beövulf  im 
Hii gel  bestattet.  —  Ursprünglich  wird  Freyr  so  gut  wie  Baldr  auf  dem  Schiffe  ver- 
brannt und  den  Wogen  übergeben  worden  sein,  wozu  der  Besitz  Skidbhidnirs,  des 
trefflichsten  aller  Schiffe,  und  seine  Heimat  Noatün  —  Schiffhausen  —   stimmt. 


200  FERD.  VETTER 

kleidet  erscheint.  Die  ursprüngliche  Heimat  der  Wanen  und  ihres 
Cultes,  also  auch  des  Freysmythus,  suchte  man  bisher,  —  gestützt 
insbesondere  auf  den  Yngvi-Freyr,  Ingunar  Freyr  und  Freä  üngvina 
als  Eponymos  der  Ingaevonen,  sowie  auf  die  Nerthus  des  Tacitus,  die 
man  mit  Frey's  eddischem  Vater  Niörd  zusammenstellte,  --  bei  den 
ingsevonischen.  speciell  den  östlichen  suevischen  Stämmen;  neuestens 
findet  sie  K.  Meyer  (Germ.  XVII.  107  ff.  bei  den  Aestiem  d.  h.  dem 
nach  seiner  Ansicht  nichtdeutschen  Küstenvolke  der  Preußen,  und  er- 
klärt damit  die  Wanen  und  ihre  Verehrung  als  nicht  nur  ursprünglich 
unnordisch,  sondern  auch  ungermanisch 

Lassen  wir  das  einstweilen  auf  sich  beruhen:  so  viel  ist  sicher, 
daß  der  zweite  unserer  Götter  in  die  eddische  Mythologie  von  außen 
importiert  und  dem  ersten  coordiniert  ist.  Wir  könuen  aber  ferner 
bemerken,  daß  er,  der  gestorbene  und  wiederkehrende  Sommergott, 
auch  in  der  Heldensago,  dem  Niederschlag  der  Göttersage,  erscheint, 
und  zwar  —  entgegen  jener  Ansicht  —  nicht  bloß  in  der  dänischen, 
schwedischen  und  isländischen,  sondern  auch  in  der  deutschen,  wo 
dann  bisweilen  die  beiden  so  ähnlichen  Gestalten  förmlich  zusammen- 
fließen. Die  dänischen  und  schwedischen  Friedenskönige  der  Jüngern 
Edda  (Skälda  43),  der  Ynglinga  Saga  (12)  und  Saxo's  (Steph.  20.  66. 
85.  <.L).  95.  96)    sind    bereits    genannt   als  Vermenschlichungen    Frey's 

Bei  Saxo  kommt  und  stirbt  Frotho  dreimal,  als  milder,  segnender 
Herrscher,  auch  als  Drachenkämpfer  (Steph.  S.  20),  und  fällt  das 
dritte  Mal  durch  jene  in  ein  Rind  verwandelte  Zauberin;  aber  das 
nun  folgende  dreijährige  Scheinleben  mit  den  Wagenumzügen  deutet 
auf  eine  abermalige  Wiedergeburt.  Der  gute  Frödi  der  Skälda.  unter 
welchem  Christus  geboren  wird,  allgemeiner  Gottesfriede  herrscht  und 
kein  Dieb  noch  Räuber  gefunden  wird,  fällt  in  Folge  seiner  Habsucht; 
die  Mahlmägde  Menja  und  Fenja,  denen  er  —  der  ursprüngliche 
Frühlingsgott  —  nur  Ruhe  gönnt  so  lange  der  Kukuk  schweigt,  mahlen 
ihm  ein  feindliches  Heer,  das  ihn  besiegt  und  tödtet;  —  und  hier 
würde  dann  der  Bestattungsmythus  der  Ynglinga  Saga  anschließen; 
es  bleibt  gute  Zeit  und  Friede;  der  König  ruht  mit  seinen  Schätzen 
im  Grabe,   —   um  abermals  wiederzukehren. 

Im  angelsächsischen  Epos  erscheint  der  vermenschlichte  Freyr 
ebenfalls  zu  verschiedenen  Malen  geminiert  und  wiedergeboren  Der 
Ahnherr  treibt  als  neugeborner  (nach  Beöv.  46  umbor  vesende:  un- 
geborner)  Knabe  auf  einem  steuerlosen  Schiffe  heran,  auf  einer  Garbe 
schlafend.  Sehätze  und  Waffen  mit.  sieh  führend,  und  gelangt  in  dem 
fremden  Lande  zu  einer  langen  glücklichen  und  segensreichen  Regierung. 


FREYR  I'mi  BAI  DE  201 

Der  Beövulf  nennt  ihn  Scyld,  Sohn  des  Sceaf  (Scefing);  aber  in  den 
Genealogieen  sind  die  Namen  der  Ahnen  und  Nachkommen  eines  Beiden 
meist  nur  Prädicate  desselben;  die  verwandten  Sagen,  und  die  Garbe 
(sceaf,  ahd.  skoup),  auf  der  er  kommt,  zeigen,  daß  Sc e&f  sein  richtiger 
Name  ist.  —  Die  Bestattung  dieses  Sceäf  geschiehl  auf  demselben 
Schiff  mit  dem  er  gekommen,  im  Begleil  aller  seiner  Schätze,  - 
rade  wie  bei  Frey,  außer  daß  bei  dem  Seevolk  die  alte  Schiffsbe 
stattnn^-  statt  der  Hügelbestattung  eingetreten  oder  vielmehr  geblieben 
ist.  Simrock  erklärl  ihn  daher  wohl  mit  Unrecht  als  Baldr-Vali;  er 
stimmt  viel  m  dir  zu  Freyr  und  seiner  Wiedergeburt.  Er  kommt  nicht 
als  furchtbar*  r  Rächer,  wie  Baldrs  Bruder  thun  müsste  und  Vali  in  der 
Edda  wirklich  thut,  sondern  als  mächtiger,  beglückender  König,  wie 
jener  vermenschlichte  Freyr;  er  kommt  zu  Schiffe,  und  als  Besitzer 
des  besten  aller  Schiffe,  war  Freyr  aus  Nöatün  berühmt;  er  kommt 
umbor,  und  „ungebornen  Freyshelden"  worden  wir  noch  weiter  be- 
gegnen;*)  er  kommt  und  geht  mit  Schätzen,  wie  auch  jener  Freyr 
seine  Schätze  mitnimmt;  er  kommt  auf  einer  Grarbe,  dem  naturgemäßen 
Symbol  eines  Fruchtbarkeitsgottes,  —  für  einen  Lichtgott  wie  ßaldr- 
Vali  ebenso  wenig  passend  wie  der  davon  hergenommene  Name  Sceaf. 
Bald  als  Ahn,  bald  als  Enkel  Sceäfs,  —  d.  h.  als  sein  Beiname  oder 
Prädicat,  nach  Übung  der  angels.  Stammtafeln  —  erscheint  Beav, 
der  „Bauliche",  ganz  passend  fi'xr  einen  vermenschlichten  Freyr**). 
Auf  Sceäf  folgt  (nach  dem  ags.  Fpos)  —  Beövulf,  eine  Gemination 
des  Sommergottes,  und  der  Mythus  wiederholt  sich;  sein  Nachfolger 
Hrödgär  wird  durch  das  üngethüm  Grendel  seiner  Macht  beraubt;  da 
kommt  übers  Meer  ein  zweiter  Beövulf,  der  Greäte,  besiegt  dasselbe 
und  herrscht  glücklich:  in  seinem  Alter  stirbt  er  durch  das  Blut  eines 
Drachen,  den  er  überwunden;  die  alte  Göttersage  beschreibt  einen 
beständigen  Kreislauf,    der  schon  in  den   Bich  wiederholenden  oder  in 


*)   Während   Vali,  mit   wel  n   Simrock  den  Sceaf  iden 

tificiert,  doch  nur   ..Kaum    geboren",   of  borinn  anenima,  heißt.         S.  816  wai    übrigens 

Simrock   fast  versucht,  Sceaf  als  Fi  aus  anderen  Gründen  als 
den  ansrigen,  .schon  Müllenhoff  II.  '/..  VII,    II-  gethan. 

■•■■    Wenn  bei  Saxo  der  entsprechende  an.   Na  I                    Für  dei    Baldra 

i   anftritt,  während  er  liier  den  wiedergebornen  Fn  I  net,  so  i-t  vielleicht 

dort  Bchon  eine  Vermischung  der  beiden  GHI  \\i>-  denn  auch 

bereit«    der  Name  Vali    mach    Müllenhoff  ein    Gott  ind  Wohls! 

und  Ali  „der  Nährende"    G  a  derWi 
Li  |   Frej  's  auf  diejenig      :                      ht. 


204  FERD.  VETTER 

hüllten  Wägen  angedeutet.  Doch  hat  auch  der  Norden  noch  Parallelen 
in  seinen  Freyshelden:  in  Haddings  Schenkel  werden  wir  einen  Ring, 
das  Symbol  der  Fruchtbarkeit,  liegen  sehen,  wodurch  sich  Hadding- 
Freyr  merkwürdig  mit  dem  griechischen  Fruchtbarkeitsgott,  mit  Dio- 
nysos berührt,  der,  von  der  sterbenden  Semele  unreif  geboren,  in  Zeus' 
Schenkel  eingenäht  und  von  diesem  aufs  Neue  zur  Welt  gebracht  wird 
(firjQogöacping).  —  Fehlen  uns  also  für  das  „Ungeborenu-sein  Siegfrieds 
beim  Gotte  selbst  die  Anhaltspunkte,  die  sich  aber  aus  dem  Wesen 
des  Fruchtbarkeitsgottes  und  den  übrigen  verwandten  Sagen  leicht  er- 
schließen lassen,  so  ist  dagegen  bekanntlich  der  Vermählungsmythus 
Siegfrieds  in  demjenigen  Frey's  zu  deutlich  vorgebildet,  um  in  seiner 
Abstammung  verkannt  zu  werden,  wie  schon  seine  Drachenkämpfe  in 
denjenigen  Frotho's  (Saxo  S.  20)  ihre  Parallele  finden.  Daß  dabei  in 
der  Nibelungensage  die  eine  Lenzgöttin  Gerdr  nach  den  zwei  Seiten 
ihres  Wesens,  der  stürmischen  und  der  anmuthigen,  in  Brynhild  und 
Gudrun  (Kriemhilt)  geminiert  erscheint,  kann  in  der  Mythensprache 
so  wenig  auffallen  als  jene  Dioskuren,  jener  Baldr  und  Vali,  jene  ver- 
schiedenen Frotho's  und  Beovulfe.  Ja  Freyr  selbst  war  ja  in  seinem 
Brautwerbungsmythus  in  Skirnir  geminiert;  wie  aus  Skirnisf.  16  hervor- 
geht, wo  Gerdr  den  Skirnir  ihres  Bruders  (Beli)  Mörder  nennt,  war 
es  ursprünglich  Freyr  selbst,  der  durch  Vafrlogi  ritt,  erst  später  sein 
Stellvertreter  Skirnir;  die  Nibelungensage  aber  verbindet  Beides,  in- 
dem Sigurd  das  erste  Mal  für  sich  selbst,  das  zweite  Mal  für  Gunnarn 
hindurchreitet.  (Simrock,  Edda,  471  u.  408).  Die  Waberlohe  um  Gymis- 
gard  und  Hindarfiall,  das  Weltmeer  um  Isenstein,  die  Dornhecke  im 
Märchen  stehen  seit  Grimm's  schöner  Abhandlung  über  das  Verbrennen 
der  Leichen  insgesammt  als  Symbole  der  Unterwelt  fest,  in  der  die 
riesische,  walkyrienhafte  oder  menschliche  Frühlingsgöttin  weilt,  um 
von  dem  Frühlings-  und  Fruchtbarkeitsgott,  der  nach  Besiegung  des 
winterlichen  Drachen,  und  Erwerbung  des  Hortes  und  des  Ringes 
seinen  Siegeslauf  antritt,  zum  Leben  erweckt,  und  mit  dem  Ringe,  dem 
Symbol  der  Fruchtbarkeit  ihm  angelobt  zu  werden.  —  Nehmen  wir 
also  auch  zunächst  mit  Meyer  den  ungermanischen  Ursprung  Frey's 
und  der  Wanen  als  sicher  an,  so  wird  doch  wenigstens  seine  Folgerung, 
daß  demnach  selbstverständlich  „aus  der  deutschen  Heldensage,  und 
speciell  aus  der  Nibelungensage,  Freyr  ausgeschlossen"  sei,  der  Ein- 
schränkung bedürfen.  Ist  dieser  Gott  von  den  Preußen  zu  den  Dänen, 
Schweden,  Norwegen  und  Isländern  gewandert,  so  kann  doch  wohl 
auch  die  Nibelungensage,  „mag  sie  nun  von  den  Burgunden,  oder 
was    sich    allein    wissenschaftlich    begründen   lässt,   von    den   Franken 


fkm  B  im»  BÄLDE.  205 

ausgegangen  sein"  Meyer),  auf  ihrer  Wanderung  nach  dem  Norden 
den  Brautwerbungsmythus  von  Freyr  geerbt  haben  und  dies«  nordische 
Gestalt  dann  wieder  abgeschwächt  oach  Deutschland  gekommen  sein, 
—  wie  umgekehrt,  lange  nach  der  Einbürgerung  der  Sage,  der  Norden 
in  der  Thidrekssaga  wieder  neue  deutsche  Züge,  Personen  u.  Ortlich- 
keiten  nach  den  Berichten  norddeutscher  Erzähler  aufgenommen  hat. 
Bei  einer  so  zusammengesetzten  und  wandernden  Sage  darf  man  ja 
überhaupt  von  einem  Ausgangsorte  nur  mit  Bezug  auf  einige  wenige 
historische  Krystallisationspunkte  sprechen,  an  die  sich  der  Mythus 
hängte  (wobei  denn  doch  Meyer  im  2.  Theil  der  Sage  die  drei  Könige 
und  ihren  Untergang  durch  Etzel  als  von  den  Burgunden  ausge- 
gangen wird  gelten  lassen  müssen).  War  einmal  für  den  ersten  Theil 
der  Nibelungensage  die  Entzweiung  der  fränkischen  Königsfamilien, 
die  Geschichte  Brunhildens  und  Fredegundens,  die  verrätherische  Er- 
mordung König  Sigisberts  auf  der  Jagd  als  Kern  gegeben,  'so  kennte 
drum  herum  leicht  von  der  einen  Seite  der  im  Volke  lebende  Mythus 
von  Baldrs  Tode,  von  der  andern  —  später  vielleicht  und,  wenn  Freyr 
nur  dort  lebte,  erst  im  Norden,  —  derjenige  von  Frey's  wunderbarer 
Ankunft  und  von  seiner  Brautwerbung  zu  einem  organischen  Krystall- 
Gebilde  zusammenschießen,  «las  in  seiner  Undurchsichtigkeit  den  Ur- 
sprung aus  verschiedenen  Elementen  nicht   verleugnet. 

In  den  bisherigen  Vermenschlichungen  der  Freyssage  trat  der 
kommende  Fruchtbarkeitsgott  als  einfache  Wiedergeburl  "der  Ge- 
mination eines  frühem  auf.  ähnlich  wie  sich  der  Himmelsgotl  Zeus 
zu  dem  Bimmelsgott  Uranos  verhält  (so  Kretin»  II.  111  zu  Frotho  I; 
Sceäf  und  die  Beövulfe  zu  ihren  jeweiligen  Vorgängern),  oder  aber 
er  erschien  in  Verbindung  mit  einer  Gattin,  d.  h.  mit  der  scheuen 
Jahreszeit,  wie  Dionysos  und  Persephone  so  Siegfried,  —  wie  Freyr 
selber  mit  der  Priesterin),  in  beiden  Fällen  bisweilen  mit  <h'V  Andeu- 
tung des  „Ungeborci  Nun  weiden  wir  aber  auch  den  schwin- 
denden und  den  kommenden  Gott  im  Bruderverhältniss  zu  einander 
antreffen,  wie  dort  bei  Kaster  und  Pollux,  welche  Tacitus  dann  wieder 
in  den  deutschen  Alces  erblickt. 

Saxo's  Freyr  hieß  oben    Frotho.    Frotho'fl  1.  Vater  isl   Badingus 
oder  Baddingue     diese  Schreibung  S.  93).  Er  wird  von  seiner  Gattin 
Regnilda  gerade  so  gewählt,    tvie  des  Gotl       I      j  r  Vater,  Niördr,  von 
Beiner  Skadi  (Bragaroect.  56  :  aur  die  Füsse  des  Bräutigams  sind  sieht 
bar  —   Regnhild    hat  den   ihrigen  durch  das  schon  erwähnte  Ein] 
eine.-  Ringes  in  die  Schenkelwunde  bei    der  Beilui 
S.  L6)     -  und  darnach  wählen  die  Frauen,  und  /.war  irrthumlich;  i 


206  FERD.  VETTER 

doch  mit  schlechtem  Erfolg.  Beider  Ehen  sind  unglücklich:  Hadding, 
wie  Nördr,  liebt  das  Meer,  Regnhild,  wie  Skadi,  die  Berge;  man  hat 
längst  bemerkt,  daß  ihre  dabei  gesungenen  Lieder  (Gylfag.  23  und 
Saxo  17.  18)  fast  wörtlich  stimmen.  Also:  Hadding  ist  Niördr,  oder, 
was  nach  der  Mythensprache  dasselbe  ist,  indem  Sohn  und  Vater  meist 
dieselbe  Gottheit  bezeichnen,  Freyr  selber;  wir  haben  ihn  geradezu 
als  ursprünglichen  Sommer-  und  Fruchtbarkeitsgott  aufzufassen,  wozu 
auch  der  (bei  Niördr  und  Freyr  vergessene)  Ring  im  Schenkel  stimmt. 
Aber  dieser  Hadding  kommt  noch  anderswo  vor,  und  zwar  immer  mit 
einem  Bruder.  Zwei  Haddinge  (tveir  Haddingjar)  nennt  das  Ge- 
schlechtsregister Ottars  im  Hyndluliod  (22)  als  Arngrims  Kinder,  duo 
Haddingi  auch  Saxo  (93)  als  Söhne  des  Arngrimus;  Haddingjar  herr- 
schen über  die  Landschaft  Haddingjadal ;  nach  der  Hervararsage  sind  sie 
Zwillinge*).  Hasdirigi  oder  Astingi  (vgl.  die  hochd.  Hartunge,  die  ags. 
Heardingas)  nannten  sich  in  historischer  Zeit  die  vandalischen  Könige, 
was  auf  die  Etymologie  geführt  hat:  goth.  Hazdiggos,  zu  an.  haddr, 
Haarlocke:  die  Gelockten.  Wenn  nun  die  Heldensage  zwei  Haddinge, 
zwei  „gelockte"  Helden  hat  (die  sich  dann  in  spätem  Sagen  zu 
einem  Heldengeschlechte  erweitern^  und  einer  derselben,  Frotho's  Vater, 
=  Niördr  oder  Freyr  ist,  so  kann  der  zweite  Bruder,  der  zweite  Hadding, 
kein  Anderer  sein,  als  der  wiederkehrende  Fruchtbarkeitsgott**),  der 
wiedergeborne  Freyr,  der  in  der  ags.  Heldensage  Sceäf  heißt. 
Ein  entschiedenes  Zeugniss  für  den  Brudermythus  von  Freyr. 

Diese  deutschen  Dioskuren,  Freyr   und  seine  Wiedergeburt,  oder 
die   beiden  Haddingischen  Zwillinge,    sind   es   nun   ohne  Zweifel,    die 


*)  Wenn  Haddingjaskadi,  wie  nach  Helg.  Hund.  II  (Schluß)  und  Fornaldarsög. 
2,8  die  Karalieder  den  zum  zweiten  Mal  wieder  geborn  en  Helgi  (der  auch  eines 
Sigmunds  Sohn  ist)  nennen,  wirklich  (nach  Simrock  Edda  177)  „Haddingja-Heldu, 
d.  h.  wohl  Hadding,  bedeuten  würde,  so  hätten  wir  ein  directes  Zeugniss  für  dessen 
Wiedergeburt;  dieser  zweite  Hadding  wäre  der  wiedergeborne  Hadding,  d.  h.  Freyr. 
Hoch  scheint  die  Übersetzung  „Haddingsschädiger"  d.  h.  =  Tödter,  vorzuziehen,  ob- 
gleich ich  nicht  weiß,  worauf  sie  sich  beziehen  soll.  (Auch  Helgi  Hiörvards  Sohn  heißt 
bei  Rask  Haddingsjaskathi,  vgl.  Kuhn's  Zeitscbv.   1,  8?.) 

**)  Saxo  berichtet  auch  wirklich  (p.  12)  eine  Wiederkehr  oder  Rückführung 
Haddings  d.  h.  Frey's,  wo  aber  die  Gemination  bei  der  Rückkehr  noch  nicht  einge- 
treten ist:  Er  ist  in  einer  Schlacht  geschlagen  —  es  ist  die  alljährliche  Schlacht  zwischen 
Sommer  und  Winter,  in  welcher  jener  fliehen  muß;  —  auf  der  Flucht  naht  ihm  ein  ein- 
äugiger Greis,  stärkt  ihn  durch  einen  süßen  Trunk,  entführt  ihn  in  seinem  Mantel  auf 
einem  Zauberpferde  über  das  Meer,  wie  der  Erstaunte  durch  die  Risse  des  Mantels 
gewahrt,  und  bringt  ihn  wieder  in  die  Heimat.  Andere  ähnliche  Rückführungssagen 
(Simrock,  Myth.  170  ff.)  fügen  noch  die  zu  Hause  harrende  Gattin  hinzu,  die  eben  im 
Begriff  ist,  sich  einem  Andern  zu  vermählen:  es  ist  die  Göttin  der  schönen  Jahreszeit, 


FREYR  UND  BALDR.  207 

Tacitus  unter  eleu  als  Alces  bekannten  jugendlichen  Brüdern  der  Naha- 
narvalen  versteht.  Sirarock  (295  f.)  deutet  diese,  nach  dem  Vorgange 
von  Grimm  und  Müllenhoff,  als  Baldr  und  Vali  (oder  Hödr,  Hermödr), 
muß  aber  dann  (317)  eingestehen,  daß  er  den  Hadding,  Frotho's  Vater, 
also  einen  unzweifelhaften  Wanen,  mit  diesen  beiden  Alces-Haddingen 
nicht  zu  verbinden  wisse.  Gewiß  ist  dieß  unmöglich,  wenn  diese  Alces- 
Haddinge  Baldr  und  seine  Wiedergeburt  sind;  aber  sie  sind  eben  Freyr 
und  der  wi  ede  rgeborne  Freyr;  der  Haddingus  (Niördr-Freyr) 
Saxo's  ist  mit  dem  einen  Hadding  der  Heldensage,  ist  mit  dem  einen 
der  Alces  identisch. 

Alkeis,   „die  Leuchtenden,  Glänzenden"  passt  eben  so  gut  auf  den 
Sonnen- ,    Sommer-    und    Fruchtbarkeitsgott    mit    seiner  Wiedergeburt, 
als  auf  den  Lichtgott;  es  kann  sich  zugleich  auch  auf  die  Augen  (vgl. 
Siegfried)  und  auf  das  lange  glänzende  Haar  der  Hazdiggös,  der  „Ge- 
lockten" beziehen,    zu  welchem    dann  wieder  ihre  Verehrung  muliebri 
ornatu,  d.  h.  wohl  vor  Allem  mit  weiblich  langem  Haarschmuck,  stimmt. 
Auch    einer   andern    Sommer-    und  Getreidegottheit,    der  Sif,   wird  ja 
langes  goldenes  Haar  zugeschrieben  (Sifjar  haddr);  es  wird  ihr  abge- 
schnitten und  wieder  ersetzt,  was  auf  den  Sommersegen  gedeutet  wird 
(Grimm,  Myth.  286).  Der  Hain,  in  dem  sie  verehrt  werden  (Germ.  43) 
kann  der  Hain  Barri  des  Freysmythus  sein,  wie  der  sacerdos  muliebri 
ornatu    zugleich   an    die  Vermählung    des  wiedergebornen    Gottes   und 
an  die  in  Schweden  mit  ihm  herumgeführte  Priesterin  erinnern  dürfte. 
Der   Mythus    dieser  Alces    der    Nahanarvalen    wäre    also,    nach 
Analogie  derjenigen  von  den   I laddingen,  mit  denen  sie  auch  Simrock 
identifiziert  und  deren  einer  unzweifelhaft  Freyr  ist7  etwa  aus  folgenden 
Zügen  zu  rekonstruieren:  Der  schöngelockte  junge  Fruchtbarkeitsgott 
stirbt,  vom  Wintergott  besiegt,  und  steigt  mit  den  Schätzen  der  schönen 
Jahreszeit  in  die  Unterwelt  hinab ;  aber  er  erscheint  im  Frühling  aber- 
mals auf  der  Oberwelt,    entweder  zu  Schiffe    oder  —  im  Biunenlaude 


die  des  aus  dem  Tode  wiederkehrenden  Befreiers  harrt.  Diese  Rückführung  des  ver- 
folgten in  den  Todesmantel  gehüllten  Gemahls  zu  der  vielumworbenen  Gattin,  nebst 
der  Landung  des  schlafenden,  schätzeumgebenen  Sceäf,  erinnern, wieder  lebliaft  an 
den  Ulixes  des  Tacitus,  der  ja  auch,  aus  dem  Haus  und  dem  Todtenreich  derKalypso; 
durch  Götterhände  über's  Meer  gerettet,  schlafend  mit  seinen  Schätzen  an  der  heimat- 
lichen Käste  ausgesetzt  wird  und  die  üppigen  winterlichen  Freier,  gerade  da  sie  den 
entscheidenden  Weitschuß  um  Penelope  versuchen,  im  Schießen  besiegt  and  tödtet 
—  die  in  Asciburgium  lebenden  Freys-Sagen  von  einem  solchen  Sceäf-  oder  Haddings- 
ähnlichen  Helden  konnten  Tacitns  recht  gul  an  Odysseus  gemahnen.  Vielleicht  darf 
man  sogar  hei  dem  Faßorakel  dei  Skadi  und  Kegnilda  an  die  Ki kennung  durch  Eury- 
kleia  heim  Faßwaschen  denken, 


208  FERD.  VETTER 

—  im  feierlichen  Aufzuge  zu  Wagen,  wiedergeboren  in  Gestalt  eines 
ihm  völlig  ähnlichen  Bruders,  der  den  Widersacher  überwindet  und 
dann  im  grünen  Haine  sich  mit  der  vom  Tode  auferweckten  Göttin 
der  schönen  Jahreszeit  verbindet.  Analogieen  genug  für  Tacitus'  Aus- 
spruch: ea  vis  numini.  Ein  Nebenumstand:  daß  die  Brüder  gemein- 
schaftlich bald  auf  der  Ober-,  bald  in  der  Unterwelt  leben,  findet  aller- 
dings keine  Parallele  —  wie  übrigens  auch  bei  Baldr  nicht:  Hermödr 
kommt  nur  als  Bote  für  eine  Nacht  in  die  Unterwelt  (Gylfag.  49),  und 
auf  der  Oberwelt  ist  gar  nicht  er  Baldrs  Pollux,  sondern  Vali,  der 
aber  auch  nicht  mit  ihm  lebt.  Es  scheint  dieses  Zusammenleben  auch 
in  der  klassischen  Mythologie  eine  minder  wichtige  und  für  die  Götter 
des  Jahreswechsels  wenig  passende  ethische  Zuthat;  das  Wesentliche 
war  jedenfalls  das  Bruderverhältniss  zweier  Jahresgottheiten,  die  zwi- 
schen Ober-  und  Unterwelt  sich  theilten;  —  und  das  traf  ein.  —  Und 
vielleicht  war  damals  das  Verhältniss  noch  demjenigen  in  dem  paral- 
lelen und  offenbar  gleichbedeutenden  Mythus  von  Frey's  Eltern,  dem 
sonnigen  Niördr  und  der  winterlichen  Skadi,  ähnlicher,  die  sich  auch 
zuerst  dahin  vergleichen,  regelmäßig  neun  Nächte  in  Thrymheim  und 
andere  neun  (oder  drei?)  in  Nöatün  zu  wohnen  (Gylfag.  23),  was  den 
Römer  sofort  an  Kastor  und  Pollux  erinnern  musste. 

Jedenfalls  fand  also  Tacitus  auf  dem  Festlande  bereits  des  Gottes 
Wiedergeburt  als  seinen  Bruder  mit  verehrt.  Der  Norden,  der  in 
Baldr-Vali  schon  einen  Brudermythus  hatte,  entwickelte  den  von  Freyr 
selbst  nicht  weiter  (höchstens  die  Figur  Skirnirs  ist  ein  Ansatz  zur 
Gemination),  wohl  aber  nahm  er  ihn  in  die  Heldensage  auf,  ihn  auf 
Hadding,  Frotho's  Vater,  und  seinen  Zwillings bruder  übertragend. 

Indem  wir  nun  noch  einmal  die  betrachteten  Sagen  vom  ver- 
schwindenden und  wiederkehrenden  Fruchtbarkeitsgott  zusammenstellen 
(an  welche  sich  dann  als  Ausläufer  auch  diejenige  von  dem  seineu 
Bruder  aus  dem  Drachenbauche  befreienden  Wolfdietrich  oder  Siutram 
(Simr.  296)  und  weiterhin  die  an  Seeaf  anlehnenden  Kornkindsagen  an- 
schließen*), so  erhalten  wir  folgendes  Schema: 


*)  Wie  ich  dieß  im  Programme  der  Bündnerischen  Kantonsschule  1872  „Zwei 
Churer  Sagen  und  die  Götter  Freyr  and  Baldr"  nachzuweisen  gesucht  habe,  aus  den 
im  Obigen  das  auf  die  Götterlehre  Bezügliche  in  erweiterter  Form  reproduziert  ist. 

Zu- den  doit  zusammengestellten  Sagen  vom  gefundenen  und  verlorenen  Koni- 
kind, schweren  Kiml,  Erntekind  (Grimm,  deutsche  Sagen  N.  14,  Simroeh,  Rheinsagen 
489,  beide  aus  C'hur;  Sutermeister  Märchen  1,  Schweizersagen  I,  -273.  345;  II,  244; 
Sprecher,  Pallas  Rhsetica  1617.  p.  219,  Völsünga  S.  c.  1,  Preller,  Griech.  Myth.  I,  158. 
159.  167  u.  a.)  ist  mich  die  merkwürdige  Parallele  aus  Job.  v.  Tinemouth  1,14.  Jahrh.) 
nachzutragen,    wo  auch   der  Na  igus    Hasdingus)  in  mißverstandener  Form    als 


BALDR  UND  FREY«. 


l'09 


Scheiden                    Wiederkehr 

des  Fruchtbarkeitsgottes. 

Widersacher. 
(Naturkräfte.) 

Personif.  oder 
Syrab.  d.  schö- 
nen Jahresz. 

Frey' s  Tod. 

F  r  e  y'  s  Wiedergeburt  u. 
Brautwerbung. 

Beli. 

Gerdr. 

Alx  I.  (Castor). 
lT  Haddi}ng. 

Alx  II.  (Pollux,  Ulixes). 

IIr  (oder  rückgeführter) 

H  a  d  d  i  n  g. 

? 

V 

Sacerd.  mul.  oru. 
Regnilda. 

Frotho  (Frödi)  I. 

Frotho  II.  III. 

Zauberin. 

Hanunda. 

Seeät's  i^Scyld)  Absch. 
und  HrSdgärs  Noth. 

Sceäf's  Ankft.  u.  Be6- 

vulf  s.  Sohn,  sowie 

Be6v.  d.  Geäte. 

Grendel 

glückl.Regierung. 

Schwanritters  Absch. 

Schwanr.  *s  Ankft. 

Herzog. 

Prinzessin. 

von  Baldr  entnommen 
Ortnit. 

Siegfried's  Geburt  u. 

Werbung. 

Wolfdietrich. 

Drache  etc. 
Drache. 

Brynhild-Güdrün. 

Baltram. 

Sintram. 

Drache. 

- 

So  glauben  wir  den  Doppelmythus  vom  Schwinden  und 
Wiederkommen  Frey's  aus  seinen  Nachfolgern  ergänzt  zu  haben, 
nachdem  uns  deren  Zusammengehörigkeit  mit  Freyr  statt 
mit  Baldr  durch  ihr  Wesen,  und  dann  namentlich  durch  das  Zwischen- 
glied Frotho-Hadding.  das  sich  nur  mit  Freyr  verbinden  lässt,  klar 
geworden  war. 

Das  Alles  wiire  nun  wohl  auch  bei  un germanischem  Ursprung 
derWanen  möglich,  wie  er  Germ.  XV1J,  197  ff.  mit  vielem  Scharfsinn 
zu  erweisen  versucht  ist:  Siegfried  und  die  spätem  Freyssagen  könnten 
aus  der  Heldensage  des  Nordens  entlehnt  sein.  Aber  wenn  wir  dann 
daneben  mit  den  Alces,  die  wir  nach  den  Haddingen  auf  Freyr  deuten 
mussten,  schon  für  die  früheste  Zeit  auf  unzweifelhaft  deutsches 
Gebiet  geführt  werden,  und  die  Nachweisungen  Frouwa's,  von  Grimm's 
Mvth.  an,  in  Anschlag  bringen,  so  dürfte  alles  in  allein  doch  die  Be- 
hauptung sehr  gewagt  erscheinen,  daß  sich  auf  deutschem  Boden  nir- 
gends Spuren  der  betreffenden  Gottheiten  nachweisen  lassen  (198).  Zu- 


Xeslingus  wiederzukehren  und  zur  Auffindung  des  Kindes  auf  dem  Baume  statt  im 
Felde  (wie  auch  sonst  vereinzelt:  Rocbholz  a.  a.  O.  1,  86)  Anlaß  gegeben  zu  haben 
scheint 

Eines  Tages,  als  Aelfred  «1.  Gr.  im  Walde  jagte,  vernahm  er  das  Geschrei  eines 
Säuglings,  das  von  einem  Baume  herunter  ertönte.  Kr  sandle  Beine  Jägei  ab,  damit 
sie  der  Stimme  nachforschten.  Sir  kletterten  den  Baum  hinauf  und  fanden  auf  dem 
Gipfel  im  Horste  eines  Adlers  ein  wunderschönes  Kind,  in  Purpur  gekleidet  und  mit 
goldenen  Spangen  an  den  Armen.  Der  König  gab  den  Befehl  es  aufzuheben,  zu  tauten 
und  wohl  zu  erziehen.  Als  Erinnerung  an  die  seltsame  Entdeckung  ließ  ei  ihm  den 
Namen  Nesthiyus  beilegen. 

I  KMANIA    N<  ic   Reihe  VII     (XIX.  Johrg.)  I  I 


210  FERD.  VETTER.  FREVR  UND  BALDR. 

dem  ist  die  Elimination  der  durch  die  Handschriften,  und  der  Form 
nach  durch  den  nordischen  Niöntr  so  wohl  beglaubigten  Nerthus  aus 
der  suebischen  Mythologie  (199)  —  worauf  natürlich  das  meiste  Ge- 
wicht liegen  muß  —  und  die  Substitution  einer  (h)  Erthu  —  Jörd  (nach 
dem  nehertum  jener  einzigen  Handschrift)  doch  allzu  kühn,  und  wird 
auch,  angesichts  des  goth.  ahd.  airtha,  erda,  durch  die  Bemerkung 
nicht  annehmbarer,  daß  der  Umlaut  in  Jörd  auf  einen  u- Stamm 
hindeute:  --  entspricht  doch  auch  dem  an.  hiörd,  nicht  bloß  im 
Ahd.  (wo  ja  keine  weibliche  u-Declination  mehr  existiert)  ein  herta 
(und  nicht  hertw),  sondern  auch  im  Goth.  ein  hairda,  nicht  hairdws 
(Skr.  gardha).  --  Hinwiederum  wiegt,  gegenüber  dem  Bernstein  und 
Knüttel,  gegenüber  der  nach  Tacitus  britannisierenden  (aber  deßwegen 
wohl  noch  lange  nicht  slavisierenden)  Sprache*)  und  dem  Anklang  von 
Brisinga  men  an  „Preussen"  **),  doch  das  bestimmte  nritus  habitusque 
Sueborumu  gerade  für  die  Religion  zu  schwer,  um  bei  dem  von  den 
Astiern  nach  Norden  gewanderten  Freyr  an  einen  nichtdeutschen  Gott, 
etwa  Pikullos  (206)  denken  zu  können.  Die  mater  deum  der  Astier 
sodann  (201)  passt  auf  die  jungfräuliche  Freyja  schlecht;  wir  werden 
jene  eben  doch  mit  der  suebischen  Terra  mater  =  Nerthus,  vermuth- 
lich  Niörds  erster  Gattin***),  zu  identifizieren  haben.  —  Und  wenn  auch 
Ingunar  Freyr,  freä  Ingvina,  Yngvi-Freyr  wirklich  nur  der  Freyr  des 
Ingsfreundes  oder  des  Yngvi  (Octinn),  der  Herr  der  Ingsfreunde  ist,  so 
liegt  denn  doch  der  deutsche  Stamm  der  Ingsevonen  zu  nahe,  um  sie 
nicht  mit  diesem  Ingsfreund  oder  diesen  Ingsfreunden,  und  zugleich 
mit  dem  Helden  der  Ostdänen,  Ing,  der  diesen  Namen  unter  den 
Heardingas  (Haddingi,  Astingi  =  Frey)  erhalten  habe,  in  Verbindung 
zu  bringen;  —  näher  gewiß  als  die  Annahme,  daß  aus  dem  Beinamen 
das  Stammvaters  <  Idinn  ein  selbständiger  Stammheros  geworden  sei,  der 
dann    mit  Freyr    zusammenfloß    (204)  f).  —  Doch    das  Alles    bedürfte 

Das  gul  deutsche  Wort,  das  uns  Tacitus  aus  ihr  erhalten  hat,  bezeichnet 
er  eben  doch  zu  deutlich  als  sestisch:  quod  ipsi  glesum  vocant. 

Wo  denn  doch  «las  norwegische  Brising  (Lustfener,  bes. 'Sonnwendfeuer, 
Germ.  XVII.  237)  näher  liegen  dürfte;  der  Name  dieses  Schmuckes  weist  wieder  auf 
die  lichtbringende  und  solstitiale  Seite  des   Wanenpaares  hin. 

***)  Vielleicht  war  sie  zugleich  seine  Schwester,  wie  denn  auch  Frey  und 
Freyja,  dip  sieh  als  Geschwister  auch  im  Namen  so  nahe  berühren,  ursprünglich  ver- 
mählt gewesen  zu   sein  scheinen. 

;  Eine  weitere  Abhandlung  von  Meyer,  eine  einseitig  Balderisierende  Er- 
klärung der  Nibelungensage  (im  Programm  des  Pädagogiums  zu  Basel  1874),  die  mir 
nachträglich  zu  Gesichte  kommt,  beruht  auf  denselben,  meiner  Ansicht  nach  irrigen 
Ergebnissen  von  der  Undeutschheit  Frey's,  die  für  seinen  Ursprung,  und  vollends  für 
seine  spätere  Sage,  mir  nach   Obigem   durchaus   nicht   erwiesen   ist, 


FERDINAND   VETTER,  KLEINE  BEITRAGE.  211 

einer  näheren  Begründung,  zu  der  hier  der  Ort  nicht  ist:  —  genug, 
u'riin.  ganz  abgesehen  einstweilen  von  seinem  Ursprung,  im  Obigen 
das  Fortleben  des  Freysmythus  neben,  nieist  aber  sein 
Vorherrschen  vor  dem  Baldrsmythus  im  Norden  wie  in 
Deutschland  gesichert  ist. 

CHÜR.  FERDINAND  VETTER. 


KLEINE  BEITRAGE. 

DEUTSCHE  DREIKÖNIGSLIEDER  AUS  ROMANISCHEM   LANDE. 

Die  folgenden  deutschen  Lieder,  welche  aus  Ems  (Doraat)  bei  Chur 
und  aus  Sa  lux  (Saluof)  im  Oberhalbstein  —  zwei  ganz  rhätoromanisch 
sprechenden  Dörfern  —  stammen,  und  auch  in  Chur  zuweilen  am  Drei- 
königstage  von  umherziehenden  und  einen  Stern  tragenden  romani- 
schen Knaben  nach  eigenen  alten  Volksweisen  gesungen  werden, 
dürften  als  versprengte  Reste  älterer  deutscher  Sprache,  die  sich  unter 
der  katholischen  romanischen  Bevölkerung  erhalten  haben,  während 
sie  in  den  deutsehen  Gegenden  verschwunden  sind  .  einiges  sprachge- 
schichtliche Interesse  bieten. 

Der  Vorstellungskreis  ist  ganz  der  mittelalterlich-deutsche,  mit 
aller  volks-mäßigen  Naivetäl  der  Misterien;  die  Formen  und  Wendungen 
(/..  B.  der  kennt  mich  hart.  —  Sterren  u.  s.  \\\.  die  im  jetzigen  Dialect 
längst  verschwunden  sind  .  beweisen  eine,  auf  einer  .alleren  Sprachstufe 
erfolgte,  frühe  Aufnahme  aus  dem  Deutschen.  Einiges  ist  freilich  durch 
die  mündliche  Überlieferung,  die  noch  heute  sehr  Vieles  in  diesen 
deutschen  Liedern  ganz  ohne  Verständniss  fortpflanzt,  bis  zur  I  u 
kenntlichkeit  entstellt  und  erschwer!  eine  Bestimmung  von  Zeit  und  Heimat. 

CHUR.  I  ERDINAND  VETTER 

1.  ;.. 

Mir  wellen  Gott   lieba,  mir  wellen  Gotl   loba 
Mit  da  heiliga  drei   König  mii   Ehre  und  Stern;1) 
Sie  suchen   da  Jesus,  sie  hatten  ihn  gern. 

Sie  Buchen  wohl   bes   am  dritta   'I  > 
.Mit   weinigen   Augen,   mii    Rosenkmnz 

1     Anderwärts    richtig:    mii    ihrem    Stern.    Varianten:    Wir   k ien    ilahera    im 

Viiii.  i    des   II.ii.i.  W'ii    sncheri  Herr  Jeans,  wir  hätten    ihn    gern;   oder:    <li>'   heiligen 
drei  Küni'j   mit  ihrem  Stern,  sie  suchen   Flerr  Jesu      sie  hätten  ihn   gern     En 

I  I 


212  FERDINAND  VETTER 

Sie  kommen  wohl  wo  Herodes  haust;1) 
Herodes  er  schaut  zum  Fenster  hinaus. 

Herodes  er  sprach  mit  falschem  Betracht: 
„Warum  ist  der  vordere  König  so  schwarz?-' -) 

„„Er  ist  so  schwarz,  er  ist  wohlbekannt, 
Er  ist  ein  König  aus  Morgenland."" 

„Ist  er  ein  König  aus  Morgenland, 
So  biet'  ich  drei  Herren  die  rechte  Hand."  s) 

„„Die  rechte  Hand  die  bieten  wir  nicht; 
Du  bist  ein  Herodes,  Avir  trauen  Dir  nicht. 

Der  König  so  schwarz  er  ist  wohlbekannt, 
Er  ist  Kasper  und  König  von  Morgenland. 

No  ivie  und  warum  ist  der  Himmel  so  blau? 
No  wie  und  warum,  ist  der  Himmel  so  Im?  4). 

Wir  wollen  noch  hi  am  Bethlachem, 
Wo  Christus  und  Jesus  geboren  war.  5) 

Wir  treten  alle  drei  im  Stadel  hinein 
Und  fanden  Maria,  das  Kindolei. 

Das  Kindolei  war  nacket  und  bloß; 
Wir  gabens  Maria  der  Mutter  im  Schooß. 

Joseph  der  zog  sein  Hemdelein  ab 
Und  schnitt  dem  Christkindli  zwei  W'indolein  ab. 

Zwei   Windolein  ein  Wechseltuch, 
0  Jesu  drei  Namen  ein  Regentuch. 

In  einigen  Varianten  der  Anhang: 

Z'Jahr  um  z'Jahr  um  wird  wiederum  kommt. (?) 
Wir  wünschen  euch  Allen  ein  gut's  Neujahr. 

Ein  guts  Neujahr  und  was  noch  mehr? 
Die  gute  Gesundheit  und  auch  die  Ehr. 

Ich  bin  der  König  aus  Engelland, 
Kurz  und  lang  ist  mein  Gewand. 

Ein  bocksbäumene  Nas'  und  ein  schneeweißen  Bart: 
Der  mich  niemals  gesehn  hat,  der  kennt  mich  hart. 

I.  b. 

O  Gott,  sie  wollen  wir  loben  und  ehrn, 
Die  hl.  drei  König  mit  ihrem  Stern. 

Sic  kamen  in  Herodes  sein  Haus; 
Herodes  war  ihnen  jjanz  unbekannt. 


')   Vor  Herodes  sein  Haus  (Ems).  J)  Bist  du  des  Königs  Kaspers  aus  Morgen- 

land V  3)  u.  tf. :  Sie  komme  hera  inans  bott  amreclitig  Hand(?).  Amrechtig  Hand 

das    bitten  wir    nicht,    du    bist   Herodes,    dir  glauben  wir  nicht  (Salux).  4)  Fehlt 

anderwärts.  5)  Hierauf  als  Schluß   anderwärts   (Salux):  Mein  liebe,  meine  Herra 

kommen  eben  zu  Dir,  Ich  bitte  uns  halta  in  Ehre  und  Freud.  Sie  gehnden  treu  ins 
Judenland,  Sie  suchten  Maria  und's  Kindelein.  Das  Kindclein  ist  nacket  und  bloß,  sie 
legten'a  Maria  auf  ihren  Schooß. 


Kl. KIM,   BEJ  rRÄGl  21! 

„Meine  lieben  drei  Herren,  wo  wollet    ihr  hin?" 
,. „In  Bethlechem   steht    unser  Sinn. 

Es  rst  geboren  ein  Kind  ohne  Mann  .  ! 
Dem  Himmel  und  Erde  war  unterfhan."" 

Wir  sind   allhier  auf  jeden  Platz . 
Und  wünschen  euch  Allen  ein  guts  Neujahr. 

Ein  guts  Neujahr  und  was  noch  mehr? 
Die  liebe  Gesundheit  und  auch  die  Ehr.  2) 

IL*) 

Ich  lag  in  einer  Nacht  und  schlief; 
Mir  träumts,  wie  mir  König  David  rief. 
Wie  ich  ihm  sollte  räumen3) 
Von  den  hl.  drei  König  ein  neues  Lied, 
Sie  liegen  zu  Köllen  am  Rhein. 

Der  Tag  der  reist4)  wohl  aus  dem  Thron ;(?) 
Wir  singen  das  Kindolei  Jesu  an; 
J:Von  Maria  blüht  ein  Rosen  :j. 
Von  Maria  geboren  ein  Kind  ohne  Mann, 


')  Mißverständlich  auch:    eiu  Kind  und  ein  Mann.  2)  Zu   I  a  und  I  b  vgl. 

noch  die  romanische  Form  (wahrscheinlich  Bearbeitung): 
Ils  treis  sontg  säbis  dil    Orient , 
Eis  mavan  enconter  a  Bethlacheni , 
II  Caspar,  il  Melchior  ed  il  Balthasar. 

II  Caspar  quell  era  dil  Morenland, 
II  Melchior  quell  era  dil  Orient  . 
II  Balthasar  era  dil  Oxident. 

Eis  mavan  vi,  e  sut  il  casti 
Dil  retg  Herodis  da  speras  vi.  (vorbei) 

Herodis  quell  era  sil  aulti  tron, 
Ed  el  emperava,  nua  ei  lessien  ir. 
Eis  respondettan  con  legermeut: 
„Nus  lein  fr  enconter  a  Bethlacheni. 
La  steila  la  quala  ha  nus  nianau, 
Sur  la  stalla  ha  ella  fermau. 
De  coramein  havein  nus  ku  s'enclinau, 
Quest  niev  retg  Jesus  salidau". 

O  sontga  Maria  e  sontg  Joseph  . 
Ilrbescha  a  nus  betrast  c,  confiert. 

A  quei  aft'on  dil  sontg  parvfs 
O  Jesus  seies  miu  salit. 
O  Maria  e  tiu  affon, 
Dai  a  nus  in  legreivel  e  bien  onn. 

Per  bein  viver  e  bein  m<>iii 
A  nus  suenter  il  sontg  parvis. 

I!  sontg  parvis  ed  in  legreivel  bien  onn; 
Sehe  vub  deis  insatgei  Bche  dei  in  bien  ton.  (rechl 
sj  Mißverständlich  für  reimen.         *)  Für  reis  (zu  nd  eines  der  Bell 

Beispiele,  wo  risen  eine  Bewegung  von  unten  nach  oben  bezeichnet? 

*)  Über  dieses  Lied,  das  zuerst  in  einem  Gesangbuche  von  1646  vorkömmt,  s. 
Weinholds  Weihnacbtssp.  8.  128.  Schröer  Weihnächte?.  B.  L12.  198.  Ditfurl  fränk. 
Volkslieder  1,  S.    1U. 


21|  i  ÜTOLF,  KLEINE  BEITRÄGE  ZUR  MYTHOLOGIE. 

Dem  Himmel  und  Erde  war  unterthan, 
|:  Das  Paradies  war  aufgeschlossen.  :| 

Den  werthen  Engel  trag  sein  Kron(?) 
|:Die  Mutter  unsers  Herren  :|, 
Und  da  das  Kindelein  sei  geborn. 
Den  hl.  drei  König  kam  es  ein  Schein 
I:  Von  einem  Licht  und  Sterren  :|. 

Der  hl.  Geist  gab  ihnen  ein  Sinn , 
Daß  sie  nahmen  Gold,  Weihrauch  und  Mirchen; 
König  Caspar  kam  aus  Morgenland, 
Balthasar  aus  Griechenland  zu  Haus, 
|:Melhior  aus  Osterreiche.  :j 

Sie  folgten  dem  Stern  gar  fleißig  nach, 
Sie  wollten  das  Land  durchstreifen; 
Und  als  sie  gegen  Jerusalem  kamen, 
Ein  großer  Berg  vor  ihnen  stund, 
Und  der  Nord  wollt  ihnen  entweichen.  (?) 

König  Kaspar  zu  den  andern  sprach: 
Heut  wollen  wir  hier  verbleiben. 
(Schluß  scheint  zu  fehlen  und  wird  nicht  gesungen.) 


KLEINE  BEITRÄGE  ZUR  MYTHOLOGIE. 


1.  Aberglauben. 
a)  Aus  dem  'Büchel  vom  jüngsten  Gericht'  *). 
S.   158:  „Lucifer  hatte  kaum  ausgeredt,  so  waren  die  alten  Weiber 
da.    Die   meisten    unter   ihnen   hatten  Brillen   auf  der  Nasen.    Lucifer 
sagte:  Wie,  daß  ihr  zu  Fuß  kommet,    seynd  keine  Gabel,  Bock  oder 
Hunde  mehr  zum  reiten  V  Wisset  ihr,  daß  mit  euch  nicht  lang  zu  dis- 
putieren  ist,    sintemalen    der  Pact,    welchen    ihr   mit   uns   geschlossen, 
nicht  wird  aufgelöset  werden,  drum  nur  fort  mit  euch.  Denen  andern 
aber   sagte   er:    Was    habet   ihr    nicht   vor   ein   abscheulichen   Hauffen 
Aberglauben  unter  die  Leute  gebracht.  Als  wann  ein  Weib  ihre  Hoch 
zeitschuh  zerbrochen,  so    ist  ein    unfehlbares  Zeichen  gewesen,    daß 
sie  von  ihrem  Mann  hat  müßen  geschlagen  werden.  Wer  Erbsen  und 
Bohnen  isset,  und  selbige  Wochen  dergleichen  säet,  dem  gerathen  sie 


*)  Das  Titelblatt  ist  weggerissen;  der  angegebene  Titel  stellt  in  der  Vorrede. 
Das  Büchlein  in  8.  ist  nicht  vor  Drexelius  S.  .'.  entständen,  da  dieser  Jesuit  als  Ge- 
währsmann  citiert  wird. 


K.  BARTSCH,  BRUCHSTÜCK   EINER   HS.  VON   HEINRIC1    81  MMARI1  M.     215 

nicht.  Wer  ein  Gewächs  am  Leibe  hat,  <in-  wasche  sieh  inil  Irischem 
Wasser,  welches  aus  einem  Bach  geholel  worden  in  wehrender  Zeit, 
daß  man  einem  zur  Begräbnuß  läutet:  Ks  hilffit.  Wer  ein  neu 
Meß  er  kaufft,  seil  den  ersten  Bissen,  den  er  damit  schneidet,  einem 
Hund*)  zu  essen  geben,  so  verliert  er  das  Messer  nicht.  Wer  einen 
Storch  zu  allererst  sieht  kommen,  und  heist  ihn  willkommen,  dem 
thut  das  ganze  Jahr  kein  Zahn  wehe.  Wer  drey  Feyertäg  deß 
Morgens  den  rechten  Fuß  zuerst  aus  dem  Beth  setzet,  dem  drucken 
die  Schuhe  das  gantze  Jahr  keine  Blattern.  Wann  man  einer  Hennen 
am  Frey  tag**)  Eyer  unterlegt,  so  werden  die  Hünl  vom  Vogel  ge- 
fressen. Wer  eine  Hasen-Bone  findet,  und  isset  sie,  der  kriegt  sein 
Theil  vom  selbigen  Hasen.  Wann  ein  Weib  ihre  Katze  nicht  verlieren  will, 
die  schmiere  ihr  die  Tappen  drey  Abend  mit  Butter.  Welcher  spielet 
und  mit  dem  Rucken  gegen  den  Mond  sitzet,  der  verspielet***). 
Wann  dir  das  rechte  Ohr  singet,  so  sagt  man  eine  Wahrheit;  ist  es 
das  linke,  so  saget  man  eine  Lügen  von  dir,  alsdann  beiße  in  die 
ubern  Hat'i't  an  deinem  Hembd,  so  wachset  dem  Lügner  eine  Blatter 
auf  der  Zungen.  Welcher  des  Morgens  im  Aufstehen  nießet,  der  lege 
sich  wieder  drey  Stunde  ins  Beth,  sonst  ist  sein  Frau  dieselbe  Wochen 
durchaus  Meister.  Wann  man  einen  neuen  Besen  umbgekehret 
hinter  die  Haus-Thüref)  stellet,  so  kann  keine  Hexe  hinein  noch 
hinaus.  Diese  und  dergleichen  unzählich  vil  Aberglauben,  Seegen- 
sprüch,  Christall  s  ehen  und  Siebtreiben,  welches  ihr  alles  zum 
Anfang  der  Hexerey  geübet,  daß  doch  nichts  anders  als  Hexerey  ist, 
wessentwegen  ihr  dann  jetzo  mit  uns  ewig  verdammt  seyn  müßet." 

LÜTOLF. 


BRUCHSTÜCK   EINER   HANDSCHRIFT   VON 
HEINRICJ  SUMMARIUM. 


Zu  den  von  Rieger  (Germania  9,  13)  angeführt«  q  bisher  bekannten 
Handschriften  und  der  von  ihm  bekannt  gemachten  Darmßtädter  kommen 
Bruchstücke  einer  siebenten  auf  der  Heidelberger  Bibliothek.  Es  sind 

*)  Verwandt  mit  einem  Brauch  in  meinen  Sagen  der  Urach weiz  S.  333.  e. 
**)  Verwandt  mit  I.  c.  8.  676 

***)  Um  Willisau  im  K.  Lucern  umgekehrt:  wer  dem  Mond  den  Kücken  kehrt 
gewinnt.  Mündl. 

t)  Ibid.  S.  226. 


216     K.  BARTSCH,  BRUCHSTÜCK  EINER  IIS.  VON  HEINR1CI   SUMMARIUM. 

zwei  Pergamentblätter  einer  Handschrift  in  kl.  4.  aus  dem  XII.  Jahr- 
hundert, das  zweite  ist  oben  um  etwa  ein  Drittel  beschnitten.  In  der 
Reihenfolge  der  Capitel  stimmt  das  Bruchstück  mit  der  Münchener  und 
Wiener  Handschrift,  in  der  Schreibung  am  meisten  mit  jener.  Das  erste 
beginnt  in  dem  Abschnitt  de  generibus  herbarum  (Germ.  9,  22)  mit 
strignum  uwa.  lupina  ramesdra.  millefolium  garwa.  lupisticium  vel  libi- 
sticium  lupistechil.  psilatrum  sleifa.  nebeta  simiza.  milleborbia  drüswrz. 
blandonia  wllina.  caleatrippa  zeisala.  liuendula  lauendla.  abrotanum 
stabuwrz.  melones  bebenum.  ypiricum  harthö.  cinis  prionei  le'ola.  eusole 
braewrz.  gelidia  nessiuurz.  emicedo  brachlöch.  cardopana  hebirwrz. 
vulgago  vel  asaro  hasiluuurz.  carciola  witesa.  nirmendactila  heilhübito. 
didimo  hanisora.  colophonia  harzuch.  emorrois  blnthfluzzida.  tubura 
ertnuz.  acitura  ampfra.  trifolium  kle.  apiacum  binisuga,  gladiolum 
suertil.  carix  riet,  carectum  rietahe.  alga  rietgras,  papirus  biniz.  papi- 
rium  binizahe.  gramen  gras,  fenum  huo.  cremium  amad.  acaliffa  nez- 
zili.  Urtica  grenanica  heittirnezzili.  paliurus  agaleia.  cardone  karta. 
arinca  woluis  zeisila.  italica  kazzinzagil.  cardus  distil.  cardus  siluati- 
cus  uuoluismilinch.  Dann  (roth)  Item  de  herbis  VIII.  Darin  quipparum 
scathü.  Quinquefolium  uinfblat.  papauer  mago.  aristolocia  longa  astren- 
tia.  lilium  lielia.  malua  bappila 

Das  zweite  beginnt  in  dem  Abschnitt  de  reptilibus  (Germania 
0,  20),  darin  rane  frochs  (sie),  ranunculus  froschelin.  sepius  litthus.  stro- 
tus  zigena.  Dann  der  Abschnitt  'De  avibus.  XVII.'  Darin  ale  feddach 
rostrum  snabil.  ungues  klauun.  aquila  aro.  porfirio  isaro.  vultur  gir 
gradipes  stocharo.  grus  kranich.  esternulus  kreia.  ciconia  storch,  cig- 
nus  elbiz.  strutio  struez.  ardea  heigero.  alietum  heringriez.  Die  folgen- 
den standen  auf  dem  abgeschnittenen  Stücke.  Die  nächste  Glosse  ist 
vespertilio  fledirmus.  luscina(!)  nahtegala.  ulula  uuuila.  bubo  huo. 
nocticorax  nathraben.  istrix  herbisträ  (herbisträ).  cornix  kra.  graculus  a 
garrulitate  vocis  roch,  pica  algeristra.  orix  vel  glanda  hehera.  picus 
spet.  laoficus  grünspet.  picus  merops  vel  gaulus  martius  prüespet. 
pauo  phavvo.  gallus  hano.  gallinatus  kappo.  gallina  henno.  pullus  hüni- 
klin.  anas  vel  aneta  anit.  anetus  an'trech.  auca  gans.  fulica  horgans. 
mergus  merrich.  merchulus  tuchare.  merga  scarba  (aus  scraba).  acci- 
piter  habic.  (nisus)  sparwere.  mirhis  smirl.  capus  ualcho.  miluus  wio. 
larus  muser.  turtur  lurtiltuba. 

K.  BARTSCH. 


L1TTERATUR:  M.  HEYNE.  KLEINE  ALTS.  F.  ALTNIEDER.   GRAMMATIK.     217 


LITTERATUR. 


M.Heyne.  Kleine  altsächsische  und  altniederf  rank  ische  Gramma- 
tik.  Paderborn,   Schöningh.    1873.   VI,    120  S.    8. 

Es  war  die  Absieht  des  Verfassers,  seiner  Ausgabe  des  Hcliand  wie  der 
des  Ulfilas  eine  Grammatik  beizugeben,  die  nun,  weil  die  Vollendung  derselben 
sich  verzögert  hat,  der  zweiten  Ausgabe  des  Heliand  als  ein  besonderes  Buch 
nachgesendet  ist,  was  für  Vertrieb  und  Benutzung  vielleicht  noch  zweckmäs- 
siger ist.  AViewohl  die  Grammatik  zunächst  für  das  Verständniß  des  Heliand 
berechnet  ist,  so  sind  doch  alle  kleineren  altniederdeutschen  Denkmäler  mit 
berücksichtigt  und  wir  haben  daher  darin  die  bis  jetzt  vollständigste  Darstel- 
lung der  altsächsischen*)  Laut-  und  Flexionslehre,  freilich  keineswegs  eine  er- 
schöpfende, welche  zu  geben  auch  dem  nächsten  Zwecke  des  Buches  gemäß 
nicht  die  Absicht  des  Verfs.  sein  konnte.  Dali  das  Niederfränkische  mit  hin- 
eingezogen ist,  wird  man  nur  billigen.  Der  Verf.  erklärt  selbst,  daß  er  damit 
nicht  eine  besonders  nahe  Zusammengehörigkeit  des  Sächsischen  und  Nieder- 
fränkischen behaupte,  sondern  daß  ihn  rein  praktische  Gründe  dazu  bestimmt 
haben.  Aber  die  Art  und  Weise,  wie  er  beide  Dialecte  gegen  einander  abgränzt, 
ist  nach   meiner  Überzeugung  nicht  zu  rechtfertigen. 

Bekanntlich  hat  H.  in  der  Zeitschr.  f.  d.  Philol.  1  den  Nachweis  zu 
führen  gesucht,  daß  der  Monacensis  des  Heliand  in  die  Gegend  von  Münster, 
der  Cottonianus  dagegen  nach  Werden  gehöre,  wohin  er  auch  die  Bruchstücke 
eines  Psalmeneommentars  setzt.  Diese  Ortsbestimmungen  haben  mindestens  einen 
hohen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit  und  wenn  der  Cott.  nicht  nach  Werden 
selbst  zu  setzen  ist,  so  doch  jedenfalls  in  die  Nähe  davon,  in  das  Grenzgebiet 
des  Sächsischen  und  Fränkischen.  H.  rechnet  nun  aber  den  Werdener  Dialect 
und  demnach  auch  den  Dialect  des  Cott.  zum  Fränkischen.  Dagegen  ist  mit 
Recht  Protest  eingelegt  von  W.  Braune  in  den  Beiträgen  zur  Geschichte  der 
deutschen  Sprache  und  Litteratur  I,  1 1  ff .  Wir  könnten  uns  damit  begnügen 
zu  sagen:  der  Dialect  von  Werden  und  der  des  Cott.  bilden  eine  Ubergangs- 
stufe  zwischen  dem  Fränkischen  und  Sächsischen,  und  somit  den  ganzen  Streit 
als  müssig  fallen  lassen.  Wenn  man  aber  einmal,  wie  dies  II.  tliut,  eine  be- 
stimmte  Grenze  ziehen   will,   so  müssen  wir  diesen  Dialect  sächsisch   nennen. 

Die  Entscheidung  hängt  davon  ab,  was  wir  als  die  eigentlich  unterschei- 
denden Merkmale  des  Fränkischen  und  Sächsischen  gelten  lassen.  Als  die 
wichtigsten  Kriterien  für  die  Abgrenzung  zweier  Dialecte  müssen  solche  Unter- 
schiede angesehen  werden,  die  nicht  bloß  partiell,  sondern  allgemein  sind,  nicht 
bloß  vorübergehend  in  einem  bestimmten  Zeitraum  bestehen,  sondern  wo  mög- 
lich durch  alle  Jahrhunderte  durch  gehen,  oder  wenigstens,  wenn  sie  auch 
später   etwas  verwischt   sind,    in   eine   möglichst   frühe   Zeit   zurückgehen   und    in 

*)  Für  «las  Almiederfränkischi    dei   Psalmen  haben  wir  jetzt  genaue  statistische 

Zusammeiistelluncon  von  I'    i   Cosijn,   l  >•    ondnederlandach«    psalmen.  Haarlem,   Erven 

i'..  Bohn.   1*7.",. 


218     LITTERATUR;  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  IT.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK. 

dieser  eonsequent  durchgeführt  gewesen  sind;  denn  auf  die  ursprüngliche  Schei- 
dung kommt  es  an.  Nach  H.  bestünde  der  Hauptunterschied  des  Fränkischen 
vom  Sächsischen  in  der  Diphthongisierung  des  6  und  e  zu  uo  und  ie.  Indessen, 
wenn  ich  auch  die  Bedeutsamkeit  dieses  Unterschiedes  nicht  unterschätzen  will, 
so  Hegt  es  doch  nach  dem  Gesagten  auf  der  Hand,  wie  untauglich  derselbe 
zum  Hauptkriterium  ist.  Denn  erstens  ist  die  Diphthongisierung  noch  sehr  neu, 
höchstens  bis  in  das  achte  Jahrhundert  zurückreichend ,  zweitens  ist  sie  nicht 
ganz  durchgeführt ,  da  neben  uo  in  den  Ps. ,  im  Cott.  und  in  den  Werdener 
Denkmalen  6  vorkommt,  drittens  verscli windet  uo  sehr  bald  wieder  und  es 
besteht  dafür  im  späteren  Niederfränkischen  wieder  ein  dem  ü  nahestehendes  o. 
Ausser  der  Diphthongisierung  ist  es  aber  hauptsächlich  nur  noch  eine  Eigen- 
tümlichkeit, die  der  Cott.  mit  den  Ps.  im  Gegensatze  zum  Mon.  gemein  hat, 
die  Abschwächung  der  Dativendunst  der  Adjectiva  zu  un,  on.  Diese  ist  ein 
nicht  unwesentliches  Charakteristicum  des  Niederfränkischen,  aber  auch  sie  ist 
sicher  jung;  übrigens  ist  sie  im  Cott.  nicht  durchgeführt  und  findet  sich  ver- 
einzelt im  Mon.  Später  ist  sie  dem  Sächsischen  nicht  fremd,  findet  sich  be- 
sonders auch  in  den  an  das  Fränkische  stoßenden  Gegenden ,  die  von  H.  zum 
Sächsischen  gerechnet  werden,  während  sie  gerade  der  Werdener  Dialect  wie 
auch  der  Psalrneneommentar  nicht  zu  kennen  scheint  (cf.  Braune  a.  a.  0.  14). 
Außerdem  finden  sich  nur  vereinzelte  Berührungen  von  untergeordneter  Bedeu- 
tung zwischen  dem  Cott.  und  den  Ps.,  wie  z.  B.  einige  Andeutungen  des  Um- 
lautes von  u,  der  Übertritt  von  sdian  und  büan  in  die  schwache  Conjugation. 
Wenn  der  Cott.  einige  Besonderheiten  des  Mon.  nicht  theilt,  so  begründet  das 
natürlich   keine  Verwandtschaft  zwischen   seinem   Dialect  und  den  Psalmen. 

Dagegen  steht  nun  eine  Reihe  von  Verschiedenheiten  des  Sächsischen 
und  Fränkischen,  bei  denen  sich  der  Cott.  und  auch  der  Werdener  Dialect  zu 
ersterein  stellen.  Hiervon  hat  bereits  Braune  auf  folgende  aufmerksam  gemacht. 
Erstens:  Das  wichtigste  Charakteristicum  des  Sächsischen  ist  das  Zusammen- 
fallen der  drei  Personen  im  Plur.  des  Verbums.  Die  Übereinstimmung  in  die- 
sem Punkte  mit  dem  Fries,  und  Ags.  spricht  besonders  für  das  hohe  Alter 
dieser  Eigentümlichkeit,  welche  eine  Spaltung  der  Dialecte  begründete  vor  der 
Scheidung  von  Ober-  und  Niederdeutsch.  Allerdings  tritt  in  jüngerer  Zeit  -en 
statt  -ed  in  der  1.,  3.  Pers.  Plur.  Praes.  Int.  auch  im  Sächsischen  wie  im 
Fränkischen  auf  und  überwiegt  in  den  Grenzlandschaften.  Aber  das  ist  nicht 
bloß  in  Werden  der  Fall,  sondern  gerade  so  gut  in  Essen,  welches  von  II. 
zum  Sächsischen  gerechnet  wird;  es  ist  also  kein  Grund  zu  einer  Aussonderung  von 
Werden.  Zweitens:  Während  im  Alts,  die  Contraction  von  al  und  au  zu  e 
und  ö  durchgeführt  ist,  finden  sich  in  den  Ps.  und  im  Mnl.  bis  in's  13.  Jahrh. 
ei  und  au  in  denjenigen  Fällen ,  in  denen  sie  im  Ahd.  stehen ,  noch  neben 
e  und  ö.  Die  Contraction  hat  sich  also  im  Niederfränkischen  später  vollzogen 
als  im  Sächsischen,  wo  sie  schon  früher  wahrscheinlich  gleichzeitig  mit  dein 
Fries,  und  Ags.,  vielleicht  auch  durch  andere  Zwischenstufen  hindurch  (ac,  und 
ao,  dagegen  im  Niederfr.  ei  und  ou)  eingetreten  ist;  und  es  gab  eine  Periode, 
in  welcher  ein  durchgreifender  Unterschied  des  Alts,  und  Altniederfr.  dadurch 
gebildet  wurde,  dass  in  ersterem  nur  i  oder  ö,  in  letzterem  wie  im  ganzen 
übrigen  fränkischen  Gebiet  nur  ai  ödere/,  au  oder  ou  bestand.  Drittens:  Eine 
Eigentümlichkeit,  die  das  Niederfr.  mit  dem  Mittelfr.  theilt,  ist  der  Verlust 
des    schwachen   Gen.   und   Dat.    Sing,    des   Fem.   und    des  Gen.   Plur.    aller  Ge- 


L1TTERATUR:  M.  HEYNE,   KLEINE  ALTS.  U.  ALTNIEDFR,  GRAMMATIK.     219 

schlechter  der  Adjectiva,  wofür  überall  die  starke  Form  eintritt.  Dieser  Ver- 
lust ist  allerdings  wohl  verhältnismäßig  jung.  Braune  trägt  Bedenken  ihn  mit 
Bestimmtheit  dem  Dialecte  der  Ps.  zuzuweisen,  da  diese  Interlinearversion  sind 
und  überhaupt  keine  schwache  Form  der  Adj.  enthalten.  Letzteres  gilt  auch 
von  dem  einzigen  alten  mittelfränkischen  Denkmale,  welches  wir  neben  den 
drei  ersten  Psalmen  besitzen,  dem  Trierer  Capitulare,  so  daß  auch  für  das 
Mittelfränkische  sich  nicht  entscheiden  läßt,  ob  der  Verlust  der  schwachen  Form 
alt  ist.  Die  starke  Form  statt  der  schwachen  findet  sich  sporadisch  auch  in 
dem  angrenzenden  sächsischen  Gebiet,  aber  wie  es  scheint,  gerade  r.icht  in  Wer- 
den. Einige  weitere  Unterschiede  sind  von  Braune  noch  nicht  angeführt.  Vier- 
tens: Sächsisch,  nicht  fränkisch  ist  der  Ausfall  des  Nasals  vor  folgender  Spi- 
rans 8,  /,  th.  Nur  vereinzelt  steht  Gl.  Lips.  286  farkatha  abominabiles.  Dieß 
ist  wiederum  ein  alter  Unterschied  des  Fränkischen  und  Sächsischen,  da  letzteres 
den  Ausfall  mit  dem  Ags.  und  Fries,  theilt,  und  da  hierauf  erst  das  Zusam- 
menfallen der  drei  Personen  des  Plurals  im  Praes.  Ind.  beruht.  Der  ganze 
Unterschied  in  dem  Verhalten  des  Cott.  zu  dem  des  Mon.  in  Bezug  auf  diesen 
Punkt  besteht  darin,  daß  er  immer  findan  statt  des  öfteren  fidan  in  M.  und 
je  einmal  ander  und  andran  neben  dem  sehr  häufigen  odar  hat.  Im  Psalmeu- 
commentar  steht  muthe  76  und  findid  78.  In  den  Werdener  Eigennamen  be- 
steht allerdings  Schwanken  zwischen  -su-ind  und  -su-id.  Fünftens:  Der  Dativ 
der  /-Declination  ist  im  Alts,  in  die  Analogie  der  ja-Stärame  übergetreten 
(gestiun,  ensiium  =  fränk.  gestin,  enstin).  So  auch  im  Cott.,  nur  trahnin  5924, 
liudim  1277,  liudin  5036  sind  fränkisch.  Im  Psalmencomm.  steht  dadion  8.  11. 
Sechstens:  Nur  die  Psalmen,  nicht  die  alts.  Denkmäler  und  der  Cott.  kennen 
das  Reflexivum  sig.  sowie  die  Formen  unsig  neben  uns  und  wir  neben  u-i. 
Siebentens:  In  der  zweiten  schwachen  Conjugation  sind  die  Nebenformen  auf 
■qyan  sowohl  im  Cott.  als  im  Mon.  üblich,  fehlen  dagegen  in  den  Ps.  Dieß 
ist  wieder  eine  Annäherung  an  das  Ags.  Bei  einigen  Punkten  kann  es  zwei- 
felhaft sein,  ob  die  Abweichungen  der  Ps.  vom  Hei.  als  diabetische  oder  nur 
als  zeitliche  Unterschiede  zu  fassen  sind,  so  bei  der  Endung  des  Nom.  Acc. 
Plur.  der  Masc.  der  a-Declination  6s  (us)  =  d.  Doch  scheint  der  Abfall  des 
s  im  Fränkischen  früher  eingetreten  zu  sein  als  im  Sächsischen,  da  noch  die 
junge  Hs.  der  Freckenhorster  Rolle  es  öfter  hat,  während  die  Ps.  keine  Spur 
mehr  davon  zeigen.  Es  ist  zu  beachten ,  dass  in  allen  diesen  Punkten  sich 
das  Niederfränkische  an  das  übrige  Fränkisch,  dagegen  das  Sächsische  meist 
an  das  Fries,  und  Ags.  anschließt.  In  einer  Hinsicht  stehen  noch  die  Ps.  dem 
Mon.  und  anderen  alts.  Denkmalen  näher  als  dem  Cott.,  nämlich  darin,  daß 
noch    öfter   i   für   ä    vorkommt,   während   im    Cott.    ausnahmslos   ä    steht. 

Es  ist  demnach  wohl  klar,  wie  wenig  zweckmäßig  Heynes  Eintheilung  ist.  Es 
würde  am  gerathensten  gewesen  Bein,  beide  Dialecte  ganz  angetrennt  zu  behan- 
deln, da  der  fränkische  ja  doch  nur  durch  ein  einziges  nur  in  Trümmern  er- 
haltenes Denkmal  vertreten  ist  und  da  so  die  doch  immer  einigermaßen  ver- 
mittelnde Stellung  des  Cott.  sich  am  besten  veranschaulichen  ließ.  Da  aber 
H.  die  Lautlehre  des  Sächsischen  und  Fränkischen  nach  Beiner  Grenzbestimmung 
getrennt  behandelt,  bo  treten  die  Nachtheile  der  Eintheilung  grell  hervor.  Es 
wird  dann  unterschieden  zwischen  einem  östlichen  und  einem  westlichen  nieder- 
fränkischen Dialect  und  es  muß  dann  in  der  Regel  gesagt  werden:  im  östli- 
chen   ist    es  wie    im   Alts.,    dagegen    im    westlichen    vielfach  anders,     Zu   dem 


220     LITTERATUR:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  U.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK. 

westlichen  muß  dann  aber  das  ganze  Gebiet  gerechnet  werden,  welches  wir 
allein  fränkisch  nennen  möchten.  Es  läßt  sich  kein  sprachlicher  Grund  dagegen 
vorbringen,  daß  die  Ps.  nicht  in  dem  östlichsten  Theile  des  Fränkischen  nach 
unserer  Grenzbestimmung  entstanden  sein  könnten.  Man  erhält  öfters  durch 
die  Anordnung  Heynes  ein  verkehrtes  Bild  von  den  Verhältnissen.  So  z.  B. 
wenn  es  S.  31  heißt:  Gegenüber  vielfachem  Ausfall  des  deutschen  Nasals  im 
Altsächsischen  hält  derselbe  hier  (im  Frank.)  sich  besser,  vorzüglich  in  den 
Psalmen  ,  so  wird  niemand  danach  denken,  daß  das  Verhältniß  so  ist,  wie  wir 
es  oben  dargestellt  haben.  In  der  Flexionslehre  hat  sich  denn  auch  der  Verf. 
genöthigt  gesehen  seine  Eintheilung  ganz  aufzugeben,  Mon.  und  Cott.  zusam- 
menzufassen  und  die  Ps.  besonders  zu  behandeln. 

Was  nun  die  Lautlehre  angeht,  so  sei  es  mir  gestattet,  bei  dieser  Ge- 
legenheit auf  die  Nachtheile  der  in  unseren  Grammatiken  üblichen  Anordnung 
derselben  aufmerksam  zu  machen.  Man  pflegt  seit  J.  Grimm  eine  Zusammen- 
stellung nach  den  einzelnen  Lauten  oder  gewöhnlich  nur  nach  den  Buchstaben 
zu  geben  und  darauf  etwa  einige  allgemeine  Betrachtungen  folgen  zu  lassen. 
Es  wird  dann  dabei  z.  B.  bei  o  durcheinander  bald  davon  gehandelt,  welche 
Veränderungen  älteres  6  in  dem  behandelten  Dialect  durchgemacht  hat,  bald 
davon  ,  welchen  verschiedenen  älteren  Lauten  das  o  des  behandelten  Dialectes 
entspricht.  Letztere  Betrachtungsweise  überwiegt  aber  bei  weitem.  Nur  in 
wenigen  Grammatiken,  wie  denen  von  Sehmeiler  und  Schröer  ist  die  ältere 
Spracheinheit  zum  Ausgangspunkt  der  Darstellung  der  jüngeren  dialectischen 
Verschiedenheit  gemacht.  Und  doch  liegt  der  Vorzug  dieser  historischen  An- 
ordnung so  sehr  auf  der  Hand.  Es  wird  dadurch  möglich,  mit  Leichtigkeit  den 
Lautbestand  aller  auf  eine  gemeinsame  Wurzel  zurückgehenden  Dialecte  unter 
einander  zu  vergleichen  und  eine  klare  Anschauung  von  dem  gegenseitigen 
Verhältnisse  derselben  zu  gewinnen.  Am  allernothwendigsten  ist  es,  wenn  Pa- 
rallelgrammatiken verschiedener  Dialecte  neben  einander  gestellt  werden,  von 
dem  Lautstande  auszugehen,  auf  welchem  die  ihnen  gemeinsame  Ursprache  un- 
mittelbar vor  der  Trennung  stand.  Es  ist  z.  B.  nicht  möglich,  sich  durch  eine 
Vergleichung  von  Weinholds  alemannischer  und  bairischer  Grammatik  ein  Bild 
von  dem  lautlichen  Verhältniß  beider  Dialecte  zu  einander,  namentlich  hin- 
sichtlich der  Vocale  zu  machen,  und  eben  so  wenig  kann  man  daraus  das  ge- 
genseitige Verhältniß  der  Unterdialecte  des  Alemannischen  und  Bairischen  klar 
ersehen.  Dasselbe  gilt  von  Holtzmanns  altdeutscher  Grammatik.  Das  Ver- 
hältniß aller  einzelnen  Dialecte  zu  einander  zu  erkennen  ist  ja  aber  das  eigent- 
liche Ziel  der  wissenschaftlichen  Grammatik.  Und  gerade  dieses  Ziel  wird  ver- 
fehlt oder  mindestens  seine  Erreichung  bedeutend  erschwert,  wenn  man  bei  der 
Anordnung  den  jüngeren  Sprachstand  zu  Grunde  legt.  Außerdem  ist  dieß  Ver- 
fuhren mit  ein  Grund,  daß  man  bei  der  bloßen  Buchstabenkenntniß  stehen 
bleibt,  weil  Jede  orthographische  Verschiedenheit  besonders  behandelt  wird, 
während  das  Ausgehen  von  älterem  Sprachstande  viel  eher  zur  Erfassung  des 
Lautwerthes  führt.  Es  hängt  geradezu  aller  Fortschritt,  den  die  Behandlung 
der  deutschen  Lautlehre  machen  kann,  zum  nicht  geringen  Theile  davon  ab, 
ob  man  sich  allgemein  entschließt,  die  bisher  übliche  unzweckmäßige  Anordnung 
mit  der  einzig  zweckmäßigen  historischen  zu  vertauschen  und  ich  möchte  die 
dringende  Bitte  darum  an  alle  richten,  die  sich  an  die  Bearbeitung  irgend 
eines    älteren    oder   jüngeren  Dialectes    machen.     Für    wissenschaftliche  Zwecke 


LITTERATUR:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  U.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK.     221 

ist  dieß  eine  unbedingt  berechtigte  Forderung.  Aber  auch  für  eine  Grammatik, 
die  mehr  der  praktischen  Erlernung  dienen  soll,  wie  das  vorliegende  Buch,  ist 
es  durchaus  wünseheuswerth.  Wer  altsächsisch  lernt,  der  lernt  dieß  nicht  iso- 
liert; es  ist  vielmehr  vorauszusetzen,  daß  er  schon  vorher  gotisch  und  alt- 
hochdeutsch getrieben  hat.  Er  wird  nothwendig  eine  Beziehung  dazu  suchen, 
und  je  klarer  ihm  diese  Beziehung  ist,  um  so  leichter  wird  es  ihm,  das  Ein- 
zelne dem  Gedächtnisse  einzuprägen.  Diese  Beziehung  herzustellen  liegt  ja 
auch  durchaus  in  der  Absicht  des  Verf,  und  dieß  geschieht  am  besten,  wenn 
bei  der  Darstellung  aller  drei  Dialecte  von  dem  gemeinsamen  Grunde  ausge- 
gangen wird  Bei  der  Darstellung  der  ältesten  germanischen  Dialecte  muß  der 
Ausgangspunkt  das  Urgermanische  sein,  auf  dem  Standpunkte,  auf  dem  es  sich 
unmittelbar  vor  der  Scheidung  in  Dialecte  befand.  Freilich  ist  dieser  Stand- 
punkt noch  nicht  allseitig  bis  zur  Zweifellosigkeit  festgestellt.  Man  mag  sich 
daher,  namentlich  für  eine  mehr  praktische  Grammatik  begnügen,  das  Gothische 
zu  Grunde  zu  legen  und  dabei  auf  die  ja  nicht  so  bedeutenden  sicheren  Ab- 
weichungen desselben  vom  urgermanischen  Stande  aufmerksam  zu  machen.  Dabei 
muß  dann  aber  noch  bei  strengwissenschaftlicher  Betrachtung  für  das  Ahd., 
As. ,  Ags.  etc.  die  Zwischenstufe  des  Süd-  oder  Westgermanischen  beachtet 
werden,  welche  für  diese  Dialecte  die  nächst  höhere  Einheit  bildet,  und  die- 
jenigen Veränderungen,  welche  etwa  zwei  benachbarte  Dialecte  gemeinsam  ent- 
wickelt haben.  Auf  eine  solche  nach  den  Lauten  des  älteren  Sprachstandes 
geordnete  Darstellung  der  Lautlehre  wird  dann  sehr  zweckmäßig  eine  kurze 
Uebersicht  über  das  Verhältniß  der  jüngeren  zu  den  älteren  Lauten,  nach  den 
ersteren  geordnet,  folgen.  Durch  eine  solche  doppelte  nach  vorwärts  und  nach 
rückwärts  gehende  Betrachtung  wird  Klarheit  und  Übersichtlichkeit  erzielt, 
welche  sowohl  das  Auffaßen  als  das  Merken  bedeutend  erleichtert.  Über  die 
Vorzüge  dieses  Systems  kann  wohl  kein  Streit  sein.  Ich  würde  es  aber  ferner 
auch  für  vortheilhaft  halten,  das,  was  man  jetzt  am  Schlüsse  in  den  allgemeinen 
Betrachtungen  zu  behandeln  pflegt,  lieber  an  den  Anfang  zu  stellen.  Die  zweck- 
mäßigste Disposition  scheint  mir  folgende  zu  sein:  man  stellt  zuerst  den  Voca- 
lismus  der  nächsten  bekannten  älteren  Sprachstufe  fest,  welche  dem  zu  behan- 
delnden Dialecte  zu  Grunde  liegt;  darauf  behandelt  man  die  wichtigsten  Ver- 
änderungen des  Vocalismus,  vor  allem  diejenigen,  welche  sich  nicht  bloß  auf 
einzelne  Laute  erstrecken,  im  Zusammenhange,  und  sucht  möglichst  deren  Chro- 
nologie zu  bestimmen;  darauf  gibt  man  eine  nach  den  einzelnen  Vocalen  der 
älteren  Stufe  geordnete  Darstellung  von  dem  Vocalismus  des  jüngeren  Dialectes 
und  schließt  endlich  daran  eine  nach  den  Vocalen  des  letzteren  geordnete  Über- 
sicht über  das  Verhältniß  zum  älteren  Spruchstande ;  dasselbe  gilt  dann  vom 
Consonantismus. 

Was  nun  Heyne's  Verfahren  in  Bezug  auf  diesen  Funkt  betrifft,  so  folgt 
er  in  der  Darstellung  des  Consonantismus  der  üblichen  Anordnung  nach  dem 
jüngeren  Lautstande,  bei  dein  Vocalismus  dagegen  geht  er  von  der  älteren 
Sprachstufe  aus,  verfällt  aber  dabei  in  einen  anderen,  ganz  entgegen^esetztm 
und  nicht  minder  nachtheiligen  Fehler,  indem  er  nullt  vom  urgerraanhehen, 
sondern  vom  indogermanischen  Lantetande  ausgeht,  ein  Verfahren,  welches  tun 
so    schädlicher    ist,    je    leichter    es     in    diu    Augen     des    Unkundigen    den    Schein 

großer  Gründlichkeil  erweckt,  weil  so  weit  ah  möglich  zurückgegangen  ist.  Bin 
solches    Zurückgehen    auf  die    letzten    Grundlagen    isl    aber    nur    dann    wissen- 


222     MTTERA.TUR:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  l\  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK. 

schaftlich,  wenn  alle  Zwischenstufen  der  Eutwickeluug  sorgfältig  beachtet  werden. 
Die  Hauptzwischenstation  zwischen  dem  Indogermanischen  und  dem  Alts,  ist 
das  Gemeingermanische.  Uni  dessen  Laute  und  Flexionen  festzustellen,  brauchen 
wir  das  Indogermanische.  Wenn  aber  einmal  das  Gemeingermanische  aus  dem 
Indogermanischen  abgeleitet  ist,  so  geht  uns  letzteres  nichts  mehr  an,  die  ein- 
zelnen germanischen  Dialecte  müssen  aus  dem  ersteren  abgeleitet  werden.  Eine 
Zusammenstellung  des  altsächsischen  Lautstandes  mit  dem  indogermanischen 
kann  uns  ebenso  wenig  befriedigen  wie  die  des  neuhochdeutschen  mit  dem  go- 
tischen. Wir  wollen  nicht  bloß  wissen,  wie  ein  Wort  einmal  früher  gelautet 
hat,  sondern  wie  sich  seine  Gestalt  allmählich  entwickelt  hat.  Es  kommt  darauf 
an,  immer  erst  die  nächst  ältere  Stufe,  den  nächstverwandten  Dialect  zu  ver- 
gleichen und  so  allmählich  zu  einer  immer  höheren  Spracheinheit  aufzusteigen. 
Wenn  dieß  strengwissenschaftliche  Verfahren  zu  schwierig  schien ,  so  wäre  es 
jedenfalls  nützlicher  gewesen,  einfach  von  den  gotischen  Vocalen  auszugehen. 
Nach  des  Verf.  Darstellung  sieht  es  gerade  so  aus  als  ob  alle  vocalischen 
Veränderungen  seit  der  indogermanischen  Periode,  etwa  die  Ersatzdehnung  aus- 
genommen, erst  nach  der  Trennung  der  germanischen  Dialecte  in  jedem  ein- 
zelnen Dialecte  selbständig  eingetreten  seien.  Das  Verhältniß  des  Alts,  zu  den 
übrigen  germanischen  Dialecten,  worauf  es  auch  dem  Anfänger  besonders  an- 
kommen muß,  ersieht  man  fast  gar  nicht.  Da  heißt  es  z.  B.  (S.  6):  kurzes  a 
ist  vielfach  beeinträchtigt  durch  Verdünnung  zu  i  und  Verdumpfung  zu  u.  Aber 
die  Verwandlung  zu  i  und  u  beruht  doch  darauf,  daß  a  in  diesen  Fällen,  wie 
die  vollkommene  Übereinstimmung  sämmtlicher  germanischen  Dialecte  beweisf, 
bereits  im  Urgermanischen  wenigstens  bis  zu  e  und  o  verändert  war.  Ja  e  ist 
zum  großen  Theil  bereits  von  allen  europäischen  Familien  entwickelt  worden. 
Mit  dieser  uralten  Modiücation  des  a  wird  nun  aber  vom  Verf.  der  weit  jün- 
gere Umlaut  des  a  auf  eine  Stufe  gestellt.  Muß  das  nicht  den  Lernenden  ver- 
wirren? Aus  einem  solchen  Verfahren  erklärt  es  sich  denn  auch,  wie  H.  zu  der 
Ansicht  kommt,  das  a  im  Gen.  und  Dat.  Sing,  der  a-Declination  (fiskas,  finka) 
sei  noch  das  alte  indogermanische.  Der  Versuch  aus  der  Vergleichung  der 
übrigen  Dialecte  die  urgermanischen  Formen  zu  reconstruieren,  würde  klar  ge- 
macht haben,  daß  als  solche  für  den  Gen.  -es  anzusetzen  ist.  Ja  das  e  scheint 
schon  gemeinsam  mit  dem  Slav.  und  Lit.  entwickelt  zu  sein.  Denn  als  Grund- 
form für  alle  drei  Familien  haben  wir  essa  (aus  indog.  asja)  anzusetzen,  wie 
die  Pronominalformen  altpreußisch  stessai,  altbulgarisch  ceso  beweisen.  Im  Dat. 
steht  das  Got.  mit  a  vereinzelt  dem  e  (i)  der  übrigen  Dialecte  gegenüber. 
Das  a  des  Alts  ist  erst  wieder  aus  e  entstanden  wie  im  Bairischen  des  9.  Jahrh. 
und  wie  in  vielen  neueren  ober-  und  mitteldeutschen  Mundarten.  Dasselbe  gilt 
vom  Nom.  und  Acc.  Plur.  der  Adjectiva  {blinda  neben  blinde)  und  dem  Conj. 
Präs.  der  starken  Verba  und  der  ersten  schwachen  Conjugation  (falla,  neria 
neben  falle,  nerie),  wo  die  Übergangsstufen  sind  ai,  <\  e,  a.  Auch  hier  stellt 
Heyne  die  Formen   mit  a  voran. 

Gehen  wir  nun  etwas  auf  das  Einzelne  der  Lautlehre  ein.  H.  stellt  S.  4 
jedenfalls  auf  Grund  der  Forschungen  von  J.  Schmidt  (Zur  Geschichte  des  in- 
dogermanischen Vocalismusi  den  Satz  auf,  daß  <.?  und  ö  durch  Ersatzdehnung 
aus  kurzem  a  und  u  entstanden  seien.  Dieß  darf  aber  nicht  ganz  allgemein 
hingestellt  werden.  Während  allerdings  gewöhnlich  indogermanischem  a  ein  6 
entspricht,    zeigt   eine   Anzahl  von    Wörtern   &,    goth.   e.    Ich    führe    nur    einige 


LITTERATER:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  TJ.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK.     223 

Wörter  an,  in  denen  ganz  sicher  altes,  nicht  erst  durch  Eisatzdehnung  oiier 
Nasalierung  entstandenes  d  zu  Grunde  liegt:  goth.  jers  —  altbulg.  jan'i ,  zend 
yäre,  griech.  ww;  ahd.  wäri  =  lat.  venis  (cf.  altbulg.  vöra  fides);  ahd.  sämo  = 
lat.  semen,  altb.  sfmr,  lit.  semü]  ahd.  mdgro  =  griech.  (*ijxwv\  goth.  deds  = 
altb.  dctf;  ahd.  s/rd/w  =  altb.  strt'/a;  goth.  »perfs  zu  vergleichen  mit  dem  lit. 
spkas  (iVIuße);  goth.  mers  =  altb.  -wer«  und  lateinisch  -  keltisch  -munts  in 
Eigennamen;  Heynes  Ableitung  des  letzteren  aus  dein  reduplicierteu  Stamme 
mamri  wird  durch  diese  Vergleichung  zurückgewiesen ;  dem  lateinischen  mernor 
entspricht  übrigens  altn.  Mimir;  Grimm  vergleicht  auch  (Gesch.  d.  deutsch. 
Sprache  865)  ags.  mimor,  meomor,  gemimor,  welches  er  aber  nur  aus  Somner 
entnommen  zu  haben  scheint.  Ebenso  gibt  es  lange  ü,  die  nicht  aus  Ersatz- 
dehnung entstanden  sind,  z.  B.  ahd.  müs  =■  lat.  müs,  altb.  my§t\  ahd.  su  ■= 
lat.  sus,  gr.  avs ;  alts.  kud  =  lat.  cutis.  Die  Ableitung  von  ttiv  aus  tiuhan  ist 
doch  höchst  problematisch,  da  sie  nur  auf  der  ganz  modernen  Redensart  'einen 
Zaun  ziehen    beruht. 

Der  Verf.  hält  ferner  an  der  alten,  längst  widerlegten  Ansicht  von  Th. 
Jacobi  fest,  daß  die  Scheidung  von  goth.  ei  und  r/v*,  von  iu  und  an  schon  auf 
die  indogermanische  Periode  zurückzuführen  sei,  in  der  Weise,  daß  ei  und  iu 
als  die  Dehnung,  ai  und  au  als  die  Steigerung  von  i  und  u  aufzufassen  seien. 
Man  muß  allen  Respect  haben  vor  den  Untersuchungen  Jacobis.  Aber  H. 
scheint  sich  gerade  etwas  Verfehltes  daraus  herausgesucht  zu  haben,  während 
er  andere  richtige  Aufstellungen  desselben  unberücksichtigt  läßt.  Es  sind  an 
und  iu  beide  auf  indogerm.  au  zurückzuführen,  ebenso  ai  und  ei,  soweit  letzteres 
nicht  durch  Contraction  aus  ji  oder  durch  Ersatzdehnung  aus  in,  im  entstanden 
ist.  Die  Scheidung  hat  sich  erst  in  einer  jüngeren  Zeit  vollzogen,  ganz  analog 
der  Spaltung  von  einfachem  a  ausserhalb  des  Diphthonges  in  a  und  e  fr).  Es 
verhält  sich  beita  zu  baif,  giuta  zu  gaut  gerade  wie  giba  zu  gaf.  Hierbei  kommt 
nicht  in  Betracht,  daß  allerdings  indogerm.  ai  und  au  sehr  wahrscheinlich  auf 
ursprüngliches  i  und  ü  zurückgehen  und  daß  einzelne  solche  Diphthongisie- 
rungen  von  i  und  ü  noch  in  der  späteren  Entwickelung  der  verschiedenen  in- 
dogermanischen Sprachen  erfolgt  sind,  wie  dieß  namentlich  durch  J.  Schmidt 
überzeugend  dargethan  ist.  Denn  wir  haben  darum  immer  die  Zwischenstufen 
anzusetzen:  ü  —  au  —  en  —  iu;  t  —  ai  —  ei  —  ii,  welches  dann  natürlich 
zu  i  contiahiert  werden  mußte,  welchen  Laut  das  gothische  ei  bezeichnet,  wäh- 
rend iu  wegen  der  Verschiedenheit  seiner  Bestandteile  nicht  so  leicht  der 
Contraction  ausgesetzt  war.  Durch  seine  Theorie  wird  IL  verleitet  das  ü,  wel- 
ches schon  öfter  in  den  Ps.  statt  iu  erscheint,  für  alterthiünlich  zu  halten 
(S.  16).  Danach  verträte  z.  B.  nüwi  einen  älteren  Lautstand  als  niuwi  im  Hei. 
und  goth.  niujis,  während  doch  bekanntlich  das  Wort,  wie  die  Vergleichung 
aller  Sprachfamilien  zeigt,  auf  die  Grundform  navjas  =  skr.  zurückgeht.  Es 
ist  klar,  daß  wir  in  den  Ps.  den  Anfang  zu  der  später  im  Niederdeutschen 
allgemein  durchdringenden  Contraction  von  iu  zu  <  vor  uns  haben.  Zu  Heynes 
Beispielen  füge  ich  noch:  hundesßuga  cinomyia  gl.  Lips.  592;  fhuuue,  thuuuon 
ancillae  ib.   936,   7:   alhnti  Mies  aluhti)  illumina   il>.    15. 

H.  hält  goth.  i  und  u  durchgängig   für   älter   als   ahd.  e  und  n.     Ich    möchte 
wissen,   welche  Gründe  er  hat  an  dieser  Ansicht  festzuhalten  gegen   die  enl 
gengesetzte  von    Curtius    und    Müllenhoff,  deren   er   mit    k.-inciri  Worte   gedenkt, 
daß  ahd.  e  und  o,  soweit  sie  aus  indogerm.  a  entstanden  Bind,  eine   weil   ältere 


222     UTTERATUR:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  C.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK. 

schaftlieh,  wenn  alle  Zwischenstufen  der  Eutwickelung  sorgfältig  beachtet  werden. 
Die  Hauptzwischenstation  zwischen  dem  Indogermanischen  und  dem  Alts,  ist 
das  Gemeingermanische.  Um  dessen  Laute  und  Flexionen  festzustellen,  brauchen 
wir  das  Indogermanische.  Wenn  aber  einmal  das  Gemeingermanische  aus  dem 
Indogermanischen  abgeleitet  ist,  so  geht  uns  letzteres  nichts  mehr  an,  die  ein- 
zelnen germanischen  Dialecte  müssen  aus  dem  ersteren  abgeleitet  werden.  Eine 
Zusammenstellung  des  altsächsischen  Lautstandes  mit  dem  indogermanischen 
kann  uns  ebenso  wenig  befriedigen  wie  die  des  neuhochdeutschen  mit  dem  go- 
tischen. Wir  wollen  nicht  bloß  wissen,  wie  ein  Wort  einmal  früher  gelautet 
hat,  sondern  wie  sich  seine  Gestalt  allmählich  entwickelt  hat.  Es  kommt  darauf 
an,  immer  erst  die  nächst  ältere  Stufe,  den  nächstverwandten  Dialect  zu  ver- 
gleichen und  so  allmählich  zu  einer  immer  höheren  Spracheinheit  aufzusteigen. 
Wenn  dieß  strengwissenschaftliche  Verfahren  zu  schwierig  schien ,  so  wäre  es 
jedenfalls  nützlicher  gewesen,  einfach  von  den  gotischen  Vocalen  auszugehen. 
Nach  des  Verf.  Darstellung  sieht  es  gerade  so  aus  als  ob  alle  vocalischen 
Veränderungen  seit  der  indogermanischen  Periode,  etwa  die  Ersatzdehnung  aus- 
genommen, erst  nach  der  Trennung  der  germanischen  Dialecte  in  jedem  ein- 
zelnen Dialecte  selbständig  eingetreten  seien.  Das  Verhältniß  des  Alts,  zu  den 
übrigen  germanischen  Dialecten,  worauf  es  auch  dem  Anfänger  besonders  an- 
kommen muß,  ersieht  man  fast  gar  nicht.  Da  heißt,  es  z.  B.  (S.  6):  kurzes  a 
ist  vielfach  beeinträchtigt  durch  Verdünnung  zu  i  und  Verdampfung  zu  u.  Aber 
die  Verwandlung  zu  i  und  u  beruht  doch  darauf,  daß  (i  in  diesen  Fällen,  wie 
die  vollkommene  Übereinstimmung  sämmtlicher  germanischen  Dialecte  beweisf, 
bereits  im  Urgei  manischen  wenigstens  bis  zu  e  und  o  verändert  war.  Ja  e  ist 
zum  großen  Theil  bereits  von  allen  europäischen  Familien  entwickelt  worden. 
Mit  dieser  uralten  Modification  des  a  wird  nun  aber  vom  Verf.  der  weit  jün- 
gere Umlaut  des  a  auf  eine  Stufe  gestellt.  Muß  das  nicht  den  Lernenden  ver- 
wirren? Aus  einem  solchen  Verfahren  erklärt  es  sich  denn  auch,  wie  H.  zu  der 
Ansicht  kommt,  das  a  im  Gen.  und  Dat.  Sing,  der  a-Declination  (fiskas,  fiska) 
sei  noch  das  alte  indogermanische.  Der  Versuch  aus  der  Vergleichung  der 
übrigen  Dialecte  die  urgermanisehen  Formen  zu  reconstruieren,  würde  klar  ge- 
macht haben,  daß  als  solche  für  den  Gen.  -es  anzusetzen  ist.  Ja  das  e  scheint 
schon  gemeinsam  mit  dem  Slav.  und  Lit.  entwickelt  zu  sein.  Denn  als  Grund- 
form für  alle  drei  Familien  haben  wir  essa  (aus  indog.  asja)  anzusetzen,  wie 
die  Pronominalformen  altpreußisch  stessai,  altbulgarisch  ceso  beweisen.  Im  Dat. 
steht  das  Got.  mit  a  vereinzelt  dem  e  (i)  der  übrigen  Dialecte  gegenüber. 
Das  a  des  Alts  ist  erst  wieder  aus  e  entstanden  wie  im  Bairischen  des  9.  Jahrb. 
und  wie  in  vielen  neueren  ober-  und  mitteldeutschen  Mundarten.  Dasselbe  gilt 
vom  Nom.  und  Acc.  Plur.  der  Adjectiva  (blinda  neben  blinde)  und  dem  Conj. 
Präs.  der  starken  Vevba  und  der  ersten  schwachen  Conjugation  (fallet,  neria 
neben  falle,  nerie),  wo  die  Übergangsstufen  sind  ai,  <\  e,  n.  Auch  hier  stellt 
Heyne  die  Formen   mit  o  voran. 

Gehen  wir  nun  etwas  auf  das  Einzelne  der  Lautlehre  ein.  H.  stellt  S.  4 
jedenfalls  auf  Grund  der  Forschungen  von  J.  Schmidt  (Zur  Geschichte  des  in- 
dogermanischen Voealisinus  den  Satz  auf,  daß  ä  und  !>  durch  Ersatzdehnung 
aus  kurzem  a  und  u  entstanden  seien.  Dieß  darf  aber  nicht  ganz  allgemein 
hingestellt  werden.  Während  allerdings  gewöhnlich  indogermanischem  u  ein  0 
entspricht,    zeigt   «-ine   Anzahl   von    Wörtern   &,    goth.   >'.    Ich    führe     nur    einige 


LITTERATFR:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  U.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK.     22'.) 

Wörter  au,  in  denen  ganz  sicher  altes,  nicht  eist  durch  Ersatzdehnung  oder 
Nasalierung  entstandenes  a  zu  Grunde  liegt:  goth.  jers  altbulg.  jarü,  zend 
yare,  griecli.  ÜQa;  ahd.  wärt  =  lat.  verus  fcf.  altbulg.  vära  fidcs);  ahd.  mmo  = 
lat.  semen,  altb.  sf'mr,  lit.  eemü\  nhd.  m&go  =  griech.  fjiqxw]  goth.  deds  = 
altb.  </nV;  ahd.  slräla  =  altb.  s/rrta;  goth.  speds  zu  vergleichen  mit  dein  lit. 
spetas  (.Muße);  goth.  mers  =  altb.  -mh-n  und  lateinisch  -  keltisch  -mdrua  in 
Eigennamen;  Heynes  Ableitung  des  letzteren  aus  dein  reduplicierten  Stamme 
mannt  wird  durch  diese  Vergleichung  zurückgewiesen;  dem  lateinischen  mernor 
entspricht  übrigens  altn.  Mimir;  Grimm  vergleicht  auch  (Gesch.  d.  deutsch. 
Sprache  865)  ags.  mimor ,  meomor,  gemimor,  welches  er  aber  nur  aus  Somner 
entnommen  zu  haben  scheint.  Ebenso  gibt  es  lange  u,  die  nicht  aus  Ersatz- 
dehnung entstanden  sind,  z.  1».  ahd.  mtis  =  lat.  rnüs,  altb.  my§l\  ahd.  su  -= 
lat.  sus,  gr.  oi^  •  alts.  hüd  =  lat.  cutis.  Die  Ableitung  von  tun  aus  tiuhan  ist 
doch  höchst  problematisch,  da  sie  nur  auf  der  ganz  modernen  Redensart  einen 
Zaun   ziehen    beruht. 

Der  Verf.  hält  ferner  an  der  alten,  längst  widerlegten  Ansicht  von  Th. 
Jacobi  fest,  daß  die  Scheidung  von  goth.  ei  und  ai,  von  iu  und  an  schon  auf 
die  indogermanische  Periode  zurückzuführen  sei,  in  der  Weise,  daß  ei  und  iu 
als  die  Dehnung,  ai  und  au  als  die  Steigerung  von  i  und  u  aufzufassen  seien. 
Man  muß  allen  Respect  haben  vor  den  Untersuchungeu  Jacobis.  Aber  H. 
scheint  sich  gerade  etwas  Verfehltes  daraus  herausgesucht  zu  haben,  während 
er  andere  richtige  Aufstellungen  desselben  unberücksichtigt  läßt.  Es  sind  au 
und  iu  beide  auf  indogerm.  au  zurückzuführen,  ebenso  ai  und  ei,  soweit  letzteres 
nicht  durch  Contraction  aus  ji  oder  durch  Ersatzdehnung  aus  in,  im  entstanden 
ist.  Die  Scheidung  hat  sich  erst  in  einer  jüngeren  Zeit  vollzogen,  gauz  analog 
der  Spaltung  von  einfachein  a  ausserhalb  des  Diphthonges  in  a  und  e  Cr).  Es 
verhält  sich  beita  zu  Laif,  giuta  zu  gant  gerade  wie  giba  zu  gaf.  Hierbei  kommt 
nicht  in  Betracht,  daß  allerdings  indogerm.  ai  und  au  sehr  wahrscheinlich  auf 
ursprüngliches  \  und  a  zurückgehen  und  daß  einzelne  solche  Diphthongisie- 
rungen  von  i  und  u  noch  in  der  späteren  Entwicklung  der  verschiedenen  in- 
dogermanischen Sprachen  erfolgt  sind,  wie  dieß  namentlich  durch  J.  Schmidt 
überzeugend  dargethan  ist.  Denn  wir  haben  darum  immer  die  Zwischenstufen 
anzusetzen:  ö  —  au  —  eu  —  iu;  i  —  ai  —  ei  —  ii ,  welches  dann  natürlich 
zu  /  contrahiert  werden  mußte,  welchen  Laut  das  gothischc  ei  bezeichnet,  wäh- 
rend in  wegen  der  Verschiedenheit  seiner  Bestandteile  nicht  so  leicht  der 
Contraction  ausgesetzt  war.  Durch  seine  Theorie  wird  II.  verleitet  das  ß,  w.-l 
ches  schon  öfter  in  den  Ps.  statt  iu  erscheint,  für  alterthümlich  zu  halten 
S.  1  *i  .  Danach  verträte  z.  B.  nüuri  einen  älteren  Lautstand  als  niuwi  im  Hei. 
und  goth.  niujia,  während  doch  bekanntlich  da-  Wort,  wie  die  Vergleichung 
aller  Sprachfamilien  zeigt,  auf  die  Grundform  navjas  =£  skr.  zurückgeht.  Es 
ist  klar,  daß  wir  in  den  Ps.  den  Anfang  zu  der  später  im  Niederdeutschen 
allgemein  durchdringenden  Contraction  von  iu  zu  fi  vor  uns  haben.  Zu  Heynes 
Beispielen  füge  ich  noch:  hundeafluga  cinomyia  gl.  Lips.  592;  fhumie,  thuuuon 
ancillae   ib.   936,   7:  alhnti    lies  aluhti    illumina   ib.    15. 

II.  hält  goth.  i  and  u  durchgängig   für  älter  als  ahd.  >■  und  o.    Ich   möchte 
wissen,   welche  Gründe  er  hat  an  «lieser  Ansieht   festzuhalten  gegen  die  enl 

•  ••■•   wui    Curtius    und    Müllenhoff,  deren  er  mit   keinem  Worte  gedenkt, 
daß  ahd.  e  und  o(  Boweit  sie  aus  indogerm.  a  entstanden   sind,  eine   w.it   ältere 


224     LITTERATUR:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  U.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK. 

Lautstufe  repräsentieren,  durch  die  auch  das  Gothische  hindurchgegangen  ist. 
Die  im  Mon.  so  häufige  Verwandlung  des  a  zu  e  und  des  o  zu  a  in  Flexions- 
silben hätte  doch  jedenfalls  in  der  Grammatik  erwähnt  werden  müssen,  wenn 
man  sie  auch  nicht  dem  Originale  des  Hei.  zuweist.  Zu  den  Spuren  des  Um- 
lautes S.  17  füge  ich  geuuilitte  (=  gevuilithe)  abundantia  gl.  Lips.  523  und 
neruoiki  ib.  704.  Der  Verf.  hält,  wie  freilich  die  meisten  deutschen  Gramma- 
tiken, <'■  für  zusammengezogen  aus  ahd.  ia  z.  B.  in  href  meda*)  (S.  13),  wäh- 
rend umgekehrt  ia  aus  e  entstanden  ist,  wie  uo  aus  6,  was  schon  längst  Ja- 
cobi  eingesehen  hat.  Inwiefern  ie  in  hie,  fhie  etc.  aus  iu  geschwächt  sein  soll, 
welches  noch  in  ihhi,  thius  voll  erhalten  sei  (S.  18),  darüber  möchte  ich  denn 
doch   den   Verf.   noch   um   einige  nähere  Auskunft  bitten. 

Was  die  Consonanten  angeht,  so  bemerke  ich  zunächst  zu  S.  20,  daß 
Ps.  1 — 3  nicht  von  einem  Uebersetzer  herrühren,  der  an  der  Grenze  des  mit- 
telfränkischen Gebietes  seine  Heimat  hatte,  sondern  daß  sie  überhaupt  mittel- 
fränkisch sind  nach  der  Begrenzung  dieses  Dialectes,  wie  sie  von  Braune  in 
der  oben  citierten  Abhandlung  gegeben  ist.  Im  ganzen  ist  die  Darstellung  des 
Consonantismus  entschieden  besser  als  die  des  Vocalismus.  Ein  Fortschritt  gegen 
die  meisten  früheren  Grammatiken  zeigt  sich  namentlich  darin,  daß  der  Verf. 
zwischen  Aspiraten  und  Spiranten  zu  scheiden  weiß  und  th,  d  und  h  richtig 
zu  der  letzteren  Classe  zählt.  S.  21  wird  mit  Recht  aus  der  Allitteration  und 
aus  der  Schreibung  g  und  gl  für  j  gefolgert,  daß  g  im  Anlaut  als  Spirant  zu 
fassen  ist,  mit  Unrecht  aber  wird  dieselbe  für  den  In-  und  Auslaut  in  Zweifel 
gezogen.  Ich  verweise  hierüber,  sowie  überhaupt  über  das  Verhältniß  der  Spi- 
ranten und  Medien  auf  meine  Abhandlung  zur  Lautverschiebung  in  den  Bei- 
trägen zur  Gesch.  der  deutschen  Sprache  I,  S.  147  ff.  Ich  bemerke  noch  daß 
g  vor  harten  Vocalen  (a,  o,  u)  als  gutturale  (wie  in  nhd.  sagen),  vor  weichen 
(«,  i)  als  palatale  Spirans  (wie.  in  nhd.  legen)  ausgesprochen  zu  sein  scheint. 
Deshalb  wird  zur  Bezeichnung  der  alten  palatalen  Spirans  j  vor  weichen  Vocalen 
einfach  g  (ger,  gihit) ,  vor  harten  gi  (giamar,  giungaron)  verwendet.  Dieselbe 
Bedeutung  wie  gi  im  Anlaut  hat  ge  im  Inlaut,  welches  nur  nach  Vocalen  an- 
gewendet wird :  sirfdgean,  uualcogeandi.  Daß  dieß  ge  nicht  auch  nach  Consonanten 
für  j  geschrieben  wird,  hat,  seinen  Grund  darin,  daß  hier  j  seine  ursprüngliche 
vocalische  Natur  noch  nicht  eingebüßt  hat,  wie  das  Schwanken  der  Schreibung 
zwischen  i  und  e  (hebbian-Jiebbean)  beweist,  während  umgekehrt  der  Eintritt  des 
g,  gi,  ge  im  Anlaut  und  inlautend  zwischen  Vocalen  beweist,  daß  in  diesen 
Stellungen  das  vocalische  Element  des  j  verloren  gegangen  war.  Wenn  H.  von 
der  'zum  Theil  noch  bestehenden  gutturalen  Aussprache  des  g  spricht  ,  so  ist 
das  ein  unpassender  Ausdruck ;  denn  er  meint  doch  wohl  die  Aussprache  des 
g  als  Verschlußlaut.  Für  diese  im  Auslaut  sprechen  aber  nicht  gh  und  ch,  und 
c  ist  zu  vereinzelt.  Dagegen  spricht  für  die  spirantische  Aussprache  des  g  im 
Auslaute,  daß  es  häufig  für  //  geschrieben  wird  (z.  B.  mag  C.  1720,  ebenso 
vor  t  magiig  C.  423,  1378,  almahtigna  C.  416),  welche  Schreibung  II.  mit 
Unrecht  S.  29  als  eine  wirkliche  lautliche  Wandlung  des  h  in  g  fasst,  wie  im 
Inlaut,  z.  B.  in  gesagon.  H.  meint,  daß  sich  in-  und  auslautendes  //  zu  g 
verhärte,  wieder  ein  sehr  unangemessener  Ausdruck.  Wenn  man  die  Aus- 
drücke 'hart'  und  'weich'   beibehält,   so  sollte-   man   doch   immer  einen   bestimm- 


*)  In  seinem  Hol.  setzt  H.  merkwürdigerweise  meda  an,  ebenso  her  —  ahd.  Mar1, 


LITTERATUR:  M.  HEYNE,  KLEINE  ALTS.  U.  ALTNIEDFR.  GRAMMATIK.     225 

ten  Begriff  damit  verbinden,  und  mit  "weich  die  tönenden  und  die  wenigstens 
nach  Brücke  mit  Flüsterstimine  gesprochenen  Consonauten  bezeichnen ,  mit 
hart  dagegen  die  tonlosen.  Danach  aber  ist  der  Übergang  von  h  in  g  nicht 
eine  Verhärtung,  sondern  eine  Erweichung.  H.  liebt  überhaupt  solche  unklaren 
bildlichen  Bezeichnungen,  wodurch,  wie  es  scheint,  eine  stylistische  Abwechslung 
erzielt  werden  soll ,  die  aber  nur  dazu  dienen,  die  Anschauung  von  den  laut- 
lichen Vorgängen  zu  verwirren.  H.  bezweifelt  S.  24,  daß  nach  Ausfall  des 
Nasals  vor  s,  th ,  /  der  vorhergehende  Vocal  verlängert  sei.  Für  das  Angel- 
sächsische findet  er  in  seiner  Grammatik  der  altgermanischen  Sprachstämme 
die  Verlängerung  wahrscheinlicher;  das  Neueuglische  spricht  hier  entschieden 
dafür.  Aber  welchen  Grund  haben  wir  in  diesem  Punkte  eine  Scheidung  zwi- 
schen Alts,  und  Ags.  zu  machen.  Der  Vorgang  ist  doch  in  den  beiden  nahe 
verwandten  Dialecten  ganz  derselbe  und  es  besteht  sicher  darin  ein  historischer 
Zusammenhang  zwischen  beiden.  Daß  der  Vocal  noch  Nasalklang  gehabt  hat, 
ist  möglich,  aber  darum  war  er  doch  schon  lang,  und  nach  dem  Verluste  der 
Nasalierung  wäre  keine  Veranlassung  mehr  gewesen  ihn  zu  verlängern.  Die 
Länge  wird  klar  bewiesen  durch  das  suotk  des  Cott.  und  durch  das  neunieder- 
deutsche gaus  Gans,  welches  auf  ein  altes  gas  zurückgeht,  wie  faul  auf  föt. 
S.  30  sieht  der  Verf.  in  forihUi  und  ammathta  den  Übergang  der  gutturaleu 
in  die  dentale  Spirans  wohl  nach  Analogie  von  altengl.  Icnijd;  gewiß  aber  haben 
wir  darin  nichts  anderes  zu  sehen  als  eine  in  alt-  und  mittelhochdeutschen  Hss. 
häufige  verkehrte  Stellung  von  th,  wie  sicher  in  Irliothe,  wozu  dann  nur  noch 
eine  Wiederholung  des  t  hinter  dem  h   kommt. 

Was  die  Flexionslehre  betrifft,  so  wird  sich  nicht  viel  gegen  die  Zusam- 
menstellung der  Formen  sagen  lassen,  die  ziemlich  reichhaltig  und  genau  ist, 
aber  desto  mehr  gegen  die  sprachwissenschaftlichen  Aufstellungen  des  Verf.  Er 
hätte  überhaupt  viel  besser  gethan ,  wenn  er  sich  rein  auf  das  Factische  be- 
schränkt hätte  und  alle  Erklärungsversuche  und  Zurückführuugen  auf  die  ur- 
sprünglichen Formen  unterlassen  hätte.  Es  gilt  dieß  namentlich  von  der  Decli- 
uation.  H.  scheint  zu  glauben,  daß  es  ein  sehr  wissenachaftliches  Verfahren 
sei,  wenn  er  überall  den  Stamm  mit  dem  ursprünglichen  Auslaute,  den  derselbe 
im  Indogermanischen  hatte,  aufführt  und  dann  auseinandersetzt,  wie  sich  zu 
demselben  die  verschiedenen  Casus  verhalten.  Solche  Aufstellungen  von  Stäm- 
men haben  aber  eine  reelle  Bedeutung  nur  für  die  indogermanische  Ursprache, 
wenn  es  sich  darum  handelt,  die  ursprüngliche  Zusammensetzung  aus  Stamm 
und  Flexionsendung  nachzuweisen.  In  die  Einzelsprachen  sind  keine  Stämme 
und  Endungen,  sundein  nur  fertige  Wörter  übergegangen,  in  denen  Stamm  und 
Flexion  untrennbar  verbunden  sind.  Aus  diesen  fertigen  Wörtern  entwickeln 
sich  die  Formen  der  Einzelsprachen,  theils  durch  rein  lautliche  Veränderungen, 
theils  durch  Analogiebildungen.  Nachzuweisen,  wie  dieß  geschieht,  das  ist  die 
Aufgabe  der  wissenschaftlichen  Grammatik.  Davon  findet  sich  nun  aber  bei  II 
nichts.  Statt  dessen  heißt  es  etwa:  in  dem  Casus  ist  der  Stammlaut  voll  er- 
halten, in  dem  zu  e  geschwächt,  in  dem  verlängert,  m  dem  geschwunden 
Solche  Bemerkungen  haben  nicht  den  geringsten  Werth,  damit  ist  durchaus  gar 
nichts   erklärt.    Es    ist    damit    zum    mit  dei     Kaum    nutzlos   verschwendet. 

Aber  sie  haben  geradezu  einen  schädlichen  Einfluß,  indem  der  Unkundige  sich 
einbildet,  es  seien  damit  die  Formen  erklärt.  Bin  paar  Mal,  wo  der  Verf.  einen 
Ansatz   zu  wirklicher  Erklärung   macht,   gel  ten  Verkehrtheiten, 

GERMANIA.  Neue  Keilie.  VU.  (XU.  Jahrg.)  15 


226     LITTERATUR:  M.   HEYNE.  KLEINE  ALTS.  IT.  ALTN1EDFR.   GRAMMATIK. 

so  wenn  er  S.  70  den  Übergang  von  a  in  u  in  Neutr.  PI.  der  a-Declination 
(fahi)  aus  Einfluß  eines  Nasals  unter  Vergleichung  der  specifisch  sauskritischen 
Endung  -äni  ableitet,  während  doch  für  die  europäischen  Sprachen  sicher  die 
Grundform  -a  anzusetzen  ist,  und  während  anderseits  der  Übergang  des  kurzen 
auslautenden  a  in  u  nach  einem  ziemlich  durchgreifenden  Lautgesetze  in  allen 
germanischen  Sprachen,  soweit  sie  nicht  wie  das  Gotische  früh  ausgestorben 
sind,   erfolgt  ist. 

Noch  einige  einzelne  Bemerkungen.  In  Bezug  auf  die  Zusammenziehung  der 
reduplicierten  Präterita  (htld,  let)  stellt  der  Verf.  wieder  die  landläufige  Ansicht 
auf,  wiewohl  das  Richtige  von  Scherer,  Zur  Geschichte  S.  10  ff.  und  schon  längst 
von  Jacobi,  Beitr.  S.  60  ff.  gezeigt  ist,  daß  lelt,  nicht  leet  als  Zwischenstufe 
anzusetzen  ist.  —  S.  37  ist  hawan  unrichtig  in  Classe  I  der  reduplicierenden 
Verba  gestellt,  es  gehört  in  Classe  V  (Wurzel  ku);  das  praet.  ist  heu  anzu- 
setzen. Ebenso  ist  hreuuan  nicht  in  Classe  II,  sondern  in  V  der  ablautenden 
Verba  zu  stellen.  —  Wie  kommt  H.  dazu,  dem  Verbum  odan  die  Bedeutung 
'zeugen'  beizulegen?  —  Es  ist  nicht  ein  starkes  giflihan  anzusetzen,  sondern 
ein  schwaches  giflihean  =  ahd.  flehjan.  —  Die  3.  sg.  geht  in  den  Ps.  wohl 
nicht  bloß  in  manchen  Beispielen  (S.  50),  sondern  in  allen  auf  t  aus.  —  Das 
o  in  der  zweiten  schwachen  Conjugation  ist  in  den  Ps.  nicht  mehr  als  lang 
anzusetzen,  da  es  mit  allen  anderen  Vocalen  wechselt. 

Die  Reste  consonantischer  Declination  vom  Femininis  hat  H.  gänzlich 
verkannt,  indem  er  sie  einfach  unter  die  ^-Declination  stellt  S.  75.  Es  ist 
klar,  daß  die  Dative  bürg,  magad,  naht  und  die  von  H.  nicht  angeführten  idis, 
uuerold,  middilgard,  ebenso  die  Nom.  Acc.  Plur.  magad,  naht  nach  consonan- 
tischer Declination  gebildet  sind;  wir  brauchen  zu  ihrer  Erklärung  nicht  die 
sonderbare  'Neigung  die  Form  des  Nom.  Acc.  Sing,  auch  für  andere  Casus  zu 
verwenden'.  Die  Genetive  burges,  kustes  (auch  nahtes  wäre  hier  aufzuführen 
gewesen)  sollen  nach  H.  alterthümliche  Formen  der  z-Declination  sein,  die  noch 
das  alte  s  erhalten  haben.  Aber  wo  kommt  dann  bei  der  Alterthümlichkeit 
schon  das  e  her?  Das  s  fällt  außerdem  nach  einem  allgemeinen  Gesetze  in 
allen  südgermanischen  Dialecten  ab.  Es  liegen  vielmehr  Formen  nach  conso- 
nantischer Declination  zu  Grunde  baurgs  etc.,  auf  welche  dann  die  naheliegende 
Analogie  der  masculinen  und  neutralen  a-Declination  eingewirkt  hat,  welche 
dann  auch  gewirkt  hat,  daß  giburdes  zum  M.  oder  N.  geworden  ist.  Daher  er- 
klärt sich  denn  auch  die  Behandlung  des  Wortes  kraft,  welches  gleichfalls 
hierher  zu  ziehen  ist.  H.  setzt  dasselbe  im  Glossar  zum  Hei.  als  m.  und  n. 
an.  Aber  im  Nom.  und  Acc.  hat  es  stets  das  ihm  ursprünglich  zukommende 
feminiuale  Geschlecht  bewahrt.  Das  Masc.  tritt  erst  im  Gen.  kraftes  ein,  und 
dieser  wird  dann  Veranlassung  zur  Bildung  eines  masculinen  Dat.  krafte,  krafta 
und  lustr.  kraftu.  —  Zu  den  Zahlwörtern  (S.  94)  bemerke  ich,  daß  es  schwer- 
lich berechtigt  ist,  einen  Gen.  tweiö  anzusetzen  statt  tweiö.  Die  Contractiou  ist 
hier  ebenso  unterblieben  wie  in  eia  (ovo),  eie.ro.  Wahrscheinlich  wurde  das  i 
doppelt  als  Vocal  und  Consonant  gesprochen,  und  es  ist  dann  damit  in  Parallele 
zu  stellen  das  Unterbleiben  der  Contractiou  von  au  vor  w.  Der  Dat.  thrim 
für  thrim  =  goth.  prim  ist  natürlich  eine  Unform.  Langer  Vocal  tritt  erst 
ein,  wenn  das  Wort  adjeetivisch  decliniert  wird;  dann  aber  müßte  die  Form 
thrmn  lauten.  —  Beim  persönlichen  Pron.  ist  der  Gen.  PI.  fälschlich  userö  an- 
gesetzt.   Derselbe  ist  nur  einmal  belegt  in  der  Form  user  C.  5938,  wie   auch 


LITTERATUR:  K.   A.  HAHNS  ALTHOCHDEUTSCHE  GRAMMATIK        227 

nach  Analogie  von  iwar  zu  erwarten  ist.  Der  Gen.  Du.  unker o  ist  nur  belegt 
C.  5595  in  unkero  seltero,  welches  sich  ebenso  erklärt  wie  das  .spatere  mines 
selbes.  In  der  Rerlexivforra  sig  (ebenso  in  unsig)  fasst  H.  das  g  mit  Unrecht 
als  eine  Erweichung  aus  h.  Es  ist  als  eine  Spirans  aufzufassen  wie  das  nie- 
derländische beweist.  Möglicherweise  ist  es  eine  Entlehnung  aus  dem  Hoch- 
deutschen und  hatte  das  Niederfränkische  ursprünglich  ebenso  wie  das  Sächsi- 
sche das  Reflexivpronomen  verloren. 

LEIPZIG,  im  Januar  1874.  H.  PAUL. 


K.  A.  Hahns  Althochdeutsche  Grammatik.  Nebst  einigen  Lesestücken 
und  einem  Glossar.  Mit  Rücksicht  auf  die  Fortschritte  der  Wissenschaft 
bearbeitet  von  Adalbert  Jeitteles.  Dritte,  vielfach  veränderte  und  ver- 
mehrte Auflage.  Prag  1870.  Verlag  von  F.  Teinpsky.  132  S.  gr.  8. 
Auswahl  aus  Ulfilas  gothischer  Bibelübersetzung.  Mit  Glossar  und  einem 
Grundriß  zur  gothischen  Laut-  und  Flexionslehre.  Von  K.  A.  Hahn. 
Dritte  Auflage  herausgegeben  und  bearbeitet  von  Adalbert  Jeitteles. 
Heidelberg.  Akademische  Verlagshandlung  von  J.  C.  B.  Mohr.  1874. 
121    S.   gr.    8. 

Unsere  Absicht,  der  dritten  Auflage  von  Hahns  ahd.  Gr.  einige  Worte  zu 
widmen,  hat  sich  aus  verschiedenen  Gründen  verzögert,  wir  vereinigen  dieselbe 
also  jetzt  mit  der  Besprechung  der  uns  vorliegenden  Auswahl  aus  Ullilas  in 
dritter  Auflage.  In  beiden  Büchern  ist  als  die  Hauptsache  nicht  sowohl  der  gram- 
matische Theil  —  denn  Hahns  noch  eng  an  Grimm  angeschlossene  Behandlung 
bietet  hier  dem  Bearbeiter,  der  nicht  Alles  umzugestalten  wünscht,  manche 
Schwierigkeiten  —  als  die  verständig  getroffene  Auswahl  von  Lesestückeu  mit 
einem  für  praktische  Zwecke  und  selbst  für  Universitäts- Vorlesungen  im  Gan- 
zen genügenden  Glossar  anzusehen.  Was  zunächst  die  ahd.  Chrestomathie  be- 
trifft, so  wäre  wohl  entweder  eine  streng  chronologische  Vorführung,  oder  eine 
Thedung  der  Lesestücke  in  poetische  und  prosaische  der  jetzigen  Anordnung 
vorzuziehen.  Letztere  Gattung  würde  —  im  Fülle  einer  neuen  Autlage  — 
durch  einen  kleineu  Abschnitt  aus  Willirams  Hohem  Liede,  der  noch  S.  93 
Platz  finden  könnte,  eine  wünschenswerthe  Ergänzung  finden  können.  Die  Texte 
selbst  sind  mit  Sorgfalt  behandelt*),  und  würde  nur  hie  und  da  eine  sichere 
Emendation,  z.  B.  im  Muspilli  Z.  66  K.  Hofmanns  wartil  Aufnahme  verdienen. 
Eine  erneuerte  Durchsicht  des  Wortvorrathes  würde  nichts  schaden  können,  da 
im  Glosaar  nicht  nur  einzelne  Worte,  wie  miatä  (Musp.  '/.  72)  und  sklt **)  (Merig. 
Z.  33j,  das  Adv.  ivola  und  vielleicht  noch  andere,  gänzlich  fehlen,  sondern 
auch  die  Erklärung  nicht  überall  ausreichend  sein  dürfte.  Bei  pilipi,  das  Wacker- 
nagel allerdings  auf  pilipan  zurückzuführen  sucht,  wäre  die  andere  Erklärung, 
welche  das  Subst.  lip  heranzieht  und  pilipi  oder  pilipi  ^vgl.  Gr.  11,  14,  111,  500) 
als  Lebensunterhalt  fasst,  wohl  auch  zu  berücksichtigen  gewesen  -  Bei  ga- 
cherjan  wäre  die  Paraphrase  ^kehren"  ausreichend,  [rrthümlich  sieht  hinter 
cltibon  (Hild.),  es  findet  sieh  nur  im  ersten  Merseburger  Spruche 


Drockfehlei    Bind        B.  8.  72  Z.  84  ubano&han,  8    84  (12)  /..  4  nah,    - 
Z.  49  th'i'r  (1,  ther  oder  thdrj.  \  ichträglicb  finde  ioh    ■>'  im  Ulossar, 

15* 


228  LITTERATUR:  H.  PAUL,  GREGORIUS. 

Bezüglich  des  grammatischen  Theils  ist  der  Bearbeiter  in  seinem  fleißigen 
Bestreben,  Hahns  Behandlung  des  Stoffes  mit  dem  jetzigen  Standpunkt  der 
Wissenschaft  auszugleichen,  nicht  immer  glücklich  gewesen.  Es  gilt  dieß  ganz 
besonders  von  der  Lautlehre.  Ohne  hier  ins  Einzelne  einzugehen  —  ein  paar 
störende  Druckfehler  S.  2  und  3  sind  wohl  schon  von  anderen  Seite  hervor- 
gehoben, S.  1 1  Z.  3  v.  unt.  muß  es  statt  gothische  doch  wohl  althochdeutsche 
heißen?  —  heben  wir  nur  noch  die  unklare  Weise  hervor,  in  der  S.  23  For- 
men wie  pruston,  laston  behandelt  werden.  Da  lustus  im  Goth.  entschieden  der 
u-Classe  folgt,  so  wird  man  im  Ahd.  wohl  beide  Formen,  zumal  neben  pruston 
ja  (wie  gleich  darauf  bemerkt  ist)  prustum  sich  findet,  zu  den  Überresten  der 
u-Classe  zählen  dürfen.  —  S.  30  unten  wäre  wohl  eher  von  einer  Angleichung 
der  adjectivischen  Declin.  an  die  substantivische  zu  reden. 

Betreffend  die  Auswahl  aus  Ulfilas,  die  den  ganzen  Marcus,  Bruchstücke 
der  anderen  Evangelien  und  der  Epistel  darbietet  und  somit  auch  jetzt,  wo 
Viele  allerdings  vorziehen  mögen ,  die  vollständige  und  nicht  zu  theuere  Aus- 
gabe des  Ulfilas  von  Heyne  zur  Hand  zu  haben,  als  eine  ausreichende  Chre- 
stomathie wird  angesehen  werden  können,  haben  wir  nur  Weniges  zu  bemerken. 
Auch  hier  fehlt  es  der  grammatischen  Behandlung  —  bei  dem  unverkennbaren 
Streben  des  Herausgebers,  dem  neueren  Standpunkt  der  Forschung  gerecht  zu 
werden  —  vielfach  an  klarer  und  sicherer  Darlegung  der  Vei'hältnisse,  am  meisten 
wiederum  bei  der  Lautlehre.  Was  S.  58  über  die  angeblichen  Ausnahmen  von 
der  Lautverschiebung  gesagt  ist,  möchte  Ref.  nicht  durchweg  unterschreiben. 
Beim  Selbststudium  wird  man  wohl  thun,  sich  mehr  an  die  einfachen  Regeln, 
als  an  deren  Erläuterungen  zu  halten,  bei  akademischen  Vorlesungen  wird  sich 
Manches  ergänzen,  Andres  also  berichtigen  lassen.  —  Text  und  Glossar  sind  — 
soweit  Ref.  nach  vorläufiger  Durchsicht  urth eilen  kann  —  auch  hier  mit  Sorg- 
falt behandelt,  die  durchgängige  Schreibung  e  und  6  ist,  solange  man  überhaupt 
die  Quantitäten  zu  bezeichnen  für  nöthig  hält,  sogar  consequenter  als  die  von 
Heyne  nach  Stamms  Vorgang  gewählte.  Zu  den  langen  Vocalen  hätte  auch 
das  von  Holtzuiann  (Altd.  Gr.  S.  3)  wohl  mit  Recht  in  einigen  Fällen  ange- 
nommene ä  gezählt  werden  können. 

E.  WILKEN. 


Gregorius  von  Hartmann  von  Aue.  Herausgegeben  von  Hermann  Paul.  Halle 
a.  S.  1873.  Lippert'sche  Buchhandlung  (Max  Niemeyer).  8.  XVII,  166  SS. 
Vorliegende  Ausgabe  ist  die  erste  des  Gregorius,  die  den  gesammten 
kritischen  Apparat  enthält,  auch  die  von  verschiedenen  Kritikern  gemachten 
Besserungsvorschläge  übersichtlich  zusammenstellt  ,  so  daß  man  bei  jedem 
Verse  die  vollständige  Geschichte  des  Textes  und  der  Kritik  beisammen  hat. 
Macht  sie  schon  das  dem  Forscher  unentbehrlich,  so  gewinnt  sie  noch  höheren 
wissenschaftlichen  Werth  dadurch ,  daß  hier  zum  erstenmal  das  Handschriften- 
verhältniss  gründlich  untersucht  und  erörtert  ist.  Es  ergibt  sich  aus  dieser 
Untersuchung,  daß  keineswegs  die  römische  Handschrift  einen  durchgehenden 
Vorzug  vor  den  übrigen  verdient,  wie  auch  keine  der  übrigen  Hss.  einseitig 
zu  bevorzugen  ist.  Von  den  Hss.  stehen  nach  Paul  nur  ein  paar  in  directem 
Verwandtschaftsverhältniss ,  nämlich  AH  und  anderseits  CE,  während  BDFG 
weder  unter  einander  noch  mit  den   übrigen  zunächst  verwandt  sind.    Die  Über- 


LITTERATUE:  H.  PAUL.  GREGORIUS.  229 

einstimmung  der  unabhängigen  Zeugen  ist  daher  maßgebend  für  die  aufzuneh- 
mende Lesart.  Wenn  man  letzteren  Grundsatz  ohne  weiters  als  den  allein  berech- 
tigten zugeben  muß,  so  darf  man  doch  die  große  Zahl  von  selbständigen  Zeugen 
auffallend  finden,  während  sonst  meist  die  Hss.  in  weniger  zahlreiche  Gruppen 
sich  gliedern.  Mir  will  scheinen,  als  wenn  die  Zahl  der  selbständigen  Quellen 
sich  etwas  verringern  dürfte ,  wenn  man  in  Anschlag  bringt ,  'hiß  die  Willkür 
ändernder  Schreiber  sich  namentlich  in  der  geistlichen  Poesie  sehr  bemerklich 
macht.  Ich  halte  auch  jetzt  noch  dafür,  daß  E  und  G  in  einem  näheren  Ver- 
hältniss  zu  einander  stehen:  unter  den  von  Paul  S.  VT  angeführten  Stellen 
sind  doch  solche  wie  2405  daz  ich  nicht  sey  ein  edel  man  statt  daz  ich  si  ein 
ungeboru  man  A  nicht  zufällige  Übereinstimmung;  denn  nimmt  man  auch  mit 
Paul  an,  daß  der  Ausdruck  ungeborn  den  Anstoß  zur  Änderung  gegeben,  so 
ist  doch  die  gleiche  Ersetzung  durch  edel  und  die  ganz  gleiche  Fassung  des 
Verses  zu  beachten.  Auch  der  gleiche  Fehler  gedacht  für  gdhet  2347  ist  doch 
wohl  mehr  als  Zufall.  Wenn  anderseits  E  unverkennbar  mit  C  stimmt,  so  ist 
dies  kein  Beweis  gegen  eine  Verwandtschaft  von  E  und  G,  sondern  nur  dafür, 
daß  zwischen  CE  ein  noch  näheres  Verhältniss  besteht  als  zwischen  EG.  Ich 
lege  daher  auf  Fälle,  wo  EG  gegen  A  stimmen,  kein  so  großes  Gewicht  als 
Paul  thut. 

Verderbnisse  zeigen  alle  Hss. ;  aber  auch  wo  die  Lesart  jeder  einzelnen 
an  sich  unverderbt  scheint,  braucht  noch  keineswegs  die  echte  Lesart  erhalten 
zu  sein.  Diese  ist  vielmehr  oft  erst  aus  dem  Zusammenhalt  der  verschiedenen 
Lesarten  zu  gewinnen.  In  diese  Kategorie  gehören  namentlich  die  Änderungen 
aus  metrischen  Rücksichten.  Hartmanns  Verse,  die  in  vieler  Hinsicht  von  den  im 
13.  Jahrb.  üblichen  Regeln  abweichen,  veraulaßten  sehr  häufige  Hinzufügung 
kleiner  Wörter,  meist  um  den  zu  kurz  erscheinenden  Vers  zu  dehnen,  mit- 
unter auch  um  den  metrisch  überladenen  glatter  zu  machen.  Nicht  immer,  ja 
in  den  seltensten  Fällen  sind  derartige  Besserungsversuche  zu  durchgreifenden 
glättenden  Umarbeitungen  geworden,  sondern  der  einzelne  Schreiber,  der  bei 
der  Abschrift  eines  deutschen  Werkes  nicht  mit  der  Genauigkeit  verfuhr  wie 
bei  der  Copie  einer  lateinischen  Handschrift,  änderte  wo  es  ihm  in  den  Sinn 
kam.  Dabei  kann  es  denn  vorkommen,  daß  verschiedene  Schreiber  bei  nahe- 
liegenden Ergänzungen  auf  das  gleiche  verfielen,  ohne  daß  man  daraus  auf 
eine  Verwandtschaft  der  Hss.  zu  schließen  brauchte,  oder  wenn  nicht  verwandte 
Hss.  darin  zuweilen  zusammenstimmen,  das  ergänzte  Wort  als  dem  echten  Texte 
augehörig  ansehen  müßte.  Wir  werden  nachher  einige  Stellen  anführen,  wo 
Paul  selbst  aus  den  Varianten  der  Hss.  den  echten  Text  erst  erschlossen  ha1 : 
ich  glaube  jedoch  daß  dies,  unter  Festhaltung  des  kritischen  Grundprincips  der 
Verwandtschaft,   noch  öfter  zu  geschehen   hat. 

Die  metrische  Behandlung  hat  manches  auffallende;  am  meisten  die 
durchgängige   Beseitigung   der    viermal   gehobenen    Verse   mit    überschlagender 

Silbe,  welche  Paul  anzuerkennen  sieh  sträubt.  Ich  glaube,  mit  Unrecht.  Wenn 
wir  auch  einräumen,  daß  viele  solcher  Verse  durch  andere  Lesung  (zweisilb. 
Auftaci  etc.)  sich  entfernen  la  ten,  so  isl  doch  in  anderen  die  Reducierung 
auf  das  Maß  von  drei  Eebungen  mit  klingendem  Reime  sein-  hart.  So  lange 
also  nicht  überhaupt  uachg«  t,    daß  Bolche  verlängerte  Verse,    die  ich 

als  aus  der  romanischen  Poe  ie  eingedrungen  ansehe,  zur  Zeil  Bartmanns  nicht 
existiert  haben,  so  lange  sind  wir  nicht  berechtigt,  ihr  Vorkommen  bei  einem 
erzählenden  Dichter,  wo  die  Überlieferung  ohne  Zwang  darauf  führt,   zu   negieren. 


230  LITTERATUK:  H.  PAUL,  GREGORIUS. 

Eine  ausführliche  Quellenuntersuchung  lag  nicht  in  des  Herausgebers  Ab- 
sicht; daß  das  französische  Gedicht  genau  und  sorgfältig  herangezogen  ist, 
beweisen  die  Stellen,  an  denen  mit  Hilfe  desselben  die  Lesart  Hartmanns  ge- 
sichert wird.  Ich  stimme  Paul  darin  vollkommen  bei,  daß  es  unberechtigt  ist, 
auf  Grund  einiger  uns  nicht  begreiflicher  Abweichungen  ein  anderes  als  das 
uns  erhaltene  französische  Gedicht  als  Quelle  anzunehmen.  Wahrscheinlich 
bleibt  nur,  daß  die  Hartmann  zugängliche  Redactiou  in  ein  paar  Punkten  von 
dem  in  Tours  befindlichen  Texte  abwich. 

Gehen  wir  nun  zu  Einzelheiten  der  Kritik  über,  so  schicken  wir  voran, 
daß  an  vielen  Stellen  die  neue  Ausgabe  theils  früher  verworfene  Lesarten  der 
Hss.  in  ihr  Recht  einsetzt,  theils  aus  der  Entstellung  sehr  glücklich  und  ge- 
schickt emendiert.  Ich  führe  als  Belege  für  beides  an  184  f.  777  f.  802.  940. 
1155  f.  1563  f.  1886.  2162  f.  2307.  2340.  2503.  2568.  2770.  3411.  3641  ff. 
3538.  An  der  vorletzten  Stelle  sind  dem  Texte  zwei  in  EG  erhaltene  Zeilen 
zurückgegeben  worden. 

Der  in  G  allein  erhaltene  Eingang  wird  wohl  immer  eine  Crux  der  Kri- 
tiker bleiben;  auch  Pauls  Herstellung  ist,  wie  er  selbst  zugibt,  nicht  durchaus 
befriedigend.  Unzweifelhaft  aber  ist  mir,  daß  eine  Lücke  nach  15a  nicht  an- 
zunehmen. Ich  halte  auch  jetzt  noch  meine  Besserung  von  15a  f.  der  gedanc, 
als  er  ze  rehte  sol,  den  fürgedanc  richet  (Hs.  richtet)  für  die  richtige:  dieser 
(eben  ausgeführte)  Gedanke  (du  bist  noch  jung,  deine  Sünden  lassen  sich  noch 
gut  machen)  straft  die  (gute)  Absicht  (nämlich  im  Alter  zu  beten  und  dadurch 
die  Sünden  gut  zu  machen);  denn  (wand  statt  und)  ein  plötzlicher  Tod  im 
Alter  bricht  diese  Absicht  ab,  ehe  sie  zur  Ausführung  gelangt.  Der  Grund- 
fehler liegt  in  dem  Aufschieben  der  Reue,  da  hilft  auch  die  gute  Absicht 
nichts,  sondern  diese  leidet  ebenfalls  unter  jenem  verwerflichen  ersten  Gedanken 
und  seinen  Folgen.  Das  brihtet  Pauls  in  v.  18a  scheint  mir  keine  glückliche 
Emendation;  viel  näher  liegt  doch,  daß  die  Form  richet  von  einer  jungen  Hs. 
in  richtet  entstellt  wurde,  während  das  andere  Reimwort,  weil  auch  in  jüngerer 
Sprache  so  lautend,  unentstellt  blieb.  Die  Verse  31a — 36"  haben  hingegen 
erst  durch  Pauls  Herstellung  einen  befriedigenden  Sinn  bekommen.  33"  ziehe 
ich  allerdings  rntner  Sünden  bürde  noch  vor  dem  immer  sundecleiche  bürde  der 
Hs.;  vgl.  daz  smer  silnden  bürde  deste  ringer  waere  3552;  der  Sünden  bürde  3668. 

Wir  erwähnten  vorher  des  Falles,  daß  aus  metrischen  Gründen  Worte 
interpoliert  wurden,  um  den  Vers  zu  verlängern.  Hier  hat  sich  nicht  selten 
in  einer  Hs.  das  ursprüngliche  erhalten;  so  1913  in  E  der  half  im  für  die 
stat,.  wo  A  ouch  für,  G  uz  für  =  für  haben ;  mit  Recht  ist  hier  der  Heraus- 
geber der  Lesart  von  E  gefolgt,  er  erklärt  allerdings  die  von  G  für  ebenso 
gut.  So  hat  auch  3201  E  das  ursprüngliche  bewahrt:  des  morgenes  vil  vruo, 
nur  daß  sie  morgens  schreibt;  G  hat  do  des  morgen(s)  gar  fruo,  A  des  mor- 
gens fuoren  si  vil  fruo;  auch  hier  schließt  sich  Paul  an  E  an.  3118  unde 
bäten  in  da  =  E  (nur  und) ;  dagegen  G  statt  in :  den  lischer,  B  in  den  wirt, 
A  ließt  nü  bäten  si  in  da,  was  Lachmann  und  Bech  aufnahmen.  Es  ist  augen- 
scheinlich, daß  die  Änderungen  den  bei  der  Ausprache  und  zu  kurz  scheinenden 
Vers  verlängern  wollen.  Und  dieser  Fall  ist  nicht  der  einzige  im  Gregor.  Auch 
752  hat  E  ganz  richtig  unde  sagen  wie  ez  ergie,  wo  A  nach  sagen  ein  iu  ein- 
schiebt, das  die  Ausgaben  aufnehmen.  Umgekehrt  schiebt  E  ein  2068  unde 
viel   vil  gar  dar  an  (=  A,  Lachmann,  Bech)  wo  E  (=  G)  und  geviel;    2178 


LITTERATUR:  H.  PAUL,  GREGORIUS.  2ol 

unde  host  mir  da  mite  (=  AH,  Lachm.,  Bech),  wo  E  und  hast  vil  dicke  mir. 
123  bietet  A  ze  tische  undc  anderswd,  E  hat  und  ouch,  G  ganz  abweichend 
hei  ml 'ich  noch  anderswo.  Der  Vers  ist  freilich  in  der  Fassung  von  A  bedenk- 
lich, weil  unde  hier  vor  folgendem  Vocal  Hebung  und  Senkung  bilden  soll; 
aber  dieser  Fall  ist  im  Gregor  (nach  Pauls  Texte)  nicht  vereinzelt,  vgl.  ander 
unde  über  gespreit  538,  wo  E  ebenfalls  ändert;  triben  uz  unde  in  1179,  wo  E 
ändert  haben  getriben;  unde  über  diu  laut  1519,  wo  E  über  alle  lant,  und  auch 
A  ändert,  H  und  ouch  schreibt,  und  nur  G  das  von  Paul  gewählte  bietet.  Wie 
hier  H,  wie  123  E,  so  schiebt  E  auch  97  das  Wörtchen  ouch  ein.  Steckt  in 
der  Lesart  von  G  in  V.  123,  in  welcher  heimlich  aus  zetisch  (h  aus  der  be- 
kannten Form  des  s)  entstellt  ist,  in  noch  ein  joch,  wie  ich  früher  vermuthete, 
so   fällt   der  metrische   Anstoß  fort. 

Andere  Stellen,  wo  E  theils  allein,  theils  in  Übereinstimmung  mit  G,  ein 
Wort  einschiebt  oder  ändert,  sind  folgende:  501  hat  A  von  erste  erhaben  sint, 
auch  wenn  man  nichts  ändert,  bei  Hartmann  statthaft,  aber  besser  in  der  für 
Hartmanns  Zeit  anzunehmenden  Form  erest,  die  ich  auch  für  Walther  (104, 
6  Pf.)  angesetzt  habe.  E  schreibt  von  aller  erste,  und  so  auch  Paul.  Wie 
hier,  so  ist  aller  eingeschoben  1335  in  GE,  während  es  in  A  fehlt;  —  554  liest 
A  da  schreip  diu  muoter  an,  und  so  Lachmann  und  Bech.  E  hat  des  kindes 
für  diu  und  hier  auch  B  die  gleiche  Lesart,  was  für  deren  Echtheit  sprechen 
könnte.  Allein  abgesehen  davon,  daß  BE  in  Fehlern  auch  sonst  stimmen  (S.  VII), 
so  ist  auch  bei  völliger  Unabhängigkeit  der  beiden  von  einander  die  Überein- 
stimmung kein  Beweis  der  echten  Lesart,  denn  nahm  man  an  der  metrischen 
Bildung  des  Verses  Anstoß,  so  konnte  die  Änderung  kaum  anders  lauten  als 
wie  in  BE.  Schwer  glaublich  ist  dagegen,  daß  Hartmann,  wenn  er  hier  des  kindes 
schrieb,  zwei  Zeilen  nachher  geschrieben  haben  sollte  von  des  kindes  ahte.  — 
585  durch  siner  triuwen  rät  A,  E  durch  grozer  siner,  was  Paul,  der  A  in  den 
Text  setzt,  für  vielleicht  richtig'  erklärt.  Ich  halte  grozer  für  eingeschoben,  um 
durch,  als  erste  Hebung  ohne  nachfolgende  Senkung  gebraucht,  zu  beseitigen. 
Wie  hier,  so  ist  auch  2035  durch  so  gebraucht:  durch  got  haete  erkorn,  wie  Paul 
ganz  richtig  gegen  alle  Hss.  setzt;  A  hat  ir  durch,  E  durch  gotes  hulde,  G 
verkorn  (wobei  zu  lesen  hdete  verkorn).  —  591  hat  A  im  ivart  dd  benant, 
E  hat  an  der  schrift  wart  niht  benant,  was  Paul  für  gleich  gut  erklärt,  was 
aber  nach  meiner  Ansicht  metrische  Correctur  ist,  eine  unnöthige  freilich,  da 
Hartmann  sicher  ime  auch  noch  zweisilbig  sprach.  So  steht  es,  ein  Beweis  der 
Iuconsequenz  der  Schreiber,  286  9  in  E  im  truoc  daz  wtp  dar  in,  wo  A  daz 
guote  ivip,  was  die  Herausgeber  aufnehmen.  —  710  A  so  si  es  state  gewan, 
E  hat  als  ofte  *\  des.  Vergleicht  man  V.  318  der  uns  ze  staten  gestdt,  wo  E 
der  uns  vil  wol  ze  staten  gdt,  so  wird  man  kein  Bedenken  fragen,  auch  710  die 
längere  Form  des  Verses  in  E  nicht  für  ursprünglich  -zu  halten  und  A  den 
Vorzug  zu  geben.  —  1914  A  mit  vlize  er  in  des  l>at,  EG  und  Paul  mit 
grozem  vlhe.  Auch  wenn  wir  EG  als  von  einander  anabhängig  betrachten,  ist 
die  Ergänzung  grozem,   am  den  scheinbar  zu  kurzen  Vera  zu  strecken,  so  nahe 

liegend,    daß  man  sieh    über    das  Zusammentreffen  kaum  wundern  kann,    mit  bildet 

erste  Bebung  ohne  folgende  Senkung,  wie  3641  auch  in  Pauls  Texte  und  nach 

meiner  Ansicht  auch  L^'.i.'i('>,  wo  man  lesen  muß  mit  roten  ougen  dun,  von  dan 
schreibt  Paul,  während  von  in  AK  fehlt;  vgl.  Germania  14,  430.  —  2199  s'd 
tr   des    landet  phlac  A  (—  Lachm.,   Bech),  E  Behob  ein  />!•    £tbU    nach  er,  und 


232  LITTERATUR:  H.  PAUL,  GREGORIUS. 

H  änderte,  ebenfalls  aus  metrischen  Gründen,  des  in  disses.  —  2252  als  ich 
dich  hoere  jeken  A,  ganz  richtig,  E  aber  schreibt  dich  da,  H  dick  dö,  als  ver- 
schiedene Ergänzungsversuche,  die  übrigens  auch  wenn  man  do  =  da  nimmt, 
nichts  für  die  Echtheit  des  in  A  fehlenden  Wörtchens  beweisen.  —  2406  haben 
AB  weste  ich  wer  iuch  dar  an;  EG  and  am  Anfang  hinzugefügt.  Hier  konnte 
man  leicht  versucht  sein  zu  lesen  west  ich  wer  iuch  dar  an  und  dies  veran- 
laßte  die  Hinzufügung  von  und.  —  3569  A  ditze  waere  ein  saelic  man,  E  er 
waere  zool  ein.  Auch  hier  verdient.  A  den  Vorzug,  den  ihm  Bech  und  Lach- 
mann geben,  ditze,  im  13.  Jahrh.  gewöhnlich  einsilbig  gebraucht,  schien  einen 
zu  kurzen  Vers  zu  geben  und   darum  änderte  E. 

Es  fehlt  aber  auch  nicht  an  Stellen,  wo  A  ähnliche  Flickwörter  einfügt. 
Ein  paar  haben  wir  schon  gelegentlich  angeführt;  eine  andere  ist  3456  er 
sprach  herre  ich  bin  so  G,  A  hat  vil  lieber  herre,  E  vil  salig  herre;  AE  treffen 
also  nur  in  der  Ergänzung  vil  überein,  entfernen  sich  aber  in  dem  dabeiste- 
henden Adjectiv,  das  hinzugefügt  ist,  weil  der  Vers  zu  kurz  schien,  aber  nicht 
ist,   denn   auf  ich  ruht  hier   offenbar   ein   Nachdruck. 

Seltener  ist  der  umgekehrte  Fall,  daß  die  Hss.  Worte  weglassen,  um  den 
Vers  geschmeidiger  zu  machen.  So  125  in  A  daz  si  sich  wol  mohten  under- 
sehen,  ivol  fehlt  in  EG  und  bei  Paul,  wodurch  der  zweisilbige  Auftact  beseitigt 
ist.  Auch  diese  Übereinstimmung  von  EG  ist  erklärlich  selbst  wenn  man  sie  als 
selbständige  Quellen  ansieht.  —  126  der  abbt  sprach  mm  vil  liebez  leint'  G;  in 
der  zweisilbigen  sonst  von  Hartmann  gebrauchten  Form  abbet  überladen,  daher 
B  vil  tilgt,  während  AE  min  auslassen.  —  1811  da  von  er  da  wart  ze  schalle  A; 
BE  lassen  das  zweite  da  weg,  wodurch  der  Vers  den  zweisilbigen  Auftact  ver- 
liert. Aber  auch  wenn  man  den  Vers  als  einen  mit  überschlagender  Silbe  liest, 
so  ist  ersichtlich ,  daß  die  Weglassung  von  da  eine  metrische  Correctur  ist, 
wie  in  der  nächsten  Zeile  (und  ze  prise  für  si  edle)  B  aus  gleichem  Grunde 
und  wegläßt.  —  1895  Gregorjus  sich  des  vil  gar  bewac  AG,  E  hat  vil  nicht;  die 
Übereinstimmung  von  AG  entscheidet,  die  Lesung  sichs  vil  gar,  die  ich  schon 
früher  vorschlug,  ist  daher  zu  setzen,  wie  Paul  (Einleitung  S.  VI)  für  vielleicht 
richtig  hält.  --  3744  gnade  herre,  sprach  daz  arme  wip  nach  E,  A  hat  arme 
weggelassen,   um  den  schweren   Auftact  zu  beseitigen. 

In  den  bisher  erwähnten  Stellen  hat  das  echte  sich  in  einer  oder  mehreren 
Handschriften  erhalten.  So  auch  noch  in  1469,  wo  B  liest  er  schuof  daz  man 
im  streit.  Schreibt  man  ime  (vgl.  S.  231),  so  ist  der  Vers  ganz  tadellos;  bei 
der  im  13.  Jahrh.  geläufigen  Form  im  war  er  natürlicher  mit  drei  Hebungen 
zu  lesen.  Daher  setzen  EG  dd  schuof  er,  A  nü  schuof  er;  die  Ähnlichkeit  in 
den  Änderungen  erklärt  sich  von  selbst  und  konnte  hier  kaum  vermieden  werden. 
Einen  analogen  Fall  bietet  1886,  wo  Paul  ganz  richtig  schreibt  man  klaget 
mich  niht  ze  vil,  auch  dieser  Vers  schien  zu  kurz,  darum  setzte  die  Vorlage 
von  E  man  enklaget  (E  hat  man  euch  läget),  G  mich  doch  niht,  A  endlich  hat 
eine  ähnliche  Umstellung  wie  1469:  ja  klagt  man  mich.  Und  noch  ein  ähn- 
licher Fall  ist  2418,  wo  G  der  rede  ist  niht  also  (Paul  enist  niht);  A  der  rede 
enist,  herre,  niht  also,  E  aber  ja  ist  der  rede  niht  also,  also  wieder  Umstellung 
und  Vorschiebung  einer  Conjunction. 

An  der  zweiten  Stelle  hat  keine  Hs.  das  echte  bewahrt  und  erst  der 
Herausgeber  hat  es  hergestellt.  Dieser  Fall  aber  ist  viel  häufiger  noch  anzu- 
nehmen.    So    133,    welche    Stelle    ich    schon    Germ.    14,  428   besprochen    habe. 


LITTERATUR:  H.  PAUL,  GREGORIUS.  233 

Hartmann  schrieb  der  werlde  vient  sach;  das  änderten  die  Schreiber  auf  ver- 
schiedene Weise,  G  schrieb  ersuch,  E  an  ir  sack,  A  endlich  unreine  statt  werlde. 
der  als  erste  Hebung  und  Senkung  steht  im  Gregor  noch  1983  der  hertiste 
strit ,  wo  G  aller  einschiebt;  2650  der  wtselose  man,  wo  E  der  vil  setzt. 
So  ist  auch  des  gebraucht  3511  des  nahtes  beriet,  und  sicherlich  auch  den 
3488  den  sündelosen  man  (vgl.  2650),  wie  A  bat,  während  E  schreibt  disen, 
dieselbe  Änderung,  die  V.  2415  A,  2199  H  hat.  —  464  der  wärt  ge- 
leitet hie,  so  schrieb  Hartmaun ;  A  schiebt  nach  loart  ein  mit  ir,  E  geliche, 
was  Paul  aufnimmt.  —  1131  taete  du  im  iht?  fragt  die  Mutter,  mit  Nachdruck 
auf  den  Pronom.  verweilend,  A  schreibt  sich  her,  taete  etc.,  E  taete  du  im  aber 
ihtfi  —  1223  däz  er  in  lone,  A  schiebt  des,  E  herre  vor  lone  ein.  —  2244 
wand  em  luart  nie  gebom;  statt  nie  hat  A  nie  weizgot,  H  weizgot  nie  (so  auch 
Paul),  E  ivaerlich  nie.  AH,  die  übrigens  zu  derselben  Classe  gehören,  weichen 
in  der  Stellung  des  ergänzten  Wortes  ab.  —  2415  daz  wir  der  rede  gedagen, 
dafür  A  diser  rede  (vgl.  2199  H,  3488  E),  während  E  hie  gedagen,  G  aldä 
gedagen  statt  gedagen  setzen.  —  2688  begen  muoz  von  bejage;  A  von  slme  bejage 
(so  auch  Paul),  E  sich  hie  muoz  für  muoz.  —  2808  da  mac  dir  [wol  A]  werden 
[vil  E]  lue.  —  2972  alse  schiere  [daz  EG]  er  [do  A]  starp. , —  2988  [guot 
weisr  und  E]  guot  [ze  A]  rihlaere.  —  3526  wd  liezet  ir  si  hie,  A  schreibt  nü 
sagt  wä,  E  get  wä,  wo  in  dem  vorgeschobenen  Verbum  vielleicht  jeht  liegt.  — 
3609  swen  du  beruorte,  statt  swen  hat  A  swen  er,  E  swen  so,  G  swen  in.  — 
Anders  ist  die  Abweichung  3679,  wo  die  metrische  Unregelmäßigkeit  Ände- 
rungen veranlaßte.  Hier  schrieb  H  luas  entwichen  begarwe,  dafür  setzt  A  ent- 
wichen  was  begarwe,   EG   was  entwichen  garwe. 

Ich  meine ,  daß  man  so  zahlreichen  Stellen  doch  ein  Gewicht  beilegen 
muß,  ohne  zu  verlangen,  daß  die  betreffenden  Handschriften  nun  auch  überall 
consequent  verfahren  im  Andern.  Ich  will  nun  noch  eine  Reihe  einzelner 
Stellen  besprechen. 

218  folgt  P.  der  Wortstellung  von  E  unde  wirde  ich  aber  lüt,  wo  A  hat 
aber  ick.  Im  mhd.  tritt  aber  in  der  Bedeutung  'dagegen  gern  vor  das  Pro- 
nomen, die  Jüngern  Hss.  setzen  es  dem  nhd.  Gebrauche  gemäß  hinter  dasselbe. 
Daher  verdient  Lachmanns  Sehreibung  abe  ich  (oder  noch  genauer  ab  ich)  den 
Vorzug.  Derselbe  Fall  2100  nu  xoolde  er  aber  der  mäze  pflegen  EH  und  Paul, 
A  hat  aber  er,  was  Lachmann  mit  Recht  in  ab  er  verändert;  die  Übereinstim- 
mung von  EH  kann  hierin  nichts  beweisen.  Auch  V.  798,  nur  in  A  stehend, 
und  daz  was  ab  in  (A  in  aber)  unmaere,  und  selbst  1539,  wo  alle  drei  Hss. 
AKII)  lesen  unde.  bin  ich  aber  ein  zage,  halte  ich  üb  ich  für  das  ursprünglich 
von  Hartmann  gesetzte.  Ganz  anders  verhält  es  sich  mit  aber  in  der  Bedeu- 
tung 'abermals;  dann  steht  es  nach  dem  Pronomen;  so  2142.  Ahnlieh  wie 
mit  aber  verhält  es  sich  mit  ouch,  auch  dies  snlit,  wenn  es  sich  gleich  auf 
den  ganzen  Satz  bezieht,  gern  vor  dem  Pronomen;  so  liest  A  dem  altern 
Sprachgebrauchc  gemäß  840  und  hueten  ouch  daz  wol  getan,  wo  CE  daz  ouch, 
wie   die  jüngeren   Hss.   pflegen. 

901   daz   sich   der  ermer  man;  wenn   gleich   diese  Versform   bei  Hartmann 

nicht    anstößig    ist,    so    ist    doch    im    letzten    Zehnt    des     \~>.    Jahrh.    die    Form 

ere  oder  ärmere  wahrscheinlicher,   also   daz   sich   der  irinire  man.    Auch  8201 

ist  mit  Recht   morg<  a    die    Hbs.   geschrieben   worden;    so  wird   der  Vers 

besser    1434   durch    satelea    für    satels;    so    i.i    vrevele    80    gegen    die    Hss.    für 


234  LITTERATUK.  II.  PAUL,   GREGOEIUS. 

vrevel  gesetzt  worden;  so  2039  übele  für  übel,  und  das  gleiche  gilt  1597  swie 
iibele  wirz  kuntien,  wo  Paul  mit,  den  Hss.  »bei  setzt.  1054  macht  die  zweisil- 
bige Form  unze  (wofür  A  unz  daz  setzt)  den  Vers  weniger  hart;  wie  908  ime 
für  im. 

922.  wahrscheinlich  schrieb  Hartmann  yolt  und  die  sidine  wäl ,  mit  Weg- 
lassung des  Artikels  bei  dem  ersten  der  durch  und  verbundenen  Worte.  Ganz 
richtig  hat  Paul  2340  geschrieben  der  hat  tavel  und  daz  gewant,  was  auch 
keine  Hs.  so  bietet  und  was  derselbe  Fall  ist.  Ein  dritter  ist  haet  ich  geburt 
und  daz  yuot  1330,  was  E  bietet;  ein  vierter  1883  beidui  sterke  und  den  muot, 
wie  Paul   mit  G  liest,   nur  daß  G  noch  und  ouch  statt  und  hat. 

1117.  A  hat  häufig  die  Vorsilbe  ge  gegen  die  jüngere  Hss.,  die  sie  weg- 
lassen. So  hier  mit  zweisilbigem  Auftact  nu  gefuoyt,  CE  nu  fuogte;  ebenso  1119 
er  getet,  CE  er  tet;  3397  und  geruochel,  E  und  ruochet.  Auch  an  anderer  Vers- 
stelle: und  sich  ze  den  brüsten  gesluoc  A,  sluoc  G,  während  E  zuo  den  brüsten 
sich  sluoc.  An  allen  diesen  Stellen  ist  die  Lesart  von  A  zu  bevorzugen,  da 
hier  eine  wenn  auch  nur  geringe  metrische   Correctur  vorliegt. 

1125  gegenlief  in  A  halte  ich  für  ursprünglicher  als  engeyenlief  CE,  wel- 
ches wie  eine  sehr  nahe  liegende  Besserung  des  seltenern  Ausdruckes  aussieht. 
1425  undern  arm,  besser  wohl  under  arm,  E  hat  under  arme;  die  Hin- 
zufügung des  Artikels  in  AG  beweist  nichts,  wohl  aber  die  in  späterer  Zeit 
unübliche  Weglassung  desselben,  die  sich  in  E  erhalten  hat.  Auch  1949  ist 
under  arm  das  ursprüngliche,  B  hat  under  den  arm,  EG  under  die  arm,  keine 
Hs.   also  die  Pluralform ;   der  Artikel  ist  mithin  eingeschoben. 

1531  ist  ohne  Noth  geändert;  wenn  iemn  statthafte  Kürzung  ist,  dann 
darf  auch  noch,  das  alle  Hss.  haben,  bleiben;  man  lese  mit  zweisilbigem  Auf- 
tact dan  si  sich  noch  iemn  versagte. 

1584  der  triuwen  veste  AH;  in  der  Anm.  wird  die  Lesart  von  EG  der 
getriuwen  veste  als  ebenso  gut  bezeichnet.  Ich  kann  das  nicht  finden;  die  Lesart 
von  EG  ist  offenbar  aus  dem  nicht  mehr  verstandenen  gen.  (der  allerdings  in 
ehrenfest  sich  erhielt)  hervorgegangene  Corruption.  So  setzt  Nib.  1142,  4 
statt  si  was  triuwen  itaete  C,   die  Hs.   a  treue  und  stät. 

1637  bereite  EG,  gereite  AB;  letzteres  ist  die  in  älterer  Zeit  übliche 
Form,  die  hier  außerdem  durch  die  Übereinstimmung  von  AB  wahrscheinlich 
wird.  Ebenso  haben  EG  bereite  2156,  wo  AH  gereite;  2881  EG  gegen  A. 
Auch  sonst  wechseln  die  Präpositionen,  wo  überall  der  ältere  Gebrauch  zu 
Gunsten  von  A  entscheidet;  1902  A  benomen,  EG  genomen;  2000  A  bedroz, 
EG  verdroz.  Man  vgl.  auch  3602  A  sänge,  wo  G  gesange,  E  gesangen,  Paul 
schreibt  die  in  Jüngern  Hss.   durchaus   übliche  Form  gesange. 

1920  michelme  nach  Lachmanns  Vorgang,  ohne  Hs. ,  die  Form  michelem 
in  A  ist  ganz  richtig  und  nur  einer  falschen  Regel  zu  Liebe,  von  der  sich 
Paul  ja  auch  losgesagt  hat,  von  Lachmann  beseitigt  worden. 

2182  die  lüge  in  A  halte  ich  für  die  richtige  Lesart;  E  laßt  den  Arti- 
kel aus,  H  setzt  abweichend  böse  mere.  die  in  der  Bedeutung  derartig  gab 
den  Anstoß  zur  Weglassung  in  E.  So  auch  3389  der  sin,  der  Up ,  die  site, 
wo  E  vor  die  einschiebt  dar  zuo. 

3401  siver  umbe  den  anderen  Ute  E,  scheint  mir  besser  als  den  sündaere 
in  A;  denn  diese  Lesart  würde  voraussetzen,  daß  der  Bittende  sich  selbst  nicht 
als  Sünder  betrachte. 


MISCELLEN.  235 

3558  ist  näher  in  A,  wofür  E  suder  hat,  das  richtige;  vgl.  Bech  in  der 
Germania   17,   295. 

3711  lebende  in  A  verdient  den  Vorzug;  jüngere  Hss.,  wie  hier  EG,  setzen 
dafür  lebendig. 

3803  den  fehlenden  Vers  würde  ich  jetzt  nach  3804  ergänzen:  swen  des 
der  tiuvel  schündet,  daz  er  dar  üf  sündet,  den  hat  er  überwunden.  Der  ergänzte 
Vers  wörtlich  wie  9\  Der  gleiche  Fall  mehrfach,  wie  Paul  in  den  Anm.  her- 
vorhebt:  745  =  1673.   1442  =  1946.   2642  =  3090. 

Die  beigefügten  Anmerkungen  enthalten  meist  Rechtfertigungen  der  ge- 
wählten Lesarten.  Sie  erstrecken  sich  zum  Theil  über  den  Gregor  hinaus  und 
behandeln  Punkte,  die  für  die  kritische  Behandlung  aller  Hartmannschen  Werke 
beachtenswerth  sind.  Dieselben  sind  seitdem  in  der  werthvollen  Abhandlung  über 
den  Iwein  (Pauls  und  Braunes  Beiträge  I)  ergänzt  und  erweitert  worden.  Beide 
Arbeiten  legen  Zeugniss  von  des  Verfassers  Scharfsinn  und  methodischer  For- 
schung ab  und  beweisen  aufs  Neue,  wie  viel  auch  die  Lachmannsche  Methode, 
deren  hohe  Bedeutung  für  unsere  Wissenschaft  wir  wahrlich  nicht  unterschätzen, 
der  Weiterbildung  bedarf. 

HEIDELBERG,  29.  Mai  1874.  K.  BARTSCH. 


MISCELLEN. 


Hoffmann  von  Fallersleben. 

Ein  vielbewegtes  Leben  hat  mit  dem  Tode  Hoffmanns  von  Fallersleben 
seinen  Abschluß  gefunden ;  ein  Mann  ist  aus  dem  Kreise  der  Germanisten 
geschieden,  der  wiewohl  einer  der  ältesten  an  Jahren,  bis  zuletzt  sich  doch 
die  Frische  des  Geistes ,  die  Rüstigkeit  des  Körpers  bewahrt  hatte.  In  ihm 
ist  der  Wissenschaft  ein  verdienter  Forscher,  dem  Vaterlande  ein  geliebter  und 
volkstümlicher  Dichter   entrissen   worden. 

Hoff  mann  hat  sein  Leben  selbst,  vielleicht  breiter  als  man  wünschen 
möchte,  in  sechs  Bänden  (Hannover  1868)  beschrieben.  Es  wird  daher  genügen, 
an  die  allgemein  bekannten  Umrisse  seines  Lebens  kurz  zu  erinnern,  und  nur 
auf  den  Anfängen  seiner  Entwicklung,  die  ja  immer  besonders  anziehend 
bleiben,  wollen  wir  etwas  verweilen.  Hoffinann  war  am  2.  April  1798  in  dem 
hannoverschen  Flecken  Fallersleben  geboren,  und  wuchs  in  einfachen,  beschei- 
den bürgerlichen  Verhältnissen  auf,  in  innigem  Verkehr  mit  der  Natur,  die 
die  dichterische  Ader  frühe  in  ihm  weckte.  1812  kam  er  auf  das  Pädagogium 
zu  Helmstedt,  zwei  Jahre  nachher  auf  das  Katharineum  zu  Braunschweig,  dem 
auch  Lachmann  wenige  Jahre  zuvor  noch  als  Schüler  angehört  hatte.  1816 
bezog  er  die  Universität  Göttingen  in  der  Absicht  Theologe  zu  werden.  Allein 
bald  gewannen  andere  Neigungen  die  Oberhand;  er  trieb  mit  Vorliebe  kunst- 
geschichtliche und  sprachliche  Studien.  Dieser  Kunsttrieb  führte  ihn  1818 
nach  Kassel,  wo  er  die  dort  befindlichen  Antiken  studieren  wollte.  In  Kassel 
machte    er    die   Bekanntschaft    der   Brüder   Grimm,    und    eine   Unterredung    mit 


236  MISCELLEN. 

Jacob  wurde,  wie  uns  Hoffuiann  selbst  erzählt,  entscheidend  für  sein  Leben. 
Er  begab  sich  1819  nach  Bonn  und  widmete  sich  von  da  an  ausschließlich 
der  deutschen  Philologie.  In  Bonn  erschieu  auch  1821  seine  erste  litterarische 
Arbeit,  die  Bonner  Bruchstücke  vom  Otfried.  Die  Ferien  benutzte  er  zu  For- 
schungsreisen durch  Belgien,  die  Rheinlande  und  Westfalen,  überall  nach  guter 
deutscher  Art  zu  Fuß  wandernd  und  insbesondere  den  Volksliedern  nachspürend. 
Wichtiger  wurde  die  1821  unternommene  Reise  nach  Holland,  die  den  altnieder- 
ländischen Litteraturquellen  gewidmet  war.  Aus  Holland  zurückgekehrt,  siedelte 
er  nach  Berlin  über,  wo  er  namentlich  in  Meusebachs  Hause  viel  verkehrte. 
Zwei  Jahre  später  erhielt  er  seine  erste  Anstellung  als  Custos  an  der  Univer- 
sitätsbibliothek zu  Breslau,  ein  Amt,  zu  dem  er  durch  seine  bibliographischen 
Talente  und  Kenntnisse  sehr  befähigt  war,  das  aber  doch  zu  viel  des  Me- 
chanischen mit  sich  brachte,  als  daß  es  den  Dichter  nicht  hätte  bald  mit 
Unlust  erfüllen  sollen.  Mehr  seinen  Neigungen  entsprach  die  akademische  Thätig- 
keit,  die  ihm  durch  seine  Ernennung  zum  außerordentl.  Professor  der  deutschen 
Sprache  und  Litteratur  im  J.  1830  eröffnet  wurde.  1835  Ordinarius  geworden, 
zog  er  sich  1838  ganz  von  der  Bibliothek  zurück,  um  nur  seinem  Lehrberufe 
und  seinen  Arbeiten  zu  leben.  Manche  später  rühmlich  bekannte  Männer,  wie 
H.  Wuttke,  F.  Liebrecht,  H.  Palm,  G.  Freytag,  E.  Sommer,  haben  zu  seinen 
Füssen  gesessen.  Seine  Vorlesungen  erstreckten  sich  auf  deutsche  Litteratur, 
Grammatik,  Interpretation,  Encyclopädie  und  Handschriftenkunde*).  Ein  Jahr 
nach  seinem  Rücktritt  von  der  Bibliothek  unternahm  er  eine  längere  Reise  durch 
Osterreich,  Süddeutschland,  die  Schweiz  und  Frankreich.  Die  politischen  Ein- 
drücke derselben  spiegeln  seine  berühmten  'unpolitischen  Lieder5  (1840 — 41) 
ab,  die  für  ihn  verhängnissvoll  werden  sollten.  In  Untersuchung  deßwegen  ge- 
zogen, wurde  er  am  20.  Dec.  1842  seines  Amtes  für  verlustig  erklärt.  Nun 
folgte  jenes  unstäte  Wanderleben,  das,  getheilt  in  Ovationen  von  Seiten  der 
Liberalen  und  in  Plackereien  von  Seiten  der  Regierungen  und  der  Polizei,  erst 
mit  seiner  Rehabilitierung  im  J.  1848  ein  Ende  fand.  Eine  Wiedereinsetzung 
in  sein  Amt  erfolgte  jedoch  nicht,  er  wurde  auf  Wartegeld  gestellt.  Die  nächsten 
Jahre  verlebte  er,  seit  1849  verheirathet,  am  Rheine,  meist  in  Neuwied,  bis 
er  1854  auf  eine  Einladung  vom  Weimarer  Hofe  nach  Weimar  übersiedelte 
und  hier  mit  Schade  zusammen  das  Weimarische  Jahrbuch  herausgab.  Allein 
auch  dieß  Verhältniss  dauerte  nur  wenige  Jahre  und  gewährte  ihm  außerdem 
keine  feste  und  gesicherte  Existenz.  Eine  solche  fand  er  erst  1860,  indem  der 
Herzog  von  Ratibor  ihn  zum  fürstlichen  Bibliothekar  in  Corvey  ernannte.  Es  war 
eine  Sinecure,  die  ihm  gestattete  seiner  alten  Wanderlust  in  zahlreichen  grösseren 
und    kleineren  Reisen    nachzuhängen.    In  völliger  Gesundheit    traf   ihn  hier  am 


*)  Ein  genaueres  Verzeichnis*  derselben  verdanke  ich  J.  M.  Wagners  Gefällig- 
keit. Es  sind  folgende:  Handschriftenkunde  (deutsche,  mit  praktischen  Übungen,  in 
jedem  Semester);  Geschichte  des  deutschen  Kirchenliedes:  Geschieht«'  der  deutschen 
Litteratur  von  Otfried  bis  zu  Ende  des  18.  Jahrh. ;  Geschichte  der  Studien  der  deutschen 
Sprache  und  Litteratur;  über  das  deutsche  Volkslied;  mhd.  Grammatik;  Hartmanns 
armer  Heinrich;  Walther;  Reineke  de  Vos;  Hebels  alemann.  Gedichte;  holländische 
Grammatik;  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  des  15.  16.  u.  17.  Jahrb.;  schriftl.  u. 
mündl.  Übungen  im  Gebiete  der  deutschen  Sprache  u.  Literaturgeschichte ;  Encyclo- 
pädie der  deutschen  Philologie ;  Freidank;  Deutsche  Etymologie;  Deutsche  Literatur- 
geschichte der  neuern  Zeit ;  Geschichte  der  germ.  Litteratur  im  MA.  (deutsch,  niederd., 
nl.,  fries.,  ags.,  scandin.). 


MISCELLEN.  237 

8.   Jan.    1874    im  Kreise    der    Seinen    ein   Schlaganfall,    der  sich   am   20.   Jan. 
wiederholte  und  sein  Leben  endete. 

Hoffmanns  schriftstellerische  Thätigkeit  liegt  bis  zum  Jahre  1868  über- 
sichtlich vor  in  J.  M.  Wagners  Jubiläumsschrift*).  Sie  beginnt  auf  wissen- 
schaftlichem Gebiete  mit  den  schon  erwähnten  Bonner  Bruchstücken  vom  Otfried 
(1821),  und  schließt  nach  mehr  als  50  Jahren  mit  dem  Henneke  Knecht  (1872). 
In  dem  erstgenannten  Jahre  hebt  auch  schon  sein  hochverdienstliches  Wirken 
auf  niederländ.  Gebiete  an,  indem  er  in  dem  Leidener  Kunst-  en  Letterbode 
von  1821  eine  Reihe  von  Artikeln  über  die  altniederl.  Litteratur  veröffentlichte. 
Ihren  Mittelpunkt  fanden  die  hieher  fallenden  Arbeiten  in  den  12  Theilen  der 
Horae  belgieae'  (1830 — 1862),  die,  wie  die  Niederländer  selbst  freudig  und 
dankbar  anerkannt  haben,  zur  Belebung  und  Förderung  der  niederländ.  Studien 
in  höchst  bedeutender  Weise  beitrugen.  Hier  waren  eine  Reihe  wichtiger  Denkmäler 
in  sauberen  Texten  vorgelegt,  außerdem  im  1.  Theil  (2.  Aufl.  1857)  eine  litterar- 
historische  Übersicht,  die  die  Sammlung  eröffnete;  der  7.  Theil  enthielt  ein  prak- 
tisch zu  Nachträgen  eingerichtetes  mnl.  Glossar.  Wie  sehr  sich  H.  in  die  nl. 
Sprache  eingelebt  hatte,  beweisen  am  besten  die  im  8.  Theile  erschie.nenen  Lo- 
verkens  (1852),  welche  von  ihm  selbst  verfasste  altniederl.  Lieder  enthielten  und 
so  gut  den  Ton  trafen,  daß  sogar  ein  Willems  sie  für  echt  halten   konnte**). 

Wie  hier  auf  niederl.  Gebiete,  so  erwarb  sich  H.  ein,  wenn  auch  nicht 
gleich  großes,  anerkennungswerthes  Verdienst  um  die  ältere  hochdeutsche  Litteratur 
in  seinen  Fundgruben  für  Geschichte  der  deutschen  Sprache  und  Litteratur , 
deren  1.  Band  1830  erschien,  und  außer  einer  Anzahl  ahd.  zum  Theil  hier 
zuerst  veröffentlichter  Sachen  die  erste  kritische  Übersicht  der  Dichtungen  des 
12.  Jahrhs.  gab,  und  am  Schluße  ein  verdienstliches  Glossar  für  das  12  — 14. 
Jahrh.  von  Hoffmann  und  Wackernagel  enthielt.  Noch  reichhaltiger  war  der 
2.  Bd.  (1837),  der  altdeutsche  Quellen  größtenteils  aus  österreichischen  Biblio- 
theken lieferte,  darunter  den  von  Hoffmann  entdeckten  und  benannten  Merigarto. 
Seinen  glücklichen  Spürsinn  bethätigte  H.  wie  hier,  so  namentlich  in  der  Auf- 
findung des  verlornen  Ludwigsleiches,  den  er  zugleich  mit  dem  ältesten  franzö- 
sischen Gedichte,  der  h.  Eulalia,  entdeckte  und  1837  als  Elnonensia  herausgab. 
Mit  Haupt  verband  er  sich  zur  Herausgabe  der  altdeutschen  Blätter  (1835 — 40), 
der  ersten  germanistischen  Zeitschrift  von  wirklich  wissenschaftlichem  Charakter, 
an  welcher  sich  H.  durch  zahlreiche  Beiträge,  hauptsächlich  Mittheilungen  aus 
Handschriften,  betheiligte,  und  an  die  sich  nach  ihrem  Aufhören  unmittelbar 
Haupts  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  anschloß.  Den  nach  allen  Seiteii 
gewandten  Blick  zeigte  das  verdienstliche  Buch  die  deutsche  Philologie  im  Grund- 
riß |  1836),  der  erste  und  bis  jetzt  einzige  Versuch,  die  Litteratur  der  deutschen 
Philologie  systematisch  geordnet  zusammenzustellen.  Er  war  aus  dem  akademischen 
Bedürfniss  hervorgegangen,  entsprach  aber  ebenso  einem  Bedürfniss  der  Wissen- 
schaft, so  daß  man  sich  wundern  muß,  diesen  Plan  nicht  weifer  ausgebaut  und 
fortgeführt  zu  sehen.  Wiederum  ein  anderes  Gebiet,  das  mit  seiner  alten  Vorliebe 
und  seinen  Studien  für  das  Volkslied  zusammenhieng,  betrat  er  in  seiner  Ge- 
schichte des  deutschen  Kirchenliedes  !>is  auf  Luther'   '1*32,   2.  Ausg.   1854***), 

1818     1868    Wie]    1868.  .Mit  einem  Nachtrag.   Dresden    18 
Weitere  folgten  im  Weimar.  Jahrbuch  4.   102  ff.;  wiederholt  im   12.  Theile 
<1<  i   Sorae  belgieae. 

***)  Die  von  1861    ist   nui   eine  neue  Titelausgabe. 


238  MISCELLEN. 

worin  ein  reicher,  weit  zerstreuter  Stoff  zum  ersten  Male  kritisch  gesammelt  und 
gesichtet  dargelegt  war.  Es  ist  dieß  Buch  vielleicht  unter  allen  Arbeiten  von  Hoff- 
mann die  wissenschaftlich  bedeutendste;  freilich  eine  eigentliche  Geschichte  in  zu- 
sammenhängender Entwicklung  ist  es  nicht,  wie  überhaupt  größere  zusammen- 
hängende Darstellung  weniger  seine  Sache  war.  Seine  Thätigkeit  war  mehr  auf 
Sammeln  von  Quellen  und  Quellennachweisen ,  auf  Zugänglichmachen  von  Mate- 
rialien als  auf  Verarbeitung  in  größerem  Umfange  gerichtet.  Daß  er  zu  letzterer 
das  Zeug  hatte,  beweist  manche  kleinere  Abhandlung  und  würde  schon  aus 
seiner  künstlerisch  so  reich  angelegten  Natur  sich  folgern  lassen.  Dem  welt- 
lichen Volksliede,  zu  dem  auch  seine  eigene  Dichtung  in  nächstem  Verhältniss 
steht,  gehört  seine  Sammlung  schlesischer  Volkslieder  mit  Melodien  (1842)  an, 
wie  schon  früher  die  niederländ.  Volkslieder,  die  den  2.  Theil  der  Horae  belgicae 
(1833,  2.  Aufl.  1856)  bildeten.  An  der  Grenze  stehen  'unsere  volksthümlicheu 
Lieder'  (1859,  3.  Aufl.  1869),  und  'die  deutschen  Gesellschaftslieder  des  16. 
und  17.  Jabrhs/  (1860),  beide  Bucher  nicht  nur  eine  Sammlung  neuen  Materials 
und  neuer  Quellen,  sondern  auch  ein  neuer  Beweis  von  Hoffmanns  Schartsinn 
und  Spürsinn.  Wie  viele  dunkle  Punkte  hat  er  mit  diesen  Gaben  aufgehellt, 
wie  vielen  wenig  bekannten  Schriftstellern  ist  er  nachgegangen  und  hat  sie  aus 
der  Verborgenheit  gezogen!  So  namentlich  den  Schlesiern  in  seinen  Spenden 
zur  deutschen  Litteraturgeschichte'  (1845).  Den  trefflichen  Plan  zu  einer  Bücher- 
kunde der  deutschen  Dichtung  bis  zum  J.  1700  ließ  er  leider  unausgeführt 
und  gab  nur  in  einer  bibliographischen  Zusammenstellung  über  M.  Opitz  (1858) 
eine  vielverheißende  Probe.  Zu  einer  solchen  Arbeit  wäre  er  vor  vielen  Andern 
befähigt  gewesen.  In  solchen  litterarischen  Sammelwerken  fand  seine  wissenschaft- 
liche Kraft  ihren  Mittelpunkt;  die  philologische  Thätigkeit  der  Textbearbeitung 
war,  auch  wenn  sein  Reineke  Vos  (1834,  2.  Aufl.  1852),  sein  niederd.  Aesopus 
(1870),  sowie  seine  ahd.,  mhd.  und  mnl.  Texte  das  Lob  verständiger  und  ein- 
sichtiger Behandlung  verdienen,  nicht  das  ihm  eigenst  zusagende  Gebiet.  Darin 
haben  ihn  viele  andere  übertroffen,  die  mnl.  Sachen  sind  später  von  einheimi- 
schen Gelehrten  kritisch  vollkommener  ediert  worden;  die  Arbeiten  von  ihm,  die 
den  bleibendsten  Werth  haben,  sind  litterarhistorischer  Art,  sind  litterarische 
Sammelwerke,  aber  nicht  Zeugnisse  des  mechanischen  Sammeins,  sondern  voll 
Geist  und  Leben,  Zeugnisse  seines  Scharfsinns,  wir  möchten  sagen,  auch  einer 
Schlauheit,  die  aus  seinen  lebendigen  schalkhaften  Augen   herausblitzte. 

K.  BARTSCH. 


Moriz  Haupt. 
Dem  Manne,  dessen  Leben  und  Wirken  wir  eben  besprochen  haben,  ist 
wenige  Wochen  nachher  in  gleich  plötzlicher  Weise  ein  anderer  gefolgt,  der,  mit 
Hoffmann  in  den  Anfängen  seines  litterarischeu  Wirkens  eng  verbunden,  sich 
von  ihm  aber  seit  30  Jahren  mehr  und  mehr  getrennt  hatte:  Moriz  Haupt,  der 
zuerst  auf  germanistischem  Gebiete  durch  die  mit  Hoti'mann  herausgegebenen 
altdeutschen  Blätter  bekannt  wurde.  Haupt  wurde  am  27.  Juli  1808  in  Zittau 
geboren,  der  Sohn  des  dortigen  Bürgermeisters,  eines  Mannes  von  feiner  classischer 
Bildung,  der  sich  als  geschmackvoller  Übersetzer  deutscher  Kirchenlieder  und 
Goethescher  Gedichte  ins  Lateinische  einen  Namen  gemacht  hat.  Schon  in  der 
Jugend  von  Liebe  für  die  damals  erblühende  germanische  Philologie  erfüllt,  blieb 


MISCELLEN.  239 

M.  Haupt  dieser  Liebe  auch  treu,  als  er  unter  Leitung  G.  Hermanns,  dessen 
Schwiegersohn  er  später  wurde,  von  1826 — 30  in  Leipzig  der  classischen  Philo- 
logie sich  widmete.  War  ja  doch  die  Methode  der  letzteren  die  mustergiltige 
wie  überhaupt,  so  insbesondere  für  diejenige  Richtung  auch  in  der  deutschen 
Philologie,  welche  Haupt  nach  seiner  ganzen  Naturanlage  fast  ausschließlich 
cultivierte:  die  kritische.  Sie  hatte  Lachmann  auf  altdeutsche  Texte  zuerst 
angewandt,  Lachmanns  kritische  Leistungen  wurden  daher  Haupts  Leitsterne 
auf  deutschem  Gebiete,  wenngleich  er  nicht  sein  Zuhörer  gewesen*),  demnach 
als  sein  Schüler  in  dem  gewöhnlichen  Sinne  des  Wortes  nicht  bezeichnet  werden 
kann.  Nach  längerem  Privatstudium  in  seiner  Vaterstadt  habilitierte  eich  H. 
1837  als  Docent  in  Leipzig  mit  einer  Schrift  über  Catull;  schon  im  folgenden 
Jahre  wurde  er  zum  außerordentl.  Professor  ernannt  und  erhielt  1843  den  neu 
errichteten  ordentl.  Lehrstuhl  für  deutsche  Sprache  und  Litteratur.  Doch  war 
auch  jetzt  seine  Lehrthätigkeit  ebenso  der  classischen  wie  der  deutschen  Philo- 
logie gewidmet,  und  nach  beiden  Seiten  hin  eine  den  übereinstimmenden  Aus- 
sagen aller  seiner  Hörer  zufolge  anregende  und  fruchtbare.  Ihr  wurde  ein  plötz- 
liches Ziel  im  J.  1850  gesetzt,  in  welchem  Haupt  wegen  seiner  Betheiliguug 
an  den  politischen  Bewegungen  der  Jahre  1848  und  1849,  zugleich  mit  Th. 
Mommsen  und  0.  Jahn,  seines  Amtes  entsetzt  wurde,  wiewohl  die  vorangegangene 
Untersuchung  mit  seiner  Freisprechung  geendet  hatte.  Doch  behielt  er  das 
Secretariat  der  philol.  histor.  Classe  der  sächs.  Gesellschaft  der  Wissenschaften 
(er  war  seit  1848  deren  Mitglied),  das  er  eben  übernommen  hatte,  bei,  und 
lebte  als  Privatgelehrter  in  Leipzig.  Erst  durch  seine  Berufung  nach  Berlin 
als  Nachfolger  Lachmanns  1 854  gelangte  er  wieder  in  eine  akademische  Lehr- 
stellung und  hielt  in  dieser  wie  später  gleichzeitig  germanistische  und  classisch- 
philologische  Vorlesungen;  erst  als  an  Stelle  des  1856  verstorbenen  F.  H.  v.  d, 
Hagen  im  J.  1858  Müllenhoff  nach  Berlin  berufen  wurde,  verzichtete  H. ,  um 
Müllenhoff8  Wirkungskreis  nicht  zu  schmälern,  auf  die  germanistische  Lehr- 
thätigkeit. Gleich  bei  seiner  Berufung  wurde  er  zum  Mitglied  der  Berliner  Aka- 
demie der  Wissenschaften  erwählt  und  bekleidete  seit  1861  als  Nachfolger  Böckhs 
das  Amt  eines  Secretärs  der  philosophisch-historischen  Classe.  Seit  einer  Reihe 
von  Jahren  litt  er  an  nervöser  Reizbarkeit  und  suchte  alljährlich  in  den  Ferien 
Erholung  und  Stärkung  in  längerem  Aufenthalte  in  den  Bergen,  gewöhnlich  in 
dem  herrlich  gelegenen  Reichenhall  in  Baiern.  Ein  rascher  Tod  trat  au  ihn 
heran:  in  der  Nacht  vom  5.  zum  6.  Februar  1874  vom  Schlage  getroffen, 
wurde  er  am  Morgen  todt  im  Bette  gefunden,  nachdem  er  am  Tage  vorher  die 
Vorlesungen   wegen   Unwohlseins  hatte  aufgeben  müssen. 

Haupt  theilt  mit  Lachmann  das  Wirken  auf  dem  Doppelgebiete  der  classischen 
und  deutschen  Philologie,  und  zwar  in  seinen  Schriften  und  in  seinem  Lehramte. 
Wir  haben  uns  nur  mit  Haupts  germanistischer  Thätigkeit  zu  beschäftigen  und 
gehen  auf  das,  was  er  auf  griechisch-römischem  Gebiete,  besonders  auf  letzterem 
geleistet,  niclit  ein.  Die  wissenschaftliche  Richtung  Haupts  auf  beiden  Gebieten 
ist  durchaus  dieselbe.  Die  ersten  Früchte  seiner  germanistischen  Studien  wurden 
in  des  Frli.  v.  Aufseß  Anzeiger  i'Wr  Kunde  des  deutschen  Mittelalters  (2.  .Jahrg. 
1833;  niedergelegt,  und  schon  sie  zeigen  eine  nicht  gewöhnliche  Belesenheit 
uul  verschiedenen    Gebieten.  So   gibt  er  2,   15  f.  ein   paar  Bemerkungen  zum 


*)  H.  lernte  Lachmann  persönlich  erat  1834  in  Meusebachs  Hauso  kennen, 


240  M1SCELLEN. 

Grafen  Rudolf,  und  verweist  neben  mhd.  auch  auf  nd.  Parallelstelleu  und  auf 
eine  aus  dem  Poema  del  Cid.  Seine  Bekanntschaft  mit  den  romanischen  Spra- 
chen, uamentlich  mit  dem  Altfranzösischen,  bekunden  auch  die  Beiträge  in 
den  altdeutschen  Blättern  (seit  1835).  Nicht  minder  geben  sie  Zeuguiss  von 
seinen  Studien  auf  dem  Gebiete  der  lateinischen  Poesie  des  Mittelalters.  Die 
textkritische  Richtung,  welche  den  Mittelpunkt  seines  gesammten  Wirkens  bildet, 
tritt  schon  hier  überall  hervor,  und  darin  unterscheiden  sich  seine  Beiträge  von 
denen  seines  Mitarbeiters  Hoffmann,  daß  dieser  im  wesentlichen  handschriftlich 
treue,  Haupt  aber  immer  kritisch  bearbeitete  Texte  gibt,  außer  wo  er  ganz 
junge  Sprachquellen  (wie  a.  Bl.  1,  52  ff.)  mittheilt.  Mehrere  noch  nicht  edierte 
Gedichte,  wie  ein  Salve  Regina,  der  Spiegel  der  Tugend,  Beispiele,  Pfaffen- 
leben etc.,  wurden  hier  von  ihm  und  gleich  in  einer  Gestalt  veröffentlicht,  die 
von  Haupts  kritischer  Befähigung  das  beste  Zeugniss  ablegt.  Diese  kritische 
Thätigkeit  setzte  er  auch  in  der  von  ihm  1841  begründeten  Zeitschrift  für 
deutsches  Alterthum  fort,  die  bald  der  Mittelpunkt  der  altdeutschen  Studien 
wurde  und,  in  ernstem  wissenschaftlichen  Geiste  geleitet,  zum  Ausbau  der  ger- 
manistischen Wissenschaft  nach  allen  Seiten  wesentlich  beigetragen  hat.  Hier 
lieferte  er  die  Ausgaben  der  h.  Margaretha,  der  Warnung,  des  Bonus,  des 
Servatius,  des  Helmbrecht,  von  Konrads  Pantaleon  und  Alexius  etc.  Seine  erste 
selbständig  erschienene  Textedition  war  Hartmanns  Erec  (1839),  ebenfalls  eine 
editio  princeps;  ein  schwieriges  Unternehmen,  da  es  sich  darum  handelte,  aus 
einer  einzigen  sehr  späten  und  vielfach  corrumpierten  Hs.  das  Gedicht  herzu- 
stellen. Wenn  auch  durch  die  Ausgabe  des  Iwein  für  die  Erkenntniss  von 
Hartmanns  Art  und  Kunst  viel  vorgearbeitet  war,  wenn  auch  Lachmann,  dem 
die  Ausgabe  gewidmet  war,  viele  schöne  Besserungen  schwieriger  Stellen  beige- 
steuert hatte,  so  blieb  doch  das  meiste  dem  Herausgeber  zu  thun  übrig,  und 
er  hat  seine  Aufgabe  sich  nicht  leicht  gemacht,  er  hat  sie  im  Ganzen  trefflich 
gelöst.  Im  nächsten  Jahre  (1840)  schloß  sich  Rudolfs  von  Ems  guter  Gerhard 
an ,  ebenfalls  zum  ersten  Male  herausgegeben,  nach  zwei  Hss.,  von  denen  die 
eine,  die  die  meisten  Lücken  der  andern  ergänzt,  nichts  weniger  als  zu  loben 
war.  Die  Recension  Pfeiffers  in  den  Münchener  Gel.  Anzeigen  brachte  aus  sorg- 
fältigem Studium  der  Werke  Rudolfs,  namentlich  auch  des  noch  ungedruckteu 
Wilhelm,  viele  Besserungen,  die  Haupt  mit  voller  Anerkennung  in  seiner  Zeit- 
schrift abdrucken  ließ.  Die  nächste  Arbeit  war  wieder  Hartmann  gewidmet: 
zu  Beneckes  Jubiläum  (1842)  erschien  Haupts  kritische  Bearbeitung  vou  Hart- 
manns Liedern  und  Büchlein  sowie  vom  armen  Heinrich,  der  letztere  freilich 
wesentlich  auf  Lachmanns  Rec.  in  der  Auswahl  beruhend,  die  Lieder  und 
Büchlein  aber  zuerst  in  kritischer  Gestalt.  Auch  hier  waren  die  Büchlein  aus 
ganz  später  Überlieferung  herzustellen.  Noch  mehr  war  dieß  der  Fall  bei  der 
Ausgabe  von  Konrads  Engelhart  (1844),  für  den  nur  ein  Druck  des  16.  Jahrhs. 
vorlag.  Nur  bei  einem  Dichter  von  so  ausgeprägter  Manier  wie  Konracl,  dessen 
Werke  zugleich  so  zahlreich  sind,  konnte  das  Kunststück  der  Herstellung  so 
gelingen  wie  es  gelang;  aber  es  gelang  nur  durch  die  gründliche  Beschäftigung 
mit  dem  Dichter,  die  die  Anmerkungen  beweisen.  Von  geringer  Bedeutung 
sind  der  Winsbecke  und  die  Winsbeckin  (1845)  und  Gottfrieds  von  Neifen  Lieder 
(1851);  denn  hier  war  die  Überlieferung  leidlich  gut,  in  der  rhythmischen 
Anordnung  aber  ließen  Neifeus  Lieder  manches  zu  wünschen  übrig.  Nach  läugerer 
Pause,  welche  sich  durch  die  Übersiedlung  nach  Berlin  erklärt,   folgten  ziemlich 


M1SCELLEN.  24) 

gleichzeitig  der  aus  Lachmanns  Nachlaß  übernommene,  von  Haupt  vollendete 
Minnesangs  Frühling  (1857)  und  Neidhart  von  Reuenthal  (1858).  In  jenem 
war  der  größere  Theil  der  Texte  von  Haupt  bearbeitet,  die  Anmerkungen  fast 
ganz  sein  Werk.  Die  Texte  waren  hier  zum  ersten  Mal  kritisch  bereinigt, 
echtes  und  unechtes  geschieden,  in  den  Anmerkungen  urkundliches  Material 
zu  den  Dichtern  und  Erklärungen  zu  einzelnen  Stellen  beigebracht.  Freilich 
war  die  Textbehaudluug  mangelhaft  nach  der  sprachlichen  Seite,  der  ursprüng- 
liche Dialect  in  bunter  Mischung  mit  der  Überlieferung,  in  einer  Sprache,  die 
nie  existiert  hat,  über  Echtheit  und  Unechtheit  nicht  selten  absprechend  geurtheilt. 
der  Kritik  mithin  noch  ein  reiches  Feld  gelassen.  Neidhart  ist  wohl  Haupts 
bedeutendste  Leistung;  die  sehr  schwierigen  kritischen  Fragen  boten  alle  Gelegen- 
heit kritischeu  Tact  und  Sicherheit  zu  bewähren,  die  Scheidung  von  echtem 
und  unechtem  ist  hier  Haupt  wohl  besser  als  irgendwo  geglückt.  Mit  dein  Zurück- 
ziehen vom  germanistischen  Lehramte  schien  auch  seine  litterarische  Thätigkeit 
auf  diesem  Gebiete  verschwunden ,  denn  es  vergieugen  dreizehn  Jahre,  bis  wieder 
etwas  selbständiges  germanistisches  von  Haupt  erschien.  Nun  kamen  aber  fast 
gleichzeitig  der  zu  Homeyers  Jubiläum  (1871)  herausgegebene  Moriz  von  Craon, 
das  Gedicht  von  dem  üblen  Weibe  und  endlich  die  zweite  Ausgabe  des  Erec. 
Die  vornehme  Abgeschlossenheit,  die  schon  in  den  letzten  Jahren  der  50er 
sich  stark  bemerklich  macht,  hat  hier  ihren  Höhepunkt  erreicht.  Und  das  üble 
war,  daß  das  geleistete  gar  nicht  im  Verhältniss  stand  zu  dem  erhabenen  Staud- 
punkte, auf  den  der  Herausgeber  sich  stellte.  Die  beiden  kleiuen  Sachen  be- 
durften kaum  einer  kritischen  Meisterhand,  auch  war  im  M.  v.  Craon  vieles  von 
dem  ersten  Herausgeber  (Maßmann)  vorweggenommen,  was  hier  einfach  mit  Still- 
schweigen übergangen  war.  Mit  der  zweiten  Ausgabe  des  Erec  kehrte  Haupt 
zu  seinem  Anfange  zurück.  Dem  Gedichte  hatten  seit  1839  eine  Reihe  nam- 
hafter Germanisten  ihre  Aufmerksamkeit  zugewendet:  Benecke,  W.  Grimm,  W. 
Wackernagel,  Pfeiffer,  W.  Müller  und  Bech.  Während  den  früheren  kritischen 
Beiträgen  Haupt  meist  Aufnahme  gestattet,  verhält  er  sich  gegen  die  meisten 
Besserungen  der  drei  letztgenannten  ignorierend  oder  abwehrend.  Bechs  Ausgabe 
wird  mit  einigen  Sätzen  von  Vocabelkenutniss,  die  sich  für  Sprachkenntniss  halte, 
von  wahnschaffener  Metrik  etc.  abgethan.  Sieht  man  darauf  hin  Text  und  Anin. 
Haupts  au,  so  stellt  sich  heraus,  daß  der  guten  neuen  Besserungen  bei  ihm 
sehr  wenige  sind,  daß  den  gekünstelten  Lachmannschen  Regeln  der  Metrik  zu 
Liebe  der  Text  willkürlich  behandelt  wird,  und  daß  die  Anmerkungen  im  Wesent- 
lichen auch  nichts  bringen  als  Parallelstellen  aus  der  tnlui.  Litteratur,  nur  massen- 
hafter als  dieß  nach  der  Einrichtung  von  Bechs  Ausgabe  geschehen  konnte. 
Daß  sie  aber  wirklich  neue  Gesichtspunkte  eröffnen,  daß  sie  mehr  thun,  als 
schon  bekanntes  aus  einer  allerdings  reichen  Leetüre  weiter  belegen,  kann  man 
nicht  einräumen.  Eine  solche  Leistung  berechtigte  nicht  entfernt  zu  einem  solchen 
maßlosen  Hochmuthe,  wie  ihn  das  ganze  Buch  zur  Schau  trägt.  Auch  die 
kleinen  Beiträge  in  seiner  Zeitschrift,  die  Ährenlese  ist  in  demselben  Stil: 
dabei  aber  zeigt  sich  nicht  nur,  daß  der  Sammler  dieser  Ähren  völlig  anorientiert 
war  in  der  Quellenkunde  wie  in  dem  was  si  it  den  Jahren  seiner  Zurückgezo- 
genheit geschehen  —  indem  er  von  andern  längst  gefundenes  als  neu  aufti 
—  sondern  auch  daß  er  vergessen,  was  er  lelbsl  in  derselben  Zeitschrift  vor 
Jahren  als  Textbesserungen   beigebracht   hatte. 

OKRM.ANIA.  Neue  Keihe  Vll.  (\i\i  «Uhr*  [Q 


242  MISCELLEN. 

Überblicken  wir  noch  einmal  Haupts  germanistische  Thätigkeit,  so  finden 
wir,  daß  dieselbe  fast  ganz  auf  textkritische  Arbeiten  sich  beschränkt.  Neue  weit- 
tragende Gesichtspunkte  wird  man  bei  ihm  nicht  suchen  dürfen.  Er  kannte  die 
Grenzen  seiner  Begabung  und  daß  er  innerhalb  derselben  sich  hielt,  wird  man  nur 
loben  können.  Aber  auch  wenn  er  innerhalb  dieser  Grenzen  das  vollkommenste  ge- 
leiste hätte,  auch  dann  könnten  wir  darin  keine  Berechtigung  zu  jener  Selbstüber- 
hebung erblicken.  Weit  entfernt  textkritische  Leistungen  herabsetzen  zu  wollen, 
kann  ich  in  ihnen  doch  nicht  eines  der  höchsten  Ziele  der  Wissenschaft  sehen. 
Epochemachend  werden  sie  nur  dann  sein,  wenn  sie  wie  die  Lachmanns  wirklich 
eine  neue  Bahn  gewiesen.  Das  kann  man  aber  von  keinem  Hauptschen  Buche 
sagen.  Alle  seine  Arbeiten  sind  Muster  von  Sauberkeit  und  Umsicht,  zeugen 
von  Scharfsinn  und  kritischer  Begabung,  von  Beherrschung  des  Stoffes,  von  im- 
menser Belesenheit,  von  ausgebreitetem  Wissen ,  —  aber  das  sind  noch  keine 
Eigenschaften,  die  einen  grossen  Philologen  macheu.  Wir  stehen  auch  nicht  an. 
Haupt  den  feinen  ästhetischen  Sinn  zuzusprechen,  der  zum  Verständniss  und 
zur  Erklärung  namentlich  von  Dichterwerkeu  gehört  und  der  in  seinen  akademischen 
Vorträgen  zu  Tage  trat  —  wir  zweifeln  auch  gar  nicht,  daß  er  die  Anlage 
zu  eigentlich  schöpferischen  Arbeiten  besaß;  aber  wir  haben  die  Summe  seiner 
Leistungen  zu  ziehen  nach  dem  was  vorliegt,  und  da  glauben  wir  seinen  Ver- 
diensten in  dem,  was  wir  über  dieselben  gesagt,  nichts  entzogen  zu  haben, 
sondern  ihnen  gerecht  geworden  zu  sein.  Sein  ehrenvoller  Platz  in  der  Geschichte 
unserer  Wissenschaft  bleibt  ihm  gesichert;  er  hat  zur  Festigung  der  von  Lachmann 
begründeten  kritischen  Methode  fördernd  beigetragen ;  sie  wirklich  weiterzubilden, 
daran  verhinderte  ihn  jene  ungemessene  Ehrfurcht  vor  diesem  Manne,  dem 
er  sich  ganz  zu  eigen  hingab,  und  von  dessen  Lehren  und  Ansichten  abzu- 
weichen ihm  nicht  nur  als  Irrthum,  sondern  als  Schlechtigkeit  und  Unsittlichkeit 
erschien*).  K.  BARTSCH. 

Eduard  von  Kausler. 

Heinrich  Eduard  v.  Kausler  ist  am  20.  August  1801  in  Wirinenden  ge- 
boren, wo  sein  Vater  als  Rechtsanwalt  lebte.  Er  besuchte  das  Gymnasium  in 
Stuttgart  und  machte  seine  Studien  in  Tübingen,  Göttingen  und  Berlin.  Neben 
der  Rechtswissenschaft  zogen  ihn  besonders  die  Vorlesungen  Valentin  Schmidts 
an,  in  denen  er  für  seine  romantischen  Neigungen  wissenschaftliche  Begründung 
und   Vertiefung   fand. 

Bald  nach  der  Rückkehr  in  die  Heimath.  1826,  trat  Kausler,  erst  als 
freiwilligei  Arbeiter,  dann  als  besoldeter  Assistent  beim  k.  wihttembergiseken 
geheimen  Haus-  und  Staatsarchiv  in  Stuttgart  in  amtliche  Thätigkeit  und  stieg 
allmählich  zum  Archivar  und  Archivrath  auf.  Daß  ihm  das  Einrücken  in  die 
Direction  versagt  blieb  und  er  dafür  1859  mit  dem  Titel  und  Rang  eines 
Vicedirectors  entschädigt  werden  sollte,  konnte,  wenn  es  auch  im  Zusammen- 
hang mit  den  damaligen  Organisationen  jener  Anstalt  nicht  direct  als  Hintan- 
setzung betrachtet  werden  durfte,  doch  nicht  verfehlen,  in  dem  Gemüthe  des 
trefflichen   Mannes   einen  Stachel    zurückzulassen. 

Die  amtliche  Thätigkeit  war  zuweilen  durch  Reisen  für  gelehrte  Zwecke, 
in  späteren  Jahren  auch  aus  Gesundheitsrücksichten  unterbrochen.  Im  Jahre  1829 


*)  Ein  Verzeichnis  von  Haupts  sämmtlichen  germanistischen  Arbeiten  wird  das 
3.  Heft  bringen. 


MISCELLEN  243 

begab  sich  Kausler  der  Benutzung  der  Bibliotheken  wegen  nach  Paris,  1864  in  Ge- 
sellschaft des  Directors  v.  Stalin  mit  amtlichen  Aufträgen  nach  Paria  und  Lon- 
don. Zur  Sommerfrische  zog  er  in  späteren  Jahren  regelmäßig  in  die  Berge 
und   erstieg  gerne   die   höchsten   erreichbaren    Gipfel. 

Kauslers  wichtigste  litterarische  Arbeit  ist  das  württembergische  Urkun- 
denbuch,  für  dessen  Ausführung  er  seine  beste  Kraft  einsetzte.  Drei  große 
Bände  in  4°  sind  davon  seit  1849  erschienen;  sie  führen  den  württembergi- 
ächen  Urkuudenschatz  bis  ins  13.  Jahrhundert.  Die  Fortsetzung  wird  Archiv- 
rath    Dr.    Stalin,   der   Sohn   des   berühmten   Historikers,   besorgen. 

Aus  archivalischen  Quellen  ist  sodann  entnommen  das  Reisebuch  des 
Burkhart  Sticke!  1566  ff.),  erschienen  Stuttgart  1868,  sowie  die  Sammlung 
der  Briete  des  Bischofs  Vergerius.  Letztere,  für  den  litterarischen  Verein  in 
Stuttgart  bestimmt,  sind  nicht  mehr  zum  Abschluß  gelangt,  werden  aber  im 
Einverständnis  mit  Kausler  von  Professor  Schott  in  Stuttgart  vollends  druck- 
fertig hergestellt   werden. 

Eine  lnittelniedcrländischc  Sammelhandschrift  der  k.  öffentlichen  Bibliothek 
in  Stuttgart  gab  Kausler  Veranlassung  zu  eindringenden  Studien .  des  Mittel- 
niederländischen. Daraus  gieng  die  reichhaltige  Sammlung  „Denkmäler  alt- 
[besser:  mittel-Jniederländischer  Sprache  und  Litteratur" ,  Tübingen  bei  Fues 
1840  ff.,  hervor.  Das  sehr  umfassend  angelegte  miltelniederländische  Glossar 
ist  leider   nicht   zum   Drucke   gelangt. 

Auf  romauischem  Gebiet  war  Kausler,  abgesehen  von  ausgedehnter  Leetüre 
besonders    für   Altftanzösisch,   Graubündisch,    Spanisch    und   Portugiesisch   thätig. 

Von   der   großen   kritischen  Ausgabe   des  Rechtsbuches  Assises  du   royaume 
de  Jerusalem   ist    1839    nur   der   erste    Band     Stuttgart    bei    Krabbe)   erschienen. 
französische,    durch    das    deutsche  Unternehmen    hervorgerufene,  und  durch  rei- 
chere   Mittel    unterstützte  Concurrenz    der  Fortsetzung  hemmend  in  den  Weg   trat. 

Für  ilie  graubündische  Sprache  hatte  Kausler  durch  seine  Bergwande- 
rungen Vorliebe  gefaßt  und  bereitete  Veröffentlichungen  vor,  die  aber  nicht 
zur   Ausführung   gekommen   sind. 

Das   gleiche  Schicksal    hatte    ein    lange  gehegter  Plan  des  Wiederabdruckes 
eines    seltenen    in    Zaragoza    1638   erschienenen    spanischen    Liederbuches,     des 
linto   amoroso. 

Dagegen  ist  die  große  altportugiesische  Liedersammlung,   Capcioneiro 
ral    von  Garcia    de   Reeende,    in   3  starken   Bänden   184b"   ff.  für    den    litterari- 
schen   Verein   in   Stuttgart    gedruckt    worden,    bekanntlich   eine   Hauptquelle    der 

i   portugiesischen   Lyrik. 

Kausler  war  einer  der  Begründe)  des  1839  unter  dem  Titel  „litterarischer 
Verein   ii  •      zusammengetretenen    Bibliophilenvereinea   und    nahm  auch, 

nachdem  184'J  die  Verwaltung  aus  den  Händen  des  ursprünglichen  Ausschusses 
nach  Tübingen   iibi  ;n   war,   berathend   und  als   Herausgebe)    thätig   noch 

bis  zu  seinem   Ende   lebhaften   Antheil   an   seiner   Weiterentwickelung. 

Unverheirathet  führte  Kausbr  ein  stille-  Gelehrtenleben;  -ein  brieflicher 
Verkehr  mit  auswarfigen  Fai  q,   seil   ls;ö  anunterbrochen   und   reichlich 

mit  mir,  seit  1863  mit  Uolland,  dann  mit  Liebrecht,  mit  den  holländischen 
Gelehrten  u.a.  ir  das  wissenschaftliche  Interesse,  das  ihn  besei  Ite.    Wie  er 

den  wissenschaftlichen  Benutzern  des  Archiv  tei  Aufopferung  seine  Dienste 

widmete    io  nahm  er  auch  an  den  Be  I  ebungen  der  Freunde  uneigennützig  theil; 

16" 


244  MISCELLEN. 

so  spendete  er  gerne  Beiträge  für   mein  Unternehmen  der  Sammlung  des   schwä- 
bischen Sprachschatzes,  für  Hollands  Commentar  zu  Uhlands  Gedichten  u.  s.  w. 

Von  der  Anerkennung,  die  Kausler  gefunden,  zeugen  die  Diplome  der 
Münchener  Akademie  und  vieler  gelehrter,  besonders  historischer  Vereine,  das 
ihm  1845  von  der  philosophischen  Facultät  in  Tübingen  honoris  causa  ver- 
liehene Doctordiplom  und  die  Ernennung  zum  Comthur  und  Ritter  hoher  Orden, 
die  ihm  von  seinem  Landesherrn,  wie  von  den  Königen  von  Preußen  und  Bayern 
zu  Theil  wurde. 

Nach  längerem  Kränkeln  ward  E.  v.  Kausler  seinen  Geschwistern,  an 
denen  er  mit  treuester  Liebe  hieng,  seinen  Freunden  und  der  Wissenschaft 
durch  den  Tod  entrissen  am  27.  August  1873. 

A.  v.  KELLER. 


Arthur  Amelung. 

Mein,  mitten  im  rüstigsten  Schaffen  in  litterarischer  und  lehrender  Thätig- 
keit  unerwartet  schnell  aus  dem  Leben  abgerufener  College  Arthur  Amelung 
war  geboren  am  13.  Juli  1840  in  Livland  auf  dem  Gute  seines  Vaters. 
Privatim  für  das  Maturitätsexamen  vorbereitet,  legte  er  dasselbe  1861  am 
Dorpater  Gymnasium  ab,  und  bezog  dann  die  Universität  Dorpat,  um  dem 
Wunsche  seines  Vormundes  gemäß  Chemie  zu  studieren.  Im  Herbst  1863  siedelte 
er  nach  Berlin  über  und  widmete  sich  hier,  einer  schon  früher  ausgebildeten 
Neigung  von  jetzt  an  folgend,  dem  Studium  der  germanischen  Philologie. 
Nachdem  er  darauf  von  Mich.  1866  an  bis  1871  ohne  feste  Berafsstellung  in 
Dorpat,  Petersburg  und  Berlin  gelebt  und  während  dieser  Zeit  1868  mit  einer 
nicht  im  Druck  erschienenen  Abhandlung:  Prolegomena  ad  Ortnidum,  carmen 
theodiscum,  in  Halle  promoviert  worden,  habilitierte  er  sich  Mich.  1871  in  Dorpat 
und  hielt  dort  während  dreier  Semester  Vorlesungen  über  Nibelungen,  deutsche 
Grammatik  und  Minnesänger,  nebst  praktisch  philologischen  Übungen.  Ostern 
1873  ging  er,  durch  seine  deutschen  Sympathien  vornehmlich  geleitet,  nach 
Breslau ,  habilitierte  sich  hier  mit  einem  Vortrag  über  die  Eintheilung  der 
germanischen  Sprachen  und  einer  Antrittsvorlesung  über  die  Entstehung  der 
deutschen  Minnedichtung.  In  den  zwei  folgenden  Semestern  las  er  über  die 
älteren  Minnesänger  und  Beövulf  und  leitete  germanistische  Übungen,  im  letzten 
Winter  mehrmals  durch  scheinbar  vorübergehende  Krankheitsanfälle  zum  Aus- 
setzen  seiner  Vorträge  genöthigt. 

Im  Februar  dieses  Jahres  erhielt  er  eine  Berufung  als  Professor  für  ger- 
manische Sprachen  nach  Freiburg  i.  B.  Der  Hoffnung  hingegeben,  daß  sein, 
dem  Anschein  nach  wenig  bedenkliches  Lungenleiden  einem  wärmeren  Klima 
weichen  werde,  reiste  er  Anfang  März  nach  dem  Curort  Montreux  im  Kaut. 
Waadt,  wo  ihn  aber  schon  am   6.   April   der  Tod  ereilte*). 

Sein  ernster,  gediegener  Charakter,  sein  reiches  und  vielseitiges  Wissen 
wie  seine  anspruchslose  Liebenswürdigkeit  musste  jeden  Fachgenossen  für  ihn 
einnehmen:  um  so  mehr  habe  ich   es  bedauert,   daß  in  Folge  seiner  zurückge- 


*)  Behufs  der  Znsammenstellung  obiger  biographischer  Notizen  habe  ich,  soweit 
sie  reichten,  Amelungs  eigene  Aufzeichnungen  im  Album  der  hiesigen  philos.  Facultät 
benutzt,  dessen  ..Einsicht  für  diesen  Zweck  mir  freundlichst  gestattet  wurde. 


MISCELLEN.  245 

zogenen  Lebensweise,  die  ihn  von  allen  gesellschaftlichen  Kreisen  fast  gänzlich 
fern  hielt,  auch  der  wissenschaftliche  Verkehr  zwischen  uns  beiden  über  ge- 
legentliche  Besuche   und   zufällige   Begegnungen   wenig  hinausgekommen  ist. 

Es  folgt  nun  ein  Überblick  über  Amelungs  im  Drucke  erschienene  litte- 
rarische Arbeiten,  soweit  mir  dieselben  bekannt  geworden,  in  chronologischer 
Folge  und  z.    Th.   mit  kurzer  Epikrisis. 

1.  Studien  zur  vergleichenden  Metrik.  I.  Eine  mit  Genehmigung  einer 
hochverordneten  historisch-philologischen  Facultät  der  kaiserlichen  Universität 
Dorpat  behufs  Erlangung  des  Grades  eines  Magisters  der  vergleichenden  Sprach- 
kunde zur  öffentlichen  Vertheidigung  bestimmte  Abhandlung.  Dorpat  1871. 
[Specialabdruck  aus  der  Zeitschr.  f.  d.  Ph.  Bd.  III.  Halle  1871.  p.  253  bis 
305,  wo  die  Abhandlung  den  Titel  führt:  Beiträge  zur  deutschen  Metrik.]  Die 
Abhandlung  zerfällt  in  zwei  Theile.  Im  ersten  sucht  A.  den  Versbau  einer  Reihe 
mitteldeutscher  Gedichte,  speciell  des  König  Rother  festzustellen.  Er  statuiert 
in  sorgfältigster  Weise  die  einzelnen  Fälle,  in  denen  zweisilbige  Senkung  gestattet 
ist,  was  nach  Martin  auch  für  die  mnl.  Gedichte  Geltung  hat.  Wenn  er  aber 
alle  den  aufgestellten  Gesetzen  widerstrebenden  Verse  für  verderbt  hält,  nament- 
lich die  zu  laugen  Verse  als  dem  Gedichte  ursprünglich  angehörig  nicht  aner- 
kennen will,  so  muß  ich  mich  der  Ansicht  Rückerts  (König  Rother,  Leipzig  1872 
p.  LXXXV  f.)  und  Edzardi's  (Germ.  XVIII,  p.  391  f.)  anschließen,  die  mit  Recht 
auf  die  eigenthümliche  Stellung  dieser  Verse  im  ganzen  Gedichte  aufmerksam 
machen.  Eher  kann  man  in  Zweifel  sein  über  die  scheinbar  zu  kurzen  Verse 
("vgl.  Rückert  a.  a.  0.). 

Im  zweiten  Abschnitt  will  A.  für  den  Heliand  in  ähnlicher  Weise  wie 
Schubert:  De  Anglosaxonum  arte  metrica.  Berol.  1870,  für  das  ags.  Epos,  die 
Vierhebungstheorie  durchführen.  Während  Seh.  aber  alle  Silben  der  ags.  Sprache 
an  jeder  Versstelle  mit  wenigen  Ausnahmen  hebungsfähig  sein  lässt,  daneben 
dreisilbige  Verse  zugiebt  und  zweisilbige  durch  die  Nachwirkung  früherer  Mehr- 
silbigkeit rechtfertigen  will,  nimmt  A.  in  dreisilbigen  Halbversen  Zerdehnung 
eines  langen  Vokals  oder  eines  kurzen  vor  1,  r,  n  und  st  an,  so  daß  auf  die 
betreffende  Silbe  zwei  Töne  fielen.  Eine  ausführliche  Widerlegung  gehört  nicht 
hieher:  ich  bemerke  nur,  daß,  wenn  man,  abgesehen  von  sonstigen  metrischen 
Freiheiten,  gezwungen  ist,  eine  Scheidung  zwischen  Haupt-  und  Nebenhebungen 
zu  machen,  und  ihr  Verhältniss  ähnlich  darzustellen,  wie  das  zwischen  Hebung 
and  Senkung  (p.  283),  und  die  Bedingung  der  Zerdehnung  nicht  einmal  für 
alle  entsprechenden  ags.  (vgl.  z.  B.  Gen.  1209":  on  genimed),  geschweige  alt- 
nordischen Verse  Anwendung  findet,  daß  in  diesem  Falle  die  ganze  Theorie 
nur  dann  einen  Schimmer  von  Wahrscheinlichkeit  für  sieh  hätte,  wenn  aus 
andern  Gründen  nachgewiesen  wäre,  daß  die  Reimpoesie  'He  vier  Hebungen  aus 
der  allitterierenden  übernommen  haben  müa  e.  Das  ist  aber  durchaus  nicht  der 
Fall  (vgl.  Vetter :  Über  die'  germanische  Allitterationspoesie.  Wien  ikTl'  p.  20  ff.). 

'_'.   l'her  da    Verhältnis«  der  Philologie  zu  den  übrigen  historischen  Wissen- 

cbaften.  Antrittsvorle  trag  gehalten  an  der  Universität  Dorpat  den  in.  Oct.  1871. 

Dorpat  1871.    Die  Aufgaben    des   Philologen    sind    mii    denen    des    Historikers 

identisch.   Weder  die  Ethnologie  noch   die  Völkerpsychologie  sind  begrifflich  von 

der  Philologie  zu  trennen. 

3.  Die  Darwinsche  Theorie  und  die  Sprachwissenschaft«  In:  Baltische 
Monatschrift.  \.  Folge  Bd.  II.  1871.  Eine  anziehend  geschriebene]  populäre 
Darstellung,  z.  Th.  sich  anschließend    m  die  bekannte  Schrift  Schleichers. 


246  MISCELLEN. 

4.  Die  Bildung  der  Tempusstämme  durch  Vocalsteigeruug  im  Deutschen. 
Eine  sprachgeschichtliche  Untersuchung.  Berlin  1871*).  A.  sucht,  gestützt  auf 
das  von  Schleicher  im  Compendium  für  die  indog.  Ursprache  aufgestellte  System 
der  Vocalsteigeruug  und  auf  Müllenhoffs  Regel**),  diese  Steigerung  als  Starnm- 
bildungdinittel  für  die  germ.  ablautenden  Verba  nachzuweisen.  Er  kommt  zu 
dem  Resultat,  daß  die  abl.  Verba  nicht  in  reduplicierende  und  nicht  reduplicie- 
rende,  sondern  nach  dem  Stammvokal  in  a,  i,  u-Stämme  einzutheilen  sind,  daß 
Stämme  mit  erster  Steigerung  nur  noch  in  der  a-Reihe  begegnen,  während  die 
i  und  u-Reihe  nur  die  zweite  kennt.  Für  die  Lautlehre  statuiert  A.,  daß  jedes 
zu  e  (i)  geschwächte  germ.  a  auf  scr.  ä,  jedes  goth.  a  auf  scr.  ä,  jedes  goth.  6 
auf  scr.  ä,  jedes  germ.  ei  (goth.  =  ii  =  i)  auf  scr.  e  (=  äi),  jedes  germ.  eu 
(goth.  =  iu)  auf  scr.  ö  (  —  äu),  jedes  goth.  ai  auf  scr.  äi,  au  auf  scr.  au  zurück- 
weise. 

Die  Ausführungen  von  Leo  Meyer  (K.  Z.  XXI,  p.  341  ff.)  deren  Resultat 
ist,  daß  die  Vriddisteigerung  als  etwas  specifisch  Indisches,  der  indog.  Ursprache 
abzusprechen  und  nicht  als  eine  mit  Guna  verschwisterte  Erscheinung  anzusehen 
sei,  zerstören  die  Einheit  dieses  Systems  freilich.  Es  sind  da  zunächst  die  Formen 
äi  und  äu  zu  streichen,  und  anzunehmen,  daß  ei  und  ai,  eu  und  au  beide  aus 
guniertem  i  und  u  hervorgegangen  seien,  in  diesen  Vokalverbindungen  also  ä 
sich  in  a  und  e  gespalten  habe.  Das  alleinstehende  a  trifft  dieser  Einwand 
natürlich  nicht,  denn  ob  wir  die  Wandlung"  eines  scr.  a  zu  ä  Vriddi  oder 
Dehnung  nennen  wollen,  ist  gleich.  Es  stünde  uns  also  noch  frei,  mit  A.  in 
bar  und  fara  das  a  als  ursprünglich  lang  anzusetzen.  Das  wollte,  was  A.  über- 
sah, vor  Holtzmann  schon  Bopp  (Vocalismus  etc.  p.  215  f).  Dem  würde  man 
nicht  einmal  das  abweichende  Verhalten  des  gunierenden  a  mit  Grund  entgegen- 
halten können;  denn  daß  a  im  Diphthong  leichter  zu  afficieren  ist,  als  allein 
stehend,  ist  selbstverständlich.  Da  aber  der  Beweis  für  die  ursprüngliche  Länge 
des  a  in  fara  weder  von  Bopp  (a.  a.  0.)  noch  von  Holtzmann  (Über  den  Ablaut 
p.  58)  noch  von  Amelung  (p.  45J  geliefert  ist,  und  überdieß  im  scr.  perf. 
mittleres  a  vor  einfachem  Consonanten  in  der  ersten  Person  beliebig  verlängert 
wird  (vgl.  Stenzler:  Elementarbuch,  2.  Aufl.  §.  166),  so  glaube  ich,  daß  auch  in 
diesen  beiden  Formen,  ebenso  wie  in  halda,  ursprünglich  ä  anzusetzen  ist. 
Während  wir  nun  in  för  die  Vocalsteigerung  vor  uns  haben,  repräsentiert  baira 
-=  bera  Vocalschwächung.  Dieselbe  Erscheinung  werden  wir  in  baürgum  wieder- 
finden. Amelungs  Annahme,  daß  o  (=  goth.  u)  in  diesen  Formen  sich  aus  der 
den  Ton  tragenden  liquida  entwickelt  habe,  also  baiigum  aus  brgumäs,  scheint 
mir  ganz  unhaltbar.  Vergl.  die  Erklärung  Förstemanns:  Geschichte  des  deutschen 
Sprachstammes.   Bd.  I.    Nordhausen    1874  p.  568. 

Trotz  alledem  halte  ich  die  Eintheilung  der  deutschen  starken  Verba, 
wie  sie  A.  p.  65  f.  giebt,  für  viel  zweckmäßiger  und  richtiger,  als  die  Grimm'sche. 
Ein  ähnliches  Princip  befolgt  Müllenhoff  Parad.  p.  4  f.  und  Försternann  in  der 
von  ihm  gegebenen  a.  a.  O.  p.  546.  Seine  Scheidung  nach  Steigerung  und  Schwä- 
chung, nicht  nach  den  Vocalen,  wird  bedingt  durch  die  Tendenz  seines  Buches. 


*)  Ich  gehe  auf  den  Inhalt  dieses  Schriftchens  etwas  ausführlicher  ein,  da  es 
wenig  bekannt  zu  sein  scheint. 

**)  So  unabhängig  von  M.  schon  Jessen:  Tidskr.  t'or  phil.  og.  paed.  I  p.  217  f. 


Mist  Kl.l  |  \  247 

Dem  neuesten  Versuch  gegenüber  (Grein:  das  gothiscbe  Verbura.  Cassel 
1872),  den  Yocalwechsel  in  der  goth.  Conjugation  :ins  dem  Aecente  zu  er- 
klären, wird  man  .sich  so  lange  ablehnend  verbalten  müssen,  als  die  Annahme, 
daß  im  Scr.  der  Accent  wirklich  immer  die  Ursache  der  Guuicrung  sei,  von 
gewichtigen  Stimmen  bestritten  (Corssen:  Über  Aussprache  etc.  Leipzig  1868. 
I.  p.  622  IT.  Westphal:  Phil.  hist.  Gramm.  <i.  d.  Spr.  p.  21)  oder  bezweifelt 
wird  (Curtius,  Grundz.  2.  Aufl.  p.  50)  oder  mindestens  uichl  allgemein  durch- 
geführt werden   kann   (Benfey:  Vollst.  Gr.  d.  Sanscr.  p.   19  Anm.  2). 

5.  Deutsches  Heldenbuch.  Ortuit  und  die  Wolfdietriche.  Nach  Müllenhoffs 
Vorarbeiten  bei  ausgegeben  von  Arthur  Amelung  und  Oskar  Jänicke.  Bd.  I.  II. 
Berlin    1871—73. 

Ein  eigenes  Geschick  hat  gewollt,  daß  beide  Herausgeber  dieser  zwei 
Theile  fast  zugleich  der  Wissenschaft  entrissen  werden  sollten.  Amelung  hatte 
die  Ausgabe  von  Ortnit  und  Wolfd.  A  übernommen.  leb  halte  diese  Ausgabe 
für  seine  bei  weitem  beste  Arbeit.  Zum  ersten  Male  werden  hier  die  Hand- 
schriften des  Ortnit  genau  classificiert,  die  Ambraser  und  Wmdbagener,  als  den 
ältesten  Text  enthaltend,  zu  Grunde  gelegt,  während  der  in  10  Hdschr.  ent- 
haltene gemeine  Text  und  das  Dresdner  Heldenbuch  zuweilen  über  die  Wahl 
einer  Lesart  entscheiden  können.  Die  Sprachformen  von  A  werden  in  die  des 
13.  Jahrhunderts  zurückübersetzt,  was  ich  für  unbedenklich  halte,  und  der  Tt  xt 
nach  Lachmanns  Metrik  constituiert.  Der  Wolfd.  A,  dessen  ursprünglicher  Text 
nur  in  derselben  Ambraser  Hdschr.  erhalten  ist,  ist  ebenso  behandelt.  Betreffs 
der  Zeit  des  Ortnit  und  seiner  Localitäten  geht  Amelung  nicht  über  Müllen- 
hoffs bekannten  Aufsatz  hinaus*).  Dagegen  winl  Bd.  I  p.  XXXI  ff.  überzeugend 
nachgewiesen,  daß  der  Wolfd.  A,  dessen  Schluß  unecht  ist,  nicht  von  dem  Dichter 
des  Ortnit.  sondern  von  einem  Nachahmer  desselben  herrührt.  Zu  dieser  ersten 
streng  kritischen  Textausgabe  der  beiden  Gedichte  Bd.  I.  p.  1  152  kommen 
dann  noch  die  sehr  dankenswerten,  von  anderer  Seite  als  zu  ausführlich  mit 
Unrecht  bemängelten  Anmerkungen  Bd.  II  p,  239  69,  die  außer  den  hinzu- 
gedichteten Strophen  des  gemeinen  Textes  und  metrischen  Beobachtungen  sehr 
fleißige  Zusammenstellungen  über  den  Sprachgebrauch  und  Parallelstellen  aus 
anderen   mhd.    Dichtern   bieten. 

Endlich  will  ich  noch  hinzufügen,  daß  eine  Entgegnung  auf  Leo  Meyers 
oben  erwähnten  Aufsatz  in  K.  Z.,  von  Amelungs  Hand,  unter  der  Presse  sich 
befinde!  und  daß  er  in  den  letzten  Monaten  mit  Vorarbeiten  zu  einer  Geschichte 
des  gen  I.  at<  beschäftigt  war.  glaube  jedoch,  uachA.  eigenen  Mittheilungen, 
kaum,    daß  dieselben   dem  Abschluß   nahe   warei 

BEI  BLAU,  Juni   1874.  E.   KÖLBING. 


Briefe  von  Jakob   Grimm  an  K.    W.   Bo 

Karl   Wilhelm    Bo  30.  Aug.   1809  auf  <i<-v  Friedrichshütte  bei 

Tarnowitz  in  Schlesien,  Sobi  rohann   Augusl    B., 

besuchte  das  Gymnasium  zu   Gleiwitz  und   die   lateinische  Schule   in   Halle, 

*)  Aus  der  hübschen  Dissertation  eon  Lindner:  i  bei  di<    Beziehungen  des  Ortnit 

zu  Hnoo   ".  •  j 1 1  Bordeaux,  Rostock  1872,  li  dem  die  Wahrscheinlichkeil  ergeben, 

dali,   wenn  nicbl   Buon  die  Quelle  i  i  amen 

Sagt  ii-!'. ti  zurück    ifill 


248  MISCELLEN. 

dierte  darauf  in  Halle  und  Breslau  Philologie.  An  dem  letzteren  Orte  trat  er 
mit  Keller  und  Pabst  an  die  Spitze  der  Burschenschaft.  Während  der  letzten 
Semester  seines  Studiums  in  Breslau  war  er  zugleich  Lehrer  und  Erzieher  im 
Hause  des  Grafen  Henckel  von  Donnersmarck.  Nachdem  er  1832  zu  Jena  den 
Doctortitel  erworben  hatte,  begab  er  sich  nach  der  Schweiz.  Hier  unterrichtete 
er  zunächst  bei  Fellenberg  in  Hofwyl  acht  Monate  lang,  dann  gründete  er  in 
Bern  eine  Litterarschule  und  eröffnete  endlich  am  15.  Oct.  1834  eine  Erziehungs- 
anstalt zu  Groß- Wabern,  eine  halbe  Stunde  von  Bern  entfernt.  Dort  begann  er, 
zuerst  durch  Thorpes  Ausgabe  des  Caedmon  angeregt,  seine  umfassenden 
Studien  der  angelsächsischen  Sprache  und  der  altern  englischen  Kirchengeschichte. 
Nach  zehn  Jahren  (1844)  wurde  B.  als  Director  des  Gymnasiums  nach  Elber- 
feld  berufen.  Hier  setzte  er  Anfangs  seine  angelsächsischen  Studien  weiter  fort; 
in  den  letzten  sechs  Jahren  widmete  er  sich  hauptsächlich  der  Kirchengeschichte 
von  Rheinland  und  Westfalen  und  gründete  den  Bergischen  Geschichtsverein, 
dem  er  unter  großem  Aufwand  von  Zeit  und  Geld  in  kurzem  eine  bedeutende 
Ausdehnung  und  angesehene  Stelle  verschaffte.  Er  starb  am   22.  Dec.   1868. 

Seine  Schriften  und  Abhandlungen,  soweit  sie  die  angelsächsische  Litteratur 
und   englische  Kircbengeschichte  betreffen,   sind  folgende: 

1.  Caedmou's  des  Angelsachsen  biblische  Dichtungen.  Herausgegeben  von 
K.  W.  Bouterwek.  Erster  Theil.  Gütersloh  bei  C.  Bertelsmann  1854.  (Enthält 
Einleitung,  Text,  Übersetzung  und  Anmerkungen.)  Zweiter  Theil.  Elberfeld  u. 
Iserlohn.   Julius  Bädeker.   (Enthält:   ein  angelsächsisches  Glossar.)   8. 

Text  und  Glossar  waren  als  wissenschaftliche  Beilage  mit  vier  Programmen 
des  Elberfelder  Gymnasiums  1847  ff.  ausgegeben  worden.  In  der  größeren  Aus- 
gabe kam  hinzu  die  sehr  ausführliche  Einleitung,  hauptsächlich  kirchengeschicht- 
lichen Inhalts,   die  Übersetzung  und   Anmerkungen. 

2.  De  Cedmone  poeta  Anglo-Saxonum  vetustissimo  brevis  dissertatio.  Ad 
auspicanda  munera  directoris  gymnasii  Elberfeldani  scripsit  Dr.  Carol.  Guil. 
Bouterwek.   Elberfeldae.   Sumptibus  Julii  Baedeker   1844. 

3.  Über  Caedmon,  den  ältesten  angelsächsischen  Dichter,  und  seine  metrische 
Paraphrase  der  heiligen  Schrift.  4.  (Beigabe  zum  Programm  des  Gymnasiums 
in  Elberfeld   1845.) 

4.  Die  vier  Evangelien  in  Alt-Nordhumbrischer  Sprache.  Aus  der  jetzt  zum 
ersten  Male  vollständig  gedruckten  Interlinearglosse  in  St.  Cüdbert's  Evangelien- 
buche hergestellt,  mit  einer  ausführlichen  Einleitung,  einem  reichhaltigen  Glossare, 
sowie  einigen  Beilagen  versehen  und  herausgegeben  von  Karl  Wilhelm  Bouter- 
wek.  Gütersloh,   Druck   und  Verlag  von  C.   Bertelsmann,    1857.   8. 

5.  Screadunga  —  Anglosaxonica  maximam  partem  inedita  publicavit 
Carolus  Guilielmus  Bouterwek.  Elberfeldae.  Impressit  Samuel  Lucas  MDCCCLVHI. 
4.   (Beigabe  zum  Programm  des  Elberfelder  Gymnasiums   1858.) 

6.  Calendcwide  i.  e.  Menologium  Ecclesiae  Anglo-Saxonicae  poeticum. 
Textum  Hickesianum  e  collatione  codicis  manuscripti  a  Beniamino  Thorpe  facta 
emendavit  interprctatus  est  adnotavit  K.  W.  Bouterwek.  Gütersloh  impressit 
C.  Bertelsmann.  MDCCCLVII.   8. 

7.  Angelsächsische  Glossen  in   Haupts   Zeitschrift.  IX,   401    ff. 

8.  Zur  Kritik  des  Beovulfliedes  in  Haupts   Zeitschrift.   XI,   59   ff. 

9.  Das  Beovulflied.    Eine  Vorlesung.   In  Pfeiffers   Germania  I,   385  ff. 

W.  CRECELIUS. 


MISCELLEN.  249 

Hochgeehrter  Herr, 

ich  habe  die  letzten  drei  Wochen  hier  in  solcher  Spannung  und  Aufregung 
gelebt,  wie  Sie  sich  denken  können,  daß  ich  die  späte  Antwort  auf  Ihren  freund- 
lichen  Brief  vom   24.   v.  M.   nicht  erst  zu   entschuldigen  brauche. 

Endlich  wird  Ihnen  mein  Dank  ausgesprochen  für  die  mir  richtig  zuge- 
langten  beiden  ersten  Hefte  Ihres  Caedmon,  und  jetzt  verpflichten  Sie  mich  zu 
noch  größerem,  da  Sie  durch  Zueignung  Ihres  Werks  mir  Ehre  und  Freude  be- 
reiten  wollen. 

Vorigen  Sommer  und  Herbst  war  ich  fast  ein  halbe?  Jahr  abwesend  in 
Frankfurt  und  alle  gewohnten  Arbeiten  musten  liegen  bleiben.  Bei  meiner 
Heimkunft  hatte  sich  vieles  aufgehäuft  und  abgerissenes  war  neu  anzuknüpfen. 
So  kommts,  daß  ich  Ihre  schöne  Leistung,  der  auf  den  ersten  Blick  ein  ernster 
Fleiß  anzusehen  war,  mehr  durchblättert  habe  als  noch  prüfend  gelesen  und 
wie  sie  verdient  erwogen. 

Thorpe  würde  gegenwärtig  ohne  Zweifel  eine  vollkommenere  Ausgabe  liefern 
können.  Er  geht  bedächtig  aber  trocken  zu  Werke,  Kemble  ist  ihm  au  Geist 
und  Kühnheit,   die  ich   auch   in   der  Philologie  liebe,   überlegen. 

Sie  denken  an  eine  Übersetzung  von  Kembles  Saxons  in  England.  Soll 
ich  Ihnen  aufrichtig  gesteheu,  was  ich  davon  halte?  Mir  scheint  die  Verdeutschung 
eines  so  frisch  und  lebhaft  geschriebenen  Werks  nicht  nur  sehr  schwer,  sondern 
auch  überflüssig.  Wer  sich  mit  englischem  Alterthum  befaßt,  liest  ohne  Mühe 
und  mit  Freuden  englisch  und  würde  einbüßen,  sollte  er  auf  ein  bloßes  links 
gewirktes  Abbild  gewiesen  sein.  Anders  stehts  um  Engländer,  die  minder  fertig 
deutsch  als  wir  englisch  lesen,  und  so  mochte  Thorpe  es  angemessen  finden, 
Lappenbergs  Buch   seinen   Landsleuten   näher  zu  rücken. 

Mit  jenem  Lob  soll  nicht  ausgedrückt  sein,  daß  mir  an  Kembles  Buche 
alles  gefällt.  Manches  darin  ist  mir  zu  entschieden  mit  Worten  zugedeckt,  wo 
noch  strenger  hätte  müssen  untersucht  sein.  Das  hängt  zusammen  mit  dem  genug 
durchbrechenden  englischen  Stolz;  was  aus  der  Bescheidenheit  Gutes  folgt  ist 
ihnen  meist  versagt.  Übrigens  wird  seiner  Anlage  nach  das  Ganze  zu  wenigstens 
vier  bis  sechs  Bänden  heranwachsen,  was  einen  deutschen  Verleger  abschrecken 
dürfte. 

Dies  meine  Ansicht,  welche  natürlich  Ihrer  eignen  kein  Maß  geben  will. 
Von  Florenti  Wigorniensis  chrouicon  ed.  Benj.  Thorpe  kenne  ich  nur  den  ersten 
voriges  Jahr  erschienenen  Theil.  Für  Ihre  Arbeiten,  dünkt  mich,  ist  das  Werk 
nicht  wichtig. 

Gern  will  ich  den  ersten  Bogen  Ihres  Glossars,  wenn  Sie  mir  ihn  zusenden, 
durchsehn  und   dann  nicht   vorenthalten   was   mir   einfällt. 

Mit   aufrichtiger   Hochachtung   und    Ergebenheit 

Berlin,    16.  Apr.    1849.  Jacob   Grimm. 

Berlin,    23.   Apr.    50. 
Es  freut  mich,  daß  nach  langem  Zwischenraum  Sie  Ihr  ags.  Glossar  wieder 
vorgenommen    haben    und   ich    schiebe    alles    andre    von    mir    weg,    am    Sie   auf 

den   mir   zur   Probe  gesandten  Bogen   nicht    warten    zu   lassen.     Die   streng    alfa- 
betische   Folge   ist    sehr   löblich,    da    sie    gerade    für    solche    Arbeiten    erfunden 


250  UISiEI.LKV 

ist  und  ich  begreife  nicht  wie  sie  andere  verscherzen  mögen,  um  ungewohnten 
Reihen   oder  eingebildeten   Stämmen   unsicher  nachzugehn. 

Da  Sie  andere  Dialecte  nicht  zu  Rathe  ziehen ,  scheinen  mir  unter  abal 
die  Verweisungen  auf  Diefenbach  und  Bergmann  höchst  entbehrlich,  zumal  das 
ahn.  afl  oder  auch  abl  geschrieben  ein  bekanntes  Wort  ist.  Mir  lag  das  alts. 
rj  in  aband,  abaro  im  Sinn,  als  ich  abal  für  sächsisch  ausgab,  es  läßt  sich 
nicht  aufweisen,  wenn  es  auch  wahrscheinlich  bleibt.  Mnl.  gibt  es  ein  adj.  abel 
dexter,   vielleicht  auch   robustus,   altn.   öflugr,   doch  das  geht  Sie  nichts  weiter  an. 

acol  in  aclum  stefnum  3507  ist  nicht  von  dem  folgenden  acol  verschieden, 
vielmehr  bildet  einen  schönen  Gegensatz,  daß  die  Männer  mit  starker  Stimme, 
die  Frauen  aclum  stefnum,  timidis  vocibus  sangen.  Das  with  clear  voices  hat 
Thorpe  unnöthig  gerathen.  Die  Quantität  des  anlautenden  Vocals  bleibt  noch 
zweifelhaft,  da  die  Hs.  immer  äcol  setzt.  Ein  ahd.  achul  oder  eichul  müste 
den  Ausschlag  geben. 

a-flästuni  3402  ist  wie  manches  andere  im  Ca?dmon  möglicherweise  ver- 
derbt, lästuin  aber  darf  man  nicht  angreifen  und  bedeutet  vestigiis.  Doch  ließe 
sich  wie  äfdsel,  descensus .  xazaßaOlQ  Luc.  19,  37,  ein  äfläst  (ahd.  aboleist?) 
orbita   sinuosa  denken,   und  ich   würde   nichts   ändern. 

Das  oft  erscheinende  a?hte  laedan  hätten  Sie  aber  ausdrücklich  erklären 
sollen.  Wahrscheinlich  thut  das  Ihre  mir  noch  unbekannte  Übersetzung,  wenn 
sie  hier  deutlicher  ist  als  Thorpes  possessions  lead.  wealth  lead.  sehte  la?dan 
scheint  hier  immer  von  Ziehenden,  Reisenden  gebraucht,  die  ihre  Habe  ausführen 
oder   einführen. 

Bei  eifere  denkt  Lye  nicht  bloß  an  a?lf.  fluvius,  sondern  auch  an  erian 
arare,  federe,  und  gelangt  so  gezwungen  zu  fossa ;  allein  es  gibt  kein  Subst. 
ere   aratio.   Doch  fällt  mir  keine  Vermutung  bei. 

Wie  sollte  ägan  donare  heißen?  Der  Begriff  des  Habens  und  Besitze ns 
kann  nicht  in  den  des  von  sich  Gebens  verkehrt  werden,  freo  ne  peove.  ne 
meahton  heora  bregoveardas  bearnum  ägan,  mochten  ihre  Herrn  nicht  mit  Kindern 
beschenken  und  2718  eitelstove  pe  ic  ägan  sceal,  die  ich  geben  will.  Dieß  ägan 
kann  nichts  gemein  haben  mit  dem  goth.  aigan,  sondern  muß  zusammenge- 
zogen sein  aus  ägifan,  goth.  usgiban.  wie  noch  heute  die  Schweden  aus  gefva 
bloßes  ge  machen.  Ich  dachte  erst  an  ägan  =  ägougan.  das  nicht  in  den  Sinn 
passt,  aber  gän  =  gangau  ist  eine  ähnliche  Wortverdichtang ]  vielleicht  wäre 
auch  zu  sehreiben  ägän.  Wahrscheinlich  galt  doppelte  Construction:  ägifan. 
alicui  aliquid  und  aliquem  aliquo ,  wie  lat.  bei  donare.  Irre  ich  in  allem  dem, 
so  müsten  Sie  mir  ein  ägon  oder  ähte,  kurz  eine  andere  Form  als  den  Inf. 
ägan.    der   allein    diese   Kürzung  bietet,    aufweisen,   was   ich   bezweifle. 

ähvdan  abscondere  versteht  man  leichter,  wenn  das  engl,  hide  beigefügt 
wird,  denn  es  bedeutet  eigentlich  zudecken  von  hyd,  Decke,  Haut.  Unser  deutsches 
häuten  drückt  bloß  das  entgegengesetzte  Abziehen  aus,  nicht  überziehen,  be- 
decken. 

änbydig   f.   änhygdig,   was  ich  gesagt  hätte. 

("her  ärisan,  surgere  habe  ich  in  meiner  Geschichte  der  deutschen  Sprache 
S.  664   ausgelassen. 

Dieß  wenige  ist  mir.  hochgeehrter  Herr,  bei  einmaliger  Durchsicht  Ihres 
ersten  Bogens  eingefallen  und  mag  Ihnen  sowol  meinen  guten  Willen  darthun, 
ars  auch  daß  Sie  mit  den  übrigen  von  selbst,   ohne  mich  fertig  werden  können. 


MISCELLEN.  251 

Ich  entsinne  mich  nicht  mehr  ob  ich  mich  anheischig  gemacht  habe  Ihr  ganzes 
Glossar  durchzusehn  und  winde  wahrlich  bereit  dazu  sein,  wenn  ich  Muße  hätte; 
aber  die  Arbeiten  dringen  jetzt  gerade  von  allen  Seiten  auf  mich  ein  und 
drohen  über  mir  zusammen  zu  fallen.  Im  65.  Jahr,  das  ich  erreicht  habe,  be- 
ginnt auch  die  leibliche  Kraft  nachzulassen,  ich  kränkle  schon  lange  und  habe 
diesen  Augenblick  außer  einer  Schrift  über  die  deutsche  Orthographie,  welche 
das  große  Wörterbuch  einleiten  soll,  eine  über  die  malbergische  Glosse  unter 
den  Händen,  deren  einzelne  so  schwer  sind,  daß  sie  zu  langen  Excursen  ver- 
führen. 

Sie  begreifen  also  daß  es  mir  sauer  wird  mich  auf  Nebeugeschäfte  ein- 
zulassen und  bleiben  mir  dennoch  gewogen,  auch  wenn  ich  Ihnen  eiuen  kleinen, 
vielleicht  entbehrlichen  Dienst  versagen  muß.  Ihrem  Unternehmen  wünsche  ich 
von  Herzen  das  beste   Gelingen. 

Jac.    Grimm. 

4265  würde  ich  für  bere  lieber  bere  schreiben,  um  es  dem  gewöhnlichen 
ba're  zu  nähern. 


Hochgeehrter   Herr, 

ich  wiederhole  meinen  herzlichen  Dank  für  ihr  Buch,  dessen  zweites 
Exemplar  ich  meinem  Bruder  gegeben  habe  und  auch  er  läßt  dafür  danken. 
Daß  Ihnen  das  Werk  zwar  Freude,  aber  auch  manche  Mühe  und  Sorge  macht, 
kann  ich  mir  denken;  noch  haben  Sie  nicht  die  Hälfte  des  anschwellenden 
Glossars  fertig  gedruckt,  und  die  ganze  Übersetzung,  die  ich  schon  längst  aus 
der  Presse  gegangen  glaubte,   steht  noch  zurück. 

Daß  das  Glossar  mir  willkommen  und  vielfach  brauchbar  ist  brauche  ich 
kaum  zu  sagen ,  mit  dem  Setzer  mögen  Sie  Ihre  Noth  gehabt  haben ,  es 
fehlt  nicht  an  übersehnen  Kleinigkeiten ,  die  sich  jeder  Kundige  leicht  be- 
richtigt, z.  B.  S.  128  6teht  gevit  für  gevit,  den  Imperativ,  welchen  man  freilich 
aus  p.  129  ersieht.  Hin  und  wieder  habe  ich  andere  kleine  Ausstellungen, 
edne  kann  kein  adj.  servilis,  «ondern  muß  acc.  sg.  masc.  von  ede  =  eäcte 
sein,  dessen  Bedeutung  facilis  hier  in  die  von  obediens,  deditus  übertritt.  Was  mir 
gelegentlich  auffällt,  will  ich  anmerken  jetzt  fehlt  mirs,  wie  gewöhnlich,   an  Muße. 

Kemble ,  glaube  ich ,  würde  durch  Zusendung  eines  Exemplars  erfreut 
werden.  Er  wohnte  den  ganzen  Sommer  zu  Hannover,  Ernst  Auguststraße  15, 
doch  habe  ich  in  den  letzten  Monaten  keinen  Brief  von  ihm.  Um  mit  der 
Sendung  sicher  zu  gehn  könnten  Sie  ein  paar  anfragende  Zeilen  voraus  schicken, 
oder  soll  ich  die  Besorgung  übernehmen? 

Uli  ließ  diese  Zeilen  liegen  um  Ihnen  beifolgende  kleine  Schrift  zufertigen 
zu  können,  die  gerade  erschienen  ist  und  Erinnerungen  aus  alter  Zeit  enthält. 
Dadurch  werde  ich  zu  einer  Frage  veranlaßt,  die  mir  schon  einigemal  auf  der 
Zunge  schwebte:  Ihr  Vater  war  doch  der  berühmte,  auch  von  mir  persönlich 
gekannte  Bouterwek  in  Göttingen*).  Auch  einer  Schwester  von  Ihnen  erinnere 
ich   mich. 

Alle  Tage  vergehn   schnell    und   dann    kommt    die    Nacht. 

•_;.   Nov.   1850.  Jacob  Grimm. 


*)  Der   Hofrath    Prof.  Fr,    Bouterwek    in    Göttingen    wai    !  I    des 

Adressaten. 


252  MISCELLEN. 

Hochgeehrter  Freund, 

es  freut  mich,  daß  die  aufgeschobene  Übersetzung  des  Caedmon  noch  zu 
Stande  kommt  und  von  gelehrten  Erläuterungen  begleitet  wird.  Au  Schwierig- 
keiten wirds  nicht  fehlen,   ich  konnte  aber  noch  nicht  näher  zusehen. 

Hierbei  sende  ich  Ihnen  das  verlangte  rituale  eccl.  Dunelmensis.  In  den 
letzten  Jahren  ist  wenig  Ersprießliches  in  der  ags.  Lit.  geleistet  worden.  Die 
Alfric  society  scheint  uneins   und  unthätig. 

The  legends  of  Andrew  and  Veronica ,  edited  for  the  Cambridge  anti- 
quarian  society  by  Charles  Wycliffe  Goodwin.  Cambr.  1851.  47  S.  8.  ist  un- 
bedeutend. 

Das  neuste  und  wichtigere  ist  die  von  Thorpe  im  Anhang  zu  Pauli's 
Alfred  the  great.  London  1853*)  p.  238  —  58 2  besorgte  Ausgabe  von  Alfreds  Orosius, 
der  hinten  ein  Glossar  hinzutritt  aber  ohne  Citate.  Im  Text  bleibt  die  Quantität 
unbezeichnet,  das  kann  man  thun,  ja  man  könnte,  wie  im  indischen  Sanskrit- 
druck, alle  Wörter  aneinanderhängen  und  es  mit  einiger  Anstrengung  doch  lesen. 

Mit  herzlichem  Gruß  Ihr 
27.  Nov.   53.  Jac.   Grimm. 

Ettmüller  ist  bei  der  verwünschten  Anordnung  fast  unbrauchbar. 

Verehrter  Herr  Director, 

große  Freude  hat  mir  Ihr  trefliches  Buch  gemacht  und  ich  sage  von 
Herzen  Dank.  Schon  Ranke  hatte  mir  gesagt,  daß  er  Sie  diesen  Sommer  in 
England  sah,  ich  wüste  also  von  Ihren  Arbeiten  auf  den  dortigen  Bibliotheken 
und   konnte  ahnen,   welche  Frucht  sie  uns  bringen   würden. 

Sie  haben  uns  ein  nothwendiges  Buch  geliefert  und  mit  deutschem  Fleiß 
ausgerüstet,  die  äußere  Gestalt  ist  so,  daß  sie  auch  in  England  befriedigen 
wird.  Ich  habe  alsogleich  ein  paar  Stellen,  auf  die  ich  in  diesen  Texten  längst 
gespitzt  war,  zu  meiner  Befriedigung  nachsehen  können,  und  werde  vielfach 
dazu   zurückkehren. 

Wer  hätte  es  sollen  besser  machen?  Lassen  Sie  sich  einen  Ausfall  Greins 
(mit  dem  ich  persönlich  nicht  bekannt  bin)  keineswegs  anfechten ;  auch  seine 
Arbeiten  werden  zu  manchem  Tadel  Anlaß  geben.  Köne  freilich  hat  unverzeihliche 
Fehler  gemacht  und  was  sein  Werk  von  gutem  Eindruck  hätte  machen  kön- 
nen, in  breiten  Anmerkungen  ersäuft.  Es  thut  mir  leid,  denn  ofnen  Sinn  für  das 
alte  Gedicht  hat  er  hinzugebracht. 

Wenn  Sie  wieder  an  Thorpe  schreiben,  bitte  ich,  ihm  meine  Empfehlung 
zu  melden.  Es  ist  mir  erst  vor  einiger  Zeit  gelungen  mir  seinen  Beovulf  zu 
verschaffen,  so  schwer  hält  es  manchmal  mit  englischen  Büchern.  Ich  habe  mit 
Vergnügen  einzelne  Textberichtigungen  wahrgenommen,  kann  aber  dem  nicht 
beistimmen,  was  er  über  das  Alter  des  Gedichts  und  dessen  Herleitung  von 
der  schwedischen  Küste  sagt. 


*)  Bei  Henry  Bohn,  Yorkstreet  Coventgarden.  (Anin.  J.  Grimms).  —  Grimm 
schreibt  Alles  mit  Ausnahme  der  Eigennamen  klein,  auch  nach  einem  Punkt.  Nur 
die  Abschn.  beginnen  mit  großen  Initialen. 


MISCELLEN.  253 

Sehr  betrübt  bat    mich  Kembles    früher  Tod ;   Sie    hatten    ihn    wol    nicht 
mehr  dort  und   auch  früher  nicht  in   Hannover  zu   Gesicht  bekommen? 
Mit  wahrer  Hochachtung  verbleibe  ich 

Ihr  ergebenster 
Berlin,    11.   Nov.    1857.  Jap.  Grimm. 


Ein  Brief  Schmellers. 
Mitgetheilt  vom  Kantousbibliothekar  H.  Brunnhofer  in  Aarau. 

München,   24.   July    1837. 
Herrn  Oberst   Voitel  in   Solothurn. 

Endlich,  edelster  Freund,  habe  ich  den  größten  Stein ,  den  ich  mir  vor 
21  Jahren  selbst  aufgeladen,  und  der  mich  hinlänglich  gedrückt  und  gehemmt, 
von  mir  abgewälzt,  wie  Figura  zeigt. 

Man  glaubt  nicht,  was  auf  jeder  Seite  so  einer  an  sich  wenig  bedeutenden 
Sammlung  für  eine  Arbeit  steckt.  Alles  will  belegt,  begründet  vielfältig  ver- 
glichen sein,  und  am  Ende  steht  es  doch  für  neunzig  Leser  unter  hunderten 
ungenießbarer  da,   als  der  einfältigste  Roman. 

Wer  mir  vor  30  Jahren  gesagt  hätte,  daß  mein  Lebenswerk  in  solch  einem 
kahlen  Idioticon  bestehen  würde,  der  hätte  mich  wahrlich  nicht  erbaut.  Und 
dennoch  bin  ich,  der  Zweiundfünfziger,  froh,  wenigstens  diese  Spur  meines 
Daseins  zurückgelassen  zu  haben.  Ich  meine  mich  dunkel  zu  erinnern,  daß  es 
ein  gemüthlicher  Ausflug  nach  dem  Park  bei  Madrid  war,  den  ich  in  deiner 
Gesellschaft  machte,  wo  ich  in  der  Schweizer  Zeitschrift  Isis,  die  du  hieltest,  neben 
den  schnurrigen  Einfällen  des  Philosophen  von  Langenthai*)  Proben  von  Stalders 
Idioticon  sah  und  in  ihnen  die  erste  Idee  von  solch  einer  Arbeit  erhielt.  Sieh, 
so  mus8t  du  an  Allem  mit  Schuld  sein.   Gott  vergeh   es   dir! 

Zschokke  hat  mir  freundlichst  geschrieben.  Ich  antworte  ihm  dieser  Tage 
und  sende  auch  ihm  den  Rest  meines  Werkes.  Wer  mag  so  ruhig,  wie  er,  auf 
seiner  Blumenhalde  umgeben  von  glücklichen  Kindern  und  Kindeskindern,  hinaus- 
schauen auf  die  Stürme  der  Welt,  die  leider  nichts  lernt  und  nichts  vergisst. 
Wie  ganz  anders  mag  es  dir,  edler  Freund ,  und  deinen  treuen  Schiflsbruchs- 
genossen  zu  Muthe  sein  bei  dem,  was  über  die  Pyrenäen  her  verlautet.  Wenn 
wahr  ist,  was  man  in  der  Zeitung  liest,  so  müssen  ja  die  Leute  alle  entweder 
mit  Blindheit  geschlagen  oder  geradezu  Verräther  sein.  Doch  das  ist  ein  Capitel, 
aus  welchem   wenig  Tröstliches  zu  lesen   ist. 

Jeden  Herbst,  der  herannaht,  steigt  in  mir  lebhafter  der  Wunsch  auf, 
dich  und  die  Deinigen  wieder  von  Angesicht  zu  Angesicht  zu  sehen.  Leider 
wirft  sich  immer  wieder  irgend  ein  Hindernis»  dazwischen.  Das  schnödeste  ist 
ohne   Zweifel    das    kleine    Budget,    das  jeder    Hausvater    verpflichtet   ist  von    Jahr 

'  Nach  den  gütigen  Mittheilungen  meines  verehrten  Freundes  Rochholz  war 
dieß  ein  reicher  Arzt,  Namens  Dennler,  der  sich  in  streitsüchtiger  und  burschikoser 
Weist  i,,iid  als  Troxlerianer,  bald  als  Antitroxlerianei  mit  den  philosophischen  und 
politischen  Tagesfragen  beschäftigte.  Die  aargauische  Kantonsbibliothek  enthüll  \>n\  ihm: 
Dennler.  Landarzt  zu  Langenthai,  Bürger  Quixots  aus  Uchtland  sämmtliche  Werke. 
Cum  permissione  Superioruin.  1.  (u.  einziger;  Bd.  8,  London  (Baden  im  Aargau)  o, 
Dr.  1817. 


254  MIKCELLEN. 

zu  Jahr  mit  den  Seinigen  zu  entwerfen  uud  wo  sich  selten  ein  erklecklicher 
Überschuß  zeigen  will.  Da  bleibt  man,  ohne  es  zu  heißen,  doch  im  Grunde 
ein  Gelungener.  Oft  tröste  ich  mich  bei  solchen  Betrachtungen  mit  manchen 
Engländern  um  mich  her,  die  bei  den  Mitteln,  die  ganze  Welt  zu  durchfliegen, 
doch  nirgends  wahren  Genuß  finden  und  überall  hin  ihre  Langweile  mit  sich 
führen. 

Längst  hab  iehs  gemerkt,  der  Mensch  ist  zu  keiner  andern  Freude  ge- 
boren, als  zu  der  kurzen,  die  er  in  dem  Moment  empfindet,  in  welchem  er  von 
irgend  einem  Leiden  sich  erlöst  fühlt.  Der  stehende  Artikel  also  ist  Leiden, 
Dulden,   und   wer  dessen   die  größere   Summe  zählt,   ist  auch   der  Größere. 

Widerlege  mir,  Freund,  diese  Argumentation,  und  wenn  du,  der  da  vor 
Vielen  ein  Recht  hat,  über  diesen  Punkt  zu  sprechen,  mich  eines  Bessern  be- 
lehrst,   wird   sie   herzlich   gerne   zurücknehmen 

dein  alter  getreuer 
Schmell  er. 

A  las  senoras,  las  debidas  memorias  —  y  dentro  poeo  mejores  nuevas  de 
la   querida   patria ! 


Übersicht 
der  Vorlesungen  über  deutsche  Sprache,  Litteratur  etc..  au  den  Universitäten  Deutsch- 
lands,  Österreichs,    der  Schweiz,    so  wie    in   Dorpat  im   Sommersemester   1874. 

Eneyklopädie:  Systematische  Übersicht  der  germ.  Philologie:  Heidel- 
berg-Bartsch;  Einleitung   in   das  Studium   der  neueren    Sprachen:    Zürich-Tobler. 

Vergleichende  Grammatik:  Graz-Schmidt;  Zürich-Schweizer  Sidler  ; 
2.   Theil:    Berlin-Ebel;   allgem.   Einleitung   in   das    Sprachstudium:   Halle-Pott. 

Deutsche  Grammatik:  Berlin-MiillenhofF;  Breslau-Rückert  (2.  Theil); 
Göttingen- W.  Müller;  altd.  Grammatik:  Graz-Schönbach;  ausgewählte  Capitel : 
Halle-Zacher;   Hildebrand;   deutsche   Syntax:   Bonn-Andresen. 

Gothische  Grammatik:  Berlin  i  Ak.  f.  in.  Ph.)-Begemann  ;  Bonn-Bir- 
linger  ;   Graz-Schmidt;   Marburg-Justi. 

Althochdeutsche   Grammatik:    Bonn-Diez. 

Mittelhochdeutsche  Grammatik:  Miinster-Stork  ;  Würzburg-Lexer ; 
mit   Interpretationsübun^en:    Bern-IIirzel. 

Altsächsische  Grammatik:  Berlin  Ak.  f.  m.  Ph.)-Zernial ;  Göttin- 
gen-Wilken;  Greifswald-Höfer;  Marhurg-Grein  ;  altniederd.  Grammatik  mit  Inter- 
pretation:   Basel-Heyne 

Angelsächsische  Grammatik:  Göttingen  -  Th.  Müller;  Halle-Tschi- 
schwitz  ;   Marburg- Grein;  Straßburg-Steinmeyer. 

Englische  Grammatik:  Bonn-Delhis  ;  Jena- Sievers  ;  Königsberg-Schip- 
per; Rostock-Limlm  r;  Straßburg-ten  Brink;  altenglisch:  Marburg-Grein ;  engl. 
Synonymik   und   Etymologie:    Heidelberg-Ihne. 

Altnordische  Grammatik:    Halle-Hildebrand. 

Deutsche  Mythologie:  Vgl.  Mythologie  der  indogerm.  Völker:  Hei- 
delberg-Lefmann. 

Deutsche  Alterthümer:  German.  Staats-  und  Rechts-Alterthümer : 
Basel-Meyer;  deutsche  Alterthümer  nach  Tacitus  Germania:  Göttingen- Waitz; 
Tacitus   Germania;   Gießen-Lutterbeck;   Halle-Zacher. 


MISCELLEN  255 

Deutsche  Rechtsquellen,  Erklärung:  Basel-Heusler ;  Göttingen-Frens- 
dorfl':  Lex  Salica :  Heidelberg-Scherrer ;  Sachsenspiegel:  Halle-Lastig;  Schwa- 
benspiegel :   Zürich-Orelli. 

Deutsch»1  Litte  raturge  seh  ich  t  e:  Heidelberg  -  Bartsch ;  Tübingen- 
Keller;  1.  Theil:  Breslau- Pfeiffer ;  im  Mittelalter:  Bonn-Birlinger ;  Halle-Hilde- 
brand; Innsbruck-Zingerle;  Kiel- Weinhold ;  Leipzig-Zarneke  ;  über  mhd.  Dich- 
tangen:  Erlangen-Raumer ;  l>i>  1720:  Grieß en-Weigand;  vom  16.  Jh.  an:  <J<">t 
tingen-Gödeke;  Wurzburg-Lexer ;  seit  Opitz:  Boan-Keifferscheid ;  seit  Gottsched: 
Halle-Haym;  des  18.  Jh.:  Gießen  -  Zimmermann ;  classische  Periode  (Göthe- 
Schiller-Zeit  :  Zürich-Honegger ;  während  der  beiden  letzten  Decennien  des  18.  Jh.: 
Wien-Tomaschek;  im  19.  Jh.:  Straßburg-  Scherer;  seit  Goethes  Tod:  Bern- 
Schöne.  —  Deutsche  Heldensage:  Göttingen-Tittmann;  deutsche  Lyrik  mit  Inter- 
pretation: Basel-Heyne;  religiöses  Schauspiel  des  MA.:  Tübingen-Ft  hr;  über 
Lessing:  München- Bernays ;  Prag-Martin;  Lessings  Dramaturgie:  Wien-Toma- 
schek ;  Goethes  Leben  und  Werke:  Bern-Hirzel;  (Goethes  Lyrik;  Dorpat-Masing ; 
Göthes  Faust:  Heidelberg-Reichlin  Meldegg;  Tübingen- Köstlin ;  Faustsage  und 
Faustdiebtungen:  Gießen-  Zimmermann ;  Schillers  Leben  und  Schriften:  Göttin- 
gen-Goedeke;   romantische   Schule:   Prag-Kelle. 

Englische  Li  tteraturgesch  ichte:  Berlin  Ak.  f.  m.  Ph.)-Scholl  J  von 
Chaucer  au:   Breslau-Kölbing. 

Altnordische  Li  t  teratur  gesch  ie  h  t  e  :   Halle- Hildebrand. 
Deutsche   Metrik:   mhd.    Metrik:    Marburg-Lucae. 
Sprachdenkmale  r : 

Gothische:  Erlangen- Raumer;  Graz  Schmidt;  Tübingen-Holland;  Evang. 
Johannis:    Bonn-Birlinger. 

Althochdeutsche:  Greifswald-Höfer;  Prag-Kelle;  Ott'rid  und  kleinere 
poet.    Denkmäler  des   9.   Jh.;  Königsberg-Schade. 

M  i  ttelhoc  h  deutsche:  ausgew.  Poesien  des  deutscheu  Mittelalters  :  Zürich- 
Tobler ;  ausgew.   Denkmäler  des   13.  Jh.:   Königsberg-Schade. 
Frei  d an  k:   Tübingen-Holland. 
Gottfrieds   Tristan:    Innsbruck-Zingerle. 

Hartmanns    armer  Heinrich:   Breslau-Pfeiffer;    lweiu:   Bonn-Reif- 
ferscheid. 

Kudruii:   Göttingen  Wilken;   ausgew.   Stücke:  Gießen-Weigand. 
Nibelungenlied:     Marburg-Lucae  :     Prag  -  Martin  :    Tübingen-Keller  : 
mit  Einleitung:  Bonn-Simrock;  Heidelberg-Bartsch :  Straßburg  Scherer;  ausgew. 
stücke:   Baeel-Me 

vValthervon  der  Vogelweide:  Rostock- Bechstein;  Wurzburg-Lexer. 
Wolframs  Parziral:    Göttingen-W.   Müller;  Jena- Sievers ;  Lei] 
Zarncke ;   München-Hofmann  ;  Straßburg-Steinmeyer ;   Zürich-Ettmüller. 

Ah  chi       Hcli  nd:     Berlin     Ak.   f.   m.   Ph.)-Zernial;    Göttingen- 

Wilken;   Greifewald-Höfer;   kleinere  Denkmäler:   Marburg-Grein. 

Mittelnied erländisebe     Beinaerl   de   Von:  Straßburg-ten   Brink. 
Angelsächsische:   Beovulf:   Berlin-Müllenhoff;   Zernjal     Ak.  f.  m.  Ph.) : 
G   "  ngen-Th.  Müller;  Straßburg- Steinmeyer ;  Zürich-Ettmüller;  Caedmon:  Halle- 
Tschischwitz ;      i  Stücke  von  ags.  Prosa  und  Dichtung  nach  Rieger:  Gießen- 

ind;  nach   Zupitza:   Königsberg  Schipper. 


256  MISCELLEN. 

Altenglische:  nach  Zupitza:  Königsberg- Schipper;  Chaucers  Canter- 
bury  Tales:  Breslau-Kölbiug. 

Altnordische:  ausgew.  altnord.  Texte:  Kiel-Möbius;  Edda:  Breslau- 
Kölbing;  Lokasenna:  Straßburg- Bergmann;   Eyrbyggjasaga:  Leipzig-Zarncke. 

Germanistische  Übungen  in  Seminarien,  Gesellschaften,  Societäten,  Kränz- 
chen werden  gehalten  in  Basel,  Berlin,  Bonn,  Breslau,  Göttingen,  Graz,  Greifs- 
wald, Halle,  Heidelberg,  Jena,  Kiel,  Königsberg,  Leipzig,  Marburg,  München, 
Prag,  Rostock,   Straßburg,  Tübingen,   Wien  und  Würzburg. 


Personalnotizen. 

Am  6.  April  1874  f  zu  Montreux  in  der  Schweiz  Dr.  Amelung,  welcher 
als  außerord.  Professor  der  deutschen  Philologie  nach  Freiburg  i.  B.  berufen 
worden  war.  An  seiner  Stelle  ist  Dr.  H.  Paul,  bisher  Privatdocent  in  Leipzig, 
ernannt  worden  und  hat  bereits  im  Sommer  d.  J.   seine  Lehrthätigkeit  begonnen. 

Am  23.  Februar  d.  J.  f  im  städtischen  Krankenhause  zu  Breslau  Dr. 
Aug.  Geyder,  früher  Privatdocent  an  der  dortigen  Universität,  als  Germanist 
bekannt  durch  seine   Arbeiten  über  Waltharius. 

Der  außerord.  Professor  Dr.  Rudolf  Hildebrand  in  Leipzig  ist  zum 
Ordinarius  ernannt  worden. 


Preisaufgaben. 

Königsberg.  Es  soll  genau  untersucht  werden,  ob  und  an  welcher 
Stelle  bei  der  Übersetzung  des  neuen  Testamentes  ins  Gotische  Ulfilas  neben 
dem  griechischen  Texte  auch  eine  lateinische  Übersetzung  benutzt  habe. 

Rostock.  De  arte  poetica  et  orationis  genere  Waltheri  illius,  qui  dicitur 
von  der  Vogelweide . 

Würzburg.  Es  soll  eine  Darstellung  der  dichterischen  Thätigkeit  Konrads 
von  Würzburg  und  seiner  Bedeutung  für  die  deutsche  Poesie  überhaupt  gegeben 
und  gezeigt  werden,  unter  welchem  Einflüsse  er  stand  und  welchen  Einfluß  er 
auf  spätere  Dichter  ausübte. 

Bern.  Erörterung  des  Begriffs  der  Nationallitteratur  mit  besonderer  Rück- 
sicht auf  die  Frage,  in  wiefern  derselbe  Anwendung  auf  die  schweizerische, 
namentl.   deutsch- schweizerische  Litteratur  leide. 


£  ekann  t  .machung . 
Die    29.  Versammlung    deutscher    Philologen,    Schulmänner    und 
Orientalisten  wird  in  den  Tagen  vom   28.  Sept.  bis   1.  Oct.   d.  J.  zu  Inns- 
bruck   stattfinden,  wozu    die  Unterzeichneten    hiemit  ganz  ergebenst  einladen. 
Indem    sie    die    geehrten    Fachgenossen    ersuchen,    beabsichtigte  Vorträge 
sowohl  für  die  allgemeinen  als  auch  für  die  Verhandlungen  der  Sectionen  bald- 
möglichst (längstens  bis   20.   August)  anmelden  zu  wollen,   erklären  sie  sich  zu- 
gleich bereit,  Anfragen  und  Wünsche,   welche    sich    auf  die  Theilnahme  an  der 
Versammlung  beziehen,  entgegenzunehmen    und  nach  Möglichkeit   zu  erledigen. 
Innsbruck,  im  Juni   1874. 

Das  Präsidium. 
B.  Jülg.  W.  Biehl. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ. 


Von  diesem  Werke  habe  ich  bei  Besprechung  des  Spiegelbuches 
Germ.  16,  177  fgg.  Anlaß  gehabt  zu  handeln,  und  ich  verweise  hier 
auf  das  damals  gesagte,  das  ich  in  einigen  Punkten  zu  berichtigen 
haben  werde,  von  dem  ich  aber  möglichst  wenig  wiederholen  möchte. 
Ich  kannte  damals  nur  die  beiden  von  Maßmann  in  Naumanns  Sera- 
peum  II,  184  fgg.  beschriebenen  alten  Drucke  und  von  der  Casseler 
Handschrift  die  von  Kugler  Kl.  Sehr,  zur  Kunstgesch.  I,  52  gegebene 
spärliche  Probe.  Da  es  mir  durchaus  der  Mühe  werth  schien,  diesen 
Todtentanz  zum  Gemeingute  zu  machen,  habe  ich  mir  inzwischen  auch 
von  der  Handschrift,  der  einzigen  bis  jetzt  bekannten,  eigene  Ein- 
sicht verschafft*)  und  bin  nun  im  Stande,  eine  Art  von  kritischen) 
Texte  des  Werkes  zu  geben. 

Die  Handschrift,  der  Landesbibliothek  zu  Cassel  gehörig,  ist  auf 
Pergament  in  Octav  zierlich  und  mit  Aufwand  ausgeführt.  Die  Vor- 
derseite jedes  Blattes  enthält  die  zwei  Gesetze  je  eines  Auftrittes  über 
dem  dazu  gehörigen  Bilde;  die  Rückseiten  bleiben  leer.  Die  Schrift 
ist  durchweg  mit  farbigen  und  vergoldeten  Initialen  geschmückt,  große 
ren  bei  jedem  Gesetze,  kleineren  bei  jedem  Verspaar.  Abgesetzt  sind 
die  Verspaare,  nicht  die  Verse;  die  leerbleibenden  Theile  der  Zeilen 
sind  durch  Bänder  in  den  Farben  der  Initialen,  braun.  Klau  und  gold 
ausgefüllt  und  mit  denselben  Farben  auch  die  Bilder  umrahmt 

Diese  letzteren  sind  in  der  Ausführung  ziemlich  roh,  aber  mit 
Geist  und  Laune  erfunden.  Sehr  gut  ist  durchweg  der  Tod.  Es  findet 
sich  ein  Reichthum  von  wechselnden,  zum  Theil  witzigen  Motiven  in 
der  Art,  wie  er  den  verschiedenen  Personen  entgegentritt.  Gewöhnlich 
tanzt  er  und  musiciert  auf  irgend  einein  Instrumente,  bläst  aber  zur 
Abwechslung  auch  auf  dem  Stil  einer  Hacke  "der  aui  einem  Todten- 
bein,  wozu  er  mit  einem  andern  auf  einen  Schädel  trommelt.  An  der 
Trompete  hat  er  sonst  bei  Standespersonen  auf  einem  Fahnentuche 
das  Wappen  des  abzuholenden,    einmal   aber,    bei  dem  Junker,  sein 


•    Wotiii  ich  der  Gefälligkeit   dea  Herrn  Bibliothekars  Dr.  Bernhardt  eu  Dank 
.  ■  rpflicht«  t  bin 

ot.KM.iNIA     Neu    Reih     (.\l\,    l    i,,        VII  17 


258  M.  RIEGER 

eigenes  Abbild.  Mitunter  hat  er  dem  abzuholenden  seine  standesmäUige 
Kopfbedeckung,  z.  B.  dem  Domherrn  die  rothe  mit  weißem  Pelz  ver- 
brämte Mütze  abgenommen  und  sich  selber  aufgesetzt;  bei  dem  kleinen 
Kind  aber  trägt  er,  wie  um  ihm  Zutrauen  einzuflößen,  die  Ammen- 
haube. Den  Doctor  faßt  er  wie  ein  Räuber  an,  den  Dieb  führt  er 
wie  ein  Polizeidiener  mit  gebundenen  Händen  am  Strick,  der  gute 
Mönch  dagegen  faßt  ihn  selbst  am  Grabtuch,  als  wolle  er  den  davon- 
eilenden aufhalten.  Der  modisch  geputzten  Jungfrau  hält  er  einen 
Spiegel  vor,  dem  Junker  seinen  Hintern,  auf  den  er  mit  der  Hand 
einladend  deutet.  Die  Holzschnitte  sind  nah  verwandt,  ohne  je  ganz 
übereinzukommen.  Die  Compositum  ist  auf  den  Gemälden  lebendiger, 
die  Zeichnung  der  Körper  besser,  wie  auch  ihre  Proportion;  aber  in 
den  Köpfen,  die  auf  den  Holzschnitten  nicht  ohne  Geist  behandelt 
sind,  bleibt  der  Maler  flau.  Er  gibt  seinen  Figuren  einen  landschaft 
liehen  oder  architektonischen  Hintergrund  mit  oder  ohne  Luft,  aber 
so  gänzlich  ohne  Begriff  von  Perspective,  daß  die  vorderen  Gegen- 
stände, z.  13.  Bäume,  ebenso  klein  oder  kleiner  gezeichnet  sind  als  die 
hintern  und  die  Figuren  dadurch  mehr  als  riesengroß  in  der  Landschaft 
stehen.  Die  Costüme  mögen,  wo  zwischen  mehreren  die  Wahl  war,  zum 
Theil  ihre  Bedeutung  haben.  Der  Abt  verräth  sich  durch  schwarze  Ordens- 
tracht als  Benedictiner,  der  böse  Mönch  ist  Dominicaner,  der  gute  da- 
gegen  Franziscaner  und  der  Bruder,  der  einen  langen  Part,  schwarzen 
Rock  mit  Gürtel  und  schwarzer  Capuze  und  ein  hellrothes  Käppchen 
trägt,  offenbar  ein  Kugelherr  oder  Bruder  des  gemeinsamen  Lebens*). 
Bei  dem  Grafen  hat  der  Tod  eine  Trompete  mit  rother  Fahne,  die 
einen  aufrecht  stehenden  gekrönten  goldenen  Löwen  mit  einem  Schwänze 
zeigt,  doch  wohl  kein  anderes  als  das  nassauische  Wappen,  obgleich 
ihm  die  Schindeln  fehlen,  die  sich  schon  im  !-'>.  Jahrhundert  auf  ihm 
finden  (s.  Siebmachers  Wappenbuch  neu  hsgeg.  v.  Mcfnerl.  Bd.  1854). 
Die  Rüstungen  (beim  Herzog  und  Grafen)  -«hören  der  zweiten  Hälfte 
des  15.  Jahrhunderts  an,  insbesondere  die  Salade  mit  Barthaube,  die 
erst  um  1450  aufkam  und  den  Monumenten  aus  unmittelbar  vorher- 
gehender Zeit  noch    fehlt   (s.   Hefner,   Trachten   des   christl.    MA.   II, 


*)  In  einer  alten  Handschrift  Von  dem  statt  vnd  leben  der  priesla  md  bruder  zu 
Konigstein  rn<l  zu  Butzbach  (abgedr.  in  Conapectns  parochiae  Moguntinae  intra  urbem 
von  Severus  Aschaffenb.  I7t;s  and  im  Archiv  für  hess.  Gesch.  X,  60)  heißt  es:  Sie 
ghen  glich  geklagt  in  gemeyner  erber  vnd  eynfeldigen  kleidung,  schwarte  oder  graw, 
uit  kostlich  noch  auch  zu  s>io</<'.  Die  Bolzschnitte  charakterisieren  übrigens,  so  viel 
man  ohne  Farbe  schon  kann,  jene  geistlichen  Personen  ganz  übereinstimmend.  Dei 
Bruder,  ebenfalls  bärtig,  erscheint  hiei   baarhäuptig  mil  Btarkem  Haar  ohne  Tonsur. 


DER  JONGERE  TODTEN  l\\N/. 

173  fg.).  Das  CostUm  des  Todes  zeigt  die  ältere')  Darstellungsweise 
wie  auch  auf  den  Holzschnitten,  nicht  als  Beingerippe,  sondern  als  mehr 
oder  minder  verschrumpfte  oder  entfleischte  Leiche  mit  geöffnetem 
Bauch,  mit  herabhängendem  Bauchfell,  fleischfarbig,  mit  durch  die 
Haut  sich  ausprägenden  Knochen.  Mitunter  trägt  er  Kleidungsstücke, 
mitunter  ein  weißes  Grabtuch,  das  alsdann  die  bekannten  eckigen 
Faltenbrüche  zeigt,  die  in  der  zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  aus 
Flandern  in  die  deutsche  Kunst  eindrangen. 

Man  sieht,  daß  die  Handschrift,  die  ich  mit  C  bezeichne,  den 
beiden  Drucken,  auf  deren  Münchner  Exemplarien  von  alter  Hand 
die  Jahreszahlen  1459  und  1470  bemerkt  sind  (a  und  b),  im  Alter 
kaum  vorangeht.  Sie  zeigt  indeü  die  mittelrheinisch-oberhessische  Mund- 
art in  etwas  reinerer  Schreibweise  als  b  und  auch  mitunter  den  eigen- 
thümlicheren  oder  altertümlicheren  Ausdruck:  55  noch  für  doch  = 
attamen,  379  gar  für  das  nhd.  Adv.  ganz,  462  geleret  für  gelernet, 
519  numme  für  nummer,  560  verliben  für  beliben  oder  gebhben.  Ich 
gebe  daher  den  Text  in  ihrer  Schreibung,  ebne  sie  darum  zu  dessen 
Grundlage  zu  machen.  Denn  sie  gibt,  obgleich  sie  im  Finzelnen  Bei- 
träge zur  Herstellung  liefert,  im  Ganzen  keinen  besseren  Text  als  die 
Drucke.  Sie  erscheint  vielmehr  in  den  zahlreiehen  Fällen,  wo  sie  von 
der  übereinstimmenden  Lesart  von  a  b  abweicht,  meistens  im  Nach- 
theil, und  diese  letztere  war  daher  auch  wo  der  Unterschied  gleich 
giltig  ist,  gegen  C  zu  schützen.  Andererseits  stimmt  C  in  vielen  Fällen 
auch  mit  b  gegen  a  überein,  wo  dann  ebenfalls  der  Vorzug  nur  aus- 
nahmsweise der  einen  abweichenden  Urkunde  zukommt.  So  enthält 
also  b  den  eigentlichen  Kern  der  Überlieferung,  von  dein  C  und  a 
nach  rechts  und  links  sich  abzweigen.  Eine  Übereinstimmung  von  C 
und  a  gegen  b  ist  selten  und  offenbar  nur  zufällig.  Das  ganze  Ver- 
hältniss  ist  leicht  zu  ersehen,  da  ich  außer  den  bloß  orthographischen 
und  grammatischen  alle  Lesarten  mittheile. 

Einig«   Mäh-  ('.).   101.   168.  L84.  525.   52!))  sind  Fehler  den   drei  lir 
künden   gemein   und   zum   Theil   wenigstens  von   der   Alt,   daß    der   Zu 
fall    in    der    Übereinstimmung    Völlig    ausgeschlossen    bleibt.    Wir  haben 
also  doch   eine  nicht   ganz   kurz«;  Überlieferung  \<>r   mis  und  es  ent 
teht  die  Frage,  .»b  am  Ende  das  Gedicht,  aeben  seinen  vocalisch  und 
consonantiseli    ungenauen   Keimen,    ursprünglich    einen    regelmäßigen 
Versbau  gehabt  habe.    \)\<-  meisten   Vei  e   fugen     ich,   unter  Berück 
siehtigung  der  Mundart  und  Anwendung  der  diesem  Jahrhundert   ge- 

►)  Vergl    /  i  hr.  f.  d.  A.  9     121  fg 

I.  ' 


2G0  M.  RIEGER 

mäßen  starken  Kürzungen,  auch  jetzt  noch  dem  Schema  der  vier  He- 
bungen mit  regelmäßig  eintretender  Senkung.  Vergleicht  man  ein  von 
Haus  aus  unmetrisch  angelegtes  Reimwerk,  wie  das  Spiegelbuch,  so 
fällt  der  Unterschied  auf;  und  bei  der  besonderen  Sorglosigkeit  und 
Willkür,  mit  der  gerade  dramatische  Dichtungen  fortgepflanzt  wurden, 
ist  die  Entwickelung  eines  von  Haus  aus  metrischen  Textes  zu  der 
verwilderten  Gestalt  des  unsrigen  nicht  undenkbar.  Viele  Verse  würden 
sich  durch  mehr  oder  weniger  leichte  Änderungen  wieder  einrenken 
lassen;  aber  nicht  wenige  müßte  man  auch,  um  sie  nicht  als  incurabel 
aufzugeben,  aufs  rücksichtsloseste  zusamraenschneiden,  und  der  Versuch 
einer  metrischen  Herstellung  hätte  nur  einen  subjectiven  Werth.  Ich 
habe  indeß,  auch  darin  vielleicht  schon  voreilig,  durchweg  den  Les- 
arten den  Vorzug  gegeben,  durch  die  der  Versbau  hergestellt  wird. 

Es  fehlen  in  C  drei  Auftritte,  der  Pfarrer  (6),  der  Arzt  (9)  und 
der  Herzog  (12);  aber  der  Schreiber  hat  geglaubt  beim  Capellan  (7) 
den  Pfarrer  und  beim  Ritter  (14)  den  Herzog  vor  sich  zu  haben  und 
die  Anrede  demgemäß  geändert,  so  daß  eine  vollständige  Handschrift 
offenbar  zu  Grunde  gelegen  hat.  Die  Reihenfolge  der  Auftritte  ist  in 
C  lediglich  durch  die  Sorglosigkeit  des  Buchbinders  gestört;  die 
Blätter  sind  vom  Schreiber  alle  bis  auf  sechs  beziffert  und  die  dadurch 
angedeutete  Reihenfolge  stimmt  mit  b  bis  auf  eine  Ausnahme  überein. 
In  b,  wie  in  a,  folgt  nämlich  die  Jungfrau  auf  die  Bürgerin,  in  C  die 
Bürgerin  (30  durch  Versehen  für  die  sonst  fehlende  Ziffer  36)  auf  die 
Jungfrau  (35);  und  hier  scheint  C  im  Recht  zu  sein.  Dieß  verräth 
sich  dadurch,  daß  in  b  beide,  Bürgerin  und  Jungfrau,  mit  35  bezeichnet 
sind  und  die  Ziffer  36  fehlt.  Dieses  Versehen  muß  sich  schon  in  der 
gemeinsamen  Grundlage  von  a  und  b  gefunden  und  die  Vertauschung 
beider  Auftritte  ermöglicht  haben ;  in  b  wurden  auch  die  zwei  gleichen 
Ziffern  fortgepflanzt.  Ich  gebe  indeß,  um  die  Verwirrung  nicht  un- 
nöthig  zu   mehren,   die  Anordnung  der  Auftritte  unverändert  nach  b. 

Denn  verwirrend  genug  ist  schon  die  Verschiedenheit  der  Anord- 
nung zwischen  a  und  b;  aber  zugleich  lehrreich,  indem  sie  einen  Blick 
in  die  Entwicklungsgeschichte  des  Werkes  öffnet.  Streicht  man  in 
beiden  Reihen  den  Abt,  Arzt,  Räuber,  Wucherer,  Bürger,  Handwerks- 
mann, Jüngling,  das  Kind,  den  Wirth,  Spieler,  Dieb,  bösen  Mönch, 
guten  Mönch,  den  Bruder,  den  Doctor  und  die  Nonne,  so  bleiben 
22  Auftritte  in  völlig  gleicher  Reihenfolge,  und  in  diesen  hat  man 
offenbar  den  ursprünglichen  Bestand  des  Spieles.  Betrachtet  man  ihn 
näher,  so  zeigt  sich  eine  ganz  symmetrische  Eintheilung  nach  Ständen : 
7  Geistliche,  7  Adelliche,  7  Bürgerliche   und   zum  Schluß,   um  allem 


DER    ii  N6ERE  TODTENTANZ.  261 

noch  sonst  denkbaren  gerecht  zu  werden,  der  Auftritt  Von  allem  stät. 
Bei  diesem  war  es  den  Aufführenden  überlassen,  eine  Auswahl  von 
Charakteren  zu  treffen,  die  zusammen  auf  dem  Theater  erschienen; 
dann  aber  lag  es  nahe,  daß  einzelne  von  diesen  wiederum  hervor- 
gezogen und  mit  besonderen  Auftritten  bedacht  wurden.  So  wuchsen 
deren  16  nach,  die  man  nun  nach  verschiedenen  Gesiehtspuncten  in 
die  alte  Reihe  einzuschieben  unternahm.  In  Cb  sind  Abt  und  Arzt, 
der  letztere  seltsamer  Weise  statt  des  näher  berechtigten  Doctors,  der 
geistlichen  Siebenzahl  angehängt;  13  Auftritte,  davon  die  letzten  4 
mit  geistlichen  Personen,  die  übrigen  mit  wenig  ( )rdnung,  sind  zwischen 
die  Adelichen  und  Bürgerlichen  eingeschoben  und  die  Nonne  bei  den 
einzigen  Frauen,  die  sonst  in  dem  Spiele  vorkommen,  untergebracht. 
Hier  ist  also  nur  die  letzte  der  alten  Gruppen  und  sie  nur  durch  einen 
Auftritt  auseinander  gedehnt,  die  andern  behalten  ihren  alten  Zusam- 
menhang. Schonungsloser  aber  systematischer  ist  die  Einreibung  in  a: 
Abt  und  Doctor  ihrem  Range  gemäß  zwischen  Bischof  und  Official ; 
am  Schluß  der  geistlichen  Gruppe  vier  weitere  geistliche  Personen, 
guter  und  böser  Mönch,  Bruder,  Nonne,  und  der  Arzt,  der  wenigstens 
als  Gelehrter  mit  dieser  Gesellschaft  verwandt  ist.  Sodann  etwas  unbedacht 
hinter  dem  Rathshcrrn  der  Bürger:  denn  jener  ist  nicht  der  städtische 
Würdenträger,  der  diesen  Titel  führt,  sondern  ein  rechtsgelehrter  fürst- 
licher Rath,  wie  sie  oft  aus  dem  Bürgerstande  hervorgiengen.  Endlich 
hinter  dem  Schreiber  die  übrigen:  vier  Jäger  nach  fremdem  Gute,  der 
Wucherer,  Räuber,  Spieler  und  Dieb;  zwei  Vertreter  bürgerlicher  Nah- 
rung, der  Handwerksmann  und  Wirthj  zwei  Alterstufen,  Jüngling  und 
Kind.  Daß  die  Einreihung  in  a  eine  spätere,  verbesserte,  die  andere 
eine  unvollkommene  erste  ist,  dürfte  kaum  bezweifelt  werden. 

Die  Rede  am  Kerner,  die  ich  Germ.  16,  194  fg.  aus  a  mitge- 
theilt  habe,  fehlt  in  C,  und  ich  lasse  sie  hier  weg,  weil  es  mir  nicht 
zweifelhaft  ist,  daß  sie  ursprünglich  zu  dem  zweiten  Spiele  des  Spie- 
gelbuches gehört  hat.  Auch  der  Titel  und  das  Bild  auf  seiner  Rück- 
seite mit  den  dazugehörigen  Versen,  sowie  die  Rede  des  Todten  auf 
der  Bahre,  die  in  a  b  die  Einleitung  bildet,  alles  dieß  fehlt  in  C,  ob 
nur  durch  Zufäll  läßt  sich  nicht  sagen.  Jedenfalls  gehört  die  auf  die 
Figuren  verweisende  Rede  des  Todten,  eben  wie  der  Titel,  nicht  zu 
dem  Spiel,  sondern  zu  dem  aus  ihm  hervorgegangenen  Buche,  während 
die  metrisch  gebauten  Verse  auf  der  Rückseite  des  Titels,  wie  auch 
Waekernagel  Zschr.  I.  d.  A.  (J,  33-1  wahrscheinlich  fand,  das  auf- 
geführte Spiel  eröffnet   haben  dürften. 

Die  Heimat  des  Spieles  oder  doch  seiner  Erweiterung  wird 
durch    die    Erwähnung    von   Bingen   353  bestimmt;    und   es   ist   nicht 


262  M.  RIEGER 

nöthig,  die  Reime,  die  wegen  ihrer  Ungenauigkeit  doch  nicht  viel  be* 
weisen  können,  darüber  zu  befragen.  Es  zeugt  also  für  eine  gewisse 
Verbreitung,  wenn  es  zuerst  nicht  in  mittelrheinischer,  sondern  in  ost- 
fränkischer Mundart  ohne  alle  ai  und  oi  gedruckt  worden  ist.  Stammt 
dieser  Druck  wirklich  von  1459,  so  kann  er  wohl  aus  keiner  andern 
Werkstatt  als  der  Albrecht  Pfisters  zu  Bamberg  hervorgegangen  sein. 
Für  die  Heimat  der  Holzschnitte  ist  es  bezeichnend,  daß  der  Graf  ein 
Banner  mit  den  Hirschhörnern  Würtembergs  führt  (vgl.  Wackernagel 
a.  a.  0.  335).  Der  Maler  der  Handschrift  verräth  aber  bei  der  gleichen 
Gelegenheit,  wie  schon  oben  angegeben  wurde,  daß  er  der  Heimat 
des  Spieles  selbst  näher  stand.  Unter  seinem  letzten  Bilde  steht  die 
Bemerkung:  Ihro  Chur  Prinzl  Dhlt  zu  Neustat  Vor  Ehrt  worden:  1679. 
Die  kurprinzliche  Durchlaucht  muß  Hedwig  Sophie,  Tochter  des  Kur- 
fürsten Georg  Wilhelm  von  Brandenburg  und  Mutter  des  Landgrafen 
Karl  sein,  für  den  sie  während  seiner  Minderjährigkeit  1670 — 75  die 
Regierung  führte.  Neustat,  so  ohne  jede  nähere  Bestimmung  genannt, 
kann  nur  das  oberhessische,  damals  mainzische  Städtchen  dieses  Namens 
sein.  Auch  hier  also  wieder  ein  Fingerzeig  nach  dem  Mittelrhein. 

Man  möchte  wohl  auch  wissen,  wo  der  Buchdrucker  seine  Werk- 
statt hatte,  der  die  Holzstöcke  des  Druckes  von  1459  an  sich  ge- 
bracht und  1470  eine  zweite  Ausgabe  nach  andrer  Vorlage  und  in 
der  heimatlichen  Mundart  des  Spieles  veranstaltet  hat.  Nicht  daß  ihm 
das  Werk  besondere  Ehre  machte:  weder  ist  der  Druck  sauber, 
noch  die  Typen  geschmackvoll.  Aber  sie  scheinen  zugleich  unter  den 
mittelrheinischen  Drucken  jener  Zeit  ganz  unerhört  zu  sein.  Wenig- 
stens finde  ich  in  den  Tafeln  zu  Wetters  kritischer  Geschichte  der 
Buchdruckerkunst  keine  nachgebildet,  die  mit  ihnen  einige  Ähnlich- 
keit hätten,  außer  denen  von  Valdenaer  zu  Utrecht  von  1470;  er  allein 
hat  diese  h,  b,  1  und  d  mit  großen  bauchichten  Schleifen,  kann  er 
hier  wohl  in  Frage  kommen?  Nahe  läge  es  bei  dem  ascetischen  Sinne, 
der  das  Werk  durchdringt ,  an  die  Druckerei  des  Kugelhauses  zu 
Mergental  bei  Rüdesheim  zu  denken,  die  1463  eröffnet  worden  ist  und 
eine  Zeit  lang  geblüht  hat.  Wer  jedoch  auf  die  dortigen  Brüder  des 
gemeinsamen  Lebens  die  Abfassung  des  Spieles  selbst  zurückführen 
wollte,  Avegcn  dessen  und  der  Spiele  des  Spiegclbuches  ich  einst  an 
das  Cisterzienkloster  Eberbach  gedacht  habe,  der  würde  irren;  denn 
das  Kugelhaus  zu  Mergental  war  nicht  oder  doch  nur  um  Monate 
älter  als  seine  Druckerei. 

DARMSTADT,  im  März  1874.  M.  RIEGER. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ.  263 

Der  Dotcn   dantz    mit    figuren.    Clage  vnd    antwort    Bchon    von   allen 

staten  der  weit. 

Wo!   an  wol  an  jr  berron  vnd  knecht, 
spryngt  her  by  von  allem  geschlecht, 
wie  jung  wie  alt,  wie  schon  oder  kruß, 
ir  mußent  alle  in  diß  dantz  huß.  *) 

Alle  mentschen  deneken  an  myeh 
Vnd  huden  vor  der  werlt  sych. 
Ich   hatte  viell  gutes  vnd  was  hin   eren, 
Golt  vnd  sylber  hatte  ich  tzu  vertzeren: 
Nu  byn  ich  inn  der  wurme  gewalt, 
Solich  testament  ist  myr  bestalt. 
Der  doit  hait  myeh  her  tzu  bracht 
Da  ich  yß  aller  mynst  bedacht. 
Vorware  wer  das  merket  eben, 
Der  mag  woill  besßern  syn  leben, 
Wand  hye  geet  lachen  vnd  sehyraph  uß, 
Wand  wir  neghen  tzu  disßem   dantz  husze. 
Merkent  nu  vnd  sehent  an  disße  tigure, 
War  tzu  kommet   des  mentschen  nature. 
Laßent  von  sunden,  das  ist  myn  radt, 
So  mögen!   \i    by  gol   fynden  gnade.**) 

1. 
Her  baibst,   dissen   dantz   must  ir  beginnen 
vor  allen,  die  da   ere  gewinnen. 
Aller  werlte  ir  gebott: 
nu  sint  ir  körnen   in   den  doit. 
5  ITwcr  herschaft  hait   nu  ein   end<  . 
ir  sint  komen  in  raine  hende. 
Gant  vort  und   nicht   erschreckt: 
hie  wert  ir  ligen  biß  das  uch  goi  erweckt. 

0  got,   sal   ich  und  muß  eß  sin, 
lo  das  ich  enden  das  leben   min ? 
( }o1   wa     ich  uff  ei  den  genant 
und  allen  menschen  der  hoegsl   bekant. 
l-i   im   straifflich  gewesl   min  leben, 
das  wollt    gottie  gudde  mir  vergeben. 


Bis  hiebei   nach  a,  da  das  Titelblatt  in  dem  von  vab   benutzten  Darmstädtei 
Exemplar  von  b  fehlt  Di     '  lehn  auf  dei    Rückseite  des  Titele,  untei   ihnen  der 

Holzschnitt:  -1  blasende  Todte  mit  andern,  die  ftieb  aus  Gräbern  erheben. 

Holzschnitt:  Todtei   in  einem  Sarge  von  seebe  Todten  umtanzt,  deren  ei 
mit  einem  Todtenbein  die  Trommel  Bchlägt.  Daneben  der  Kerner. 

2  allen]  0  allen  den        4  b  kommen  yi         9  ich  oo<  cAen         10  ich 

a,  C  sal,  b  ich  BaL 


264  M.  RIEGER. 

15  Sant  peter  stule  han  ich  besessen: 
got  wolle  miner  seien  nit  vergeßen. 

2. 
Her  cardinal,  nu  springent  ain  dissen  reien. 
mit  uworem  mantel  haint  ir  gain  meien: 
Mich  dunckt  vch  verwonder  diese  fart. 
20  nu  kompt  und  offenbart 

Uwer  sunde,  die  ire  hant  begangen, 
groß  ere  hait  uch  umbfangen: 
Uwer  mantel  und  roder  hut 
klein  hulffe  gein  mir  nu  dut. 

25  Mantel  und  hut  sollent  mir  nit  schaden: 
ich  han  mich  sost  vyl  uberlaiden 
Mit  gierheit  in  zytlichem  gut, 
glich  als  der  straßenreuber  dut. 
Mocht  ich  des  noch  quyt  werden 

30  dwil  ich  noch  bin  uff  erden, 

Ich  hofft  got  solt  mir  gncdich  sin 
und  erlosen  uß  ewiger  pin. 

3. 
Her  bischoff,  ich  bin  hie  der  doit 
und  wil  uch  bringen  in  libes  noit. 

35  Uwer  bistum  must  ir  übergeben, 
niet  lenger  laß  ich  uch  leben. 
Kompt  nu  mit  mir  in  uwer  grap, 
legent  nidder  uwern  schonen  stap, 
Den  man  uch  hait  vorgetragen: 

40  den  doit  kan  er  nit  verjagen. 

Vor  got  muß  ich  die  warheit  sagen: 
ich  wolt  das  ich  alle  min  dage 
Ein  armer  monich  were  gewesen, 
got  gedient  mit  singen  und  mit  lesen. 
45  Von  paffen  wirt  clage  über  mich  komen, 
das  ich  also  vyl  subsidia  han  gcnomen 
Und  mit  gewalt  underdruckt  den  armen, 
ach  wolt  sich  got  über  mine   sele  erbarmen. 

4. 
An  uch  ist  nu  der  tzail, 
50  o  reverende  domine  official. 


19  vch  fehlt   C.         a  verwildert.  25  hut]  a  roter  hut.  26  vyl]   C  zu  vyl. 

40  a  kunt  ir.  45  C'b  mich  nu  komen.  49  An  uch]  lies  An  uch,  an  uch. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ.  265 

Ir  hant  durch  die  gantzen  wochen 
vil  falsche  orteil  gesprochen: 
Hettent  ir  dem  armen  als  dem  riehen    gedain, 
frolich  mocht  ir  zu  dem  dantze  gain. 
55  Noch  wie  dem  si,  ir  raust  sterben 

und  mocht  nit  zyl  biß  morn  erwerben. 

Hilff  got!  ich  bin  in  großen  sorgen, 
han  ich  nit  zyl  biß  morgen. 
Ich  bin  in  großen  krencken 
60  und  het  noch  vyl  zu  bedencken. 
Het  ich  min  seile  vor  woll  bedacht, 
so  queme  ich  nu  nit  in  gottis  acht, 
Und  het  geholfen  den  armen, 
so  mocht  sich  got  über  mich  erbarmen. 

5. 

65  Her  fürt,  du  stoltzer  dumher, 

du  besitzest  nu  vnd  nummer  mer 

Dyne  prundc  rent  gulte  vnd  gut. 

dar  vor  hastu  dich  nit  gehut. 

Troist  dich  selbs,  dan  du  must  sterben 
70  vnd  magst  nit  lenger  zyl  erwerben. 

Laiß  din  dedinge  vnd  kome  herfort, 

dich  bait  keyne  bette  noch  süße  wort. 

Ach  got,  wie  sal  ich  mir  geben  troist? 

in  vnserm  capitel  was  ich  der  boist. 
75  Vil  prunden  vnd  groiß  gut  han   ich   besessen: 

nu  wirt  min  ewig  vergeßen. 

Hette  ich  mine  notturfft  genomen, 

geyn  gott  mocht  iß  mir  nu  fromen, 

Und  auch  mitgedeilt  den  armen, 
80  so  wurde  sich  got  über  mich  erbarmen. 

6. 
Her  perner,  yr  mußet  maisßen  uwer  meyen 
vnd  springen  myt  myr  an  dißen  reyen. 
Ich  han  vorn  anc  geschrieben 
das  yr  gots  dyenst  nyt  hant  getryeben 
85  Vnd  uwern  sehoffgyn  boße  exempel  geben: 
dar  vmb  verlyest  yr  das  ewig  leben. 
Vwer  opper  kyreh  gut  vnd  cre 
siehent  yr  nu  und  Dummer  mere. 


.")i  r]pm|  al,  diszem.  56  Noch]  ab  Doch.  68  biß]  h  myt.  59  inj 

fehlt  C.       fil  ab  vor  myn  Bele.       6  i  mich]  a  myr.       66  na]  C  n  it.        81      96    Va. /'   >• , 
fehlt   <\  88  mere  a,  b  mec. 


266  M.  RIEGER 

Hctte  ich  myn  schafflyn  woill  behut 
90  als  eyn  rechter  hyrtt  dut, 

Sye  vnd  mych  ane  sunde  bewart, 

frolich  für  ich  diße  leste  fart. 

Nu  han  ich  gesucht  zytlichs  gut 

als  der  falsche  hyrt  dut: 
95  Dar  vmb  ich  mych  sere  betrüben. 

got  wolle  doch  das  beste  pruben. 

7. 
Her  capellan,  ir  kundt  gar  süßlich  claffen 
bi  den  leien  und  auch  bi  den  paffen. 
Den  seiter  kundt  ir  noch  nit  gelesen 
100  und  mag  niemant  vor  uwer  meisterschaft  genesen. 
Laißent  ligen  uwer  berret  und  uwer  solen, 
ir  sint  mir  nu  gantz  entpholen. 
Uwer  clip  clap  und  doricht  sagen 
kan  den  doit  nit  veriagen. 

105  Ein  berret  drug  ich  als  meister  ipocras, 

dick  geprediget  das  ich  nie  gelas. 

Ich  sucht  gut  mit  zytlicher  ere, 

klein  was  ich  von  der  lere. 

Den  wolff  ließ  ich  die  schaiff  zubißen, 
110  ein  bein  vom  andern  rißen, 

Die  mir  min  herre  bevolen  hait  in  truwen: 

das  wirt  mich  nu  und  eweclichen  ruwen. 


Her  apt  in  geistlichem  orden, 
ir  sint  mir  nu  zu  deil  worden. 

115  Ir  mußent  alle  ding  laßen  stain 
und  nu  an  minen  reien  gain. 
Uch  und  uwern  brudern  junck  und  alden 
were  gut,  het  ir  den  orden  gehalden 
Und  des  cloisters  gut  nit  so  vyl  verzert 

120  und  arme  lüde  da  von  ernert. 

Ach  got,  war  zu  bin  ich  worden? 
ich  hielde  nie  recht  minen  orden. 
Ich  bin  gewesen  umbehut 
zu  gewinnen  das  ewig  gut. 
125  Were  ich  ein  armer  monich  gewesen, 
got  gedient  mit  singen  und  mit  lesen 


93  a  zytlich.  97  capellan  ab,   C  pherner.  100  vor  abC:  zu  tilgen. 

101   solen  abC:  lies  stolen.  110  a  zuryszen  111  herre]  C  oberster.         114  nu 

fehlt  C.  117  junck  Cb,  a  jungen.  118  a  jr  hettent.  119  C  verziert. 

120  von]  C  mit.  123  C  gewesten,  ab  gewest. 


DEB  JÜNGERE  TODTENTANZ.  267 

Und  hctte  min  sclc  woll  bewart, 
frolieh  Cur  ich  diese  leste  fart. 

9. 

Herr  artzt,  yr  kont  den  luden  woll  gesagen, 
130  wie  yr  den  dot  wolt  von  yn  veriagen. 

Kont  yr  ichts  finden  vor  den  doit, 

suchet  her  vor,  das  ist  uch  noit. 

Ir  habent  ander  lüde  gesunt  gemacht 

vnd  vwer  seien  kleyn  geacht. 
135  Wie  mag  vwer  seien  rat  werden? 

ir  hant  gekurtzet  manchem  syn  leben. 

In  aller  artzedye  konde  ich  rat  geben 
czu  verlengen  des  mentschen  leben, 
Sunder  widder  den  doit  tzu  disser  fart 
140  finden  ich  keyn  krudt  das  myeh  verwart. 
Och  gotliche  barmhertzikeyt, 
myn  sunde  syn  myr  leyt. 
Dyn  grün  delose  gute  dye  bied  myr, 
wand  alle  myn  heyll  stet  an  dyr. 

10. 
145  Herr  keiser,  nu  koment,  is  ist  zyt. 

uwer  macht  geit  durch  die  werlet  wyt: 

Hot  uwer  keiserlichs  swert 

die  heiden  betwungen  und  bekert, 

Friden  gemacht  und  nach  rech  gestanden 
150  in  steden  vnd  in  allen  landen, 

So  wurde  uch  auch  nu  gegeben 

gottes  hulde  und  ewiges  leoen. 

Sal  und  muß  ich  nu  sterben 

und  keinen  Verzug  von  dir  erwerben? 
155  Groiß  gut  und  ere  han  ich  beseßen: 

was  bait  mich  min  groß  vermeßen? 

Ich  meint  du  soltest  schonen 

keiserlichs  appels  und  minor  cronen: 

So  des   Diel    enißt,    dar  umb   uff  erden 
160  kein  mentsch  mag  din  entragen  worden. 

11. 
Ir  mechtiger  kunig  groiß  und  rieh, 
ir  mußent  nu  werden  den  armen  glich, 


129—144  nach  b;  fehlt  C.       131   b  Buden  icht.s.  14fi  ah  durch  al  (6  all)  die 

14!i  ab  recht.  150  vnd  fehlt   C.  165   und   cro    fehlt  a.  156    0   baich, 

157  soltest]   C  sollest.  158  a  >>  applas,   C  aplaiß.  159  dar  umb  fehlt  a. 


268  M.  RIEGER 

Wan  ir  sollent  noch  hude 
sterben  wie  ander  lüde. 
165  Das  orteil  goit  selbes  gegeben  hait, 
über  iedcrmentschlichen  stait, 
Das  sie  raußen  in  der  erden 
wieder  umb  zu  eschen  werden. 

Nu  merken  ich  wol  das  der  doit 
170  alle  mentschen  bringet  in  noit 

Und  nit  an  syt  eniche  personen, 

dwil  er  nimants  will  schonen. 

Hette  ich  myn  lant  nu  wole  regiert 

und  mit  togenden  mich  geziert, 
175  So  mocht  ich  baß  von  hinnen  faren. 

got  wolle  myn  arme  sele  bewaren. 

12. 

Du  bist  eyn  hertzog  gewesen: 
nyemant  mochte  vor  dyr  genesen. 
Er  wer  arm  oder  rieh, 
180  du  meynst  nyemant  were  dyn  gelych. 
Groiß  gut  haistu  beseßen 
vnd  gotz  da  myt  vergeßen. 
Eyn  end  hat  nu  dyn  hoger  mut: 
ganck  fürt,  anders  yß  dut  dyr  nummer  gut. 

185  Sali  ich  dan  nyt  langer  leben 

vnd  sal  myn  herschafft  vbergeben, 
Ritter  knecht  vnd  vndersasßen, 
myn  gut  myn  ere  als  hynderlaßen 
Vnd  von  alle  dem  nit  füren  dar, 

190  dar  ich  nu  selber  hynnen  far, 

Das  ich  dan  nyt  in  armudt  alle  myn  tage 
got  gedyenet  hab,  das  ist  myn  clage. 

13. 
Tredt  fürt,  ir  graue  von  edeler  art, 
ich  fuir  uch  gar  eyn  wilde  fart. 

195  Vyl  homutz  han  ich  von  uch  geschrieben, 
den  ir  über  paffen  vnd  leien  hant  gedrieben. 
Nu  koment,  ich  binß  der  doit 
vnd  wil  uch  bringen  in  groiße  noit. 
Biddent  got  vmb  gonade,  das  raden  ich, 

200  vff  das  er  uch  nit  verdume  ewenclich. 


166  yedermenschlichen  a,  Cb  ielichen  mentschlichen.         170  a  allen.  173  nu 

fehlt  ab.  177 — 192  nach  b;  fehlt  C.  180  b  dynen  glych :  ein  Beispiel  der  rheinischen 
Vertan schung  von  Nominativ  utid  Accusaliv.  184  anders  ab  C:  zu  tilgen.  187  b  hyn- 
dersasßen.  190  b  da  ich.  200  a  verdamn. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ  269 

Acli  ich  wolt  das  ich  nu  kuade 
got  zu  hulff  hau  vnd  syne  fruude, 
Alle  heiligen  vud  gude  lüde 
vmb  gnade  zu  erwerben  noch  hude. 
205  Solt  ich  dau  lenger  leben, 

ich  wolt  mich  heuern  vnd  almuseu  geben, 

Myn  testament  also  wole  besetzen, 

da3  eß  phafFen  vnd  leyen  mocht  ergetzen. 

14. 

O  ritter  rych,  reich  her  din  haut, 
210  du  must  mit  mir  in  ein  ander  lant. 

Hettest  nu  ritterlich  gefecht 

und  niemants  gedan  wieder  recht 

Aber  iemandts  gewalt  gedan, 

frolich  inochst  du  nu  mit  mir  gain. 
215  Hastu  aber  den  armen  underdruckt, 

so  wirt  diu  geist  nit  woll  verzuckt. 

Ach  ich  hau  mines  libes  crafft 
verzert  mit  wilder  geselschafFt, 
mit  hoifieren  und  mit  striden, 
220  mit  stechen  iagen  und  mit  riden. 
Der  armen  ich  damit  vergaß, 
sie  zu  beschirmen  was  ich  laß. 
Hette  ich  mim  stait  nu  recht  gedain, 
frolich  wolt  ich  nu  mit  dir  gain. 

15. 

225  Her  junckher  fürt,  wir  mußen  dantzen, 

hofiern  und  hovelich  scharwantzeu. 

kompt  zu  stunt,  ich  kan  nit  beiden, 

zum  dantz  wil  ich  vch  leiden. 

Uwern  schonen  hoiff  mußt  ir  nu  laißcn 
230  und  in  der  stat  die  schonen  straißen. 

Woloff  zum  dantze,  eß  ist  nu  zyt, 

das  ir  gut  von  uwern  wercken  antworten  syt. 

O  richer  got,  wannen  kompt  der  doit, 
der  mich  bringt  in  solich  noit? 


201  a  Ach  got  ich.      im  fehlt  a.         .    206  wolt]   V  wil  208  eß  fehlt  ab. 

n   mochte.  209  ritter  ryoh]    C  herzog.  213  Ahcr    steht   hier    nach    hessischer 

Weise  für  oder,  und  moar  in  der  Bedeutung  Doch  -  aequo,  wodurch  das  folgende 
iemants  gerechtfertigt  ist.  Vgl.  Vümar  II'**.  Idiot,  unter  oder.  Diese  Verwechselung 
läset  sich  schon  im  13.  Jahrh.  der  Verfasser  der  Geistlichen  Lilien  und  der  Rede  von 
den  XV.  Graden  zu  Schulden  kommen,  indem  er  avu  ovo  und  o(  für  oder  braucht: 
'■•  m.  :{,  56.  G,  148.    153.  Aber  =  vcl  kommt   noch    einmal  412.  214  nu  mit 

mir]  C  mit  mir  nu.  -17  a  myn.  224  nu   mit  dir]  mit  ilir  nu  O.  226  " 

schawätze,  b  Bchwantzen,  C  swantzen  Nur  Frauen  tragen  <l>n  sw&nzund  können  dahei 
Bwanzeo.  Scharwenzeln  braucht  mau  hiet  tu  LandU  noch  jet  t  für  ein  höflich  unlerwüi 
figes  Gebühren.  228  vch]  0  dich.  231  6  wullulit,  «  wol  vll.       du  fehlt  C 


270  M.  RIEGER 

235  Sal  ich  itzunt  antwurt  geben 
von  alle  mini  suntlichen  leben, 
So  betrüben  ich  mich  in  den  doit, 
das  ich  nit  hielde  das  got  geboit. 
Ich  han  wollost  gesucht  uff  erden: 

240  min  sele  wolle  got  zu  deiljwerden. 

16. 
Kum  her  naich,  du  wapendreger: 
du  hast  geslafen  uff  hartem  leger, 
In  striden  groiß  arbeit  gehait, 
das  dich  nu  gar  wenich  bait. 
245  Diner  glich  ist  manicher  geselle, 
den  vil  swerer  wirt  die  helle 
Dan  eim  monich  das  himmelrich : 
ir  beider  arbeit  ist  gar  ungelich. 

0  heiliger  crist,  din  orteil  ist  gerecht. 

250  were  ich  biß  her  gewesen  din  knecht 
Und  dins  lidens  wapen  getragen, 
so  bedurfft  ich  nu  nit  clagen. 
Nu  hain  ich  gedient  werntlichen  herreu, 
gestanden  nach  zytlichem  gut  und  ere: 

255  Was  mir  ist  worden  zu  lone , 
das  hilfft  mich  nit  eine  bone. 

17. 

O  du  reiber  in  den  wilden  walden, 
du  kanst  dich  vor  mir  nit  behalden. 
Ich  komen  zu  dir  gar  ungedelich, 
260  wan  du  bist  sere  gewest  schedelich. 
Vil  werden  über  dich  clagen, 
die  von  dir  beraubt  sint  und  erslagen. 
Wie  du  mit  andern  hast  gedain, 
also  wirt  iß  dir  nu  ergan. 

265  Ach  mocht  ich  lenger  leben 

und  hette  auch  wieder  zu  geben 
Was  ich  den  luden  ie  genam, 
sint  das  ich  in  diese  stunde  quam, 
Das  wolt  ich  alles  geren  keren 

270  und  mich  mit  got  erneren. 

Nu  ist  eß  mir  leider  zu  spade: 
almechtiger  got,  bewise  mir  gnade. 


237  betrüben  a,  b  O  betrübe,     in]  C  bili  in.  243  C  vyl  groili.  250  din] 

ab  eyn.  253  werntlichen  b,  a  weltlichen,   C  wenclichen.  254  ere]   C  eren. 

Vergl.  41.  305.  4G2.  256  mich  fehlt  C. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ.  271 

18. 

O  Wucherer,  wie  gar  verbündet  du  bist! 

groß  gut  hastu  gewonnen  in  kurtzer  frist: 
275  Kum,  du  must  iß  laißen  gantz 

und  springen  mit  mir  an  dissen  dantz. 

Armen  und  riehen  plegestu  zu  plucken 

und  was  du  kondest  zu  dir  gezucken 

Umb  golt  und  silber  hastu  gegeben 
280  din  lip  sele  und  ewiges  leben. 

Ach  woffen!  hette  ich  diß  erkant, 
ich  hette  mine  sele  nit  so  jemerlich  verphant. 
Mocht  ich  zyt  erwerben  und  ruwen, 
ich  wolt  noch  vyll  kircheu  buwen, 
LJs;f)  Unrecht  gut  auch  wieder  keren 
und  fort  mich  mit  got  erneren. 
Nu  hau  ich  zu  lange  gebeit 
und  zu  dem  doide  mich  nicht  bereit. 

19. 

Burger,  du  haist  wip  gut  und  kiut, 
290  mede  und  knecht  under  dir  sint. 

Vor  die  plegestu  zu  sorgen 

den  abent  und  auch  den  morgen 

Allein  umb  zytlichen  gewin: 

dar  uff  stunt  din  rnut  und  auch  din  sin. 
295  Du  gedeichts  seiden  an  das  ewige  gut: 

dar  umb  stirbstu  nu  gar  uubehut. 

Ich  bin  gewest  gar  umbehut 
Zu  gewinnen  das  ewig  gut. 

Was  bat  mich  nu  min  kiut  und  auch  min  wip, 
300  dwil  ich  muß  gain  in  dodes  stritV 

I  >en  ich  hau  bestalt  drincken  und  eßen, 
die  werden   min   nu  eweclich  vergeßen, 
Von   im  wirt   mir  nu   wenich   nach   gedain, 
den   ich  hinder  mir  min  gut  nu  lan. 

20. 
305  Hantwerksman  und  auch  du  leie, 

kum   nu    auch   ;iin   mincii    reien. 

Du   plcgst  obents   lange   zu   wachen, 

kleidcr  beltz  und  sehn  zu  machen. 


273  C  du  verbündet,                 keren]  C  geben.         290  vnd  fehlt  C.  292  und 

aiu-li ]  a  als.        296  ab  vnuerbut.    I>f<  gäbe  <i<-n  schiefen  Sinn:  ohne  <lafi  et  abgewandt 

werden  kann,          3<in  gain  fehlt  ".     C  in  deB  dodes.          808  nach  <»  i>.  C  noch.  Da- 
mit ist  mdeß  »■"/</  nach  gemeint;  vergl,  bedochl  /"/   bedacht  588 


272  M.  RIEGER 

Geldeu,  verkeuffen,  leuen,  borgen, 
310  wenig  vor  die  sele  zu  sorgen, 
Biß  du  komest  in  libes  noit 
und  dich  holt  der  bitter  doit. 

Hette  ich  noch  zyc  und  crafft 

und  mit  dem  dode  nit  were  behaft, 

315  Ich  wolt  laißen  min  arbeit  stain, 

zu  predien  und  zu  der  kirchen  gaiu. 
Nu  bin  ich  siech  und  kranck 
und  fulen  des  bittern  dodes  stanck. 
Ich  raden  uch  allen  minen  gesellen, 

320  fuchtent  got  und  huttent  uch  vor  der  hellen. 

21. 

Jungeling  zart  hubs  und  fin, 
Sprinck  her  zu  den  gesellen  min. 
Du  kanst  gar  suslich  singen, 
hoifieren  dantzen  und  springen, 
325  Und  meinest  lange  zu  leben: 
got  wil  dir  nit  langer  zyl  geben. 
Din  jogent  hat  dich  betrogen 
und  dine  lange  hoffen  hait  dir  gelogen. 

Ach  got,  mocht  mir  imant  geben  troist, 
330  das  ich  von  dem  dode  wurde  erloist 
Und  mocht  noch  lenger  leben, 
ich  wolt  mich  got  selbes  ergeben. 
Sterben  ich  sost  in  jungen  dagen, 
das  muß  ich  nu  und  ummer  clagen. 
335  O  böse  geselschafft,  o  werlde  list, 

wie  falsch,  wie  arick,  wie  quait  du  bist. 

22. 

Jung  nu  gebornes  kindelin, 
eyn  ende  hat  nu  das  leben  din. 
Die  werlt  mocht  dich  betriegen: 
340  besser  ist  du  sterbest  in  der  wiegen. 
Dan  hie  ist  keyn  belibende  stait; 
du  haist  auch  der  werlet  lost  nit  gehait. 
Wie  wol  dir  ist  gesatzt  eyn  langes  zyl, 
das  bait  dich  nu  nit  vyl. 


309  verkeuffen  (a  verkauften)  a  b,  C  keuffen.  311  C  in  des  libes.          316  zu 

der  C  fehlt.            321    C  hubs  zart.              325  langej  6' noch  lenger.            332  a  mir. 

333  sost  in]  a  nu  in  mynen.           336  quait]  «  bosz.  340  C  wegen.           341    C  be- 
libender.           343  a  lange. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ.  273 

345  A  a  a  ich  kau  noch  uiet  sprechen : 

hude  geborn,  hude  muß  ich  uff  brechen. 

Wan  keyn  stunde  mag  ich  sicher  sin, 

wie  wol  ich  bin  eyn  kleyues  kindelin. 

Dito  merekent  alle  gar  eben: 
35U  ich  hain  noch  nit  leren  leben 

Und  muß  doch  sterben  also  balde. 

als  woil  stirbt  das  iunge  als  das  aldi 

23. 

Her  wirt,  her  wirt  von  hingen, 

ain  disseu  reien  mußst  du  nu  springen. 
355  Vyl  boisheit  hastu  begangen 

mit  falscher  spise  und  mit  win  langen. 

Du  haist  gehalten  lüde  allerlei, 

die  mitt  fluchen    und    sweren    hatten    ein    groiti    geschrei. 

Des  bistu  ein  ursaich  gewesen: 
360  bidde  got  das  din  sele  möge  genesen. 

Ich  hain  uff  vyl  foleks  gewartet, 
das  ein  spilt,  das  ander  kartet. 
Ich  sucht  zijtlichs  gut, 
glich  als  der  reuber  dut, 
305  Widder  got  und  widder  recht 

ain  dem  herren  und  auch  ain  dein  knecht. 

Solt  ich  aber  nu  nit  sterben, 

ich  getruwet  mich  besseren   und   gen  aide  erwerben. 

24. 

Spieler,  du  haist  übersehen  ein  groiße   schantze 
370  dwil  du  must  mit  mir  an  dissen  dantze, 

Vals  spiel  hastu  gehait, 

das   dieli   nu  gar  wenig  bait. 

Woll  an,   wol  an,  wiltu  swigen, 

ich  wisen  dich  wo  du  Boll  Ligen. 
375  Da  wirt   dir  diu  lein  gegeben 

aaich  dem  als  du  geforl  haist  din  leben 

Ach  got,  ich  hain  niemants  gestolen  Bin  gul 
Doch  hinderclaifft,  als  manicher  dut. 
Spielen  ist  doch  gar  gemein 
380  den  paffen  vml  uns  oiel  allein. 
Dt  eß  Bunde,  des  ich  nit  enwist, 
da     vergip  mir,  herre  ihesu  crisl : 


346  i>  um  a  auff.  868  midi  fehll   •  ils  fehlt  a  379  . 

gantz.  380  den]  C  de      rad  fehlt  C  281    d>    |  o   dn 

CtWMAMA  VII     .  X I  \   |  Jl  18 


274  M.  RIEGER 

Wau  werlich,  solt  ich  lenger  leben, 
ich  wolt  iß  miden  und  übergeben. 

25. 

385  O  du  dieplicher  diep,  du  haist  mit  dime  stelen 
verdient  das  man  dich  an  dine  kelen 
Lange  solt  hain  gehangen: 
des  bistu  nu  biß  her  entgangen. 
Hettestu  dich  biß  her  bekert 

390  und  mit  truwen  dich  ernert, 
So  mochstu  sicher  sterben 
und  genaide  bi  got  erwerben. 

Eia  lieber  herre  ihesu  crist, 
wan  du  vor  mich  gehangen  bist 

395  Und  geliden  einen  schentlichen  doit, 
hylff  mir  diebe  uß  aller  noit. 
Das  ich  die  helle  möge  vermiden, 
das  fegefuir  wil  ich  gerne  liden. 
Ich  bidden  umb  gnaid,  die  entphing 

400  der  schecher  der  an  diner  rechten  syten  hing. 

26. 
Monich,  ich  enweiß  dich  nit  zu  nennen, 
ich  einen  vor  dem  andern  nit  erkennen. 
Uwer  vetter  anders  gecleit  waren, 
anders  gestalt,  anders  geschoren. 
405  Noch  wer  du  bist  oder  wie  du  heist 
oder  was  ordens  dich  beweist, 
Du  must  dinen  geist  uff  geben, 
du  kanst  einen  dag  nit  langer  leben. 

Ich  fuilen  an  minem  alter  woil 
410  das  ich  sterben  muß  und  sol, 

Und  das  ich  ie  kap  an  mich  gen  am 

aber  eigen  heller  ie  gewan, 

Das  wirt  mich  ummer  ruwen, 

und  alle  monich  sollen  das  schuwen. 
415  Vil  beßer  were  in  armut  zu  leben 

dan  im  orden  böse  exemple  zu  geben. 

27. 

Kom,  monich,  an  dissen  dantz. 

du  haist  vber  geben  diese  werld  gantz 


389  biß]  6  myt.     C  bekiert.  391  mochstu]  C  mochstu  nu.  400  schecher 

fehlt  C.    Vielleicht  hieß  es  nur   der  an  diner.  402  nit]   C  kume.  411  das  ich  a, 

b  das,  fehlt  C.  412  aber  C  b,  a  oder.     Vgl.  213. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ.  275 

Und  diueu  orden  woil  gehalden: 
420  von  got  wirstu  nit  gescnalden. 
Nu  kom,  du  solt  frolich  starben 
vnd  gnaide  von  got  erwerben. 
Die  aber  irrent  biß  in  den  doit, 
die  komen  in  bitterlich   noit. 

425  Got  sy  lop  danck  vnd  ere 

uu  alwege  vnd  ummer  ineiv. 

Der  mich  hat  gegeben 

zu  füren  eyn  geistlichs  leben 

Und  der  bruder  bin  worden, 
430  die  da  gehalten  haut  den  orden. 

Dar  vmb  der  dot  ist  mir  eynn  trost: 

nu  werden  ich  fry  vnd  gantz  erlost. 

28. 

Du  bruder  solt  nu  mit  mir  gaiu, 

und  solt  doch  got  im  hertzen  hain. 
435  Du  hast  ane  sunde  gefurt  din  leben, 

zu  gottis  dinst  dich  gantze  ergeben, 

Und  hast  gesucht  niet  mere 

dan  din  heile  und  gottis  ere. 

Du  hast  über  geben  willen  und   eigen    mut 
440  umb  gottis  willen,  das  ist  dir  gut. 

Ich  dancken  got  von  disser  stunden, 
das  ich  in  gehorsamkeit  bin  iundeu. 
Nu  laiß  mich  genießen,  almechtiger  got, 
das  ich  gehalten  hain  din  geboit. 
445  Ich  hoiff  auch  miner  vetter  genießen, 

want  ich  hain  getain  das  sie  mich  hießen. 
Ilain  ich  aber  wolt  widder  streben, 
das  woil  mir  got  und  sie  vergeben. 

29. 

<)  groißer  meister  von  paris, 
450  werent  ir  im  gewest  so  wisse 
Und  hetent  studert  vfl  den  doit, 
sicherlich   das   were   voll   noit. 
Ir  mußent  nu  glich  dem  leyen 
springen  mit  mir  an  diesen  reyen 


123  biß  fehlt  «.          126  ummer]  0  Dammei  JJ'.t  «In  |  a  eyn.  430  a  der 

und  bat          4:u  Dv   bruder  a  b,  C  Bruder  da.  »:tr,  dich  fehlt  i  142  bin] 

C  werden.            445  genießen]  a  b  zu  genießen.  446  das]  C  was.  150 
west  nn.          451  C  hentent.          452  a  sicher, 

18* 


276  M.  RIEGER 

455  Und  dar  zu  uwern  geist  vff  geben, 

wie  woil  ir  meynent  noch  lenger  zu   leben. 

Ich  neme  iezunt  gottis  gunst 
vor  alle  mine  meisterlich  kunst, 
Wand  der  doit  hait  mich  behafft 
460  vnd  acht  niet  vill  vff  myne  meisterschafft. 

Vyl  beßer  were  eß,  mocht  ich  myne  suude  geclagen, 
wan  das  ich  geleirt  hain  all  myn  dage. 
Alles  das  ich  ie  hain  geleret 
hait  mich  zu  goit  wenig  gekeret. 

30. 

465  Her  burgemeister,  eyn  nuwes  lyet  wil  ich  uch  singen : 
zu  disser  geselschafft  must  ir  nu  springen. 
Von  uwerm  ampt  ir  auch  must  scheiden, 
vwer  sunde  laißt  uch  nu  leyden, 
Haint  ir  ymants  besweret  widder  recht, 

470  eß  sy  priester  leye  oder  knecht. 
Ir  habent  vbel  oder  wole  getain, 
wolufft  zu  dissera  reyen  mußt  ir  nu  gain. 

Ich  hoiff  eyn  cristen  mensche  zu  sterben 

vnd  by  goit  gnaide  erwerben. 
475  konde  ich  nit  yderman  zu  willen  gesin, 

so  was  doch  gut  die  meynunge  myn. 

Ich  wil  mich  selbs  nit  rumen, 

ich  wil  mich  auch  nit  verdumen. 

Myn  burgemeisterampt  hait  eyn  ende: 
480  got  sin  gnaide  an  mich  nu  wende. 

31. 

Du  cluger  uß  des  fursten  raide, 
eß  ist  dir  auch  nu  worden  zu  spade. 
Gelt  hastu  geschenckt  genomen 
und  haist  underdruckt  den  fromen. 
485  kom  in  dine  grap  nu  slaiffen : 
got  wil  din  boisheit  straiffen, 
Die  du  mit  den  armen  haist  begangen, 
ganck  fürt,  du  bist  nu  min  gefangen. 

Min  clugheit  mich  nu  wenig  bait: 
490  ich  seen  leider  vor  mir  min  doden  grap. 


461  geclagen]   O  clagen.  462  a  b  gelernet;  O  by   allen  mynen  (lagen.     We- 

gen des  Reimes  clagen:  dage  vgl.  41.  254.  305.  465  lyet]   C  leyt.  472  b  wol- 

lufft,  u  wol  vtf.  482  auch  im  fehlt  C.  487  Die]  a  b  wie.  489  Min  clugheit] 

a  b  Die  clugheit  min  (a  meyn). 


DEE  JÜNGERE    K'l'l  ENTANZ.  277 

Min  wingart  wiesen  ecker  und  erspartes  gut 
bringent  mich  in  der  hellen  glut. 
Zu  hoife  saiß  ich  gern  oben  an, 
was  mir  umb  sost  wart  ich  gern  nam. 
I(.*.">  Eigen  broit  zu  hain  verdroiß  mich  zu  aller  zvt: 
dar  umb  holt  der  dufel  min  sele  und  lip. 

32. 
Ich  bin  hie  der  bitter  doit: 
vorsprech,  dir  were  nu  noit, 
Mocnstu  einen  vorsprechen  gein  got   gewinnen, 
500  ee  das  du  fürst  mit  mir  von  hinnen. 
Hettestu  dich  mit  gode  bedaicht 
und  unrecht  nit  zu  recht  gemacht, 
Bi  got  mochstu  gnaide  befinden 
und  frolich  scheiden  von  hinnen. 

505  Ach  wie  bin  ich  so  sere  besorget, 

dwile  der  doit  niemants  borget. 

Ich  muß  nu  auch  redde  und  antwort  geben 

von  minem  suntlichen  leben. 

Unrecht  macht  ich  dick  zu  recht, 
510  was  krump  was  das  macht  ich  siecht. 

Warheit  verkaufft  ich  umb  kleineß  gut: 

solichs  mir  nu  den  schaden  dut. 

33. 

Schrieber,  werektages  und  heiligtags  hastu  geschrieben 

und  da  bi  lutzel  guts  gedriben, 
515  Umb  wenig  schlifft  vyl  gelts  genomen: 

das  bringet  gegen  got  nu  wenig  frommen. 

Schrip  ein  Instrument  vor  den  doit: 

kanstu   (lue  das,   is  ist  dir  noit. 

Din  leckeri  got  numme  liden  mag: 
520  kum  fürt,  eß  ist  hie  din  jungester  dag. 

Wannen  kumstu,  unzidier  gas!  ? 
du  hi-i   inline  herzen  ein  swerer  last. 
Ein  tri  leben  liain  ich  biß  her  gefiirt, 
geringe  gewonnen  balde  verdork 
525  Das  hain  ich  allzyl  so  gehalden 
und  gar  dein  gesorgel  den  alden. 


292  bringent]  a  b  brengel  (a  brengt).  602  gemacht]   C  braicht.         .r>'»7  nach 

Rucb]  a  selber,  6   selbst  510  das   fehlt  C.  516   gegen  fehlt  C.      nu]  n  Par, 

fehlt  fj.  518  ist  a  b,  fehlt  0.  519  a  b  nnmmer.  520  a  b  kompt.  626  so  a, 
l,  C  also,  Hier  gilt  rieh  fine  starke  Verderbniaa  kund,  da  der  folgende  Vers  voraus- 
setzt, flaß  in  diesem  die  jungen  Tafje  vorkomme».  Etwa  \  In  jungen  dappn  mich  wol  pc- 
halnVn.  526  a  gesorge, 


27 8  M.  RIEGEE 

Mocht  ich  aber  zyt  gewinnen, 
ich  wolt  min  leben  baß  besinnen. 

34. 

Suster  myn,  kum  nu  mit  mir, 
530  eynen  hübschen  dantz  treden  ich  dir. 
Du  wollt  dick  vyl  dantzen 
vnd  tragen  dar  zu  schone  rantzen, 
Welche  got  an  dir  myszhagen. 
sin  brude  plegen  sie  nit  zu  dragen, 
535  Sunder  mit  dugenden  sich  zu  cleiden 
und  ir  hertz  ym  altzyt  zu  bereiden. 

Ach  wie  gar  byn  ich  betroigen, 
das  ich  myn  beßerunge  hain  verzogen. 
Myn  orden  ducht  mich  zu  hart 
540  vnd  gedaichte  nit  vff  dissc  leste  fart. 

Were  ich  eyn   cloister  iunfrauwe  worden, 
da  man  gotlich  helt  den  orden, 
So  mocht  ich  nu  gnade  erwerben 
und  auch  deß  da  baß  yetzunt  sterben. 

35. 

545  Ir  burgerin  mit  den  hoen  rantzen, 
ir  plegent  hoifieren  und  dantzen. 
Uwer  meide  laißt  ir  uch  naich  gain, 
das  uch  nit  ist  geborn  ain. 
Ir  solt  auch  alle  gemein 

550  uwer  man  liep  hain  allein 

Und  laißen  uwer  lauffen  und  uwer  gain, 
So  mocht  ir  frier  von  sunden  stain. 

Der  werlt  lauff  hait  mich  betrogen, 
naich  gewoinheit  bin  ich  uff  gezogen : 
555  Wie  ander  frauwen  drugen  sich, 
so  hielt  min  lieber  man  auch  mich. 
Doch  hain  ich  sere  gelauffen  uß, 
versumet  kinder  man  und  huß: 


527  tzyt]   C  gnaide.  529  C  b  kumpt,   a  kompt.  532    Über   ranzen    als 

Frauentracht  schweigen  die  Wörterbücher.  In  hessischer  Mundart  wird  Ranzen  auch 
für  Wanst  gebraucht;  war  es  am  Ende  Mode  eine  Vorrichtung  zur  Erhöhung  des 
Bauches  zu  tragen?  Der  Gedanke  ist  nicht  abenteuerlicher  als  die  jetzt  übliche  Erhö- 
hung des  entgegengesetzten  Theiles.  Aber  in  solcher  Bedeutung  würde  ranze  scherlich  in 
der  Mehrzahl  stehen.  533  C  muß  hagen.  534  a  bürde,  536  zu  fehlt  a. 

537  gar  fehlt  a.  539  mich]  o  mir.  546  nach  und]  a  zu,  b  tzu.  547  nach 

ir]  a  b  auch,     gain]   o  gaben  552   a  b   mochtent.     a  fryher,    C  tri   her,    b  fryhe 

her.  555  drugen]  C  druwen.  556  C  also. 


DER  JÜNGERE  TODTENTANZ  270 

Dar  umb  so  fochten  ich  den  doit, 
560  das  er  mich  bringe  in  groiße  noit. 

36. 

Ir  iunfrauwe  in  dem  groißen  swantz, 
ir  gehoreut  auch  an  mynen  dantz. 
Vyl  hoiffart  haint  ir  gedriben: 
beßer  were  eß  in  demutikeit  verüben. 
565  Ir  haint  vff  uwerm  heupt  gedragen 
bogen  mut,  der  nit  stet  zu  sagen, 
kompt  her  naich,  ich  uch  nu  lere 
in  allen  dantzen  die  beste  kere. 

Ich  muß  nu  die  warheit  sagen, 
570  ich  wolt  der  werlt  zu  male  behagen 

Mit  dantzen  vnd  mit  springen 

vnd  auch  mit  süßem  singen. 

Vyl  genugden  hain  ich  beseßen 

vnd  der  geboit  gots  vergeßen. 
575  O  mutter  der  barmhertzikeit, 

hilff  mir,  myn  sunde  sint  mir  leit. 

37. 

Ir  kaufman  sijt  worden  rieh 
und  meinent  in  uwerm  sin  glich, 
Ir  endorfft  uff  niemant  geben 
580  und  wolt  noch  sere  lange  leben. 
Hettent  ir  uch  vor  sunden  gehut, 
das  hulff  uch  me  dan  alle  uwer  gut, 
Und  uch  bereit  zu  sterben, 
so  moieht  ir  nu  gnaid  erwerben. 

585  Ich  hain  gelauffen  durch  borg  und  dail, 

durch  alle  werlt  breit  und  smail 

Gesucht  gewin  wie  ich  mocht, 

min  arme  sele  wenig  bedocht. 

Hette  ich  alles  das  gut  gewonnen, 
590  das  in  der  weit  ist  under  der  sonnen. 

Das  mocht  mir  nu  gehelfen  nit, 

wan  dodes  knüll'  min  hertze  nmb  git. 


559  so  feh/f.  />.  561   groißen]    a    hoen  564    i  D  fehlt  a.     a   geblieben. 

b  blieben.  566  b  Hohe  mudt.  579  uf   eiuen    geben    bedeutet    wohl',    einem 

Credit  geben.  Der  Beichgewordne  braucht  et  flieht  mehr,  weil  er  immer  zahlen  kann  und 
daher  doch  Credit  findet.  Technieeher  Ursprung  •!■  /.  detuart:  etwas,  viel,  nicht*  auf 
etwas  oder  au/  einen  geben.  '    des.  684  nu  fehlt   ('.  588  nach  we- 

nig] b  ich. 


280  0TT0  ArELT 

38. 
Kumpt  her  fürt  von  allem  stait, 
welch  hie  vor  d  isser  dantze  nit  enhait. 

595  Uwer  ist  vyl,  ich  byn  alleyn: 

doch  über  winden  ich  uch  alle  geracyn. 
Uwer  zyt  ist  komen,  ir  must  sterben: 
langer  zijt  mogent  ir  niet  erwerben. 
Sint  ir  gottis  frunde,  das  ist  gut. 

600  ist  des  nit,  so  fart  ir  in  der  hellen  glut. 

Ach  leyder,  wie  iung,  wie  alt  wir  sin, 
wir  mögen  nit  entgain  den  henden  din. 
Got  vber  vns  sich  nu  erbarm: 
wir  sin  rieh  oder  arm, 
605  Wir  mußen  alle  in  das  dantz  huß, 
da  geit  alle  vnser  freude  uß. 
Maria,  aller  Junfrauwen  eyn  krön, 
hilff  das  vns  werde  der  ewige  Ion. 


ÜBER  DEN  ACCUSATLVUS  CUM  INFLNITLVO 
IM  GOTHISCHEN. 


Wenn  bei  keiner  Untersuchung  über  die  Syntax  der  gothischen 
Sprache  die  kritische  Vorfrage  der  Abhängigkeit  vom  griechischen 
( )riginal  umgangen  werden  kann,  so  ist  dieselbe  von  besonderer  und 
entscheidender  Bedeutung  für  die  Beurtheilung  einer  Construction, 
bei  welcher  ein  Zweifel  darüber  durchaus  nicht  ausgeschlossen  ist,  ob 
sie  überhaupt  dem  Gothischen  als  eine  dieser  Sprache  eigenthümliche 
zukomme,  der  Construction  nämlich  des  Accusativus  cum  Infinitivo. 
Bopp  bestreitet  für  eine  bestimmte  Art  von  Fällen  das  Heimatsrecht 
dieser  Construction  im  Gothischen,  während  Grimm,  Loebe  u.  a.,  und 
neuerdings  besonders  Miklosich  an  dem  durchaus  heimischen  Ursprung 
derselben  nicht  zweifeln. 

Für  die  Entscheidung  der  Frage  kommen,  wie  wir  meinen,  haupt- 
sächlich zwei  Punkte  in  Betracht,  nämlich  erstens,  ob  die  der  gothischen 
zunächst  verwandten  Sprachen  das  ursprüngliche  Vorhandensein  der 
Construction  auch  im  Gothischen  wahrscheinlich  machen,  und  zweitens, 
ob    eine   eingehende    Prüfung    der   gothischen    Sprachdenkmäler   selbst 


594  hie  fehlt  a.     enhait]  a  hat.  598  zijt :   ursprilnglich  wohl  zil.  603  sich 

fehlt  a. 


ÜBEB  DEN  Ä.CCUSATIVUS  CUM  INPINITIVO  IM  GOTHISCHEN.        281 

uns  Kriterien  au  die  Hand  gibt,  welche  die  Fremdartigkeit  der  Con- 
struction für  das  Gothische  evident  machen  oder  wenigstens  nöthigen 
anzuerkennen,  daß  die  Construction  in  dem  Umfange,  in  dem  sie  sieh 
in  dem  Übersetzungswerke  findet,  nicht  auch  der  lebenden  Sprache 
eigen  gewesen  sei. 

Was  das  erstere  anlangt,  so  weiß  man  aus  Grimm  Gr.  IV  S.  120  f., 
daß  die  Construction  dem  Altnordischen  ziemlich  geläufig  war,  wie 
sie  noch  dem  heutigen  Schwedisch  keineswegs  fremd  ist,  während  sie 
im  Dänischen  gemieden  wird.  Doch  scheint  auch  im  Altnordischen  der 
Gebrauch  derselben  bei  weitem  kein  so  ausgedehnter  gewesen  zu  sein, 
wie  in  den  classischen  Sprachen;  unter  den  von  Grimm  angeführten 
Beispielen  findet  sich  kein  einziges,  in  dem  die  Construction  von  einer 
impersoncllen  Wendung  abhienge.  In  noch  weit  engeren  Grenzen  be- 
wegt sich  die  Anwendung  der  Construction  im  Angelsächsischen  und 
Altsächsischen.  Im  Angelsächsischen  beschränkt  sie  sich  auf  formel- 
hafte epische  Wendungen  mit  ic  geß'aegn  und  ic  hyrde  als  regierenden 
Verbis.  Belege,  die  übrigens,  wie  man  aus  dem  Wörterbuch  zu  Heynes 
Ausgabe  des  Beovulf  s.  v.  frignan  sieht,  noch  erheblich  vermehrt 
werden  können,  finden  sich  bei  Grimm  IV,  120.  Doch  scheint,  was 
Grimm  entgangen  ist,  auch  vertan  einmal  mit  dieser  Construction  ver- 
bunden worden  zu  sein  Bcöv.  934  ic  aenigra  me  vedna  ne  vende  to 
wdan  feore  lote  gehidan  (ich  hoffte  nicht,  daß  ich  für  irgend  welche 
Leiden  für  ein  weites  Leben  Ersatz  erlebe),  denn  me  kann  hier  doch 
nur  als  Accusativ  gefasst  werden.  Im  Altsächsischen,  für  das  Grimm 
kein  Beispiel  beibringen  konnte,  findet  sich  Heliand  3338  f.  die  Con- 
struetion  nach  wüan  :  thär  he  thena  odagan  man  inna  wissa  an  is 
gestseli  gömä  thiggean  (wo  er  wusste,  daß  der  reiche  Mann  drinnen 
in  Beinem  Saale  speiste).  Auch  nach  hdn'an  findet  sich  Hcl.  3236  ein 
wirklicher  Accusativus  cum  Infinitive,  d.  h.  in  dem  von  Grimm  IV, 
118  bestimmten  Sinn:  tlnm  he  it  gihorid  heli&o  filu  ahton  (wenn  er 
hört,  daß  viele  Männer  darauf  Acht  haben).  In  V.  1548  thär  thu  thi 
eft  frumono  hugis  mir  antfähan  (da  hoffst  du  wieder  mehr  Vortheile 
zu  empfangen)  kann  man  zweifeln,  ob  ein  Accus,  c.  Inf.  nach  hugian 
vorliegt;  da  indeß  thi  im  Monacensis  fehlt  und  im  Cottonianus  der 
Accusativus  gewöhnlich  thik  lautet,  so  hal  man  thi  wohl  als  Dativ  auf 
zufassen;  ebenso  V.  1552.  Diese  Beispiele  ßtehen  im  Altsächsischen 
ganz  vereinzelt  da.  Weit  mehr  eingebürgert  scheinl  dagegen  die  Con- 
Btruction  im  Althochdeutschen  zu  sein,  und  wer  die  stattliche  Reihe 
von  Beispielen  bei  Grimm  IV,  116  f.  flüchtig  durchmustert,  winl  leicht 
geneigt  sein  zu  glauben,  <lali  die  Construction  im  Alul.  ganz  heimisch 


282  OTTO  APELT 

gewesen  sei.  Bei  näherer  Prüfung  und  Sichtung  zeigt  sich  indeß,  daß 
dem  nicht  so  ist.  Die  althochdeutsche  Prosa,  selbst  die  eines  Notker, 
ist  wie  im  Inhalt,  so  in  der  Form  noch  auf  das  Innigste  verwachsen 
mit  dem  Latein ,  'unter  dessen  Banne  sie  in  Bezug  auf  syntactische 
Fügungen  noch  vielfach  steht.  Will  man  in  diesen  Dingen  das  dem 
Althochdeutschen  wirklich  Eigenthümliche  erkennen,  so  muß  man  sich 
doch  wohl  zuerst  an  Otfrid  wenden  und  an  diejenigen  Stücke  in 
Müllenhoffs  und  Scherers  Denkmälern,  die  als  selbständige  Erzeugnisse 
der  althochdeutschen  Litteratur  gelten  müssen;  wenn  sich  in  diesen 
keine  Bestätigung  für  gewisse  bei  Notker,  Tatian  u.  a.  vorkommende 
syntactische  Fügungen  findet,  ist  man  berechtigt,  das  Indigenat  der- 
selben im  Althochdeutschen  in  Zweifel  zu  ziehen.  Nun  findet  sich  aber 
in  den  betreffenden  Stücken  der  Denkmäler  kein  Beleg  für  unsere 
Construction  und  das  ganze  Werk  von  Otfrid  bietet  nur  ein  einziges 
Beispiel  III,  14,  36  ih  irkanta,  ih  sagen  thir,  thia  kraft  Mar  faran 
fona  mir.  Hier  ist  aber  irkennen  offenbar  noch  in  sinnlicher  Bedeutung 
zu  nehmen,  ähnlich  wie  mittelhochdeutsch  kiesen  und  vernemen.  Eine 
von  mir  für  das  Althochdeutsche  und  Mittelhochdeutsche  besonders 
geführte  Untersuchung,  die  gelegentlich  veröffentlicht  werden  soll,  wird 
im  Einzelnen  zeigen,  wie  das  Vorkommen  der  Construction  in  eben 
dem  Maße  sich  mindert,  in  dem  die  Selbständigkeit  der  litterarischen 
Production  zunimmt  und  wie  man  das  Meiden  derselben  geradezu  als 
ein  Kennzeichen  der  Emancipation  des  Deutschen  vom  Lateinischen  an- 
sehen darf.  In  der  Übergangszeit  des  Althochdeutschen  zum  Mittel- 
hochdeutschen wird  man,  die  Übersetzungen  nicht  ausgenommen,  äußerst 
wenige  Beispiele  antreffen ;  besonders  lehrreich  in  dieser  Beziehung  ist 
die  sprachlich  wichtige  Übersetzung  einzelner  Abschnitte  des  tractatus 
Notperti  de  virtutibus  in  Graffs  Diutisca  I  S.  281 — 291;  obwohl  hier 
die  nebenstehende  lateinische  Quelle  an  zahlreichen  Stellen  zur  An- 
wendung der  Construction  einlud,  ist  ihr  der  Übersetzer  doch  allent- 
halben sorgsam  aus  dem  Wege  gegangen.  Dem  entsprechend  finden 
wir  denn  die  Fügung  aus  der  Sprache  der  classischen  mittelhochdeutschen 
Dichter  so  gut  wie  verbannt,  während  allerdings  in  einigen  Werken 
untergeordneter  und  zum  Theil  späterer  Dichter  ein  gewisses  Hinneigen 
zu  derselben  bemerklich  ist,  das  indeß  auf  ganz  bestimmte  Einflüsse 
zurückzuführen  sein  dürfte. 

Diesen  Erscheinungen  gegenüber  muß  der  ausgedehnte  Gebrauch, 
den  das  Gothische  vom  Acc.  c.  Inf.  macht,  und  von  dessen  Umfang 
die  Belege  bei  Grimm  und  v.  d.  Gabelentz  und  Loebe  nur  ein  unvoll- 
ständiges Bild  geben,  äußerst  auffällig  erscheinen,  und  selbst  derjenige, 


ÜBEE  DEN  ACCUSATIVUS  CUM  1NTIN1TIVO  IM  GOTHISCHEN.        283 

der  nicht  zweifelt,  daß  die  Construction  dem  Gothischen  so  zu  sagen 
angeboren,  nicht  dem  Griechischen  abgeborgt  sei,  wird  erstaunt  sein, 
dieselbe  sogar  nach  Conjunctionen  wie  svasve  und  svaei,  nach  unper- 
sönlichen Ausdrücken  wie  azetizo  ist,  gadob  ist,  sogar  bei  dem  Artikel 
fxitd  (2  Cor.  7,  11)  anzutreffen.  Die  Vergleichung  mit  anderen  Stellen, 
in  denen  die  genannten  Ausdrücke  andere  Constructionen  nach  sich 
haben,  muß  hier  sofort  zu  gegründeten  Zweifeln  Anlaß  geben.  Denn 
darüber  ist  man  jetzt  einverstanden,  daß  kaum  jemals  ein  Übersetzer 
treuer,  um  nicht  zu  sagen  ängstlicher  in  Wiedergabe  seines  Originals 
verfahren  ist,  als  der  Gothe.  Nun  finden  sich  in  der  weit  überwiegenden 
Mehrzahl  der  Fälle  die  angeführten  Conjunctionen  svasve  und  svaei 
trotz  griechischen  Acc.  c.  Inf.  nach  ioote  mit  dem  Verbum  finitum  ver- 
bunden. Gestattete  es  dem  Gothen  seine  Sprache,  dem  Griechischen 
treu  zu  bleiben,  warum  wich  er  dann  mit  Aufopferung  der  sonst  für 
seine  Übersetzung  maßgebenden  Grundsätze  ohne  Noth  von  dem  Ori- 
ginal ab?  Sind  wir  nicht  vielmehr  umgekehrt  nicht  nur  berechtigt, 
sondern  genöthigt  anzunehmen,  daß  in  den  ersteren  Fällen  der  Gothe 
seiner  Sprache,  wie  öfters  nachweislich  geschehen,  der  Treue  der  Über- 
setzung zu  Liebe  etwas  Gewalt  anthat,  während  er  in  den  letzteren 
der  Eigenthümlichkeit  derselben  Rechnung  trug?  Wir  werden  also, 
wenn  wir  ein  Urtheil  über  die  Bedeutung  der  Construction  für  das 
Gothische  gewinnen  wollen,  zunächst  zu  fragen  haben,  ob  sich  in  den 
gothischen  Sprachdenkmälern  Beispiele  eines  vom  Griechischen  unab- 
hängigen Gebrauchs  des  Acc.  c.  Inf.  finden,  und  wenn  dieß  der  Fall, 
ob  sie  hinreichen,  den  Gebrauch  des  Acc.  c.  Inf.  im  Gothischen  in 
seinem  ganzen  Umfange  als  wirklich  der  Sprache  eigenthümlich  zu 
erweisen. 

Nun  gibt  es  allerdings  eine,  wenn  auch  nur  geringe  Anzahl  von 
Fällen,  in  denen  der  Acc.  c.  Inf.  im  Gothischen  unabhängig  von  dem 
griechischen  Original  gesetzt  zu  sein  scheint.  Doch  drängt  sich  sofort 
die  Frage  auf,  ob  das  Gothische  denn  in  der  That  ganz  selbständig 
verfahre  oder  ob  nicht  entweder  eine,  wenn  auch  für  uns  wegen  der 
nicht  absoluten  Vollständigkeit  des  griechischen  Handschriftenmaterials 
nicht  mehr  erkennbare  Abhängigkeit  vom  Griechischen  anzunehmen, 
oder  der  Grund  vielleicht  in  dem  Einfluß  der  lateinischen  Übersetzungen 
zu  suehen  sei.  Für  das  erstere  mache  ich  aufmerksam  auf  Job.  7,  4, 
wo  das  Gothische  bietet:  sokeip  sik  uskunpana  visan,  während  der 
gewöhnliche  griechisehe  Text  nach  den  meisten  Handschriften  hat: 
trfiü  avroc  ev  nctQ^toiu  eivcci.  Wer  bei  Grimm  IV,  115  und  v.  d.  Gabe- 
lentz   und   Loebe  Gramm,  p.  249   das   Griechische   in    dieser   Passung 


284  OTTO  APELT 

neben  dem  Gothisehen  sieht,  wird  darin  einen  Beleg  für  die  Selbständig- 
keit der  Construction  im  Gothisehen  erblicken ;  doch  die  Handschrift  E 
hat  für  avtog  avvov,  unentschieden  ob  airov  oder  avzov,  und  daraus  wird 
sich  die  gothische  Fassung  erklären.  Denn  daß  der  Gothe  nicht  nöthig 
hatte,  den  Subjectsaccusativ  zu  setzen,  geht  daraus  hervor,  daß  er  sonst 
überall  bei  sokjan  sich  mit  dem  bloßen  Infinitiv  begnügt,  cf.  Mrc.  12,  12. 
Luc.  9,  9  u.  ö.  Was  aber  das  zweite,  den  Einfluß  des  Lateinischen  an- 
langt, so  unterliegt  es  nach  den  Anmerkungen  bei  v.  d.  Gabelentz  und 
Loebe  und  namentlich  nach  den  eingehenden  und  gründlichen  Unter- 
suchungen von  Bernhardt  (Kritische   Untersuchungen  über   die  gothi- 
sche Bibelübersetzung  Meiningen   1864   und   Elberfeld    1868)    keinem 
Zweifel,    daß    auf   die  Gestaltung   unseres  jetzigen    gothisehen   Bibel- 
textes die  in  Italien  verglichenen  lateinischen  Übersetzungen  vielfach 
eingewirkt  haben,  indem  sie  die  gothisehen  Schreiber  zu  Änderungen 
und  namentlich   zu  Nachträgen   veranlassten.    Man   braucht    nur  ein- 
zelne Abschnitte  zu  vergleichen,  um   die  oft  überraschende  und   den 
Zufall  ausschließende  Übereinstimmung  in  Wortstellung,  Satzbau,  Aus- 
druck  zwischen   dem   Gothisehen  und  Lateinischen   zu  erkennen.    In 
dieser   Beziehung   sind  die  Angaben  von  v.  d.  Gabelentz   und  Loebe 
sowie  von  Maßmann  noch  weit  von  Vollständigkeit  entfernt,  auf  die  man 
wohl  erst  in  der  zu   erwartenden  Ausgabe  von  Bernhardt   zu  rechnen 
hat*).  Für  unsere  Untersuchung  ist  namentlich  die  Thatsache  wichtig, 
daß  die  gothisehen  Schreiber  bestrebt  waren,  ihren  Text  zu  bereichern 
und  zu  vervollständigen,  so  daß  derselbe  gegen  das  Griechische  sehr 
häufig  ein  Plus,  nur  selten   ein  Minus   zeigt.    Man  wird  in  Bezug  auf 
die  hier  zu  besprechenden  Fälle  zugeben,  daß  die  Annahme  einer  Be- 
einflußung durch  lateinische  Quellen  für  den  Fall  erheblich  an  Wahr- 
scheinlichkeit gewinnt,  wenn  erstens  alle  hierher  gehörigen  Stellen  sich 
dadurch   erklären   lassen   und  wenn    zweitens  unter  ihnen  auch  solche 
Beispiele  gemeinsamer  Abweichung   des   Gothisehen  und  Lateinischen 


*)  Aus  der  großen  Zahl  von  Belegen,  die  ich  ans  der  Vergleichung  der  Orinther- 
briefe  gewonnen  habe,  hebe  ich  als  ein  Beispiel  dafür,  wie  manches  anscheinend 
Überflüßige  und  Anstößige  durch  die  Herbeiziehung  des  Lateinischen  seine  Erklärung 
findet,  hervor  2  Cor.  8,  1  jah  ana  pizai  ws  izvis  in  uns  friapvai;  befremdend  ist  hier, 
wie  v.  d.  Gabelentz  und  Loebe  im  Wörterbuch  S.  13  bemerken,  das  ana,  zu  dem  sich 
im  Griechischen  nichts  Entsprechendes  findet  und  für  das  man  nach  dem  Vorher- 
gehenden höchstens  ein  in  erwartet,  womit  es  auch  von  den  Herausgebern  erklärt 
wird.  Wirft  man  einen  Blick  auf  die  lateinischen  Übersetzungen,  die  fast  alle  et  in- 
super  vestra  in  nos  rarüate  haben,  so  scheint  es  klar,  daß  ana  hier  in  adverbieller 
Bedeutung  das  lateinische  insuper  wiedergibt.  Auch  Mrc.  8,  23  und  11,  7  findet  sich 
ana  adverbiell  gebraucht. 


ÜBER  DEN  ACCUSATIVUS  CUM  INFIN1TIVO  IM  GOTHISCIIEN.        285 

vom  Griechischen  nicht  fehlen,  in  denen  der  lateinische  Übersetzer 
durch  die  Gesetze  seiner  Sprache  zum  Abgehen  vom  griechischen 
Original  nicht  geuöthigt  war. 

Von  keiner  Bedeutung  für  die  erörterte  Frage  und  nur  der  Voll- 
ständigkeit wegen  aufzuzählen  sind  zunächst  diejenigen  Fälle,  in  denen 
gothisch  taujan  oder  vaurkjan  ohne  das  Vorbild  des  Griechischen  mit 
dem  Accusativ  und  Infinitiv  verbunden  stehen.  Denn  diese  der  deut- 
scheu Sprache  in  allen  ihren  Verzweigungen  eigenthümlichen  Fügungen 
sieht  Grimm  mit  Recht  nicht  für  eigentliche  Acc.  c.  Inf.  an,  da  hier 
der  Accusativ  unmittelbar  mit  dem  regierenden  Verbum  zu  verbinden 
ist.  Es  hat  deßhalb  auch  keinen  Werth,  die  lateinischen  Übersetzungen 
anzuführeu.  Luc.  9,  15  gatav  idedun  anakumbjan  aUans  avixXivccv  anavtuc,. 
Anders  im  vorhergehenden  Vers:  gavaurkeip  im  anakumbjan  kubituns 
/xiiu/lircat  avrovQ  xXtoiag,  den  ich  nur  so  erklären  kann:  'Bereitet 
ihnen,  um  sich  niederzulegen,  Lager.  Joh.  5,  21  sunus,  Jtanzei  vili,  liban 
gataujip  Ccoortoisi.  Ebenso  Joh.  6,  63.  2  Cor.  9,  10  vdhsjan  gataujai 
av^rjaei.  1  Thess  3,  12  frauja  izvis  ganohnan  gataujai  v/uäg  o  y.voiog 
itoioottoai.  Mrc.  3,  14  mit  du:  gavaurhta  tvalif  du  visan  mip  sis  eitoiitoe 
di' dexa  ha  iooi  ;ai'  airvov.  Ähnlich  verhält  es  sich  mit  saihvan,  wo  der 
Infinitiv  im  Gothischen,  wie  im  Deutschen  überhaupt,  genau  dem  grie- 
chischen Particip  entspricht,  der  Accusativ  aber  mit  dem  regierenden 
Verbum  zu  verbinden  ist.  So  heißt  es  Joh.  G,  G2  jabai  nu  gasaihvip 
sunu  um ns  ussteigan  iav  ovv  ^eioQ^ie  iov  vlbv  cov  avÖQioiiov  avaßai- 
vovra.  Mrc.  13,29  pari  gasaihvip  pata  vairpan  brav  tavva  i'dtjTe  ye- 
löatva. 

Es  folgen  nun  einige  Beispiele  des  Acc.  c.  Inf.  nach  rahnjan. 
Phil.  2,  6  ni  vulva  rahnida  vis  an  sik  gaUiko  gupa  ovx  aqnay^iov  ryyr)- 
oaio  ii)  elvai  loa  tttiij.  Die  versio  antiqua  bei  Sabatier  und  die  Vulgata 
haben  übereinstimmend  mit  dem  Gothischen:  esse  se  aequalem  Deu, 
obwohl  hier  das  Lateinische  auch  ohne  se  ausgekommen  wäre.  Phil. 
3,  7  putii/i  rahnida  in  Kristaus  sleipa  visau  taiict  rtfr/fiai  öia  tov 
Xqiaxm  -inner  (ohne  elvai).  Ambrosius  und  Augustin  haben  hier  esse. 
Doch  wir  brauchen  hier  nicht  auf  das  Lateinische  zurückzugehen; 
denn  die  Vermuthung  liegt  sehr  nahe,  daß  risnn  aus  dem  unmittelbar 
folgenden  Vers,  w<>  es  in  <lu-  nämlichen  Verbindung  sleipa  visan  steht, 
in  diesen  Vers  eingedrungen  ist,  ähnlich  wie  sich  /..  B.  2  Cor.  10,  16 
fiiim  arbaidim  au^  <hin   vorhergehenden   Verse  eingeschlichen  hat. 

Sodann   einige    Fälle   des  Acc.    c.  Inf.    nach   venjan.  1   Cor.   IG,  7 
nitfi-    niijn    in  i 7.    ///•<;    hveilo    saljan  <ü    izvis.    ikrtiCpi  yag  xqovov    ziva 
iiaüvui  nun-  uftag     Daß  an  sich  für  den  Gothen  kein  Grund  vorlag 


286  OTTO  APELT 

von    dem   Griechischen    abzuweichen,    zeigen   Stellen   wie   Luc.  6,  34. 

1  Tim.  3,  14,  wo  venjan  mit  bloßem  Infinitiv  verbunden  steht.  Wahr- 
scheinlich ist  das  Latein  von  Einfluß  gewesen.  Vulg.:  spero  enim  me 
aliquantulum  lemporis  manere  apud  vos  und  ähnlich  Augustin,  während 
die  Versio   antiqua   hier   allerdings   bloß    sperans  venire  ad  te  cito  hat. 

2  Cor.  5,  11  venja  svikunpans  visan  uns,  elrcltio  —  yreqccveQiooticu 
(ohne  rif.iag) ,  während  die  lateinischen  Übersetzungen  hier  selbstver- 
ständlich nos  haben:  spero  manifestos  nos  esse.  Wenn  Loebe  richtig 
sagt  quasi  antea  venjarri  scriptum  esset :  post  venja  expectandum  erat  svi- 
kunpana  —  mik,   so   spricht   das  um  so  mehr  für  Einfluß  des  Latein. 

Ferner  tritt  einige  Male  selbständig  der  Acc.  c.  Inf.  nach  munau 
auf.  2  Cor.  11,  5  man  auk  ni  vaihtai  mik  minnizo  gataujan  paim  ufar 
mikil  visandam  apaustaulum  Xoyitpfxcu  yao' /tirjösv  vöT£Qrjy.lvai  tüv  vnsoXiav 
anooxolbiv.  Die  lateinischen  Übersetzungen  entsprechen  genau  dem 
Gothischen.  Die  Versio  antiqua  bei  Sabatier:  existimo  autem  me  nihil 
minus  fecisse;  ganz  ähnlich  die  Vulgata.  Phil.  1,  17  munandans  sik 
aglons  urraisjan  bandjom  meinaim  oio/iisvoi  $Ki\piv  iyeiosiv  xo~ig  öeaf.iöig 
/liov;  Vulgata  und  Augustin  haben  se. 

Auch  gatrauan  hat  einmal  den  Acc.  c.  Inf.  nach  sich,  ohne  daß 
das  Griechische  eine  Veranlassung  dazu  zeigt.  2  Cor.  10,  7  jabai  hvas 
gatrauaip  sik  silban  Kristaus  visan  ei  xig  itinoiS-sv  eavzw  Xqiotov 
uvai.  Die  Versio  antiqua  hat  hier:  Si  quis  conßdit  se  Christi  servum 
esse;  am  genauesten  stimmt,  wie  öfters  in  den  Episteln,  zu  dem  Gothi- 
schen Ambrosiaster:  si  quis  conßdit  se  esse  Christi,  wie  denn  fast  alle 
Citate  bei  Sabatier  se  haben. 

Ob  in  Mrc.  15,  9  vileidu  fraleitan  izvis  pana  piudan  Judaie  deXete 
cxnokvou)  vfxiv  tov  ßaoiXm  xwv  lovöaitov  fraleitan,  wie  Loebe  will, 
passivisch  zu  fassen  ist,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden.  Unmöglich  ist 
es  nicht,  es  auch  activisch  zu  erklären.  Doch  vielleicht  ist  mit  Zahn 
zu  schreiben  fraleitau,  dem  arcolvoio  entsprechend. 

Es  bleibt  noch  übrig,  einen  Nominativus  cum  Infinitivo  zu  er- 
wähnen. Rom.  7,  10  bigitana  varp  mis  anabusns,  sei  vas  du  libainei, 
visan  du  daupau  xat  evoi&rj  fxoi  y  evioXr]  tj  slg  tiorjv,  avrrj  elg  Sctvaiov. 
Die  lateinischen  Übersetzungen  haben  hier  alle  übereinstimmend  Acc 
esse  ad  mortem.  Zu  vergleichen  ist  Luc.  17,  18,  wo  es  in  Einklang 
mit  dem  Griechischen  heißt:  ni  bigitanai  vaurpun  gavandjandans  giban 
vulpu  gupa  ov%  evos&tjGctv  vnoOTQEipavTeg  dovvcu  do^av  tio  &eio.  Die 
beiden  Stellen  könnten  als  Belege  bei  Grimm  IV,  123  dienen. 

Während  in  den  besprochenen  Stellen,  in  denen  das  regierende 
Verbum  durchweg  persönlich  war,    die  Möglichkeit    einer  Einwirkung 


ÜBER  DEN  ACCUSAT1VUS  CUM  INFINITIVO   IM  GOTIIISCIIEN.        287 

des  Lateinischen  wenigstens  nicht  ausgeschlossen  ist,  bietet  sich  in 
Luc.  4,  36  jah  varp  afslaupnan  allans  xai  eytveio  9-df.ißog  Ini  jiavvag, 
abweichend  ebensowohl  vom  Griechischen  wie  vom  Lateinischen  die 
merkwürdige  Erscheinung  eines  Acc.  c.  Inf.,  der  abhängig  ist  von  dem 
unpersönlichen  varp.  Dieß  muß  um  so  mehr  auffallen,  als  sonst  immer 
nach  varp  entweder  in  Übereinstimmung  mit  dem  Griechischen  bald 
mit  jah  bald  mit  asyndetischer  Fügung  fortgefahren  wird,  oder  eine 
Construction  eintritt,  die  man  mit  dem  Namen  des  Dativus  cum  Infinitivo 
belegt  und  mit  gewissen  Erscheinungen  des  Altslovenischen  auf  eine 
Stufe  gestellt  hat.  Man  fragt  unwillkührlich,  warum  der  Übersetzer  hier 
das  der  gothischen  Sprache  Geläufige  einer  fremdartigen  oder  wenig- 
stens völlig  vereinzelt  dastehenden  Construction  aufopferte ;  man  würde 
es  noch  allenfalls  begreiflich  finden,  wenn  das  Griechische  mit  dem 
Vorbild  des  Acc.  c.  Inf.  vorangegangen  wäre,  wie  derselbe  sich  überall 
im  Griechischen  da  findet,  wo  im  Gothischen  der  sogenannte  Dativus 
cum  Infinitivo  auftritt.  Ich  werde  weiter  unten  zeigen,  wie  wenig  wahr- 
scheinlich es  überhaupt  ist,  daß  im  Gothischen  eine  spontane  Setzung 
des  Acc.  c.  Inf.  nach  unpersönlichen  Ausdrücken  stattgefunden  habe. 
Auch  Bopp,  der  sehr  treffend  über  die  Erscheinungen  des  Acc.  c.  Inf. 
im  Gothischen  urtheilt,  kann  nicht  glauben,  daß  der  Gothe  nach  varp 
einen  wirklichen  Acc.  c.  Inf.  gesetzt  habe.  Er  fasst  deßhalb  hier  varp 
als  ein  Verb  um  der  Bewegung,  von  dem  allans  als  Accusativ  regiert 
wird:  es  kam  Entsetzen  (über)  alle,  oder  Entsetzen  überfiel  alle.  Da 
indeß  diese  Erklärung  durch  Analogien  nicht  gestützt  wird,  so  bin  ich 
eher  geneigt  zu  glauben,  daß  hier  ein  Fehler  in  der  Überlieferung 
vorliegt.  Fasst  man  afslaupnan  substantivisch,  wie  es  Bopp  und  v.  d. 
Gabelentz  und  Loebe  im  Wörterbuch  S.  164  thun,  so  fehlt  nichts  als 
ein  dem  int  entsprechendes  ana,  um  das  Gothische  mit  dem  Griechi- 
schen völlig  in  Einklang  zu  bringen.  Wie  leicht  aber  ein  solches  ana 
zwischen  afslaupnan  allans  ausfallen  konnte,  ist  auf  den  ersten  Blick 
klar,  und  auch  sonst  fehlt  es  nicht  an  ganz  analogen  Fehlern  der 
Überlieferung  in  dem  gothischen  Übersetzungswerke.  So  hat  1  Cor.  5,  10 
die  Handschrift  pan  ue,  während  wahrscheinlich,  wie  die  neueren  Aus- 
gaben alle  haben,  pcmm  US  zu  lesen  ist;  und  ebenso  ist  ein  Wort, 
das  sich  aus  dem  Endbuchstaben  des  ersten  und  Anfangsbuchstaben 
des  folgenden  Wortes  zusammensetzt,  ausgefallen  1  Cor.  13,  12,  wo 
es  für  daüai  jmii  beißen  muß  <luil<ii  //»  j><in.  In  ähnlicher  Weise  ist 
2  Cor.  7,  13  nach  appam  ana  ausgefallen. 

Hieran  nag  sieb   eine  Besprechung  derjenigen  Stellen  schließen, 
in    denen    oarp    verbunden    ist  mit    dem  Dativ    der  Person   und  dem 


288  OTTO  APELT 

Infinitiv,  eine  Fügung,  die  nach  dem  Vorgange  Grirnms  Miklosich  in 
seiner  Abhandlung  über  den  Acc.  c.  Inf.  Wien  1869  auf  Grund  sehr 
zahlreicher  ähnlicher  Erscheinungen  im  Altslovenischen;  wie  schon  ange- 
deutet, für  reinen  Dativus  cum  Infinitivo  erklärt,  worin  er  die  Beistiramung 
Jollys  (Geschichte  des  Infinitivs  im  Indogermanischen  S.  267)  gefunden 
hat.  Gäbe  es  innerhalb  der  gothischen  Sprache  Fälle  einer  solchen 
Construction  auch  nach  andern  Verbis  als  varp,  so  würde  ich  kein 
Bedenken  tragen,  der  Ansicht  Miklosichs  beizustimmen.  Aber  sie  be- 
schränkt sich  eben  auf  das  einzige  varp.  Die  in  Betracht  kommenden 
Stellen  sind  folgende:  Mrc.  2,  23  jah  varp  pairhgaggan  imma  pairh 
atisk  yal  eyevexo  rtUQanooeveo&ai  avxbv  öia  xcov  OTiooifuiov.  Luc,  6,  1 
jah  varp  gaggan  imma  pairh  atisk  xai  eyevexo  diarfooeveo&ai  avxbv 
öia  xiov  otioqi^iüv.  Luc.  6,  6  jah  varp  galeipan  imma  in  synagogein 
jah  laisjan  eyevexo  de  eloel&elv  avxbv  elg  xi]v  owayioytiv  y.al  didüoxeiv. 
Luc.  16,  22  varp  pan  gasviltan  pamma  unledin  jah  hriggan  fram 
aggilum  in  harma  Ahrahamis  eyevexo  de  artoSavelv  xbv  Ttxwyjbv  yal  ane- 
rtX&rjvai  avxbv  vnb  xcüv  ayyeltov  elg  xbv  yoknov  ^4ßoaaf.i,  2  Cor.  7,  7 
svaei  mis  mais  faginon  varp  aiaxe [(£  /nällov  xaQtjvat.  Erweckt  schon 
der  Umstand,  daß  die  fragliche  Construction  sich  nur  an  das  eine 
Verbum  varp  angelegt  haben  soll,  einige  Bedenken  gegen  die  Zulässig- 
keit  der  Annahme  derselben  im  Gothischen,  so  verliert  dieselbe  durch 
folgende  Bemerkung  noch  mehr  an  Wahrscheinlichkeit.  Abgesehen  von 
dem  oben  besprochenen  Fall  Luc.  4,  36  folgt  der  Gothe  dem  Griechi- 
schen mit  geringen  Abweichungen  in  den  Verbindungen  von  eyevexo 
z.  B.  Mtth.  7,  28  jah  varp,  pan  ustauh  Jesus  po  vaurda  yal  eyevexo  oxe 
owexeleoev  b  Irjaovg  xovg  Xbyovg  xovxovg.  Mrc.  1,  9  jah  varp  in  jainaim 
äagam,  qam  Jesus  xou  eyevexo  ev  exelvatg  xoug  r^ieqaig,  rjX&ev  'itjGovg. 
Luc.  17,  11  jah  varp  jah  is  pairhiddja  yal  eyevexo  y.al  avxbg  dttjQxexo 
u.  s.  w.,  überall  aber,  wo  das  Griechische  Acc.  c.  Inf.  aufweist,  setzt 
der  Gothe  seine  Dativconstruction ;  nur  eine  einzige  Stelle  habe  ich 
finden  können,  wo  trotz  griechischen  Acc.  c.  Inf.  im  Gothischen  nicht 
der  Dativ  und  Infinitiv  erscheint,  nämlich  Luc.  3,  21  varp  ]>an  tislok- 
noda  himins  eyevexo  dvecpx&rjvai  xbv  ovqavbv.  Wäre  die  Construction 
eines  Dativus  cum  Infinitivo,  auch  bloß  nach  varp,  dem  Gothen  irgend 
geläufig  gewesen,  so  hätte  er  sie  wohl  auch  hier  eintreten  lassen;  aber 
hier  bot  das  Griechische  keinen  persönlichen  Subjectsaccusativ  und 
deßhalb  unterblieb  die  sonst  eintretende  Fügung.  Oder  wäre  es  Zufall, 
daß  ihr  der  Gothe  gerade  hier  aus  dem  Wege  gieng  ?  Es  scheint  vielmehr 
daß  der  Gothe  die  Dativconstruction  nur  da  wählte,  wo  er  im  Grie- 
chischen einen  persönlichen  Subjectsaccusativ  vorfand,  der  es  ihm  ge- 


&BEE  DEN  ACCÜSATIV1  S  Cl  u   [NPINITIVO  IM   GOTHISCHEN.       289 

stattete  mit  einer  nur  geringen  Modifikation  des  Gedankens  seinen 
Dativ  unmittelbar  mit  varp  zu  verbinden.  Bei  anderem  als  persönlichem 
Subjectsaccusativ  konnte  er  das  nicht;  denn  jeder  fühlt,  wie  gezwungen 
einerseits  in  diesem  Falle  die  Fügung  sein  würde  und  wie  sehr  sie 
andrerseits  gegen  den  Sinn  des  Griechischen  streiten  würde.  Ich  sehe 
daher  keinen  zwingenden  Grund,  zu  einer  durch  keine  Analogien  inner- 
halb der  deutschen  Sprachen  gestützten  Hypothese  die  Zuflucht  zu 
nehmen  und  halte  die  von  v.  d.  Gabelentz  und  Loebe  Grammatik 
-52,  6  gegebene  Erklärung,  wonach  der  Dativ  unmittelbar  zum 
Verbuni  gehört,  für  ausreichend.  Nur  darf  man  nicht  übersetzen:  Ein 
Wandeln  durch  die  Saat  ward  ihm  zu  Theil,  sondern:  Ein  Wandeln 
durch  die  Saat  ereignete,  fügte  sich  für  ihn.  Die  beste  Analogie  hierzu 
jich  in  mhd.  geschehen  mit  Infinitiv  und  Dativ  und. Grimm  selbst 
macht  IV.  109  auf  die  nahe  Verwandtschaft  dieser  Fügungen  mit  den 
eben  besprochenen  aufmerksam.  Allerdings  erscheint  im  Mittelhoch- 
deutschen in  Wendungen  wie  nach  der  ze  riten  im  geschach,  ir  zu  sterben 
iilht  geschieh,  das.  lidenne  geschiht,  sit  uns  ze  sitzen  hie  geschach, 

der  Infinitiv  meist  in  Begleitung  von  ze,  doch  findet  sich  auch  der 
bloße  Infinitiv  Nib.  1145, 4  so  ist  in  aJ/reste  von  schulden  sorgen  ge- 
schehen. Wenn  aber  Grimm  in  der  Stellung  der  Worte  im  Gothischen 
eine  Nöthigung  linden  will,  die  Zugehörigkeit  des  Dativs  zu  varji  zu 
verwerfen,  so  ist  dem  entgegenzuhalten,  daß  der  Gothe  sich  hier,  wie 
:,  in  der  Wortstellung  möglichst  eng  an  sein  Original  anschloß. 
Indem  wir  zum  Acc.  e.  Inf.  zurückkehren,  wenden  wir  uns  zu 
den  zahlreichen  Fällen,  in  denen  das  Gothische  mit  dem  Griechischen 
in  der  Construction  übereinstimmt.  Wenige  werden  so  weit  gehen,  alle 
die  Anwendungen,  die  sieh  entsprechend  dem  Griechischen  vom  Acc. 
c.  Inf.  im  Gothischen  finden,  als  dem  Gothischen  geläufige  zu  betrachten. 
!.-  i ■.•_■•  h  nur,  ob  sich  ein  Kriterium  gewinnen  lässt,  durch  welches 
eine  Sichtung  möglich  wird.  Und  da  meine  ich,  daß  ein  solches 
Kriterium  füglich  sich  darbietel  in  der  Vergleichung  mit  solchen  Fällen, 
in  denen  bei  gleichem  regierenden  Verbum  oder  Ausdruck  das  Gothische 
den  griechischen  Acc.  c.  Inf.  durch  andere  Constructionen  ersetzt  hat. 
Denn  bei  der  großen  Gewissenhaftigkeit  der  gothischen  Übersetzer  ist 
ea  kaum  denkbar,  daß  dieselben  ohne  Noth,  d.  h.  ohne  durch  die  Ge- 
setz'- ihrer  Sprache  gi  n  zu  werden,  dem  Griechischen  untreu 
wurden;  wohl  aber  hat  man  Grund  anzunehmen,  daß  der  Trieb  nach 
Genauigkeit  zuweilen  lebhafter  und  stärker  war  als  derjenige,  die 
Eigentümlichkeit  der  gothischen  Sprache  überall  zu  wahren.  Wir 
stell. -n  also  die  einfache   Regel    auf,    daß    diej<  nigen   Fälle  des  Acc 

QEBlIANIi  I'1 


290  OTTO  APELT 

Tnf.  im  Gothischen  nicht  als  dieser  Sprache  eigentümliche  anzusehen 
sind,  für  die  sich  an  anderen  Stellen,  wo  das  Griechische  ebenfalls 
mit  dem  Vorbild  des  Acc.  c.  Inf.  vorangieng,  andere  Constructionen 
als  die  bezeichnete  finden. 

Hierher  gehören  vor  allem  die  schon  oben  kurz  erwähnten  Con- 
junctionen  svasve  und  svaei,  die  beide  zuweilen  mit  Acc.  c.  Inf.  ver- 
bunden auftreten,  ungleich  häufiger  aber  trotz  griechischen  Acc.  c.  Inf. 
das  Verbum  finitum  nach  sich  haben.  Die  Fälle  der  ersteren  Art  sind 
für  svaei:  2  Cor.  2,  7  svaei  pata  andaneipo  izvis  mais  fragiban  jah 
gaplaikan  üIgte  vovvavTiov  f.iaXXov  v/jäg  xaQtaaa&ai  v.cu  nagazalsaai, 
und  wahrscheinlich  2  Thess.  2,  4  svaei  ina  in  gups  alh  sitan  toGve 
ctvxbv  eig  %hv  vaiv  rov  &eov  -/.aOiaai,  obwohl  die  Lesung  sehr  unsicher 
ist.  Für  svasve:  Mtth.  8,  24  svasve  pata  skip  gahulip  vairpan 
loore  zb  nkoLOV  y.ahv7TT£G9cu.  Mrc.  4,  1  svasve  ina  galezpandan  in  skip 
gasitan  woze  cwtov  eiißcivra  eig  to  ttXoiov  xadijo&ca  und  wahrscheinlich 
Phil.  1,  14,  wo  nach  dem  Griechischen  zu  urtheilen  ein  svasve  oder  svaei 
voraufgegangen  sein  muß.  Auch  ist  zu  vergleichen  Luc.  9,  52  galipun 
in  haim  Samareite ,  sve  manvjan  imma  coGve  eznifiaoca  cwtot.  Dagegen 
svaei  mit  Verbum  finitum  gegenüber  griechischem  Acc.  c.  Inf.:  Rom. 
7,  6.  Mrc.  1,  27.  2  Cor.  3,  7.  7,  7.  8,  6.  2  Thess.  1,  4.  Skeir.  III.  d.  Und 
svasve:  Mtth.  8,  28.  27,  14.  Mrc.  1,  45.  2,  12.  3,  10.  3,  20.  4,  32.  37. 
9,  26.  15,  5.  1  Cor.  13,  2.  2  Cor.  1,  8.  sve:  Luc.  5,  7.  Ebenso  gut  wie 
svasve  ist  vielleicht  gelegentlich  auch  einmal  faurpize  entsprechend 
griechischem  ttqiv  mit  Acc.  c.  Inf.  verbunden  worden,  nur  daß  sich  kein 
Fall  erhalten  hat. 

Sodann  sind  wahrscheinlich  als  nicht  echt  gothisch  anzuerkennen 
diejenigen  Fälle,  in  denen  von  Ausdrücken  wie  gop  ist,  azetizo  ist,  gadob 
ist  u.  dgl.  ein  Acc.  c.  Inf.  abhängt.  Denn  die  Stellen  Mrc,  10,  24  hvaiva 
(igln  ist  paim  hitgjandam  afarfaihau  in  piudangardja  gujis  galeipan 
Ttoig  ()vGY.oh')v  £gti,  vovg  nenot Oorag  enl  zol^  yoriiaGiv  eig  ttjv  ßaoiXslav 
iov  Üfji?  elgeX&elv,  Mrc.  10,  25  azetizo  ist  ulb andern  pairh  pairko  neplos 
galeipan,  pan  gabigamma  in  piudangardja  gups  galeipan  svkotciotsqov 
iou,  /.auilor  —  öiüJiür  rj  /..  /.  h,  ähnlich  Luc.  18,  25,  ferner  Mrc.  9,43 
gop  Jtns  ist  h  amfamma  in  libain  galeipan,  pau  etc.  ymIov  ooi  Igti 
yj'/j.i.y  eig  1 1]>  tcorjv  eloeÄdeiv ,  zeigen  zur  Genüge,  daß  die  gothische 
Sprache  der  Anwendung  des  Acc.  c.  Inf.  nach  diesen  Ausdrücken 
widerstrebte.  Und  noch  besser  zeigt  Joh.  18,  14  garaginoda  Judaium, 
patei  batizo  ist  ainana  mannan  fraqistjdn  faur  managein  ort  GVfxcpiqei 
eva  (iv'Jotojiov  anoleG&cu  r.iio  iov  /.cor  die  Scheu  des  Gothen  vor  dem 
Acc.  c.  Inf.  in   dieser  Verbindung.    Denn  er  setzt   hier   nicht   das    dem 


l  ll.i;  im  3ATIVUS  CUM   [NFINITIVO  IM  GOTHISCHEN.       291 

Griechischen  entsprechende  fraqistnan  (perire),  sondern  das  transitive 
fraqistjan  (perimere),  so  daß  wir  also  eine  einfache  [nfinitivconstruction 
bekommen.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  Luc.  2,  1  uiTann  gagrefts  fram 
keisara  Agustau,  gameljan  allana  midjungard  ££rjh&£  doyfia  nctoa  Kal- 
octQOQ   jivyo\  ifiu'Jai    naoav    rrr   oixov[xevrp> ,    wo   gameljan 

auch  transitiv  zu  fassen  ist.  Ahnlich  steht  nach  vilja  ist  1  Thess.  4,  3  ff. 
J>ata  auk  ist  vilja  gitys,  ei  gahabaip  izvis  af  kalkinassau  vovto  yao  ioriv 
iti/.uiu  tov  9sov,  u.thyui'Jai  v^iäg  aito  trjg  Ttoqveiag  nicht  wie  im  Grie- 
chischen der  Acc.  c.  Inf.,  sondern  ei,  wie  ja  auch  in  anderen  Ver- 
bindungen  die  Umschreibung  dt-^  griechischen  Acc.  c.  Inf.  durch  ei 
ziemlich  häufig  ist*).  Daher  kann  ich  nicht  glauben,  daß  die  Fügung 
Lue.  16,  IT  ip  azetizo  ist  himin  jah  airpa  hindarleipan  pau  vitodis 
ntt t  vi-it  gadriusan  evx07ta>T€Q0v  de  iavi  zbv  ovoavbv  /.cd  zrjv 
yfjv  :i((Qt'/.'Jui  rj  roü  vofiov  (.detv  xegalav  neuelv  eine  echt  gothische  sei; 
den  Dativ  konnte  hier  der  Gothe  nicht  setzen,  weil  das  Subject  des 
Are  c.  Inf.  kein  persönliches  war  und  so  folgte  er  einfach  dem  Grie- 
chischen. Ebenso  wenig  halte  ich  für  originell  gothisch  den  Acc.  c.  Inf. 
nach  galeikaida  Col.  1,  19  in  imma  galeikaida  alla  fullon  bauan  er 
■  ~t  evdov.ijoe  näv  ib  7iXrjQü)f.ia  xaTOixrjoai  und  nach  gadob  vas  Skeir. 
I.  e.  gadob  nu  vas  mais  pans  svesamma  viljin  — gaqissans  vairpan 
'andis  laiseinai  decens  igitur  erat  potius  eos,  qui  sua  voluntate  obedi- 
.,t  diabolo  —  eos  iterum  sua  voluntate  assentire  salvatoins  dodrinae). 
Allerdings  ist  in  dem  letzteren  Fall  das  Subject  des  Acc.  c.  Inf.  ein 
persönliches,  doch  die  Skeireins  geht  in  der  Sprache  oft  ihre  eigenthtim- 
lichen  Wege**).  Offenbar  sclavische  Nachahmung  des  Griechischen  ist 
rner,  wenn  es  Eph.  3,6  nach  vorhergehendem  runa,  (.ivgttjqiov  heißt: 
vi  sau  piudos  gaarbjans  jah  galeikans  gehaitis  is  eivat  icttüvi:  oiy/j.t- 
oovopia  /t'.t  ovaotofia  /.  i.  Ä. ;  wegen  der  Länge  und  Schwierigkeil  der 
Periode  hat  sich  bier  der  Gothe  genau  dem  griechischen  Vorbild  ac- 
commodii  pricht  daher  alles  dafür,  daß  man  sieh  in  denjenigen 

der  hierher  gehöi  lle,  wo  das  Pronomen  im  Gothischen  es  un- 


*)  Mtth.  '27,  1.  Luc   2    27.  J   I     12,  1-    !  i  or.   i,  I     I,  L.   13, 7.  Eph. 

1,  ■).  18.  18.  4,  17.  22.  6,  11.  Co!.  1,  10.   I  I,  2  f.  6,  1.  27.  2  Thess.  :i,  6. 

**)  In  der  &  '  u    noch   ein  « i 

EU  erwähl  c.   Ii      bii  tet  .  tritt  deutlich  erkennbar 

düng  von  Nebensätzen  mit  hervor.    Dennoch  würden, 

die  Skeireins  ein  ui  i  oder  ebenfalls  ein  Qber- 

t,  zu  Gun  I 

reich  |    zu    widerlegen.    A 

halten, 


292  OTTO  apki/i 

bestimmt  lässt,  ob  es  Dativ  oder  Accusativ  ist,  für  den  ersteren  zu 
entscheiden  hat  gegen  Grimm,  der  IV,  115  in  1  Cor.  7,  26  go]>  ist  man  n 
(so  hat  auch  die  Handschrift  entsprechend  dem  griechischen  av&QWTvqi) 
sva  visan  und  Köm.  13,  11  mel  ist  uns  us  slepa  urreisan  togcc  rj/.ieig 
r.örj  e£-  rmvov  iysg&rjvai  Acc.  c.  Inf.  annimmt.  Ebenso  sind  zu  beur- 
theilen  Mrc.  9,  5  und  Luc.  9,  33  gop  ist  unsis  her  visan  xalov  loa 
itfiag  to de  eivm. 

Für  nichts  als  übergroße  Treue  in  Wiedergabe  des  Originals  kann 
ich  es  weiter  halten,  wenn  es  2  Cor.  7,  11  heißt:  ])ata  bi  gup  säur g an 
izvis  ccvro  rovzo  to  xaxa  $ebv  Xvrcrjd-fjvcu  vfiag.  Zwar  kann  ich  keinen 
anderen  Fall  nachweisen,  in  dem  der  Gothe  in  der  Lage  gewesen  m\  äre, 
die  griechische  Construction  des  bloßen  Artikels  mit  dem  Acc.  c.  Inf. 
wiederzugeben;  desto  häufiger  aber  sind  die  Stellen,  in  denen  er  Prä- 
positionen mit  dem  Artikel  und  folgendem  Acc.  c.  Inf.  zu  übersetzen 
hatte,  und  da  ließ  er  constant  das  Verb  um  finitum  eintreten  z.  B.  Luc. 
2,  4  dupe  ei  vas  us  garcla  öia  to  eivai  avvov  ek~  oixov;  ähnlich  Luc. 
1,  21.  3,  21  f.  8,  6.  9,  51.  18,  5.  Mrc.  4,  5.  2  Cor.  3,  13.  Gal.  4,  18  u.  ö.  cf. 
Loebe  Beiträge  zur  Textberichtigung  und  Erklärung  der  Skeireins  p.  51. 

Wenn  sich  ferner  1  Thess.  2,  12  veitvoajandans  du  gaggan  izvis 
vairpaba  gups  /naQriQovijevot  elg  to  ;ieQi:w.rraai  vfiäg  ag~lwg  vov  9sov 
auch  nach  du  ein  Acc.  c.  Inf.  findet  —  während  ich  2  Thess.  2,  2,  wo 
Loebe  nach  dem  Vorbild  der  eben  citierten  Stelle  ergänzt  hat,  wegen 
der  Unsicherheit  der  Lesung  nicht  mit  aufzuzählen  wage  —  so  zeigen 
Stellen  wie  Luc.  1,  57  i]>  Aileisaba/p  usfullnoda  mel  du  bairan  für 
griechisch  vov  i  i/.Cir  c.rr  rv,  2  Thess.  1,  5  du  vairpans  briggan  izvis  pittr 
dangardjos  gups  elg  in  KccTat-itod-rjvai  vftag  ir)g  ßaaiÄeiccg  vov  'hol  (im 
Gothischen  bloße  Infinitiveon struetion),  2  Cor.  7,  12  du  gabairhtjan  (ad 
ostendendum)  usdaudein  unsara  £civexsv  toxi  qxxvsQio-d-rjvcu  i >tr  anovdrjv 
y][u~)p  zur  Genüge,  daß  der  Acc.  c.  Inf.  nach  du  dem  Gothen  nichts 
weniger  als  geläufig  ist. 

Wir  wenden  uns  nun  zur  Besprechung  der  zahlreichen  Stellen, 
in  denen  sich  in  Übereinstimmung  mit  dem  Griechischen  die  Con- 
struction nach  persönlichen  Verbis  findet.  Ich  werde  die  Fälle  möglichst 
vollständig  aufzählen,  indem  ich,  wo  sich  Vergleichungen  mit  andern 
Constructionen  darbieten,  auf  dieselben  aufmerksam  mache. 

Nach  qipan:  Mrc.  8,  27  hvana  mik  qipaud  mans  visan  xiva  fie 
h'ymoiv  o'i  avi)qco7iot  üi>ai,  und  dem  entsprechend  in  den  folgenden 
Versen.  Mrc  12,  18  fjaiei  qipand  usstuss  ni  visan  Xiyovoiv  chaoiaoir 
(.li)  uvai]  ganz  so  Luc.  20,  27.  Luc.  9,  18  ff.  hvana  mik  qipand  visan 
pos  manageins  Viva  f.ie  Xiyovoiv  oi  oyXoi  elvat  und  so  wird  im  Acc.  c.  Inf. 


DBEE   DEN    VI  '  USATIVUS  CUM   [NF1NITIV0  IM   GOTHISCHEN.        l".);1, 

fortgefahren.  Luc.  20,  41  hvaiva  qipand  Xristu  sunu  Daveidis  visan 
rrdg  Xiyovat  tov  Kqiarov  vibv  fav'l'ö  slvai.  Joh.  1-,  29  qejmn  peihvon 
vairpan  e'Xeyov  ßoovT^v  yeyovevai.  Rom.  15,  9  //<  piudos  in  arma- 
hairteins  hauhjan  gup  von  qipa  in  Vers  8  abhängig,  ia  öi  e&vr 
vtzeq  sXiovg  do^aaat  vov  d-eov,  ■während  für  yeyevrjo&at  im  vorherge- 
henden  Verse  das  Participium  vaurpanana  gesetzt  ist,  wahrscheinlich 
weil  hier  visan  nicht  wohl  folgen  konnte  (cf.  v.  d.  Gabelentz  und  Loebe 
zu  dieser  Stelle),  ebenso  wie  2  Tim.  2,  18  qipandans  usstass  ju  vaur- 
jniiifi  Xeyovreg  zrtv  avaaraaiv  mW  yeyovivai.  2  Cor.  4,6  gup }  saei  </<<]> 
in-  riqiza  liuhap  skeinan  6  elnwv  l/.  oxotovq  gxjjg  Xaf.ixpat.  Dagegen 
führt  Grimm,  wie  Loebe,  Beiträge  etc.  p.  23  zeigt,  mit  Unrecht  Skeir.  IIb 
qap  gabaurp  anparana  pairh  pvdhl  uspulan  als  Beispiel  an.  Außerdem 
findet  sieh  qipan  in  Übereinstimmung  mit  dem  Griechischen  mit  einem 
unmittelbar  zugehörigen  Dativ  der  Person  und  abhängigem  Infinitiv 
Mtth.  5,  34  qipa  izvis  ni  svaran  Xeyco  v/.uv  ;/[  nuoaai.  Ebenso  Mtth.  5,  39 
und  Rom.  12,  3.  Ferner  mit  prädicativem  Participium,  Ädjectiv  oder 
Substantiv  Mrc.  10,  18.  12,  37.  15,  12.  Luc.  18,  19.  Joh.  \b,  15.  Skeir. 
IV.  c.  d.  Das  Abweichen  von  der  griechischen  Construction  Luc.  9,  5  1 

'zu  ei  qipaima  fon  atgaggai  d-eXeig  utcü)(aev  tzvq  /.<</ aßf,vai  erklärt 
sich  wohl  daraus,  daß  derGothe  den  Befehl  ausdrücken  wollte;  übrigens 
haben  die  lateinischen  Übersetzungen  fast  alle  ut  descendat,  eine  auch 
bloß  descendat. 

Nach  viljan:  Mrc.  7,24  ni  vilda  rifun  mannan  f.irtÖ6va  rj&eXe 
yvßvcu.  10,36  hva  vileits  taujan  mik  igqis  vi  d-eXert  rcoirjoccl  fis  tulv. 
Luc.  19,  14  ni  vileima  pana  piudanon   ufar  unsis  ov  3-iXnf.iev  ini/m 

iXevaai  .'■'/'  IjiCu.  10,27  paiei  ni  vildedun  mik  piudanon  ufar  sis 
uü.iuci  i  :\i    avrovg.   1  Cor.  7,  7  viljau  allans 

man*  visan  sve  mi/:  silban  d-iXco  navxag  dvO-Qc^novg  etvat  tog  /.<<i  ef.ia.v- 
vov  1  Cor.  10,20  ni  viljau  izvis  skohslam  gadailans  vairpanov%)  Xto 
öi  tyiäg  KOivcovovg  vöiv  daif.iovicov  ylveo&ai.  1  Cor.  11,  •')  viljau  izvis 
vitan   ■'  divai.    1  Tim.  2,  8    viljati    nu    vairans    bidjan    in 

\im  stadim  ßovXofiai  ovv  ''*'/  vovg  avdgag  ev  navxi  vom 

5,  11  viljau  nu  juggos  liugan,  baima  bairan,  garda  valdan  ßovXo- 
iiai  m  ,  t; i  ,i in,  :  -,11.11.  vexvoyoveiv,  oIy.o6eo  cotsiv.  Vielleichl  sind  auch, 
weil  wahrscheinlich    passive  B'edeutung   des  Infinitivs  anzunehmen  ist, 


Km  bemerkenswerthi     B  für  den  Zusammenhang  der  lateinischen  Über 

mit  der  gothischen  ist  der  fo  riechischen   Handschriften 

mit   .'.  wähn  ad    das 

Gol  i  mung    mit    den    meisten    lateinischen    i  bersetzungen,  dii 

i '  (ja  ml 


294 


OTTO  APELT 


hierher  zu  rechnen  Luc.  1,  62  hvaiva  vildedi  haitan  ina  it  av  th'loi 
xaleiodcu  avröv.  Gal.  6,  13  vileina  izvis  bimaitan  ülhnoiv  tiiäc.  ;uql- 
viiivea&äi.  1  Tim.  2,  4  saei  aüans  mans  vili  ganisan  jah  in  vfkunpja 
sunjos  qiman  og  navxag  avd-QConovg  &£lei  oa)3ijvai  v.ai  elg  eniyvuioiv 
äkrjd-eiäg  eX&elv,  doch  ist  namentlich  in  dem  ersten  Beispiel,  wie  in 
der  früher  angeführten  Stelle  Mrc.  15,  9  auch  die  Annahme  einer  bloßen 
Infinitivconstruction  zulässig."  Wenn  es  ferner  Rom.  11,  25  für  ov  yao 
9-sfao  v[iag  ayvoetv  rb  ^ivotrjQtov  tovto  heisst  ni  auk  viljau  izvis  unvei- 
sans  pizos  runos  und  ganz  ähnlich  1  Cor.  10,  1  (unvitans),  2  Cor.  1,  8. 
1  Thess.  4,  13,  so  wird  das  nur  eine  Folge  davon  sein,  daß  der  Gothe 
für  ayvoeiv  kein  entsprechendes  Verbum  hatte  und  deßhalb  nach  der 
Negation  (denn  sonst  konnte  er  ja  ni  vitan,  ni  frapjan  sagen,  wie 
Mrc.  9,  32.  Luc.  9,  45.  Rom.  7,  1)  diese  Adjectiva  zu  Hülfe  nehmen 
musste,  nach  denen  visan  unnöthig  war.  Ganz  ähnlich  findet  sich  2  Cor. 
2,  11  für  ovx.  ayvöovf.iev  ni  sijum  unvitandans,  wo  das  Particip  offenbar 
adjectivischer  Natur  ist,  wie  unser  nhd.  unwissend,  ohne  entsprechendes 
Verbum. 

Nach  vitan:  Luc.  4,41  unte  vissedun  silban  Xristu  ina  visan 
ort  ijösioav  tov  Xqiotov  avrbv  eivai.  In  den  erhaltenen  Stücken  bot  das 
Griechische  sonst  keine  Gelegenheit,  denn  elöivai  findet  sich  fast  überall 
mit  ozi  verbunden. 

Nach  hugjan:  Luc.  2,  44  hugjandona  in  gasinpjam  ina  visan 
vofiioavTeg  avrbv  ev  ry  avvööia  eivai.  1  Tim.  6,  5  hugjändane  faihuga- 
vanrki  visan  gagudein  vo'f.ut6vriüv  noQiOfibv  eivai  iir  evaeßeiav.  Sonst 
habe  ich  nur  solche  Stellen  finden  können,  in  denen  das  Griechische 
ort  hat,  dem  der  Gothe  mit  ei  oder  Jtatei  folgt. 

Nach  galaubjan:  Luc.  20,  ö  triggvdba  galaubjand  auk  allai  Jo- 
hannen pr  auf  etu  visan  rceneiO(.ievoi  yaq  uaiv  Iiaavvrjv  rtQoqnjTrjv  eivai. 

Nach  domjan  und  gadomjan:  Phil.  3,  8  all  domja  sleipa  visan 
—  jah  domja  smarnos  visan  allata  rjyovfAai  navra  tyjftiav  eivai  — 
v,cd  fjyovfiat  axvßaXa  ürat.  Mrc.  14,  64  eis  allai gadomidedun  ina  skula 
visan  daupau  <u  de  siärrsg  xavexoivov  avxbv  evoyov  eivai  d-avavov. 

Nach  r ahn jan:  Skeir.  VIII.  b.  ak  mais  sildaleikjandans  fraujins 
laisein  svikunpdba  in  allaim  alamanndm  faura  visan  rahnidedun  (sed 
magis  admirati  domini  dodrinam  aperte  in  omnibus  hominibus  existere 
putabant). 

Nach  munan:  1  Cor.  7,26  man  nun  pata  gop  visan  vo(.ut,(o 
ovv  tovto  v.albr  vnaqxeiv.  Phil.  3,  13  ik  mik  silban  nipau  man  gafa- 
lnni  eyio  iiianbv  ov  hr/iZotiui  y.c.i n/.nf/rca.  So  ist  wohl  auch  von  Loebe 
richtig  ergänzt  Rom.   14,  14  niba  pamma  munandin  Qiva  unhrain  visan) 


ÜBEB   DEN    LCCUSATIVUS  CUM   IMIMHVh  l.M  GOTHISCHEN.         295 

si  (.tri  ll?  Xoyito(.iiv(p  n  xotvov  elvai.  Dagegen  fehli  2  Cor.  1 1,  16  ibai  /was 
mik  muni  unß'odana  ;u]  zig  (.ledo/-^  acpgova  elvai  im  Gothischen  dl'' 
Übersetzung  von  elvai]  der  Accusativ  des  Adjectivs  gentigte  eben,  wie 
in  den  ähnlichen  Constructionen  bei  viton.  Auch  die  Versio  antiqua  hei 
Sabatier  hat  bloß:  ?/<'  guis  me  existimet  insipientem.  Ein  Scliluß  auf 
die  Fremdartigkeit  des  Acc.  c.  Inf.  nach  munan  aus  dieser  Stelle  ist 
also  unzulässig.  Mit  prädicativem  Adjectiv  oder  Particip  findet  sich 
munan  in  dieser  Weise  auch  Phil.  2,  3.  25.  2  Tim.  2,  8  und  zwar  in 
Übereinstimmung  mit  dem  Griechischen. 

Nach  taiknjan:  Luc.  20,  2<>  insandidedun  ferjans  pans  us  liutein 
taiknjandans  sik  garaihtans  visan  aneGTeiXav  eyxadei oiv  V7iOY.Qivof.ie- 
vovg  eawovg  dixaiovg  elvai.  2  Cor.  7,  11  in  allamma  ustaiJcnidedup  izvis 
hlutrans  visan  iv  itavxl  m rt.ru> 'ocae  eavrovg  äyvoig  elvai.  INIit  dem 
Dativ  der  Person  und  dem  Infinitiv  steht  es  entsprechend  dem  Grie- 
chischen Luc.  3,  7  u.  ö. 

Nach  hausjan  findet  sich  Phil.  2,26  hausideduf)  ina  siukan 
lY.nioe.ie  avrov  qo&evrpisvai  (so  haben  D* E* F  G,  während  die  anderen 
Bandschriften  ozt  rjO&evrjoev  haben),  ein  wirklicher  Acc.  c.  Inf.  Auf- 
fällig ist  es  dagegen,  daß  Joh.  12,  18  rjxovoav  uovro  avrov  jteTtoirjxevai 
in  orj/Lieiov  übersetzt  wird  durch  hausidedun,  ei  gatavidedi  potaiknj  der 
Grund,  weßhalb  der  Gothe  hier  vom  Griechischen  abgieng,  dürfte 
vermuthlich  der  sein,  daß  er  es  nöthig  fand,  die  Vergangenheit  aus- 
zudrücken, was  er  hei  dem  Mangel  eines  Infinitivus  praeteriti  durch 
den  Infinitiv  nicht  konnte.  Entsprechend  dem  Griechischen  heißt  es 
Lue.  4,  23  hvan  ßlu  hausidedum  vaurfjan  in  Kafarnaum  ooa  tjxovoafiev 
yevofieva  elg  nv  Ka(paovaov(i. 

Auch  anabiudan  findet  sich  einmal,  nämlich  1  Tim.  6,  13  f.  mit 
.  c.  Inf.:  anabiuda — fastan  puk  />o  anabusn  unvamma  TtaQayyeXXia 
—  xioioai  ai  1 1  )  svToXrjv  aamXov,  eine'  Stelle,  die  Miklosich  1. Lp. 504) 
für  die  Originalität  der  Construction  im  Gothischen  Lesonders  ent- 
idend  scheint,  wahrscheinlich  weil  der  Gothe  liier,  wenn  er  sieh 
an  da-  auf  ,/ iw-;';  ;'/./.i  i  folgende  ool  gehalten  hätte,  den  Acc.  c.  Inf. 
leichl  hau-  vermeiden  können.  Doch  das  aoi  fehlt  in  einigen  griechi 
sehen  Handschriften,  wie  auch  in  einigen  lateinischen  Übersetzungen; 
und  übersetzte  der  Gothe  nach  einer  der  ersteren,  so  folgte  er  bei  dem 
weiten  Abstand  des  Acc.  c.  Inf.  vom  regierenden  Verbum  einlach  dem 
Original,  wie  er  in  verwickeiteren  Constructionen  sieh  öfters  blindlings 
vom  Griechischen  leiten  Läe  t:  so  namentlich  1  Tim.  3,  6,  wo  er  auf 
einmal  die   angefangi  truetion,  verleitet  durch  das  Griechische, 

aufgibt.  Ware  diese  Construction  von   <in>ihiii<l<ni  im  Gothischen  wirk- 
lich  iieinii  <!  M.     o  hätte  der  Übersetzer  lie  wahrscheinlich  auch 


296  OTTO  APELT,   LTBER  DEN  ACC.  C.  INI".  IM   GOTHISCHEN. 

in  der  ähnlichen  Stelle  2  Thess.  3,  6  gebraucht,  wo  .ic.oo.yy/'A/jouti'  i 'nir 
ai;')J.to'U(i  vfxag  tan  navzbg  adtlqoi  wiedergegeben  wird  durch  ana- 
biudam  izvis  ei  gaskaidaip  izvis  af  allamma  broJ>re\  im  Griechischen 
•wenigstens  liegt  hier  Acc.  c.  Inf.  vor  (cf.  Wahl,  Clavis  novi  testamenti 
s.  v.  ovtXXo/nai).  Daß  aber  die  natürliche  Fügung  für  das  Gothische 
der  Dativ  der  Person  und  der  Infinitiv  ist,  das  geht  klar  hervor  aus 
Stellen  wie  1  Cor.  7,  10  ip  paim  liugom  haftain  anabiuda,  qenai  fairra 
abin  ni  skaidan  röig  de  ytyo.ut/.ooi  TcaQayyälÄto  yvvalx.ee  ano  avÖQog 
/Lit)  x(')Qtoifr;rctt,  wo  der  Gothe  nicht  mit  dem  Griechen  in  die  Accusativ- 
construetion  übergeht,  während  die  lateinischen  Übersetzungen  bei 
vorausgehendem  praeeipio  für  jxaouyyelho  alle  dem  Griechischen  folgen. 
Wo  das  Griechische  den  Dativ  und  Infinitiv  bot,  hat  sich  der  Gothe 
auch  überall  dem  Griechischen  willig  angeschlossen,  z.  B.  Luc.  8,  29. 
31.  Mrc.  8,  6.  In  Mrc.  6,  27  und  Luc.  8,  55  ist  es  durchaus  nicht  nöthig, 
die  Infinitive  passivisch  zu  fassen. 

Für  reinen  Acc.  c.  Inf.  nach  bidjan  scheint,  wie  Miklosich  1. 1.  p.  4(J3 
geltend  macht,  zu  sprechen  die  Stelle  2  Cor.  6,  1  bidjandans  ni  svarei 
anst  gups  niman  izvis  jiaQa/.aAnv^er  /(ij  eig  xevov  iryv  %ccqiv  rov  &&ou 
öt^aaOca  v(.mg.  Aber  da  2  Cor.  13,  7,  bidja  du  gupa,  ei  ni  vaiht  ubiVs  tau- 
jaij>  Ev%opicu  jrgog  rov  &wv  f.irt  jtoifjam  Vfxäg  xaxdv  (.irfie.v  und  Col.  1,  13 
bidjandans  ei  gaggaij)  vair]>aba  nQOG£vyoi.itvoL  TTEQinarJaia  vuäg  aiiitog 
zeigen,  daß  der  Gothe  derConstruction  gern  aus  dem  Wege  geht,  so  glaube 
ich,  daß  er  obige  Stelle  unter  dem  Banne  des  Griechischen  übersetzt  hat. 

Offenbar  Nachahmung  des  Griechischen  ist  es  schließlich,  wenn 
es  Eph.  3,  16  f.  heißt:  ei  gibai  izvis  —  gasvinpnan  —  bauan  Xristu 
pairh  galaubein  in  hairtam  izvaraim  ua  ddjrt  vuiv  —  dvvccfiEt  /.ourcad)- 
d-ijvai  —  '/.aior/.i()(a  lor  Xqigtov  /..  i.l.;  wenigstens  Luc.  1,  73  f.  ei 
gebi  unsis  vnagein  us  handau  fijande  unsaraize  galausidaim  skalkinon 
imma  rov  öovvat  tjfxiv  acpoßajg  l/.  %ELQog  tüv  eyd-Qwv  QVG&evzag  ?m- 
zQevtiv  avio,  folgt  der  Gothe  dem  Griechischen  nicht. 

Es  bleiben  nur  noch  die  dem  Acc.  c.  Inf.  nahestehenden  und  in 
allen  deutschen  Sprachen  einheimischen  Construetionen  bei  haitan,  letan, 
fraletan,  taujan,  vaurkjan,  gamanvjan,  die  schon  zu  Anfang  zum  Theil 
erwähnt  werden  mußten.  Als  eigentliche  Acc.  c.  Inf.  können  sie  nicht 
gelten,  da  die  Person  hier  immer  eng  als  Object  zum  Hauptverbum 
gehört.  Daher  behandelt  sie  Grimm  auch  beim  Infinitiv  und  nicht  beim 
Acc.  c.  Inf.  Man  hat  in  der  gothischen  Bibelübersetzung  nirgends  nöthig 
nach  haitan,  letan  und  ,,,  einen  wirklichen  Acc.  c.  Inf.  anzunehmen, 

selbst  da  nicht,  wo  das  Griechische  passiven  Infinitiv  bietet.  Es  genügt 
daher  einfach  die  Stellen  zu  nennen.  Für  Tiaitan:  Mtth.  8,  18.  27,  64. 
Mrc.  5.43.   10,49.  14,  11.  Luc.  5,  3.  18,40.    19,  15.    Für  letan:  Mtth. 


W.  WATTENBACH,   LATEINISCHES   LIEBESGEDICHT.  297 

.!'.  Mrc.  7.  27.  10,  14.  Luc.  4.  41.   9,  60.  18,  L6.  Job.  11,  44.  18,8. 

Für  fraletan:  Mrc.    1.  34.  5,  37.  7.  iL*.    Luc  8,  51.  Eher  kann  man  bei 

'an  und  den  verwandten  Verbis  zuweilen  an  eigentlichen  Acc.  c.  Inf. 

denken,  (cf.  Wilhelm  de  infinitivi  forma  et  usu  Eisenach  1872  p.  36). 

[ch  lasse  die  Stellen  für  diese  Verba  folgen,   indem  ich  nur  diejenigen 

mit  Worten  ausschreibe,  die    dem   eigentlichen  Acc.  c.  Inf.  besonders 

nahe  zu  kommen  scheinen.  Für  taujan:  Mtth.  5,  '.Y2.  Mrc.   1,  17.  7,37. 

8,25.  Lue.  5,34.   9,  15.    .loh.  5,21.    6,63.  2  Cor.   9,10.   Skeir.  V.  b. 

VII. c.    Die  letzte  Stelle  lautet:  jah    ni    in    vaihtai    vaninassu    pizai 

mai   oairpan   gatavida   (neque  ullius  rei   inopiam    multitudini  fieri 

).     Für    vaurkjan:  Joh.  6,  10.  Skeir.  VII,  b.    Für   gamanvjan: 

2  Cor.  9,5  ei  fauragamanvjaina  pana  favragdhaitanan  aivlattgian  hvarana, 

pana  manvjuna  vi  sau  icÄnv  iiniinv  eivai.  Skeir.  VII.  c-  sva  filu  auk 

sve  gamanvida  ins  vairpan  (quantum  enim  fecit  eos  fieri) ;    doch  ist  die 

Lesung  hier  äußerst  unsicher. 

Da  bei  der  Mehrzahl  der  oben  angeführten  Verba  ein  Nachweis 
darüber  nicht  möglich  war.  daß  der  mit  ihnen  verbundene  Acc.  c  Inf. 
als  dem  Gothischen  fremdartig  anzusehen  wäre,  so  sind  wir  nicht  be- 
rechtigt, der  Constr.  für  diese  Fälle  das  Bürgerrecht  in  der  Sprache 
abzusprechen.  Im  Allgemeinen  jedoch  scheint  mir  so  viel  fest  zu  stehen, 
d.-.l.'  der  Gothe  aus  übergroßer  Treue  gegen  das  griechische  Original 
nicht  selten  über  da-  seiner  Sprache  Geläufige  hinausgieng.  Namentlich 
glaube  ich  erwiesen  zu  haben,  daß  die  Construction  nach  anderen  als 
persönlichen  Verbis  und  Wendungen  nicht  als  echt  gothisch  zu  betrachten 
i>t.  ein  Ergebniss,  welches  selbst  dann  noch  stehen  bleibt,  wenn  in  den 
Stellen,  welche  ich  zu  Anfang  besprach,  die  von  mir  geltend  gemachte. 
Einwirkung  des   Lateinischen  nicht  zugegeben  wird. 

WEIMAR  OTTO  APELT. 


LATEINIS*  HES    LIEBESGEDICHT. 


In  derselben  Handschrift,  aus  welcher  die  Arenga  auf  S.  72  mit- 
ist,   fand    ich  nachträglich  auf  Bl.  229  die  folgende   Dichterei, 
welche  nach  Fenn  und  Inhalt  lieh  von  demselben  Wh'. 

herrührt.  Wir  erfahren  daraus,  >i  v-  dieser  verliebte  Samuel  aus  dem  Elsaß 
trtig  war,  und  in  Heidelb  :  emachl  hatte.   Daß  er 

unberührt   vom  Humanismus  \.  im    \    rse  deutlich.   Ein  Au.-,- 


298 


W.  WATTENBACII 


druck  v.  106  ist  aus  dem,  fälschlich  dem  Gallus  zugeschriebenen  Lyricum 
entnommen,  welches  sich  in  derselben  Handschrift  befindet.  Diese  zeigt 
in  ihrem  ganzen  Inhalt  die  für  jene  Zeit  charakteristische  Mischung 
mittelalterlicher  und  humanistischer  Elemente ;  ich  möchte  glauben,  daß 
das  Original  derselben  dem  Samuel  selbst  gehört  hat,  und  mit  seinen 
Erzeugnissen,  die  er  dort  eingetragen  hatte,  abgeschrieben  ist.  Eine 
Beschreibung  derselben  werde  ich  im  Anz.  d.  Germ.  Mus.  geben;  sie 
enthält  auch  Heidelberger  Geschichten  von  1473. 

1.  Facit  hoc  amor  meus. 

Haud  quiequam   tibi  prefero, 
30  Reffero    te  ad  Pallada  sanetam: 
Tantam     dii  faciant,  et  valere 
Ignipotens  te  faciat  deus. 

5. 
Est  tibi  cesaries  ornata, 
Data-    que  forma  numine  divo- 
rum, 
35  Quorum     eximia  mayestas 


Eya  pervenusta  puella 
Bella-     que  multum  matrona: 
Dona     quod  potes  uberrimum, 
Sit  per  te  languenti  remediujn. 
5  Sis  queso  michi  facilis 

Gracilis,     favens  et  ioeunda. 
Munda     cor  michi  egerrimum, 
Q.uodque  proeul  depelle  teclium. 

2. 

Iniecit  tuus  pectori  vultus 
10  Cultus     letiferum  telum. 
Celum     apperis  si  voles. 
Haud  recusa  precor  facei'e. 
Cepit  me  decor  tuus, 
Suus     ut  sim  captivus. 
15  Divus     tibi  splendor,  quid  nam 
soles 
Animum  meroribus  quatere? 

3. 
Circumvallat  me  passim  do- 
lor, 
Solor     tantum  magna  ex  spe. 
Me     species  reuocillat  egregia, 
20  Adventum  differt  interitus. 
Est  rara  michi  lecticia, 
Mesticia     semper  cor  cingitur. 
Fingitur     ob  id  Elegia  , 
Nee  facere  sum  id  veritus. 


25       Est  michi  nunquam  quies, 
Dies     noctesque  doleo. 
Soleo     singula  post  habere, 


Singula  salvat  et  tuetur. 
Vicjuin  eminus  abesse  credas: 
Quod  te  amem,  existit  licitum. 
Nephas  etenim  tua  honestas 
40  Effugit,  spernit  et  veretur. 

6. 
Instar  Phebi  micant  ocelli 
Belli     conspectu  mutantes, 
Dantes      hercle    stiinulo    pro- 

fundo 
Grave  vulnus  corculis. 

7. 
45  Pollite  sunt  tibi  maxille 

Ille     purpureo  sparsim  fuse  — 
Muse     cedant  —  roseoque  co- 

lore : 
Basia  übet  infixisse. 
Os  parvum  spaciosumque  la- 
bellis, 
50  Mellis     dulcedine  rubescit. 
Crescit     exliinc  fervens  appe- 

titus , 
Os  huic  crebro    meum  admo- 
visse. 


4  laguenti. 
35  maystas.  37 

Halbstrophe  von  vier  Zeilen. 


11  opperis.  15  non.  16  quater. 

38  sind  wohl  zu  vertansehen. 

*i  .-. :  l 


18  tatum.         19  spes. 
44  hier  fehlt  eine 


LATEINISCHES  LIEBESGEDICHT. 


299 


8. 
Intus     move    tremulam    li- 
gwam, 
1  )ignam     omni  laude. 
55  Plaude     igitur,  que  fando 
Sermonem  edis  quam  gratissi- 
mum. 

9. 
Dum  rides  in  genis  Iacrune 
videntur: 
Rentur     mortalesteesse  deam. 
Meam      eternam  te  fieri  per- 
cupio, 
60  Quod  visceribus  Spiritus  inhe- 
serit. 
Incessu  putaris  dea: 
Bea     me  tun  pietate. 
Late      formam    cum    intueor 

stupeo, 
Quae  graviter  profecto  me  le- 
se r  it. 

10. 
65       Sunt  tibi  cristallini  dentcs 
M<  nt.-s-     que  digitali  teretes. 
Quirites     anthiotum  illud  dari, 
iccumbamprecorcuraveris. 
Reddes  me  faustum,  anime  mi, 
70  Si     ipsam  te  michi  apperies. 
Feries     luctum,  si  modo  pari 
Amore  me  complecteris. 

11. 
Michi  si  \  [uara  mancipio 

imperabis, 
tibi  fiam  eternus, 
3i  modo  michi  petitum  dabis. 
Secus  si  cordi  est,  me  vorei  in- 

fernus. 
<  >mnem  edepol  michi  salutem 

te  oriri  Bola  posse  putem. 
Nullu8  esse  tibi  possei  im 
80  Prospicien8  te  tanta   claritate 
preditam, 


Verum  esset  obsequendi  nisus, 
El  amanditevirtutibusdeditam. 
Id   scio    copiam    nemini    fore 

laudis, 
Qui  te  digne  sat  extolleret. 
85  Est  abs  te  proeul  inventio  frau- 
dis: 
Quis  te   iuvenum   non  merito 
coleret? 

12. 

Dii  inmortales  tibi  dimittant 
petita, 

Vita     simul  prestita  optata. 

Fata     felicem  te  seeundent, 
90  Tondant  arcus  quod  extat  no- 
xium. 

Dii   deeque  omues  desiderata 
tibi  tribuant, 

Minuant     que  sunt  difficilima. 

lila     animo  tuo  infundant: 

Suscipias  me  tibi  socium. 

13. 
95       Porrige  Iabra  michi  corallia 
Talia     ut  illico  reviviscam. 
Discam     morem  tibi  gerere, 
(Jbi  languor  amorosus  avellitur. 
Tenerum     est     corpus     atque 
molle: 
100  Tolle     quemque  prorsus  dolo- 
rem. 
Rorem     pietatis  inpertire. 
litte  egritudo  pacto  propellitur. 

14. 
Nee   omiserim  ego    cervicis 
decus: 
Secus     non  est  ac  pagina  dicat, 
105  -Mic.it     albente  nive  candidius. 
»Sunt  tibi  papille  semipome , 
( !ome     auro  fulviores. 
Mores     adornant  te  validius  : 


'. 'icli  liier  fehlt  eine  halbe  Strophe. 
dotum.  36  colori  98  ! 


57  lacrime. 


07   !.  anti- 


300 


15. 


NORDHOFF 
125 


130 


Quid  verbis  opus  est  multis? 

110  Cultis      artubus    debita    con- 

nexio  datur, 

Fatur     hoc  quisque  te  prospe- 

xerit. 
Nemo   quicquam    a   me    false 

adiectum 
Rectum     non  dicet,  nisi  sua 
Lumina     non  ratio  direxerit. 

16. 
115       Puellam  hanc  qui  digne  col- 

laudavi , 
Me  bachidives  et  fertilis  genuit 

Alsacia. 
Ne  scortamefallerent,  hactenus 

cavi. 
Virgines  ut  amplectar,  impellit      135 

audacia. 
He  norunt  animis  fidis  amare: 

120  Sint  adolescentulis  idcirco  pre- 

care. 
Hasobservent,  diligentethono- 

rant, 
Nee  inquinandos   se  lenis  de- 

dant. 
Que  suis  versueiis  quemquam      140 

fallere  solent, 
Atque  iuventara  florentissimam 

defedant. 


Prebueras  Haydelberga  michi 
alimentum, 

Poeseos  etphilosophie  eibis 
educasti. 

Venustat  te  caterva  sapientum, 

Plurimorum  iusticias  expiasti. 

17. 

Jam  dudum  tecum  vitani  ut 

possumdego. 
In  discessum  abste  iamaccinc- 

tus, 
Amorem  qui  diu  Iatuit,  difFicile 

tego, 
Puelle  namque  loris  firmissime 
sum  devinetus. 
Calet  inflammata  mens  amore, 
Telum  iniecit  letus  aspectus, 
Rigent  artus  orbi  vigore. 
Natus  amor  phas  est  non  exi- 

stat  tectus. 

Palladis  ad  gremium  decedens 

opto   loceris, 

Vitaque    sit   foelix   orbis  in 

exilio. 

Cara  michi  virgo ,  me  clemens 

respice,  qui  te 

Rite  colo,  quoniam  mitis  es 

atque  bona. 


W.  WATTENBACH. 


MAERLANTS  MERLIN. 


In  der  Bibliothek  des  Fürsten  von  Bentheim- Steinfurt  zu  Burgstein- 
furt befindet  sich  eine  Handschrift  des  großen  Gedichts  Merlin  von  Maer- 
lant.  Sie  ist  zwar  schon  beschrieben  von  Ludwig  Troß*),  jedoch  sonst 
dem  Inhalte  nach  so  wenig  bekannt,  daß  der  Übersetzer  von  Jonck- 
bloets  Geschichte  der  niederländischen  Litteratur  und  andere  den  Maer- 
lant  behandelnde  Schriften  das  Gedicht  nicht  einmal  zu  kennen  scheinen. 


119  vorunt.  132  deuictus.  134  iniectit.  137  Pallachis. 

*)  Vgl.  F.  v.  H.  in  der  Allgem.  Zeitung  1872  Nr.  44. 


140  celo. 


MAERLANTS  MERLIN.  301 

Die  Handschrift  ist  ein  dicker  Band  in  kleinFolio  mit  239  beschriebenen 
Papierblättern,  jede  Seite  zeigl  2  Columnen,  die  letzte  239"  indeß  nur 
eine,  jedes  Blatt  am  untern  Rande  eine  Foliierung,  Blatt  V  und  VI,  welche 
die  Ausführung  der  Rubrik:  Wo  god  gewroken  ward  unde  van  Tytus 
unde  van  Vespasianus  enthalten,  sind  anscheinend  gewaltsam  entfernt.  Der 
starke  Einband  hat  eine  Lederdecke,  diese  als  eingepresste  Zier  in 
länglich  viereckigen  Mustern  fleurs  de  lis,  Eichenblatt  und  Rosetten, 
daher  der  Band  wohl  etwa  gegen  1500  angelegt  sein  wird.  Auch  die 
Schrift  scheint  mir  eher  dem  15.  als  dem  14.  Jahrhundert  anzugehören,  ob- 
wohl sie  durchgehends  klar  und  frei  von  den  Abbreviaturen  jener  Zeit  ist. 

Ein  Vorblati  enthält  folgende  Bemerkung: 

Men  lest  in  Cronic.  Martini,  dat  by  tyden  des  pawes  Semplicy 
de  w.us  by  den  jaren  unses  heren,  do  men  screef  CCCCLXXII,  doe 
wart  in  Britanien  geboren  eyn  wyssage  Merlyn  van  des  konix  dochter, 
eyner  gheestliker  nunnen  van  der  duvele  eeu,  de  de  vrouwe  namen 
plegen  to  beslapene.  ...  de  Merlyn  sach  boven  Franckrike  unde  Enge- 
land; desse  visiende  und  anderen  synen  prophecien  es  ghescreven; 
unde  dar  sin  desse   vers  af,  de  hyr  na  volghen  to  Dudesche 

Ein  junge  megetlike  junefer  sal  seghe  vechten  in  maus  cleyde.  .  .  . 
folgt  eine  Prophezeiung  über  die  Jungfrau  von  Orleans;  sodann 
Maerlants  Gedicht  eingetheill  in  3  Bücher  1.  Ursprung  des  Gral,  2.  Ge- 
burt Merlins,  3.  Arthur,  jedes  Buch  eingetheilt  in  Avcntüren,  die  nach 
der  <  Ordnungszahl  numeriert  sind. 

Fol.  la  Alle  de  gene  de  desse  tale 

Hören  willen  van  den  Grale, 
Wannen  dat  he  eirstc  quam 
Als  ick  inden  Walsche  vernam 
So  sal  ickt  dichten  in 
Duesche  woert 

v.  14  Al/.e  se  van  my    dan   boren   tale 
I  >essi    historie  van  den  <  rrale 
Dichte  ick  to  eren  hern  Alabrechte 
1  >>  ii  heer  von  vorne  wal  m\  i   rechte 
W'ani  hoge  lüde  myl   hoger  historie 
Mannigfolden  zulen  er  glorie 
Unde  körten  dar  mede  ere  ty t .... 

v.  27   Eyn  dichte  van  onses  herren  wrake, 
Lestmen,  dal  ia  wyde  bekanl 
l  fnde  makede  eyn  pape  in  Vlanderlanl ; 
l)a!   sagel  dal   boeck  in  zyn  beginne. 
Bfier  ick  wene  in  mynen  Bin 
I  ):ii   pape  dal  oichl  en  dichte, 
Wanl  men  mochte  oichl  gescriven  Hellte 


302  NORDHOFF,  MAERLANTS  MERLIN. 

We  vullich  dat  gelogen  zy, 

Unde  dat  zal  ick  in  proven  war  by 

In  der  liistorie  de  komet  hyr  naer 

Jacob  de  coster  van  Merlant 

Den  gy  to  voren  h  ebb  et  bekant 

In  des  koninges  Allexanders  Ieesten, 

Dat  gy  bidden,  dat  he  volleesten 

Moete,  dat  he  hebbet  begonnen. 


Es  folgt  die  Rubrik: 

Waer  urabe  unse  here   wart  geboren. 

Beyde  vrouwen  unde  man, 
De  oren  zin  zetten  dar  an, 
Dat  ze  de  warheit  willen  weten 


Fol.  238"  beginnt  eine   andere  etwas  unklarere  Hand  als  früher. 
Am  Schluß  239a 

Nu  moet  god  ons  geven  beste, 
Altoes  te  done  van  allen  saken 
In  em,  so  endet  mede  myn  maken 
Desen  boek  van  Merline 
Dat  ik  dichte  myt  myr  pine 
Int  jaer  ons  heren  wens  wonders 
Do  men  screef  drutteen  hondert 
Unde  XXVI  op  den  wittendonre  dach 
De  in  der  weke  vor  paeschen  gelach; 
Do  was  dit  boeck  geend, 
Dar  men  schone  testen  in  vint. 
Explicit  Deo  gracias. 
Den  Schluß  macht  eine  das  relative  Alter  bezeichnende  Inschrift 
aus  der  Mitte  des   15.  Jahrhs.,  die  insofern  noch  besonders  wichtig  ist, 
als   sie  uns   die  sonst   nicht  so    unmittelbar   zu   erweisende   Thatsache 
bestätigt,  daß  die  Höfe  Westfalens  bis  zum  Ende  des  Mittelalters  mit 
der  schönwissenschaftlichen   Litteratur  der  früheren  Zeit  reichlich  be- 
kannt waren.  Sie  lautet: 

Item  dit  sint  de  boke,  de  joncher  Everwyn  van  Güterswik  (f  1454) 
greve  to  Benthem  hevet:  Ten  ersten  dit  boeck  Merlyn,  item  twe  nye 
boke  van  Lantslotte  im  eyn  olt  boek  van  Lanslotte  unde  item  de  olde 
vermaelde  Cronike  un  Josophat  unde  sunte  Georgius  leygcnde,  unde 
dat  schachtaffels  boeck,  van  sunte  Cristoffers  passye,  item  van  Allexander, 
item  de  markgreve  Willem,  item  Percevale.  Von  all  diesen  Schätzen 
scheint  bis  jetzt  nur  mehr  der  Maerlant  im  Besitze  der  Familie  sich  er- 
halten zu  haben  oder  ihr  wenigstens  bis  jetzt  bekannt  geworden  zu  sein. 
MÜNSTER.  NORDHOFF. 


HOLTE,  N1EDEKKHEINISCI1K  SPRÜCHE  UND  PKIAMELN.  303 


XIHDERRHELNISCHE  SPRÜCHE  UND  PRIAMELN. 


Die  nachfolgenden  Verse  sind  einem  Folioblatte  von  Papier  ent- 
lehnt, welches  auf  der  innern  Seite  eines  Incunabeleinbandes  der 
Trierer  Stadtbibliothek  losgelöst  ist.  Es  war  nur  eine  Seite  dieses  Blattes 
beschrieben.  Die  Schrift  gehört  dem  15.  Jahrhundert  an. 

Myrcket  wail  eben  der  werelt  staet,  wye  iß  itzt  zugaet. 

Dye  wairheit  ist  nu  geslagen  doet. 
Dye  gerechtigeyt  lydet  groeß  noet. 
Dye  untruwe  und  felscheyt  ist  nü  geboren. 
Der  gelaube  hayt  den  streyt  verloren. 
Darumb  sieh  wail  vur  dych  , 
Want  truwe  yst  sere  myslich. 
Idt  ist  nu  der  werelt  staet: 
Do  myr  ere,  ich  doen  dyr  quaet : 
Hyeff  myeh  öff  ich  werften  dichjneder; 
Do  myr  ere,  ich  sehenden  dich  weder; 
Lach  mich  an  und  gyff  myeh  hyen: 
Dat  yst  nv  der  werelt  synn. 
Wer  da  hayt  goet,   der  hayt  ere: 
Nemantz  frayeht  vurbaß  merc. 

Wer  da  wylt  yn  freden  leben, 
Goden  rayi  wyll  ich  eme  geben. 
Laß  eder  man  syn  der  er  yst, 
So  saget  dyr  nemans  wer  du  byst. 
Der  da  wyll  wyssen,  wer  er  sy, 
Der  scheid  sych  myt  syner  naperen  dry. 

ych  lyt  und  verdrach, 
Nyl  eder  man  dynen  kommer  enclage. 
Du  mochtes  dem  clagen  dyn  leyt, 
Er  wilde  das  yß  were  noch  also  breyt. 
tß  fraget  mancher  wye  [ß  myr  ghee, 
agh  yß  myr  wail,  yß  dede  ym  w 
W  er  zu  lyden  ist  geboren, 
Bettes  un  synen  <  vt  ^resw  oeren, 
Er  moyß  lyden  byß  an  eyn  zyll, 
[ß  sy  wenych  "der  \  %  11. 

Wyß  v\l  und  wenych  Bage. 
Antwerl   nyt  aller  frage. 
Borgh  wenych  und   bezall  das  gar. 
Rede  wenych  and  hall  das  wayr. 
Lnych  nyi   und  byß  verswegen. 
Was  dyn  oyl  er  layß  lygen. 


304  NOLTE,  NIEDERRHEINISCHE  SPRÜCHE  UND  PRIAMELN. 

Der  en  iß  nyt  cloick 

Der  ym  selber  schaden  doyt. 

Der  yst  wyse  und  wail  gelert 
Der  alle  dynck  zu  dem  besten  kyrt. 
Darumb  habe  yn  eren  eder  man, 
Want  du  nyt  en  weyß  was  eynander  kan. 
Alß  manchman  kuinpt,  da  manchman  yß, 
So  en  weyß  manchman  nyt  wer  manchman  yß. 
Wyse  manchman  wer  manchman  were, 
Manchman  dede  manchman  ere. 

Gedecht  mancher  wer  er  were, 
Synß  groyssen  hoyffartz  wa}7l*)  entbere. 
Byß  darumb  nyt  zu  behende, 
Sych  vur  hyen  an  das  ende. 
Sucht  got      und  halt  syn  gebot. 
Byß  yn  s}^ner  lyeffden  fest, 
Das  yst  das  aller  best. 

Schoen  gebagen  und  wenych  doen, 
Mussich  gaen  und  vyl  verdoen, 
Groyß  obimgh  sonder  gebruychen, 
Wenych  han  und  vyl  versluychen, 
Atflayß  suchen  aen  ynnycheyt,. 
Bycht  sprechen  sonder  leyt, 
Vyl  gehoert  und  wenych  verstanden, 
Vyl  gegacht  und  nyt  gefangen, 
Vyl  gesehen  und  nyt  myrckeu, 
Das  synt  alles  verloren  wercken. 

Prelaten  dye  got  nyt  an  ensehent, 
Pryester  dye  de  helge  kyrche  flehent, 
Eyn  herr  frede  und  ungenedych, 
Eyn  frawe  schoen  und  dye  unstedych? 
Eyn  rychter  der  da  legen  leret, 
Eyn  schefl'en  der  das  recht  verkeert, 
Eyn  jungh  frawe  dye  froe  zu  metten  leufft, 
Eyn  herr  der  syn  lant  verkeufft, 
Dyt  synt  echt  Sachen 
Dye  seiden  wayl  gerachent. 

Eygennotz.  heymelich  haß.  und  eyn  junckrayt. 
verdei'bent  manchen  goden  staet. 

Der  nyt  engewynt  und  och  nyt  enhayt 
Und  all  dage  yn  des  wyrtzhuyß  gayt, 
Mich  hayt  wonder  wa  hee  yß  holt 
Dar  er  dem  wyrde  myt  bezalt. 
So  wer  sich  an  eyn  tayffel  wylt  setzen 
Und  sych  myt  dem  wyrde  wylt  ergetzen, 


*)  1.  er  wayl. 


L.  DIEFENBACH,  MITTELDEUTSCHE  PREDIGTBR1  CHSTt  CKE.       3(J5 

Der  sal  niyt  synem  budel  clynck( 
Und  sal  eyn  quart  gelden, 
So  en  darflf  yn  der  wyrt   oyt  scheiden. 
Wusß    lauff  und    graß    ;i!s    nyt    und    hasß, 
Koe  schayff  und  pert  weyten  dye  basß. 
Amen  sprach  dye  koe  zu  dem  s.men**) 
Kumpt  du  nyt  zu  myr.  so  komen  ich  zu  dyr. 
TRIER.  Dr.  NOLTE. 


MITTELDEUTSCHE  PREDI<  iTimUCIISTÜCKE. 


Die  nachfolgenden  Bruchstücke  fanden  sich  in  einer  Foliohand- 
schrift des  15.  Jahrhs.  (Nr.  1338  unserer  Karmeliterbibliothek).  Es 
sind  acht  Pergament-Quartblätter,  lt>  Seiten  zu  22  Zeilen,  ~  die  ein 
Buchbinder  verarbeitet  hat,  und  zwar  auf  zweierlei  Weise.  A  sind 
Quartblätter  auf  zwei  Halbbögen,  deren  Unterseiten  auf  die  Holzdecke] 
des  Einbandes  aufgeklebt  und  größtentheils  durch  die  Pressung  abge- 
druckt wurden.  Kein  Quartblatt  hängt  direct  mit  dem  andern  zusammen. 
B  sind  in  Streifen  zerschnittene  und  zu  Falzen  benutzte  weitere  Quart- 
blätter, welche  unter  sich  zusammenhängen.  A  hat  eine  unbekannte 
Hand  von  den  Deckeln  abgelöst,  ohne  B  zu  entdecken.  Die  Hand- 
schrift gehört  dem  13.  Jahrhundert  an,  die  Sprache  is1  mitteldeutsch, 
auf  Thüringen  speciell  weisen  die  häufigen  Infinitive  mit  abgeworfenem  n. 

FRANKFURT  a.  M.  L.   DIEFENBACH. 

A.  I.  1. 

1.  ist  abgeschnitten. 

2.  isl    ?    zu  deme  gotes  hus.   I><>  wart   Hermo 

-  bischof  zu  der  tat   im  dar 

4.  nach  bo  wart  philetus  sin   äuccessor  an  de 
5    me   äelben  ammete.   ufl  <1  i< •  anderen  iun 

6.  reu  die  wurden   '"  den  anderen  steten  gesazt 

7.  ze  meisteren,  ufl   da  bo  wurden  manegu 


teht  am  äußeren   Rande  von  einer  andern  Hand  mit  sehr 
Dinte:  I       v-  selbst  ist  von    i  iner 

r  soeben  1  Hand  mit  tlbei   der  Zeile 

and  Mi  m  au     n 

I  »•  t  P •  ireh    ein    I  bstabe  <  erloren   ge- 

■    i-t. 
. 


306  L.  DIEFENBACH 

8.  eeichen  follebraht  fon  in  in  unsers  herren 

9.  nainen.  da  bekarte  sich  allez  daz  lut  daz 

10.  irgen  in  deine  lande  was  zu  unserme  her- 

11.  ren  ihü  x.  Dirre  heilige  ap(l).s  mine  lie- 

12.  ben  der  gute  scs  iacob;  der  wart  geraar- 

13.  teret  umme  die  österlichen  cite.  so  wart 

14.  aber  du  cristenheit  alse.hute  ist  su  (1.  sin)  hoch  ge- 

15.  cite.  do  ouch  sin  lichamen  wart  enwek 

16.  gefürt  un  mit  den  himelischen  ceichenen 

17.  wart  gelobet  un  geeret  un  der  werlnte 

Ü8.  bewiset  ze  tröste  un  ze  gnaden.  Ouch  wirt 

19.  sin  hochgecit  hüte  gemeret  mit  deme 

20.  begenknisse  des  guten  sc!  xpofori  der 

21.  des  heiligen  geistes  fol  was.  un  der  den 

22.  heidenen  daz  gotes  wort  fore  sagete 

A.  I.  2. 

1.  ist  abgeschnitten. 

2.  tusent  zu  deme  waren  glouben  unsers 

3.  herren  ihü  x.  ze  iungest  wart  er  doch  be- 

4.  griffen  fon  me  kuninge  durch  den  namen 

5.  unsers  herren  un  wart  gebunden  mit 

6.  einer  ketenen.  un  wart  in  den  kerkere 

7.  geworfen  durch  die  gotes  minne.  un  do 

8.  mit  iserinen  besemen  ze  slagen.  un  dar 

9.  nach  so  wart  er  in  einen  gluentingen 

10.  ouen  geworfen,  da  uerlasc  daz  für  for 

11.  ime  fon  dere  gotes  crapht.  do  wart  er  do 

12.  an  deme  feltte  uf  gefazt  zu  eineine  zile. 

13.  da  schuzzen  die  mein  tetegen  zu  ime  al- 

14.  same  er  nie  mennesche  wurde,  zu  aller 

15.  lezzest  da  sluc  man  ime  daz  houbet  abe. 

16.  Da  bekarte  sich  der  kuninc  do  er  du  cei- 

17.  chen  ane  sach  die  unser  herro  got  begienk 

18.  durch  sines  mertereres  willen  des  gü- 

19.  ten  sc!  xpofori  des  tac  wir  hüte  be  gen. 

20.  un  gebot  daz  man  eine  kirchen  worhte 

21.  in  sei  xpofori  ere  uffe  sineme  eigene,  un 

22.  sazte  da  gotes  dienest  biz  an  disen  hüte- 


\lll  rELDE!    rS(  HE  PREDIGTBR1  CHS1  I  -  Kl  307 

A.  II.  1. 

1  abgeschnitten. 

l*.  antlizze.  im  Bullen  mit  ime  erbelinge  wer 

3.  den  sines  riches.  uu  do  di  (?)  >i  da  marterten 

4.  di  sulen  si  sehen  quele  ane  ende.  So  wir 
ö.  mine  lieben  daz  wole  wizzen  daz  dise  hei- 

6.  [igen  umlcr  den  engelen  schinent  wände 

7.  si  disen  lip  gaben  umme  den  ewigen  lip. 

8.  so  sul  wir  si  biten  da/,  wir  ire  also  file  ge- 
'.'.  ni'zzen  mu/.zen   daz  wir  den  sieh  behaben 

In.  fon  nn-ern  sunden.  im   da/,  wir  mit  de- 

11.  m> ■  guten  merterere  scö  laurentio  cttes- 

12.  lieh  teil  bruchen  muzzen  illa  gia.  qam 

1.").  oculus   non    uidit.   ii  a.  n.  I.  c.  h.  a.  In  assup 

14.  Quicumq;  conuenistis  [See  Marie. 

IT»,  bodie  in  honore  sce  Marie,  matris 

16.  dm.  toto  corde  inuocate  eam  ut  int^ce- 

17.  dal  pro  peccatis  nris.  Mine  lieben  alle  di( 

18.  hüte  liij  sin  zesamene  kumen.  in  die  ere 

19.  unser  frouwen  sce-Marie.  die  sulen  si  ane 

20.  rufen  mit  alleine  ire  herzen,  daz  su  uns 

21.  wegende  si   für  unser  sunde.  wände  wer 

*2'J.   liehe   su   ist   du    frouwa.   du   daz   heil   hat    hraht 

A.  II.  2. 
!.  abgeschnitten. 

jeheizen  maris  stella.  wände  su  alle  dise 
:;.  werbt  erluhtet  . . .  sul  .  .    a    .  te  ?    was(?) 

daz  mare  daz  alzouwes  i-i  an  der  bewegun- 

de.  um  Diemer  an  einer  stete  blibet.  alse 
ii.  wahe  sm  daz  oiemer  de-  .-.heu    |.  selben?    gesteht«    eruallen 

7.  Ion    deine    uite    d(  .    also    wahe    im 

8.  raichelee   baz   so  i  rschein  daz  heil  der  werln 
".'.  te  l.i  unser  frouwen  sce  .Marie,  do  si  <\>'v  en- 

10.  gel  minekliche  gruzte  uU  ire  bot«  n?) 

11.  da/  -ii  gölte  tragen  ein  heil  aller  der  werln 
]'J.  te.  Su  i-i  ein  wunderlich  zuuersicht  im  uffe 
l.i.  Dunge  allen  den  di  Bich  zu   ire  gehabenl 

II.  an  zu  ire  gnade  flehent.  sie  i-t  h  durch 

!.">.  di.-  im  er  herre  ihc   >cpc  ire  true  sun  allen 


308  L.  DIEPENBACH 

16.  den  ire  sunde  uer  gibet  di  su  ane  suchent 

17.  su  ist  ouch  du  sich  hüte  frouwet  under  den 

18.  choren  der  heiligen  engele.  for  gotes  ant- 

19.  lizze  mit  der  ewigen  frouwede.  Su  ist  du 

20.  uns  gebar  daz  ewige  liht  in  selbem  unsern 

21.  herren  ihm  xpm  gotes  sun.  fon  deme  ouch 

22.  alle  duse  werlnt  erluhtet  ist  gnadeklichen 

A.  III.  1. 

1-  gen mine  lieben  wände  dise  zue  (zuen.) 

2.  heiligen  luhtent  un  lebent  in  deme  ant- 

3.  lizze  der  ewigen  sunnen.  da  ouch  alle 

4.  die  sulen  geeret  werde  die  sinen  namen 

5.  minnent.  so  bitet  sie  flizzekliche  daz 

6.  wir  wirdek  werden  ire  gebetes  uil  daz 

m  itis 

7.  wir  fon  ire  wirden  teilnunftek  muzzen 

glä 

8.  werden  ire  gunlichheite  in  den  himelis- 

9.  chen  stulen.  Qua  oculs   n  uidit. 

10.  Dilectissimi  referendum  est 

11.  uobis  unde  dies  iste  habeatur  sol- 

12.  lempnis.  Mine  lieben  mit  kurzen  wor- 

13.  ten  so  sul  wir  iu  sagen  wan  abe  uf  deme 

14.  tac  si  gesazt  ze  begenne  ob  ir  habet 

15.  ze  hörne.  Dirre  tac  der  nist  niht  gesazt 

16.  umme  daz  ze  firne  daz  sc!   petrus  fon 

17.  den  banden  wurde  ledig  alse  hut  ist 

18.  wände  wir  lesen  daz  daz  er  umme  oste- 

19.  ron  wurde  erlediget  fon  den  banden 

20.  uö  fon  deme  engele  enwek  geleitet  wart 

21.  uzze  deme  kerkere  dar  inne(?)  so  sult 

22.  ir  frie  wole  wizzen  daz  dirre  tac  nist(?) 

A.  III.  2. 

1.  minst  dar  umme  gesazt  ze  begeenne. 

2.  sunder  dar  umme  daz  scä  eudoxia  du  ku- 

3.  ningin  sine  ketene  da  mite  er  gebunden 

4.  was  an  daz  cruce  ze  rome  bestatete  in 

5.  deme  altari  sei  petri  munsters.  Disen  tac 

6.  den  begiengen  romere  wilent  in  die  ere 

7.  augusti  cesaris  wände  er  den  sige  uaht 


MITTELDEUTSCHE  PREDIGTBRUCHSTÜH  KL  309 

8.  an  antonino  deme  rihtere  alse  hüte,  un 

S>.  durch  taz  so  sazten  si  disen  tac  ze  begeen- 

10.  ne.  uii  worhten  ein  munster  über  sin  grab. 

11.  un  sazten  den  tac  da  der  s.-ht.'s  mänt  ane 

12.  _''t  allez  in  der  heidenscheffe  was  dit.  im 

13.  begiengen  disen  tac  aller  gergelieh  har- 

14.  te  flizzekhche.  un  ire  after  kumelinge 

15.  ili  wider  nuweten  ie  den  tac  gergeliches. 

16.  Do  wart  de  der  heidenische  site  uerwan 

17.  delet  in  der  glaubegen  site.  als  wir  iu 

18.  du  sagen.   Eudoxia  du  keiserin  du  wolte 

19.  ze  ierl'm  fare  durch  ires  gebetes  willen. 

20.  im   tin  ungetruwe  iude  der  quam  ire 

21.  zu.  un  gab  ire  eine  getrmve  gäbe,  die 
l'l'.  ketenen  da  mite  herodes  hatte  scfn   pe 

A.  IV.  1. 

1.  ano  entwurte.  Der  gebot  daz  man  allez 

2.  sin   ingesinde  for  sinen  ougen  houbte.  un 

3.  daz  man  in  selben  wilden  pherden  an 

4.  den  zage]  strikte,  daz  in  die  färten  über 

5.  dorne  un  über  distele  also  lange  unze 

in  zume  tode  brehten.  Do  dit  allez 
7.   er  gienk  do  luib  sieh  deeius  uf  mit  vale 

ano  un  solten  faren  in  amphiteatrum 

'.'.  in  die  stat  in  den  werten  daz  si  di  cristen 

1<i.  heit  da  geminnereten.    ufi  sua  so  di  dechei- 

11.  oen  cristinen  funden.  daz  si  den  zu  den 

1 2.  m arten    zugen.  afl  alse  si  bede  uf  deme 

ren  ander  v.  wurden. 

11    -!  bi  fangt  □   bede  mit  deme  tufele.  uö 

15.  di  daz  in  Bei  laurentius 

16.  mit  iserinen  ketenen  tuunge.  so  rief  aber 

17.  der  ander  daz  er  föne  3Cö  ypolito  gern 

18.  get  «  art  valeri 

19.  anua  er  totel  fon  me  tufele.  da  forte 

20.  man  decium  widere  zu  -inen  phelenzen. 
l'1  .  im  dri  tage  bo  h  mfll   fonme  tu 

22.  feie,  wände  er  riei  daz  in  eine  w  i 


310  L.  DIEFENBAC1I 

A.  IV.  2. 

1.  scs  laurentius  ein  andere  w(ile)  scs  ypo(litus) 

2.  starke  marterte,  clo  ze  iungest  amme  drit- 

3.  ten  tage  wart,  do  wart  er  zeme  tode 

4.  braht  mit  der  meisten  not  die  ie  dechein 

5.  mennesche  dorfte  liden  un  wart  gefurt 

6.  in  daz  ewige  für  da  müz  er  iemer  sin 

7.  ane  ende.  Do  dit  gesach  sin  wip  du  hiez 

8.  triphonia  uii  ire  tohter  du  was  cirilla  ge- 

9.  nant.  un  siner  rittere  sehse  un  fierzek*). 

10.  di  gloubten  an  unsern  herren  ihm  xpm.  di 

11.  toufte  alle  scs  iustinus  pb'r.  da  uerschiet  tri- 

12.  phonia  des  andern  tages  do  su  an  ire  ge- 

13.  bete  lac.  di  anderen  di  wurden  alle  gemar- 

14.  teret  durch  unsers  herren  minne.  Mit 

15.  dirre  schare  mine  lieben  so  für   scs  lauren- 

16.  tius  uzze  deme  wige  unsers  herren  go- 

17.  tes  alsem  (als  ein?)  frume  uenre.  deme  folgeten  si 

18.  froliche  mit  deme  sige  zu  dere  untotli- 

19.  eher  cronen.  Dise  sint  die  von  grozzen  en- 

20.  gesten  un  noten  quamen.  un  ouch  wände 

21.  si  ire  (in?)  scö  laurentius  (?)  eigeneme  blute  hant 

22.  gewaschen  durch  daz  so  sint  si  geworden 

B.  I.  1. 

1.  scs  Nicholaus  ime  erschine  uf  deme  mere.  un 

2.  als  er  in  daz  wazzer  fiele,  daz  er  in  enthielde. 

3.  un  mit  sinen  banden  enphienge.  un  wie  er  in 

4.  gesunt  an  den  stat  brehte.  un  daz  er  in  al  rehte 

5.  bore  zu  sineme  munstere  hotte  geleitet.  Do  si 

6.  7.  abgeschnitten,  in  Mitte  von  Z.  7  nur  g  sichtbar. 

8.  der  tut  mit  sinen  heiligen.  Da  nam  des  kin- 

9.  des  tau t  do  daz  guldine  faz  im  andere  ma- 

10.  nege  herliche  gäbe,  uii  brahte  si   deine  guten 

11.  scö  Nicholao  ze  lobe  un  zu  eren  uB  für  widere 

12.  13.  abgeschnitten. 

14.  unsern  herren  gott  aller  siner  gnaden. 

15.  ez  was  ouch  ein  harte  richer  koufman.  der 


,:     17  um-/,  ,/,  ■  i.. ,,.,  ,,i/n  aurea. 


MITTELDEUTSCHE  PRFDIGTßRUCIISTÜCKE.  3H 

16 — 19  abgeschnitten,  auf  Z.  19  noch  g  sichtbar. 

20.  er  zu  eineme  iudcn.  uB  bitct  in  daz  er  ime 

21.  borge  wolte  einen  benanten  schaz.  Da  sprach 

22.  der  iude  daz  er  ime  ein  phant  setzte,  er  lihe 

B.  I.  2. 

1.  ime  sues  so  er  in  bete,  des  entuwrtete  ime  aber 

2.  der  koufman.  u"  er  sprach  er  ne  hette  niht   phan- 

3.  des.  wolde  er  einen  bürgen,  den  wolte  er  ime 

4.  gerne  sezzen.   do  fragte  der  iude  wer  der 

5.  bürge  were.  uii  ob  er  ime  getruwen  mohte 

G.  7.  abgeschnitten,  in  Mitte   von  Z.  7   nur  g  sichtbar. 

8.  guten  sein  Nicholaum.  ob  er  den  genemen 

9.  mohte.  Do  sprach  aber  der  iude.  ich  hören  so 

10.  mancg  tink  fon  ime  Nicholao  sagen  daz  er  getruwe  si. 

11.  ich  wil  in  gewisse  zu  eineme  bürgen  haben 

12.  13.  abgeschnitten,  auf  Z.  13  g  sichtbar  (nah  am  Ende) 

14.  do  mit  dorne  schazze  hine  un  here  für  imme 

15.  lande,  un  sich  fil  wole  hatte  er  holet  un  des 

16 — l'.'.  abgeschnitten,  auf  Z.  19   {nah  am  Anfange)  g  sichtbar. 

20.  also  daz  in  der  iude  beclagete  for  me  ge- 

21.  rihte.  da  lougenete  der  koufman  un  sprach 

22.  er  hette  ime  sin  golt  wole  uergolden.  uii 

B.  IL  1. 

1.  er  borgete  sin  gerillte  alda  for  al  der  werlnte. 

2.  Nu  fert  der  koufman  zu  un  nimet  einen  stab 

3.  uii  goz  daz  golt  dar  in  daz  er  deme  iudcn 

4.  gelden  soltc.  un  uermachete  ez  da  inne  harte 

5.  listekliche.  un  des  morgenes  do  er  zu  der 

6.  kirchen  gen  solte  da  er  daz  gerihte  leisten 

7.  solte.  da  gab  er  den  stab  deme  iuden  an  die 

8.  hant  ze  tragene.  for  al  der  werlnte.  un  gienk 

9.  zu  sei  Nicholai  altare  un  suur  daz  er  sinen 
I".  Imrgen  geledegel   Hette.  im  daz  er  daz  golt 

11.  hette  wider  gegeben   daz   er  geborget  bete. 

12.  Da  sprach  der  iude.  ich  wil  des  wole  getruwen 
1.;.  daz  mich  Nicholauß  wole  gereche  ane  dir. 

11.  Da    Main  er  sinen  stab  widere,   un   aiser  Erolich« 

15.  heim  gienk  mii   sinen  (runden,  under  \\e- 


312  L-  DIEFENBACH 

16.  gen  so  be  stimt  in  du  gotes  räche,  wände  er 

17.  sich  sines  nehesten  scaden  frouwete.  Da  begon- 

18.  de  in  san  so  sere  ze  slafferne  daz  er  sines  libes 

19.  necheinen  rat  wosse.  er  ne  slieffe.  da  legete  er 

20.  sich  släffe  rehte  alda  da  zuene  wane*)  ze  sa- 

21.  mene  giengen.  un  leget  den  stab  bi  sich  da 

22.  des  iuden  golt  inne  was.  sehet  mine  lieben 

B.  IL  2. 

1.  eingeladen  wagen  kumet  geuarn.  der  ne  mohte  weder 

2.  ein  halb  noch  ander  halb  hine  gefare.   noch  ne 

am  Baude    3#  mohten  V  den  rossen  die  knehte  V  niet  geciehe.  da  begonden  si 
segno  v.     4.  doch  ze  rufen  un  ze  klophene.  mit  nihte  sone 

5.  konden  si  in  rewekke.  da  farent  si  über  in.  un 

6.  zedrukken  in  aller  teiliglich.  daz  er  da  tot  lac. 

7.  da  wart  ouch  der  stab   zebrochen    der  bi  ime  lac. 

8.  da  fiel  daz  golt  uz  daz  des  iuden  was.  daz  er 

9.  ime  mit  unrehte  wolte  ane  gewinnen.  Do  lief 

10.  daz  lut  allenthalben  zu.  un  schouweten  daz 

11.  daz  wunder  daz  da  geschehen  was.  un  namen  daz 

12.  golt  un  gaben  ez  deme  iuden  wider,  da  gienk 

13.  er  in  daz  munster  mit  der  cristenheite  un  lo- 

14.  bete  unsern  herren  got.  u"  den  guten  scm  nicho- 

15.  lau  aller  siner  gnaden.  Dar  nach  so  globete 

16.  der  selbe  iude.  ob  sin  schuldege  lebende  wur- 

17.  de.  der  fon  sinen  schulden  tot  were.  er  wolte 

18.  sich  lazze  toufen  durch  sei  Nicholai  ere.  Owi 

19.  lieben  nu  merket  die  gnade  unsers  herren 

m-ita 

20.  ihü  x  un  di  wirde  des  guten  sei  nicholai. 

21.  Do  du  werlnt  an  ire  gebete  was.  un  unsern 

22.  herren  got  lobeten.  wartet  wa  der  koufman 

B.  III.  1. 

1.  gesunt  in  daz  munster  gienk.  deme  der  wa- 

2.  gen  alle  sine  gelide  hatte  zefürt.  un  for  in 

3.  allen  so  uer  iach  er  siner  misse  tete.  un  saget 

4.  in  .wie  er  gefarn  hete.  Do  dit  der  iude  gesach. 

5.  da  für  er  zu  un  liez  sich  toufen  mit  allcme 

6.  sineme  ingesinde.  un  geloubte  an  unsern  her- 

'  |  spa  rt  in  wagene, 


MITTELDEUTSCHE  PREDIGTBRUCHSTÜCKE.  313 

7.  reu  ihm  xpm.  alsus  wart  du  cristenheit  gerae- 

8.  ret  tegeliches.  un  alsus  wart  xpc  uii  sin  kncht 

9.  gelobet*)  iuder  cristenheite  der  gute  scs  nich. 

10.  Ouch   was  ez  ein  zolnere  ein  heiden.  der  hat- 

11.  te  ein  bildechin  gesniten  nach  deine  bilde  sei 

12.  Nicholai  im  kumet  ez  also,  daz  er  faren  solte 

13.  sines  kouffes.  nu  be  filhet  er  sinen  schaz  deine 

14.  selben  bildechine.  vB  aiser  sinen  wek  ge  für 

15.  des  selben  nahtes  do  er  widere  solte  kumen. 
IG.   do  quamen  die  diebe  un  uerstalen  irne  daz 
IT.   >ilbere.  Do  er  do  heim  quam  un  des  sehazzes 

18.  nine  fant.  do  begonde  er  zeweinene  un  ze  rüf- 

Bagellum 

19.  fene  über  allez  daz  hus.  Uli  nam  eine  geislen. 

20.  Uli  sluk  das  bilde,  un  isch  sinen  schaz  widere. 

21.  In  den  stunden  so  gesazzen  die  diebe  un  solten 

22.  den  schaz  teile,  da  er  schein  in  der  gute  scs  nich- 

B.  III.  2. 

1.  un  tuank  si  mit  drouwen  un  mit  äden  eise 

2.  daz  si  den  schaz  wider  trügen  des  nahtes. 

3.  Do  do  der  zolnere  fru  uf  stünt  un  sinen  schaz 

4.  fant  da  begonde  er  san  daz  bilde  zehelsene 

5.  un  zekussene  mit  michelere  frouwede.  da  er- 

6.  schein  ime  scs  Nicholaus.  un  manete  in  fon 

7.  deme  heile  der  sele.   daz  er  der  sele  gedehte. 

8.  Da  bekarte  sich  der  heidenische  man.  un  liez 

9.  sich  toufen  mit  alleme  sineme  ingesinde.  un 

10.  uffe  sineme  eigene  so  machete  er  eine  kir- 

11.  chen  in   sc]  nicholai   ere  da  inne  so  dinete 

12.  er  ime  biz  an  sin  ende,  un  bleib  in  unsers  her- 

13.  ren  ihü  x  lobe  al  di  wile  daz  er  lebete. 

14.  Do  man  do  mine  lieben  sei  Nicholai  Licha- 

15.  men  föne  mirrea  hine  ze  bare  fürte,  do  wur- 

16.  den  inne  wendek  einer  wochen  menneschen 

17.  gesunt.  in  gegen  zuenzegen  un  hunderten. 

18.  föne  blinden.1  föne  touben.  föne  stummen,   foni 

19.  halzen.  fon  den  der  lil>  dorrete.  fon  den 

20.  die  mit  deine  tafele  besezzen  waren,  un  mit 

21.  anderme  siehe  tagen  befangen  waren,  die 

22.  wurden  alle  gesunl   in  «leine  namen  im 


314       L-  DIEFENBACH,  MITTELDEUTSCHE  PREDIGTBRUCHSTÜCKE. 

B.  IV.  I. 

1.  herren  ihü  x  un  sines  bischoffes  des  guten 

2.  sei  Nicholai.  den  er  wole  hat  geeret  in  dirre 

3.  werlnte.  un  in  herliche  hat  gehohet  uii  besta- 

4.  tet.  under  sinen  engelen  in  deme  himel  riche, 

5.  Disen  heiligen  bischof  mine  lieben  den  riiffe  wir 

6.  7.  abgeschnitten.   Gegen  Ende  von  Z.  7  g  sichtbar. 

8.  ser  sele  iht  lazze  uerlorn  werdeN   oder  unsern  üb 

9.  mit  den  blutegen  mannen  uer  liese.  sunder  wir 

10.  müzzen  mit  ime  hören  des  lobes  stimme,  hören 

11.  un  muzzen  zele  unsers  herren  gotes  wunder 

12.  13.  abgeschnitten. 

14.  Glori  li  aplorum  Sermo 

15.  osi  prineipes  terre  quom  in  uita  sua 

16 — 19  abgeschnitten;  in  19  noch  j g  sichtbar. 

20.  für  er  an  dez  mere  in  galileam.  un  was  da  ein 

21.  fischere  un  begienk  sich  siner  hande.  also  noch 

22.  file  gute  lute  tünt.  biz  ane  die  stunde  daz  in 

B.  IV.  2. 

1.  unser  herre  ihc  xpe  ladete  zu  sich,  un  larte  in 

2.  mit  sinen  heiligen  Worten  wie  er  du  lute  solte 

3.  fahen  mit  deme   nezze  des  heiligen  euglij. 

4.  un  si  solte  uf  ciehe  zu  der  ewigen  ruwe.  Des 

5.  gefolgetc  er  ime.  wände  er  liez  beide  schief 

6.  7.  abgeschnitten,  auf  Z.  7  zwei  h  sichtbar. 

8.  er  sin  iungere.   unsers   herren  ihü  x.  dar  imune 

9.  so  larter  in  finde  die  stige  des  euuigen  libes. 

10.  un  machete  in  wirdck  zenphahene  die  zu- 

11.  kunft  des  heiligen  geistes.  un  dar  umme  so 

12.  abgeschnitten. 

13.  geren.  wände  er.  .  .  .  {Rest  abgeschn.) 

14.  ohein  siner  iungeren.  alse  wir  u  nu 

15.  wollen  (?)  heimeliche (?)  sagen  (?).  Do  unser  herre  ih'c 
16 — 18.  abgeschnitten. 

19.  were.  do  sprachen  si.  sumelichc  sprechen  daz 

20.  er  helyas  were  so  sprechen  aber  die  anderen 

21.  er  were  iohannes  babtista.  so  sageten  aber 

22.  andere  er  were  iheremias.  oder  ein   ander 


A.  EDZARDI,  ZUM  JÜNGEREN   HILDEBRANDSLIEDE.  315 


Xl'M  JÜNGEREN   HILDEBRANDSLIEDE. 


Selten  einmal  ist  es  uns  so  vergönnt,  einen  Blick  zu  thun  in  den 
Entwicklungsgang  unserer  Heldensage  wie  bei  dem  Kampfe  Meister 
Hildebrands  mit  seinem  Seime  Hadubrand.  Nicht  nur  hat  ein  glück- 
licher Zufall  jenes  bekannte  Fragment  eines  althochdeutschen  Gedichtes 
uns  erhalten,  sondern  wir  kennen  denselben  Stoff  noch  in  zwei  amiern 
Gestalten,  einer  prosaischen  in  der  mich  deutschen  Quellen  gearbeiteten 
ridrekssaga,  die  wahrscheinlich  in  der  ersten  Hälfte  des  X11I.  Jahrhs. 
abgefasst  ist,  ferner  in  einem  in  verschiedenen  Versionen  überlieferten 
Volksliede.  Über  das  Verhältniss  dieser  drei  zu  einander  soll  im  Fol- 
genden kurz  gehandelt  werden,  hauptsächlich  aber  will  ich  versuchen. 
das  bisher  wenig  erörterte  Verhältniss  der  einzelnen  Überlieferungen 
des  jüngeren  Liedes  zu  einander  klarer  zu  machen  und  daraus  die 
ältest-greifbare  Gestalt  des  Liedes,  so  weit  möglich,  zu  reconstruieren. 

Die  Überlieferung  des  jüngeren   Liedes  ist  folgende: 

1.   II  oehdeutsche  Texte: 

1.  Längere  Gestalt,  vollständig  im  Dresdener  Heldenbuche, 
ferner  Fragmente  schlechter  Hss.  aus  dem  (XIV.  und)  XV.  Jh.  (s.  Grimm 
die  beiden  ältesten  dd.  Gedd.  p.  4'.»).  Darnach  gedruckt  z.  B.  bei  Grimm 
a.  a.  ().,  Wackernagel  Lsb.,  Schade  Lsb.  341  u.  s.  f.  Ich  nenne  diese 
Gestalt  nach   dem   einen   bekannten  Schreiber  des  Dresd.  IIB.   K. 

2.  Kürzere  Gestalt:  nur  Drucke:  (s.  Unland  Nr.  132  und 
p.  1013,  viele  fliegende  Blätter  des  XV.  und  XVI.  Jhs.,  z.B.  das 
Baseler  (b)  aus  dem  XV.  .Jh..  der  Druck  im  Ambraser  Liederbuch  (a). 
Darnach  gedruckt,  z.B.  bei  Grimm  a.a.O.,  bei  Schade  Lsb.  339,  bei 
Rassmann  HS.  D  (nach  a).  Alle  diese  weichen  so  unbedeutend  von 
einander  ab,  daß  die  Abweichungen  für  die  folgende  Untersuchung 
kaum  in  Betracht  kommen.  (Die  abweichenden  Lesarten  gibl  Unland 
IV,  153  ff.).  Alle  zeigen  sich  deutlich  als  Zweige  eine.-  leicht  zu  recon- 
struierenden  Grundtextes,  den  ich  mit   //  bezeichnen  will. 

3.  Wichtiger  ist  die  Wernigeroder  IL.  W  des  XV.  Jhs.,  ed. 
Jacobs,  Büchersammlung  Ludwigs  Grafen  zuStolberg,  Wernigerode  1868 
Ich  habe  unten  auf  diesen  Text   noch  näher  einzugehen. 

IL  Niederdeutsch,   Druck  des  XVI.  Jhs.  I  LI.  kl.  8°.  :V2  Zeilen 
auf  der  Seite,  von   Bartsch,  Germ.  VII   284  ff.    abgedruckt    mit    ku 
Vorbemcrkuug.  Zu  vergleichen  isl  Gödekes  kurze  Erwähnung  im  W 
Jahrb.    IV  1  1     [cli  nenne  diesen  Text    \ 


316  A.  EDZARDI 

III.  Niederländisch,  Antwerpener  Liederbuch  Nr.  82*),  abge- 
druckt bei  Hoffmann,  niederländische  Volkslieder "  Nr.  1,  und  bei  Ver- 
wijs,  Bloomlezning  III  144  ff.  —  A. 

IV.  Dänisch  (Udvalg  afdanske  Viser  II,  181)  bei  Grimm  p.  56  ff. 
gedruckt,  offenbar  Übersetzung  eines  deutschen  Originals.  —  D. 

Endlich  die  ridrekssage.  von  der  cap.  406—409  (bei  Unger)  in 
Betracht  kommt,  nenne  ich  Ps.  —  Zu  vergleichen  ist  noch,  außer  dem 
angeführten  Werke  der  Brüder  Grimm,  Grimm  HS.  23  ff.,  257,  363  ff. ; 
Rassmann  HS.  II  640  ff.  und  Schades  Vorbemerkung  im  Lsb.  339. 

Was  das  V  erhältniss  der  Ps.  zu  den  beiden  deutschen 
Gestalten  betrifft,  so  fällt  gleich  in  die  Augen,  daß  sie  nicht  auf 
die  uns  überlieferte  Gestalt  des  alten  Liedes  zurückgehen  kann,  denn 
außer  ganz  allgemeinen  Gesichtspunkten,  nämlich  Kampf  des  Vaters 
mit  dem  Sohne  nach  vorhergegangenem  Zwiegespräch,  findet  sich  kaum 
etwas  aus  dem  alten  Liede  in  der  Ps.  wieder.  Vielmehr  ist  grade  das 
Hochtragische  der  Situation  im  alten  Liede  —  daß  derVater  den 
Sohn  kennt,  und,  obgleich  er  alles  mögliche  gethan  dem  Kampfe 
auszuweichen,  doch  mit  ihm  kämpfen  muß  —  ist  gerade  dieß  in  der 
Ps.  ganz  verdunkelt.  Es  handelt  sich  da  nur  darum,  wer  zuerst  seinen 
Namen  nennt.  Der  Alte  nennt  sich  nicht,  was  er  im  alten  Liede  doch 
thut.  Außerdem  zeigt  er  in  der  Ps.  wie  im  jüngeren  Liede  eine  ge- 
wisse Lust,  sich  mit  dem  Sohne  zu  messen.  Auch  bleibt  es  doch  wohl 
zweifelhaft,  ob  er  seinen  Sohn  in  dem  Gegner  erkennt;  nach  der  ge- 
nauen Beschreibung,  die  ihm  von  Alebrand  cap.  406  gegeben  ist,  müsste 
er  es  wohl,  aber  cap.  408  heißt  es:  ok  kennast  nii  vid,  wo  freilich  B 
kannast  hat,  csich  mustern'.  Der  schwedische  Text  (ed.  Hylten-Cavallius) 
kann  an  dieser  Stelle  nicht  zur  Vergleichung  herangezogen  werden.  — 
Dagegen  stimmt  die  Ps.  mit  dem  jüngeren  Liede  sowohl  in  den  Hauptzügen, 
wie  man  sich  leicht  überzeugt,  als  auch  in  Einzelheiten  so  genau,  daß 
dasselbe  in  einer  im  Wesentlichen  wenig  abweichenden  Gestalt  vorge- 
legen haben  muß.   Als  Übereinstimmungen  im  Einzelnen  führe  ich  an : 

A4,  3:  Ps. 

du  solt  im  freundlich  zusprechen  ef  pü    hittir    pinn    son    AHbrand* 

K.  und  sprich  zu  im  ein  freundlich     mcel  viä  kann  kurteisliga    (schwed. 

wort  cap.  350 :  tala  hoeffvisliga  ti '  honum). 

N.  5,  4  =  A:  Wat  ücistu  olde grise      Alibrandr    mselti:   Hvcrr   er  pessi 
in  mincs  vaders  lant?  hinn  gamli  madr? 


*)  „Auch  in  einer  P;i]>.  Hdschr.  der  burgund.  Bibl.  zu  Brüssel,  1425,  schm.  Fol." 
Ubland  a.  a.  0.  p.  1013. 


ZUM  JÜNGEREN    BILDEBRANDSLIEDE. 


317 


II.  S,  .".  (/,-';/  hämisch   >nnl  dein grü- 
nen schilt  mustu  mirhie  auff- 

gehen, —  wiltu   bt 

halten  dein  '•>  &<  n. 

* 
//.  10,  4.  Den  schlag*)  lert  dich  ein 
vt'ib. 

* 
A.  12,  3:  Hi  nam  hem  in  sijn  mid- 
dele,  al  daer  hi  smaelste  was, 
Hi  worp  hem  nieder  te  rugghe 
al  in  dat  groene  gras. 


408Anfg.:   Segg  skjott   pitt    heiti 
ok  gef  up  pin  vdpn 

h. 

jid  slcalt  Ji/'i   lialda   Uli  jn.ii.tr. 

petta  slag  mint  per   Jcent    hafa   |>in 
kona  oc  eigi  pinu  fadir. 

* 

p.  346  unten: 

ok  soekir  hinn  gamli  svä  fast,  at 

m'i  fellr  hinn  ungi  tiljardar,  ok  hinn 

gamli  d  Unna  ofan. 


A.  13,  3:  Spreect  nu  uw  biechte —  p.  347  oben:     . 

sidi  van  den  wolvcn,      Legg  mer  skjutt  ])itt  heiti  ok  bina 

ghenesen  moocht  ghi  sijn.  aett,  ella  skaltu  lata  pitt  Hf.  — 

*  * 

Im  jüngeren  Liede  nennt  sich  Alebrand,  nachdem  er  überwunden 
ist,  zuerst,  in  der  Ps.  aber  Hildebrand,  trotzdem  stimmt  fast  wörtlich : 
H.  15,  1:  Meist   deine  mutter  frau      ef  pü  ert  Alibrandr  minn  son,  pd 

Ltte...  so  bin  ich  Hildebrand      em  ek  HildibranäW  pinn  fadir. 

der  alte,  der  liebste  vater  dein. 

*  * 

A.  20,  1:   Si   nam    hem    in    hären      Cap.  40!  •:  Hon  leggr  sina  Im  da  ar- 
armen.  ma  um  hals  Hildibrandi. 

Man  siehl  hieraus  leicht,  daß  das  jüngere  Lied  in  der  uns  er- 
haltenen Gestalt  der  Ps.  schon  vorgelegen  haben  muß.  Da  nun  die  Ps. 
wahrscheinlich  in  der  ersten  Hälfte  des  XIII.  Jhs.,  etwa  1240 — 1250 
verfasst  ist,  so  müssen  wir  die  Entstehung  unseres  Liedes  in  den  An- 
fang  des  XIII.  Jhs. ,  wenn  nicht  früher,  setzen.  —  Line  weitere  Be- 
stätigung  dieser  Annahme  bietet  die  von  Grimm  angeführte  Stelle  in 
Wolfr.   Wh.  439,  10: 

Rennewart  kom  durch  den  pfasch 

■/.<■  fuoz  geheistierl   her  nach , 

du  er  mit  manger  rotte   sach 

sau  n   vater  ä\  n  alten 

der  jugenl  geliche  halten 

mit  unverzagetem  muote. 

meister  Hildebrands  vrou   Uote 


achlag  a  |       .-1  .'•■  .  andere  straich. 


■}|S  A.  EDZARDI 

mit  tri  iure»  nie  gebeite  baz, 

denn  er  tet  maneger  storje  naz 

mit  bluote  begozzen. 
die  man  doch  wohl  auf  das  jüngere  Lied  beziehen  muß*).  Übrigens 
finden  sich  auch  abweichende  Züge  einmal  in  der  P$.,  wo  der  Verf. 
freilich  vieles  zugesetzt  haben  mag;  doch  z.  B.  die  Motivierung  des 
Ausrufes:  'den  Schlag  lehrt  dich  ein  Weib!'  —  nämlich,  daß  Alebrand, 
während  er  seinem  Vater  sein  Schwert  zu  überliefern  verspricht,  hinter- 
listig auf  denselben  einhaut  —  ist  gewiß  altüberliefert,  auch  wohl  die 
Erwähnung  der  Rosse,  wozu  D  stimmt  (s.  unten).  —  Andrerseits  hat 
auch  das  Lied  in  seinen  verschiedenen  Gestalten  viele  abweichende  Züge, 
von  denen  einige  wie  altüberlieferte  aussehen,  daß  Hildebrand  einen 
Ring  als  Erkennungszeichen  in  den  Becher  fallen  lässt  (s.  jedoch  unten) 
Alebrands  Ausruf: 

Ach  vater,  liebster  vater,  die  wunden,  die  ich  dir  hab  gschlagen, 
Die  wolt  ich  dreimal  lieber  in  meinem  haubte  tragen; 
das  Sprichwort  von  den  alten  Kesseln  und  manches  andere.  Aber  das 
kann  leicht  täuschen,  und  sicher  würde  sich  der  Sagaschreiber  nicht 
alle  diese  Züge  haben  entgehen  lassen,  wenn  sie  schon  alle  in  seiner 
Quelle  gewesen  wären. 

Der  niederländische  Text  A  weicht  ziemlich  bedeutend  von 
einem  Theil  der  andern  ab,  stimmt  aber  in  diesen  Abweichungen  im 
Wesentlichen  mit  K,  während  von  den  übrigen  Überlieferungen  sich 
bald  diese,  bald  jene  an  AK  anschließt.  So  stimmt  in  der  noch  zu 
besprechenden  wichtigen  Stelle  Str.  12  u.  13  AK  mit  W  gegen  HND, 
14,  4  mit  H  gegen  WND,  im  g-Anlaut  des  Namens  Gude,  Goedele 
mit  ND  gegen  HWund  Ps,  welche  Ute,  Utte  und  Oda  haben.  Wichtig 
ist  noch,  daß  die  Strophe,  welche  A  zwischen  16  und  17  mehr  hat 
als  WHND  dem  Sinne  nach  auch  in  K  sich  findet,  freilich  in  breiter 
Ausführung;  es  handelt  sich  dabei  um  das  Scheingefecht  vor  der  Ute 
und  die  Heimführung  des  Alten  als  Gefangenen.  AVie  hier  hat  K  auch 
sonst  Plusstrophen,  nämlich  eine  zwischen  4  und  5  und  viele  nach 
dem  Ende  zu,  wo  bedeutend  geändert  ist.  In  andern  Fällen  stimmt 
aber  K  gegen  A  mit  andern  Redactionen,  nämlich  außer  Str.  13  Anfg. : 
A  6,  4  Mit  enen  hupschen  ghelude  K  pei  einer  heissen  glute 
N.  Ali!   einem  snellen  lüde  H  Wuber  einer  heissen  glut  (u.  ähnl.) 


*)  Daß  man  sie  nicht  wohl  auf  den  verlorenen  Schluß  des  alten  Liedes  be- 
ziehen darf,  folgt  daraus,  daß  jenes  schwerlich  einen  dem  jüngeren  Liede  ähnlichen 
Schluß  mit  gütlicher  Lösung  gehabt  hat  (worüber  unten   mehr). 


ZUM  JÜNGEREN   BILDEBRANDSLIEDE.  3ig 

A  9,4.  Ende  wat  si  daer  bedreven,      K.  Wes  si  begerten  forten, 

il.it  suldi  wcl  verstaen.  di  s  wurden  si  gewert. 

was   im  Wesentlichen  mit  HW  stimmt.    1)  hat:  <  )g   saa  begyndte   de 
at   fegte,  det  hoste  de  havde  laerd. 

Wahrscheinlich  ist  also  nicht  A  unmittelbare  Quelle  von  K  — 
dessen  Tendenz  ja  auch  sonst  nicht  ist  zuzudichten,  sondern  zu  kürzen 
—  sondern  beide  gehen  wohl  auf  eine  (vielleicht  niederdeutsche?) 
Quelle  zurück,  A  unmittelbar,  JTdurch  Vermittlung  einer  (hochdeutschen?) 
Bearbeitung. 

N  und  //  stehen  sieh  ziemlich  nahe,  doch  ist  auch  von  diesen  wohl 
keines  unmittelbare  Quelle  des  andern.  Bartsch  nimmt  an,  daß  der 
niederdeutsche  Text  aus  dem  hochdeutschen  übersetzt  sei,  und  glaubt 
dieß  durch  die  Reime  stützen  zu  können.  Die  Reime  sind  aber  sehr 
frei,  stellenweise  auch  schlecht  überliefert,  so  tisch  :  vil,  :  unbillich, 
wit  :  wib,  hof :  noch,  schilt  :  ging  u.  s.  f.  Einige  Reime  könnten  zwar 
für  das  höhere  Alter  des  hochdeutschen  Textes  sprechen,  so  sagen: 
erslagen  Str.  19,  rät  :  hat  Str.  16,  doch  auch  nicht  nothwendig.  Die 
Reime  zeit  :  rait  Str.  17  und  reiten  :  haide  dürfen  aber  kaum  angeführt 
werden,  da  an  der  Grenzscheide  des  XII.  und  XIII.  Jhs.  und  im  An- 
fange des  XIII.  —  in  diese  Zeit  aber  fallen  diese  Reime  unseres  Liedes 
nach  dem  oben  gesagten  —  die  Formen  doch  wohl  noch  ziten  und 
riten  lauteten*).  Die  Reime  würden  also  nach  dem  usus  der  freieren 
Reimkunst  im  Xd.  noch  erträglich**),  im  Hd.  aber  kaum  möglich  sein. 
Ebenso  ist  mi  :  diu  Str.  8  ein  nicht  auffallender  Reim,  mir:  diu  aber 
würde  es  sein.  Nur  nebenbei  erwähnen  will  ich,  daß  tacÄ  :  gesach  Str.  1 
im  Nd.  besser  reimt,  ohne  daß  dieß  freilich  beweisend  wäre.  Auch  die 
Überlieferung  gemach  :  gesacÄtf  in  N  (und  .1)  gibt,  wie  mir  scheint, 
bessern  Sinn  als  die  von  II  (und  W)  gemach  :  gesatzt,  ohne  daß  ich 
auch  hierauf  viel  geben  möchte.  Nur  möchte  ich  mit  dem  angeführten 
die  Ansicht  begründen,  daß  die  gewöhnliche  Annahme,  X  sei  einfach 
aus  H  übersetzt,  kaum  als  wahrscheinlich,  zum  mindesten  nicht  als 
sicher  erwiesen  gelten  kann.  Ich  glaube,  daß  auch  hier  beide  auf  eine 
gel neinsame  Quelle  zurückzuführen  sind  und  zwar  wahrscheinlich  auf 
eine  niederdeutsche    (oder   mitteldeutsche),    schon    der  geographischen 


*)  Nur  im  BairiBch  i  bischen   tritt   bekanntlich    um  diese  Zeil    schon  <Ii'' 

Verbreiterung  des  i  zu  ei  auf.  Dafi  unser  Lied  abei  gerade  dort  verfassl  sei,  wird  sich 
Bchv  i  rlich  nachweisen  lassen. 

**,    ,  onanz    zwi  chen    den    verwandten   Vocalen    ■    and  i   darf  mau   mit 

gleichem   i  nehmen  wie  zwi  ind  ",    <\i<i  auch  im  stumpfen  Reime  vor- 

kommt, /..   B.   Roth.   3339  M. 


32U  A-  EDZARDI 

Verhältnisse  wegen,  weil  sich  etwa  von  Sachsen  aus  die  Verbreitung 
nach  Norwegen,  Dänemark,  Niederland,  Mittel-  und  Oberdeutschland 
am  leichtesten  erklären  würde.  —  Dazu  kommt,  daß  einzelne  sprach- 
liche Momente  auf  das  Niederdeutsche  weisen.  So  ist  das  'sprach  sicH 
Str.  1  (und  2),  cerschrack  sicti  Str.  10  vorzugsweise  niederd.  (Grimm 
Gr.  IV  36  f.).  Ferner  ist  zu  beachten,  daß  in  i\T  (und  i)  der  Reim 
Str.  13  rot  :  spot  (rok  in  N  ist  wohl  verderbt)  gegen  räm  :  man  H,  : 
getan  W  steht  (K  ran  :  dergän;  D  smitte).  Ob  räm,  d.  h.  was  sieh 
oben  auf  ansetzt  = 'Schmutz',  'Ruß'  dem  Mnd.  ganz  fremd  ist,  weiß 
ich  nicht.  Wie  Herr  Dr.  Lübben  mir  freundlichst  mittheilt,  ist  ihm 
främ'  in  dieser  Bedeutung  im  Mnd.  nicht  begegnet.  Dagegen  ist  spot 
(Glück),  welches  fürs  Ahd.  als  spuot  (f.)  bei  Graff  VI  317  ff.  noch 
zahlreich  belegt  ist,  im  Mhd.  kaum  oder  ganz  vereinzelt  fremd,  findet 
sich  aber  außer  im  Niederl.  (Verwijs  IV  120)  im  Altniederd.  im  Hei. 
1901  Mund  3455 C,  wo  allerdings  wie  im  Ahd.  spot  an  der  ersteren 
Stelle  fem.,  während  an  der  andern  Stelle  aber  das  Geschlecht  nicht 
ersichtlich  ist  wie  es  im  Niederl.  und  in  unserem  Liede  in  A  und  N 
masc.  ist.  Ebenso  gehört  es  dem  Mnd.  an*).  Falls  dieß  Wort  nun 
im  Mhd.  nicht  mehr  vorkommt,  wäre  es  sehr  erklärlich,  daß  in  II 
und  IF  der  niederd.  Reim  in  räm  :  man,  (:  getan)  verändert  wäre, 
während  umgekehrt  kaum  glaublich  ist,  daß  der  Reim  roet  :  spoet  statt 
des  ursprünglichen  räm  :  man  in  A  und  N  gleichmäßig  aufgenommen 
wäre,  an  einer  Stelle,  wo  sonst  gerade  A  und  N  wesentlich  von  ein- 
ander abweichen.  Zwingende  Beweise  glaube  ich  freilich  hiermit  nicht 
beigebracht  zu  haben,  doch  meine  ich,  daß  mehr  für  ein  niederd.  als 
für  ein  hochd.  Original   spricht. 

Wichtig  ist  die  Stellung  von  W,  welches,  wenn  auch  in  ziemlich 
schlechter  Überlieferung,  doch  die  älteste  Gestalt  unter  den  hochdeut- 
schen Überlieferungen  zu  haben  scheint.  W  stimmt  in  wesentlichen 
Zügen  mit  AK,  namentlich  in  den  wichtigen  Strophen  12  und  13  gegen 
HN  einerseits  und  D  andrerseits;  auch  auf  das  'gefangen  Str.  17.  4 
ist  zu  verweisen.  Dagegen  14,  4  stimmt  W  mit  ND  gegen  AK  und  H, 
ferner  in  der  Form  Utte  ohne  vorgeschlagenes  g  mit  H  und  der  Psm 
gegen  AK  und  N I).  —  Im  Ganzen  steht  W  einerseits  II,  andererseits 
A  I)  nahe,  für  alle  drei  haben  wir   eine   gemeinsame  Quelle  X3  anzu- 


*)  Herrn  Dr.  Lübbens  freundlicher  Mittheilung  entnehme  ich,  daß  spot  (und 
zwar  masc.)  in  obiger  Bedeutung  im  Mnd.  nicht  selten  ist,  aber  mehr  der  westlichen 
Grenze  desselben  angehört.  Es  steht  z.  B.  Lüb.  Chr.  1,  497;  epist.  Euseb.  f.  9  (mscr.) 
u.  s.  f.  Auch  in  Compositionen  erscheint  es  nicht  selten. 


ZUM  JÜNGEREN  IIILDEBRANDSLIEDE.  321 

nehmen  (über  eine  andere  Möglichkeit  vergleiche  unten),  die  wieder 
mit  A  und  der  Vorlage  von  K,  welche  Y  heißen  soll,  auf  einen  ge- 
meinsamen Grundtext  zurückgeht,  den  ich  X2  nennen  will,  dem  sieh 
TT  meist  getreuer  anschloß  als  ND  und  11.  Dieß  A"-  steht  dann  parallel 
mit  der  Ps.,  denn  auch  auf  X2  kann  die  Ps.  noch  nicht  zurückgehen, 
beide  müssen  wieder  aus  einer  gemeinsamen  Quelle  geschöpft  haben 
die  ich  X  nenne,  und  welche  sonach  die  ältest-erreichbare  Gestalt 
unseres  Liedes  sein  würde. 

D  stimmt  am  genauesten  mit  AT;  einzelne  Abweichungen  beruhen 
gewiß  auf  willkürlichen  Änderungen  des  Übersetzers;  in  einem  Falle 
scheint  aber  I)  die  ursprüngliche  Lesart  allein  erhalten  zu  haben, 
nämlich  9,  3  hat  N  mit  AK  und  II W  stimmend: 

Se  leten  von  den  worden,  se  tögen  twe  skarpe  swert. 
D  aber  hat:  De  stode  af  begge  deres  Heste,  de  toge  til  de  sharpe  Svard , 
und  Letzterem  entspricht  genau  in  der  schwed.  Ps.  cap.  351 :  Sydhan 
sprango  dhe  af  thera  hästa  ok  drogo  thera  svaerdh  ok  kämpadhe  manna- 
ligha  (und  hiernach  die  Peringskjöldske  Ausgabe,  der  Grimm  folgt, 
s.  Unger  p.  XXII).  Die  Hss.  A  und  B  der  altn.  Ps.  (Unger  cap.  407) 
haben  eine  erweiternde  Ausführung;  doch  stehe  ich  nicht  an  hier  den 
schwedischen  Text  für  ursprünglicher  zu  halten.  In  A  heißt  es:  ok 
hinn  gamli  hleypr  pegar  af  balei  hvatlega  ok  bregdr  sinu  sverdi  ok  slikt 
sama  hinn  yngri.  gengu  nü  saman  ok  berjast  lang  hrid\  (Zu  beachten 
ist  noch  A.  10,  3  syn  pa^rt  dat  sprang  to  rugghe).  Die  Lesart  der 
übrigen  Texte  ist  freilich  ansprechender  und  die  Wendung  ist,  wie 
Unland  IV,  157  anführt,  eine  sehr  gebräuchliche,  aber  gerade  deßhalb 
konnte  sie  wohl  hineinkommen,  indem  vielleicht  aus  den  Pferden  (paer- 
den)  durch  Verdrehung  Von  den  worden  ward.  Jedenfalls  meine  ich, 
wo  irgend  eine  Überlieferung  mit  der  Ps.  wörtlich  stimmt,  darin  das 
echte  sehen  zu  müssen. 

Um  das  von  mir  angenommene  Verhältniss  der  verschiedenen 
Überlieferungen  untereinander  zu  veranschaulichen,  aber  nicht  als  ob 
ich  es  in  allen  Einzelheiten  für  sicher  erwiesen  hielte,  stelle  ich  das 
folgende  Schema  auf,  indem  ich  hinzufüge,  daß  zwischen  A  und  N 
noch  eine  spätere  Berührung  stattgefunden  haben  muß,  welche  der 
Pfeil  andeuten  soll ;  dafür  sprechi  □  die  Stelleu  4,  3;  —  G,  4;  —  7,  2;  — 
8,  1,  welche  man  unten  vergleiche.   Vi*  Ileichl  isl  aber  das  untenstehe 

ma  vorzuziehen: 

vir  (xix.)  ■  21 


322 


A.  EDZARDI 


u.  s.  f. 


Zu  beachten  ist 
eineÜbereinstim- 
mung  von  A  mit 
K,vonWmitND, 
ganz  besonders 
aber  von  W  oder 
ND  mit  AK. 

Ehe  ich  mich 

daran  mache,  die 

Strophen   der 

Reihe  nach 

durchzusehen,   hebe  ich  drei 

bedeutendereAbweichun- 

g  e  n  heraus : 

1.  Strophe  12  und  13  lau- 
tet in  AKW  wesentlich  anders 
als  in  HN,  D  hat  eine  von 
beiden  Gruppen  abweichende 
Anordnung: 

A  hat:  12   Het   quam   so   dat 
den  ouden  liet  sin- 
ken sinen  schilt, 
So  dat  hie  den  jonghen  Hillebrant  sijn  swaert  al  underghinc; 
Hi  nam  hem  in  sijn  middele,  al  daer  hi  smaelste  was, 
Hi  worp  hem  neder  te  rugghe  al  in  dat  groene  gras. 
13  So  wie  hem  selven  aen  den  ketel  wrijft,  hi  heeft  gaerne  van 

den  roet, 
So  hebt  ghi  gedhan,   ghi  jonghe  helt,  hier  teghen  uwen 

wederspoet*). 
Spreect  nu  uw  biechte,  uw  biechtfader  wil  ic  sijn, 
Dats,  sidi  van  den  wolven,  ghenesen  moocht  ghi  sijn. 
Hiermit  stimmen  im  allgemeinen  K  und  W;   in  PF  lauten  die  Strophen: 
12  Er  licsz  sinen  grünen  schilt  sincken  in  den  sant. 

Ich  weisz  nit,   wie   der  alte  dem  jungen  das  schwert  [entwant]. 
Er  begriff  in  in  der  mitte,  dar  (Hs.  das)  er  am  schwechsten  was, 
Er  warf  in  zu  der  erden  wol  in  das  [grüne  gras]. 


b  u.  s.  f. 


*)  Wo  wohl  Textverderbniss   anzunehmen   und   etwa   zu   lesen   ist:  'hier  weder 
uwen  spoet'  (s.  d.  Anmerkung  bei  Verwijs). 


ZUM  JÜNGEREN   BILDEBRANDSLIEDE  323 

13  Der  sich  an  alte  kessel  ribt,  der  entphacht  gern  den  ram, 
So  sag  du  mir,  vil  junger,  alsz  hast  du  mir  getan. 
Gib  mir  uf,   diu  bichtvatter  wil  ich  wessen, 

Bistu  daii  der  Wülffingen  einer,  vor  mir  so   machst  wol  genessen. 
Dagegen  hat  .V  (wozu  //  im  Allgemeinen  stimmt): 

12  He  grep  en  in  dat  middel,  dar  he  am  Bmalsteu  was, 
He  swanc  en  under  sick  tö  rugge  al  in  dat  gröne  gras. 

Nu  segge  mi,  vel  junger,  diu  bichtvader  wil  ick  wesen  (Hs.  synn), 
Bistu  ein  jung  Wulfinger,   van  mi  raachstu  wo!  genesen. 

13  De  sick  an  olde  ketel  rivet,  de  entfengt  gerne  rö/c, 

S     hefstu  gedän,  vel  junger  helt,  hir  gegen  dinen  spöt. 
Nu  sprick  noch  üf  diu  sunde,  din  btchtvader  wil  ick  sin, 
Bistu  van  des  wulves  gesiechte,  dat  shal  baten  dat  leven  din. 
D  endlich  hat: 

12  Hvo  sig  paa  gamel  Kedel  skurer,  hau  fanger  gjerne  Smitt'e': 
Det  siger  jeg  dig,  du  unge  Mand,  saa  skeer  dig  i  dag  paa  mig. 
Hau  grep  hannem  midt  udi  sin  Midie,  alt  som  han  smalist  var, 
Hau  slog  hannem  tilbage  udi  det  grönne  Graes. 

13  Det  var  den  gamle  Hildebrand,  han  slog  til  hannem  igjen, 
l!an  slog  hannem  tilbage;  han  faldt  til  Jorden  ned; 

Du  skrift  for  mig,  du  Ulfe-Unge,  din  Skrifte-Fader  wil  jeg  hede, 
(  »_  est  du  end  en  Ulfe  Unge,  af  mig  skalt  du  ikke  aede. 
Bezeichnet  man  die  Halb  Strophen  »in  Ä  mit  1.2.3.4,  so  ergibt 
sichfolgende  Stellung:  4 ZTF  1.  2.  3.  4;  HN2.  4.  3.  4;  D  3.2  —  2.4. 
Die  erste  Hälfte  der  Strophe  12  ist  zwar  nicht  gerade  nothwendig, 
aber  sehr  passend,  da  sie  das  folgende  eigentlich  erst  erklärt;  daß  sie 
in  AK  und  IT  steht,  ist  entscheidend.  In  N  und  //  fehlt  sie;  dafür 
steht  da  in  beiden  Strophen  in  der  zweiten  Hälfte  ziemlich  dasselbe, 
beidemal  verlangt  der  Alte  ziemlich  mit  denselben  Worten  dem  Jungen 
die  Beichte   ab.    D  wiederholt    sich   in   anderer  Weise:  es  scheint  ein 

srungsversuch  des  Textes  N  zu  sein.  —  Schade  hat  gewiß  recht, 
wenn  er  die  Fassung  voll  A  K  (und  IT)  für  die  ursprünglichere  hält. 
In    dieser  Fassung   schließt    sich    das    folgende  'du    sae.;sl    mir   vil  von 

i!  besser  an  an  'Dats,  sidi  van  den  wolveri  als  in  //,  nicht  in  N, 
das  hier  wohl  in  Übereinstimmung  tnil  .1  das  Ursprüngliche  bewahrt  hat. 

2.  Den  Namen  Alebrand  kennen  einige  Überlieferungen  nicbl 
mehr,  dafür  Bteht 'der  junge  Hildebrand',  bo  AN  nichl  l'i  und  <<. 
!  ist  wohl  zufällige  Übereinstimmung. 

2.  Str.   11,  1  stimmt  ND  mit    ü  AK  und   //.     Dies«    er 

steren  drei  haben  nämlich  hier  die  Erwähnung,  daß  Alebrand  Beinen  Vater 

21  • 


394  A.  EDZARDI 

nie  gesehen,  welche  in  den  anderen  fehlt:  ick  hebbe  en  nicht  gekant  N; 
mein  Fader  mig  aldrig  saa  D-  ich  gesach  in  mit  ongen  nie  W. 

Nunmehr  gehe  ich  die  Strophen  der  Eeihe  nach  durch  und  greife  die 
wichtigeren  Abweichungen  heraus.  Wie  schon  bemerkt,  weichen  die  ver- 
schiedenen hochdeutschen  Drucke  der  kürzeren  Gestalt  so  unbedeutend 
von  einander  ab,  daß  ich  darauf  nicht  einzugehen  brauche.  Im  Ganzen 
haben  wir  drei  Gruppen  AK,  ND  und  II:  TP  sehließt  sich  bald  dieser  bald 
jener  von  ihnen  an,  meist  aber  den  beiden  letzteren  oder  einer  von  ihnen. 

Str.  1.  32  Jahre  HWS,  33  DA,  30  K  Letzteres  ist  wohl  die 
richtige  Lesart,  wie  schon  Grimm  aus  der  Vergleiehung  der  Worte  des 
alten  Liedes:  'summaro  enti  wintrö  sehstic    geschlossen  hat. 

Str.  2.  Amelung  II N  (Amelon  a),  Ambelung  W\  Abelaen  A,  Abe- 
lan  Ä",  Abelon  D.  Hier  stimmt  also  AK  mit  D  in  einer  Namenverdrehung 
tiberein  gegen  die  übrigen.  Doch  möchte  ich  hierauf  wenig  geben.  Die 
Ps.  hat  gar  Konrädr(!) 

Str.  3.  grünen  schilt  HWK,  N  brünen  schilt.  Der  'brune  schilt' 
..ist  die  ältere  epische  Ausdrucksweise,  vgl.  U.A.  35.  78u  Bartsch,  Germ. 
VII,  290.  Vielleicht  darf  man  auch  für  brune  die  Allitteration  zu  Brünne 
anführen.  A  hat  schilt  ohne  Adjectiv,  was  so  wie  das  cforgyldte  in  D 
und  'brünnebende5  in  a  doch  wohl  verderbt  ist. 

Str.  4.  freundlich  zusprechen  H,  sprich  zu  im  ein  freundlich 
wort  WK\  D  du  skalt  hannem  venlig  at  spöre.  Dagegen  hat  A  sere 
groeten  =  N.  Die  Übereinstimmung  von  HWK  und  D  lässt,  nament- 
lich wenn  man  die  Ps.  (s.  oben  p.  316)  vergleicht,  es  nicht  zweifelhaft 
erscheinen,  daß  A  und  N  hier  nicht  das  Echte  haben. 

Str.  6.  Nach  der  gewöhnlichen  Annahme  und  nach  den  meisten 
Überlieferungen  spricht  die  Verse  1  und  2  Alebrand.  Dagegen  scheint 
mir  aber  der  Sinn  zu  sein,  ebenso  die  Worte  des  alten  Liedes:  Svela 
gisihu  ich  in  dindm  hrustim,  dat  du  habes  heute  herron  guten  u.  s.  f.' 
welche  der  Alte  spricht.  Sie  scheinen  mir  dem  Anfange  der  Strophe  6 
unseres  Liedes  zu  entsprechen,  also  möchte  ich  annehmen,  daß  Hilde- 
brant  auch  hier  redet,  auch  will  'eines  königes  leint'  doch  nicht  recht 
auf  den  Alten  passen.  Die  richtige  Überlieferung  hat  hier  wohl  iV:  Du 
wuld  nii.  junger  hehl,-,  u.  s.  f.  Daraus  könnte  leicht  cmich  jungen  holden 
werden  und  dann  weiter  entstellt:  'mijn  jonghe  horte',  wie  A  hat;  in 
K  ist  die  Sache  anders  gewendet  (degen  Hielle)*).  Daß  der  Junge  eine 
so  lange,  in  die  nächste  Strophe  übergreifende  Anrode  halten  sollte, 
liegt  wenig  im  Wesen  des  Volksliedes.  Ich  würde  also  G,  1  und  2  dem 
Alten,  G,  3  und  4  (halb)  dem  Jungen,    dann  natürlich  Str.  7  als  Ant- 

*)  I)  hat  hier:  Du  torer  dit  Harnisk  saa  reent  og  klart,  som  du  varst  en  Kongo  Sön, 
Ivt  vil  jeg  fra  dig  tage,  dertil  din  liest  vel  skjön. 


ZUM  JÜNGEREN   BILDEBRAND  SL1EDE. 

wort  dem  Alten  zuweisen.  IT  hat:  als  werest  der  jaren  ein  kint:  damit 
steht  es  ganz  allein:  es  scheint  ein  Verbesserungsversuch  zu  sein,  aus- 
gehend von  dem  Mißverständnisse,  daß  der  Junge  die  Werte  spreche. 
'Uns  rangen  recken'  bei  Jacobs  ist  doch  wohl  verlesen  oder  verschrieben 
fiir  'hingen . — c.flattsgemacr±  :  haus  fehlt  in  Ah'X,  1>  weicht  bedeutend 
ab.  —  'Ob  einer  heissen  glute'  //  IT.  D  hat  geändert.  A  hat:  met  enen 
hupschen  ghelude*),  N:  mit  einem  snellen  lüde',  was  wohl  nicht  mit 
Bartsch  und  Verwijs  zum  Folgenden  zu  ziehen  ist.  Passender  erscheint 
mir  die  Lesart  von  II  W,  für  die  auch  spricht,  daß  K  zu  ihnen  stimmt. 

Str.  7,  2  hat  N:  van  striden  und  van  vehten,  dar  is  ml  af  gesacht, 
und  wieder  stimmt  hier  A  gegen  die  Texte  //  und  IT.  I)  und  A' ändern: 
jeg  er  vant  at  ride  saa  vel  om  Nat  som  Dag  1  >:  das  machet  mich  oft 
schwach  A'(!).  In  II  W  steht  'üfgesatzt'  (ze  striten  u.  s.  w.,  var.  üfge- 
legt).  Welches  ist  echt?  (Vgl.  oben  p.  319). 

Str.  8, 1 :  und  dartö  sere  slan  N=A;  AundZ)  ändern  wieder.  //  hat : 
das  sag  ich  dir  alter  man  (so  a)    W  hat:    sprach  sich    der  kune   man. 

Str.  10,  3:  14  klafter  W\  söven  faden  N  (sju  Fafne  Z>),  twintich 
fademen  A,  20  klafter  K. 

Str.  11  fehlt  in  W,  doch  fehlte  sie  gewiß  nicht  ursprünglich,  da 
sie  in  A,  XD,  H  und    W  steht;  sicher  ist  sie  in  W  nur  ausgefallen. 

Str.  12  und  13  sind  oben  besprochen.  13,  2  mag  in  IT  geändert 
sein,  um  reineren  Reim  herzustellen,  nämlich  räm  :  getan  stau  räm  :  man. 

Str.  14,  2:  üt  Grekelant  N:  holt  ist  sicher  verderbt  aus  'üt  Greken 
stolt'  i,l:  woult  :  üt  Grieken  stout)  oder  aus  'üt  Greklant  stolt'.  Alle 
andern  Texte  stehen  gegen  N.  —  Pertholfe  in  K  ist  sicher  (wie  Str.  8 
nur  des  Reimes  wegen  hineingekommen. 

Str.  15,3  schloss  //IT;  dede  .V,  löste  Z);  schoot  A,  panl  K. 

Str.    16,2  ! i .- . 1 1 1 1 1 . -  II;  hovede  N,  hovcd  I):  leihe  h\  herten.4;  under 

meinem  herzen   II'.    also  II X  h  gegen  .1  W.  4  ist  in  A  ganz  verändert, 

es  heißt  da:  wi  willen  van  hi  rk  ons  op  die  vaert. 

W  weicht   etwas  ab,    auch  K  ändert,    des    Reimes    wegen?    (döt  :  rot, 

-ilium). 

Dann  ist  in  A  eine  Strophe  eingeschoben,  in  K  mehrere,  worüber 
ich  bei  Str.  1 8  Bpreche. 

Str.   17,2  weder  ze  siner  bürg  in  reit  W\  die  g]  lerde  op 

reet  A\  sonst:  ze  Bernen  inne  reil  (al  in  reit  X  \.  —  .').  ein  grünes 
kränzelin  II  vmi  golde. 

Str.  18,1:  Bi  voerde  bem  ghevanghen  A.  als  man  «inen  gefangen 
tut   U,  .-eheint  in  Verbindung  mit  der  Plusstrophe  in  A  (und  K)  alt  zu 


/. 


326  A-  EDZARDI,  ZUM  JÜNGEREN  HILDEBRANDSLIEDE. 

sein.  (Schon  17,  4  stand  in  W:  dar  zu  neben  im  gefangen.)  Man  be- 
greift sonst  nicht  recht,  warum  Frau  Ute  den  Alten  so  bestimmt  für 
einen  Gefangenen  hält.  —  2.  über  siner  motter  gut  W.  —  3.  das  ist 
ein  nouwer  list  :  disch  W;  al  te  vri  :  mi  A  (Reimcorrectur V) ;  K  hat 
hier  wieder  sehr  matte  Weiterbildung  und  weicht  fast  ganz  ab;  — 
N  vel  :  disch. 

Str.  19  und  20  sind  wieder  sehr  wirr  überliefert.  Gehe  ich  von  H 
aus,  so  ist  die  Stellung  der  Halbstrophen  in  HND  1.  2.  3.  4,  in  W  2. 
3.  1  —  (ganz  abweichend);  A  1.  2.  (3).  —  (ganz  abweichend).  An  Ein- 
zelheiten ist  anzuführen  H:  kein  gefangener  sol  er  sein,  N:  min  ge- 
vangen  shal  he  nicht  sin ;  D  hat  sehr  hübsch :  din  fange  skal  her  (sie) 
vaere.  —  19,  4  hat  A  abweichend:  nu  neemt  hem  in  uwen  armen  ende 
heet  hem  willecom  sijn.  —  20,  1.  2  weicht  in  A  ab,  3  und  4  lauten  völlig 
anders  als  in  HND;  die  ganze  Strophe  in  A: 

Si  nam  hem  in  hären  armen,  si  custe  hem  aen  sinen  mont: 
Nu  danke  ic  god  den  here,  dat  ic  u  sie  ghesont. 
Wi  willen  van  hier  scheiden  ende  varen  in  ons  lant 
Te  Barnen  binnen  der  steden  daer  sijn  wi  wel  becant. 
Zu  bemerken  ist,  daß  die  letzte  Strophe  in  W  fehlt*),  im  Basler  fl.  Bl. 
(b)  ist  sie  etwas  abweichend  überliefert  (s.  Unland  a.  a.  0.  156).  Beachtet 
man,  daß  die  in  HND  übereinstimmende  letzte  halbe  Strophe,  außer 
in  W,  in  A  (natürlich  auch  in  K,  das  hier  ganz  abweicht)  fehlt,  so  liegt 
die  Vermuthung   nahe,    daß    der   hübsche  Zug   der  Erkennung   durch 
den  Ring  dem  Urtexte   nicht   angehörte,   vielmehr   grade  weil  er  sehr 
volksthümlich  war,  später  hineinkam.  Daß  Vers  1  und  2  der  Schluß- 
strophe in  A  mit  der  Ps.  (s.  oben)  fast  wörtlich  übereinstimmt,  spricht 
besonders  für  diese  Annahme. 

Fassen  wir  noch  schließlich  das  Verhältniss  des  jüngeren  Liedes 
zum  alten  kurz  ins  Auge,  so  ist,  wie  schon  gesagt,  der  Grundgedanke 
wesentlich  ein  anderer,  und  es  scheint  mir  sehr  zweifelhaft,  ob  unser 
jüngeres  Lied  eine  Umbildung  des  älteren  sein  kann.  Vielmehr  glaube 
ich,  daß  es  auf  ein  unabhängig  von  jenem  entstandenes,  vielleicht  nieder- 
deutsches Lied  zurückgeht,  in  dem  nur  die  Grundzüge  des  Sagenstpffes, 
auch  wohl  einzelne  kleinere  Züge  (vgl.  1,  4  p.  324  und  6,  1.  2  p.  324) 
gleich,  die  Auffassung  und  Verwendung  aber  sehr  verschieden  war. 
Freilich  kann  man  in  dieser  Frage  nicht  sicher  urtheilen,  weil  wir  den 
Schluß  des  alten  Liedes  nicht  kennen. 

LEIPZIG,  im  Juli  1873.  A.  EDZARDI. 


*)  Wenn  es  auch   möglich  ist,    daß    der  Schreiber   sie  nur   fortgelassen  hat;  er 
schreibt  etc. 


J.  SCH1PPEK,  ZUM  CODEX  EXONIENSIS.  327 


ZUM  CODEX  EXONIENSIS. 


Im  Winter  1870/71  hatte  ich  Gelegenheit,  Thorpe's  Ausgabe  des 
Codex  Exoniensis  mit  der  Handschrift  in  Exeter  zu  vergleichen  und 
erlaube  mir,  das  Resultat  meiner  Collation  im  Folgenden  mitzutheilen. 

Zunächst  einige  Bemerkungen  zum  MS.  selber.  Bevor  die  sieben 
ersten  Blätter  des  Cod.  in  seiner  jetzigen  Gestalt,  welche  bekanntlich 
den  von  verschiedenen  Händen  herrührenden  Schenkungskatalog  des 
Bischofs  Leofric  enthalten,  mit  dem  MS.  zusammengebunden  wurden, 
hat  es  wahrscheinlich  längere  Zeit  den  Schutz  eines  Einbandes  entbehrt, 
wodurch  die  äussersten  Blätter  sehr  leiden  und  allmählich  untergehen 
mussteu;  es  fehlen  daher  zu  Anfang  und  zu  Ende  mehrere  Blätter. 
Das  eigentliche  MS.  beginnt  mit  Fol.  8,  welches  sehr  gelitten  hat;  das 
Blatt  ist  an  der  Außenseite  abgeschabt  und  große  Tintenflecke  machen 
die  Buchstaben  manchmal  schwer  leserlich.  Das  letzte  Blatt  ist  an  der 
Außenseite  ebenfalls  fleckig,  da  die  Tinte  durch  den  Einfluß  irgend 
einer  Flüssigkeit  an  mehreren  Stellen  ausgelaufen  ist.  Die  letzten 
12  Blätter  haben  außerdem  bedeutende,  durch  brandige  Ränder  abge- 
gränzte  Lücken;  ein  glimmendes  Stück  Holz  scheint  auf  das  Buch 
gefallen  zu  sein  und  sich  allmählich  durch  jene  12  Blätter  hindurch- 
gebrannt  zu  haben,  bis  es  abkühlte  oder  entfernt  wurde.  Die  schad- 
haften Stellen  haben  auf  allen  Blättern  ähnliche  Gestalt  und  decken 
sich  überall,  nur  verkleinern  sie  sich  nach  dem  Innern  des  Buches 
hin,  bis  sie  mit  Fol.  118''  im  Text,  wo  nur  noch  ein  kleiner  brandiger 
Fleck  sichtbar  ist,  und  mit  Fol.  11G"  auf  dem  Rande,  wo  sich  eine 
ähnliche  Spur  befindet,  ganz  verschwinden.  Im  Übrigen  ist  das  MS. 
schön  erhalten,  und  es  scheinen  nicht  so  viele  Blätter  zu  fehlen,  als 
Thorpe  vermuthete;  im  Innern  des  Cod.  ist  zwischen  Fol.  37  und  38 
offenbar  ein  Blatt  ausgeschnitten;  überall  sonst,  wo  Thorpe  in  seinem 
Texte  Lücken  verzeichnete,  sind  im  MS.  keine  Spuren  davon  sichtbar. 

Thorpes  Behauptung,  daß  die  Handschrift,  denn  Format  187a  Cen- 
t im.  Breite  und  11  Centim.  Höhe  hat,  dem  10.  Jahrhunderte  ange 
höre,  wage  ich  zu  widersprechen;  mir  schein!  sie  vielmehr  aus  dem 
Anfange  des  Li.  Jahrhunderts  zu  stammen,  da  gewisse  altertüm- 
liche Formen  einzelner  Buchstaben,  ■/..  \\.  des  y}  welche  sich  in  notorisch 
alten  MSS.,  wie  dem  Hatton  MS.  von  Gregory's  Pastoral  Care,  dem 
Lauderdale  MS.  von  Orosius,  den  Cotton  und  Tanner  MSS.  von  Beda 
häufig  finden,  im  Cod.  Exon.  nur  sehr  vereinzelt  vorkommen.  Die  Behi 


328  J-  SCHIPPER 

saubere    und   elegante   Schrift  rührt   höchst   wahrscheinlich   von    einer 
einzigen  Hand  her.    Die  Buchstaben   schienen  mir  überall   im  Ganzen 
gleichartig  zu  sein;  manchmal  sind  sie  allerdings  ein  wenig  feiner  und 
zierlicher  ausgeführt,  manchmal  größer  und  dicker;  doch  scheint  dieß 
nur   in   der   Beschaffenheit   des   Pergaments    seinen   Grund   zu   haben; 
auf   glatt    poliertem    sind    die  Buchstaben    größer,    auf  rauheren    und 
weißeren   Blättern    meistens    etwas   feiner.    Die   Übergänge   von   einer 
Schrift   zur  andern  sind  nie  plötzlich,    sondern  ganz  allmählich.    Von 
Abkürzungszeichen  finden  sich  in  dem  MS.  nur  die  allergebräuchlichsten 
wie  ~]  für   and,  ä,    ö  für  an,   on  etc.  Bindestriche    sind   im  MS.   nicht 
vorhanden ,   außer  solchen,    die  von  anderer  Hand  mit  blasserer  Tinte 
eingefügt  sind;   überhaupt  ist   die  Thätigkeit   eines  Correctors,    dessen 
Änderungen  überall  werden  erwähnt  werden,  im  ganzen  Cod.  erkennbar. 
Tilgung  eines  Buchstaben  bezeichnet  er  durch  Punkte  über  und  unter 
demselben  z.  B.  e    oder  auch    e  oder  e.  Überall  wo  im  MS.  ein  großer 
Anfangsbuchstabe  steht,  geht  ein  Punkt  vorher,  oft  auch  drei  Punkte 
"  •   zur  Bezeichnung   eines   größeren   Abschnittes ;    sonst   sind   Punkte 
zur  Bezeichnung   der  Vershälften  nur  selten  angewandt.  Die  verschie- 
denen Schreibungen   des   ih   (p   u.   c?)   hat  Thorpe   im    Ganzen   genau 
wiedergegeben;  einzelne  Abweichungen  sollen  den  englischen  Gelehrten 
zu    Liebe   im  Folgenden   ebenfalls   erwähnt   werden,    so  wie   auch   die 
wenigen  Accente  des  MS.,  welche  Thorpe  etwa  übersehen  oder  hinzugefügt 
hat.  In  solchen  Kleinigkeiten  ist  Thorpe's  Druck  im  Ganzen  sehr  correct, 
wie  sich  denn  überhaupt  weniger  Abweichungen  von  dem  gut  erhaltenen 
Theile  des  MS.  fanden,    als   bei   einer  ersten  Ausgabe  vielleicht   hätte 
können  erwartet  werden.    Dennoch  wird  man  aus  dem  Folgenden   er- 
sehen, daß  eine  neue  Vergleichung  des  MS.  mit  Thorpe's  Edition  höchst 
nothwendig  war,  da  er  in  Betreff  der  schadhaften  Stellen  des  MS.  nicht 
nur  niemals   die  Größe   der  Lücken    angegeben,    sondern  auch  ganze 
Wörter  und  Sätze  stillschweigend  ausgelassen,  ja  sogar  sechs,  im  MS. 
allerdings  zum  Theil   in    sehr  verstümmelter  Gestalt   erhaltene  Räthsel 
mit    keinem    Worte    erwähnt   hat.    Abgesehen   von    den   Punkten    zur 
Scheidung  der  Vershälften,  die  von  mir  gesetzt  sind,  theile  ich  sie  im 
Folgenden  mit  genau  in  der  Form,  wie  ich  sie  im  MS.  fand;  die  Schreib- 
weise Thorpe's  war  ich  ohnehin  beizubehalten  genöthigt.    Außer  jenen 
sechs  selbständigen  Bruchstücken  fanden  sich   zu  lückenhaften  Stellen 
anderer  Räthsel  zu  Ende  des  MS.  nicht   unbeträchtliche  Ergänzungen, 
welche  zu  dem  schwierigen  Unternehmen  gänzlicher  Wiederherstellung 
derselben  wenigstens    einige    Anhaltspunkte   mehr   bieten  Averden.    Ich 
für  meine  Person  überlasse  diese  Aufgabe  dem  Scharfsinne  bewährterer 


ZUM  CODEX  EXONIENSIS.  329 

Forscher,  welche  an  mehreren  Stellen  mit  Genugthuung  erkennen  werden, 
daß  sie  in  ihren  Conjecturen  die  richtige  Lesart  des  MS.  getroffen 
haben.  Zu  den  von  mir  eingeführten,  durch  eckige  Klammern  bezeich- 
neten Conjecturen  gaben  meistens  die  an  den  Rändern  der  schadhaften 
Stellen  noch  sichtbaren  Überreste  einzelner  Buchstaben  einigen  Anhalt, 
Arie  auch  gelegentlich  noch  besonders  soll  hervorgehoben  werden.  Die 
Größe  der  Lücken  ist  theils  durch  Punkte  (:  :),  theils  durch  Zahlen 
bezeichnet. 

Crist.  Th.  1,  12.  Gr.  7  eord  b::g.  Th.  1,  13.  Gr.  7  hinter  eagna 
ist  ein  ausradiertes  n  sichtbar.  Th.  1 ,  19.  Gr.  10  forlei  ist  corrigiert 
in  forhüt  durch  Anfügung  eines  Häkchens  an  das  e;  diese  Form  des 
ce  ist  im  MS.  selten  und  scheint  stets  eine  Correctur  zu  sein.  Th.  1,  22. 
Gr.  12  croestga,  offenbar  ein  Schreibfehler.  Th.  2,  5  hra  ohne  Accent. 
Th.  2,  IG.  Gr.  20  eadga:  Th.  2,  22.  Gr.  23  :  :  :  :  :  g>'ad,  der  letzte  der 
fehlenden  Buchstaben  scheint  ein  o  zu  sein.  Th.  2,  24,  25.  Gr.  24  peet  he 
ne  hete  to  kqfe  ceose  sprecan.  Das  MS.  ist  hier  jedoch  schwer  leserlich.  Th. 
4,  31  Note.  Gr.  61  Note,  healfa  (nicht  healsa).  Th.  5,  14  Note.  Gr.  69  Note. 
Vom  Fehlen  eines  Blattes  ist  nichts  bemerkbar.  Th.  5,  17  gebidan  ohne 
Accent.  Th.  8,  7  sunnan.  Th.  10,  15.  Gr.  118  sceadu  corrigiert  in  sceadu. 
Th.  10,  16,  17.  Cr.  153  anum  :  :  :  :  :  ofer  pearfum.  Th.  10,  19,  20.Gr.  154, 
155.  Zwischen  hider  und  pe  fehlen  10  oder  11  Buchstaben,  unter  denen 
sich  aber  kein  soder/  oder  ähnliche  lange  Buchstaben  können  befunden 
haben,  da  Spuren  davon  sichtbar  sein  müssten.  Zwischen  behindan  und 
ponne  ist  keine  Lücke:  es  nu  lest  findet  sich  nicht  vor.  Th.  1",  36.  Gr.  163 
ferh  statt  ferd.  Th.  12,  17.  Gr.  l&lfreolice  {freolicc Druckfehler  beiThorpe.) 
Th.  13,  29.  Gr.  210  sunu.  Th.  15,  2.  Gr.  230  farpa.  Th.  L6,  23. 
Gr.  257  eow  '■■  corrigiert  zu  eowde.  Th.  18,  1.  Gr.  277  Note  para  gege 
wurde  corrigiert  zu  para  ege  wurde;  das  erste  g  ist  ausradiert.  Th.  19, 
18.  Gr.  302  wod-bora\  der  Bindestrich  mit  bleicherer  Tinte  gemacht. 
Th.  19,29.  Gr.  308  ingong.  Th.  24,  4.  Gr.  379  heofon  eund.  Th.  25,4. 
('-)-.  395.  'mihtg  Th.  26,  10,  12.  Gr.  415,  416.  Hinter  kerenis  ist 
ein  einfacher  Punkt  (nicht  [  •);  kein  Absatz  vor  Eala\  und  zwischen 
hweet  und  peet  ist  keine  Lücke-,  im  .MS.  Th.  3".  18,  19.  Gr.  480  Anm. 
Keine  Lücke  im  MS.  Th.  '.V2 ,  6.  Gr.  508  keahpw,  das  Abkürzungs- 
zeichen über  dem  ,//  fehlt.  Th.  31,  10.  Gr.  540  /'.<</•//:  das  e  von  an- 
deren- Hand,  über  der  Zeile.  Th.  ."»I,  11.  Gr.  540  bidan\  über  dem  '/ 
••in  o  von  demselben  Corrector.  Th.  ."»I,  26.  Cr.  548  adbeorhte  über 
dem  '/;  ein  a  irhin.    Th  l    muhten-,    über  <<i   steht 

mevon  anderer  Hand.  Th.  42,  16.  Cr.  673.  Sumü]  n  von  anderer  Eand 


330  J-  SCHIPPER 

über  der  Zeile.  Th.  44,  27.  Gr.  709  feodan;  zwischen  o  und  d  ist  ein 
Buchstabe  ausradiert.  Th.  45,  14.  Gr.  719  Anm.  ealle.  Th.  46,21.  Gr.  740 
gesaioan.  Th.  41,  26.  Gr.  743  Anm.  eadgum.  Th.  47,  19.  Gr.  757  sellran; 
das  r  über  der  Zeile  von  anderer  Hand.  Th.  48,  26.  Gr.  777  se;  über 
dem  e  ein  i  von  anderer  Hand.  Th.  49,  10.  Gr.  783  lileotan;  h  von 
anderer  Hand.  Th.  50,  22,  23  keine  Lücke.  Th.  51,  2.  Gr.  810  leg. 
Th.  52,  10  Note.  Gr.  831  Note  fyr  bade.  Th.  54,  11.  Gr.  867  heahjnt. 
Th.  54,  22.  Gr.  872  fared.  Th.  56,  4.  Gr.  875jbcer.  Th.  59,  28.  Gr.  858 
fyr.  Th.  60,  18.  Gr.  971  gesargad  corrigiert  in  gesargad,  Th.  64,  2. 
Gr.  1031  ärisan.  Th.  65,  1.  Gr.  1048  magun.  Th.  67,  16.  Gr.  1089 
bydyrned]  über  dem  ersten  y  steht  ein  i  von  anderer  Hand.  Th.  69,  36. 
Gr.  1131  cwice.  Th.  72,  21.  1176*)  rindum  statt  roderum.  Th.  75,  26. 
Gr.  1232  wenead.  Th.  80,  25.  Gr.  1312  unbeted  corrigiert  in  unbeted. 
Th.  84,  7.  Gr.  1370  anne.  Th.  84,  9.  Gr.  1371  miede-,  ein  c  von  anderer 
Hand  über  der  Zeile.  Th.  84,  30.  Gr.  1381  sealde-,  e  wie  vorhin.  Th.  85,  2. 
Gr.  1385  widlonda.  Th.  85,  31.  Gr.  1399  fremum  (wie  Grein  liest). 
Th.  86,  12  agiefan.  Th.  87,  7  äna.  Th.  87,  15.  Gr.  1425  leeg  ic  on. 
Th.  87,  27.  Gr.  1431  vcere  we  gelte  oder  ivegelic,  aber  doch  wohl  sicher 
ein  Schreibfehler.  Th.  88,  29.  Gr.  1447  heanne,  ne  von  anderer  Hand, 
über  der  Zeile.  Th.  89,  11.  Gr.  1455  gefremedum.  Th.  89,  22  sdr. 
Th.  90,  6  ]ni.  Th.  91,  13.  Gr.  1491  gefeestnad;  corrigiert  in  gefeestnad, 
Th.  91,  23.  Gr.  1496  in  heofonum.  Th.  92,  24.  Gr.  1513  dydan.  Th.  93, 
16.  Gr.  1527  grimme  corrigiert  in  grimne.  Th.  94,  2.  Gr.  1534  sceat. 
Th.  99,  3  dorn  deege.  Th.  99,  9.  Gr.  1622  bindenne;  über  dem  ersten  n 
steht  ein  m  (von  anderer  Hand?).  Th.  100,  26.  Gr.  1647  beorhte.  Th.  103, 
18.  Gr.  1690  geestas. 

Guthlac.  Th.  104,  21.  Gr.  11  geara.  Th.  112,  19.  Gr.  146  das 
MS.  hat  richtig  brytene,  nicht  brystene,  wie  Th.  angiebt.  Th.  112,  25, 
26.  Gr.  149,  50  zwischen  bletsade  und  Mm  ist  keiue  Lücke  im  MS. 
Th.  113,  24,  25.  Gr.  162  Keine  Lücke  zAvischen  fede  und  hwearfum. 
Th.  114,  30.  Gr.  180  he  (Schreibfehler)  statt  hj.  Th.  116,  26  an, 
ohne  Accent.  Th.  119,  18.  Gr.  256  indriced;  zwischen  i  und  c  ist 
ein  Buchstabe  ausradiert.  Th.  124,  14,  15.  Gr.  340,  341.  Hier  fehlt 
sicher  ein  Blatt;  ein  schmaler  Streifen  desselben  ist  noch  sichtbar. 
Th.  134,  21.  Gr.  510  nidgyxta  geändert  von  späterer  Hand  zu  nydgysta. 
Th.  135,  23.  Gr.  528  eade.  Th.  137,  24.  Gr.  564  efne  swa.  Th.  138,  18. 
Gr.  578    giefena.   Th.    139,  2.  Gr.  587  veallendne.  Th.  140,  10  icidan. 


*)  Weßhalb  Thorpc   statt  dieser  vorzüglichen  Lesart  die   seinige  eingefügt  hat, 
und  ohne  irgend  welche  Notiz,  ist  schwer  zu  begreifen. 


ZUM  CODEX  EXONIENSIS.  331 

Th.  142,  6  ad.  Th.  143,  29.  Gr.  668  prea  medium;  hiermit  wäre  also 
media  wenn  auch  nicht  alleinstehend,  so  doch  in  substantivischer  Ver- 
bindung gefunden;  die  Bedeutung,  das  Mittlere,  die  Mitte,  welche 
Dietrich  dem  Worte  giebl  (Haupt  Zeitschr.  XI,  426),  wäre  weiter  aus- 
zudehnen zu  dem  Begriffe  cdas  Mittel'  und  pred-medlum  durch  TDroh- 
mittel'  zu  übersetzen;  oder  sollte  doch  niedlum  als  die  bessere  Lesart 
beizubehalten  und  medium  ein  leicht  erklärlicher  Fehler  dr>.  Schreibers 
sein?  Th.  146,  8.  Gr.  706  reordum  statt  vordum.  Th.  146,  23  Smolt. 
Th.  147,  7.  Gr.  723  selfe\  uuter  dem  e  steht  ein  y  von  anderer  Hand; 
ebenso  Th.  147,  16.  Gr.  728  ein  y  unter  dem  i  in  sioilc.  Th.  147,  24 
Swa.  Th.  148,  21.  Gr.  748  eadmedu.  Th.  148,  30.  Gr.  752  agifen  ist 
geändert  in  agyfen  Th.  149,  27.  Gr.  768  heahpu.  Th.  153,  3.  Gr.  820 
weesten]  über  dem  en  steht  ein  m  von  anderer  Hand.  Th.  153,  14. 
Gr.  825  eardwica.  Th.  153,  18.  Gr.  «27  uncyddu.  Th.  153,. 32.  Gr.  834 
gcestgedal  Th.  155,  29.  Gr.  867  byscyrede.  Th.  158,  2.  Gr.  910  heahpu. 
Th.  158,  32.  Gr.  918  feeder;  zwischen  ce  und  d  ist  ein  Buchstabe 
ausradiert.  Th.  164,  17.  Gr.  1013  geswedrad.  Th.  165,  28.  Gr.  1035 
retan.  Th.  167.  16.  Gr.  1061  heahpu.  Th.  169,  6.  Gr.  1090  wlitigan. 
Th.  175,  23.  Gr.  1199  oncydig.  Th.  176,  18  Simle.  Th.  179,  4  Da. 
Th.  179,  7.  Gr.  1258  beorhte.  Th.  180,  15.  Gr.  1280  <",//,,  o«  "/"'•' .7- 
Th.  1*2.  1.  Gi*.  L303  weeter  pisipa;  es  ist  also  weeter-pisa  zu  lesen. 
Th.  IM.  33  Note.  Gr.  1353  drusendne  ist  das  letzte  Wort  auf  Fol.  52  b  ; 
von  Fol.  53   ist   der  obere  Theil  abgeschnitten;   es  fehlen  vier  Zeilen. 

Azarias.  Th.  186,  5.  Gr.  15  fore.  Th.  L86,  19.  Gr.  22  tohworfne; 
das  h  über  der  Zeile  von  anderer  Hand.  Th.  189,  17.  Gr.  61  hofne; 
also  das  h  schon  von  dem  Corrector  getilgt.  Th.  190,  14,  Gr.  73.  Vor 
Bletsige  ist  ein  Absatz  im  MS.  Th.  191,  27.  Gr.  94  geestas;  über  dem 
ce  ein'  a  von  anderer  Hand.  Th.  192,  12.  Gr.  105  bitera.  Th.  L92,  22. 
Gr.  110  keine  Lücke  im  MS.  Th.  194,  17.  Gr.  140  pe  steht  nicht  im 
MS.  Th.  194,  23.  Gr.  143  fugulaa;  also  fuglas  zu  lesen.  Th.  195,  32. 
Gr.  165  acwelli  n;  das  zwei!,-  /  über  der  Zeile  von  anderer  Hand.  Th.  L97, 
15.  Gr.  190  peawum. 

Phoenix.  Th.  205,  11  Sippan.  Th.  206,  27.  Gr.  133  winsumra; 
über  dem  !  ein  y  von  anderer  Hand.  Th.  207,  4.  <  Ir.  136  organan. 
Th.  209,  5.  6.>Gr.  166  Ay  ^esecad  ///rioora  fo/wZ.  Th.  209,  19.  Gr.  173 
fco/wn  /,,■<,/■,.  Th.  209,  27  ana.  Th.  211,  11.  Gr.  197  Note  foUan,  nicht 
folan.  Th.  211,  24  7m*.  Th.  212,  6.  Gr.  206  healfa.  Th.  212,  19.  Gr.  212 
"w/v,,/.  Th.  214,  23.  Gr.  243  waumas.  Th.  215,  14.  .- </.  Th.  216,  1. 
Gr.  261  Se;  vorher  ein  Punkt.  Th.  218,  t.  Gr.  288  sunnan  pegn.  Th.  219. 
20  äfaZon;   vorher   ein  Punkt;   ebenso   Th.  220,   2.  Nu.  Th.  221,   12. 


332  J-  SCHIPPER 

Gr.  233  mearm;  das  e  ist  also  vom  Corrector  getilgt;  das  r  ist  halb 
ausradiert.  Th.  221,  16.  Don.  Th.  224,  5.  Gr.  371  fille;  über  dem  i  ein 
y  von  anderer  Hand.  Th.  224,  8  weorded.  Th.  226,  17,  18.  Gr.  407 
icordon  corrigiert  in  wurdon:  topas  idge.  Th.  231,  18  Don;  Punkt  vorher. 
Th.  233,  2 1.  Gr.  528  agnum.  Th.  235,  34  äweced.  Th.  236,  7.  Gr.  570 
on.  Th.  239,  16  Sil;  Punkt  vorher;  ebenso  Th.  240,  1  Bus.  Th.  240,  6. 
Gr.  635  singad.  Th.  241,  6.  Gr.  652  Swa;  Punkt  vorher.  Th.  242,  3. 
Gr.  667  auctor]  das  u  über  der  Zeile  von  anderer  Hand.  Th.  242,  8. 
Gr.  670  motum. 

Juli  an  a.  Th.  243,  29  Sum;  Punkt  vorher.  Th.  244,  20  mann. 
Th.  245,  31.  Gr.  53  hcepen  weoh.  Th.  246,  23  Da;  Punkt  vorher.  Th.  247, 
1.  Gr.  72  ursprüngliches  modsefan  geändert  in  modsifan.  Th.  247,  14. 
Gr.  78  sioor.  Th.  247,  27.  Gr.  85  hy.  Th.  248,  9  Du;  Punkt  vorher. 
Th.  248,  32.  Gr.  104  anne-forlcete.  Der  Bindestrich  mit  bleicher  Tinte. 
Th.  252,  18.  Gr.  165  luve.  Th.  254,  1.  Gr.  190  geivynnes.  Th.  256,  23 
Da;  Punkt  vorher.  Th.  256,  30  heofon  (Druckfehler  bei  Thorpe).  Th.  258, 
4  Hyre.  Th.  259,  23.  Gr.  286  ealdne.  Th.  260,  7,  11  Da;  Punkt  vorher. 
Th.  260,  33.  Gr.  307  sioylce;  das  e  von  anderer  Hand  über  der  Zeile. 
Th.  261 ,  22  Hyre.  Th.'  261 ,  28.  Gr.  322  werena  ;  über  dem  e  ein  a 
von  anderer  Hand.  Th.  262,  30.  Gr.  340  gejwliad.  Th.  263,  16.  Gr.  350. 
Hinter  Hyre  sind  2  Buchstaben  ausradiert.  Th.  265,  7  of  önn.  Th.  268, 
24.  Gr.  437  wie  Th.  261,  28.  Gr.  322.  Th.  272,  15.  Gr.  499  forman. 
Th.  276,  3.  Gr.  560.  Hinter  haiig  ist  keine  Lücke  im  MS.  Th.  277,  17. 
Gr.  582  ofestlice.  Th.  277,  32.  Gr.  589  sio.  Th.  279,  3  mod.  Th.  279,  19 
unlccd.  Th.  279,  21.  Gr.  617  awyrgedne;  nicht  atcygedne,  wie  Thorpe  an- 
giebt.  Th.  281,  30.  Gr.  654  stid  hydge.  Th.  284,  11  is.  Th.  284,  17. 
Gr.  698  sinhiwan;  das  i  von  anderer  Hand  über  der  Zeile.  Th.  284,  23. 
Gr.  701  ic;  hinter  dem  i  ist  ein  Buchstabe  ausradiert. 

Wanderer.  Th.  286,  22.  Gr.  4  hrimcealde.  Th.  287,  16  ne;  Punkt 
vorher;  ebenso  Th.  287,  24  Swa.  Th.  288,  30  Don.  Th.  289,  8  Don, 
Th.  290,  15  Ne.  Th.  290,  19.  Gr.  67  richtig  wanhydig  im  MS.  Th.  291, 
26.  Se.  Th.  291,  26  ferde. 

B%  monna  cräftum.  Nichts  zu  bemerken. 

Fäder  larcvidas  Th.  302,  16.  Gr.  37  fordon  sceal;  don  über 
der  Zeile  von  anderer  Hand.  Th.  302,  33;  303,  11  god.  Th.  304,  8 
nis.  Th.  305,  12    Gr.  87  gemetlice. 

Seefahrer.  Th.  307,  4  hlimman.  Th.  309,  2.  Gr.  51  sefan  statt 
feran.  Th.  310,  32  sioylce  (Druckfehler  bei  Thorpe).  Th.  312,  13. 
Gr.  109  mod  statt  vion. 


ZI  M  CODEX  EXONIENSIS.  333 

Bi  mannet   mode  Th.  316,  16.  Gr.  49  richtig,   orfeorme  im  MS. 

Vidsith  Th.  318,  18  Widsid.  Th.  319,  5  harn.  Th.  319,  10  /efa. 
Th.  320,  24.  Gr.  33  hringweald.  Th.  .'521,  1  rica.  Th.  321,  21.  Gr.  49 
heado  beardna,  das  d  über  der  Zeile  von  anderer  Hand.  Th.  321,  29 
wide.  Th.  322,  12.  Gr.  62  mid  vor  syc^wwi  fehlt.  Th.  323,  7  mtf.  Th. 
323,  14  rices.  Th.  324,  19.  Gr.  '.'7  ealhhild.  Th.  324,  25  pon.  Th.  324,  31 
f)o77.  Th.  325,  9  Donan.  Th.  326,  7.  Gr.  125  wojran.  Th.  327,  2  ,?,Y,rmi. 

7>'?  mannet  vyrdum.  Th.  327,  27  Sumum.  Th.328,  <S  Swmne.  Th.  328, 
16.  Gr.  18  hf.  Th.  328,  21,  33;  329,  32  Sum.  Th.  330,  8  Sumü.  Th.  330,  30. 
Gr.  69  Note  richtig  earfod  sip.  Th.  331,  11,  12  Sumum,  Sumü.  Th. 
331,  26  FW.  Th.  331,  32;  332,  4,  14  Sum.  Th.  333,  6.  Gr.  98  fore. 

Versus  gnomici  Th.  333,  19  Meotud.  Th.  334,  9.  Gr.  13  monge 
reorde.  Th.  334,26  Rad.  Th.  335,30.  Gr.  40  bewitian-]  das  i  über  der 
Zeile  von  anderer  Hand.  Th.  336,  2.  Gr.  42  pon.  Th.  338,  21  Cyning. 
Th.  339,  31.  Gr.  102  fyrwet  geonra.  Th.  340,  7  h#w.  Th.  340,  17  möw. 
Th.  340,  18  Ne.  Th.  343,  33.'  Gr.  165  gehwylcu. 

Wunder  der  Schöpfung.  Th.  347,  24.  Gr.  17  hinter  se  pe  sind 
2  Buchstaben  ausradiert;  es  scheint  als  ob  das  folgende  Wort  on  aus 
Versehen  ursprünglich  zweimal  geschrieben  war.  Th.  347,  31  Ne.  Th. 
351,  31.  Gr.  88  meegen  pryffie. 

Reimlied.  Th.  353,  21.  Gr.  16  toeord.  Th.  353,  38  ne  of  611. 
Th.  353,  54  Mod.  Th.  354,  9  Nu.  Th.  354,  34.  Gr.  55  dryhtscype.  Th. 
354,45.  Gr.  61    wen  cynge  wited. 

Panther  Th.  355,  40.  Gr.  3  rihte.  Th.  356,  8  We.  Th.  356,  15. 
Gr.  12  dün  scrafum.  Th.  356,  29  Beet.  Th.  357,  33  Beer.  Th.  359,  1. 
Gr.  56  eadmedum]  über  dem  u  ein  e  von  anderer  Hand;  unter  dem 
u  ein  Punkt,  der  aber  wahrscheinlich  noch  auf  <\:\*  folgende  m  Bezug 
hat,  so  dass  wir  zu  lesen  hätten  eadmede,  welches  in  der  Bedcutiniv; 
'benignus  auf  das  vorhergehende  dryhten  god  bezogen  einen  viel  besseren 
Sinn  gibt.  Th.  359,  21   Sippan. 

Walfisch.  Th.  361,13,29  Bon.  Th.  361,  1'.'.  Gr.  22  celad.  Th. 
364,*  dngean.  Th.  365.  3  Forpon.  Th.  365,4.  Gr.  84  dryhi 

Rebhuhn  Th.  366,  14  Uton. 

Reden  der  Seelen  an  den  Leichnam.  Th.  367,  1  bekofap. 
Th.  368,  1  Cleopad.  Th.  ."-7 <  >.  2.  Gr.  51  ancenda;  an  über  der  Zeile  von 
anderer   Hand. 'Th.  370,  d.    Th.  372,  13,26    Bern,    Bonne.    Th. 

373,  31    Gifer. 

Deors  Klage  Th.  .".77,  9.  Gr.  1  Welund.  Th.  377,  20.  Gr.  6  mann. 
Th.  377.   11:   378,   -.   L6,  22;  379,  2,  32   Pees.   Th.  377,  21  dedp.    Th. 

19  pritig.    Th.  378,  21    cup.    Th.  379,   L3   wendep.    Th.  3 
<  i  r.    I1 '  monn 


334  J-  SCHIPPER 

Räthsel.  Th.  382,  23.  Gr.  III,  15  richtig  ivrugon.  Zwischen  diesem 
Räthsel  und  dem  folgenden  ist  kein  Absatz;  das  nächste  Wort  hwilum 
ist  klein  geschrieben.  Th.  383,  18.  Gr.  IV,  12  abringe,  a  von  anderer 
Hand  über  der  Zeile.  Th.  386,  7.  Gr.  IV,  58  gerceced.  Th.  391,  8.  Gr. 
X,  2  modor.  Th.  392,  3.  Gr.  XI,  2  richtig  flowen.  Th.  394,  2.  Gr.  XIII,  12 
hyge  galan.  Th.  396,  10.  Gr.  XVI,  2  richtig  swifi.  Th.  400,  16  minü. 
Th.  401,  17.  Gr.  XXI,  13  mer,  Th.  401,  35  Nymjye.  Th.  405,  2.  Gr. 
XXIII,  17  onder.  Th.  405,  30  Ne.  Th.  409,  25  Nu.  Th.  416,  1.  Gr. 
XXXIV,  5  hio  statt  hü.  Th,  420,  21;  421,  10  Ne.  Th.  421,  32.  Gr. 
XL,  27  he  hainig)  he  von  anderer  Hand  und  über  dem  e  ein  ausra- 
diertes o.  Th.  423,  12  Ne.  Th.  424,  2  Eal.  Th.  424,  20,  32  Ic.  Th.  425,  2. 
Gr.  XLI,  50  Ic  statt  tn;  der  Punkt  vorher  ist  vergessen;  Vers  und 
Sinn  erfordern  jetzt  keine  Ergänzung.  Th.  425,  18  Ic.  Th.  425,  35. 
Gr.  XLI,  66  penex;  das  e  ist  ausradiert,  aber  noch  erkennbar;  der 
Accent  ist  nicht  ausradiert;  war  ursprünglich  Phönix  (fenix)  gemeint, 
was  dann  der  Corrector  zu  pernex  zu  ändern  gedachte?  Th.  426,  3 
Nu.  Th.  426,  11,  35;  427,  8  Ic.  Th.  427,  16  Mara.  Th.  427,  22.  Gr. 
XLI,  95  magene.  Th.  427,  34  Ac.  Th.  428,  8  Mara.  Th.  428,  24  Ne. 
Th.  429,  16  Ic.  Th.  429,  19  ]nt.  Th.  429,  40.  Gr.  XLIII,  17.  Hinter 
sindon  ein  einfacher  Punkt;  zwischen  diesem  Räthsel  und  dem  folgenden 
ist  kein  Absatz;  desgl.  nicht  zwischen  Nr.  XLVIII  und  XLIX.  Th. 
432,  3  In.  Th.  434,  9  Fedad.  Th.  438,  18.  Gr.  LVII,  9  torhtan  stod.  Th. 
440,  12.  Gr.  LX,  2  gylddenne. 

'  Klage  der  Frau  Th.  442,  11   Ongunnon.  Th.  442,  25  Da, 

B%  domes  däge  Th.  447,  13  nype.  Th.  448,  31.  Gr.  62  in  clcen- 
nisse.  Th.  450,  15.  Gr.  88  fore.  Th.  452,  3.  Gr.  115  geivcegen. 

Hymnen  und  Gebete.  Th.  452,  21  Ic.  Th.  453,  27  Forgif.  Th 
454,  28  Nu.  Th.  456,  15.  Gr.  67  meorda ;  zwischen  r  und  d  ist  ein  Buch- 
stabe ausradiert.  Th.  457,  18.  Gr.  85  gode.  Th.  459,  1.  Gr.  110.  Nach 
trfter  sind  2  Buchstaben  überklebt,  ebenso  Th.  459,  6.  Gr.  112  vor  ::nian 
2  Buchstaben  und  Th.  459,  9.  Gr.  114  hinter  gecio  ein  Platz  für  5  Buch- 
staben, von  denen  aber  wohl  2  wegen  des  Zwischenraumes  zwischen 
den  Wörtern  wegfallen.  Th.  459,  10  ä.  Th.  459,  13.  Gr.  116  zwischen  g 
und  bij>  fehlen  2  bis  3  Buchstaben:  es  ist  also  vielleicht  grim  zu  lesen 
statt  grim  ic  (Grein). 

Hüllen  fahrt  Christi.  Th.  459,32.  Gr.  7  fondon  ist  in  fundon 
corrigiert;  blidne  muss  also  wohl  auf  beorge  bezogen  werden.  Th.  460,  31. 
Gr.  25  mceges;  hiernach  sind  3  Buchstaben  überklebt;  sollte  sid  zu 
ergänzen  sein?  Th.  460,  36.  Gr.  28  gesohtfe]  ::::::e.v  monat.  Th.  461,  3. 
Gr.  29  nu  ::::::::  sceacen.  Th.  461,5,6.  Gr.  30,31  witod  :::::::::::  to 


ZUM  CODEX  EXONIENSIS.  335 

dcege.  Th.  461,  6,  7.  Gr.  31,  32  wille  :::::  gesecan  (nicht  secan).  Th. 
462,20.  Gr.  55  bepeahte.  Th.  462,22  4&ea<Z.  Th.  462,23  burgwarena 
ord.  Th.  462,  30.  Gr.  60  u*  :::  :::te  secan.  Th.  463,  33.  Gr.  61  l-oidw 
6*Ä::  :::::jE>ofl.  Th.  462,36.  Gr.  63  wrceccan  ::::::  ::::::  &w£  Th.  468,3. 
Gr.  64  niäbc:  Th.  464,  17.  Gr.  88  £<ma.  Th.  464,  19.  Gr.  80  ealdßnd 
r.üe  on.  Th.  464.  21,22.  Gr.  90,91  we  hr::::::  :::::n,  also  vielleicht 
hreöwige  mcendon  zu  lesen.  Th.  464,23 — 29.  Gr.  91 — 95  usse  ::::::::::: 
[sijge  dryhten  god  ::::::::::::::::::::  '.'.gast  ealra  cyninga  :::::::::: 
:::::: :usic  mon  modge  ]>e  ageaf  ::::geogode.  Th.  464,  31.  Gr.  96  hinter 
us  ist  ic  ausradiert.  Th.  465,  20.  Gr.  107  fiec]  das  c  halb  ausradiert. 
Th.  466,  10.  Gr.  119  fore  :  inum  cildhade.  Th.  466,  14.  Gr.  121  die 
Lücke  ist  nicht  groß  genug  für  ~]  forej  vom  letzten  Buchstaben  ist 
noch  etwas  sichtbar;  es  kann  nur  ein  n  oder  r  gewesen  sein;  vielleicht 
stand  for  im  MS.  Th.  466,  16—23.  Gr.  122-125  pinre  me  [ein  kleiner 
runder  Buchstabe  wie  a,  o  oder  c  kann  folgen,  der  noch  sichtbare  Rest 
läßt  kein  n  zu]  :::::  : : :  : : : anian  nama  —  lof ::::::::::::  [setjlum  (er- 
gänzt   von   Überresten   der   betr.  Buchstaben)    sittan  ::::::::::::    hond. 

Pharao.  Th.  468,  3.  Gr.  2  farones.  Th.  468,  11,  13.  Gr.  6,  7 
hun::::  ::::a.  — fornam'.::::::::torape. 

Hymnen  und  Gebete.  Th.  468,  16.  Gr.  V,  1.  Vor  f ender  fehlen 
10  Buchstaben;  ein  Restchen  vom  ersten  läßt  auf  ein  ]> ,  vom  letzten 
auf  ein  g  schliessen;  wahrscheinlich  ist  zu  lesen  pu  eart  hälig  feeder. 
Th.  469,  26  An.  Th.  470,  12—20.  Gr.  15—20  ripiin  geong  aw:  meegect. 
—  gelicade  )>a  ::::::::  in.  —  on  hr ::::::  ::::::ssan  se  wees  etc. 

Räthsel.  Th.  470,  24  vgl.  Gr.  XXXI,  1,  2.  Vor  ::dre  fehlen 
17  Bachstaben;  der  erste  derselben  war  eini«;  diese  Version  hat  also 
wunden  statt  bevmnden.  Th.  471,  2  :::::  biowende.  Th.  471,  14.  Gr.  LXI,  1 
sande  geändert  in  son 

Botschaft  des  Gemahls.  Th.  472,  18—30.  Gr.  1—7  Nu  ic 
onsundran  pe  seegan  witte:::: ::::  treo  cynn  ic  tudre  aweox  in  mec  celÄw 
:::::::  sceal  ellorlondes  8etta[n]  sealte  streafmasj  ful  oft  ic  on  hates 
::::  ::::  ::::  ::::  gesohte  /<■/•>•  m>c  mon  dryhten  min  ::::::: [oferj  heahhofu; 
vorletzte  Wort  ofer  ist  ergänzt  nach  Ueberresten  der  betr.  Buch- 
staben. Th.  474,5.  Gt.  25  ONgin\  Absatz  vorher  im  MS.  Th.  474,  13. 
Gr.  29  Zwischen  /"'«<  und  worulde  sind  2  Buchstaben  ausradiert.  Th. 
171.  L8  30.  <T.''il  38  alwaldend  god  ::::  cet  somne  siiijmn  motan 
///  and  gesipum  »:::::  :::'.::cetlede  beagas  ii>  genoh  hafad  feedango:: 
etwa  17  Buchst....  <</  elpeode  <\<<!  healde  feegre  foldan. . . .  20  22 
Buchst.    .    /■'/    Im  /r/m  peak  />-■  /"</•   //"'/'   wfinej...   etwa   1-1   Buchst... 

gebeeded;  wine  ist  ergänzt  von  Überresten  der  betr.  Buchst.  Th. 
475,  l.r).  Gr    48  genyre.  Th.    17."».  24,  Gr.  52  gespreeconn. 


336  J-  SCHIPPER 

Ruine  Th.  476,  23—477,  5.  Gr.  12  wonad  giet  s  ...  12  Buchst.  .  . 
mim  geheapen  felon  .  . .  etwa  24  Buchst.  . . .  grimme  gegrundefnj  ...  22 
bis  23  Buchst.  .  . .  scan  heo  .  .  .  etwa  24  Buchst.  . . .  g  orponc  cer  sceaft 
...  etwa  15  Buchst.  ...  g:::lam  rindum  beag  mod  mo :::::::  ne  swiftne 
gebrcegd.  Th.  477,  27.  Gr.  31  geapa.  Th.  478,  18.  Gr.  43-48  leton  pon 
geoton  .  .  .  etwa  23  Buchst. .  .  .  stau  hole  streamas  ifnj  . .  .  etwa  23  Buchst. 
.  . .  [opjpcet  hring  mere  hat  .  .  .  etwa  26  Buchst.  ...  ]>a  bdpu  wceron 
ponne  .  . .  etwa  28  Buchst.  . .  Ire  Pestis  cynelic  Jung  ...  28  —  30  Buchst.  . .  . 

Räthsel.  Th.  479,  1.  Gr.  LXII,  1.  Oft  (nicht  of).  Th.  479,  15.  Gr. 
LXII,  8  freeiwedne.  Th.  479,  25.  Gr.  LXIII,  4  richtig  im  MS.  ger  me. 
Th.  480,  22.  Gr.  LXIV  feedme  [on  folmj  :  :  : : :  grum  pyd  tvyrced  his  wil- 
lafnj  . . .  etwa  21  Buchst.  . .  .  fulre  pon  ic  ford — eyme  . .  .  etwa  23 
Buchst.  ...  ne  mag  ic  py  mipan  .  . .  etwa  20  Buchst.  .  . .  [sipjpan 
on  leohte  .  . .  etwa  24  Buchst.  .  .  .  sioylce  eac  bid  sona  .  .  .  etwa  17 
Buchst.  .  .  .  getaenad  hweet  me  to  .  .  etwa  9  Buchst.  .  .  .  leas  rinc  pa 
unc  geryde  toces.  Th.  482,  10.  Gr.  5  Note  nymppe.  Das  hinter  Räthsel 
VI  (Th.  p.  483),  Grein  LXVII  in  dem  MS.  nur  unvollständig  erhaltene 
Räthsel  hat  Thorpe  stillschweigend  ausgelassen.  Ich  gebe  hier  den 
Text  desselben  mit  der  Zeilenabtheilung  des  Ms.:  [I]c  on  pin::  :::: 
peodcyninges.  icrcetlice  iciht  word  ||  galdra  .  .  .  etwa  24  Buchst.  .  .  .  Mo 
symle    ded\\ßra   gel  ...    etwa    26    Buchst.    ...   fwijsdome    loundor    me 

Pa::w?   ...    etwa  28   Buchst enne  ||  mud  hafad  fet    in?  [f]? 

.  .  .  etwa  27  Buchst.  .  .  .  ||  icelan  oft  sacad  ciciped  .  .  .  etwa  22  Buchst.  .  .  . 
weard  ||  leoda  lareoic.  forpon  nu  longe  .  .  .  etwa  10  Buchst.  .  .  .  ||  ealdre. 
ece  lifgan.  missenlice  ]>enden.  wenn  bugad.  eor'pan  sceatas.  ic  pect  oft 
geseah.  golde  gegiericed.  peer  gn\\>nan  druncon.  since  and  seolfre.  seege  se 
pe  eunne.  j|  ivisfcestra  hxcylc.  hwost  seo  tviht  sy.  Th.  484,  13.  Gr.  LXX,  7 
sceal  ...  9  Buchst.  .  .  .  hringum  gehyfrsted]  [me:]  .  .  .  etwa  23  Buchst.  .  .  . 
dryhtne  min  .  .  .  etwa  21  Buchst.  .  .  .  xclite,  letztes  Wort  in  der  Zeile; 
unter  demselben  steht  bete  \—j  Das  zu  Ende  eines  Räthsels  oder  über- 
haupt eines  Absatzes  übliche  Zeichen  \—t  beweist,  daß  bete  noch  zu 
diesem  Räthsel  gehört  und  nicht  zum  folgenden,  wie  Thorpe  vermuthet. 
"Wie  viel  von  dieser  Zeile  fehlt  lässt  sich  nicht  angeben,  da  es  vielleicht 
eine  kürzere  Endzeile  war.  Th.  484,  14—20.  Gr.  LXXI,  14  Ic  woes  .  .  . 
etwa  22  Buchst.  .  .  .  geaf  .  .  .  etwa  32  Buchst.  .  .  .  we  unc  gemeene  .  .  . 
19  Buchst.  .  .  .  sweostor  min  fedde  mec  .  .  .  etwa  11  Buchst.  .  .  .  feower 
teah.  Th.  486,  6-20.  Gr.  LXXII,  8-18  folme  by:g  :::::lan  dcä  gif — 
dorne  vi  ...  14  Buchst.  .  .  .  dan  meerpa  fremman  wyrean  w  ...  etwa  20 
Buchst.  . .  .  ec  non  peode  utan  w  .  .  .  etwa  23  Buchst.  .  .  .  pe  and  to  wroht 
stap   .  .  .   etwa  25    Buchst.    ...»    eorp   eaxle  gegyrde  xeo :    .  .  .    etwa  28 


ZUM  CODEX  EXONIENSIS.  337 

Buchst.  .  .  and  sxoiora  —  fealwe  .  .  .  etwa  18  Buchst.  .  .  .  pofl  —  and 
mec  :::::::  fcegre.  Th.  488,  15.  Gr.  LXXVI,  7  aryped::::[ecj  hfw?]::pe 
si)>}>an  iteit  unsodene  eac:  der  Rest  der  Zeile  fehlt. 

Zwischen  Räthsel  XVI  und  XVII  bei  Thorpc  p.  488  und  LXXVI 
und  LXXVII  bei  Grein  findet  sich  im  MS.  folgendes  Bruchstück  eines 
andern  Räthsels:  Ofl  icßodas  .  .  ,  etwa  24  Buchst.  .  .  .  as  cyn  \\  minum  and 
.  .  .  etwa  26  Buchst.  .  .  .  yde  meto  mos  .  .  .  etwa  26  Buchst.  .  .  .  swa  ic 
him\  .  .  .  etwa  24  Buchst.  .  .  .  al  ne  ait  harn  gesait\\  .  .  .  etwa  16  Buchst.  .  .  . 
rote  cwealde  purh  orponc\\  .  .  .  etwa  5  Buchst.  .  .  .  y],um  bewrigene. 

Th.  490,  11.  Gr.  LXXIX,  9  peced:: :::::: :ed  and  fealled  snaw  py- 
relwombne  and  ic  pcet  ...  28  oder  29  Buchst.  .  .  .  ceajt,  mine  (also  wohl 
wie  Grein  liest).  Hierauf  folgt  wieder  ein  wie  gewöhnlich  von  Thorpe 
ausgelassenes  Bruchstück  eines  Räthsels  im  MS.:  T?:  nd   ...  etwa  22 
Buchst.  .  .  .  ofngende  greate  ]  sicilged  .  .  .  etwa  24  Buchst.  .  .  .  U  ne  flaisc  || 
fotum  g::g  der  Rest  der  Zeile  fehlt  (etwa  36  Buchst.).  |  sceal  mozla  gehwa 
der  Rest  dieser  Endzeile  des  Räthsels  fehlt.  Th.  490,  6.  Gr.  LXXX,  1. 
fromey  .  .  .  etwa  18  Buchst.  .  .  .  biden  in   burgum   sippan   bceles  [toeorc? 
nur  von  w?  e?  o  oder  a  und  r  sind  Reste  erhalten];  zwischen  bceles  und 
tcera  fehlen  im  Ganzen  etwa  10  Buchstaben.  Th.  490,  22.  Gr.  LXXX,  5 
fah  icara  :  eordan  etc.,  also  wie  bei  Grein.  Th.  491,  12.   Gr.  LXXX,  10 
Ac.  Th.  492,  9.   Gr.  LXXXI,  11  purh  .  . .  etwa  12  Buchst.  . . .  and  pcet 
hyhste  mos  ::::\J>es?  (nach  Überresten)^...  fehlen  noch  etwa  18  Buch- 
staben in  dieser  Zeile;    von   den   nächsten   Zeilen   sind   noch   folgende 
Bruchstücke  erhalten:  dyre  crceft  .  .  .  etwa  23  Buchst.  .  .  .  onne  hy  äweorp 
.  . .   etwa  23  Buchst.  .  . .  pe  oenig  ]>ara   .  .  .   etwa  23  Buchst.  .  .  .  :ffoJr 
ne  mceg  .  .  .  etwa  27  Buchst.  .  .  .  oper  cynn  eorpan  .  .  .  etwa  15  Buchst.  .  .  . 
fpjon  cer  wces  wlitig  <nt<l  wynmm  ...  8  Buchst.  .  .  .  bip  sio  moddor  mcegene 
eacen  im, nimm  [bejgreped;   so   ist  vermuthlich   das   letzte  Wort  zu  er- 
gänzen  nach    noch    sichtbaren   Bruchstücken    der    beiden  Buchstaben; 
sicher  nicht  gegreped.    Kür   die   unrichtige  Behauptung  Thorpe's  „Wli.it 
follows   is   apparently   part   of   another    enigma"    (Note  zu  Z.  10)   bot 
ihm  selbstverständlich  kein  Überrest  eines  großen  Anfangsbuchstaben, 
noch  auch  ein  Endzeichen  (:-,  1  einen  Anhalt.  Th.492,  28.  <ir.  LXXXI,22 
earmu   getcese.   Th.  493,    10,   19  Note:    «las    MS.    zeigt  keine  Lücke.  — 
Th.  493,  27.  (>w  LXXXI,  37  nach    mich  finden    sich   folgende   lücken- 
hafte  Zeilen    im    .MS.: 

...  13 — 14  Buchst.  ...  fste]  bip  stanum  bestreped  stormvm  ...  30 
bis  31   Buchst.  .  .  ■  .   timhred  weaü  .  .  .  .".()  Buchst.  . . .  d  hrusan  hrinep  }> 
. . .  etwa  27  Buchst.  . . .  fnjgt   oft  aearwufmj  etwa  28  Buchst  . .  .  fd 
de  ne feled  peak:  ..     etwa  26  Buchst  ...  du  {ßuf)  hreren  hrif  wun::g 

QEBMAHU    Reue  Reihe.  VIL    (XIX.)  Jahrg.  22 


33g  J.  SCHIPPER,  ZUM  CODEX  EXONIENS1S. 

. .  .  etwa  21  Buchst.  .  .  .  risse  hord  word  onhlid  hceflepumfj  .  . .  etwa  15 
Buchst.  .  . .  tweoh  wordum  ge  opena  hu  mislic  sy  mmgen  para  .  .  .  etwa 
zwei  oder  drei  Buchst,  können  in  dieser  Zeile  nur  noch  fehlen.  Tb. 
494,  3.  Grein  LXXXII.  Im  MS.  findet  sich  keine  Lücke.  Th.j  495,  13- 
Gr.  LXXXIV  se  peak  mol  .  .  .  etwa  14  Buchst,  fehlen  an  einer  vollen 
Zeile.  Die  Anfangszeilen  des  folgenden  Räthsels  (Th.  495,  XXY;  Gr. 
LXXXV)  stehen  im  MS.  so;  Ic  weox  pcer  ic  ...  etwa  34  Buchst.  .  .  . 
and  sumor  mi  .  .  .  etwa  30  Buchst.  .  .  .  me  icoes  min  tin  .  .  .  etwa  33 
Buchst.  . . .  d  ic  on  stadfolj  .  .  .  etwa  28  Buchst.  .  .  .  um  geong  swa  .  . . 
etwa  27  Buchst.  . .  .  se  iveana  oft  geond  .  .  .  etwa  20  Buchst.  .  .  .  [fjgeaf, 
Ac  ic  uplong  stod  ]xcr  ic  .  .  .  etwa  8  Buchst.  .  .  .  and  mine  bropor  etc.  — 
Th.  496,  6.'  Gr.  LXXXV,  10  Nu  (wie  bei  Grein).STh.  496,  17.  Gr. 
LXXXV,  16  Ac  (nicht  ac).  Th.  497,  13.  Gr.  LXXXVI,  29  misare  (sie!) 
Th.  498,  11.  Gr.  LXXXVII,  11  wcelcrceßß]  scheint  im  MS.  gestanden 
zu  haben;  für  wcelcraftum  wäre  kein  Platz.  Zwischen  Räthsel  XXVIII 
und  XXIX  bei  Th.  p.  498  und  LXXXVII  und  LXXXVIII  bei  Grein 
stehen  im  MS.  folgende  zum  Theil  unvollständige  Zeilen  eines  andern 
Räthsels : 

Ic  woes  brunra  beot.  beam  on  holte,  freolic  feorhbora.  and  fohl  an 
wcestmjioym  stapol.  and,  wifes  sond.  gold  on  geardum.   nu  eom  gudwigon. 

hyhtlic  hildetümpen.  hringe  bete  ...  27  Buchst,  byred  oprum ? 

Buchst.  Die  nächsten  Zeilen  gehören  dem  folgenden  Räthsel  Th.  XXIX; 
Gr.  LXXXVIII  an  und  stehen  im  MS.  so : 

Frea  mifnj  .  .  27  Buchst.  ...  de  icillum  sinü  . . .  26  Buchst.  . . . 
heah  and  fhyhtj  ...  20  Buchst.  .  .  .  [scejarpne  hwilum,  ...  22  Buchst .  .  . 
[hwjilum  sohte  frea  ...  17  Buchst.  . . .  as  wod  {da>grime  frod  deofpe 
streamasf]  hwilum  stealc  etc. 

Th. 499, 19.  Gr.  LXXXVIII,  18  poette.  Th.  499,  22.  Gr.  LXXXVIII, 

19  wuda  and  iccetre  xoomb[ef]  befeedme.  Th.  499,  25.  Gr.  LXXXVIII,  21 
eo:es?  Th.  499,  27.  Gr.  LXXXVIII,  22  Nu  (wie  bei  Grein).  Th.  499,  31. 
Gr.  LXXXVIII,  23  gehlepan  : : : :  r.ofwombe.  Th.  499,  34.  Gr.  LXXXVIII, 
26.  Die  nach  stid  hord  im  MS.  befindliche  Lücke   hat  folgende  Form: 

. . .  etwa  27  Buchst.  . .  .  n  dcegcondel  sunne  .  .  .  etwa  27  Buchst.  . .  . 

eorc  eagum  wlited:  :p ?, Buchst.  —  Ein  anderes  Räthsel  folgt :  Smfijp 

.  . .  etwa  27  Buchst.  .  . .  hyrre  poü  heo[f]  .  . .  etwa  32  Buchst.  .  .  .  dre 
pon  sunne  . .  .  etwa  29  Buchst.  . .  .  style,    smeare  pon   sealt  ry  .  . .  etwa 

20  Buchst.  . . .  leofre  pon  jtis  leoht  eall  leohtre  pon ?  Buchst.  . . . 

Mit  der  folgenden  Zeile  beginnt  Räthsel  XXX  (Th.)  LXXXIX  (Grein), 
wozu  nichts  zu  bemerken. 

KÖNIGSBERG  i.  Pr.  8.  Jan.  1874.  J.  SCHIPPER. 


\V.  GEMOLL,  BRUCHSTÜCKE  EINER  GEREIMTEN  BIBELÜBERSETZUNG.     339 

BRUCHSTÜCKE  EINER  GEREIMTEN  BIBEL- 
ÜBERSETZUNG. 


Und  in 

Sa  cli 


Waz 


I. 

Jerusalem  were 

da  er  in  sach 

von  er  sprach 

den  der  gesundet  hau 

getan 

herre  min 


herre  di  liant 
10  Und  uf  daz  hus  des  vater  min 
daz  wir  din 
der  engel  nicht  der  stat 
Un  do  quam  der  propheta  gad 
Als  got  in  hiez  zu  dawide  gan 
15  Einen  alter  hiez  er  in  (I.  sän) 
Machen  nach  gotes  geböte 
Diz  geschach.  do  wart  von  gote 
Behaben  di  suche,  daz  nicht  me 
Geschehe  in  übel  so  als  e 
20  Der  kunic  davit  waz  worde  alt 
Von  sinen  tagen  manicvalt 
Kr    wart   nicht   warm    Bwi  vil 

der  cleit 
wurden   da  uf  in  geleit. 
Zu   der  geschieht  sprachen  d<> 
25  Gremeinlich  sine  knechte  also 
Wir  suln  in  israhel  vil  gar 
Dem    kuiii-;''    seh  suchen    her 

und  dar 
Eine  schone    iücwrowe   di  im 
Diene  und  vure  in 
30  In  denn-  senoze  slafe  die 
Des  kuniges.  in  bub  wenrie  sie 
.Man  sachte  ein  sulche  mait  zu 

•     hat 
Über  alle  israhelisch  laut. 
Nu  wart  in  den  stunden 
35  Eine  hiez  abisag  fanden 


Di  wart  deme  kunige  bracht, 

Abisag  so  in  quam 

Des  kuniges  si  h .  . .  . 

Si  slief  bi  im  in  der  geschieht 

40  Wart  er  ir  doch      nicht 
Wände  si  reine  bi  im.  . . 
Binnen  des  un  sich  e .  .  .  . 
Ein  des  kuniges  sun  was 
Der  hiez  adoniass 

45  Der  erhub   sich   unde    sprach 
Ich  wil  kunic  sin.  dit  geschach. 
Daz  begund  er  often  sagen 
Un  machte  im  einen  wagen 
Idoch  di  selben  geschieht 

50  Strafte  an  im  d'  vater  nicht 
Er  waz  vil  schone  und  zuvorn 
Der  andere  nach  absalon  ge- 

born. 
Joab  und  abiathar 
Mit  adonia  Avaren  dar 

55  Si  halfen  im 

Aber  der  pfaffe  sadoch 
Und  ouch  bananias 
Der  ioiade  sun  was 
Un  nathan  d'  propheta 

60  Waren  nicht  mit  adonia 
Un  rei  und  siraei 
<  Gestunden  im  nicht  bi 
l'n  alle  davides  starke  man 
Die  wolden  im  nicht  bistan. 

<;.">  Nu  vugete   sich  daz  zu  opfer 
I  zu  kamen  adonias  [waz 
Als  er   bestetigen  wolde   sich 
Des  kuniges  Bune  gemeinlich 
Seine  brudere  lud  er  da 

70  Und  di  man  von  iuda 

Des  koniges  knechte  rief  er  hin 
Gerufen   bete  er  nicht  zu  im 


36  Mit  eint  Zeile. 


l'L' 


340 


W.  GEMOLL 


Bananiam  unde  nathan 
Und  davides  starke  man 

75  Salonion  d'  bruder  sin 

Waz  ouch  da  nicht  gerufen  in 
Binnen  des  und  dit  geschach 
Nathan  zu  hersabeen  sprach 
Di  salomortis  muter  waz 

80  Weisüt  dit  das  adonias 
Richte*  der  sun  agit? 
Und  unser  herre  weiz  nicht  dit 
Da  von  so  gehöre  mir 
Und  nim  von  mir  den  rat  dir 

85  Unde  behalt  dich  da  von 
Un  dinen  sun  salomon. 
Ganc  zu  deme  kunige  hin 
Da  er  ist.  sprich  wider  in 
Nu  hastu  herre  mir  diner  maget 

90  Swerende  also  gesaget 
Daz  salomon  der  sun  din 
Nach  dir  richtende  solde  si 
Uii  besetzen  dinen  tuon   tron 

Nach  dime  tode.  und  da  von 
95  Richsent  adonias  nu? 

Di  wile  so  daz  sprichestu 

So  wil  ich  kumen  i  zu  dir  dort 

Un  volenden  dine  wort. 

Do  gienc  hin  in  bersabee 
100  Zu  deme  kunige  als  si  e 

Waz  gelart.  do  sin  phlac 

Und  im  diente  abisag. 

Do  bersabee  qua  da  hin 

Mit  grose  neig  si  gegen  im 
105  Waz  wiltu   sprach    der  kunic 
zu  ir? 

Si  sprach  herre  nu  hastu  mir 

Diner  dirne  zu  vorn 

Bigote  dem  herre  din  gesworn 

Daz  din  sun  sol   salomon 
110  Nach  dir  bezze   beseze  dinen 
tron 

Alsus  von  dir  gesprochen  waz 

Nu  richsent  adonias 

opfer  sin 

Bocke  und  schafe  und  manic 
var 
115  Des  kuniges  sune  er  alle  dar 


Hat  geladen  abia|thar 
Der  phaffe  ist  mit  |  in  dar 
Joab  hin  ouch  do  bi  ge . . . 
Dinen  sun  er  nicht  ge .  .  .  . 

120  Salomonem  unt  enein 
Di  israhelen  vil  gemein 
Nement  alle  wäre  din 
Mit  vlize  herre  kunic  min 
Daz  du  machest  in  bekant 

125  Den  daz  er  werde  in  beuant 
Der  nach    dir   sule  mit  witze 
Dinen  tron  besetzen. 
Di  wile  si  dit  sprach  alda 
Do  quam  der  propheta 

130  Nathan  in  der  selben  stunt 
Daz  wart    deme   kunige  kunt 
Getan  alsus.   hi  ist  nathan 
Man  hiez  in  vor  den  kunic  gan 
Do  er  in  quam  vur  in 

135  Uii  geneig  untz  an  di  erde  im 
Do  sprach  er  kunic  herre  min 
Sin  daz  gewesen  di  wort  din 
Adonias  richten  sal  nach  mir 
Ist  daz  gesprochen  von  dir 

140  Daz  er   besitze    den   tron  din 
Wanderhatbrachdaz  opfer  sin 
Hute  und  ouch  geladen  dar 
Des  kuniges  sune  und  abiathar 
Den  pfaffen.  und  ouch  ioab 

145  Si  ezzen  vrolich.  und  dar  ab 
Wirt  dogeschrei  alsus  gegeben 
Der  kunic  adonias  muze  leben 
Mich  dine  knecht  er  nicht  bat 

enhat 
Geladen  an  di  selbe  stat 

150  Noch  den  pfaffen  sadoch 

Da  hin  ist  nicht  geladen  ioch 

II. 

Daz  din  prophecien 
War  si.  so  saltu  vrien 
Von  vorchte  gar  herze  din 
Also  daz  du  di  wort  min 
5  Nich    wenest    werden    vollen- 
bracht 
Als  ir  mit  rede  ist  gedacht 


126  f.  Uet  mit  witzen 
herze  diu. 


besitzen. 


141  l.  bracht. 


II,  3  l.  gar  daz 


BRUCHSTÜCKE  EINER  GEREIMTEN  BIBELÜBERSETZUNG. 


341 


Uf  daz  du  nu  di  warheit 
Bevindest  als  hi  ist  geseit 
Hi  nach  mit  dem  volke  sit 

10  So  saltu  von  dirre  zit 

Dem  volke  zu  gemenget  sin 
Vfi  swannesi  mines  swertes  pin 
Entphahen   als    du    hast  ver- 

numen 
So  sal  min  räche  ouch  an  dich 
kuiTi 

15  Zu  den  knechte  er  do  sprach 
Di  er  bi  im  da  sten  sach 
l'n  hiez  si  grifen  an  im 
Uli  zuhaut  vuren  hin 
Zu  einer  stat  di  lac  da  na 

20  Um  waz  genant  bethulia 
Di  knechte  ouch  daz  taten. 
Do  si  in  bracht  haten 
In  di  nehe  bi  di  stat 
Zuhantdi  hüte  ouch  gel  im  trat 

25  Di  von  der  israhelen  schar 
Zu  hüte  waz  geseztet  dar. 
Do  si  des  wurden  innen 
Zu  hant  ouch  si  mit  sinnen 
Karten  in  den  ztten 

30  An  des  berges  mitten 
Achior  si  do  bunde 
An  einen  boum  zu  stunden 
Namen  ouch  si  di  kere 
Unde  sumeten  do  nicht  mere. 

35  Nu  quamen  uz  der  stat  hervor 
Di  israhelen  zu  achior 
Si  losten  und  vurten  in 
Zu  bethulia  mit  in  hin 
Zu  hant  vurten  si  in   dar 

40  Under  di  gemeinen  schar 
In  vrageten  in  der  mere 
W'a  von  daz  kamen  were 
Daz  er  dorte  zu  stunden 
Von  ienen  bleib  gebunden. 

45  In  der  selben   dar  zit   da   Waz 
ein  wurste  hiez  oziaa 
l  ml  ouch  ein  ander  mit  im 
I  >■  r  waz  geheizen  charim 
I  >en  und  der  gemeinen  schar 
Sagete  achior  vi]  gar 


Wi  dort  holofernes 
Gevraget  hete  un  wes 
Er  im  do  antwurte  gab. 
Un  wi  di  knechte  sin  dar  ab 

55  In  wolden  haben  tot  geslagen. 
Do  bi  so  begunde  er  sagen 
Wi  holofernes  zorn  var 
In  daruf  hieze  brengen  dar 
Den  israhelen  swan  er 

G0  Uberwunde  si  nach  siner  ger 
Daz  achior  in  deme  sterben 
Solde  ouch  alda  vurterben 
Darüber  sagete  er.  ditgeschach 
Wand  ich  alda  vor  im  sprach 

65  Daz  got  himiles  got  si 
In  helfe  den  israhelen  bi. 
Do  her  gesagete  dise  wort 
Als  si  waren  gesprochen  dort 
Secht  wi  daz  volc  gemeinlich  da 

70  Vielen  uf  di  erden  sa 
Un  betten  iren  got  an. 
Mit  vlize  wart  gel  deme  getä 
Alda  von  den  gemeinen 
Vil  sufzen  un  weinen. 

75  Eintrechteliehe  daz  volc  tet 
Alsus  zu  gote  sin  gebet 
Mit  clagenden  geberden 
Got  des  himels  und  der  erde 
Nu  sich  an  ir  hochmüedekeit 

80  Und  unser  eilende  unde  leit 
Un  das  wir  han 

Von  dem  kunige  dem  stolzen 

man. 
Gewer  uns  herre  des  wir 
Biten  daz  du  di  getruwen  dir 

85  Nicht  last  bliben  ander  wegen 
I  'ml  daz  du  di  di  sieh  erwegen 
Und  erheben  sich  von  in 
Findest   Bwa   di  selben  sin. 
1 '..  Bus  von  den  gemeinen 

90  1  >az  gebet  und  daz  weinen 
den  tae   aber  al 

Iniehsal 

Zu  achior  sprachen  si  do 
trösten  bi  also 


17  /.  an  in 


18  /    kneehten 


litt  n 


46  l.  vurste. 


342     W.  GEMOLL,  BRUCHSTÜCKE  EINER  GEREIMTEN  BIBELÜBERSETZUNG. 


95  Unserer  vetere   got   des    wort 
Un  tugent  du  hast  gesprochen 

dort 
Der  wirt  dir  daz  volbrengen  in 

im 
iener  val 
machen  grozen  schal 
got 
knechten  ein 

von  ir  spote 
in  zu  eime  gote 
ozias 
da  was 
ein  abent 
Di  pfaffen  und  in  ge .  .  .  . 
sante  von 

und  azen  nach 
daz  von 
Gebaren  aber 
In  der  kirchen  alda 

an  der 
von  der 
got  von  ist 


100 


105 


110 


115 


Des 

Gegen  der  stat  bethulia. 
Der  vuzgangere  waren  da 
120  Zwenzic  un  hundert  tusent 
Derritenden  waren  an  der  stunt 
Zwei  und  z(ehn)   tusend  ioch 
Andere  da  hete  er  noch 


gar 
zu  strite 

Bethulia 


do 


Der 
125  Secht 
Gegen 
In  der 
Zogeten  si 
Un  quamen 
130  Biz  an 

Daz  gegen 
Di  israhelen  der 
Wurden  alle  vil 
Si  vielen  gegen  got  nider 
135  Gemeinlich  und  da  wider 
Si  baten  mit  einhellekeit 
Daz  got  di  barmherzekeit 
Bewiste  uf  s^n  volc  alda 
Un  namen  ouch 
140  Di  wapene  un  hutten  sich 
Swa  mochte 
Da  holofernes 

Wanderte  wider  des 

vant 
145  sach  er  eine  want 

an  der  stete 
in  quam 
Do  hete  am 

so  gelanc 
anc 
Ouch  waren  do  noch 

Ire  von  der 

holn 
verstoln 


150 


Die  vorstehenden  beiden  Fragmente  sind  in  einer  Pergainenths. 
enthalten,  die  sich  im  Besitz  des  Hrn.  Pastors  Obenaus  im  Ki-eise  Pyritz 
i.  P.  befindet  und  dem  Verf.  zur  Einsicht  und  Benutzung  freundlichst 
überlassen  war;  ich  habe  hier  eine  möglichst  treue  Wiedergabe  der- 
selben geliefert.  Die  Schrift  der  Hs.  ist  sehr  sorgfältig  und  zierlich, 
die  größeren  Initialen  beim  Beginn  eines  neuen  Absatzes  wie  Binnen 
des  und ....  Der  kunic  Davit  waz  worde  alt ...  .  sauber  ausgeführt. 
Das  Pergamentdoppelblatt  diente  als  Deckel  eines  lateinischen  Com- 
pendiums  aller  nur  denkbaren  Wissenschaften  von  der  Metaphysik  bis 
zur  Gartencultur  herab  und  hat  durch  Staub  und  Schmutz  außen  sehr 
gelitten.  Die  Schrift  gehört  dem  14.  Jahrhundert  an.  Ersichtlich  ist  aber 
die  Handschrift   eine   nicht   selten    fehlerhafte  Copie    eines  älteren  Ori- 


120  l.  tusunt. 


ALOIS  KNÖPFLER,  DIE  STADT  WIEN  IM  NIBELUNGENLIED.         343 

gihals,  das  nach  Reimen  und  Versbau  zu  urtheilen  dem  13.  Jahrh.  an- 
gehört. Die  Sprache  der  Handschrift  ist  mitteldeutsch,  und  auch  das 
Original  ist  in  Mitteldeutschland  entstanden.  Daraufweist  die  Dativ- 
form'  deine  1.  36,  I.  131,  die  Keime  ztuoorn  (:  geborn)  I,  81,  (:  gesworn) 
I,  307,  dar  (-  da)  :  Abiatkar  1,  53,  dit  :  (Agit)  I,  81,  enkät  (:  etat)  148, 
,id  (--  nähe)  :  Betkuliä  II,  19,  geberden  :  erden  II,  78,  das  Wort  trueb- 
sal  II,  92. 

Die  Behandlung  des  alttestamentlichen  Stoffes  schließt  sich  genau 
dem  biblischen  Texte  an,  1  hebt  mit  '2.  Samuel  24,  17  an  und  geht 
bis  1.  Kon.  1,  26;  II  reicht  von  Judith  6,  4  —  7,  10.  Viel  treuer  als  die 
Weltchroniken  thun  gibl  diese  Dichtung  die  betreffenden  Stücke  wieder, 
daß  man  sie  eher  als  eine  gereimte  Übersetzung  der  Bibel  denn  als 
eine   Weltchronik  wird  bezeichnen  dürfen. 

WOHLAU  i.  Schi.   10.  April   1874.  W.  GEMOLL. 


DIE  STADT  WIEN  IM  NIBELUNGENLIED. 


Die  Stadt  Wien  im  Nibelungenlied  war  von  jeher  eine  crux  inter- 
pretum.  Für  die  Anhänger  der  Liedertheorie  war  die  Sache  zwar  ziem- 
lich einfach.  Ist  unser  Nationalepos  nichts  anderes,  als  eine  Zusammen- 
stoppelung  einer  bestimmten  Anzahl  Lieder  mit  Zusätzen,  Verbesserungen 
u.  s.  w.,  so  ist  eben  Strophe  1102  auch  solch  ein,  später  hinzugekommener 
Anwuchs.  Anders  aber  musste  die  Sache  vom  Standpunkt  der  Einheits- 
theorie aus  angesehen  werden.  Allein  Herr  Prof.  Iloltzmann,  der  Be- 
gründer derselben,  gerieth  mit  unserer  Kaiserstadt  gleichfalls  in  große 
Verlegenheit  und  sah  sich  genöthigt,  hier  zu  Interpolationen  seine  Zu- 
flucht  zu    nehmen.    Solche  Concession  von   Seite    der    Einheitstheorie, 

snüber  der  Lachmannischen  Schule,  ist  aber  wohl  nicht  nothwendig. 
Erstlich  möchte  hier  gezeigt  werden,  daß  Strophe  1102  keines- 
wegs bo  störend  und  sinnverwirrend  ist,  wie  Lachmann  zu  erweisen 
sucht*),  zu  welcher  Erörterung  auch  Holtzmann  seine  Zustimmung 
gegeben.**).  Nur  dar!   biebei  natürlich  uicht   von  der  Lesart  in  A  aus- 

tngen  werden,  welche,  wie  überall,  so  auch  hier  allerdings  Wider- 
sprüche zeigt.  Str.  1092  verspricht  Etzel  Rüdegeren  für  ihn  und  sein 
Gefolge   „v<»n   kleidern    unl    von   roflsen"  Boviel   er   wünsche,   wenn  er 


*)  Anmerkungen  zu   Str.   1102. 
i  uterouchungcn  B.   l  -7. 


344  ALOIS  KNÖPFLER 

für  ihn  die  Brautwerbung  unternehme.  Rüdeger  lehnt  dieß  jedoch  ent- 
schieden ab.  „Mit  min  selbes  guote  wil  ich  din  böte  gerne  wesen", 
erwidert  er  1093.  Hiemit  gibt  sich  Etzel  denn  auch  zufrieden  und 
fragt,  wann  er  die  Fahrt  antreten  wolle  1094.  Der  Markgraf  gibt  hier- 
auf zur  Antwort,  daß  er  nicht  eher  abreisen  könne,  als  bis  Waffen 
und  Gewand,  Schilde  und  Sättel  für  sein  ganzes  Gefolge,  das  aus  500 
Mann  bestehen  soll,  bereitet  seien  1095.  Wer  immer  in  fremden  Landen 
seine  Schar  sehen  wird,  soll  gestehen,  daß  nie  ein  König  solch  statt- 
liche Brautwerbung  abgesendet  109G.  Erst  in  24  Tagen  wird  es  daher 
möglich  sein  die  Fahrt  anzutreten  1099.  Unterdessen  sendet  Rüdeger 
Boten  zu  Götelind  nach  Bechelaren  und  lässt  ihr  sagen,  daß  er  für 
seinen  Herrn  eine  Brautwerbung  unternehmen  müsse,  ohne  jedoch  die 
Auserkorene  schon  zu  nennen.  In  Wien  lässt  sich  Rüdeger  die  Aus- 
rüstung, deren  er  zur  Fahrt  bedarf,  bereiten,  da  er  ja  Etzels  Aner- 
bieten abgelehnt.  Nach  24  Tagen  scheidet  er  aus  Hunnenland,  während 
schon  Gattin  und  Tochter  zu  Bechelaren  seiner  harren,  und  findet  zu 
Wien  Waffen  und  Gewand  für  ihn  und  sein  Gefolge  nach  Wunsch  be- 
reitet. Diese  werden  auf  Saumthieren  nach  Bechelaren  gebracht  1104. 
Daselbst  angekommen  wird  Rüdeger  mit  seinem  Gefolge  von  der  blü- 
henden Tochter  bewillkommt,  worauf  Herberge  genommen  wird.  Des 
Nachts  fragt  Götelind  ihren  Gemahl,  wohin  ihn  der  König  auf  die 
Brautwerbung  gesendet.  Jetzt  erst  eröffnet  er  ihr,  daß  er  Chriemhilde 
freien  müsse  und  verlangt  zugleich,  daß  sie  seine  Recken  auf  die  Reise 
von  ihrem  Gute  beschenke;  „so  hei  de  varent  riche,  so  sint  si  vroelich 
gemuot"  1111,  4.  Götelind  verspricht  dieß  und  es  werden  nun  feine 
Seidenstoffe  in  Menge  aus  den  Kammern  getragen  und  die  Recken 
damit  reichlich  ausgestattet.  Am  siebenten  Morgen  sodann  bricht 
Rüdeger  von  Bechelaren  gen  Worms  auf  1114.  Warum  Rüdeger  „sehr 
übel  gethan  hätte,  sich  fünf  Tage  zu  Bechelaren  aufzuhalten",  wie 
Lachmann  meint*),  ist  nicht  recht  einzusehen.  Hier  in  seiner  Residenz 
sollte  die  Ausrüstung  vollendet  und  das  Mangelnde  vollends  ergänzt 
werden.  Auch  verstärkt  er  sein  Gefolge  noch  durch  die  besten  und  zu 
diesem  Zuge  tauglichsten  Männer  1113,  4.  Daß  überhaupt  Rüdeger  so 
große  Eile**)  gehabt  auf  seiner  Reise,  ist  nirgends  auch  nur  leise  an- 

■utet.  So  wird  also  durch  Strophe  1102  nicht  die  geringste  Ver- 
wirrung verursacht,  vielmehr  erscheint   die  Erwähnung  einer  Stadt,  in 

iiüdegcr  sich  seine  Ausrüstung  bereiten  ließ,    als   ganz   natürlich, 


*)  A.  a.  O.  S.  145. 
**)  A.  a.  O.  S.  146. 


DIE  STAUT  WIEN  IM  NIBELUNGENLIED.  345 

ja  geradezu  nothwendig.  Wie  es  nun  kam,  daß  Wien  als  diese  Stadt 
genannt  wird  und  daß  Wien  sogar  schon  „am  Ende  des  10.  Jahrhun- 
derts als  eine  reiche  Handelsstadt  geschildert  werden  konnte*),  das 
möchte  in  Folgendem  gezeigt   werden. 

Wir  wissen  daß  der  hl.  Severin  um  die  Mitte  des  5.  Jahrhunderts 
in  der  Donaugegend  zwischen  Passau  und  Wien  als  Missionär  thätig 
war.  Hier  hatte  er  mehrere  Klöster  errichtet,  das  Hauptkloster  aber 
befand  sich  iD  der  Nähe  der  großen  römischen  Donaustadt  Favianae, 
wo  er  auch  482  starb'*).  Das  Ansehen  dieses  Mönchs  in  jenen  Gegenden 
war  ein  wunderbares.  Heiden  und  Christen,  Römer  und  Barbaren  hörten 
auf  seine  warnende  Stimme  und  schreckten  vor  seinen  Drohungen  zu- 
rück. Vielen  Gefangenen  erbat  er  die  Freiheit  zurück,  heilte  Kranke» 
ja  in  allen  Nöthen  hoffte  man  von  Severin  Hilfe***).  Zu  wiederholten- 
malen  verhalf  er  auch  der  dortigen  Bevölkerung  zu  glänzendem  Sieg 
über  die  andringenden  Feinde.  Nur  seinem  Einfluß  war  es  zu  ver- 
danken, daß  sich  die  römische  Besatzung  noch  halten  konnte  und 
schon  wenige  Jahre  nach  seinem  Tode  musste  die  ganze  Bevölkerung 
von  Odoaker  abgerufen  werden.  Sämmtliche  Römerstädte  wurden  dar- 
auf von  den  einstürmenden  Feinden  erobert,  geplündert,  zerstört  und 
verschwanden  für  immer  vom  Erdboden.  Jenem  Rufe  Odoakers  folgten 
auch  die  Mönche  und  Schüler  des  hl.  Severin  und  zogen  nach  Italien, 
den  Leichnam  ihres  Meisters  mit  sich  führend.  In  Neapel  fanden  sie 
ein  Asyl  in  einem  Kloster.  Lucullanum,  dessen  Abt  Eugippius  verfasste 
auf  die  Aufforderung  eines  Laien  eine  Lebensbeschreibung  seines 
Meisters.  Er  sandte  diese  sodann  an  den  Diacon  Paschalius  zu  dem 
Zweck,  sie  in  ein  wissenschaftlicheres  Gewand  zu  kleiden.  Paschalius 
ließ  sie  jedoch  ohne  alle  Änderung,  und  so  wurde  sie  in  ihrer  ur- 
sprünglichen Fassung  verbreitet.  Zunächst  fand  sie  eine  größere  Ver- 
breitung  nur  in  Italien,  namentlich  in  <  >beritalien.  Im  achten  .Jahrhundert 
benutzt  sie   bereits  Paulus  Diakonus.    Im  9.  Jahrhundert   gelangte  sie 


'      1 1'. ltzin.ii. ii   a.   a.   <>.   S.    127    sagt    nämlich:   „Der  Piehter  nennt   nur  Bolche 

Orte,    die  zum  Bisthum  Pilgrima   gehörten    and    die    schon    zur  Zi-it  Pilgrims  genannt 

werden.  Nur  Wien  konnte  nicht  wohl  von  Konrad  am  Ende  des  10.  Jahrhunderts  wie 

•r  geschieht,  als  ein"  reiche  Handelsstadt  geschildert  werden.  Es  ist  al>er  Bchon 

Ingsl  bemerkt  worden,   daß   die  Nennung  Wiens   in  den  Nibelungen    schwerlich  vom 

ursprünglichen  Dichter,  Bondern  wahrscheinlich  von  dem  Erneuerer  um  1200  herrührt". 

**)  Cfr.  Bolland  I  483  Nam  in  Norico  i | » -•  < ^  Bive  Auslria  mortuus  est  (sc.  Seve- 

rinusj  non  Astmi  Ben  potiue  Astai  juxtn  Favianas  Bive  Viennani. 

***;  Cfr.  Bolland  I  486  Bodem  tempore  civitatem  nomine  Favianis  saeva  fames 
oppreperat,  hujus  habitatores  unicum  aibi  remedium  affore,  si  ex  < >i>pi <!•  >  Bupradicto 
("maginib  homiiiem  dei  religiosis  preeibufi  invitarent 


346  E.  WILKEN 

auch  auf  den  Schauplatz  von  Severins  ehemaliger  Thätigkeit.  Im  Jahre 
903  erwarb  die  Passauer  Kirche  eine  Handschrift  dieser  Lebensbe- 
schreibung von  dem  Chorbischof  Madalwin*). 

Diese  Handschrift  erregte  in  jenen  Gegenden  großes  Aufsehen 
wegen  der  in  ihr  vorkommenden  Erwähnung  einer  großen  alten  Römer- 
stadt Favianae,  von  der  man  nirgends  eine  Spur  entdecken  konnte. 
Da  jedoch  bei  Wien  alte  Römersteine  aufgegraben  wurden,  zweifelte 
man  nicht,  Favianae  gefunden  zu  haben ;  eine  Ansicht,  welche  sich  bis 
in  die  neuesten  Zeiten  erhalten  hat  und  sich  bei  allen  Schriftstellern 
wiederfindet**).  Galt  nun  Anfangs  des  10.  Jahrhunderts  bis  herauf  in 
unsere  Tage  Wien  allgemein  für  die  große  alte  römische  Donaustadt 
Favianae,  sollte  es  wohl  etwas  auffallendes  haben,  wenn  in  der  Grund- 
lage unsers  Liedes,  die  Ende  des  10.  Jahrhunderts  aufgezeichnet  wurde, 
Wien  an  Stelle  des  alten  Favianae  als  große  Handelsstadt  erscheint? 
Damit  wäre  dann  auch  zugleich  der  Anachronismus  beseitigt,  wenn 
Etzel  in  Wien  seine  Hochzeit  feiert  und  sein  Vasall  Rüdeger  von  dort 
seine  Ausrüstung  holt.  Stand  Wien  aber  einmal  in  der  ersten  Auf- 
zeichnung der  Grundlage  unseres  Liedes,  so  wird  es  wohl  auch  von 
dem  eigentlichen  Dichter  beibehalten  worden  sein,  zumal  da  ja  auch 
zu  seiner  Zeit  die  Ansicht  noch  Geltung  hatte,  Wien  sei  das  alte  Fa- 
vianae. So  dürfte  also  die  Nennung  Wiens  im  Nibelungenlied  wohl  vom 
ursprünglichen  Dichter  herrühren.  KNÖFFLER. 


MHD.  IENER,  NIENER,  NIUWÄN,  NIUWENE 
UND  NIENE. 


Ein  in  meinen  Besitz  gelangtes,  von  G.  F.  Benecke  beschriebenes 
Blättchen  enthält  u.  A.  eine  Vergleichimg  von  mhd.  wiener  mit  engl. 
never,  indem  Ben.  aus  Diut.  III,  43  die  Wendung:  „?z  ne  sl  wiener  so 
tief"  und  eine,  ähnliche  mit  nnie  söu  zusammenstellt  mit  den  englischen 
Wendungen:  „so  deep  as  ever,  (oder)  as  neveru.  Grimm,  der  die  Rück- 
seite des  Blättchens  benutzt  hat,  weist  eine  Vergleichung  von  niener 
mit  engl,  never  zurück  und  fährt  fort:   „Ich  weiß  über  niener  und  neuer 


*)  Mon.  Boic.  XXVIII,  2,  201. 
**)  Cfr.  oben  Bolland  I  483justa  Favianas  sivo  Viennam  u.  Wattenbach  Deutsch- 
lands Gesehiehtsqucllen  8.  34. 


MHD.  IENER,  NIENER,  NIUWAN,  NIUWENE  UND  NIENE,         347 

noch  nichts  Anderes  als  das  (Gramm.)  III,  221  und  225  Gesagte,  ob- 
gleich damit  das  Käthsel  noch  nicht  gelöst  ist".  —  Man  ersieht  hieraus, 
daß  Grimm  an  der  landläufig  gewordenen  Erklärung  von  niener  als 
nw-in-eru  denn  doch  selbst  gezweifelt  hat.  Dagegen  scheint  zu  sprechen 
einmal  das  seltene  Vorkommen  von  era*)  schon  im  Alth.,  ferner  die 
etymologische  Beziehung  dieses  Wortes  auf  das  Ackerland,  die  Erdflur, 
sowie  der  Umstand,  daß  iener,  niener  im  Alth.  und  Mhd.  häufig 
genug  auch  nicht  local  **)  gebraucht  werden.  Letztere  beiden  Einwürfe 
ließen  sich  allenfalls  durch  Annahme  einer  allmählichen  Übertragung 
erklären. 

Nicht  zu  übersehen  ist  aber,  daß,  wie  schon  Graff  besonders  her- 
vorhob, im  ahd.  Boethius  und  auch  sonst  das  Wort  ioner,  resp.  nvoner 
geschrieben  ist,  und  außerdem  sind  die  Nebenformen  ionar  (bei  Graff, 
a.  a.  O.),  ienar  und  iena  (d.  h.  ienä?)  bei  Lexer  doch  auch  zu  be- 
achten. Darnach  versuchte  Graff,  dem  auch  die  ursprünglich  locale 
Bedeutung  zweifelhaft  schien,  ioner  als  io  in  er,  entsprechend  ags.  eon- 
nUre  =  eo  in  nitre  zu  erklären.  Aber  ein  ahd.  Subst.  er  =  ags.  aldor, 
ealdor  Aveist  uns  weder  Graff  noch  wohl  sonst  jemand  nach ;  es  scheint 
also,  wenn  man  Grimms  Erklärung  verlässt,  kaum  etwas  anderes  übrig 
zu  bleiben,  als  iener  =  io  in  järe,  niener  =  nio  in  järe  zu  erklären, 
wodurch  also  zunächst  die  in  io,  nio  liegende  temporale  Bestimmung 
nur  genauer  speciriciert  und  insofern  verstärkt  würde.  Eine  solche 
Formel  ie  in  järe  könnte  sogar  allitterierend  aufgefasst  sein,  da  das 
Altnordische,  ohne  sonst  anlautendes  j  zu  verschmähen,  bekanntlich 
är  =  ahd.  jär,  got.  jer  bietet.  —  Wie  also  bisher  schon  hiwre,  liinru  = 
häi  Jim  erklärt  ist,  so  könnte  ioner,  iener  (der  Nebenformen  iender, 
indert  u.  A.  zu  geschweigen)  zunächst  aus  ionär,  u  ner  —  welche  Formen 
bezeugt  sind  —  und  dann  aus  io  in  järe  (oderjwi  järu)  zwar  nicht  mit 
Sicherheit,  aber  ohne  allzuviel  Kühnheit  erklärt  werden.  Aus  der 
temporalen  wftrde  zunächst  die  modale,  und  aus  dieser  unter  Umständen 
auch  die  locale  Bedeutung  sieh  ergeben.  Der  Umstand,  daß  die  eigent- 
lich localen  Adverbien  iergen,  niergen  (um  die  mhd.  Formen  zu  setzen» 
auf  hochd.  Gebiet  sich  ersl  Bpäl  ganz  einzubürgern  vermochten,  konnten 
\  eranlassung  Bein,  in  jenen  früheren  Zeiten  die  eigentlich  temporalen 

•)  Gewöhnlich  >  m  angesetzt,  doch  vgl.  Ztschr.  für  d.  Phil.  ZV,  814. 
**>  Vgl.  Grafl   [,618  (niener  anaj,  das  Wb.  zum  [wein  s.  v.  niender,  mhd.  Wb. 
I  746,  'i,  b,  Lexer  s.  w.    iener  u.   niener,    Ben.   zu    [w.  6188   u.  W.  —  An    manchen 
Stellen  ist  es  tibrigens  zweifelhaft ,   ob   locale   oder   )>l"ii   modale  Bedeutung   vorliegt, 
und  letztere  könnte  sieb  ebenso  gul  auch  aus  einei   •  (wickelt  haben 

zumal  nio,  nie  selbst  ja  ursprünglich  temporal 


348     E-  WILKEN,  MHD.  IEXER  ,NIENER,  NIUWAN,  NIUWENE  UND  NIENE. 

Adverbien  i&iier,  niener  häufiger  in  modalem  und  localem  Sinne  zu 
verwenden,  da  man  für  eigentliche  Zeitbestimmung  ie  und  nie,  iemer 
und  niemer  zu  gebrauchen  pflegte. 

Neben  dem  gewöhnlichen,  vielleicht  aus  niht  wan,  vielleicht  anders 
zu  erklärenden  niuwan  (vergl.  Lachm.  zu  Nib.  2081,  2;  mhd.  Wb.  III,  489) 
gab  es  in  der  alten  Sprache  eine  andere  temporale  Partikel  niuwene 
(mhd.  Wb.  III  492"),  die  im  Ahd.  in  nie  hwanne  =  nunquam,  iu  hicanne 
aliquando,  olim  und  ähnlichen  Bildungen  auftritt  (s.  G  raff  IV,  1204). 
Wenn  Lachmann  zu  Iw.  2148  dieß  niuwene  =  niene  setzt,  so  hat  er 
zunächst  wohl  mehr  die  Bedeutung  im  Auge,  aber  es  kann  recht  wohl 
niene  in  allen  den  Fällen,  wo  es  nicht  etwa  aus  nie-\-ne  entstanden  ist,  aus 
jenem  älteren  niuwene  entstanden  sein,  wogegen  auch  die  Schreibung 
nihne,  die  Benecke  im  Glossar  zum  Iw.  S.  295  in  der  Weise  anführt, 
als  ob  sie  für  die  Etymologie  niene  =  niht  ne  spräche ,  nicht  ent- 
scheidet. Denn  nihne  mag  aus  ni-hwene,  und  ebenso  nihwan  (=  niuwan 
Diut.  III,  460  nach  Ben.)  aus  ni-hwan  entstanden  sein.  Niuwan  könnte 
darnach  einfach  als  ni-hwan  seil,  wärt  aufgefasst  werden,  und  würde 
dem  ins  Nhd.  „nur"  übergegangenen  ni  wdri  ganz  nahe  stehen,  woran 
auch  der  stets  umsichtige  E.  Gr.  Graff  (I,  857  oben)  schon  gedacht  zu 
haben  scheint.  —  Nehmen  wir  also  nicht  etymologische  Scheidung, 
sondern  nur  praktische  Unterscheidung  von  niuwene  =  niene,  niuwan  = 
engl,  but  (in  vielen  Fällen)  an*),  und  fassen  das  ausschließende  wan 
als  eine  wenn  nicht  Apocope  aus  niuwan,  doch  als  eine  elliptische 
Redeweise  auf,  welche  die  Negation  unausgedrückt  lässt,  so  werden 
wir  auch  die  Möglichkeit,  daß  beide  Bildungen  sich  gelegentlich  etwas 
verwirrt  haben,  nicht  bestreiten.  Im  Gregor  v.  338  ist  niwan  sehr 
passend  dem  alten  niuwene  gleichzusetzen:  „daß  war  nun  (in  der  Tiefe 
des  Schmerzes)  ihre  beste  Freude,  daß  sie  nicht  aufhörte  zu  weinen, 
daß  sie  aus  vollem  Herzen  weinen  konnte".  So  findet  im  ersten  Gudrun- 
lied der  Edda  die  Unglückliche  erst  beim  Anblick  der  Leiche  Sigurds 
Thränen  und  damit  menschliches  Gefühl  wieder,  und  an  Goethes  Wort 
im  Faust:  „Die  Thräne  quillt,  die  Erde  hat  mich  wieder"  brauche  ich 
wohl  kaum  zu  erinnern.  E.  WILKEN. 


*)  Womit  icli    die    mögliche  Richtigkeit   der   Etymologie   niene  =  niht  ne,  niu- 
wan =  niht  >ran  für  einige  Fälle  nicht  will  geläugnet  haben. 


IG.  ZINGERLE,  NÖNE.  -  KÖHLER  u.  ZINGERLE,  NACHTRÄGE.        349 

NÖNE. 


Fr.   Pfeiffer  machte  zu  den  Waltherschen   Versen: 

s'ist  vor  und  nach  der  none 

vil  fül  und  ist  der  wibel  vol 
die  Anmerkung:  „none  der  Himmelfahrtstag,  so  genannt  von  der  neunten 
Stunde  (drei  Uhr  Nachmittags),  in  welcher  Christus  gen  Himmel  ge- 
fahren sein  soll,  daher  auch  heute  noch  diese  Stunde  durch  eine  feier- 
liche Messe  besungen  wird."  Abgesehen  davon,  daß  Nachmittags  nie 
eine  Messe  gelesen  wird,  scheint  mir  die  Bemerkung  nicht  ganz  treffend. 
Der  Himmelfahrtstag  heißt  wohl  deßhalb  None,  weil  die  None  an 
diesem  Feste  um  drei  Uhr  Nachmittags  feierlichst  gesungen  und  auch 
mit  der  Darstellung  der  Himmelfahrt  Christi  begleitet  wurde,  wie  letz- 
teres noch  in  vielen  Dorfkirchen  Tirols  und  anderwärts  geschieht.  Vgl. 
Leoprechting  aus  dem  Lechrain  178,  Birlinger,  Volkstümliches  aus 
Schwaben  I,  93,  Wolf,  Zeitschrift  für  d.  Myth.  II,  102,  Tirol.  Sitten 
S.  155,  156.  Eine  Beschreibung  der  None  an  diesem  Feste  gibt  eine 
Kirchenordnung  zu  Meran  vom  Jahre  1559,  die  Cölestin  Stampfer  in 
seiner  Chronik  von  Meran  (Innsbruck  1867)  S.  220  und  ich  in  den 
Sitten  des  Tiroler  Volkes  II.  Aufl.  S.  156  mittheilte. 

IG.  ZINGERLE. 


NACHTRÄGE  ZU  LEMCKES  JAHRBUCH  VI,  350. 


1.  Von  der  bekannten  Philippine  Welser  (f  1580),  der  Gemahlin 
des  Erzherzogs  Ferdinand,  heißt  es  im  Zedler'schen  Universal-Lexicon, 
Bd.  LIV  (Leipzig  und  Balle   1747.  Sp.  L618: 

'sie  hatte  ein»;  bo  zarte  Kehle,  daß  man  ihr  den rothen  Wein  Bähe 
hinunter  laufen,  wenn  sie  trank. 

2.  In  Wirtemberg  wurde,  wie  einem  altern  Freunde  von  mir  Beine 
ßmutter   erzähll  hat,   von   der  ersten  Gemahlin  des  Herzogs  Karl, 

Elisabeth  Friederike   Sophia  von    Brandenburg  Baireuth    vermähll  im 
J.  1748  sie   habe   einen  bo  weißen    and  zarten  Hals  gehabt, 

daß  man   den  Burgunder,  wenn  Bie  trank,  habe  durchscheinen  sehen. 

3.  In  eiiirin  Gedichte  'The  Lied'-  Marie9  des  schottischen  Dichters 
Allan  Cunningham    _!..  1784       1842)  lautet  eine  Strophe: 


350  F.  LATENDORF,  ZU  LAUREMBERGS  SCHERZGEDICHTEN. 

Fu'  white,  white  was  her  taper  neck, 

Twist  wi'  the  satin  twine, 
But  ruddie,  ruddie  grew  her  hawse, 

While  she  supp'd  the  blude-red  wine. 

4.  In  einem  kirgisischen  Gesang  bei  W.  Radioff,  Proben  der  Volks- 
Jitteratur  der  türkischen  Stämme  Süd-Sibiriens  III,  226,  heißt  es  bei 
der  Beschreibung  einer  Schönen : 

Durch  ihre  Kehle  ist  die  genossene  Speise  zu  sehen. 

5.  Wie  sie  (die  Zarin  Helene)  schön  ist!  Man  sieht  bei  ihr,  wie 
das  Mark  aus  einem  Knochen  in  den  andern  fließt. 

Anton  Dietrich,  Russische  Volksmärchen,  S.  35. 

6.  Durch  das  Fleisch  hindurch  waren  die  Knochen  sichtbar;  durch 
die  Knochen  hindurch  war  das  Mark  sichtbar.  Das  Innere  der  Wohnung; 
wurde  erleuchtet  von  ihrer  Schönheit. 

Altaisches  Märchen  bei  Radioff  a.  a.  O.  I,  11. 

R.  KÖHLER. 

Allgemein   erzählt   das   Tiroler  Volk,    daß   Philippine   Welser  so 
schön  und    zart   gewesen  sei,    daß  man  den  rothen  Wein  durch  ihren 
Hals  fließen  sah,    wenn  sie  solchen  trank.  G.  Seidl  singt  von  ihr: 
„Hatf  einen  Hals  wie  Schnee  so  rein, 
Man  sah's,  wenn  durch  die  Adern 
Ihm  floß  der  rothe  Wein" 

Tirol.  (Innsbruck  1852)  S.  117. 
Dieser  Zug  kommt  auch  in  einem  Odenwälder  Märchen  vor.  Das 
Märchen:  „Die  getreue  Frau",  beginnt:  „Ein  König  hatte  eine  Tochter, 
die  war  überaus  schön  und  klar  und  hatte  eine  gar  feine  und  zarte 
Haut;  wenn  sie  rothen  Wein  trank,  konnte  man  sehen,  wie  er  ihr  durch 
den  Hals  herunter  lief".  J.  W.  Wolf,  Deutsche  Hausmärchen  S.  98. 
In  der  Krone  20b  liest  man: 

„Camille  mit  der  wizen  kein, 
diu  daz  niht  moht  vernein, 
wan  sach  den  wm  durch  die  kel." 
Conrad  von  Würzburg  sagt: 

„ir  kel  unmäzen  liehtgevar 

gäp  so  lüterlichen  schin, 

daz  man  da  durch  den  klären  wm 

sach  liuhten,  swenne  si  getranc." 

Partenopier  8692. 

IG.  ZINGERLE. 


E.  KÖLBING,  ZU  GUDRUNARKVIDHA  II.  $5J 

ZU  LAUREMBERGS  SCHERZGEDICHTEN. 


IV.  5G9.  70.  se  (sc.  die    hochd.  Sprache)  is  so  lappisch  und  so  ver- 

brüdisch, 

das  men  schier  nicht  weet,  of  it  welsch  is  edder  düdisch. 

Lappenberg    im  Glossar:   verbrüdisch   adj.   verdorben,    verhudelt. 

Dagegen  ist  zu  erinnern,  daß  die  Formation  auf  isch  active  Kraft  hat, 

das  Verb,  brüden  —  necken,  täuschen;  also  verbrüdisch  einfach  =  neckisch, 

irreführend.   Dazu  stimmt  auch  der  Gedanke  des  Consecutivsatzes. 

II  481  wer  it  man  so  de  schick, 

und  einer  men  begünd  to  parfumeren  sik 
mit  fruwenbehoin,  mit  junfernbdellion , 
man  würde  finden  genoech,  de  it  na  würden  dohn. 
Lappenb.  in  den  Anm.  jungfernbdellion,  ein  wohlriechendes  Harz, 
welches    an  Gestalt    und    Geruch    der   Myrthe    ähnlich    ist.  —  Eis    ist 
möglich,  daß  eine  besondere  Art  ßdiXXiov  mit  dem  Beiwort  jungfernbd. 
als  das  Non  plus  ultra  von  Wohlgeruch  bezeichnet  werden  kann,  ich 
bezweifle  es,  da  ich  wohl  von  Jungfernhonig,  noch  nie  von  Jungfern- 
harz gehört  habe;  aber  sicher  ist  es  auffallend,  daß  L.  mit  keiner  Silbe 
auf  den  argen  Doppelsinn    hindeutet.  Lauremberg  meint  einfach:   Wie 
mau  die  Excremente  eines  Thieres,    den  Bisam   ohne  Ekel  als  Schön- 
heitsmittel verwende,  so  könnten    auch  —  salva  venia  —  menschliche 
Excremente  als  Parfümerien  dienen.    Der  schlagendste  Beweis  für  die 
Richtigkeit    dieser  Erklärung   liegt  in    dem    danebenstehenden  fruwen- 
oin,  sodann  in  v.  458  was   der   schönen    fruw  im    hembde  blift  be- 
kleven  und  v.  491  holla,  holla,  nu  springt  de  feder  alto  wit  ff.  Behoin 
fehlt  bei   Schiller- Lübben.  —  Laur.    ist    eben    bei    allem  Humor   und 
histor.  Werthe  doch  ohne  griechische  Grazie;  er  gibt  keine  reine  Be- 
friedigung 

SCHWERIN,  8.  Aug.  1871.  F.  LATENDORF. 


ZU  GUDRUNARKVIDHA  IT. 


Sammtliche  Herausgeber  der  Edda,  auch  Ettmüller  (Beiträge  zur 
Kritik  der  Eddalieder,  Germ.  XIX,  S.  9)  behalten  Gudr.  II  v.  V  (Bu 

die  Lesart  der  Handschriften  bei:   Qrani  rann  ai  /"'».'/'"    Nur  .1.  Zupitza 


352        LITTERATUR:  FORSCHUNGEN  ÜBER  DAS  NIBELUNGENLIED. 

(Ztschr.  f.  d.  Phil.  IV  S.  448)  machte  mit  Recht  darauf  aufmerksam, 
daß  dieselbe  keinen  befriedigenden  Sinn  gibt.  „Das  natürlichste  ist 
doch  anzunehmen,  daß  das  Pferd,  nachdem  sein  Herr  ermordet,  und 
da  sein  Sattel  leer  und  es  sich  selbst  überlassen  ist,  nach  Hause  läuft. 
Ich  vermuthe  daher,  daß  für  at  pingi  zu  lesen  sei  at  gardi  oder  etwas 
synonymes". 

Vielleicht  lässt  sich  noch  einfacher  bessern.  In  der  Prosa  zu 
„Brot  af  Sigurdarkvidu"  (Bugge  S.  241)  heißt  es:  .  ...  ok  svd  segir  i 
Gudrünarkvidu  inni  fornu,  at  Sigurctr  ok  Gjüka  synir  hefdi  til  pings 
ridit,  pd  er  hann  var  drepinn.  Hier  muß  doch  offenbar  von  einem  wirk- 
lichen ping,  einer  Gerichtsversammlung  die  Rede  sein,  nicht  von  der 
Zusammenkunft  der  Jäger  nach  Vollendung  der  Jagd.  Und  selbst  wenn 
das  letztere  gemeint  wäre,  so  würde  der  von  Zupitza  verlangte  Sinn 
gewonnen,  wenn  wir  an  unserer  Stelle  für  at  pingi  lesen:  af  pingi. 
Daß  Grani  nach  Hause  läuft,  versteht  sich  von  selbst. 

BRESLAU,  Juli  1874.  E.  KÖLBING. 


LITTERATUR. 


Dr.  Hermann  Fischer,     die  Forschungen    über    das    Nibelungenlied    seit    Karl 

Lachmann.     Eine    gekrönte    Preisschrift.    Leipzig   1874.   F.   C.  W.  Vogel. 

IV,  272  S.  8. 
Dr.  Karl  Vollmöller,  Kürenberg  und  die  Nibelungen.  Eine  gekrönte  Preisschrift. 

Nebst    einem   Anhang:  Der  von  Kürnberc.   Herausgegeben  von  Karl  Sim- 

rock.  Stuttgart,  Meyer  und  Zeller.  1874.  48  S.  8. 
Beide  Schriften  verdanken  ihre  Entstehung  der  im  J.  1871  von  der 
Tübinger  philosophischen  Facultät  gestellten  Preisaufgabe:  „Die  neuesten  Theo- 
rien über  Entstehung  und  Verfasser  des  Nibelungenliedes  sollen  dargestellt 
und  kritisch  beleuchtet  werden":  gewiß  eine  zeitgemäße  Aufgabe,  wenn  man 
erwägt  wie  immer  schwieriger  es  für  denjenigen  wird,  der  nicht  mitten  in  den 
Nibelungenstudien  steht,  sich  in  der  Litteratur  zurecht  zu  finden.  Von  beiden 
Schriften  behandelt  nur  die  von  Fischer  die  Aufgabe  in  ihrem  ganzen  Umfange, 
während  die  zweite  nur  einen  einzelnen  Punkt,  nämlich  die  Autorschaft  de« 
Kürenbergers,  bespricht.  Fischers  Buch  zerfällt  in  zwei  Theile,  deren  erster 
die  Entstehung  des  NL.,  der  zweite  die  Frage  nach  dem  Verfasser  zum  Gegen- 
stande hat.  Jener  beginnt  mit  der  Handschriftenfrage,  mit  einer  Darlegung  der 
vorhandenen  Theorien,  ruhig  referierend,  zum  Theil  mit  den  Worten  der  be- 
treffenden Autoren ,  mit  unter  den  Text  gesetzten  Anmerkungen.  So  werden 
die  Ansichten  von  Lachmann,  Holtzmann,  Zarncke  u.  s.  w.  bis  auf  die  von  mir 
aufgestellte    durchgegangen    und    dann    kritisch  beleuchtet.     Fischers  Resultate 


LITTERATUR:  FORSCHUNGEN  ÜBER  DAS  NIBELUNGENLIED.        353 

stimmen  mit  den  meinigen  überein,  nur  darin  weicht  er  von  mir  ab,  daß  er 
das  gemeinsame  Original  der  beiden  uns  erhaltenen  Textgestalten  in  die  Zeit 
um  1170  setzt,  während  ich  es  schon  um  1140  verfasst  und  um  1170  zum 
ersten  Male  umgearbeitet  glaube.  Meine  Annahme  einer  zweifachen  Umarbeitungs- 
stufe, der  einen  um  1170,  der  andern  um  1190  — 1200,  stützte  sich  darauf, 
daß  die  freiesten  der  in  den  Nibeluugentcxten  stehen  gebliebenen  Assonanzen 
sich  nicht  später  als  um  die  Mitte  des  12.  Jahrhs.  nachweisen  lassen.  Aber 
auch  wenn  sie,  was  ich  nicht  glaube,  in  späterer  Zeit  noch  vorkämen,  so  würde 
neben  ihnen  immer  auffallend  bleiben  die  überwiegend  große  Zahl  von  Reimen, 
die  in  beiden  Bearbeitungen  (B  und  C)  stimmen,  mithin  der  gemeinsamen  Vor- 
lage angehören.  Ein  Dichter,  der  sich  Reime  wie  Hagene  :  menege  und  ähnliche 
erlaubte,  wird  überhaupt  kein  für  Reimgenauigkeit  sehr  empfängliches  Ohr  be- 
sessen, mithin  überwiegend  noch  in  Assonanzen  gedichtet  haben.  Etwas  anderes 
ist  es  dagegen,  wenn  ein  im  Übrigen  schon  strenger  reimender  Bearbeiter 
manches  stehen  ließ,  was  erst  die  Bearbeiter  au  der  Scheide  des  12/13.  Jhs., 
und  selbst  diese  nicht  consccpient,  entfernten.  Auch  kann  ich  nicht  leugnen, 
daß  ich  in  manchen  Partien  des  NL.  eine  Stütze  meiner  Annahme  einer  Mittel- 
stufe finde.  Die  Strophen  des  Eingangs  6 — 12,  die  durch  ihren  nichtssagenden 
Inhalt  Anstoß  erregen  und  mir  des  Dichters  nicht  würdig  scheinen,  betrachte 
ich  als  Interpolation  des  ersten  Umarbeiters,  und  finde  eine  Bestätigung  darin, 
daß  hier,  was  sonst  kaum  vorkommt,  in  sieben  Strophen  nacheinander  achte 
Halbzeilen  mit  ausgefüllten  Senkungen  begegnen.  Ich  kann  mir  nicht  denken, 
daß  derselbe  Dichter,  den  ja  auch  Fischer  als  den  Dichter  der  NL.  in  seiner 
ursprünglichen  Gestalt  ansieht,  die  schönen  seinen  Namen  tragenden  lyrischen 
Strophen  und  daneben,  wie  man  doch  annehmen  müsste,  in  seinen  besten 
Mannesjahren  in  seinem  großen  epischen  Gedichte  so  gehaltlose  Strophen  ver- 
fasst haben  sollte.  Also  nicht  die  Assonanzen  allein,  sondern  mehr  noch  die 
innere  Beschaffenheit  des  Liedes,  wie  es  den  beiden  uns  erhaltenen  Bearbeitungen 
vorlag,  veranlasst  mich  auch  jetzt  meine  frühere  Ansicht  zu  vertheidigen.  — 
Der  zweite  Abschnitt  des  ersten  Theiles  beschäftigt  sich  mit  der  Nibelungen- 
sage; es  werden  hier  die  historischen  und  mythischen  Deutungen  in  gleicher 
Weise  erst  dargelegt,  dann  kritisch  beurtheilt.  Ein  dritter  Abschnitt  behandelt 
die  historischen  Verhältnisse  und  Vorläufer  des  NL.,  und  hier  am  ausführlichsten 
die  Klage  und  die  in  ihr  enthaltene  Nachricht  von  einer  Aufzeichnung  der 
Nibelungensage  im  10.  Jahrb.  Die  Glaubwürdigkeit  dieser  Nachricht  zieht  F. 
mit  Recht  nicht  in  Frage?  daß  es  eine  lateinische  Aufzeichnung  war,  ist  un- 
zweifelhaft, weniger  sicher,  ob  eine  poetische,  aber  immer  wahrscheinlicher  als 
eine  in  Prosa.  Im  /.weiten  Theile  der  Schrift,  welcher  die  Frage  nach  dem 
Verfasser  erörtert,  gelangt  F.,  nachdem  er  die  Bedenken  gegen  (He  Liedertheorie 
und  deren  Durchführung  besprochen,  zu  der  zuerst  von  Pfeiffer  aufgestellten 
und  dann  von  mir  weiter  geführten  Ansicht,  daß  das  Nibelungenlied  in  seiner 
ursprünglichen  Gestalt  vom  Kürenberger  verfasst  sei.  und  tritt  dieser  Ansicht 
l"i,    nur    daß    er    die    AI  NL.    nicht    um     11  10 — 1150)    Sündern    etwa 

-"  30  Jahre  pätei  etzt.  Da  Buch  wird  bei  seiner  Leidenschaftslosen  Haltung 
nicht  M    einen    günstigen   Eindruck    zu    machen  und   wird  gewiß   Vielen 

d   Führer  in  dem   Labyrinthe  streitender  Meinungen  willkommen  sein. 

::■■.  VII.  (MX.  Jahrg  )  23 


354        LITTERATUR:  FORSCHUNGEN  ÜBER  DAS  NIBELUNGENLIED. 

Zu  wesentlich  anderen  Resultaten  gelangt  in  der  einen  Frage,  die  seine 
Schrift  allein  behandelt,  Vollmöller*).  Nach  ihm  entbehrt  die  von  Pfeiffer 
aufgestellte  Ansicht  der  Begründung  und  sein  Büchlein  ist  ein  Versuch  dieselbe 
zu  entkräften  und  zu  widerlegen.  Allein  wenn  er  Pfeiffer  gegenüber  auf  die 
Frage,  ob  das  NL.  in  der  Gestalt,  wie  wir  es  besitzen,  Umarbeitung  eines 
älteren  Gedichtes  sei,  nicht  einzugehen  brauchte,  so  lag  die  Sache  ganz  anders 
gegenüber  meinen  Untersuchungen.  Denn  in  diesen  ist  die  ganze  Kürenberg- 
hypothese  basiert  auf  die  Ansicht  einer  älteren  Textgestaltung  und  empfängt 
aus  ihr  hauptsächlich  ihre  Begründung.  Vollmöller  ist  also  im  Unrecht,  wenn 
er  S.  43  sich  der  Notwendigkeit,  auf  die  Frage  der  Umarbeitung  einzugehen, 
überhoben  glaubt;  denn  auch  wenn  das  Eigenthumsrecht  an  einer  Strophe  für 
das  12.  Jahrh.  nicht  erwiesen  werden  kann,  so  werden  damit  die  aus  meiner 
Ansicht  sich  ergebenden  Wahrscheinlichkeitsgründe  keineswegs  hinfällig.  Ein 
lyrischer  Dichter  aus  Osterreich,  ein  epischer,  der  in  denselben  Gegenden  die 
genaueste  Ortskenntniss  zeigt;  beide  aus  derselben  Zeit  (denn  daß  die  Original- 
gestalt des  NL.  nicht  der  Zeit  des  Kürenbergers  angehört,  musste  V.  durch 
Widerlegung  meiner  Untersuchungen  beweisen) ;  beide  in  derselben  Strophenform 
dichtend;  beide  im  metrischen  Gebrauche  der  Strophe  durchaus  stimmend;  beide 
vielfach  in  eigenthümlichen  Ausdrücken  sich  berührend  —  gewiß,  das  sind  keine 
mathematischen  Beweise  (und  wie  viele  solche  haben  wir  überhaupt  in  unserer 
altd.  Litteratur !),  aber  von  einem  hohen  Grade  von  Wahrscheinlichkeit  darf  da 
doch  wohl  gesprochen  werden.  Der  Widerlegung  des  letzten  Punktes  hat  V.  die 
Hälfte  seiner  Schrift  gewidmet,  und  er  hat  mit  großem  Fleiße  Belege  gesammelt, 
um  zu  zeigen,  daß  die  Übereinstimmung  in  Ausdrücken  sich  ebenso  bei  andern 
Schriftstellern  findet.  Allein  er  hätte  scheiden  sollen  zwischen  dem,  was  in 
diesen  Übereinstimmungen  an  sich  gar  nicht  beweisende  Kraft  hat,  sondern 
dieselbe  erst  empfängt  durch  das,  was  wirklich  eigenthümlich  ist.  Jene  Kategorie 
durch  Häufung  von  Beispielen  aus  anderen  Gedichten  zu  widerlegen  war  ganz 
überflüssig.  Es  kann  sich  also  nur  darum  handeln,  ob  die  Belege  der  zweiten 
Art  durch  V's  Sammlerfleiß  entkräftet  sind.  Dieser  Art  sind  Kürenb.  8,  21 
so  erblüejet  sich  min  varwe  =  Nib.  239,  4  do  erblüete  ir  liehtiu  varive.  V.  hat 
eine  Parallelstelle  aus  Wolframs  Titurel  (109,  4  B)  beigebracht:  Sigünen  glänz 
sol  dine  varwe  erbliien,  also  gerade  aus  Wolfram,  der  erwiesenermaßen  das  NL. 
in  dem  Texte  C  gekannt  hat.  Denn  die  Stelle  aus  dem  Passional  liegt  ferner 
ab,  nicht  darum  handelt  es  sich  das  Verbum  erblüejen  sonst  noch  nachzuweisen, 
sondern  die  bestimmte  Verbindung  desselben ,  die  an  jenen  2  (3)  Stellen  er- 
scheint. Die  zweite  Hauptstelle  ist  Kürenb.  8,  31  und  NL.  1723,  der  Gebrauch 
von  gellch.  Vergleicht  man  die  von  V.  beigebrachten  Stellen,  so  ist  ein  wesent- 
licher Unterschied  der,  daß  an  jenen  beiden  gellch  bedeutet  dieselbe  Gestalt 
habend',  an  den  andern  mag  die  Grimmsche  Übersetzung  nach  etwas  aussehend 
passen.  Es  soll  keineswegs  gesagt  sein,  daß  Volkers  Fiedelbogen  wie  ein  Schwert 
aussah,  sondern  wirklich  ein  Schwei't  war,  und  beim  Kürenb.  daß  das,  was  sie 
im  Herzen  trägt,  wie  ein  Mensch  aussieht,  sondern  ein  Mensch  ist.  Und  so  mag 
man  sich  drehen  und  wenden  wie  man  will,  die  genaue  Übereinstimmung  in 
charakteristischen  Ausdrücken  ist  vorhanden.  Und  auch  in  an  sich  nicht  charak- 


*)  Fischer  hat  im  Anhange  seines  Buches  sich  mit  Widerlegung  der  Vollmöllerschen 
Schrift  beschäftigt. 


LITTERATUR:  FORSCIUWCJF.X   llWAl  DAS  NIBELUNGENLIED.        355 

teristischen.  V.  nennt  es  einen  Zufall,  daß  der  Ausdruck  trürigen  muot  gewinnen 
nur  im  NL.  und  beim  Kürenb.  vorkommt;  aber  ist  der  Zufall  nicht  merk- 
würdig? Und  so  oft  versüenen  mit  Object  einer  Person  oder  Sache  erscheint, 
so  doch  nirgend  in  der  Verbindung  vil  ivol  versüenen,  die  im  NL.  und  beim 
Kürenb.  erscheint.  Auch  das  ist  ein  Zufall,  ja,  aber  derselbe,  wie  wenn  sonst 
geläufige  Ausdrücke  bei  einem  Autor  sich  linden,  bei  einem  andern  nicht.  Die 
Wendung  daz  (isen-)gewant  bringen  (S.  33)  ist  gewiß  eine  nichts  beweisende; 
aber  wieder  ein  merkwürdiger  Zufall  ist  es,  daß  die  imperat.  Wendung  nu 
brinc  mir  eben  nur  an  zwei  Stellen  des  NL.  und  einer  des  Kürenb.,  und  zwar 
an  allen  drei  Stellen  am  Anfang  der  Langzeile  zu  belegen  ist.  Nun  bedenke 
man  auch,  daß  V.,  um  die  Parallelen  zu  entkräften,  einen  ziemlichen  Theil  der 
mini.  Poesie  und  die  Wörterbücher  ausgezogen  hat;  man  vergleiche  aber  ein- 
mal nur  zwei  Dichtungen,  wovon  die  eine  von  so  geringem  Umfange  wie  die 
Kürenbergstrophen,  und  man  wird  linden,  daß  nicht  nur  die  Zahl  der  Parallelen 
verhältnissmäßig  viel  kleiner  ist,  sondern  daß  namentlich  die  charakteristischen, 
sonst  nicht  belegten  Wendungen  sich  nicht  leicht  in  je  zwei  Dichtungen  so 
wiederfinden  werden.  Man  muß  nur  freilich  nicht,  wie  V.  S.  36  thut,  die  Kudrun 
heranziehen,  weil  diese  entschieden  das  NL.  nachgeahmt  hat,  wie,  sich  an  einer 
Menge  von  Stellen  mit  Sicherheit  zeigen  lässt.  Es  ist  durchaus  eine  willkürliche 
Behauptung,  daß  nur  in  den  Zusätzen  die  Nachahmung  vorkomme;  erst  beweise 
man  mit  objeetiven  Gründen,    was   Zusätze  sind. 

Ich  lege,  wie  gesagt,  auf  das  von  Pfeiffer  behauptete  Eigentumsrecht 
an  der  Strophenform  kein  Gewicht,  kann  aber  doch  nicht  umhin  zu  bemerken, 
daß  der  von  V.  S.  10  versuchte  Beweis  der  Entlehnung  im  12.  Jahrh.  wohl 
nur  dem  Verf.  so  leicht  zu  führen  scheint.  Die  von  ihm  angeführten  Beispiele, 
die  die  Entlehnung  darthun  sollen,  hat  bereits  Fischer  in  dem  Anhange  S.  258  ff. 
besprochen  und  die  Nichtigkeit  der  darauf  gestützten  Behauptung  dargethan. 
Auf  epischem  Gebiete  werden  Alphart  und  Ortnit  entgegengehalten.  Die  Ab- 
fassungszeit des  Alphart,  den  wir  nur  in  einer  Umarbeitung  des  15.  Jahrhs. 
besitzen,  wird  sich  schwer  feststellen  lassen.  Die  darin  vorkommenden  Asso- 
nanzen sind,  wie  schon  Pfeiffer  bemerkt  hat,  der  Art,  daß  sie  keineswegs  eine 
Allfassung  im  12.  Jahrh.  beweisen,  und  nur  der  eine  Reim  liep  :  niet  ließe  sich 
geltend  machen.  Denn  die  vereinzelt  vorkommenden  klingenden  Ausgänge  der 
ersten  und  zweiten  Zeile  der  Strophen  begegnen,  wie  ich  in  meinen  Unter- 
suchungen gezeigt,  auch  noch  später.  Ein  Beweis  ist  also  aus  dem  Alphai t 
weder  für  noch  gegen  die  Autorschaft  des  Kürenb.  zu  gewinnen;  die  beiden 
von  mir  hervorgehobenen  übereinstimmenden  Stellen  einerseits  zwischen  NL. 
und  Alphart  (wo  die  Übereinstimmung  sich  auf  eine  ganze  Langzeile  erstreckt), 
andererseits  zwischen  Alphurt  und  Kürenb.  (wo  sie  eine  Hall)  teile,  mit  eigen- 
tümlicher Betonung,  umfasst)  sind  merkwürdig  genug  und  können  nicht  wie  bei 
der  Kudrun  aus  Nachahmung  des  NL.  erklärt  weiden,  von  der  der  Alphart 
b.    Was  V.  S.  14  f.  von  Parallelstellen  heranzieht,   b  c  nichts; 

denn  nicht  um  das  häufige  Vorkommen  des  Ausdruckes  daz  lant  römen  handelt 
es  sich,  sondern  um  die  gleiche  Halbzeile,  die  nicht  einfach  aus  der  Gleich- 
heit der  Strophe,  zu  erklären  it.  wie  V.  S.  24  meint,  das  Versmaß  würde 
ebenso  natürlich  auf  die  Wortstellung  er  muoz  mir  rinnen  diu  lant  geführt 
haben,   l'nd  bei  der  anderen  Stelle  ist  esV.  nichl  gelungen  mit   aride, 

>i  (schaff,  suonc  als  Obj.  nachzuweisen,  mich  weniger  die  Verbindung  von  je 


356     jLITTERATUR:  FORSCHUNGEN  ÜBER  DAS  NIBELUNGENLIED. 

zweien  dieser  Subst.  mit  dem  Verbum ,  am  wenigsten  die  gleiche  Anlage  und 
Wortstellung  der  Zeilen.  Die  drei  Stellen  enthalten  kein  an  sich  merkwürdiges 
Wort  und  doch  finden  sie  sich  nirgend  so  in  der  ganzen  altd.  Litteratur.  Mit  dem 
Ortnit  steht  es  ähnlich  wie  mit  dem  Alphart:  auch  er  ist  nur  in  Umarbeitungen 
erhalten.  Denn  wenn  auch  Müllenhoffs  Annahme,  er  sei  um  1225  gedichtet, 
die  richtige  sein  sollte,  so  ist  gewiß,  daß  um  diese  Zeit  die  Nibelungenstrophe 
noch  durchgängig  vier  Hebungen  in  der  achten  Halbzeile  hatte,  wie  die  Inter- 
polationen in  b  und  die  Gruppe  der  I  angehört  beweisen.  Übrigens  ist  zwischen 
der  Zeit  um  1150  und  1225  doch  ein  zu  großer  Abstand,  als  daß  man  ohne 
weiteres  die  litterarischen  "Verhältnisse  der  einen  auf  die  andere  übertragen 
dürfte. 

S.  37  geht  V.  zu  der  Frage  über,  ob  der  Kürenberger  überhaupt  der 
Verf.  der  untei«  seinem  Namen  überlieferten  Strophen  sei.  Es  kommt  dabei  alles 
auf  die  richtige  Auffassung  von  MFr.  8,  5  an;  denn  dass  die  Hss.  in  der  Bei- 
legung von  Liedern  oftmals  irren,  weiß  jeder  und  kann  doch  nur  die  Möglich- 
keit darthun,  daß  der  gleiche  Fall  hier  vorgekommen.  Bezüglich  der  Auffassung 
des  Zusammenhangs  verweise  ich  auf  meine  Darlegung  in  German.  XIII,  243, 
die  V.  zu  widerlegen  nicht  einmal  versucht  hat.  Einspruch  erhoben  werden  muß 
gegen  den  leichtsinnigen  Schluß,  der  S.  40  f.  gemacht  wird:  weil  im  NL.  die 
klingenden  Ausgänge  der  ersten  und  zweiten  Zeile  selten,  in  den  Kürenberg- 
strophen  häufig  siud,  so  soll  daraus  folgen,  daß  in  früheren  Zeilen  die  klingenden 
Ausgänge  das  Gesetz  der  beiden  ersten  Langzeilen  der  Nibelungenstrophe  ge- 
bildet haben,  und  weil  der  Verf.  der  Kürenberglieder  nur  in  sechs  Strophen 
klingende  Reime  hat,  so  kann  er  die  Strophe  nicht  erfunden  haben.  Ich  will 
mich  weiterer  Bemerkungen  über  diese  Art,  Schlüsse  zu  ziehen,  enthalten,  eine 
Widerlegung  verdient  dergleichen  nicht.  —  Den  Schluß  des  Büchleins  bildet 
ein  Herstellungsversuch  der  Kürenbergstrophen  durch  Simrock.  Aber  gleich  in 
der  ersten  Zeile  begegnet  ein  unglaublicher  Vers,  vil  lieber  vriunt  soll  nämlich 
mit  vier  Hebungen  gelesen  werden,  so  daß  auf  vriunt  zwei  kommen!  Allerdings 
wer  des  gdhdzze  —  niuwet  wecken  —  schöne  vliegen  —  tunkelsterne  —  mit  je  vier 
Hebungen  liest,  bringt  auch  jenes  Kunststück  zu  Stande  und  setzt  sich  wohl 
auch  über  die  sprachlichen  Bedenken  neben  den  metrischen  hinweg.  Man  muß 
sich  nur  wundern,  warum  dann  nicht  auch  die  stumpfausgehenden  Halbzeilen 
mit  vier  Hebungen  gelesen  werden,  ein  rumin  diu  ldnt}  duz  ist  sche'delieh  etc. 
würde  metrisch  nicht  unmöglicher  sein  als  die  vorhin  angeführten  mit  klingendem 
Ausgange.  Str.  1  ist,  um  die  Variation  zu  beseitigen  und  auf  die  übliche 
Strophenform  zu  bringen,  nach  der  eingeschobenen  Halbzeile  eine  Lücke  an- 
genommen, wie  schon  früher  Wackernagel  that,  und  in  der  zweiten  ebenso  ge- 
bauten Strophe  (bei  Simrock  Lied  8)  eine  ganze  Ilalbzeile  gestrichen;  außerdem 
soll  hier  minne  :  min  ist  einen  Cäsurreim  bilden!  Denn  das  kann  doch  nur  durch 
die  gesperrt  gedruckten  Worte  in  den  Cäsaren  dieser  Strophe  ausgedrückt  sein. 
Während  hier  ein  unmöglicher  Cäsurreim  angenommen  wird,  ist  dagegen  der 
vorhandene  Cäsurreim  betwingen  •  minne  S.  46  Str.  1,  nicht  bezeichnet,  der  doch 
gerade   so   ein   Keim    ist   wie   der   Endreim   dune  :  singen   S.    45. 

So  wenig  gelungen  wie  V's  Versuch  ist,  so  weuig  ist  es  auch  derjenige, 
den  ziemlich  gleichzeitig  Schercr  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum 
17,561  ff.  gemacht  hat.  Er  stellt  vier  Argumente  auf,  welche  alle  stichhaltig 
sein  müssen,  wenn  die  Ansicht,  der  Kürenberger  sei  der  Verf.  des  NL.  als  be- 
wiesen gelten   soll.     Von    einem  Bewiesensein    dieser  Ansicht    habe  ich  nie  ge- 


LITTERATUR:  FORSCHUNGEN  ÜBER  DAS  NIBELUNGENLIED.        357 

sprochen,  nur  von  einem  hohen  Grade  von  Wahrscheinlichheit.  Daß  die  beiden 
ersten  Argumente,  das  Eigenthumsrecht  auf  eine  lyrische  oder  epische  Strophe, 
im  12.  Jahrh.  von  geringer  Bedeutung  sind,  habe  ich  schon  vorher  (S.  355) 
hervorgehoben.  Was  zur  Widerlegung  derselben  von  Seh.  beigebracht  worden, 
ist  ebenfalls  schon  bei  Besprechung  der  Vollmöllerschen  Schrift  abgethan.  Das 
dritte  Argument,  für  mich  das  wichtigste,  daß  das  NL.  Bearbeitung  eines  älteren 
Gedichtes  in  Assonanzen  ist,  soll  S.  5G6  ff.  widerlegt  sein.  Wie  aber  Seh.  mein 
Buch  gelesen  hat,  beweist  er  schon  durch  die  leichtsinnige  und  unwahre  Be- 
hauptung, daß  ich  den  ersten  Langvers  einer  beliebigen  Strophe  des  NL.  aus 
A  und  den  darauf  reimenden  aus  B  nehme  und  auf  diese  Weise  ungenaue 
Reime  bekomme.  Also  Seh.  weiß  nicht  einmal  so  viel  aus  meinem  Buche,  daß 
für  mich  A  und  B  gar  keine  versehiedenen  Bearbeitungen  sind,  sondern  der- 
selben Bearbeitung  angehören,  von  der  A  nur  eine  verkürzende  Hs.  ist.  Seh. 
will  nur  die  Möglichkeit  zugeben,  daß  auf  diese  Weise  die  Abweichungen  der 
Bearbeitungen  (nämlich  B  und  C)  erklärt  werden  können.  Also  doch  eine  Mög- 
lichkeit! Aber  eine  Unmöglichkeit  ist  es,  daß  die  Abweichungen  von  C  aus  B 
oder  A,  und  die  Abweichungen  von  BA  aus  C  zu  erklären  sind,  nämlich  alle, 
natürlich  nicht  die  einzelnen,  weil  jede  Bearbeitung  Ursprüngliches  und  Umge- 
arbeitetes hat.  Gleich  oberflächlich  ist  das  was  über  die  vorhandenen  ungenauen 
Reime  des  NL.  gesagt  wird.  Seh.  bezieht  sich  dabei  auf  'unsere  sonstigen  Er- 
fahrungen an  Überarbeitungen.  Ja  wenn  er  nur  überhaupt  hier  Erfahrung 
zeigte  —  während  mein  Buch  gerade  auf  die  Erfahrungen  an  Umarbeitungen 
sich  stützt  (vgl.  dazu  German.  XIII,  221  ff).  Er  verweist  auf  die  Minnesängerhs.  C; 
aber  diese  zeigt  ja  gerade  dasselbe  was  die  von  mir  angenommenen  Umarbeitungen 
des  NL.  zeigen!  d.  h.  sie  entfernt  die  alten  Assonanzen  und  lässt  sie  an  andern 
Stellen  stehen.  Es  sollen  vielmehr  die  ungenauen  Reime  des  NL.  nach  Seh. 
Kunsttradition  sein!  Das  ist  eine  hochtönende  Phrase,  nichts  weiter,  so  lange 
dafür  keine  Analogie  beigebracht  ist.  Und  wenn  er  weiter  argumentiert:  so  gut 
wie  der  Bearbeiter  C  in  seinen  Zusatzstrophen  sich  die  klingenden  Reime  er- 
laubte, so  konnten  es  auch  die  jüngeren  Bearbeiter  mit  den  Reimen  Hagene  : 
me  etc.  halten,  so  ist  der  Unterschied  eben  nur,  daß  jene  klingenden  Reime 
in  den  Zusatzstrophen  von  C  genaue  sind,  hier  aber  ungenaue.  Daß  auf  so 
alterthümliche  Reime  wie  Hagene  :  gademe,  :  menege  etc.  jemand  am  Anfange 
des  1  3.  Jahrhs.  kam,  ohne  daß  er  sie  in  seiner  Vorlage  fand  und  daraus  stehen 
ließ,  auch  dafür  müssten  erst  unbestrittene  Analogien,  wie  ich  sie  für  das  von 
mir  angenommene  Verfahren  der  Umarbeiter  thatsächlieh  gegeben,  beigebracht 
werden,  ehe  man  dergleichen  Behauptungen  irgend  einen  Wertb  beilegen  kann. 
Die  metrische  Übereinstimmung  zwischen  NL.  und  den  Kürenbergstrophen 
wird  S.  567  f.  besprochen,  mit  derselben  Oberflächlichkeit,  mit  der  meine  Au- 
Bichl  von  ihr  älteren  Gestalt  des  NL.  behandelt  wurde.  Und  dabei  siebt  Seh. 
nicht  einmal  ein,  daß,  auch  wenn  seine  aus  Lachmann  entlehnten  metrischen 
Grundsätze  richtig  sind,  die  Übereinstimmung  im  metrischen  Gebrauche  zwischen 
NL.  und  Kürenb.  doch  bleibt.  Er  erhebt  \<>n  Lachmanns  Standpunkte  Einsprache 
en  '';■•   Betonung  vei  "    Verliesen   den  l>/>.     Er  meint,    wenn 

Betonung  richtig,   dann  würden  bei  dm   Lyrikern   oder  bei   K.   von  W  ürz- 
burg  doch   Belege  wie  künet  etc.  vorkommen.    Daß  ßie  vorkommen  kann 

Seh.  nicht  in  Abrede  Btellen:    er  hilft  sich   bei  dem  von  mir  angeführten   Bei» 
i     Neidh.  50,  16    damit,    d  rewent   mich  grä  eine    vereinzelte 

Freiheit  Bei'.    Aber    hoffentlich  wird  N.  etwas    mehr  Geschicklichkeil   im    '■ 


358        LITTERATUR:  FORSCHUNGEN  ÜBER  DAS  NIBELUNGENLIED. 

bilden  gehabt  haben  als  Seh.  ihm  zutraut;  zu  einer  Freiheit,  die  gegen  ein 
wichtiges  metrisches  Gesetz  verstieß,  lag  hier  nicht  der  geringste  Grund  vor. 
Warum  hätte  N.  nicht  geschrieben  die  verwent  mich  so  grä  oder  algrä,  zumal 
da  auch  verewent  nicht  die  im  13.  Jahrh.  allgemein  übliche  Form  war?  Bei 
Reinmar  160,33  lebeti  anzunehmen  berechtigt  nichs  in  den  Sprachformen  des 
Dichters.'  Die  Änderungen  der  Hss.  an  beiden  Stellen  beweisen  nicht  etwa  daß 
die  Betonung  vdrewent,  Idbetd  in  diesem  Falle  falsch,  sondern  nur  daß  sie  in 
der  Lyrik  unüblich  war.  Und  der  Grund  ist  ganz  derselbe,  aus  welchem  wir 
in  der  Lyrik,  dergleichen  Reimausgänge  wie  lebende,  klagende  etc.  im  12.  Jh. 
selten,  im  13.  gar  nicht  mehr  fiuden.  Wenn  Seh.  etwas  von  Metrik  versteht, 
wie  er  sich  den  Anschein  gibt,  wird  er  bei  einigem  Nachdenken  ihn  wohl 
ausfindig  machen.  Auch  Walther  hat  die  Betonung  ein  paarmal,  aber  die  Hss. 
ändern  auch  hier:  so  5,  25  Pf.,  wo  ich  geschrieben  wederez  daz  ander  iiberstrite; 
die  Hss.  schreiben  der  im  13.  Jh.  üblichen  Aussprache  gemäß  wederz,  und 
fügen  daher,  weil  der  Vers  um  eine  Silbe  zu  kurz  schien  (ein  unzähligemal  zu 
beobachtendes  Verfahren!),  eine  Silbe  ein,  Ada,  B  hie,  C  spil,  EF  ir.  Noch- 
mals so  betont  ist  dive'derez  97,  6,  wo  die  Hss.  auch  deweders  (ietiveders)  schreiben 
und  Worte  einfügen.  Wenn  Seh.  das  seltene  Vorkommen  solcher  Stellen  ent- 
gegenhält, so  halte  ich  ihm  entgegen,  was  er  aus  meinen  Untersuchungen  schon 
wissen  konnte,  aber,  wenn  er  es  wusste,  weislich  verschwiegen  hat:  wie  kommt 
es,  wenn  den  lip  etc.  am  Schluße  der  Strophe  zu  betonen  ist,  daß  keine  zweifel- 
losen Fälle,  keine  Namen  wie  Gernot,  S">frit,  Krienihilt  am  Schluße  der  4.  Zeile 
stehen,  und  daß  die  klingenden  Reime  nur  auf  die  erste  und  zweite  Zeile  der 
Strophe  beschränkt  sind  ? 

Das  letzte  Argument ,  daß  die  Kürenbergstrophe  die  Nibelungenstrophe 
sei,  glaubt  Seh.  bejahen  zu  sollen.  Er  bringt  hier  einiges  zur  Entstehungs- 
geschichte der  Strophe  bei  und  bemerkt  S.  570  ein  zweites  vermuthlich  älteres 
Verfahren  ist  die  Verkürzung  aller  Reimzcilen,  mit  Ausnahme  der  letzten,  um 
je  eine  Hebung',  d.  h.  das  in  der  Nibelungenstrophe  eingeschlagene  Verfahren. 
Das  völlig  grundlose  vermuthlich  ältere  ist  absichtlich  hinzugefügt,  um  der 
Nibelungenstrophe  ein  älteres  Dasein  zu  sichern.  Seh.  räumt  ein,  daß  der  Ur- 
heber der  Kürenbergweise  Kürenberg  geheissen  und  ein  österreichischer  Ritter 
gewesen.  Aber  die  Autorschaft  des  Kürenbergers  für  die  15  lyrischen  Strophen 
wird  von  Seh.  bestritten.  Natürlich  kommt  es  hier,  wie  ich  schon  bemerkte, 
auf  die  Erklärung  der  Strophe  MF.  8,  1 — 8  an.  Seh.  bestreitet  meine  früher 
gegebene  Erklärung  und  zieht  ein  modernes  Beispiel  der  Nägelischen  Melodie 
heran.  Aber  mit  vollem  Rechte  hat  bereits  Fischer  (S.  268)  dieß  Heranziehen  als 
pure  Prosa  bezeichnet;  in  der  That  zeigt  es  von  einem  auffallenden  Mangel 
an  Verständniss  für  Poesie  und  poetische  Situationen.  Das  subjeetiv  zugespitzte 
Raisonnement  über  Empfindungen  von  Frauen  und  Männern,  auf  welches  die 
Annahme  eines  Dichters  und  einer  Dichterin  für  die  Kürenbergstrophen  basiert, 
ist  nur  ein  weiterer  Beweis,  wie  gefährlich  es  ist  mit  modernen  Anschauungen 
an  unsere  alten  Dichter  heranzutreten. 

Ich  werde  mich ,  das  darf  ich  ehrlich  versichern,  dem  Gewichte  von  ob- 
jeetiven  Gründen,  von  historischen  Analogien  nicht  verschließen  und  mich  gern 
eines  Bessern  belehren  lassen;  sie  müssen  freilich  eine  etwas  solidere  Basis  haben 
als  was  bisher  vorgebracht  worden  ist. 

HEIDELBERG,  August  1874.  K.  BARTSCH. 


LITTERATUK:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMAL-GKÖUGALDR.  359 


Vielgewandts  Sprüche  und  Groa's  Zaubersang.  (Fiölsvinnsmil-Gröugaldr)  zwei 
norränische  Gedichte  der  Sajumnds-Edda,  kritisch  hergestellt,  übersetzt 
und  erklärt  von  Dr.  Friedrieh  Willi.  Bergmann.  Straßburg.  Verlag  von 
Karl  Trübner   1874.    186   S.    8°. 

In  allen  Schriften  Bergmanns,  mögen  dieselben  Straßburger  Volksgespräche, 
Eddalieder,  Shakespeare  oder  Dante  behandeln,  zeigt  sich  eine  gewisso  wohl- 
thuende  Ursprünglichkeit,  Jugendlichkeit  und  Frische.  Eine  solche  durchgehende 
Selbständigkeit  in  der  Behandlang  wissenschaftlicher  Fragen  hat  aber,  so  an- 
erkennenswerth  sie  auf  der  einen  Seite  ist,  doch  auch  ihre  Gefahren.  Der 
Verpflichtung,  ehe  man  an  eine  neue  Erklärung  eines  Liedes  oder  einer  einzelnen 
Stelle  desselben  geht,  die  Aufstellungen  Anderer  zu  widerlegen,  oder  so  con- 
sequent  die  Urheber  von  Meinungen,  die  man  billigt,  zu  citieren,  daß  wenn 
dieß  nicht  geschieht,  der  Leser  sicher  annehmen  darf,  man  habe  dieselben 
nicht  gekannt  —  dieser  Verpflichtung  kommt  Herr  Bergmann  in  seinen  lite- 
rarischen Arbeiten  durchaus  nicht  immer  nach.  Das  ist  keine  absichtliche 
Böswilligkeit,  sondern  beruht  nur  auf  einer  gewissen  Einseitigkeit  der  Methode. 
Aber  in  Folge  dessen  befindet  man  sich  oft  genug  in  der  Lage,  in-  einzelnen 
Füllen  absolut  nicht  entscheiden  zu  können,  ob  Herr  Bergmann  sich  eine  Ansicht 
eigens  gebildet,    oder  von  einem  anderen  Gelehrten  übernommen  hat. 

Mit  dieser  unabhängigen  Art  zu  arbeiten  hängt  Bergmanns  sprachver- 
gleichende  Methode  zusammen,  die  er  seit  dreissig  Jahren  in  seinen  „Sprachlichen 
Studien",  wie  gelegentlich  in  größeren  Werken  commentarischen  Inhalts  befolgt 
hat,  ohne  wohl  den  Ergebnissen  neuerer  Sprachforschung  genugsam  gerecht  zu 
werden,  eine  Methode,  die  uns  Schüler  von  Georg  Curtius  oder  Schleicher 
freilich  sonderbar  anmuthet.  Durch  solche  Unebenheiten  darf  man  sich  aber 
nicht  verleiten  lassen,  das  wirklich  Gute  und  Neue  in  Bergmanns  Leistungen 
zu  übersehen. 

Dieß  vorausgeschickt,  gehe  ich  zu  dem  oben  genannten  Buche  über,  das 
sich  in  Form  und  Einrichtung  an  die  Commentare  zu  Skirnisfor  und  Grimnismäl 
(1871)  und  zu  Harbardsljöd  (1872)  genau  anschließt.  Das  von  der  Verlags- 
handlung sehr  sauber  ausgestattete  Werkchen  behandelt  zuerst  Fjölsvinnsinäl. 
In  der  Einleitung  wird  Zweck,  Inhalt,  mythologische  Bedeutung  und  Überlieferung 
des  Gedichtes  erörtert,  dann  folgt  der  von  B.  constituierte  Text,  hierauf  Text- 
kritik und  Worterklärung,  die  Übersetzung  und  endlich  die  Erklärung  zu  dem 
übersetzten  Gedichte.  Dieselbe  Reihenfolge  wird  bei  der  Interpretation  von 
Grougaldr  beobachtet. 

S.  35  ff.  legt  Herr  B.  seine  Anschauung  über  die  Grundlagen  der  Edda- 
kritik dar.  Ich  irre  mich  schwerlich,  wenn  ich  darin  <iii«j  Entgegnung  auf 
meine  Bemerknagen  Germ.  XVIII,  S.  118  f.  erblicke.  J'>.  meint,  die  beiden 
Perg.-hdschr.  der  Edda  Cod.  11.  und  Cod.  AM.  seien  selbst  nur  Abschriften 
älterer  Membranen,  beeinflußt  vou  mündlicher  Überlieferung  und  deßhalb,  wie 
alle  Mannscripte,  die  nicht  ron  den  Autoren  selb  I  herrühren,  auch  nicht  stets 
als  absolute  Norm  für  die  Lieder  anzu  ehen  und,  obgleich  die  besten  und  alte 
doch  nicht  in  allen  Schreib-  und  Lesart«  n  unfehlbar  und  einzig  und  allein  maß- 
ad.  Wenn  ferner  die  Papierbandschriften  auch  meistens  AI'  chriften  dieser 
Membranen  seien,    so  sei  damit  doch  nichi  .    daß   den  Schreibern  außer 

jenen,    keine  anderen  Quellen  zu  Gehute  standen,    und  daß  sie  nicht  auch  Lesarten 


360  LITTERATUR:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMÄL-GRÖUGALDR. 

aus  der  mündlichen  Tradition  aufgenommen  haben.  Überdieß  hätten  sie  auch 
manchmal  aus  Conjectur  wirklich  richtige  Lesarten  in  den  Text  eingesetzt. 
AVoile  man  die  Lesarten  der  Membranen  allein,  exclusiv  und  absolut  als  richtig 
anerkennen,   so  würde  der  Text  an  vielen  Stellen  ganz  unverständlich  bleiben. 

Es  hat  aber  auch  Niemand  die  Behauptung  aufgestellt,  die  beiden  Mem- 
branen seien  unfehlbar.  S.  Bugge,  der  den  bekannten  Nachweis  über  den 
Ursprung  der  Papierhandschriften  geliefert  hat,  hat  oft  genug  Lesarten  von  R 
und  AM  mit  Glück  emendiert.  Daß  die  Papierhdschr.  sich  jenen  gegenüber  oft 
selbständig  verhalten,  ja  ganze  Verse  einschieben  (vgl.  Harb.  1.  v.  101  bei  Bergm. 
und  meine  Bemerkung  dazu  Germ.  XVIII,  S.  120),  ist  sicher,  aber  nicht  aus 
mündlicher  Überlieferung  schöpfend,  sondern  selbst  erfindend.  Der  Beweis  ist 
sehr  einfach.  S.  35  sagt  B.  selbst,  auf  Island  hätten  sich  die  Eddalieder  etwa 
bis  ins  14.  Jahrb.  hinein  im  Gedächtniss  bewahrt.  Nun  sind  die  Membranen 
die  einzigen  Eddahandschriften  älter  als  das  17.  Jahrh.  (Bugge,  Fortale  S.  XXII). 
2 — 3  Jahrh.  waren  die  Lieder  selbst  auf  Island  ganz  unbekannt,  wie  sollen 
also  die  aus  dem  17.  Jahrh.  stammenden  Papierhandschr.  auf  mündliche  Über- 
lieferung bauen  können?  Daß  aber  die  Abschreiber,  mit  ihrer  Landessprache 
enger  vertraut,  als  wir,  zuweilen  durch  Conjectur  das  richtige  gefunden  haben 
mögen,  und  in  dieser,  aber  nur  in  dieser  Beziehung  ihre  Lesarten  zuweilen 
Beachtung  verdienen ,  das  wollen  wir  Herrn  B.  gern  zugestehen.  Auf  Fjölsv. 
und  Grog,  findet  alles  hier  Erörterte  selbstverständlich  keine  Anwendung,  da 
diese   Gedichte  in  den  Membranen  fehlen. 

Jedem,  der  heut  die  beiden  Lieder  zu  interpretieren  hat,  treten  drei 
Hauptfragen  entgegen:  1.  Ist  die  Behauptung  Bugges,  Grundtvigs,  Lünings  und 
Ettmüllers,  daß  Grougaldr  und  Fjölsvinnsmal  ursprünglich  ein  Ganzes  gebildet 
hätten,  als  erwiesen  anzusehen?  2.  Sind  beide  Gedichte  vollständig  oder  als 
Bruchstücke  größerer  Lieder  zu  betrachten?  3.  Wenn  Fjölsvinnsmal  als  Ganzes 
für  sich  betrachtet  werden  kann,  welcher  Mythus  liegt  dem  Gedichte  zu  Grunde? 

Daß  die  Svendalsvise  eine  Nachahmung  von  Grog,  und  Fjölsv.  sei,  scheint 
die  allgemeine  Annahme  zu  sein.  Das  liegt  in  Bugges  Worten  (Daum,  gamle 
folkeviser  ed.  Grundtvig  II,  S.  G67):  „Jeg  antager,  at  eet  Kvad ,  hvoraf  vi 
have  en  senere  Formation  i  Visen  om  Svejdal,  er  hievet  spaltet  i  to:  Grog,  og 
Fjölsv.",  und  Bergmann  (S.  33)  ist  derselben  Ansicht.  Das  wäre  in  der  That 
kein  Ausnahmefall.  Sowohl  die  isl.  rrymlur  wie  die  dan.  Vise  Tord  af  Havsgaard 
scheinen  rrymskvitta  zur  Quelle  zu  haben;  die  dänischen  Sigurdslieder  sind  mit 
freier  Benutzung  der  Edda,  noch  mehr  der  Pidreks  Saga  gedichtet  (vgl.  Döring, 
Zcitschr.  für  d.  Phil.  II,  2G9  ff.)  Über  das  Verhältniss  von  „Liden  Grimmer" 
(Gvundtv.  I,  S.  352  ff.)  zu  den  isl.  Grims  n'mur  ok  Hjalmars  läßt  sich  strei- 
ten, dagegen  geht  die  Vise  von  Orm  Ungersvend  og  Bermer  Eise  (Grundtv.  I, 
S.  352  ff.)  und  die  isl.  Ormars  rimur  sicherlich  auf  eine  gemeinsame  isl.  (pro- 
saische  oder  poetische?   vgl.   Grundtv.  III.   S.  775)   Quelle  zurück. 

Bei  der  uns  zunächst  beschäftigenden  Vergleichung  muß  natürlich  vor 
allem  die  Fassung  C  der  Svendalsvise  in  Betracht  kommen  (Grundtv.  II,  S.  244  ff.), 
als  dem  Nordischen  am  nächsten  stehend.  Aber  wörtliche  Übereinstimmung  findet 
sich  auch  hier  nirgends,  Gleichheit  des  Sinnes  nur  im  Allgemeinen.  Was  den 
Eingang  von  Ungen  Svendal  anlangt,  so  legt  Grundtvig  die  Rede  in  v.  3  der 
zweiten  Gemahlin  oder  vielmehr  der  Beischläferin  von  Svendals  Vater  in  den 
Mund  (a.  a.  0.  II,  S.  669"  Anm.).   Gegen  letzteres  spricht  die  ähnliche  kymrische 


LITTERATUß:    BERGMANN,    FIÖLSVINXSMÄL-GRÖÜGALDR.  3ßj 

Erzählung  von  Kilhwch  and  Ohven  (Mabin.  N,  S.  249  fF.)  und  die  Hjalmters 
Saga  ok  Ölvers  (F.  A.  S.  Norctrl.  III,  S.  453 — 518),  in  denen  die  Stiefmutter  die 
rechtmäßige  zweite  Frau  des  Königs  ist.  Inwiefern  der  Ausdruck  Jomfruens  Bur 
für  Grundtvig  sprechen  könnte,  ist  mir  unklar.  Daß  es  sich  um  verschmähte 
Liebe  handelt,  ist  sicher  (vgl.  v.  34:  som  du  haffuer  kierer  end  mit/),  aber  mit 
der  „jomfru" ,  die  v.  1 1  „söster"  genannt  wird  [hier  erfahren  wir  auch  erst, 
daß  die  Stiefmutter  sie  unterstützt,  während  in  Fassung  E  v.  11  f.  nur  von 
der  Jungfrau  die  Rede  ist,  die  ihm  die  Reise  anbefohlen  habe]  ist  sicherlich 
die  Stiefschwester  gemeint,  die  ja  auch  nach  dem  kymrischen  Märchen  (a.  a.  0. 
S.  252)  vom  Jüngling  verschmäht  wird.  Dieser  Zug  fehlt  in  Grog.;  er  stimmt 
zur  kymr.  Sage ;  folglich  kann  der  Eingang  von  U.  Sv.  nicht  erfunden  sein, 
und  wenn  wir  den  ersten  Theil  dieses  Liedes  mit  Grog,  identifizieren,  so  muß 
am  Anfang  des  letzteren   ein   Stück  fortgefallen  sein. 

Es  kommt  eine  andere  Erwägung  hinzu,  der  ich  mich  nicht  verschliessen 
kann.  Um  den  epischen  Rahmen  beider  Gedichte  zu  identificieren ,  hat  man 
Grog.  32  das  von  allen  Handschriften  überlieferte  skauzlu  oder  skautzo  in  skaut 
sü  verwandelt,  und  sü,  sowie  hin  Icevisa  kona  sie  er  fadmadi  minn  fädur  auf  die 
böse  Stiefmutter  bezogen  (Grundtvig  a.  a.  0.  II,  S.  GG8).  Die  Änderung  ist 
selbstverständlich  eine  sehr  leichte,  und  der  anstößige  Wechsel  zwischen  zweiter 
und  dritter  Person  fiele  weg;  aber  auffallend  erscheint  dann  das  Praet.  fadmadi, 
das  man  schwerlich  berechtigt  ist  mit  Bergmann  durch :  „das  meinen  Vater  am 
n  umstrickt"  wiederzugeben.  Der  durch  die  Änderung  erforderte  Sinn  würde 
fadmar  verlangen,  so  gut  wie  Hävamäl  v.  163  (Bugge)  die  Gattin  umschrieben 
ist  durch:  er  mik  armi  verr.  Diese  Stelle  beweist  zugleich,  daß  eine  solche 
Umschreibung  für  Mutter  oder  Weib,  die  Grundtvig  a.  a.  0.  sonderbar  findet, 
nicht   allein    steht. 

Von  ganz  anderem  Ausgangspunkt  gelange  ich  zu  ähnlichen  Bedenken. 
Lassen  wir  das  Überlieferte  stehen,  so  hat  die  Mutter  selbst  bei  Lebzeiten  dem 
Sohne  die  Aufgabe  gestellt,  eine  mühselige  Reise  [nach  seiner  Braut?]  zu  unter- 
nehmen, und  ihn  aufgefordert,  wenn  ihm  dieß  später  zu  schwierig  erscheine, 
sich  bei  ihr  im  Grabe  Rath  zu  holen.  Dazu  finden  sich  zwei  Parallelen.  In 
der  Vonvedsvise,  die,  wie  sich  unten  zeigen  wird,  auch  in  anderen  Punkten  zu 
ig.  genauer  stimmt  als  U.  Sv. ,  ist  es  ein  und  di<  <>  lbe  —  die  Mutter,  — 
die  den  Sohn  auf  gefährliche  Fahrt  ausschickt  und  die  ihn  durch  Zaubersprüche 
feit.  In  der  schwedischen  Visa:  Hertig  Silfverdal  (Svenska  Folkvisor  frän  forntiden, 
samlade  och  ntgifhe  af  Er.  Gust.  Geijer  och  Arv.  Aug.  Afzeliüs.  I.  Stockholm 
1814,  S.  57  ff.  [die  Fassung  bei  Arwidsson:  Svenska  Fornsanger  II.  ist  mir 
leider  nicht  zur  Hand]  ist  es  der  Vater  des  Helden,  der  ihm  aufgegeben  hat, 
die  Braut  zu  suchen;  bei  seinem  Grabe  erholt  sieh  der  Jüngling  Rath,  wie  er 
dieß  Ziel  erreichen  könne.  Diesen  Seitenstücken  gegenüber  scheint  mir  die 
Richtigkeit  von  Grundtvigs  Conjectar  sehr  in  Zweifel  gestellt.  Der  oben  er- 
wähnte Wechsel  zwischen  erster  und  zweiter  Person  ist  freilich  auffallend.  Will 
nun   nicht  annehmen,  daß  die  Ausdrucksweise:  hin  loevüa  fcona  den  Abschreiber 

verführt     habe,    auch    Zeile    4    die     dritte     Pei*80n     einzuführen,     und     baztu     dafür 

■n,    so   muß   man,    wie   schon  Kop.    will,  Zeile   •')  und  4  zusammennehmen 

und    sii    er   auflösen    durch    Juinn    tilma    er    j"<    etc.    Ich     linde    den    Wechsel    dann 

nicht  anduldbar. 


362  LITTER ATUR:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMAL-GROUGALDR. 

Daß  v.  10  des  dän.  Textes  aus  Orm  Ungersvend  (Fassung  D  v.  27 
entlehnt  scheint,  hat  nichts  auffallendes:  die  Situationen  sind  so  ähnlich.  Bemerkt 
zu  werden  verdient,  daß  Gröug.  v.  53  (nach  Bergm.) :  ä  vegum  allr  hygg  ek  at  ek 
venia  muna ,  nicht  in  Ungen  Svendal,  sondern  in  Svend  Vonved,  Fassung  D 
v.  4  (Grundtv.  I,  S.  245)  eine  Parallele  erhält.  Die  Worte  der  Mutter  berühren 
sich  in  Grog,  und  Ungen  Sv.  gar  nicht.  Man  hat  das  zu  erklären  gesucht. 
Ettmüller  bemerkt  Germ.  XIV,  S.  315:  „Daß  die  todte  Mutter  ihrem  Sohne 
nach  den  Volksliedern  nicht  Zaubersprüche  auf  dem  Weg  mitgibt,  sondern  einen 
Hengst,  der  nie  ermüdet,  und  ein  Schwert,  womit  man  immer  siegt,  ist  zwar 
eine  unverständige,  aber  doch  sehr  leicht  begreifliche  Änderung.  In  den  christ- 
lichen Volksliedern  konnten  schützende  Zaubersprüche  unmöglich  eine  Stelle 
finden."  Daß  die  letztere  Behauptung  unrichtig  ist,  beweist  schlagend  folgender 
Zauberspruch  aus  dem  eben  citierten  Svend  Vonved  (Fassung  D  v.  5  f.),  der 
sich  dem  Sinne  nach  eng  genug  mit  Gröug.  berührt: 

Da  skal  ieg  dig  galde  i  Dag, 

aldrig  skal  dig  nogen  Mand  skade: 

Seyr  vdi  din  hoye  Hest, 

Seyr  i  dig  selff  aller  mest. 

Seyr  i  din  Haand,  Seyr  i  din  Foed, 

oc  Seyr  vdi  alle  dine  Laedemod: 

Signe  dig  Gud,   Saucte  Drotten  Dyre, 

band  skal  dig  baade  vocte  oc  styre. 
Daß  hier  der  Segensspruch  nicht  ernst  gemeint  ist  und  gleich  darauf 
(v.  11  f.)  zurückgenommen  wird,  also  wohl  als  von  der  Stiefmutter  ausgehend 
zu  denken  ist,  die  dann  schließlich  auch  (v.  72)  den  verdienten  Lohn  erhält, 
ist  eine  Sache  für  sich.  Das  Schwert  —  der  Zweck  dieser  Gabe  ist  aus  Ungen 
Svendal  selbst  absolut  nicht  zu  ersehen  —  könnte  aus  der  Hervararsaga  (edd. 
Petersen  S.  15  ff.)  oder  wieder  aus  Orm  Ungersvend,  auch  aus  Svend  Vonved 
herübergenommen  sein,  wo  es  überall  zur  Verwendung  kommt*). 

Was  weiter  Fjölsvinnsmal  angeht,  so  besteht  die  Ähnlichkeit  zwischen 
diesem  Liede  und  Ungen  Svendal  doch  nicht  bloß  darin,  wie  Bergmann  meint, 
daß  in  beiden  Liedern  von  einem  Jüngling  erzählt  wird,  der  sich  mit  seiner, 
vom  Schicksal  bestimmten  Braut  schließlich  vereinigt.    Die  näheren  Berührungs- 


*)  Auch  der  Ursprung  von  v.  13  ff.  in  Fassung  A,  wo  noch  andere  Geschenke 
hinzugefügt  werden,  ist  z.  Th.  leicht  zu  erklären.  Der  Zug  von  dem  Tischtuch  und 
Trinkhorn  wenigstens  findet  sich  mehrfach  in  den  romantischen  Sagas;  z.  B.  in  der 
Victors  Saga  ok  Blaus  Cod.  A.  M.  per».  59-'?  B.  4°:  Tekr  Bl&ua  eimn  borddük  saumadem 
af  jirüil ' um  ins  bezta  gutta  i  sundr  rekjandi.  Vdru  par  innan  kpnwngligar  krdsir.  Par 
var  ok  ein  stör  kanna,  füll  med  -piment  ok  klare,  piAat  hon  rar  med  gdlfum  ger.  Eta 
nu  ok  drekka.  Bldus  talar  ]>d  til  konungsins:  Varazt  pü,  sagßi  kann,  ok  kasta  öngu 
brott  af  pessari  feedu,  Jiviat  dtiJcrinn  berr  pd  nattüru,  at  fceötan  er  öll  en  sama  peg&r 
kann  er  saman  vafdr;  sömu  leid  er  ka/nnan  füll  med  a&r  nefndan  drykk,  p$gar  lokit 
kemr  yjir  hava.  Vgl.  Sagan  af  Valdimar  kongi,  cap.  2  (Fjörar  Riddarasögur.  Utgefnar 
af  II.  Erlendssyni  ok  E.  pördarsyni.  Reykjavik  1852,  S.  101),  wo  .sich  derselbe  Zug 
findet.  Das  zauberhafte  Trinkgefäß  kehrt  ferner  in  der  Sanisons  Saga  fagra  Cap.  XVII 
wieder  (bei  Bjürner,  Nordiska  kämpadater  X,  S.  28).  Dicht  dabei  findet  sich  folgende, 
Stelle,  die  an  Ungen  Svendal  A  v.  16  f.  erinnert:  Ok  er  Sigurdur  b/<>st  i  burtu,  fylgdu 
jia/i  karl  ok  kerling  hdnum  Hl  sjdar,  ok  fundu  eina  spdnahrugu.  Kerling  t*'>k  juir  ur 
eitl  skip ,  sem  eins  mannsfar,  svd  fagrt  sem  d  gull  seei.  petta  skip  vil  ek  gefa  }><'r 
Sigurdr,  segir  kerling,  pat  hrjir  b>jr,  pd  aojl  kemr  yßr  pal,  hvdrt  sem  sigla  vill;  aldri 
mun  ]mt  ofhladit  verda. 


LlTTERATUR:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMÄL-CKÖUGALDR.     j      363 

punkte  sind  schon  von  Anderen  hervorgehoben,  auch  die  Unterschiede  motiviert 
worden.  Doch  möchte  ich  dem  gegenüber  eines  hervorheben.  Fjolsvidr  anlangend, 
so  ist  derselbe  im  Eddaliede  offenbar  als  Burgvogt  gedacht,  der  die  mit  ihren 
Jungfrauen  hier  einsam  hausende  Menglöd  bewacht  und  gegen  unbefugte  Ein- 
dringlinge beschützt.  In  der  Fassung  C  der  Vise  ist  vielleicht  zwischen  v.  17 
und  18  ein  Vers  ausgefallen;  denn  ziemlich  unvermittelt  wird  ein  vorher  nicht 
genannter  Morde  angeredet:  Hör  du,  goeden  Morde,  kicad  jeg  siger  dig  etc.  Nach 
A  kommt  Svendal  zur  See  und  landet  (v.  19):  thend  forste  mand,  hand  m^tte, 
wor  Morden  }jaa  thett  land.  Dieser  Morde  könnte  nun,  dem  Ausdruck  nach, 
allenfalls  dieselbe  ßefugniss  haben,  wie  im  Beövulfliede  v.  229  f.  veard  Scyldinga, 
se  ]>e  holmelifu  healdan  scolde.  Dann  stimmte  seine  Persönlichkeit  zu  Fjolsvidr. 
Diese  Erklärung  wird  aber  bedenklich,  wenn  wir  die  Fassung  E  hinzunehmen. 
Dort  heißt  es  v.  17  f.:  da  m<j>dte  kam  en  Hyrdemand,  som  drev  saa  meget  kveeg. 
Den  Einwand,  es  könne  sich  aus  einem  mißverstandenen  „Hüter  des  Landes" 
ein  Hirte  entwickelt  haben,  widerlegt  aber  das  oben  erwähnte  stofflich  verwandte 
kymrische  Märchen,  dessen  Held  ebenfalls  einen  Hirten  trifft,  der  die  Schafe 
weidet.  Dieß  Zusammentreffen  kann  nicht  zufällig  sein,  wie  sich  aus  Folgendem 
noch  deutlicher  ergibt.  In  der  Hjalmters  Saga  ok  Olvers*),  die,  wie  Grundtvig 
(II,  S.  239)  schon  richtig  bemerkt,  gleichfalls,  wenn  auch  theilweise  entstellt, 
einen  verwandten  Stoff  behandelt,  kommt  Hjalmter  (Cap.  14)  im  Lande  der 
lange  gesuchten  Hervor  auch  zu  Schiffe  an.  Sowohl  in  der  Saga  wie  in  der 
kymrischen  Erzählung  ferner  ist  die  Rede  vom  Vater  der  Jungfrau,  den  der 
Held  um  die  Hand  der  Tochter  oder  wenigstens  um  Gastfreundschaft  für  den 
Winter  angehen  muß.  Fjölsv.  weiß  von  dieser  Persönlichkeit  absolut  nichts, 
ebenso  wenig  Fassung  C  der  Svendalvise,  wohl  aber  A  v.  30;  hier  wirbt  Sv. 
bei  jenem  um  die  Geliebte.  Allerdings  zeigt  der  König  sich  hier  gutmüthiger 
als  in  den  anderen  Erzählungen,  denn  dort  werden  dem  Helden  Proben  auf- 
erlegt, die  dann  andere  für  ihn  verrichten.  Mit  diesem  Zuge  der  Sage  hat  die 
Vise  wie  Fjölsv.  sich  anders  abgefunden.  Vielleicht  dürfen  wir  endlich  in  dem 
Smaadreng  Ungen  Svendal  D  v.  17  den  Sohn  des  Hirten  in  der  Kymr.  Er- 
zählung (Mabin.  II  S.  274)  wiederfinden.  Aus  alledem  geht  deutlich  hervor  — 
was  Grundtvig  (II  S.  673)  zu  wenig  hervorhebt  —  daß  einige,  wenn  nicht  alle 
Fassungen  der  Svendalsvise  in  dem  Fjölsv.  entsprechenden  Thcilc  viel  zu  auf- 
fallend mit  der  nordischen  und  kymrischen  Gestaltung  der  Sage  übereinstimmen 
als  daß  hier  eine  zufällige  Entstellung  von  C  aus  denkbar  wäre;  daß  ferner 
das  Gröugaldr  analoge  Stück  der  Vise  sich  mehrfach  in  schwer  zu  rechtferti- 
gender "Weise  weiter  vom  nordischen  Liede  entfernt,  als  der  Eingang  von  Svend 
Vonved.  Zugleich  wurde  wahrscheinlich  gemacht,  daß  beide  bezüglich  ihres 
'■hen  Rahmens  auf  verschiedenen  Prämissen  beruhen.  Es  ist  demnach  un- 
möglich, daß  Grog,  und  Fjölsv.  —  wenn  auch  in  vollständigerer  Fassung  — 
allein  die  Quelle  der  Svend:  bildet  haben,   and  es  lüsst  sieh  nicht  Bicher 

erweisen,  daß,  sie  dem  Dichter  der  letzteren  iiberhaupl  vorgelegen  haben.  Welcher 
Art  seine   offenbar  verlorene  Vorlage  gewesen  ist,   ist    schwerlich   zu    ermitteln. 


Wie  diese  Saga   unter  die   Fornaldarsögur   Nontrlanda  gerathen  konnte,    ist 
mir  unerfindlich.    Ihr  Schauplatz   gehört  nicht  dem  Norden   an   und   auch   im   übrigen 

•  üe  ganz  den  Charakter  jener  F.  A.  S.  Sudrlanda,   v lenen  eine     >         Vnzahl 

nur  handschriftlich  vorhanden  sind.  Der  Schluß  ist  in  der  gedruckten  Passung  verderbt 
und  unverständlich,  der  ursprüngliche  nur  durch  die  Hjalmtersrfmur  erschließbar 
Anderswo  mehr  davon. 


364  LITTERATUR:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMAL-GRÖUGALDR. 

Die  durch  das  dänische  Lied  für  die  Behauptung,  Gr6g.  und  Fjülsv. 
hätten  ursprünglich  öin  Gedicht  gebildet,  gewonnene  Stütze  ist  also  wenig  halt- 
bar. Vielleicht  ist  dieser  Zusammenhang  aus  den  beiden  Eddaliedern  selbst 
leichter  zu  erschließen*). 

Ich  bezweifle,  daß  dieser  Versuch  glücklicher  sein  wird,  und  muß  im  All- 
gemeinen den  Bemerkungen  Rnpp's  (Zur  Deutung  von  Fiölsvinnsmäl.  Germ.  XVI, 
S.  50  ff.)  und  Bergmanns  (a.  a.  0.  S.  32  ff.)  beipflichten.  Zwar  wenn  letzterer 
als  Grund  dafür,  daß  die  Lieder  nicht  zusammengehören,  anführt,  daß  jedes  der 
beiden  in  sich  eine  abgeschlossene  Rhapsodie  bilde,  so  ist  das  eine  Petitio  prin- 
cipii.  Aber  der  durch  Conjectur  gewonnene  Name  Menglödu  ist  vieldeutig,  und 
wenn  man  in  dem  Grog.  v.  14  erwähnten  jötunn  den  Fjölsvidr  wieder  erkennen 
will  —  was  überhaupt  nur  einen  Sinn  hat,  wenn  man  Fjölsv.  I3  (Bugge)  purs  d 
etc.  liest  und  selbst  dann  noch  sehr  bedenklich  ist  (vgl.  Rupp.  a.  a.  0.)  —  so 
müssen  nothwendig  auch  die  andern  von  Groa  vorgesehenen  Gefahren  alle  den 
Jüngling  treffen,  und  dieß  Stück  wäre  uns  verloren.  Dann  würde  die  ganze 
Dichtung  aber  von  ganz  anormaler  Länge  gewesen  sein  (vgl.  Bergm.  S.  34). 
Wie  Bugge  selbst  bemerkt  (Fornkvsedi  S.  445),  eignet  sich  überdieß  der  ljoda- 
hattr,  in  dem  beide  Gedichte  abgefasst  sind,  nicht  für  epische  Dichtung,  man 
würde  also  die  Reiseabenteuer  in  Prosaerzählung  erwarten,  ebenso  wie  —  nach 
unserer  Annahme  —  die  epische  Einleitung  zu  Grogaldr.  Rüttelt  die  Notwendig- 
keit dieses  Ausweges  nicht  schon  an  der  Einheit  der  zwei  Lieder?  Zudem  sind 
die  von  Groa  aufgeführten  drohenden  Lebenslagen,,  wie  Rupp  richtig  bemerkt, 
so  allgemeiner  Natur,  daß  diese  Sprüche  jedem  Reisenden  mitgegeben  werden 
können,  helfen  aber  absolut  nichts  zur  Ausführung  der  von  Fjölsvidr  geforderten 
Kunststücke.  In  dieser  Hinsicht  wäre  die  schwedische  Visa  wesentlich  dem  ver- 
meintlichen einen  Eddaliede  überlegen:  die  vom  todten  Vater  gegebenen  Notizen 
beziehen  sich  ganz  speciell  auf  des  Sohnes  Brautfahrt.  Daß  endlich  die  ver- 
wandten Bebandlungen  des  Stoffes  (die  Saga  und  das  kymr.  Märchen)  den 
Besuch  des  Grabes  nicht  haben,  spricht  eher  gegen,  als  für  das  Muß  der  Zu- 
sammengehörigkeit. 

Aus  allen  bisherigen  Erörterungen,  die  leider  ausführlicher  geworden  sind, 
als  ich  beabsichtigte,  ergibt  sich  mir  wenigstens  der  Schluß,  daß  die  Behauptung, 
Grogaldr  und  Fjölsvinnsmal  habe  ursprünglich  ein  Lied  ausgemacht  und  sei, 
schon  im  Volksmunde  oder  durch  die  Schuld  der  Abschreiber  später  in  zwei 
zerfallen,  weder  aus  der  Vergleichung  mit  der  Svendalsvise  noch  aus  den 
Liedern  selbst  erwiesen  werden  kann,  daß  derselben  vielmehr  ernste  Bedenken 
im   Wege   stehen. 

Eine  andere  Frage  ist  es  nun,  ob  die  beiden  Lieder,  jedes  für  sich  ge- 
nommen, für  vollständig  oder  für  Bruchstücke  anzusehen  sind.  Grogaldr  bietet 
in  dieser  Hinsicht  keine  sonderliche  Schwierigkeit.  Die  Zaubersprüche,  die  die 
todte  Mutter  dein  Sohne  als  Schutz  auf  eine  von  ihr  selbst  oder  von  seiner 
Stiefmutter  ihm  aufgegebene  gefahrvolle  Reise  mit  auf  den  Weg  gibt,  konnten 
ja  wohl  einmal  den  Gegenstand  zu  einer  selbständigen  Dichtung  liefern.  Auch 
die    schon    oben    erwähnte  Allgemeinheit    der  von  Groa    skizzierten    Situationen 


*)  Bugges  Abhandlung  Om  Forbindelsen  mellem  Grrtgaldr  og  Fjölsvinnsmal 
(Forhandlinger  i  Videnskabs  Selskabet  i  Christiania  1800.  S.  123—40)  und  die  zweite 
Auflage  von  Grundtvigs  Ausgabe  der  Edda  (Kopenh.  1874)  habe  ich  für  das  Folgende 
leider  nicht  benutzen  können. 


LITTERATUR:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMAL-GRÖUGaLDR.  3G5 

deutet  darauf  hin,  während  sonst  solchen  Todtcnbesuchcn  ein  directer  Wunsch 
zu  Grunde  zu  liegen  pflegt.  Vgl.  übrigens  Bergmann  S.  145 — 56,  mit  dessen 
Erörterungen  ich   hier  durchaus  einverstanden  bin. 

Weit  schwieriger  stellt  6ieh  die  Sache  bei  Fjölsvinnsmal,  das  man  schon 
mehrfach  vorsucht  hat,  als  selbständiges  Gedicht  mythisch  zu  erklären.  Ohne 
auf  Paulus  Cassels  Versuch  (Eddische  Studien.  I  Fiülsvinusmäl.  Weimar  185G) 
näher  einzugehen*),  wende  ich  mich  zu  Theophil  Rupp's  Abhandlung  über 
Fjölsvinnsmal  Germ.  X,  S.  433 — 46.  Nach  ihm  soll  Menglöd  die  Sonne,  Svip- 
dagr  der  Mond  sein.  Mich  überzeugt  diese  Deutung  nicht,  so  geistreich  sie  ist. 
Die  dem  Neumond  sich  nähernde  Mondsichel  soll  (S.  442)  Windkaldr,  also  der 
Mond  selbst,  im  Gewand  (Nebel)  verbergen,  und  der  Zauberin  Sinmara  geben 
gegen  die  blutige  Ruthe,  nämlich  gegen  die  ersten  rothen  Strahlen  der  Sonne, 
um  den  Hahn  damit  zu  Hei  zu  senden.  Ein  Theil  des  Mondes  ist  also  schon 
innerhalb  der  Sonnenburg?  Und  der  Mond  soll  nun  diesen  Theil  seiner  selbst 
im  Mantel  verbergen  und  einer  Zauberin  bringen?  Die  ersten  rothen  Strahlen 
der  Sonne  gehen  nicht  von  der  Sonnenburg  aus,  sondern  müssen  vor  dem 
Todtenthore  geholt  werden?  Das  sind  Dinge,  die  ich  nicht  fassen  kann.  Die 
Behauptung,  daß  Svipdagr  alle  diese  Forderungen  erfülle,  nur  daß  dieß  vom 
Dichter,  um  Wiederholung  zu  meiden,  nicht  einzeln  erzählt  werde  (S.  445  f.), 
nimmt  Rupp  selbst  (Germ.  XVI  S.  53  f.)  zurück.  Nur  der  Unberufene  muß  die 
unbestellbaren  Proben  leisten.  Aber  wie  können  diese  dann  noch  von  dem  Ge- 
sichtspunkte aus  erklärt  werden,  daß  sie  zur  Vereinigung  der  Liebenden  noth- 
wendig  seien?  Hebt  da  nicht  eines  das  andere  auf? 

Ich  gehe  über  zu  Bergmanns  Auslegung  von  Fjölsvinnsmal.  Nach  seiner 
Ansicht  soll  der  Mythus  von  Freyja  und  Odr  darin  verborgen  liegen.  Die  Idee 
ist  nicht  neu;  Lüning:  Edda  S.  28  sagt:  „Ob  das  zum  Grunde  liegende  Gedicht 
zum  Mythus  von  Freyja  und  ihrem  geliebten  Odr  gehört  hat?  Das  ist  freilich 
eine  bloße  Vermuthung.''  Grimm  bemerkt  (Deutsche  Mythol.  S.  1102):  „Men- 
glöd könnte  geradezu  für  Freyja  erklärt  weiden."  Aber  Bergmann  versucht  dieß 
zum  ersten  Male  eingehender  zu  begründen.  Prüfen  wir  die  Sache  näher.  Den 
Namen  Menglöd  soll  Freyja  führen  als  Besitzerin  des  Brisingamen,  also  Men- 
glöd par  excellence  (S.  14  f.;  92  f.).  So  kann  freilich  jede  andere  Jungfrau 
auch  heißen,  aber  es  widerstrebt  der  Auslegung  wenigstens  nichts.  Auch  von 
einer  festen  Burg  oder  wenigstens  einem  starken  Gemache  der  Freyja  wissen 
wir.  In  der  Sn.  E.  heißt  es:  Ihm  ätti  s6r  eina  skemmu,  er  var  beedi  fögr  ok 
sterlc,  svd  at  ]>at  segja  menn,  ef  huntin  var  leest,  at  eingi  mditi  komast  i  skem- 
miina  dn  vilja  Freyja  (vgl.  Grimm:  D.  Myth.  S.  284  f.).  Warum  citiert  Berg- 
mann diese  Stelle  nicht?  Dagegen  hat  weder  die  Gitterthüre  noch  die  Gürtung 
(bei  B.  Verback  Bezug  auf  Freyja  (S.  102).  Das  Wort  munameidr  =  Idebes- 
ii,  der  in  der  Burg  der  Liebesgöttin  allerdings  sehr  passend 
wiich.se,  kann  nichts  beweisen,  da  es  erst  an  Stelle  des  handschriftl.  Mimameidr 
von  Bergmann  bineinconjiciert  ist,  so  ansprechend  die  Conjectur  unter  Rcrg- 
manns  Voraussetzungen  auch  ist.    Der  Hahn  ferner  ist  häufig  das  Symbol  der 


*)  'i  il  '•  i    K'  Dntnisse  und  schwungvoll  poetischen  Auffassung 

war  Cassel  durchaus  nicht  im  Stande,  das  Lied  philologisch  genau  zu  interpretieren, 
da  er  zu  wenig  isländisch  verstand.  So  soll  pursa  accus,  von  pura  Bein  S.  137),  arfs 
»der  Erb  S.  140),    mn  wird  mit:  Sinn  Ilbej  etzl    5.  146   n.  s.  w.  I  ber  Er- 

klärungen Anderer  vgl.  Supp  a.  a.  < ». 


36G  L1TTERA.TUK:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMÄL-GRÖUGALDR. 

männlichen  Liebe  (Bergm.  S.  115;  vgl.  Cassel  a.  a.  0.  S.  68  ff.).  Über  die 
Dienerinnen  der  Freyja  wissen  wir  aus  anderen  Stellen  nicbts.  Ist  da  vielleicht 
an  eine  Vermengung  des  Frigg-  und  Freyjamythus  zu  denken  (Grimm:  D.  Myth;. 
S.  279)?  Lyfjaberg  ist  Conjectur.  Die  Identität  von  Menglöd  und  Freyja  ist 
also  nicht   erwiesen,  lässt  sich  aber  auch  nicht  widerlegen. 

Odr  (Sumar,  Svipdagr)  ist  nach  B.  (S.  17  f.)  „der  Repräsentant  der  lichten 
Sommerwitterung,  und  demnach  als  ein  den  Menschen  und  der  Natur  günstiger 
Gott  oder  Ase  angesehen.  In  dieser  Beziehung  wurde  er  auch  im  Naturmythus 
als  der  Geliebte  der  lichten  sommerlichen  Freyja  betrachtet.  ...  Da  aber  der 
Sommer  im  Norden  kurz  ist  und  durch  den  Winter  bald  vernichtet  wird,  so 
sagte  der  ursprünglich  symbolische  Mythus  aus,  daß  das  Liebesverhältniss  zwischen 
Svipdag  (Odr)  und  Menglöd  (Freyja)  kein  ehelich  dauerndes  war,  sondern  daß 
der  unverheirathete  Svipdag  mit  der  unverheiratheten ,  jungfräulichen  Menglöd 
nur  kurze  Zeit,  als  Verlobter,  der  Jugendliebe  pflegen  konnte,  und  bald  Yon  ihr 

durch    das    unerbittliche  Schicksal    getrennt  wurde Von    den    jotnischen 

Winterstürmen  wird  er  hinweg  getragen  nach  Jotnenheim,  wo  er  verweilt,  bis 
der  Winter  vorüber  ist,  und  bis  die  noch  rauhen  Frühlingswinde  ihn  in  die 
Nähe  seiner  Geliebten  zurückbringen,  und  er  endlich,  nach  jährlicher  Trennung, 

im  Sommer,   wieder  mit  der  Menglöd  vereinigt  wird Im  Bewusstsein  des 

späteren  epischen  Mythus  wollte  Odinn  an  Stelle  Odrs  Freyjas  Geliebter  werden, 
und  bewirkte  deßhalb  durch  das  Schicksal,  daß  Odr,  während  der  Jugendzeit 
Freyjas,  von  ihr  fern  gehalten  wurde,  und  erst  nachdem  Odinn  der  Freyja  über- 
drüßig  geworden,  als  die  erste  Jugendzeit  der  Äsen  vergangen  wai",  zu  der  Ver- 
lobten zurückkehren  durfte." 

Ich  musste  diese  Stelle  ausführlich  ausschreiben ,  da  alles  folgende  sich 
darauf  aufbaut.  Fragen  wir  aber,  wie  weit  das  oben  dargestellte  sich  aus  den 
Edden  belegen  lässt,  so  sieht  es  damit  leider  sehr  übel  aus.  Wolf:  Beitr.  zur 
d.  Myth.  I.  Gott.  1852  S.  180  sagt  ganz  richtig:  „Von  Odrs  Zurückkunft  ist 
in  den  beiden  Edden  keine  Rede,  und  wenn  man  den  Isismythus  [den  auch  B. 
parallelisiert  S.  17]  und  den  von  Venus  und  Adonis  vergleicht,  dann  dürfte 
man  einen  Grund  mehr  haben,  die  Rückkehr  nicht  gelten  zu  lassen."  Vgl.  auch 
Simrock:  Handbuch  der  deutschen  Mythologie.  Bonn  1855,  S.  245  f.  Odr 
selbst  wird  verschieden  gedeutet.  J.  Grimm  (D.  Myth.  S.  858)  sieht  in  ihm  die 
Personification  der  Dichtkunst,  Lüning  (Edda  S.  79)  lässt  seinen  Namen  auf 
berauschenden  Liebesgenuß  deuten;  Simrock  (a.  a.  0.  S.  248)  sieht  in  seiner 
Flucht  vor  Freyja  die  Abnahme  des  Lichtes  in  der  dunklen  Zeit  des  Jahres. 
Diese  Erklärung  würde  nicht  ausschließen,  daß  Beide  sich  wiederfinden,  aber 
gerade  in  umgekehrter  Weise,  als  Bergmann  will.  Freyja  sucht  Odr,  aber  nicht 
Odr  Freyja.  Auf  die  ganz  entstellte  Formation  des  Odr-Mythus,  wie  er  uns 
bei  Saxo  in  der  Erzählung  von  Syritha  und  Othar  entgegentritt  (Sax.  Gramm, 
bist.  dan.  rec.  P.  E.  Müller.  I.  1.  Havniae  1839,  S.  331  ff.),  wo  beide  aller- 
dings schließlich  ehelich  vereinigt  werden,  wird  Bergmann  selbst  kaum  recur- 
rieren  wollen.  Ist  aber  dieser  Mythus,  wie  er  sich  nach  Bergmanns  Darstellung 
gestaltet,  nicht  nachweisbar,  hat  er  nur  möglicher,  nicht  einmal  wahrscheinlicher 
Weise  so  gelautet,  so  fällt  damit  auch  die  mit  Hülfe  desselben  versuchte  Er- 
klärung von  Fjölsvinnsmal.  Ich  bin  nicht  im  Stande,  dieselbe  durch  eine  neue, 
haltbarere  zu  ersetzen.  Die  Vollständigkeit  des  Gedichtes  halte  ich  aber  damit 
noch  nicht  für  angefochten.   Nur  ist  mir  allerdings  nicht  unwahrscheinlich,   daß 


LITTERATUR:  BERGMANN,  FIÖLSVINNSMAL-GRÖUGALDR.  3G7 

am  Anfang  ein  Stück  Prosaeinleitung  weggefallen  ist,  die  ein  noch  klareres  Licht 
über  das   Ganze  geworfen  hat. 

Ich  füge  schließlich  einige  Bemerkungen  über  die  Textgestaltung  beider 
Lieder  bei   Bergmann  an,   ohne   darin  irgendwie  Vollständigkeit  anzustreben. 

Zunächst  kann  ich  mich  mit  Bergmanns  Verstheilung  durchaus  nicht  immer 
einverstanden  erklären.  Zwar  wird  er  für  seine  Ausgabe  Karl  Hildebrand's  sorg- 
fältiges Schriftchen:  Die  Verstheilung  in  den  Eddaliedern.  Halle  187  3,  so  wenig 
schon  benutzt  haben  können,  als  Grundtvigs  Aufsatz:  Til  „Saunundar  Edda". 
Nordisk  Tidskrift  for  Filologi  og  Psedagogik.  Ny  Rivkkc.  I.  S.  182  ff.,  aber 
trotzdem  hätte  er  weit  öfter  Bugges  Theilung  adoptieren  sollen.  Selbst  wenn 
man  über  die  Stellung  der  Verbalformen  streiten  könnte,  z.  B.  darüber,  ob  ab- 
zutheilen  sei  Fjölsv.  43:  innan  garda  jn'i  kemr\her  aldregi,  oder  innan  garda  | 
pti  leemr  her  aldregi  (vgl.  v.  5  !,  61,  103,  213,  243  etc.),  so  ist  folgende  Theilung: 
Fjölsv.  v.  47 3:  Urdar  ordi  kvedr I eingi  madr,  ]>ült\]>at  se  vid  löst  lagit  doch 
durch  nichts  zu  rechtfertigen. 

Ich  wende  mich  nun  zu  einzelnen   Stellen. 

I.  Fj  öls  vinnsmäl. 

V.  1  übersetzt  B.:  „Vor  den  Zäunen  draußen  sah  Er  heraufkommen  Thur- 
senvolks  Gefolge".  Seine  Auffassung  des  Liedes  bedingt  diese  Übersetzung.  Sjöt 
kann  ja  „Gefolge"  heißen.  Aber  der  ganze  Verlauf  des  Gedichtes  macht  durch- 
aus den  Eindruck,  daß  Svipdagr  allein  kommt.  Ich  halte  für  das  einzig  rich- 
tige: Utan  garda  sd  kann  [accus,  sc.  Svipdag]  npp  um  koma  ]>urs  [sc.  Fjölsvittr] 
a  pjödar  sjöt.  Vgl.  Bugge  z.  d.  St. 

Wie  B.   darauf  kommt,  Fjölsvittr  anzusetzen,  verstehe  ich  nicht. 

V.  33:  sa'mdarorda  druckt  B.  als  zwei  Worte;  ebenso  aldregi  (v.  43), 
im  Anschluß,  wie  es  scheint,  an  die  Kop.  Ausgabe.  Mit  Unrecht;  denn  die 
Hdschr.  schreiben  sie  als  ein  Wort  und  charakterisieren  sie  dadurch  als  Com- 
posita. 

V.  103:  B:  fjötvr-fasti  (Fessel-klemmend)  ist  zu  lesen  statt  fjütur-fast 
(fessel-fest),  das  jeder  Erklärung  widerstrebt  (S.  50).  Wo  B.  fast  her  hat,  weiß 
ich  nicht;   die  Hdschr.  bieten   die  unanstößige  Adjcctivform  fastr. 

V.  133  f.  schreibt  B.  hvat  peir  garmar  heita,  er  gifr-rekar  varda  fyri  lönd 
ok  lim,  und  übersetzt:  wie  die  Cerberen  heißen,  die,  Scheusal  abtreibend,  wachen 
vor  Land  und  Grunze,  gifr-rekar  soll  wildvertreibende  heißen  (S.  51).  Und  dann 
heißt  wieder  einer  der  Hunde  Gifrl  lim  =  Grunze  ist  in  der  altn.  Litteratur 
nirgends  nachweisbar.  Überdieß  muß  B.  görpa  in  varpa  ändern.  Auch  bei 
Bugge  ist  die  Wiederholung  gifrart-Gifr  anerträglich,  und  seine  Lesung  ent- 
fernt sich  viel  zu  weit  von  der  Überlieferung.  Ich  halte  Ettmüllers  Änderung 
Germ.  XIV  S.  321  f.)  für  untadelhaft. 

V.  244  behalt  B.  motu  bei  und  erklärt  es  für  acc.  von  matir:  Speisen 
(S.  58,i.  Diese  Form  heißt  aber 

V.  26 '    conjiciert  B.  sehr   ansprechend    rdnu    für  das  anerklärbare  räinn 

der  Hdschr.;    und    übersetzt    es    durch:    Gefährtin,    Freundin,    es    auf   die  Simnära 

bend.   „Loptr  schuf  ihn  ndvn.u    Die   Änderung  ist  sehr  leicht   und 

besser  als  Bugge's:  ryninn.  Daß  263 i Sosgjarne  keri  geschrieben  und  Ssegjarn  für 

Sinmäras  Vater  erklärt  wird,   ist,   so  viel  ich    weiß,  auch  neu,  und,  wie  mir  scheint, 
nicht  zu  verwerfen. 


363  LITTEKATUR:  BERGMANN,  FIÖLSV1NNSMAL-GRÖUGALDR. 

V.   281  setzt  B.   ohne  Bemerkung  hann  nach  aptr  ein,   unnöthiger  Weise. 

V.  30 3:  soemr  heißt  nicht  bereitwillig,  wie  B.  übersetzt,  und  die  Änderung 
Ettmüllers  smmt,  der  es  auf  vdpn  bezieht,  ist  unnöthig.  Es  ist  mit  Bugge  und 
Grundtvig  söm  zu  lesen  (vgl.  Atlam.  v.  75  nach  Bugge),  und  auf  die  Sinmara 
zu  beziehen. 

V.  334.  dsmaga  ist  Bugge  anstößig,  weil  dann  Zwerge  aufgezählt  werden. 
Bergmann  schreibt:  dsmagna  und  macht  es  von  ]>at  abhängig.  Asmagn  sollen 
hier  asische  göttliche  Kunstfertigkeiten  bedeuten,  die  bei  den  dvergischen  und 
alfischen  Künstlern  immer  eine  göttliche  Asenkraft  voraussetzen  (S.  63).  Aber 
kann  mögn  die  Kunstwerke  selbst  bezeichnen?  Man  könnte  an  den  instr.  Dativ 
äsmagni  denken  (=  durch  Asenkraft),  doch  wird  ein  solcher  ohne  die  Präp.  af 
oder  med  kaum  zu  belegen  sein. 

V.  36 3  vermuthet  B.  für  das  handschriftliche  drssdtt,  das  Bugge  durch 
helsött  ersetzt,  härs  sott,  und  versteht  darunter  (S.  65)  den  Weichselzopf.  Das 
würde  aber  im  Liede  doch  kaum  so  modern  prosaisch  als  „Haarkrankheit" 
bezeichnet  werden.  Zudem  muß  hier,  der  Begriffssteigerung  wegen,  an  eine  sehr 
gefährliche  oder  tödtliche  Krankheit  gedacht  sein,  was  auf  den  Weichselzopf 
nicht  passt,  zu  dessen  Entfernung  man  verschiedene  Mittel  angab.  Ist  ärs  sott 
etwa  von  Schwangerschaft  zu  verstehen? 

V.  38"*.  Daß  die  Wiederholung  Blut  und  Blidr  an  dieser  Stelle  richtig  ist, 
halte  ich  für  undenkbar.  Vgl.   Bugge  und  Grundtvig. 

V.  40 1:  zu  sumar  hver  =  sumar  ok  hver  =  alle  und  jede  (S.  68)  dürfte 
sich  im  Isl.  kaum  eine  Parallele  finden. 

V.  493  f.  hat  B.,  glaube  ich,  richtig  gesehen,  daß  die  Verderbniss  in 
dem  überflüßigen  ]>at  vard  zu  suchen  ist.  Gegen  die  Streichung  von  aptr  bei 
Bugge  und  Ettmüller  (a.  a.  0.  S.  322  f.)  muß  schon  die  offenbare  Tendenz  der 
Änderung  Mißtrauen  erregen.  Ich  möchte  lesen:  nü  ]>ü  ert  aptr  kominn,  er  02 
vo2tt  hefik,  mögr,  fil  minna  sala,  im  Anschluß  an  B.,  nur  daß  ich  die  Änderung 
von  voztt  in  valit  für  unnöthig  halte;  vgl.  Hym.  v.  11:  Nu  er  sonr  kominn  til 
sala  pinna,  sd  er  vit  vcettum  af  vegi  löngum. 

II.   Gröugaldr. 

V.  31  conjiciert  B.  leidsordi  für  das  überlieferte  leikbordi.  Abgesehen  da- 
von ,  daß  die  Änderung  unnöthig  ist  (vgl.  Bugge),  so  ist  das  Wort  falsch  ge- 
bildet; es  müsste  wenigstens  leidordi  oder  leidarordi  heißen.  Über  skauztu  oder 
skaut  sii  habe  ich   mich   oben  ausgesprochen. 

V.  33  schreibt  B.  kvödlci.  leo'öä  soll  (S.  162),  wie  ki-edja,  Zuspruch,  Be- 
grüßung bedeuten,  heißt  aber  in  Wirklichkeit  „Befehl,  Forderung".  Ettmüllers 
Besserung:  er  kveyki  [oder  kverkr]  veit  (a.  a.  O.  S.  317)  ist  ganz  verfehlt.  Auch 
wenn  man  seine  Voraussetzungen  aeeeptiert,  ist  undenkbar,  daß  Svipdagr  so 
genau  über  die  Mcnglödsburg  orientiert  ist.  Buggcs  kvaimtki  stellt  wenigstens 
einen   verständlichen    Sinn   her. 

V.  41.  per  einzusetzen  ist  unnöthig.  Es  müssen  gar  nicht  alle  Verse  vier 
Silben  [und  vier   Hebungen]  haben. 

V.  G'z:  Zu  Buggea  Änderung  Hindi  bemerkt  B.,  wie  mir  scheint,  treffend 
(S.  163  f.),  sie  sei  darum  unzuläßlich,  weil  alsdann  die  Zauberformel,  die  doch 
nur  einem  Helden  von  Nutzen  sein  könne,  einer  Frau  vorgetragen  würde.  Die 
von  Bugge  citierte  Stelle  aus  Saxo  (S.  128)  deutet  übrigens  auf  eine  Formel 
von  einer,  der  hier  geforderten  gerade    entgegengesetzten  Wirkung.     Auch  der 


LITTERATUR:  A.  BIRLINGER,  ALEMANNIA.  3ß9 

Meeresgöttin  Ran  kann  der  Spruch  deßhalb  kaum  gewidmet  sein,  selbst  wenn 
wir  Ränu  lesen  wollten.  Ist  vielleicht  Rdna  =  Lirdna  zu  lesen,  als  Dativ  von 
Hränl  =  Odin0. 

V.  64:  Die  Änderung  von  leid  in  leidir  empfiehlt  sich  wegen  der  dadurch 
erreichten  Congruenz  der  zwei  Satzglieder,  wie  denn  auch  sonst  im  Gedichte 
sich   nirgends   die   dirccte   Befehlsform   findet. 

V.  10,J  schreibt  Bergmann:  hlaujpins  lida  liümk  fidr  fyr  legg  of  kvedna, 
und  übersetzt:  daß  Läufers  Gelenk  man  für  dein  Bein  sagen  dürfte.  Aber  hlau- 
pinn  heißt  noch  weniger  der  Läufer  als  leikinn  der  Tänzer,  ganz  abgesehen  von 
der  heillos  gezwungenen  Ausdrucksweisc. 

V.  II3.  logn  ok  lögr  würde  zweimal  dasselbe  sagen.  Ich  schreibe  mit 
Grundtvig  lopt  ok  lü'jr. 

V.  124  liest  B.  ok  haldi  Jjdr  lilc  at  leidum;  und  übersetzt:  und  dein  Leib 
es  aushalte  zu  (weiteren)  Fahrten.  Mir  gefüllt  diese  Emendation  besser,  als  die- 
jenigen Bugges  und  Grundtvigs$  nur  muß  dann  mit  Bugge  haldist  gelesen  werden, 
denn   das   erst  gibt  die  geforderte  Bedeutung. 

V.  143:  schreibt  B.:  d  Mimis  hjarta,  was  heißen  soll:  gegen  Mimirs  Klug- 
heit. Bergmanns  Erklärung  (S.  180  f.)  kann  mir  nicht  die  Möglichkeit  erschließen, 
daß  es  sich  hier  um  einen  geistigen  Kampf  mit  dem  weisen  Mi'mir  handeln 
kann.  .Seltsam  ist  der  Vers  freilich,  wenn  wir  Grog,  als  ein  in  sich  abgeschlossenes 
Gedicht  betrachten. 

Ich  bin  am  Ende.  Mir  scheint  das  Mysterium  von  Fjölsvinnsmal  so  un- 
gelöst wie  vorher.  Indessen  wird  der  persönlich  von  mir  hochgeschätzte  Ver- 
fasser des  vorliegenden  Buches  mir  wenigstens  das  Zeugniss  geben  müssen,  daß 
ich  mich  nicht  in  oberflächlicher  Weise  mit  demselben  beschäftigt  habe.  Sollte 
er  selbst  im  Stande  sein,  meine  Bedenken  gegen  seine  Interpretation  zu  wider- 
legen oder  die  von  anderer  Seite  zu  erwartende  Eddaausgabe  eine  überzeugen- 
dere Aufklärung  bringen,  so  würde  es  mich  von  Herzen  freuen. 

BRESLAU,  Juli  1874.  E.  KÖLBIXG. 


Alemannia.  Zeitschrift  für  Sprache,  Litteratur  und  Volkskunde  des  Elsasses 
und  Ober-Rheins,  herausgegeben  von  Dr.  Anton  Birlingcr,  a.  o.  Prof. 
an  der  Univ.  in  Bonn.  Erster  Band,  Bonn  bei  Adolph  Marcus  1873.  — 
336  S. —  Zweiter  Jahrgang,  erstes  Heft.  Bonn,  bei  A.  Marcus  1874.  — 
100  S. 

Neben  den  eigentlich  germanistischen  Fachzeitschriften,  die  das  gelehrte 
Material  deutscher  Sprache,  Litteratur  und  Alterthümcr  wissenschaftlieh  zu  be- 
arbeiten bemüht  sind,  und  die  dabei  gelegentlich  auch  auf  die  lebendige  Volks- 
überlieferung Bücksicht  nehmen,   ohne  dieß  jedoch  —  ihrer  ganzen  Anlagenach 

—  anders  als  ausnahmsweise  thun  zu  können,  hat  es  seit  längerer  Zeil  kleinere 

chriftett' und  Vereinsblätter  gegeben,  die  auf  einem  beschränkteren   <> 

—  zunächst  meistens  von  historischen    Int  nend  —   die  Kunde  der 

oheil   zu  erschließen,   und  dabei  gern  auch  auf  Sitten   und   Ausdrücke 
des  Volks!  bens   Bücl    ichl     u   n  bmen   pflegen.    Ohne  daß  wir  darum  derai 
Beiträge  ganz  entbehren  möchten,  wird  im  Allgemeinen  doch  wohl  der!  [rgb.  derAlem. 
mit  den  Worten  (S.  V  :    ,nacb  den  heul  I      ihrungen  sind  die  historischen 

Vereine  und  Zeitschriften  nichl   mehr  im  Staude,  auch   sprachlich  den  gl 
GEBMANIA.  Nene  Reihe  VII.  (XIX.  J         |  24 


370      LITTERATUR:  L.  DIEFENBACH,  HOCHD.  U.   NIEDERD.  WÖRTERBUCH. 

wattigen  wissenschaftlichen  Anforderungen  Rechnung  zu  tragen"  kein  zu  hartes 
Urthcil  gefüllt  haben.  Seinerseits  sucht  der  Hrgb.  nun  zunächst  immer  von  der 
sprachlichen  Seite  aus  das  litterarische  und  eulturhistorische  Interesse  zu  ver- 
mitteln, was  sicher  im  Ganzen  der  richtige  Weg  ist,  wenngleich  mehrfach  auch 
die  sprachliche  Erklärung  ihre  Unsicherheit  behält,  vgl.  hier  namentlich  die 
interessante  Untersuchung  über  den  Namen  Hohenzollern  (I,  278  ff.).  Sehen 
wir  von  diesem,  ja  ganz  unvermeidlichen,  Bedenken  ab,  so  muß  die  Wahl  des 
Hrgb.,  gerade  das  in  jeder  Beziehung  so  interessante  Gebiet  der  alten  Alemannen 
in  einer  regelmäßig  erscheinenden  Zeitschrift  mehr  und  mehr  durchforschen  zu 
wollen,  ansprechend  erscheinen,  um  so  mehr  als  ja  hier  wie  überall  eine  wirk- 
lich warme,  lebendig  eingehende  Behandlung  eines  Stoffes  —  ganz  abgesehen 
von  dem  eigenen  Werth  desselben  —  schon  einen  gewissen  Reiz  ausübt,  und 
mit  der  Zeit  leicht  auch  da  regeres  Interesse  wirkt,  wo  dasselbe  anfangs  nur 
in  schwächerem  Maße  vorhanden  sein  mochte.  Wir  hoffen  demnach,  daß  Bir- 
lingers  schätzbares  Unternehmen  bei  den  Germanisten  überhaupt,  nicht  bloß  in 
den  eigentlichen  Bezirken  Alemanniens  und  Schwabens  die  verdiente  Beachtung 
finden  wird*).  E.  WILKEN. 


Hoch-  und  niederdeutsches  Wörterbuch  der  mittleren  und  neueren  Zeit  zur 
Ergänzung  der  vorhandenen  Wörterbücher,  insbesondere  des  der  Brüder 
Grimm.  In  2  Bänden.  Von  Lorenz  Diefenbach  und  Ernst  Wülcker. 
1.  und  2.  Liefg.  Frankfurt  a.  M.  1874.  Chr.  Winter.  4.  288  Sp. 
L.  Diefenbach,  dem  wir  schon  das  so  reichhaltige  Novum  Glossarium 
latino-germanicum ,  eine  unerschöpfliche  Fundgrube  für  das  mhd.  Wörterbuch, 
verdanken,  beabsichtigt  in  vorliegendem  Werke  in  Verbindung  mit  E.  Wülcker, 
den  seine  archivalische  Stellung  in  Frankfurt  zum  Mitarbeiter  besonders  ge- 
eignet machte,  eine  Ergänzung  zu  den  vorhandenen  Wörterbüchern,  namentlich 
aus  den  Sprachschätzen  des  14. — 16.  Jahrhs.  zu  geben.  Nicht  die  eigentlichen 
Litteraturdenkmäler  bilden  die  Quelle,  aus  welcher  geschöpft  ist,  sondern  haupt- 
sächlich Vocabularieu  und  Archivalien.  Es  sind  dabei  die  im  Grimm'schen 
Wörterbuche  noch  nicht  belegten  Worte  mit  einem  Stern  bezeichnet,  so  daß 
man  auch  bei  rascher  Durchsicht  sich  von  dem  Reichthum  an  neuem  Material 
leicht  überzeugen  kann.  Unter  den  neuen  Worten  sind  viele  niederdeutsche,  so 
daß  das  mnd.  Wörterbuch  mit  Nutzen  von  diesem  Werke  wird  Gebrauch  machen 
können.  Auch  vieles  mundartliche  älterer  und  neuerer  Zeit  hat  Aufnahme  ge- 
funden. Einen  eklektischen  Charakter  muß  ein  solches  Werk  nothwendig  tragen 
und  trägt  ihn  hier  mit  bewusster  Absicht.  Im  Ganzen  wird  man  den  Grund- 
sätzen, welche  für  die  Auswahl  des  Materials  maßgebend  waren,  nur  beistimmen 
können.  Ein  bei  der  Benutzung  sich  herausstellender  Mangel  scheint  mir  das 
Aufgeben  der  streng  alphabetischen  Ordnung,  indem  die  nächsten  Ableitungen 
eines  Wortes  ohne  Rücksicht  auf  die  alphabetische  Reihe  der  folgenden  Worte 
dem    Stammwort    angeschlossen    sind.     Da    ein   Wörterbuch    doch   zunächst   zum 


*)  Wir  erlauben  uns  hier  schließlich  noch  auf  ein  anderes  Unternehmen  des 
selben  Hrgb.,  die  altdeutschen  Neujahrsblätter  für  1874,  mittel-  und  nieder 
deutsche  Dialectproben ,  hrgb.  von  A.  Birlinger  und  W.  Crecelius,  Wiesbaden 
Killinger,  hinzuweisen,  für  das  gleichfalls  eine  periodische  Fortführung  in  Aussicht  ge- 
nommen ist. 


LITTEEAT1  B:  SCHREYER,  ÜBER  HARTMAN»  VON  AUE.  371 

raschen  Nachschlagen  dienen  soll,  zumal  eines,  das  aus  meist  ganz  kurzen 
Artikeln  besteht,  die  selten  zu  einem  längeren  Nachlesen  veranlassen,  so  hätten 
wir  gewünscht,  daß  das  Alphabet  genau  maßgebend  gewesen  wäre.  Ein  zweites 
Bedürfniss  ist  die  Herstellung  eines  vollständigen  Quellenverzeichnisses.  Die 
Quellenverweisungen  bilden  ein  etwas  compliciertes  System,  in  das  man  sich  je- 
doch bei  einiger  Übung  bald  hereinfindet.  Was  zuerst  beim  Citieren  am  meisten 
auffällt  sind  die  einfachen,  theils  cursiv,  theils  in  antiqua  gedruckten  Zahlen, 
welche  die  benutzten  Quellen  bedeuten.  Das  Vorwort  verweist  allerdings  auf 
die  frühereu  Glossarien  von  Diefenbach,  in  denen  diese  Zahlen  ihre  Erklärung 
linden,  aber  zweckdienlich  wäre  es  doch  gewesen,  dem  neuen  Wörterbuche  eine 
Übersicht  auch  der  früheren  Quellcnbezeichnungen  beizufügen.  Wir  möchten 
an  die  Herausgeber  die  Bitte  richten,  wenn  nicht  früher,  so  doch  am  Schluße 
des  Ganzen  ein  vollständiges  Quellenverzeichniss  zu  geben.  Kein  Germanist  wird 
dieß  Wörterbuch  entbehren  können,  auch  Archivaren  und  Historikern  wird  es 
ein  unentbehrliches  Hilfsmittel  werden.  Vom  Buchstaben  D  an  wird  Wülcker 
allein,  unter  Benutzung  von  Diefenbachs  Vorarbeiten,  die  Redaction  übernehmen. 
HEIDELBERG,  August  1874.  K.  BARTSCH. 


Schreyer,  Dr.  H.,  Untersuchungen  über  das  Leben  und  die  Dichtungen  Hart- 
mann's  von  Aue.  Abdruck  aus  dem  Programm  der  Landesschule  Pforta 
vom   21.  Mai   1874.  Naumburg   1874.   4.   56  S. 

Die  Untersuchungen  über  Hartmanns  Leben  haben  bis  jetzt  zu  wenig 
ausgiebigen  Resultaten  geführt.  Nicht  einmal  die  Heimat  des  Dichters  lässt  sich 
bei  dem  begreiflicherweise  häufigen  Vorkommen  des  Namens  Ouwe  feststellen. 
Mit  Recht  wendet  sich  der  Verf.  gegen  die  Aufstellungen  des  Freiherrn  von 
Ow,  der  den  Dichter  zu  einem  Gliede  des  Geschlechtes  macht ,  dem  er  selbst 
angehört,  während  er  doch,  auch  wenn  seine  Heimat  im  obern  Neckarthaie  (bei 
Rottenburg)  zu  suchen  ist,  nur  ein  Ministeriale  des  dort  wohnenden  Geschlechtes 
war.  Auch  in  der  Argumentation  gegen  die  übrigen  Ansichten  des  genannten 
Verf.  müssen  wir  Seh.  beipflichten.  Nach  diesen  negativen  Resultaten,  die  zeigen 
wie  wenig  wir  über  den  Dichter  wissen,  gelangt  Seh.  zur  Betrachtung  des  ersten 
Büchleins,  das  er  mit  Recht  als  ein  Jugendwerk  Hartmanns  bezeichnet.  Der 
Dichter  war  noch  Knappe,  seine  Dame  wahrscheinlich  aus  der  Familie  seines 
Herrn.  Seh.  hält  für  das  glaublichste,  daß  es  nach  dem  Erec  entstanden  ist, 
indem  er  die  Stelle  von  dem  aus  Karlingen  gebrauchten  Zaubermittel  mit  Bech 
auf  die  französische  ritterliche  l'oesie  bezieht,  die  er  im  Erec  nach  Deutschland 
verpflanzte;  ein  Aufenthalt  in  Frankreich  ist  also  aus  jenen  Worten  nicht  zu 
folgern.  Unter  den  Liedern  kommen  natürlich  vor  allen  die  Kreuzlieder  in  Be- 
tracht; hier  wird  die  Präge,  an  welchem  Kreuzzuge  Hartmann  theilgenommen, 
aufs  neue  erörtert.  Seh.  gelangt  zu  dem  Resultate,  daß  nur  an  den  von  1197 
cht  werden  kann.  Dai  entscheidende  Gewicht  ruht  auf  MF.  218,  15,  der 
Beziehung  auf  Saladina  Tod;  denn  dieses  Lied  Hartmann  abzusprechen,  wie 
B<  ch  thut,  sind  wir  nicht  berechtigt.  Hat  Hartmann  nun  den  Erec  vor  oder 
nach  der  Kreuzfahrt  verfasst?  Bech  macht  für  <  1  i «•  Abfassung  nach  der  Kreuz- 
fahrt die  mehrfachen  im  Erec  vorkommenden  Beziehungen  anf  das  Meer  geltend. 
Gewiß  sind  solche  Stellen   kein   B  daß  Hartmann  die  See  gesehen  hatte 

als  er  dieß  Bchrieb    (S.  17),    Aber   auffallend    sind    doch   immerhin  diese  sonst 

2  I  ' 


372  LITTERATUR:  SCHREYER,  ÜBER  IIARTMANN  VON  AUE. 

bei  andern  Dichtern  seltenen  Beziehungen.  Ich  kann  daher  auch  den  Vergleich 
mit  Schillers  Teil  nicht  für  zutreffend  erachten.  Wäre  also,  wenn  der  Kreuzzag 
der  von  1197  war  und  der  Erec,  nachdem  Hartmann  das  Meer  gesehen,  gedichtet 
worden,  der  Erec  nach  1197  entstanden?  Dem  scheint  zu  widersprechen,  daß 
sich  der  Dichter  im  Erec  zweimal  einen  tumben  kneht  nennt.  Indeß  wenn  man 
erwägt,  daß  der  Begriff  kneht,  der  hier  mit  knappe  identisch  ist,  einen  24jährigen 
bezeichnen  kann,  ja  bis  gegen  30  sich  hin  erstreckt  (s.  Germanist.  Studien  I,  6), 
so  wäre  an  sich  gar  nicht  undenkbar,  die  Abfassung  des  Erec  nach  1197  zu 
setzen.  Freilich  würden  dann  die  erzählenden  Gedichte  Hartmanns  sehr  dicht 
an  einander  rücken,  und  seine  Entwicklung  sich  in  wenigen  Jahren  vollzogen 
haben,  und  das  ist,  wir  gestehen  es,  ein  nicht  unerhebliches  Hinderniss.  Be- 
seitigt werden  freilich  alle  Schwierigkeiten,  wenn  man  mit  Paul  (Beiträge  I,  536) 
liest  und  lebt  min  herre,  Sedativ,  und  al  sin  her  dien  braehten  mich  uz  Vranken 
nierner  einen  fuoz;  allein  ich  kann  mich  von  der  Richtigkeit  dieser  Lesart  nicht 
überzeugen,  die  Anknüpfung  des  Nachsatzes  ist  nach  mhd.  Ausdrucksweise  auf- 
fallend und  allzu  gezwungen,  das  Verhältniss  des  ganz  kurzen  Vordersatzes  zu 
dem  langen  Nachsätze  unschön,  und  Hartmann  würde  das  auf  der  Hand  liegende 
Missverständniss,  das  sich  aus  der  Verbindung  von  nun  herre  mit  Salathi  ergab, 
sicher  vermieden  haben.  —  Die  Kreuzlieder  setzt  der  Verf.  ins  Jahr  1196, 
und  darin  wird  man  ihm  ebenfalls  beistimmen  dürfen.  In  Bezug  auf  die  Liebes- 
lieder hält  Seh.  gegenüber  Wilmanns  und  Heinzel  an  der  Ansicht  von  Bech 
fest,  daß  einen  zweifachen  Minnedienst,  den  einen  vor,  den  andern  nach  dem 
Kreuzzuge,  anzunehmen,  wenigstens  nichts  berechtigt;  die  Möglichkeit  kann 
natürlich  nicht  ausgeschlossen  werden  und  wird  wohl  auch  von  unserm  Verf. 
nicht  durchaus  bestritten.  Ein  Theil  der  Lieder  ist  entschieden  erst  in  die  Zeit 
nach  der  Rückkehr  in  die  Heimat  zu  setzen;  es  sind  diejenigen,  in  denen  sich 
eine  glückliche  Wendung  seines  Minnedienstes  verräth.  In  Bezug  auf  das  zweite 
Büchlein  entscheidet  sich  Seh.  gegen  dessen  Echtheit,  und  in  der  That  ist  zu  vieles 
darin,  was  zu  Hartmanns  Charakter,  Ausdruck  etc.  nicht  stimmt;  die  Benutzung 
des  Liedes  MF.  214,  12  ff.  in  B.  2,  121  ff.  ist  ein  weiterer  Verdachtsgrund, 
nur  sollte  man  nicht  Gewicht  legen  auf  die  Worte  für  war  ouch  ich  daz  schribe, 
dieß  nicht  durch  "auch  ich'  wiedergeben  und  keine  Folgerungen  für  den  Nach- 
ahmer daraus  ziehen;  denn  ouch  steht  bekanntlich  gern  vor  dem  pron.  possess., 
auch  wenn  es  nicht  zu  diesem,  sondern  zum  ganzen  Satze  gehört.  Die  schon 
von  Bechstein  ausgesprochene  Vermuthung,  es  liege  hier  eine  Jugendarbeit 
Gottfrieds  von  Straßburg  vor,  hat  in  der  That  vieles  für  sich.  Hartmanns  letztes 
Werk,  den  Iwein,  setzt  Seh.  nicht  um  1203,  sondern  um  1207,  da  es  nicht 
wahrscheinlich  sei ,  daß  Hartmann ,  der  damals  im  kräftigsten  Mannesalter  ge- 
standen, nach  1203  nicht  mehr  gedichtet  haben  sollte,  und  da  sehr  wohl  denk- 
bar daß  der  Iwein  ebenso  wie  der  Parzival  abschnittsweise  veröffentlicht  wurde. 
Was  endlich  die  Heimat  des  Dichters  betrifft,  so  ist  Seh.  geneigt  sie  nach 
Franken  zu  setzen ;  ich  gestehe  daß  mich  seine  Gründe  nicht  geneigter  dafür 
gemacht  haben,  und  er  .selbst  bezeichnet  die  Frage  noch  als  eine  offene.  Die 
bei  Hartmann  allein  übliche  Pronominalform  sl  ist  ein  Zeichen  schwäbischer 
nicht  fränkischer  Mundart.  Die  größere  Wahrscheinlichkeit  spricht  für  Schwaben, 
woher  auch  Heinrich  von  dem  Türlin  ihn  stammen  lässt,  und  dann  allerdings 
am  meisten  für  den  Sitz  des  Geschlechtes  bei  Rottenburg  am  Neckar. 

HEIDELBERG,  August  1874.  K.  BARTSCH. 


MISI  ELLEN.  ;J7;; 


Fedor  Mamroth:  Geoffrey  C  haue  er,  seine  Zeit  und  seine  Abhängigkeit 
von  Boccaccio.  Promotions-Schrift.  Berlin,  Mayer  und  Müller.  1872.  60  S. 
8.   15  Sgr. 

Wenn  ich  anführe,  daß  der  Verfasser  dieser  Schrift  von  den  trefflichen 
Arbeiten  Kistncr's  [Ch.  in  seinen  Beziehungen  zur  ital.  Lit.  Marburg  18G7)  und 
ten  Biinkss  (Chaucer.  Studien  etc.  Münster  1870)  keine  Ahnung  hat,  Hertz- 
bergs Einleitung  zu  seiner  Übersetzung  Chaucers  so  flüchtig  gelesen  hat,  daß 
er  (S.  28)  als  sein  Geburtsjahr  noch  1328  nennt,  und  daß  der  Mangel  auch 
nur  eines  Anlaufs  zu  selbständiger  Untersuchung  durch  bombastische  Redens- 
aiten, die  nicht  zur  Sache  gehören,  und  eine  Fülle  überflüßiger  Citate  verdeckt 
werden  soll,  so  ist  damit  alles  Nöthige  über  diese  Leistung  gesagt.  Meine  Ab- 
sieht war  nur,  jeden,  den  seine  Chaucer-Studien,  so  wie  mich,  auf  dieß  Gebiet 
führten,  vor  Leetüre  oder  Anschaffung  des  Büchleins  zu  bewahren  und  zugleich 
zu  zeigen,  mit  was  für  dilettantischen  Sudeleien  man  noch  an  einer  deutschen 
Universität  (welcher?)  den  Doctortitel  sich  erwerben  kann.  Vor  der  S.  59  ver- 
sprochenen, größeren  Quellenuntersuchung  über  englische  Volkssagen  werden 
wir  hoffentlich   bewahrt  bleiben. 

BRESLAU.  E.  KÜLBING. 


MISCELLKN. 


Übersicht  der  germanistischen  Thätigkeit  M.  Haupts*). 
I.  Selbständig  erschienene  Arbeiten. 

1834.  Exempla  poesis  latinae  medii  aevi  edita  a  Mauricio  Haupt  Lusato. 
Vindobonae  typis   C.   Geroldi.   32  S.  8. 

1835.  Six  anciennes  chansons  franc,aiscs  recueillies  par  M.  Haupt.  AM.  le 
baron  de   Meusebach.   'i.  Juin   1835. 

1835 — 40.  Altdeutsche  Blätter  von  Moriz  Haupt  und  Heinrich  Hoffmann. 
2  Bde.   Leipzig,  Brockhaus.  VI,  423,  IV,  402  S.   8. 

1839.  Erec  eine  Erzählung  von  Eartmann  von  Aue  herausgeg.  von  M.  H. 
Leipzig,  Weidmann'sche  Buchhandlung.  XVI,  308  S.  8. 

1840.  Der  gute  Gerhard  eine  Erzählung  von  Rudolf  von  Ems  herausgeg. 
von  M.  II.  Ebenda.    XII,   222  S.  8. 

1841  —  7.;.  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  herausgeg.  von  M.  II. 
Ebenda.    1»;  Bde.  8. 

1842.  Die  Lieder  und  Büchlein  und  der  arme  Heinrich  von  Hartmann 
von  Aue  herausgeg.   von   M.  II.   Ebenda.   XX,    ITl'  S.  8. 

1 8  I  1 .  Engeibard  eine  Erzählung  von  Konrad  von  Würzburg  mit  An- 
merkungen von  M.  11.   Ebenda.   XIV,   283  S.   8. 


I      Ausnahme   ■  indig  erschienenen  Schrift  inz  zusammen- 

th  von  einem  meiner  Seminaristen,  Btud.   I  Berlin,   Dil   Mittheilung  dei 

Leipziger  Vorlesungen  vordanke  i<:l<  Dr.  K.  Scbröd 


374  MISCELLEN. 

1845.  Der  Winsbeke  und  die  Winsbekin  mit  Anmerkungen  von  M.  H. 
Ebenda.  XIV,  81  S.   8. 

1851.  Die  Lieder  Gottfrieds  von  Neifen  heraasgeg.  von  M.  H.  Ebenda. 
VI,  66  S.   8. 

1855.  C.  Taciti  Germania  in  usuin  scholarum  recognita  a  M.  Hauptio. 
Berlin,  Weidmann.   8. 

1857.  Des  Minnesangs  Frühling  herausgeg.  von  Karl  Lachmann  und  M.  H. 
Leipzig,  Hirzel.  VIII,  340  S.   8. 

1858.  Neidhart  von  Reuenthal  herausgeg.  von  M.  H.  Ebenda.  LVI, 
264  S.   8. 

1871.  Moriz  von  Craon.  In:  Festgaben  für  Gustav  Homeyer  zum  XXVIII. 
Juli  1871.   4.   S.   27—89. 

1871.  Von  dem  üblen  Weibe  eine  altdeutsche  Erzählung  mit  Anmerkungen 
von  M.  H.  Leipzig,  Hirzel.    78  S.   8. 

1871.  Erec  eine  Erzählung  von  Hartmann  von  Aue  zweite  Ausgabe  von 
M.  H.  Ebenda.  447  S.   8. 

II.  Abhandlungen. 

1.  Altdeutsche  Blätter  von  M.  Haupt  und  H.  Hoffmann.  Bd.  I. 
1836.  Zu  Jacob  Grimms  Beinhart  Fuchs.  S.  1  — 10.  —  Ein  Beispiel  S.  14  bis 
15.  —  Der  Alte  und  der  Junge.  S.  29 — 34.  —  Zur  deutschen  Heldensage. 
S.  49.  —  Was  schaden  tantzen  bringt.  S.  52 — 63.  - —  Salve  regina.  S.  78  bis 
88.  —  Spiegel  der  tugende.  S.  88  — 105.  —  Von  Berhten  mit  der  langen  Nase. 
S.  105  —  107.  —Beispiele.  S.  108—110.  —  Märehen  und  Sagen.  S.  113  bis 
163.  —  PfafFenleben ,  Bruchstück  aus  dem  zwölften  Jahrhundert.  S.  217  bis 
238.  —  Alexander  und  Antiloie.  S.  250 — 266.  —  Crescentia.  S.  300—308.  — 
Lateinische  Lieder.  S.  390 — 395.  —  Weingrüße  und  Weinsegen.  S.  401  bis 
416.  —  Bd.  IL  1840.  Der  Mantel.  S.  217  —  241.  —  Die  vröne  boteschaft.  (Diz 
ist  diu  vröne  botschaft  ze  der  Christenheit.)  S.  241—264.  —  Aus  Wolframs 
Willehalm.  S.  287  —  293.  —  Predigtbruchstück.   S.  376  —  382. 

2.  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum.  Her.  von  M.  Haupt. 
Bd.  I.  1841.  Vorwort  p.  I — VIII.  —  Die  Zeichen  des  jüngsten  Tages.  S.  117 
bis  126.  —  Die  Marter  der  heil.  Margareta  S.  151 — 193.  —  Das  Schwert  Kon- 
rads von  Wintersteten.  S.  194—198.  —  Zum  guten  Gerhard.  S.  199  —  201. — 
Ein  Märchen  aus  der  Oberlausitz.  S.  202 — 205.  —  Die  Warnung.  S.  438  bis 
537.  —  Bd.  II.  1842.  Zum  Iwein.  S.  187  —  188.  —  Bonus  (das  deutsche  Ge- 
dicht, vgl.  Bd.  III,  S.  299)  S.  208—215.  —  Ein  Märchen  aus  der  Oberlausitz. 
S.  358  —  360.  —  Wate,  zur  Gudrun  (dazu  Berichtigung  S.  572).  S.  380  bis 
384.  —  Ein  Märchen  aus  der  Oberlausitz.  S.  481—486.  —  Bd.  III.  1843. 
Zum  Eraclius.  S.  158—182.  —  Zur  Gudrun.  S.  186  —  187.  —  Ich  weiß.  S.  187 
bis  188.  —  Kurzibold.  S.  188.  —  Chauci.  S.  189  —  190.  —  Experimentum  in 
dubiis.  S.  190.  —  Alte  Buchhändleranzeige.  S.  191 — 192.  —  Bruchstücke  einer 
Psalmenübersetzung.  S.  236 — 239.  —  Der  .starke  Uoppe.  S.  239.  —  Zu  Hart- 
mann von  Aue.  Berichtigungen  und  Nachträge.  S.  266 — 278.  —  Kleine  Be- 
merkungen. S.  278 — 279.  —  Die  Vorrede  Albrechts  von  Halberstadt.  S.  289 
bis  292.  —  Bonus  (das  lateinische  Gedicht,  vgl.  Bd.  II,  S.  208).  S.  299—304.  — 
Zu  Konrad  von  Fussesbrunnen.  S.  304 — 308.  —  Strophenanfänge  der  Leipziger 
Handschrift  (Stadtbibliothek.   Rep.  II,  70a,  14.  Jh.  perg.   kleinfolio.)   S.   356   bis 


MISCELLEN.  375 

358.  —  Kleine  Bemerkungen.  S.  383 — 384.  —  Die  Bekehrung  des  beil.  Paulus, 
Bruchstück  aus  dein  12.  Jh.  S.  518  —  523.  —  Der  heilige  Alexius  von  Konrad 
von  Würzburg.  S.  534—576.  —  Bd.  IV.  1844.  Ilelmbreeht.  S.  318—385.— 
Zu  Hartmann  von  Aue.  S.  395  — 39G.  —  Zu  Wolframs  Titurel.  S.  396  bis 
397.  —  Zu  Freidank.  S.  398.  —  Zu  Konrads  Alexius.  S.  400.  —  Lobgesang 
auf  Maria  und  Christus  von  Gottfried  von  Straßburg.  S.  513 — 555.  —  Zum 
Engelhart.  S.  555 — 557.  —  Altdeutsche  Zunamen.  S.  578 — 579.  —  Kleine 
Bemerkungen.  S.  579—580.  —  Bd.  V.  1845.  Zum  Beovulf.  S.  10.  —  Servatius. 
S.  75  —  192.  —  Kaiser  Friedrich  aus  Enenkels  Weltchronik.  S.  268—293.  — 
Zur  Gudrun.  S.  504 — 507.  —  Bd.  VI.  1848.  Pantalcon  von  Konrad  von 
Würzburg.  S.  193 — 253.  —  Aus  Dieterichs  Drachenkämpfen.  S.  308  —  310.  — 
Heinzelein  von  Constanz.  S.  318—319.  —  Wichtel.  S.  320.  —  Von  dem 
Antichriste.  S.  369  —  386.  —  Hausehre.  S.  387—392.  —  Mittelhochdeutsche 
Liederdichter.  S.  398—399.  —  Altvil.  S.  400.  —  Des  Tanhausers  Hofzucht. 
S.  489  —  496.  —  Von  der  alten  Mutter.  S.  497 — 503.  —  Pyramus  ifcid 
Thisbe.  S.  504 — 517.  —  Goldemar  von  Albrecht  von  Kemenaten.  S.  520 
bis  529.  —  Bd.  VII.  1849.  Urkundliches  zu  mittelhochdeutschen  Dichtern. 
S.  168 — 169.  — Lesarten  zum  Parzival.  S.  169  —  174.  —  Zu  des  Tanhausers 
Hofzucht.  S.  174—177.  —  Herzog  Ernst.  S.  193 — 303. —  Eine  Teufelssage 
aus  dem  11.  Jh.  S.  522—523.  —  Bruchstücke  von  Otfrids  Evangelien.  S.  563 
bis  568.  —  Bd.  VIII.  1851.  Ein  Märchen  aus  dem  X.  Jahrhundert.  S.  21  bis 
22.  —  Zu  den  Nibelungen.  S.  349 — 350.  —  Das  Bänkclsängerlied  vom  Herzog 
Ernst.  S.  47  7  —  507.  —  Der  Jüngling,  von  Meister  Konrad  von  Haslau.  S.  550 
bis  587.  —  Bd.  IX.  1853.  Thegathon  S.  192.  —  Zum  Unibos.  S.  398  bis 
399.  —  Bd.  X.  1856.  Abfertigung,  von  dem  von  Beringen.  S.  270 — 272.  — 
IM.  XI.  1859.  Zu  Wolframs  Parzival.  S.  42—59.  (Vermehrter  Abdruck  aus 
den  Berichten  der  k.  sächsischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften.  Bd.  II.  1849. 
S.  186  ff.  Bd.  V.  1853.  S.  1  ff.).  —  Hermanni  contracti  conflictus  ovis  et  lini. 
S.  215—238.  —  Zu  des  Minnesangs  Frühling.  S.  563—593.  —  Bd.  XII.  1865. 
Des  Igels  Wettlauf.  S.  527—529.  —  Bd.  XIII.  (Neue  Folge  Bd.  I.)  1867.  Zu 
Neidhardt  von  Reuenthal.  H.  175 — 182.  —  Zu  Heinrich  von  Türlein.  S.  321 
123.  —  Zu  des  Minnesangs  Frühling.  S.  324—329.  —  Glossae  Lipsianae. 
S.  335—348.  —  Zu  Wolfram.  S.  384.  —  Oswalt.  S.  466—491.  —  Bd.  XV. 
Neue  Folge.  Bd.  III)  1872.  Weiberzauber  von  Walther  von  Griven.  S.  245 
Ins  246.  —  Ährenlese  (1  —  50).  S.  246—266.  —  Ährenlese  (51—60).  S.  467 
bis  469. 

3.  Berichte  über  die  Verhandlungen  der  k.  sächsischen  G  e- 
sells ch aft  der  Wissenschaften  zu  Leipzig.  Phil,  b  i  st.  Classe  Bd.  I. 
1848.  I  ber  Blätter  einer  Handschrift  von  Otfrids  Evangelienbuche.  S.  54  bis 
60.  —  Über  einen  altfranzösischen  und  einen  lateinischen  Leich  aus  einer  Er- 
furter Handschrift.  —  Über  die  böhmische  Übersetzung  eines  <\<-r  Lieder  K 
Wenzels  von  Böhmen.  —  Bd.  II.  1849.  Festrede  in  der  öffentlichen  Sitzung  am 
18.   .Mai   1S48.  —  Bd.  V.  L853.   Über  einige  Stellen  im  Parzival.  S.  1—13. 

1.  Mon.it    berichte  der  Berliner  Akademie*),  Jahrgang  1851. 
Mittheilung  altdeutscher  Glossen.  S.  220.  —  1854.  Über  das  registram  multorum 


*)  Die  mit  einem  Kreuz  bezeichneten  Abhandlungen  sind  in  den  Monatsberichten 
nicht  aufgeführt. 


376  MISCELLEN. 

auctorum  des  Hugo  von  Trimberg.  S.  142 — 164.  —  Antrittsrede  am  6.  Juli. 
S.  347 — 349.  —  Über  den  althochdeutschen  Leich  vom  heil.  Georg.  S.  501  bis 
512.  —  1856.  Über  ein  althochdeutsches  Gedicht  (Schilderung  des  Himmels 
und  der  Hölle).  S.  568  —  580.  —  1860.  Über  Apollonius  von  Tyrus.f  —  1862. 
Eede  zur  Gedächtnissfeier  König  Friedrichs  dos  Zweiten.  S.  40- — 52.  —  1864. 
Gedächtnissrede  auf  Jacob  Grimm. f  —  1865.  Über  eine  Sammlung  handschrift- 
licher Briefe  aus  dem  16.  und  17.  Jahrhundert,  f — Über  das  handschriftliche 
Tagebuch  des  Nürnberger  Mathematikers  und  Astronomen  Johannes  Werner 
aus  den  Jahren  1506 — 1521. f  — •  1866.  Über  verwandte  syntaktische  Er- 
scheinungen  im  Griechischen,  Lateinischen  und  Altdeutschen,  f 

III.  Recensionen  und  Bemerkungen. 

1.  Blätter  für  litterarische  Unterhaltung.  1831*):  Herzog  Ernsts 
von  Baiern  Erhöhung,  Verbannung,  Pilgerschaft  und  Wiederkehr;  eine  ritter- 
liche Mähre  von  Heinrich  von  Veldcck,  einem  Dichter  des  12.  Jhs.  Im  ver- 
kürzten Auszuge  und  mit  erklärenden  kurzen  Anmerkungen  von  Th.  A.  Rixner. 
Amberg  1830.  8.  Nr.  14.  S.  60.  —  Reimchronik  des  Appeuzellerkrieges  von 
einem  Augenzeugen  verfasst  und  bis  1405  fortgesetzt.  Herausgeg.  von  J.  v. 
Arx.  St.  Gallen  1830.  Nr.  20,  S.  87  f.  —  Die  Heimonskinder.  Ein  Gedicht 
aus  dem  Sagenkreise  Karls  des  Großen  in  4  Sängen  von  L.  Bechstein.  Leipzig 
1830.  Nr.  48,  S.  209  f.  —  Die  Verslehre  der  Isländer  von  E.  Chr.  Rask.  Ver- 
deutscht von  G.  Chr.  F.  Mohnike.  Berlin  1830.  Nr.  202,  S.  884.  —  Krist  von 
Otfrid  herausgeg.  von  E.  G.  Graff.  Königsberg  1831.  Nr.  223  f.,  S.  969  f. 
973  f.  —  Slawische  Volkslieder,  übersetzt  von  J.  Wenzig.  Halle  1830.  Nr.  244, 
S.  1063  f.  —  Bibliothek  deutscher  Dichter  des  17.  Jhs.  von  W.  Müller.  11.  12. 
Bdchen.  Leipzig  1828  —  31.  Nr.  273,  S.  1185  —  87.  —  Volkslieder  der  Schweden. 
Aus  der  Sammlung  von  Geijer  und  Afzelius.  Von  G.  Mohnike.  1.  Bd.  Berlin  1830. 
Nr.  282,  S.  1224. 

2.  Anzeiger  für  Kunde  des  deutschen  Mittelalters.  Her.  v. 
Aufseß  und  Mone.  Bd.  II.  1833.  Graf  Rudolph.  Spalte  15.—  Nibelungen- 
noth.  Meinerts  Lieder  des  Kuhländchens.  Glossen.  Sp.  16.  —  Volksbücher 
(Finkenritter).    Sp.  130.  —  Volksbücher  (Fortunatus).   Sp.  244. 

3.  Leipziger  Litteratur-Zeitung  1833.  Walther  von  der  Vogel- 
weide übersetzt  von  K.  Simrock  und  erläutert  von  K.  Simrock  und  W.  Wacker- 
nagel. 2  Theile.  Berlin  1833.  Nr.  108  f.,  Sp.  857—867.  —  H.  Hoffmann,  Ge- 
schichte des  deutschen  Kirchenliedes  bis  auf  Luthers  Zeit.  Breslau  1832.  Nr. 
185,  Sp.  1473  —  80.  —  Wiggert,  Scheiflein  zur  Förderung  älterer  deutscher 
Mundarten.  Magdeburg  1832.  Nr.  187,  Sp.  1496.  —  Der  Renner  von  Hugo  von 
Trimberg.  Herausgeg.  vom  histor.  Verein  in  Bamberg.  Bamberg  1833.  Nr.  290? 
Sp.  2313  —  20. 

4.  Wiener  Jahrbücher  der  Litteratur.  1834.  Fragmenta  theotisca 
ed.  St.  Endlicher  et  H.  Hoffmann.  67.  Bd.,  S.  178—198,  mit  Nachtrag  S.  239  f. 
(Auch   selbständig   erschienen.) 

5.  Hallißche  Jahrbücher  für  deutsche  Wissenschaft  und 
Kunst.    Her.  v.  Rüge    und    Echtermey.er.    Jahrgang  II,  Bd.   1.    1839. 


*)  Sämmtlichc  Haupt  anp;ch(>rige  Recensionen  sind  mit  133  unterzeichnet:  vgl. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  ö,  446. 


Misi'i:u.i:\.  377 

W.  Wäckerriagel:  einige  Worte  zum  Schutz  litterarischen  Eigenthums.  Beilage 
zu  den  altdeutschen  Lesebüchern  von  Wackernagel  und  Z  iemann  und  den  drei 
Büchern  deutscher  Prosa  von  IL  Kanzel.  Basel,  August  1838.  A.  Ziemann: 
Rechtfertigung  gegen  Wackernagel.   S.   1060 — 109G. 

IV.  Vorlesungen. 

A.  (Leipzig).  Die  Lieder  von  der  Nibelunge  Noth.  1837/38.  1842.  1844. 
1847.  1849.  1849/50.  —  Historische  deutsche  Grammatik  1838.  1841/42. 
1844/45.1846.  1S48/49.  — Walther  v.d.  Vogelweide  1838/39.1841/42.  1843/44. 
1846/47.  1850.  —  Tacitus'  Germania  1839.  1840/41.  1843.  1845.  1848.— 
Geschichte  der  älteren  deutschen  Poesie  1839.  1841.  1843.  1845.  1847/48. 
1850/51.  —  Mittelhochd.  Grammatik  1839/40.  1842/43.  —  Hartmanns  Grc- 
gorius  1839/40.  —  Mhd.  Gedichte  aus  Wackernagels  altd.  Lesebuch  1840.  — 
Gudrun  1840/41.  —  Hartmanns  Erec  1842/43.  —  Altfranzösische  Grammatik 
1843/44.  — Wolframs  Parzival  1845  4G.  1848/49.  —  Historische  Grammatik 
der  französischen  Sprache   1846/47.    1850/51. 

B.  (Berlin).  Interpretation  der  Gedichte  Walthers  von  der  Yogehveide, 
herausgeg.  v.  Lachmann  1853/54.  1855/56.  —  Die  Elemente  der  altdeutschen 
Grammatik  1854.  1856.  1858.  —  Interpretation  des  Nibelungenliedes  (nach 
der  Ausgabe  von  Lachmann)  1854/55.  —  Interpretation  von  Wolframs  Parzival 
1855.  1857/58.  —  Interpretation  von  Hartmanns  Gregorius  1856/57.  —  Er- 
klärung altdeutscher  lyrischer  Gedichte  des  12.  Jahrhunderts  1858/59.  —  Er- 
klärung der  Gedichte  Nitharts  (nach  seiner  eigenen  Ausgabe)   1859. 

F.  IGNATIUS. 


Hans  Ferdinand  Massmann, 
der  älteste  unter  den  lebenden  Germanisten,  ist  nach  einem  langen,  wechsel- 
reichen Leben  heimgegangen.  Er  ward  am  15.  August  1797  zu  Berlin  geboren, 
der  Sohn  eines  Uhrmachers.  Seine  Ausbildung  erhielt  er  auf  dem  Werderschen 
Gymnasium  und  bezog  1814  die  Berliner  Universität,  um  sich  dem  Studium 
der  Theologie  zu  widmen.  Im  folgenden  Jahre  zog  er  als  freiwilliger  Jäger 
ins  Feld  gegen  Frankreich,  woher  er  im  Herbste  1815  zurückkehrte.  Er  nahm 
seine  Studien  wieder  auf,  die  er  in  Jena  und  Berlin  vollendete.  An  ersterem 
Orte  namentlich  war  er  ein  eifriges  Mitglied  der  deutschen  Burschenschaft  und 
nahm  als  solches  Theil  an  der  Reformationsfeier  auf  der  Wartburg  am  lS.Oct.  1817. 
In  Berlin  widmete  er  sich  mit  Vorliebe  dem  Betriebe  der  Turnkunst,  für  die 
ihn  Jahn,  der  1811  seine  Turnanstalt  errichtet  hatte,  schon  als  Schüler  be- 
geisterte. Während  Jahns  Abwesenheit  im  Sommer  1S17  Stander  an  der  Spitze 
der  Berliner  Turnanstalt.  Auch  in  Beiner  ersten  Anstellung  als  Hilfslehrer,  die 
er  1818  am  Friedrich-Wilhelms-Gymnasium  zu  Breslau  gefunden,  nahm  ersieh 
unter  Harnisch  des  öffentlichen  Turnens  mit  Liter  an.  Im  nächsten  Jahre  linden 
wir  ihn  als  Lehrer  in  M  ch  auch  diese  stelle  gab  er  bald  auf  und 

gieng  nach    Erlangen,   hauptsächlich    um    die  in   Breslau    an         i        in    natur- 
wissenschaftlichen Studien  zurollenden.   Nachdem  er  1821  an  einer  Erziehungs- 
anstall  in  Nürnberg  eine  kurze  Zeit  gewirkt,   fasste  er  den  Plan  zu  einer  R 
nach  Griechenland,  kam  jedoch  nur  bis  in  die  Schweiz  und  kehrte  über  Göt- 

ii     nach    Berlin    zurück,    um,    wie    er  !.     nunmehr    sein.'    früh    und 

stets    mit    Liehe    gehegten    historischen    Studien    der    Muttersprache    bestimmtet 


378  MISCELLEN. 

aufzunehmen.  Zu  diesem  Zwecke  trat  er  1824  eine  wissenschaftliche  Reise  an7 
um  die  altdeutschen  Schätze  auf  den  Bibliotheken  zu  durchforschen.  Sein  Weg 
führte  ihn  auch  nach  München,  und  hier  wurde  ihm  die  Stellung  eines  Lehrers 
der  Tuinkunst  bei  der  königl.  Cadettenschule  angeboten,  die  er  nach  Vollendung 
seiner  Studienreise,  namentlich  nach  längerem  Aufenthalte  in  Heidelberg,  1826 
auch  annahm.  1828  wurde  er  mit  der  Begründung  und  Leitung  einer  öffent- 
lichen Turnanstalt  beauftragt,  nachdem  schon  vorher  der  Turnunterricht  der 
Prinzen  ihm  anvertraut  worden  war.  Im  folgenden  Jahre  wurde  er  zum  außer- 
ordentlichen, 1836  zum  ordentlichen  Professor  der  deutschen  Sprache  und  Litte- 
ratur  an  der  Universität  ernannt;  auch  ward  er  Mitglied  der  baierischen  Aka- 
demie der  Wissenschaften.  Diese  Münchener  Zeit  war  wohl  die  schönste  und 
segensreichste  seines  ganzen  Lebens.  1842  folgte  er  einem  Rufe  nach  Berlin, 
um  das  gesammte  Turnwesen  in  Preussen  zu  leiten;  1846  erhielt  er  eine 
außerordentliche  Professur  an  der  Universität.  Eine  neue  Methode  des  Turn- 
unterrichtes, welche  im  Aufange  der  50.  Jahre  sich  Bahn  brach,  war  der  An- 
laß, daß  Maßmann  aus  jener  leitenden  Stelle  ausschied  und  sich  von  da  an 
mehr  und  mehr  seiner  akademischen  und  gelehrten  Thätigkeit  widmete.  Da  traf 
ihn  im  April  1860  ein  Schlaganfall,  von  dem  er  sich  zwar  wieder  erholte,  der 
aber  doch  zur  Folge  hatte,  daß  er  in  geistiger  Anstrengung  und  Arbeit  sich 
mäßigen  mußte.  Die  letzten  Jahre  lebte  er  den  Sommer  hindurch  meist  bei 
seinem  Sohne  Dietrich  in  Danzig,  seit  1 '/„  Jahren  gab  er  seinen  Wohnsitz 
in  Berlin  gänzlich  auf.  Er  starb  am  3.  August  1874  zu  Muskau  in  der  Lausitz, 
wo  er  seiner   Gesundheit  wegen  sich  aufhielt. 

Man  sieht,  es  ist  nicht  der  ebene  gleichmäßige  Gang  eines  Gelehrten- 
lebens, sondern  das  Leben  eines  Mannes,  der  in  die  Fragen  der  Zeit,  in  die 
praktischen  Verhältnisse  vielfach  eingegriffen.  Und  dem  entspricht  auch  die 
Vielgestaltigkeit  seines  Wirkens.  Daß  er  das  Turnen  auch  zum  Gegenstande 
litterarischer  Thätigkeit  machte,  lässt  sich  denken;  seinen  aufs  praktische  ge- 
richteten Sinn  und  sein  Geschick  bethätigte  er  durch  Holz-  und  Steinschneiden, 
durch  Anfertigung  von  Kristallmodcllen  für  Unterrichtszwecke  etc.  Den  Mittel- 
punkt seiner  gelehrten  Thätigkeit  bildet  jedoch  die  auf  das  deutsche  Alterthum 
gerichtete,  und  hier  hat  er  durch  Auffindung  und  Herausgabe  von  Litteratur- 
quellen  sich  unleugbare  Verdienste  erworben  zu  einer  Zeit,  ais  in  der  ersten 
Freude  und  im  ersten  Jugendeifer  die  Anforderungen  an  einen  Herausgeber 
noch  nicht  nach  dem  heutigen  Maßstabe  gemessen  wurden.  Diese  Verdienste 
hat  J.  Grimm  freudig  anerkannt,  als  er  Maßmann,  zugleich  mit  Haupt,  Hoff- 
mann,  Schmeller  und  Wackernagel,  den  mitforschenden  Freunden  den  vierten 
Band  seiner  Grammatik  widmete.  Gleich  in  seinen  Denkmälern  deutscher  Sprache 
und  Litteratur  aus  Handschriften  des  8. — 16.  Jahrhs.  (München  1828.  8) 
gab  Maßmann  eine  Anzahl  unedierter  Quellen  heraus,  die  wichtigste  darunter 
war  Lamprechts  Alexander.  Es  waren  Früchte  der  in  den  Jahren  1824  —  26 
unternommenen  litterarischen  Reise.  Eine  zweite  wissenschaftliche  Reise  trat  er 
1833  im  Auftrage  des  Kronprinzen  Max  von  Baiern  an,  um  die  Gothica  in 
Italien  zu  durchforschen;  der  Hauptgewinn  war  die  eiste  Lesung  und  Ausgabe 
der  sogenannten  Skeireine  (München  1834.  8.),  wozu  Maßmann  selbst  die  gothi- 
schen  Typen  geschnitten  hatte,  und  eine  neue  Ausgabe  der  gothischen  Urkunden 
von  Neapel  und  Arezzo  (Wien  1838),  in  welcher  dieselben  zuerst  in  zuver- 
lässiger Lesung  geboten  wurden.  Den  Abschluß  seiner  gothischen  Forschungen 
bildet    die  Ausgabe    des    Ulfilas   (Stuttgart  1S56 — 57.  8.)   begleitet   von  einem 


MISCELLEN.  379 

constituierten  lateinischen  und  griechischen  Texte,  ausführlicher  Einleitung,  kri- 
tischen Anmerkungen,  Grammatik  und  Wörterbuch  —  eine  Arbeit,  deren  Er- 
gebnisse allerdings  nicht  im  Verhiiltniss  zu  dem  aufgewandten  Fleiße  stellen, 
und  die  in  ihrem  kritischen  Theile  durch  die  neue  Vergleichung  der  italienischen 
Palimpseste  überholt  ist.  Ganz  neuerdings  hat  dann  Maßmann  noch  auf  einer 
im  Auftrage  der  preußischen  Regierung  unternommenen  Reise  nach  Italien  die 
Turiner  Fragmente  des  Ulfilas  entziffert  und  herausgegeben  (Germania  13,  271  ff.). 
Auf  althochdeutschem  Gebiete  liegen  seine  Erläuterungen  zum  Wessobrunner 
Gebet  (Berlin  1824.  8.),  seine  deutschen  Abschwörungs-,  Beicht-,  Büß-  und 
Betformeln  des  8. — 13.  Jahrhs.  (Quedlinburg  1839.  8.),  die  zweite  von  ihm 
besorgte  Ausgabe  der  Fragmenta  theotisca  (Wien  1841.  fol.i,  endlieh  die  Voll- 
endung des  Grafischen  Sprachschatzes,  dessen  6.  Band  er  herausgab  (Berlin 
1844.  4.),  und  die  Anfertigung  des  unentbehrlichen  alphabetischen  Index  zu 
dem  ganzen  Werke  (Berlin  1846.  4).  Am  meisten  aber  hat  er  auf  dein  Felde 
der  mittelhochdeutschen  Litteratur  gearbeitet.  Seine  'Deutschen  Gedichte  des 
12.  Jahrh9.  (Quedlinb.  1837.  8.)  gaben  einen  zweiten  Druck  des  Alexander, 
ferner  die  erste  ziemlich  zuverlässige  Ausgabe  des  Rother,  nach  dem  jammer- 
vollen Texte  in  v.  d.  Hagens  Gedichten  des  Mittelalters,  den  Pilatus,  die  Bücher 
Mose,  den  Physiologus,  Hartmanns  Rede  vom  Glauben,  die  Litanei  und  des 
Todes  gehügede,  fast  alles  zum  ersten  Mal  veröffentlicht  und  manches  davon 
seitdem  nicht  wieder  ediert,  leider  auch  nicht  wieder  collationiert,  was  bei  der 
Straßburg-Molsheirner  Hs.  sehr  zu  bedauern,  da  dieselbe  seit  1870  nicht  mehr 
existiert.  Es  folgte,  ebenfalls  eine  editio  prineeps,  Otte's  Eraclius  (Quedlinb. 
1842.  8.),  zugleich  mit  dem  altfranz.  Gedichte  des  Gautier  von  Arras ;  freilich 
in  der  Persönlichkeit  des  Verf. ,  den  er  mit  Otto  von  Freisingen  identifizierte, 
war  M.  auf  einen  unbegreiflichen  Irrthum  gerathen.  An  den  Eraclius  reiht  sieh 
S.  Alexius  in  acht  gereimten  mhd.  Bearbeitungen  (Quedlinb.  1843.  8.),  mit 
einer  Einleitung  über  die  Alexiuslegende;  in  demselben  Jahre,  erschien  (Leip- 
zig. 8.)  die  Ausgabe  von  Gottfrieds  Tristan,  mit  der  P\jrtsetzung  Ulrichs,  wohl 
Maßmanns  beste  Arbeit  in  textkritischer  Hinsicht;  1847  Berlin.  8.)  die  Bruch- 
stücke des  mhd.  Partonopeus,  mit  Auszügen  aus  dem  französischen  Gedichte 
und  steter  Vergleichung  desselben.  Endlich  seine  verdienstlichste  und  mühevollste 
Arbeit,  die  Ausgabe  der  Kaiserchronik  (3  Bde.  Quedlinb.  1849 — 53.  8.*), 
■werthvoll  namentlich  durch  den  dritten  Band,  der  die  Quellenuntersuchungen, 
die  Verbreitung  der  Sagen  etc.  uinfasst  und  ein  durch  mehr  als  25jährige  Arbeit 
gesammelt'  Material,  wenn  auch  nicht  überall  kritisch  gesichtet,  darbietet,  eine 
Fundgrube  für  jeden,  der  auf  diesem  Felde  thätig  i-t.  In  mancher  Beziehung 
berührt  sich  damit  seine  letzte  altdeutsche  Edition  Das  Zeitbuch  des  Eike  von 
Repgow  (Stuttg.  1857.  8.  42.  Publication  des  litterar.  Vereins),  der  niederdeut 
und  lateinische  Text  von  eingehenden  Untersuchungen  begleitet.  Der  deutschen 
Altcrthumskunde  und  Culturgeschichte  gehören  seine  mit  reichem  Apparat  aus- 
gestattete Ausgabe  von  Tacitus  Germania  Quedlinb.  1847.  8.),  seine  Geschichte 
des  mittelalterlichen  Schachspiele  Quedlinb.  1839),  seine  Litteratur  der  Todten- 
tän/e  Leipzig  1841),  der  Ezterstein  in  \\  tfalen  (Weimar  1846  und  die 
Baseler  Todtentänze'  (Stuttgart  1  >■  1 7  an.  Auch  sein  Libellus  aurarius  (Leip- 
zig 1841),  ein  nicht  anwichtiger  Beitrag  zur  römischen  Epigraphik,  möge  nicht 

*i  Es  war  die  Absicht    der  Ausgabe    auch  ein  Wörterbuch  beizugeben,  und  im 
Winter  1852/53  Bammelte  ich  das  voll  tändige  Material  dazu,  das  in  Maßmanns  Nach- 
ooeh  vorhanden  Bein  muß. 


380  MISCELLEN. 

unerwähnt  bleiben.  Nimmt  man  dazu  die  zahlreichen  Beiträge,  die  er  zu  Mone's 
Anzeiger,  zu  Haupts  Zeitschrift,  Pfeiffers  Germania,  dem  neuen  Jahrbuch  der 
Berliner  Gesellschaft  für  deutsche  Sprache,  dem  Anzeiger  des  germanischen 
Museums  etc.  gesteuert  hat,  so  muß  man  seine  schriftstellerische  Thätigkeit  als 
eine  fruchtbare  und  vielseitige  bezeichnen. 

Alle  Schriften  bekunden  ein  ausgedehntes,  vielseitiges  Wissen,  sie  lassen 
allerdings  kritische  Schärfe  und  Klarheit  oft  vermissen.  Zum  Textherausgeber 
war  er  nicht  geschaffen,  es  fehlte  ihm  an  dem  speeifisch  kritischen  Sinne.  Nicht 
selten  mangelt  auch  Genauigkeit  und  Zuverlässigkeit,  Beobachtung  über  den 
Stil  und  die  Sprache  des  betreffenden  Autors.  Aber  aus  allem  weht  ein  Hauch 
freudiger  und  warmer  Liebe  uns  an,  überall  tritt  uns  eine  schöne  vaterländische 
Gesinnung,  eine  liebevolle  und  opferwillige  Hingebung,  eine  reine  und  sittliche 
Denkart  entgegen.  Und  diese  besten  Eigenschaften  seines  Wesens  waren  es  auch, 
die  im  persönlichen  Umgange  mit  ihm  anzogen.  Er  war  wie  ein  liebevoller 
Vater  seinen  Zuhörern  gegenüber,  ein  warmer  und  helfender  Freund  in  ihre 
Nöthen.  Dem  Gespräche  mit  ihm  fehlten  die  wissenschaftlich  anregenden  Mo- 
mente keineswegs,  die  wenigstens  den  gereifteren  Zuhörern  in  seinen  akademi- 
schen Vorträgen  zurücktraten.  Jene  persönliche  menschliche  Liebenswürdigkeit 
ließ  seine  Schüler  mit  Dankbarkeit  an  ihm  hängen.  Pfeiffer  hat  es  bekannt, 
wie  Maßmanns  väterliche  Fürsorge  ihn  in  schweren  Jahren  seines  Lebens ,  in 
einer  Zeit  innerer  Kämpfe  gehoben  und  getragen  hat.  Ihre  Briefe  lassen  einen 
tiefen  Blick  in  das  innige  Verhältniss  beider  Männer  thun,  das  bis  zu  Pfeiffers 
Tode  kaum  hin  und  wieder  leicht  getrübt  war.  Und  so  habe  auch  ich  in  seinem 
Hause,  im  Umgange  mit  ihm,  schöne  Stunden  geistigen  Genußes  verlebt.  In 
diesem  Sinne  der  Dankbarkeit  ist  meine  erste  germanistische  Arbeit,  die  Aus- 
gabe von  Strickers  Karl  (1857)  ihm  gewidmet,  und  dankbarste  Erinnerung 
werde  ich  ihm  bewahren,  als  einem  der  aufrichtigsten,  uneigennützigsten  Men- 
schen,  die  ich  kennen  gelernt  habe. 

Seiner  dichterischen  Begabung  gedenke  ich  am  Schluße  mit  einem  Worte. 
Manche  seiner  Lieder,  vor  allen  das  schöne  Ich  hab'  mich  ergeben  mit  Herz 
und  mit  Hand  haben  Eingang  beim  deutschen  Volke  gefunden  und  werden 
unvergessen  bleiben.  Auch  in  seinen  Dichtungen  weht  ein  edler,  reiner,  aufs 
Ideale  und  Ewige  gerichteter  Sinn.  Ich  schließe  mit  einem  Gedichte  das  im 
Bade  Oyuhausen   1862   entstand  und  das  er  einem  Briefe  an  mich  beilegte. 

Des  Menschen   Leben  ist  ein  rastlos  Wallen 
Zu  fernem   Ziel,   in  Ahnen,   Sehnen,   Glauben, 
Und  wie  des  Weges   Bahnen  steigen,  fallen, 
So  wechselt's  im  Empfangen  und  im  Rauben. 

Ea  raubt  der  Tod,  was  uns  ein  Gott  gegeben, 
Daß  er  nicht  scheint  der  ew'gcn  Liebe  Bote, 
Denn  Leben  ist  nur  Liebe,  Liebe  Leben, 
Doch   wird   auch   dunkle   Nacht  zum  Morgcnrotbe. 

Ihm  wallen   mutbig,   gläubig  wir  entgegen: 
Wir   wissen   daß   uns   aufgebt  treu   die   Sonne, 
Ihr  erster  Strahl  gießt  in  die  Seele  Segen, 
Ihr  letzter  öffnet  uns  die  ew'ge  Wonne. 
HEIDELBERG,  15.  August  1874.  K.  BARTSCH. 


Mist  i.i.i.i  \  331 

Kobersteinstiftung  in  Pforte. 
Die   Unterzeichneten    haben    unter  den    ehemaligen    Schülern    der    Pforte 
•eine  Sammlung  veranstaltet,   deren  Ergebniss  sie  hiermit  der   genannten  König- 
lichen Landesschule  im  eigenen  Namen  und  im  Namen  ihrer  Beitraggeber  mit*) 

in   Staatspapieren  . 
„    baar 
überreichen.    Diese  Beiträge  werden   hiermit  von  uns  zu   einer  Stiftung  bestimmt, 
die   nach    folgenden    Statuten    verwaltet   werden   soll. 

1. 
Die  Sammlung,  zu  Ehren  des  Andenkens  an  den  frühem  Lehrer  der  Pforte, 
Professor    Dr.   A.   Koberstein,   begonnen,  trägt  seinen  Namen: 

Koberstein-Stiftung. 

2. 
Das   Capital    der  Stiftung  ist  unangreifbar.    Das  Eigenthum  und  der  Be- 
sitz an  demselben  steht  der  Landesschule  Pforte  zu,   sie  verwaltet  es  .kostenfrei 
durch  ihre  Organe  und  sorgt  für  Erneuerung  der  Anlage,  falls  dieß  erforderlich  wird. 

3. 

Zweck  der  Stiftung  ist:  aus  deren  Erträgen  ehemaligen  Schülern  der 
Pforte,  welche  sich  der  deutschen  Philologie  und  Litteratur  oder  der  deutschen 
Geschichte  oder  der  deutschen  Rechtswissenschaft  widmen,  eine  Unterstützung 
ihrer   Studien   zn   gewähren. 

4. 

Die  Wirksamkeit  der  Stiftung  beginnt,  sobald  die  jährlichen  Zinsen  die 
Höhe  von  45  Thlr.  erreicht  haben'*).  Dieselben  werden  in  einer  Summe  ver- 
lichen,  so  lange  sie  nicht  den  Betrag  von  100  Thlr.  übersteigen.  Ist  dieß  aber 
der  Fall,  so  bleibt  es  dem  Lehrercollegium  der  Pforte  anheimgestellt,  die  Unter- 
stützung   in    mehreren   Antheilen,  jedoch    keinen   unter   50   Thlr.,   zu   vergeben. 

5. 
Bewerbungen  um  die  Unterstützung  aus  der  Stiftung  gehen  an  das  Lehrer- 
collegium der  Pforte,  zu  Händen  des  zeitigen  Rectors.  Dasselbe  beschließt  über 
die  Verleihung  endgültig,  ohne  weitere  Mitwirkung  einer  vorgesetzten  Behörde. 
Der  zeitige  Rector  übernimmt  die  Benachrichtigung  des  Bewerbers  und  sorgt 
für  die  Absendung  der   Unterstützung. 

6. 
Zur  Verleihung   dieser  Unterstützung  (3)  bedarf  es   keines  Armuthsz« 

uisses. 

7. 

Liegen  in  einem  Jahre  Bewerbungen  um  diese  Unterstützung  nicht  vor 
oder  <•]  cheinen  die  vorliegenden  zur  Berücksichtigung  nicht  geeignet,  so  fallen 
die  Jahreszinsen  dem  Capitale  zu.  Das  Jahr  wird  gerechnet  von  I.Januar  ab. 
!>:<■  an   di<  T  poniblen  Ziu  bilden    die   Unterst ützungssumme 

für  das  laufende  .Jahr. 


Der  bisher  disj ible  Fonds  b  10  Thlr.  in  Papieren  und  baar. 

\\  .i     j<  t/t   schon  der  Fall   ist. 


382  MISCELLEN. 

8. 
Bei  der  öffentlichen  Feier  des  der  Verleihung  folgenden   Schulfestes  und 
im  nächsten  Schulprogramm  wird   der  Name  des  Empfängers  bekannt  gemacht. 

9. 
Die    Landesschule    Pforte    verpflichtet    sich    durch    die    Annahme    dieser 
Stiftung,   diese  selbst  möglichst  zu  fördern;    ferner  derselben  durch  Geschenke 
oder  Vermächtnisse    etwa    zufließende  Beiträge    dem  Stiftungscapitale    einzuver- 
leiben und  6ie  mit  diesem  nach  dem  gegenwärtigen  Statut  zu  verwalten. 


Uhlandstiftung  in  Tübingen. 
1.   Stiftungsbrief. 

Der  Universität  Tübingen  stifte  ich  den  Ertrag  des  von  mir  in  der  J.  G. 
Cot'aischen  Buchhandlung  herausgegebenen  Buches  „Ludwig  Unlands  Leben" 
u.  s.  w. 

Hierdurch  wünsche  ich  die  Erforschung  deutschen  Alterthums  im  Sinn 
und  Geist  meines  verstorbenen  Gatten  durch  Unterstützung  solcher,  welche  sich 
ähnlichen    Studien   widmen,   zu  fördern. 

Zu  meinen  Lebzeiten  bestimmt  sich  der  Ertrag  des  genannten  Buches 
nach  dem  von  mir  darüber  abgeschlossenen  Vertrag.  Von  meinem  Tode  an 
bis  zum  Ablauf  der  für  schriftstellerisches  Eigeuthum  geltenden  Verjährungszeit 
soll  die  Rechtsnachfolge  im  Abschluß  der  betreffenden  buchhändlerischen  Ver- 
träge für  den  Fall  weiterer  Ausgaben  des  Buches  auf  die  Universität  Tübingen 
übergehen. 

Liebenzell,    15.  Juli   1874.  Emilie  Unland, 

geb.   Vischer. 

2.   Grundzüge  zu  einem  Regulativ  für  die  Uhlandstiftung. 
Zu    näherer  Erläuterung    der  von    mir   für    die  Universität  Tübingen   ge- 
gründeten Stiftung  bestimme  ich  Folgendes: 

1. 

Aus  den  Zinsen  des  Stiftungscapitals  sollen  Stipendien  an  Studenten  der 
Universität  Tübingen  verliehen  werden,  die  sich  mit  wahrer  Theilnahme  und 
mit  Erfolg  den  von  meinem  sei.  Gatten  gepflegten  Studien  des  deutschen  Alter- 
thums   widmen. 

2. 

Es  ist  nicht  meine  Absicht,  damit  vorzugsweise  solche  zu  unterstützen, 
welche  diese  Studien  zum  Lebensberuf  machen;  vielmehr  soll  das  Stipendium 
auch  solchen  zugänglich  sein,  welche  neben  andern  Studien  der  deutschen  Altcr- 
thumswissenschuft  ihre   ernsthafte  Theilnahme  zuwenden. 

3. 

Unbemittelte  haben,  bei  sonst  gleicher  Befähigung,  bei  der  Verleihung 
den  Vorzug  vor  Minderbedürftigen. 

4. 

Sollten  solche  Studenten  (1)  nicht  vorhanden  sein,  so  können  auch  andere 
unmittelbare   Personen,   welche   die   genannten  Studien   betreiben,   zum  Behuf  der 


MISCELLEN.  383 

Unterstützung   in   diesen  Studien   mit    außerordentlichen    Graben  aus  dem  Zins- 
ertrage der  Stiftung,  besonders  zur  Anschaffung  von  Büchern,   bedacht  werden. 

5. 

Ich  wünsche,  daß  die  Verwaltung  mit  dem  Rechte  des  Vorschlags  zur 
Verleihung  von  Gaben  aus  dem  Stipendium  der  jetzige  Professor  der  deutschen 
Sprache  und  Litteratur  Herr  A.  vou  Bleiler,  Freund  und  Fachgenosse  meines 
verstorbenen  Gatten,  führe.  Die  Verleihung  der  Gaben  selbst  würde  die  phi- 
losophische Facultät  feststellen  und  nach  dem  Abgange  des  Herrn  von  Keller 
dessen  Nachfolger  in  der  Professur  der  deutschen  Sprache  und  Litteratur  in  der 
Verwaltung   des   Stipendiums   ernennen. 

Stuttgart,    10.   Mai    1874.  Emilic   ü bland, 

Wittwe. 


Berichtigungen  zur  Zeitschrift  für  deutsches  Alterth'im. 

Die  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  16,  94  iV.  von  E.  Stein- 
meyer het ausgegebenen  Prudentius-Glossen  hatte  ich  mit  der  Kolner  IIs.  zu  ver- 
gleichen Anlaß  und   habe  dabei  folgendes  abweichende  zu  bemerken  gefunden   ). 

1.   geidelosa,   nicht  getdelosa.  —  farzartheit,   nicht   fer-. 

21.   am  Rande:   glatten    -i-    lim**). 

50.   precipiti. 

72.    hie   et   lue   armentalis   sueiklib. 

fehlt  nach   81   (zu  V.   42):  defugas.   de  fuga.  gae.  fixt  (fluht). 

fehlt  nach    86     zu.  v.  124):  lacertorum.   muse. 

'.'7.  98.  conclaue  keminadu;  am  Kunde:  hoc  conelaue  -i-  gkxxclui  etho; 
also:   conclave.   i.   giuuelui  etho   keminadu. 

120.   golpnbsxb   (also  golonasuh)   statt  — suht. 

fehlt  nach    142   (zu    157)   Euuoti.   proprium   nomen.   heuuanti. 

117.  thrisexn.    151    hbnttafkl. 

161.  zeichfueri  (Druckfehler). 

1  66.   cbznnkzale. 

170.   essedo.    uchiculum  gallieum     i-   sambuc. 

nach    174  (zu  222)  fehlt:  lydius  leih. 

181.   Binihthpn. 

185.  bIi  sufra. 

189.   circulator.   rizzari.   sculptor. 

191.   bubnt  aterrpn. 

196.  nach   hbrphb:   in  qua   pendent   homincs. 

197.  pleuresis   laterie  dolor,   etfchfthp. 
199.  bladrün. 

203.  artheeis.   articulorum  dolor    i-  crampho. 

204.  Bcalprum.   i.  Bcrdhisar.   unde  Bcalpellum  dimifi. 
.-.   leithün. 

23n.  fragitida,  so  am  Rande  wiederholt,  im  Text«'      as.  prechpt,  darüber 

in  manu. 


■lit  empfehlens-  und  nachahmt  cheint  mir  dio  Nichtauflösung  der 

Geheimschriften,  da  die  Auflösung  keineswegs  i 

|  ichne   auch    dergleichen  Ungenauigkeiten    der  Ausgabe,    da  noth- 

wendig  ist  zu  erfahren,  welche  Form,  welcl      I  G  wird. 


384  MISCELLEN. 

254.  anegrabitotemo. 

255.  zuic. 

257.  unguine.   salba  uel  su.  . 

nach  262  (zu  430)  verdiente  Erwähnung:  Getae.  Gothi  qui  prius  feroces  erant. 

nach  271    (zu  450)  fehlt:   chaos  uel  ehao  finistir  nissitha. 

274.   oblita.   circumdata  corpore,  biclenan. 

nach  282   (v.    114)  fehlt  medicans,   darüber  fundens  lupbönti. 

nach   285   (zu   210)  fehlt:  micat.  sprungezta. 

293  scutulatis.  uariatis.  skibahten.  Am  Rande  steht:  scutulatis  uestibus. 
s.  .uat.en. 

302.  bksprbhnk  f. 

322.  die  Verszahl  ist   6G2. 

Dann  fehlt  (zu  v.   689)  utramque  ethuuetheremo. 

347.  mappalia  rusticorum  habitacula  cum  frondibus  facta,  tabernacula 
pastorum,  verdiente  Erwähnung. 

352.   bislifta:   das  mittlere  i  auf  breiterer  Rasur,  urspr.  wohl  bisleifta. 

nach  353   fehlt  (zu  v.   66)  matrona  -i-   itis. 

395.  strophimn.  fascium  pectorale.  tuhil. 

401.  bullis.  gemmis.   castpn. 

nach   404  fehlt  (zu  v.  527):  monetae  -i-  percussura  nummorum  -i-  muniza. 

411.  cornicinum.  curua  aera.  heribouchan. 

412.  editiore  loco  tumulus  quem  vertice  acuto;  am  Rande  bog;  also  zu 
tumulus. 

423.  imbricibus.  tegulis.  skintelon. 

424.  gislafon. 

425.  pelice  (nicht  zu  sorore)  kellun. 

428.  uuidillo,   Glosse  von  celeps,  nicht  von  concubitus. 

432.  uzkitruchnaz. 

442.   Zur  Erklärung  gehört  concreto  (crine). 

447.  Zur  Erklärung  gehört  (vereor)  ne.  s.  thaz. 

nach  452  (in  relat.  Symmachi)  in  posterum.  in  futurum,  hinnen  uure  uuertes. 

nach  463  hätte  Erwähnung  verdient  (zu  v.  695)  Geticus  de  Gothis  -i- 
Radegisus  siue  Alericus. 

nach  466   (zu  v.   613)  fehlt:  uadimonia  uuettk. 

483.  wohl  nicht  ein  o  oder  x  hat  zwischen  xx  und  1  gestanden,  sondern  i: 
das  Wort  hieß  uuilu. 


Persorjalnotizen. 

In  Greifswaldhat  sich  im  Sommer  1874  Dr.  F.  Vogt  für  deutsche  Sprache 
und  Litteratur  habilitiert;  in  Zürich  Dr.  F.   Vetter. 

Dr.  H.  Suchier,  Privatdocent  in  Marburg,  ist  als  außerord.  Professor  der 
romanischen  und  englischen  Sprachen  und  Litteraturen  an  die  Universität  Zürich 
berufen  worden,  an  Stelle  des  nach  Breslau  berufenen  Prof.  G.   Gröber. 

Dr.  W.  Wilmanns,  Lehrer  am  Gymnasium  zum  Grauen  Kloster  in 
Berlin,  hat  einen  Ruf  als  ordentlicher  Professor  der  deutschen  Philologie  nach 
Greifswald  erhalten  und  angenommen. 

Im  August  d.  J.  f  in  Zürich  Prof.  Lüning,  bekannt  und  verdient  als 
Herausgeber  der  Edda. 


ZUM  KOLANDSLIEDE. 

VON 

KARL  BARTSCH. 


Für  die  Kritik  des  Rolandsliedes  ist  außer  dem,  was  W.  Grimm 
in  seiner  Ausgabe  geleistet,  wenig  geschehen.  Den  nur  in  der  Heidel- 
berg erhaltenen  Epilog  hat  Grimm  in  der  Zeitschrift  für  deutsches 
Alterthum  3,  281  ff.  behandelt  und  an  einigen  Stellen  verbessert.  In 
meinem  Buche  über  Karlmeinet  habe  ich  S.  201 — 208  zusammengestellt, 
was  sich  für  die  Kritik  aus  den  beiden  Umarbeitungen  ergibt.  Haupt 
endlich  hat  in  seiner  Zeitschrift  15,  25G — 258  ein  paar  Stellen  berichtigt 
und  erklärt.  Das  ist  alles,  und  doch  bietet  das  Gedicht  namentlich  da, 
wo  die  Heidelberger  Hs.  allein  zu  Gebote  steht,  der  kritischen  Schwierig- 
keiten in  ich  genug,  die  ich  in  meiner  Ausgabe  nach  Kräften  zu  heben 
bemüht   war. 

Die  handschriftlichen  Quellen  sind  in  Grimms  Einleitung  aus- 
führlich beschrieben:  ich  bemerke  zur  Ergänzung  nur,  daß  in  1'  am 
antern  Rande  von  1)1.  XVI*  folgende  Worte  von  einer  Hand  <\*->  14.  bis 
15.  Jahrhs.  stehen:  lieue  her  ich  biden  dich  dorch  dhn-  minne  de  du  hede 
zo  mimlich...,  ein  Beweis,  daß  die  Hs.,  ehe  sie  nach  Heidelberg  kam, 
auf  niederrheinischem  Gebiete  sieh  befand.  Ich  behalte  die  von  Grimm 
ählten  Siegeln  bei,  A  =  Argentinensis,  P  =  Palatinus,  S  =  Swe- 
rinensis,  \Y  =  Wirteinbergensis  (das  von  Kausler  in  Stuttgart  entdeckte 
Fragment). 

Zunächst    folge    hier   eine  Ubersichtstabelle,    aus    der   ersichtlich, 
welche  Theile  in  mehreren  oder  nur  in  einer  Quelle  uns  erhalten  Bind: 
1-514  P.  4217     4311   l'W. 

515    B38  AP.  4312-4465  P. 

14  P.  4466    5898    \l\ 

905    978  1  5899     3048  P. 

979     L607  APS.  8049     3474  AP. 

1608     1843  PS.  5  l,..     -  706  P. 

1844     L900  P.  AI'. 

1901  ~2iri   AP.  8739     -77« i  P. 

2728     3224   P.  8771     9016  AP. 

3225    3829  Ab.  9016    9094  P. 

383  I     1216  b 

GERMANl  \  VII    (XIX.) 


386  KARL  BARTSCH 

Es  liegen  mithin  nur  an  einer  Stelle  (979 — 1607)  drei  Hand- 
schriften vor,  im  übrigen  steht  entweder  eine  einer  andern  gegenüber 
oder  sind  wir  überhaupt  auf  eine  Hs.  angewiesen*).  Jene  längere  Stelle 
ermöglicht  aber  über  das  Verhältniss  der  Hss.  sich  eine  Ansicht  zu 
bilden.  Es  stellt  sich  heraus,  daß  A  mit  P  gegen  S,  an  andern  Stellen 
A  mit  S  gegen  P,  wieder  an  andern  P  und  S  gegen  A  stimmen;  in 
der  Regel  ist  die  Übereinstimmung  von  je  zwei  Zeugen  beweisend  für 
die  Richtigkeit  der  Lesart.  So  AP  gegen  S:  996.  998.  1005.  1030. 
1031.  1042.  1053.  1108.  1115.  1149.  1197.  1203.  1205.  1206.  1267. 
1330.  1332.  1342.  1344.  1352.  1368.  1393.  1396.  1416.  1425.  1428. 
1440.  1441.  1476.  1491.  1500.  1511.  1534.  1537.  1543.  1544.  1551. 
1553.  1557.  Es  sind  zum  Theil  metrische  Gründe,  die  hier  die  Ab- 
weichung veranlasst  haben,  zuweilen  auch  schon  das  Streben  den  Reim 
zu  glätten,  an  manchen  Stellen  ist  ein  unverständlicher  Ausdruck,  an 
anderen  ein  älterer  durch  einen  Jüngern  ersetzt.  Nur  1448  könnte  man 
zweifelhaft  sein,  ob  verstozet  (==  AP)  oder  bestroufet  (==  S)  das  ursprüng- 
liche ist,  und  an  einer  Stelle  (1438)  steht,  freilich  in  etwas  unbedeuten- 
dem, S  dem  echten  näher,  indem  S  hat  man  ime,  AP  man  in,  und  das 
richtige  ist  mann  ime.  Auch  wo  A  und  S  gegen  P  stimmen,  haben  sie 
fast  immer  die  bessere  Lesart:  so  999.  1009.  1018.  1021.  1056.  1065. 
1084.  1120.  1163.  1190.  1243.  1262.  1295.  1308.  1339.  1380.  1387.  1397. 
1420.  1429.  1455.  1485.  1532.  1545.  1547.  1564.  1576.  1579.  1584.  1587. 
1605;  meist  sind  es  Nachlässigkeitsfehler,  und  absichtliche  Änderungen 
kaum  nachzuweisen.  Das  richtige  hat  P  gegen  AS  an  zwei  Stellen, 
aber  in  unbedeutenden  Dingen,  nämlich  1202  fügen  bei  adhortat.  conj. 
AS  er  hinzu,  das  P  richtig  weglässt  (vgl.  dagegen  5704),  und  1457 
hatP  richtig  ivissen  statt  geioissen  AP,  nach  niederd.  Art  mit  weggelassener 
Vorsilbe,  wie  umgekehrt  A  das  richtige  wisheit  gegen  geioisheit  P  hat 
787**).  Die  Übereinstimmung  von  PS  gegen  A  gewährt  gleichfalls  in 
den  meisten  Fällen  die  richtige  Lesart:  so  988.  1015.  1020.  1022  (vgl. 
2078).  1028.  1034.  1036.  1050.  1064.  1086.  1092.  1107.  1130.  1139.  1145. 
1169***).  1171.  1183.  1191.  1194.  1196.  1223.  1229.  1234.  1235.  1239. 
1245.  1251.  1271.  1284.  1309.  1318.  1319.  1323.  1349.  1376.  1378. 
1399.  1406.  1445.  1459.  1466.  1471.  1481.  1487.  1512.  1534.  1550. 
1583.1587.  1592.  f)  1596.  Das  richtige  hat  A  gegen  PS  1049,  wo  PS  den 


*)  In  den  Partien,  wo  P  allein  vorliegt,  habe  ich  die  Bezeichnung  der  Hs.  weg- 
gelassen. 

**)  Auch  1081  weist  die  Überlieferung  auf  wissen. 
***)  Es  ist  daher  wole  scone  zu  lesen. 
•}■)  Daher  zu  schreiben  iz  ne  wart  nie  nehein  heiser  so  köre. 


ZUM  R0LANDSL1EDE.  387 

Artikel  vor  dein  Possessivum  weglassen,  wie  umgekehrt  A  ihn  1034 
weglässt;  1103  ther  uns  thie  heilige  geist  gebe,  wo  PS  die  uns  der,  d.  h. 
sie  beseitigen  die  Attraction  und  die  masculine  Artikelform  thie'  ebenso 
1177.  1285. 1342  thie  A.  wo  PS  der*)-,  1406  der  Artikel  beim  Vocativ,  den 
PS  weglassen;  1411  fügen  PS  dem  infin.  ze  hinzu  (vgl.  543);  wan  statt  gewan 
PS  1461**),  thanc  statt  gethanc  1308,  und  so  wohl  auch  zam  A  statt 
gezam  PS  1016,  zame  1374  statt  gezäme  PS,  troice  statt  gebrikoe  1321; 
das  verstärkende  so  lassen  PS  aus  1083.  1363.  1525,  wo  A  wohl  das 
richtige  hat***),  und  auch  1352  ist  das  in  PS  fehlende  thir  sicherlich 
echt.  1104  fehlt  iz  in  A,  kann  aber  in  PS  zugefügt  sein,  wie  1108 
S  (gegen  AP)  das  gleiche  Wörtchen  einschiebt.  Vgl.  noch  unten  zu 
Y.  663.  Weder  in  PS  noch  in  A  ist  das  richtige  erhalten  1311,  wo 
PS  erhübe  du,  A  gelofe  hat;  zwar  das  Pronomen  beim  Imper.  wird 
eeht  sein,  aber  statt  erhübe  oder  gehube  schrieb  der  Dichter  nur  hübe. 
Das  Gleiche  1256.  1311,  wo  P  erhüben,  S  urhuben,  A  geloben  (gehfen)f). 
Ein  zweiter  Fall  ist  1398,  wo  A  then  lip,  PS  minen  lip,  das  echte  wird 
sein  then  minen  lip  (vgl.  das  vorher  zu  1049  bemerkte  und  unten  zu 
5238.  8375);  die  Übereinstimmung  von  PS  beweist  an  beiden  Stellen 
nichts  für  eine  gemeinsame  Quelle  oder  ein  näheres  Verhältniss  bei- 
der Hss. 

Bei  Abweichung  aller  drei  Handschriften  hat  A  entschieden  das 
richtige  1086  ther  aller  trist,  wo  P  daz  und  S  das  Prouomen  weglässt: 
vgl.  meine  LD.  zu  I,  10.  Ebenso  1132  heven  sih  (conjunct,  adhort.), 
wo  P  si  heven  sich,  S  hevent  si  sich:  vgl.  vorher  zu  1202,  wo  AS  das 
Pronomen  hinzufügen;  1427  neverestu  A,  envirste  du  P,  nevristet  S,  wo 
allerdings  S  wie  eine  weitere  Entstellung  der  Lesart  von  P  aussieht; 
1402  tht-s  g<lt  mih  michel  not,  wo  P  ane  einschiebt,  S  ändert  iz  tot  mir. 
In  der  Stellung  der  Worte  weichen  A  und  S  ab  1116,  wo  P  thä  weg- 
lässt; ebenso  1153,  wo  P  vile  für  alle  hat,  was  Lese-  oder  Schreib- 
fehler  Bein  kann;  131(5  stimmen  PS  in  der  Wortstellung,  nur  setzt  P 
wie   öfter   8$n   statt   is,   A  stellt   um  is  mir;    ebenso  stimmen  PS  in  nu 


*)  1160.  1229.  1289  ist  thie  in  S  erhalten;  5160  in  A,  wo  V  der;  2013  in  1", 
wo  A  mißversteh«  nd  ändert;  4886  lodern  l"    '<■    II 

**)  van  in  A  gegen  P  2064.  Vgl  Doch  waldehüche  2918.  rette  =  gereite  2368: 
8806.  t>rah  =  gebrach  :i'j47.  ira/t     :  gevoalk  8761.  6746.  rinde    -    getinde  4690; 

***)  Allerdings  maß  mau  dann  1 198  8  gegen  AI'  auch  Recht  geben  in  Hinblick 
.-int-  1868. 

f)  Vielleicht  anefa  rih  louben  i<it  gelouben,  denn  17ku  hat  8  dafür  lieh  er 
louben,  lernten  =  getouven  hat  sich  in  A  "„'o-j'.)  erhalten;  loube  (sbst.)  =  geloube  3400. 
Ich   habe  danach  louve  3600  gesetzt,   wo  A  gtloue,  V  erhübe  hat. 

25* 


388  KARL  BARTSCH 

1373,  das  A  fehlt,  aber  PA  in  deheinen,  wofür  S  einen  hat.  Schwer  zu 
entscheiden  ist  über  die  Echtheit  1458,  wo  A  sere,  P  heize,  S  harte 
hat;  und  1536,  wo  A  leite  (Druck  Ute),  P  beleite,  S  geleite:  ich  bin  an 
beiden  Stellen  der  Lesart  von  A  gefolgt. 

A  und  P  zeigen  geraeinsame  Fehler,  die  also  schon  in  ihrer  Vor- 
lage standen.  Schon  Grimra  (S.  XIX)  hat  angemerkt  fruten  statt  frum- 
ten  4643  (P  liest  fruten,  d.  h.  .friden  wird  in  der  Vorlage  gestanden 
haben);  ferner  Largis  (am  Anfang  eines  Absatzes)  für  Targis  4713; 
ander  für  under  (oder  ein  ander)  5783;  das  Fehlen  von  in  ne  scirmeten 
5031,  wie  ich  mit  Grimm  ergänzt  habe,  und  ebenso  von  sprah  er  3666, 
was  indeß  zur  Noth  entbehrt  werden  könnte;  vgl.  3694.  4713.  Ergänzt 
habe  ich  das  in  beiden  Hss.  fehlende  Verbum  auch  5802,  und,  wo  nur 
P  vorliegt,  6951.  7601.  Indeß  noch  mehr  Fehler  haben  AP  geineinsam: 
es  fehlt  in  3281;  sih  fehlerhaft  hinzugefügt  3359;  sie  eingeschoben 
3523;  here  für  heren  3593;  Mahoir  (Malwil)  für  Malprtmis  3651;  there 
fehlt  4488;  Egers  für  Egeris  4499;  Murlana  für  Murla  nam  4564;  thurh 
fehlt  4706;  thie  für  there  4758  (doch  vgl.  unten  die  Anm.  zu  dieser 
Stelle);  4949  Alrin  für  Älrih;  ime  statt  in  4982;  so  vil  hinzugefügt 
5142;  im  für  in  5152;  niht  fehlt  5196;  gescaithen  für  gesciethen  5231; 
noh  fehlt  5409;  eineme  fehlt  5424;  Rolanten  :  iviganten  statt  Euolant  : 
wigant  5521  f.;  Alroten  statt  Adalroten  5849.  5866;  uns  für  unser  5892; 
Ungeren  statt  Ungres  8101;  unt  totliche  für  untötliche  8139;  kom  für 
komen  8428;  vahten  für  vaht  8463.  An  letzterer  Stelle  ist  der  Plural 
durch  das  nicht  verstandene  thie  (=  ther)  zu  erklären,  und  das  ganz 
gleiche  Mißverständniss  hat  996  die  Lesart  thie  muozen  AP  statt  thie 
muoz  (=  der  muoz)  veranlasst  (vgl.  unten  die  Anm.). 

Gemeinsame  Fehler  von  AS  kommen  nur  ganz  vereinzelt  vor; 
kaum  ist  als  solcher  zu  betrachten  iu  =  iuh  997 ;  auffallender  schon 
der  Schreibfehler  tunker  =  tunkel  1589.  Für  PS  ließen  sich  anführen 
außer  dem  schon  erwähnten  V.  1427  der  sing,  begonde  statt  begonden 
1739,  und  das  präs.  gesamnent  (gesament)  statt  samenoten  A  1166. 

Was   das  Bruchstück  W  betrifft,    so   ist   es   in   den  Sprachformen 
alterthümlicher  und  mehr  zum  Niederdeutschen  neigend  als  P.    Einige 
seiner  Lesarten    sind   entschieden    denen  von  P  vorzuziehen:    so  4224. 
4239.  4294;    wohl   auch  4229.    Dagegen   falsch   ist  4288.  4308:    wohl 
auch  4231.  Zweifelhaft  bin  ich  in  Bezug  auf  4261   f.,  wo  W  hat 
ich  ne  furhte  neheine  dine  drowe. 
geliche  si  sich  dö  huoben; 
während   P   dro  :  du    reimt,    was    man    für    eine   Reimglättung    halten 
könnte,  deren  P  mehrere  hat. 


/.IM    RoLAXIiSlJKDK.  -)S«I 

Es  gebührt  also  keiner  Hs.  ein  ausschließlicher  Vorzug;  im  Gan- 
zen jedoch  zeigt  sich,  wenn  wir  von  manchen  durch  den  Abdruck 
veranlaß  ten  Fehlern  absehen,  A  als  der  relativ  beste  Text.  Ihm  bin 
ich  daher  in  den  Lesarten  nieist  gefolgt*);  nur  wo  die  Umarbeitungen 
auf  die  gleiche  Lesart  mit  1*  weisen,  habe  ich  dieser  den  Vorzug  ge- 
geben.  Las  gilt  namentlich  von  BL(arlmeinet) ,  welche  Umarbeitung 
durch  die  treuere  Wiedergabe  des  Originals  der  Kritik  mehr  Hülfe  ge- 
währt  als  die  freiere  Umgestaltung  des  St(rickers). 

Auch  in  den  Sprachformen  habe  ich  mich  A  angeschlossen  und 
die  niederdeutschen  Spuren,  die  A  am  meisten  zeigt,  bewahrt,  nur  5 
statt  uo  habe  ich  nicht  gesetzt,  weil  der  Druck  allerdings  überwiegend 
o  hat,  daneben  aber  auch  uo,  ou,  verinuthlich  stand  in  der  Hs.  o  oder 
u,  was  die  Druckerei  nicht  ausdrücken  konnte**).  Auch  das  inlautende 
d  rar  t  habe  ich  beseitigt  (s.  Einleitung  XXI,  Anm.  2);  doch  hat  gode 
auch  P  941,  und  podech  W  4239.  4257.  Noch  manche  niederdeutsche 
Spur  ist  außer  den  in  den  Hss.  erhaltenen  und  von  mir  erschlossenen 
(set  1388,  thär  5658,  seilen  5672  etc.)  noch  zu  erkennen  und  hätte  wohl 
beibehalten  werden  sollen:  so  wen  statt  ican  1355;  redehaht  =  rede- 
h'ift  1371  :  missevel  =  misseviel  1437;  sice  =  sivie  1693.  3779;  ziet  = 
ziehet  1696;  mentätige  =  meint.  1929  etc. 

Dagegen  bin  ich  P,  nicht  A  gefolgt  in  den  von  A  ausgelassenen 
Stücken.  Es  sind  dieß  drei  größere  Stellen:  statt  839—978  hat  A  nur 
zwei  Zeilen:  Ihr  Laisrr  besprach  sich  drate  mit  des  riches  rate.  Ferner 
fehlt  8739—8770,  ohne  daß  eine  Lücke  bezeichnet  wäre,  und  der 
Schluß  von  9017  an,  ohne  daß  anzunehmen  wäre,  daß  der  Schluß  der 
IL.  A  nicht  erhalten  sei.  Jenes  erste  Stück  ist  von  V.  905  an  auch 
in  S  enthalten,  und  ebenso  lag  es  den  Umarbeitern  vor,  es  ist  also 
an  seiner  Echtheil  nicht  zu  zweifeln,  wenngleich  im  französischen  Ori- 
ginal ihm  nichts  entspricht.  Leim  und  Versbau  sind  ganz  wie  im  übrigen 
»■.dichte.  Die  beiden  Verse,  welche  A  dafür  hat,  weichen  in  der  Ortho- 
graphie vnii  dem  vorausgehenden  und  folgenden  ab,  sie  haben  der, 
drate,  des  statt  des  in  A  üblichen  th,  ferner  besprach  statt  besprah] 
sind  also  sicherlich  von  einer  andern  Hand  in  A  geschrieben  ge- 
wesen,  vielleicht  am  Rande.  Es  ist  im  Wesentlichen  dieselbe.  Ortho- 
graphie, die  auch  P  hat,  und  die  in  A  nochmals  wiederkehrt  von 
\ .    1  <  "•'•!      fc853  der  was  unter,  mit  then  in  derselben  Zeih-  beginnl  wieder 


*i  7:;i   f.  3696.   3622  nicht,    wo  offenbar  der  Beim  geglättet  ist,   wie  P  ihn  an 
ändert  n  Stellen  ebenfalls  glättet. 

Doch   li.it    auch  P  got  =  gttot   5902;    aber    hier   kann   ein  Biißverständnisa 
gen. 


390  KARL  BARTSCH 

die  gewöhnliche  Orthographie.  Aus  beiden  Stellen  ist  zu  schließen, 
daß  die  Vorlage  von  A  schon  lückenhaft  war;  sie  sprang  von  838 
auf  979  über,  eine  andere  Hand  ergänzte  die  Lücke  durch  zwei  noth- 
dürftig  einen  Zusammenhang  vermittelnde  Verse.  An  der  zweiten  Stelle 
wurde  die  Lücke  aus  einem  andern  Exemplare  ergänzt,  das  P  im  Text 
wie  in  der  Schreibung  ganz  nahe  stand. 

Das  zweite  in  A  fehlende  Stück  (8739 — 70)  ist  ebenfalls  vom 
Stricker  wie  im  Karlmeinet  umgearbeitet;  auch  entspricht  seinem  In- 
halt das  französische  Gedicht.  Daher  ist  hier  ebensowenig  an  der 
Echtheit  zu  zweifeln. 

Der  Schluß  endlich  bietet  schon  durch  die  darin  enthaltenen  Be- 
ziehungen auf  den  Dichter  die  Gewähr  der  Echtheit. 

Das  Fehlen  dieser  beiden  Stücke  in  A  ist,  glaube  ich,  anders  zu 
erklären  als  bei  dem  ersten,  nämlich  durch  eine  doppelte  Redaction, 
welche  das  Rolandslied  durch  den  Dichter  selbst  erfahren.  A  stellt  die 
erste,  P  und  die  Umarbeitungen  die  zweite  Redaction  dar. 

Ich  lasse  nun  die  Lesarten  der  Hss.  folgen,  indem  ich  mich  bezüglich 
der  orthographischen  Abweichungen  in  P  wesentlich  auf  das  beschränke, 
was  bei  der  Collation  der  Hs.  sich  als  abweichend  von  Grimms  Texte 
herausgestellt  hat.  Da  APS  in  Abdrücken  vorliegen,  so  würde  ein  Ver- 
zeichnen orthographischer  Varianten  ein  unnöthiges  Anschwellen  des 
Apparates  gewesen  sein.  Nur  wo  P  allein  vorliegt,  bin  ich  etwas  frei- 
gebiger in  Mittheilung  der  Abweichungen  gewesen. 

17  sun.  18  frum.  30  imir,  am  Schluß  der  Zeile.  34  betten. 
40  unde  am  Anfang  der  Zeile  mit  W.  Grimm  zu  ergänzen  ist  unnöthig. 
91  hie  ist  zwischengeschrieben.  102  erwirbit:  das  b  ist  aus  u  gebes- 
sert. 105  sterne.  126  unt  Grimm:  fehlt.  128  Wernes:  vgl.  meine 
Anmerkung  zu  dieser  Stelle.  130  thie  Grimm:  fehlt.  131  bei  Grimm 
in  zwei  Zeilen;  der  Punkt  nach  geswichen  ist  aber  in  der  Hs.  ausra- 
diert. 138  sprachin.  159  in  übergeschrieben.  162  di,  am  Schluß 
der  Zeile.  163  di  selbe,  am  Schluß  der  Zeile.  168  ime  nach  wart 
mit  Grimm   {Benecke)   zu   ergänzen  ist  nicht  nöthig.  172  gewerre. 

178  es  ist  nichts  zu  ergänzen]  vgl.  meine  Anm.  Grimm  und  dö  si  im  ver- 
nämen,  mit  dem  folgenden  Satze  verbunden.  179  zucht.  183  geheizen, 
für  ausgestrichenes  geize.  195  alt  erben,  von  Grimm  gebessert. 
205  nach  si  ein  atisgestrichenes  hin  (aus  der  vorigen  Zeile  eingedrungen). 
für  thiu  apgot]  den  apgoten,  aber  en  am  Schluß  ausradiert.  Die  von 
mir  gesetzte  Lesart  wird  durch  die  Übereinstimmung  von  Stricker  und  von 
Karlmeinet  bestätigt.  210  getü.  218  von  Grimm  übersehen;  Hs. 
uwir  meister  schefte  unter  tan.       234  gotes  St(ricker)  und  K(arlmeinet) : 


ZUM  KOLANDSLIEDE.  391 

fehlt  P  und  bei  Grimm.  236  sorgen;  vgl.  195.  210.  324.  372.  452.  590. 
591.  608.  610.  784.  785.  790.  836.  1203.  1465.  1680.  1913.  2719.  3356. 
3424.  3992.  4291.  4504.  4992.  5078.  5620.  5708.  6012.  6038.  6251.  6262. 
6362.  6772.  6988.  7542.  7712.  7715.  8388.  8456.  8858.  8879.  8994.  9014. 
253  selbe  im  selbe  herre ;  un,  nicht  im,  wie  Grimm  angibt.  Der  Schreiber 
gerieth  bei  -ser  in  das  vorhergehende  selbe.  258  vor  kelh  ausgestrichen 
hei.  262  ktininc.  267  ih,  nicht  ich.  268  diu  deü.  270  ge- 
truwe.  273  here]  her,  h  mit  rother  Farbe  zwischengeschrieben.  296  sih 
fehlt,  geben  maze;  vgl.  zu  236.  301  ain.  303  tortolose,  und  das 
ist  nicht  in  Tortose  zu  ändern;  s.  mein  Namenregister.  311  uerwan- 

delet.         313  stan  hns.         323  rafte.         324  snellen.         328  gwinnnin, 
nicht  gew-.      333  di.      338  kerte.       341  in  di,  am  Schluß  der  Zeile. 
370  werde.         372  miten.         376  zuo   there   cristenheite  Str.  und  K.J 
in  di  cristinheit.  384  sömte.  386  kere.  392  manigen  lante. 

Nach  Maßgabe  der  zu  V.  236  angeführten  Stellen  ist  eher  manigen  lanten 
zu  schreiben.  399  unter,  statt  ausgestrichenem  uf.  410  da,  zwischen- 
geschrieben. 418  ge  weltiget;  vgl.  558.  419  er  Grimm:  fehlt  P. 
428  tochte.  439  ime  fehlt.  444  Fundevalle ;  Fundeval  haben  Str. 
und  K..  Val  Funde  das  Original;  aber  Vallefunde  wegen  3522  zu  schreiben 
ist  nicht  nöthig;  vgl.  meine  Anm.  452  gereiten.  481  du  Grimm: 
do.  489  unsich,  ich  scheint  ausradiert.  496  uns-  sich  in  zwei  Zei- 
len. 497  daz  Grimm:  da.  ie.  503  iht  Grimm:  ich.  513  aller  P. 
515  enbeite  P.  518  bim  P:  sin  A.  Vgl.  826.  984.  1673.  5277.  5893. 
8159.  519  Ylaban  unde  andriu  kint  P;  ich  halte  diese  Lesart  in  der 
TJiat  nur  für  Entstellung  von  dem  toas  A  bietet.  524  da  zu  P.  526 
rate  /'.  527  kein  Absatz  A.  528  mit,  zwischengeschrieben,  P.  theme 
fehlt  A:  vgl.  1352$.  529  da  wir  nicht  widire  mfigen  P.  530  da 
zu  P.  531  kerre  A.  532  du  minir  lere  P.  Mit  P  stimmt  K.  408,  27 
allerdings  nberein.  540  kuone  unde  ethele  A ;  vgl.  766.  541  tha  A. 
542  MicheKsil.  543  zen  phahen  P.  Vgl.  1411.  544  in  P.  So  hat 
A  häufig  an  nach  niederdeutscher  Art  (vgl.  zu  Crane  37)  statt  mhd.  in. 
Vgl.  657.  595.  678.  730.  736.  760.  825.  984.  1008.  1013.  1058.  1062. 
1091.  190).  1953.  1971.  2027.  2329.  2409.  2536.  2549.  2587.  2621.  2638. 
2671.  2715.  3305.  3325.  3368.  3511.  3528.  3541.  4472.  5145.  5147.  5157. 
5166.  5636.  5806.  5859.  8192.  8411.  8720.  Doch  steht  auch  tarne  für  inne 
4943.  thi  für  tha  5370.  thir  für  thar  5404.  thizfür  thaz  5434.  i-nphih  für 
enphah  6502.  vgl  auch  5777.  Ebenso  S;  vgl.  927.  935.  961.  991.  1043. 
1059.  1074.  1105.  1258.  165»;.  1664  1777.  Beide  überemstinwiend,  we 
Pin  hat,  1262.  I' hat  ;„■  für  in  723.  5467.  8781.  8817.  8877.  9006. 
an  ist  an  allen  diesen  Stellen  wohl  <l<ts  mm   Dichter  gesetzte.       548  dienen 


392  KARL  BARTSCH 

vorchtliche  P.         550  der  got  nine  P.         552  gat  A;  ergät  haben  auch 
St.  und  K.       554  abe]  von  P.       556  mannelich  A,  manlich  K.       557  in 
P  und  K.       558  du  P  und  K:  fehlt  A.  In  P  ist  du  zwischengeschrieben. 
thaz  A:  sine  P.     de  lant  K.       564  erloesen  P.       566  lobeten  Pund  K. 
567  Thier  A,  Der  P;  «wcA  St.  hat  nur  den  Artikel.    Vgl.  550.      569  zo  J., 
fehlt  P.         574  Gerglano  von  there  marke  A.  Die  Lesart  von  P  könnte 
Reimglättung  scheinen,  sie  wird  aber  durch  St.  1158  bestätigt.       575  bai- 
ziel P.     Palziel  St.       579  thare  kora  fehlt  AP.  St.  hat  daz  niunde  was 
Jömel,  fand  also  vielleicht  in  seiner  Vorlage  den  Vers  auch  schon  lücken- 
haft.      589  mugend  A.     gesceiden  P.       590  dar  —  veilen  P.       591  ge- 
winnin P.         592  rnin(?)    sinne  A.         595  in  P  und  K,  aber  St.  an. 
596  zu   then  A,  ze  P:  Str.   zen,  K.   zo.         600  sie]  die  P.         604  so 
wer  A,    swie  P.  608  muoze  AP.         609  vor   corderes   der   stete  P, 

geändert  um  einem  Mißverständnisse  vorzubeugen.    Vgl.  meine  Anm.       610 
Bit  A.     then  fehlt  A:  durch  den  got  auch  K.  426,  40.     bete  P,  um  den 
Reim,  zu  glätten,  vgl.  zu  236.       614  an]  mit  P;  Ä'.  hat  in;  vgl.  zu  544. 
615  er  fehlt  P.      617  imo  sende  P;  mit  A  stimmt  K      618  olbende  P. 
620  unde  andere  gebe  mere  P;  i£  7iai   ind   ander  en  geyne  mere,  was 
aus   der  Lesart   von  P  entstellt  sein  kann.         622  ir  fehlt  A.   Vgl.  1197 
in  S.         623   da— dinge  P         624  gewinne  P.         626  tha  A.         628 
gwande  P  Allerdings  hat  auch  K  gewande  und,  St.  richiu  kleider,  aber 
die  Änderung  lag  allzunahe  als  daß  dieß  etwas  beweisen  könnte.       640  en 
ne  P.     dorste  A.     behefte  P.         641  ze   deme  gesezze  P         643  bom- 
garte  A,  bougarten  P.         649  springin  A.       65 1  vü  P,  fehlt  A.         652 
wunne  P.         653  vrachemphen  P.        654  uon — wenchen  P.         657  da 
obne  uz  spranc  P  spranc:  adelaren  ist  ein  undenkbarer  Reim,  offenbar 
ist  die  Reimform  vlouh  (=  vlouc)  Anlaß    der  Änderung  gewesen.    Auch 
steht  nach  adelaren  kein  Punkt  in  P.        660  da  si  P.         663  und  fehlt 
A,  und  vielleicht  richtig.  Es  scheint  ein  dno  koivov  vorzuliegen.       668  then 
fehlt  P.         672  nie  fehlt  P;  ney   hat  auch  K.         674  rehter  fehlt  P 
678  in  P       681  zewaren  A.       682  uffe  A.       683  antlize  P,  anlizze  A. 
684  then  A.     wol  A,  fehlt  P.  685    vor   scowen   ausgestrichen   swou- 

wen  P.  687  sterne  P  692  herlich  P,  aber  vorher  über  der  Zeile 
zi.  694  niht  noh  A.  gescouwin  P  695  die  lüchte  P  then  fehlt  A] 
vgl.  610.  696  der  sunne  P.  704  rihte  (?)  A.  705  er  chonde  P 
706  ein  guot  P  Allerdings  hatte  auch  die  Vorlage  von  P  schon  ein;  wie 
sich  atts  der  fehlerhaften  Wiederholung  in  der  folgenden  Zeile  ergibt,  und 
St.  hat  ebenfalls  ein  guot  knecht ,  aber  das  beweist  nichts  für  die  Ur- 
sprünglichkeit dieser  Lesart.  707  vor  uz  ausgestrichen  ein  gut  P.  708 
in  thie  werlt  fehlt  A,  auch  St.,  indeß  wer  zu  den  langen  Vers  kürzen  wollte 


ZUM   ROLANDSLIEDE.  393 

konnte    es    kaum    anders    als  *t.    that.         709    dare   vure  /'.  stunt  A. 
710  hob    er   alsus  .1  713   irboten  P;  K.   hat   enboden.         714  von 

deme    von   P.         716  hieze  P,    ne    liiez  A.     gewerden   P.         718  me- 
gede  /'.     wurde  P.  wart   er  .  1.         "<23  an  /',  wohl   das   richtige]   vgl.  zu 
544.      727  wir  sin  A.      730  in  P.     niht  ne  sterben  A,  iht  irsterben  P. 
731  suihte  allez  an  .1.       732  ther  alte  man  A.       734  dir  enbiutet  P. 
736  in  sinim  P.      738  getorsten  A.      741  Thies  A.      742  gebiutest  P.  ■ 
746  su  waz  .1.  al  daz  P.     du  is   herre  wil  P.        750  garren  7'.        753 
dar  /'.     erzaichen  A.       755  wole  fehlt  A.       756  nu  tu  P,  do  A.       758 
wither  fehlt  /'         760  in  P.        763  tha  A.        764  werde  P.       766  und 
/eAft  /'.        773  rede  getichte  P.        777  heilige  P.        784  got  fehlt  P. 
walten  P.         785  sconerne(?)  A,  sconen  P,     geberen  P.         787  gewis- 
heitP;  vgl.  1457.       788  herre  /eM  A.       790  du  zewalte  P.       795  then 
fehlt  P.       797  gif  4.       798  vorsten  A,  vürstin  P.       800  \\üv  frhh  P. 
802  wole  uaren  A         803  gewogen  P,  darm  tciederholt  {durch  Verirren 
zu  dem  ersten  muget)  un  möget  uwere  sele  wole  gewegin  P.       804  und 
fehlt  A.     iemer  uwere  vroliche  P.         806  machmot  /'.         809  dar  P. 
812  gelofet  ir  A,  glübit  P.         825   einem  P.     in  P.         826  sit  ir  A. 
her  zu  mir  P.        828  muz  ich  P:  a« ch  K  hat  wil  ich.     untwiken  J.. 
829  bezeichinot  P.     then  sige  A:  vgl.  meine  Anm.         830  hir  nah  A. 
komet  P.         831  daz  sich  M.  bekerel    /':   St.  und  K.  stimmen  mit  A. 
833   swaz  M.    hat  widir   mir  P.        836   habt  P     ir  feh't  A.     sorge  P: 
236.  859  vile  kunner  seilt  fehlt  P.  878  burgetor  P.     gwun- 

nen  P.         880  die  P,  nicht  di.     cristin  P.         881   mons  oy  P.         888 
choelten   P. 

905  gisele  P,  /i>W>/  gisile.        907  nu|  un  S.        nur/,  ratet  durch- 
strichen waz  wir  (fehlerhaß  aus  906  wiederholt)  P.  913  groz  $. 
914  gwinne   P.        917  ih  ,/W,//  P.        921  mahrnete  &        922  ßi  gewel- 
tigent  >'.  so  geweldigent  si  P.       923  risenot  &       924  die  P.      925moze 
wer  8.     imir  wole  glagen  P.        927  in  /'.        930  erste  /'.        931  üb, 
H*'c/^  lij»  /'.          932   Bwenne  8}  swanne  P.     die  zit  S.  933  sal  S, 
scole  P.         934  vile  fehlt  S.     wal  .\  wole  /'.         935  in  /'.         938  ge- 
.-tiuint  P,  er  gestuot                939  nu  wole  herre  P.          941  gode  P. 
942  di  p.         946  leite  P.         947  anz  fehlt  S.     zo  den  &         951  be- 
kennen  S.        953  unrein«'/.  &        955  Barreguz  <s'.        957  ze  Btoeren  S, 
vgl.  L330.'      959  niwez  mere  &       961  in  P.      962  triwieliche  &      963 
nahretich  &        964  g<  wi  Itigel   PÄ                          inei  -s'.       966  Nu  un 
iemermereÄ      967nodigen&      968in/eA&&      972  alsez  S.     974cro 
nen  8.        981   gebuwen  /'.        982   sculen  .1    ächull  PS.       :,st  an  .1. 
ir,  nicht  er  /'.     sit,  da/rüber  birt  .1 1  '■<//.  v  518.       988  uns  allen /eAA  .1. 


394  KARL  BARTSCH 

990  Tha  A,  darzo  S.  tha  A  :  dir  P,  so  S.  995  ni  volge  A,  uolgen  Pr 
uolle  ge  $.      rabene  A.  996  thie  muozen  AP:  zu  erklären  aus  dem 

nicht  verstandenen  thie  =  ther,  das  als  Plural  genommen  wurde.  Vgl.  550. 
567.  Die  Lesart  von  S  sine  sete  ne  sule  wer  nicht  haben  ist  keineswegs, 
icie  Grimm  meint,  die  echte,  sondern  eine  willkürliche  Änderung  der  nicht 
verstandenen   Vorlage.   St.   hat    den   man  in   boesen    siten    siht.  997 

iu  AS.       998  olezwih  A.       999  den  P.     turteltubin  P,  turturtuben  S. 
1000  uesten  P.  1001  uweren  scaffare  A.         1005  mit  S.     rotem  P, 

roten  A.  1008  nu  fehlt  S.     an  cit  A,  enzit  S.  1009  des  ui  rlihe 

derP  1011  vone  A,  van  S,  von  P.  1013  an  A.  1014  tugen- 
lih  A.  1015  gelobesam  A.  1016  dem  PS,  de  A.     gezam  PS. 

1018  deme  P       1020  hete  ih  A.       1C21  tusent  helde  miner  manne  P 
1022    sint    geslagen  A.   eruangen  S.  1024  ze   der   marter  uundet 

man  P     mater  S.     rehte  A.       1027  nieme  &     ne  fehlt  PS.       1028  ze 
/eÄft  A.       1030  wie  &     meare  P       1031   dar  in  daz  ir  S.     1034  then 
/eÄfo  A.     unseren  4P        1036  in  A.        1040  haben  &        1042  geualle 
ich  minen  S.         1043  an  S.         1046  iemer  /eAft  A.         1048  iegeiihes 
«m  Schluß  der  Zeile,  P  1049  thaz  fehlt  PS.  1050  uertrugenz, 

am  Schluß  der  Zeile,  P,  vertruh  iz  A.  sine  michelen  >',  sin  A.  1053 
sin  /eÄ&  S.     ne  /eftft  P&  1056  urlobes  A,  des  urlobes  P  1058 

an  A.  1059  an  S.  1062  an  4.  1064  ire  fehlt  A.  1065  thes] 
is  /'.  1066  oder,  aus  oder  in  ader  gebessert,  P.  1074  an  S. 

1075  chrump  P  1076  maehte  P,  mohte  AS.      thieoest  A.     iet  4, 

ich  P     geschaphen  PS,  gescaffen  A.       1081  gwisse  P,  g  übergeschrieben. 
Wahrscheinlich  ist  wisse  cfo'e  echte  Lesart;  vgl.  787.  1457.         1082  mi- 
chelis  (-es)  PS.        1083  so  fehlt  PS.         1084  daz  P     scol  A,  schol  P, 
sal  £.         1086  Thiu  solte  A.     wesen  4,  si  P     ther  4:  daz  P,  fehlt  S. 
1087  sen  .4.  1089  wesse  {wohl  wsse)  4,  wuochse  P,  wochse  S. 

1091  an  A.  1092  wolde  ih  A.      gerne  fehlt  S.  1097  sin  & 

1098  al  under  wege  A.         1100  raten  S.         1104  iz  fehlt  A.         1105 
an£.        1106  uns  PS.        1107  uns  allen  A.       1108  zemt  iz  niht  S. 
1110  sament  4.       1112  zeichen  A.       1116  vor  ime  da  S,  vor  ime  P, 
1119  hirA       1120  uder  slach  P       1124  dar  PS.       1125  ne  fehlt  P. 
1130  sine]  ire  .4.         1132  si  heuen  P,  heuent  si  S.         1139  üble  thine 
salte  herre  A.         1141  hete  AS,  het  P.         1145  ungewegen  A.        1149 
nu]  noh  A.      haben]  untfahen  S.  1150  die  S:  ther  AP.      tha  4. 

1151   üble  P.         1153  gerwet(?)  A.     uns  alle  hir  nah  A,  uns    hernach 
alle  S,  uns  hernach  uile  P.       1155  gestericheten  4,  gestreichtem  PS. 
1160iuwet£,  iewet  A.         1163  die  uns  der  PS.    geist  fehlt  P.     1166 
samenoten  A,  gesamnent  S,  gesament  P.       1169  die  S.     vile]  wole  PS. 


ZUM   ROLANDSLIEDE.  395 

1171  ir  fehlt  A.  1172  mannelih  4.  1173  vor  AS.  1177  der  PS. 
1178  tene,  zwischen  geschrieben,  P.  1183   cortüne  P,  virtune  4. 

1184  diebalt  PS,  Teibat4.  1190  gergirs  PS.  gergir  />.  1191  gri- 
seis  A.  1193  brittannia,  ein  n  übergeschrieben,  P.  1194  stunt  S: 
ther  stunt  .4,  gestirnt  P.  al  /eAft  4.  1197  ir  fehlt  S.  1198  üben  A, 
übet  P,  nicÄ£  über.  1200  thar  A.  1202  er  neme  AS,  heithene  A, 
beiden  P.  1203  oder  man  uure  die  boten  hinne  A.  1205  ne  fehlt  P, 
uil  ne  S.  1209  ne  fehlt  P,  un  ne  S.  1210  gewerliche  PS.  1211 
Mables  X.  1215  unsen  S:  unseren  AP.  1220  uore  A,  uort  &  1221 
minen  A.  1222  biscoph,  b  aus  oder  in  p  verändert,  P.  1223  selbe 
/«Äft4.  1227  da  P.  1229  di#,  ther  AP.  sagend.  1231netruwe4. 
neheiner  hat  auch  P.  1234  uersezzen  S,  uersocben  A.         1235  ime 

urithe  A.  lazzen,  ein  z  übergeschrieben,  P.  1236  nine  PS,  niht  ne  A. 
1237  minen  4.  1238  fehlt  A;  vgl.  K.  438,  6.  1242  wither  4P. 
1243  lageten  A,  geleiten  P.  allu  A,  fehlt  P.  1244  vorhten  sie  A. 
1247  sanctum  A.  1251  er  fehlt  A.  lip,  am  Schluße  der  Zeile,  P. 
1252   kruke  4.  1255   bluet  P,  bloet  A,  blürae  <&     In  4P  darüber 

flos.  1256  scolt  4P,  salt  S.  urlouben  S,  geloben  4.  1258  an  S. 
1260  thine]  thie  P.  1262  in  P.  1264  biscof4P,  bischof  S. 

1266  maehten  P,  mehten  S,  mohten  4.         1267  geweit  >'.         1268  ge- 
restet S.  1269  uaste  P.  1271  sterken  4.  1272  habe  P. 
1273  get  sizzen  S.          1274  gesizzit  P.          1277  alle  4,  al  S.         1279 
sinÄ         1280  biscofe  4,  bischoffe  S.          1283  wil  S,  fehlt  P.         1284 
so]  thu  4.         1285  der  PS.         1289  die  S,  ther  4P.     best  4&       1292 
grozzer,    ein  z    übergeschrieben,  P.           1293    scol    /,  sal  AS.  1295 
daz  er  iz  wole  P.           1296  lone  4.           1297  thienet  4.           1299  tha 
vore  4.         1304  sie  ne  hilf  4,  in  ne  gehilfet  S.         1305  tha  ane  4. 
1306  weincte  S.       1308  des  (Schluß  der  Zeile)  ne  heinen  P.     thang  4, 
gedancPS.           1309  sende  4.     tha  4.          1311  urloube  S,  gelofe  4: 
v$fJ.  1256.     du  ez   S,  iz  4.          1316  is  mir  4,  mich  mir  9i"  P.         1318 
alles  fehlt  4.         1319  schiere  PS,  wole  4.          1321  trowe  4.         1323 
dinen  P,  thie  4:  t#J.  1260.        1325  ne  fehlt  P.        1330  zestorent  £. 
1331  ne  fehlt  P.     gewaehne  P,  gewehne  S,  gewah  4.       1333  böte  4. 
1339  herre  fehlt  P.           1342  were  -6'.      der  PS.           1343  iethoh  then 
ende  4,  daz  ende  iedoch  P,  daz  ende  aS.       wole  wole  P.       sagen  ,  1. 
1345  scolt  4P,  salt  S.       1349  mit  fehk  A.    rowe  4,  gode  S.       1352  thir 
fehlt  PS.     thune  fehlt  P.           1353  thaz  iz  mir  4.     ne  fehlt  PS.     ver- 
wizzeP.         1355  wenne  PS.         135*  tonde  ,1,  tuone  PS.         1362  ne 
/eÄÄ  PS.      gewaene  P,  gewah  4,  geweh  S.             1363  BÖ  /«ÄÄ  PS. 
1365  sament  4.       1368  triwesten  S.       1369  gczeichen  J.        1371  rede- 


396  KAKL  BARTSCH 

haht  P  1373  meu  S,  me  P.  nu  fehlt  A.  einen  S.  1374  zeme  A, 
gezeme  PS.  1376  scol  AP,  sal  &     ins  P,  es  in  &  1378  Spra- 

hen  A.  1379  maechte  P,  mehte  S,  mohte  A.  1380  romischeme 

riebe,  uogete.  P  138lsowaA  sende  P.  wolde  APS.  1386  under 
den  hersterbe  S.  1387  allez  fehlt  P.  1388  acb  P,  bueb  &  unde 
un  we  P.  sce]  sie  A,  gesche  S,  geschehe  P.  1390  geiste  A.  1393 
ist  idoch  min  S.  1396  there]  diner  S.  1397  scol  AP,  sal  & 

ouch  5,  fehlt  P     dir  Ä.         1398  scol  ^1P,  sal  S.     minen]  tben  A:  viel- 
leicht ursprünglich  tben  minen;   vgl.  1049.     lib  AP,  lip  &  1399  nu 
/e/iZf  J..       1402  des  gat  (aus  hat  gebessert)  mich  ane  P,  iz  tot  mir  & 
1405  gezochelicbe  A.       1406  ther  fehlt  PS.     swager  4.       1408  wis  A, 
wiser  &            1411  intphahen  A,  zentphaben  PS.            1413  sinne  A. 
1415  siebs  P,  sih  A,  es  sich  *S.       1416  genuh  werete  sich  Genelun  S. 
1417  hantschün  S.        1420  di'ze  hast  du  P         1421  üble  P     wr  ime 
durchstrichenes  dir  P.           1425  ne  /<?M  P,  nu  ne  &           1426  vone  P, 
van  $,  von  A.            1427  enuirste  du  P,  neuristet  S.            1428  ist]  diu 
ist  S.       1429  ungebaren  P.       1430  hantschon  S.     auer  A       1435  hant- 
schon S.         1437  misseuel  A.         1438  man  ^P£.     in  AP.         1440  ze 
/g/*&  S.           1441  unwirdeclichen  (n  atisradiert)  /',    unwetlichen  S.     en- 
phibe,  am  Schluß  der  Zeile,  P.          1442  muoze  A.         1443  maehte  P, 
mehte  5,  mohte  Jh  ebenso  1449.  1481.       1445  unde  fehlt  A.       1448  er 
bestroufet  S.            1454  Bazanza  A            1455  choment  P,  keinen  S. 
1457  an  A.     gewissen  AS.       1458  sere  A:  heize  P,  harte  S.       1459  nu] 
ia  «S.           1461  sehein  S.     gwan  P,  gewan  S.           1465  gesunde  JLS. 
1466  tbat  A.       147 1  ienoh  fehlt  A.      1473  sal  APS.       1475  nehein  PS. 
1476  also  S.       1479  scol  AP,  sal  5.       1482  gezochen  A.       1484  nicht 
gezeme  PS.        1485  ein  roubere  were  P.       1487  ther  sprah  gezoeben- 
licbe  A.         1489  unzuhten  S.         1491  gezimt  S.          1493  also  liep  so 
iueh  S.     min  PS.     si  APS:  vgl.  1363  und  zw  236.       1497  bethenket  A. 
1498  zon  P     ne  /eÄft  PS.           1500  ne  fehlt  P,  nu  ne  S.  1501  li- 
uende  A,  lebene  &     weist  PS.       1502  ingesigele  A.       1509  wirthet  A} 
wirdet  P,  werdet  &       1511  gut  heil  S.       1512  also]  unde  A.     wis  P. 
unde  munt  A.         1524  ih  fehlt  A.     in  &        1525  swederhalp  er  PS. 
1526  mohte  sciere  A.         1528  mit  gote  S.         1529  du  nim  5.         1530 
nu]  un  PS*.       1531  helfen  8.     himlischin  (Schluß  der  Zeile)  P.       1532  da 
wir  P     das  zweite  da  übergeschrieben  P.     geeren  S,  eren  A.       1534  lieber 
man  g.  S.     geswager  A.       1536  lite  A,  beleite  P,  geleite  S.       1537  sä] 
da  S.           1540  genulune  P.           1542  dar  Ä           1543  claien  vn  S. 
1544  van  siben  S.       1545  gereht  #,  gerete  A,  gereit  P.        1547  ster- 
ben P.        1549  phelle  P        1550  io  perlen  .1.        1551  gestaine  die  P, 


ZUM   ROLANDSLIEDE.  397 

mit  steinen  S.  1552  luhtent  A,  die  luchten  S.       Sternen  AS.      en 

gegen  S.     abent  AP,  ab .  . .  S.       1553  aachant  P.       1554  smaradde  A 
1556  onichinus  A.         1557  mohte  A,   maechte   iz    (iz  zwischengeschrie- 
ben) P,  mehtez  &  1558  luchte  P.         1560  berillen  P.         1561  ama- 
tisten  A.        1564  wole  /eÄft  hier  P.     zerae  .4,  gezemen  P.       1565  wole 
karle  deme  maeren  P.       1568  lehte  AS:  legite  P.       1569  zirlili  AP& 
1570  go(u)den  A.        1571  waehe  A,   . .  .ge  &        1572  tha  A.         1574 
dar  &          1576  si  schinen  P:  um  das  ano  xotvov  zu  beseitigen.       1577 
sine  A.         1579  was  fehlt  P.         1580  gemmen  S.         1581  rainne  A. 
1583  ine   mitten  A.         1584   mugelar  -4.     raere  AS,   beste  P.         1585 
al  P.     franzen  &        1587  uonem  houbte  P,  von  sineme  A       1589  tun- 
ker AS.             1590  liubte  AS.         1591  thiu  A  1592  en  war  P. 
nie  nehein  PS.         1596  tha  wnderes  ane  A.         1598  vone  4P.     1599 
dar/-',    zeichen  A       1603  war  P.        1604  meines  derzoge  S.    phach  P. 
1606  ersta'ph  P.            1607  rou  AS.          1608  inder,  nicht  under,  P. 
1616  zabel  &       1619  von  ime,  zur  folgenden  Zeile  gezogen,  P,  dar  in  S. 
1626  mantiel  S.         1629  al  P.          1630  gezale,  ge  übergeschrieben,  P. 
1631  tale  PS.          1641  sin  S.          1642  hinnen  Ä  1644  uzer  S. 
1645  zile  P.          1646  derre  S,  dirre  P.          1647  al  P.  1649  mar- 
liiz  S.     taskprun,  k  übergeschrieben,    P.           1651  dri  P.  1652  sine 
achslen  S.         1656  an  S.          1657  lebenten  P.         1663  weineten  S. 
1664  an  urteil  S.        1670  gedachte  mit  sinen  P.        1673  ir  sit  &     zuo 
theme  töde  fehlt  S.       1675  wole  zwischengeschrieben  P.       1677  lone  P 
1678  gerne  gesculde  P       1680  eren  S.       1682  sit  S.       1691  daz  er  Ä 
weisen  S.       1693  swe  iz  S.     sinen  (o/ine  in)  willen  willich  besten  S. 
1695  scol  P,  sal  5;  ebenso  1701.     wo\e  fehlt  S.       1696  ziht  /',  ziel  & 
1700  er  habe  &          1707  phaphte  P.          1708  lazze  P.  1710  iuh 
ouchä         1712  dar  S.       1715  ratet  ir  ere  P        1722  sehe  S.       1726 
zwiuelliche  P,   .  .  .lieber  S.        1727  ne  sie  ich  S.       1729  schieden  & 
1730  de  iaraer  P.       1733  erde  S.       1734  von  der  P.       1738  sehen  & 
1739  begonde  P,  begunde  S.       1740  wuften  P       1742  der  herre  gol  # 
1744  gesehege  s.         1746  da  &     Bine]  dii              1747  an  dilede  S. 
1750  trurlichen  P.          1752  ir  kurzwile  &          1753  sageten  P 
1754  sagti-n  /'       1756  vil  vru  'S'.       1757  erhalte  &     erbalt. •  fad  mich  st. 
1759  neben  ime  P.        1763    iirage  /'.        L764  Bine  man.  ratgeben  /'. 
1765  onh'  fehlt  P.         1772  rfizen  -\  rfizzen  /'.     boelan  PS        L773  alle 
Bam  8         1777  an&       L780  swanüe  ers  sich  wil  erlouben  S.       L785 
iueh   dar  ieraer  S.     Bizze   P.         L787  arage   P.         IT'.»  1  neheiner  S. 
1799  könige  P.         L805  wilt  du  /'.  wiltn  A         L806  ßage  P.        L809 

gip'Ä         L810  dar  &         1813   dann    abc  /'.    dni  \      hurt«'    g.-.-ag.-ii  S. 


398  KAI*L  BARTSCH 

1820  behalte  S.  1825  dir  sin  P,  is  dir  S.  1828  wele  S.  1829  er- 
kentih  S.  deheinin  P.  1834  küninclich  P  1841  hete  PS.  in  der 
hant  S.  1843  geuaztem  P,  am  /Schluß  der  Zeile.        1844  chunige. 

1849  geweitige.        1865  wellent.        1866  kaerlinge.        1870  künige. 
1878  zesamme.         1879  wurtbe  fehlt;  vgl.  K.  446,  36  und  St.  2382. 
1881  maechtet.       1882  mit  frithe  fehlt;  vgl.  K.  446,  41  und  St.  2385. 
1883  mir  thes]  dar  zu;  K.  446,  42  mir  des,  H.  2386  mirs.       1894  von 
du.  1898  erurüte.  1900  mit  notte  (niute?)  beginnt  A  wieder. 

ander  stunt  P.         1901  an  thie  A  1902  rechuchte  P,   hugete  A. 

sich  rehte  uzzen  P.  1904  den   geberen  P.  1905  müzzere ,  ein  z 

übergeschrieben,  P       1906  unz  fehlt  A.     1910  hergesellen  A;  vgl.  2218. 
1911  thir]  is  iu  P.     also  P  1913  thiete  A.  1915  ne  geswichen 

fehlt  P,  niemmir  steht  am  Schluß  der  Zeile.  1916  deheinen  P.  1919 
si  P.  1920  einen  oeleboum  P.  1921  genelun  P.  1929  mentae- 
tige  P.  1930  uerkofte  A,  uerchophte  P;  ebenso  1936.  1932  uil 

üble  P.    ergie  A,  irgen  P.         1933  erhie  A  1937  uerchouphte  P, 

uerkofte  A  1939  magigen  P.  1940  ime  fehlt  P  1944  In  P. 
1948  alle  samt  P,  also  samen  A.  1953  an  A  1954  nehainen  A. 
1956  Er  rorte  thatz  A.  1958  sconem  P.  1961  natural.  1965  er 
fehlt  A.  1966  smeizzet  A  1967  wormbezzech  A,  wiirmbeizeich  P. 
1968  imen  P  1969  daz  bezeichenet  P  1971  falses  A  ualsches  P, 
s  übergeschrieben,  in  P.  1972  er  P.  1973  sin  müt  ist  innen  P. 
1974  gebehchet  A,    gehechet  P:  K.  448,  20  geswechet.  1975  aver 

fehlt  P;  euer  Ä'.  448,  21.  1977  lerne  P.  1982  wonten  P.     thä 

/eAft  A         1984  gelouet  A         1987  heide  P.         1991  uil  State  si  ime 
daz  P.         1992  Der  rat  der  P.         1997  got  fehlt  P:  t#Z.  #.  448,  43. 
gehalte  P;  behalte   ctmcä  iT.  tmd  £k.  1999  unde  gebe  P:  die  geben 

auch  K.  und  St.       2001  behotest  A.      2003  thih  4.       2006  er  worue  P, 
eworfen  A      2007  alse  —was  P.       2013  boten  A.     rede  P.     willen  A. 
2016  du  sprach  P       2018  kein  Absatz  P.       2021   sine  alle  getroste  P: 
vgl.  St.  2570.       2025  der  keiser  P.       2027  in  die  P.       2029  an  einen 
waren  got  geloubest  P.         2030  gwisheit  P.  2032  di  P,  then  A 

cristinheit  <*e*  P.  2033  ste  P.  2036  sine  A.         2037  miist  du  P, 

moste  4.         2038  behabest  du  P:  £*.  2585  behaltet.         2043  tha  A 
2044  wither  A.       2045  mohte  thih  erweren  A.       2047  offe  4,  uon  P. 
2052  Marssilie  P.       2053  Er  Weihte  A       2054  gwan  P.       2059  spranch, 
n  übergeschrieben,  P.       2060  greib  A,  begreif  P.       2064  er  entwisgte  P. 
2068  kunige  4,  küninge  marssilie  P.         2069  dinen  gwalt  P.         2072 
diente  P.      2074  gurumte  P,  gerumete  4.     mit  fehlt  A.     Die  Lesart  von 
A  (gerumete)  ist  nicht  schlecht,  kann  aber,  wenn  die  gemeinsame  Vorlage 


ZUM  ROLANDSLIEDE.  399 

von  AP  gurumete  hatte,  auch  Änderung  sein.         2075  nie  also  glastert 
wartP.       2078  bin  bunden  A:  vgl.  1022.       2081  veigenj  weinen  A 
2083  uberwinnest  A.         2084  dofest  A,  tobist  P.  2088  hauen  A. 

2093  kein  Absatz  P.  2095  kunige  AP.  2096  du,  nicht  du,  P. 

2102  ruwe  P.  2104  heizet.         2111  sprah  A,  prach,   davor  ein  s 

ausradiert,  P.     massilie  P.       2112  ingesigele  A.       2117  ir  fursten  P. 
2118  dirrre  P,  thisse  4.        2119  tumliche  A,  tumplichen  P.        2123  su- 
maere  P.  2125  ze]  iz  A.  2127  wirt  AP  2129  geteilen  P. 

2131   iemmir   raere  P.     dar  P,  ther  A.  2136  ungezoliche  il,  unge- 

zogenlichen  P.     getan  P.         2137  zuo    einere  antworte  A.         2138  ge- 
uazeten  A  geuaztem  P.       2141  mohte  A       2142  gesellende  P       2146 
chünincliche  (tfcfcfojfl  der  Zede)  P.       2147    dir  also  P       throt  A     2148 
han  A,  is  herre  haben  P         2149  wirt  ^4P         2150  hat  ze  leide  P 
2152   ther  zornte  A;  vgl.  2053.         2156  unser — han  A.         2158  vro- 
went  A.         2162  gelere  P         2164  thine  thing  A.         2165  lazze  P 
2168  al  A.         2172  ich  ime  P         2173  sinne  A         2176  Fürsten  die 
herren  P:  v^.  2851.  3092.  6131.   7218.   7522;    besonders  auch  7571. 
2178  eine  fehlt  A.     bine  fehlt  A.         2179  antlizze  P,  anlizze  A.     also 
/eÄft  A.  2182  riche  /e/z^  A     gezeme  A.  2185  kunige  j4P     ne 

fehlt  P.      2187  gie  :  entphie  P       2189  waehte  P,  wehte  A       2190  die 
haut  P     rehte  A         2191  lieber  P         2196  aller  beste]  wole  A.     ge- 
rate P         2198  walso'ron  P  2199  Wal debrunA  2202  der  hc 
alte  P:  der  Schreiber  gerieth  in  die  vorige  Zeile.        2203  tha  A.        2205 
Genelune  A.         2206  einem  innern  urunde  P         2210  salt  du  P,  sol- 
tu  A         2213   gwaltechlichen  P          2216   raohtu  A.  2224stete  P, 
stede  4.       2225  gethingen  A.       2228  raih  fehlt  P.     geuen  A       2229  ge- 
waltechliehe  P           2231  thaz  er]  unde  P            2233  werthen  A:  vgl. 
8t.  2783.         2236  maehte  P,  mohte  4.         2238  di  P.         2241  genelun 
^P:   vgl.  2265.         2242  mir  ouch  P;  i#£  1710.         2247  ne  /«M  /'. 
mohten  4.     scribe  P        2248  die  manigen  tugent  P       2249  selegisten 
er  herre  A.         2252  ime  iz  got  selbe  P        2257  geret  /'.       2261  mir 
fehlt  A.         2262  andere  geuen  A         2263  thir  haue  .4,  habe  der  P 
gwalt,  Schluß  der  Zeile,  P.         2265  genelun  A.         2266  enbeitet  P. 
2268  gwis  P         2269  untP        2272  babilonia  A         2273  alle  under 
siehP.      2274irmütesP      2280  mose  A,  maechte  /'.      2282  wanne  A 
2284  no\i  fehlt  A.       2286  keiser  karlen  P         2288  seibin  /'.         2291 
aiemir  gescheident  P         2293  geuestent  P,  geueatet  A.         2294  oitert 
—  westert  4P       2295  sundert  —  northert  AP,       2297  waffen  .1        2298 
slafe  other  wahehe  A.      2300  wirt  AP.     thiu]  ze  heiner  A.      2302  dar 
under  P.       2303  gereite  /'.       2309  listeliche  A.      2311  iemer  thih  A. 


400  KARL  BARTSCH 

nieten  P  2312  unde  P  2313  michele  A  2314  salt  du  P,  scol- 
tu  A  mih]  uns  A.  2315  is]  sin  P  2318  uehte  P.  2322  thenne 
fehlt  P.  hiezzen  A.  sagen  fehlt  A.  2323  mit,  nicht  unt,  P.  2324 
insulen  vi,  inseln  P.         2325  so  /eAfe  P.  2329  funue  vi,  nune  P. 

in  P        2332  der  mag  iegelicher  P.        2335  getruwe  P.       2338  iz  .4, 
sin  P.         2341  einen  A         2342  gesamte  alle  thiu  A.         2345  dei  P, 
thieA       2346  then  wint  A       2347  ther  stouf  A       2349  bebten  A 
2351  gewerren  P.       2354  maechten  P,  mohte  A.     geseheiden  P       2355 
ruolanten  P  2357  dehein  P  2359  deheinen  P  2360  unde 

/eAft  A  2362  si  redent  P,  /eÄ&  A  ungetruwe  vi.  2263  chünich  P, 
fehlt  A.  tho  fehlt  P  2364  vure  /eÄZ*  A.  2367  thie  /eÄft  vi.  2368 
thie  fehlt  A.    '      2369  sie  fehlt  A.    '      2371  unde  alle  sine  P  2372 

uffe  A.        2374  sin  alle  in  P       2375  fcem  Absatz  A       2376  so  wanne 
so  A  swenne  P.       2378  müz  —  ruwe  P       2379  dichein  P       2383  uil 
here  P         2385   sine  /eM  vi.         2386  mine   uiande   hat  er  A,  er  hat 
mine  uiande  P:  vgl.  St.  2894.       2387  gute  P       2392  un  chomen  P 
2393  witwe  P,  witue  A.         2394   sterben  vi :  vgl.  2053.  2152.         2397 
tho  vi.         2400  ime  fehlt  P.         2401    ungetruweliche  P         2407  gna- 
den P         2408  un  si  P,  unde  A         2409  in  den  P         2410  gnoz  er 
sin  ni't  P       2414  mit  samt  P,  mit  A        2419  un  P       2422  hütet  daz 
er  uch  P       2423  gisele  P       2425  grozzen  eren  P       2426  muge  vlP. 
2428  urloues  A,  urlübes  P        2432  hin  P        2436  alle  P       2437  mit] 
uon  P        2438  in  A.       2442  sint  inne  erslagen  P        2443  drizzich  P, 
/eÄft  A.       2444  wirt  vlP     er  sin  so  P       2445  allez  mit  P       2448  icht 
getuot  P.       2451  vroute  vi,  früte  P       2455  rat  P:  ih  rate  A.     der  P 
2456  tkir  fehlt  A.  2460  also  A     wider  über  gerite  P  2472  al 

gar  P  2473  thie]  di  P,  nicht  si.  thanne  P.  2474  erhaben  A. 
2475  steruet  A:  vgl.  zu  2394.  2476  gesuchet  P.  niet  mer  A  2480 
swur  selbe  an  P  2481  appollo  P  2483  kom  P  2484  gelouen  vi. 
2485  übe  in  vi.  2487  unt  alle  di  P  2492  beslagen  P  2443  schuz- 
zil  P  naffe  vi.  2494  gestalten  P  koffe  A  2495  man  P  2501 
armin  P.  2503  liste  fehlt  P.  2510  oluente  v4,  olbenten  P  2512 
unt  geladen  P  2516  owie  A,  owe  P  2517  küniges  P  2518 

Waldeprun  vi.         2521   daz  gab  P.   Vgl.  St.  3029.         2522  er  herte  P: 
t>0*.  £*.  3030.       2523  ze  der  P.      2524  tusent  PA.      2529  wil  dirz  P 
ze  stete  /eM  A.        2531  ne  /eÄft  P        2534  netete  sin  nehain  war  P: 
nach  F.  6811  gebührt  dieser  Lesart  vielleicht  der  Vorzug.      2536  in  P       2537 
mir  vi.      2540  in  mir]  mirn  P      2541  waldeprun  vi.      2542  ih  fehlt  A. 
2543  tho  fehlt  P       2544  lussam]  wol  beslagen  P.       2518  nehaine  P 
2549  swa  du  in  P         2550  unter  P     ristest  P.         2551  thih]  thiz  A, 


ZUM  ROLA.NDSLIEDE.  401 

diu  P     Die  Lesart  in  A  ist  entweder  schon  vom  Schreiber  oder  vom  Her- 
ausgeber  verles  n  für  thih.  2552  gedinge  /'.  255G  ne  fehlt  /'. 

2558  thcn  .-1.  lazen  P.  2560  iemer  fehlt  1.  2562  gemache  P:  r;//. 
2712.  2563  di  /'.  2568  scol  auch  1'.  2578  gewinne  /'.  2579 
scol  A.  2582  hetestu  7U.  nu  erslagen  P.  2587  an  A.  2590  un- 
therei  .1.  2595  uz  von  vil  A.  2598  von  A:  vgl.  St.  3072.  2602 
belthene  .1.  haiden  P  2603  wlterAP:  ültor  St.  3080.  2604  ther 
fehlt  P  260'.  I  antelun  7':  iv//.  $.  3089.  2610  doch  P.  wäre  er  A. 
2613  calariaP.  2615  mer  AP.  2616  gote  fehlt  .1  2620  vuorte 
fehlt  A.  2621  in  P.  2623  maglirte  AP.  2625  hornbogen,  r  über- 
geschrieben, P.  2626  deheiner  P.  2630  irginc  P.  2634  tiier  fehlt  P. 
yselen  P,  insuleu  A  2635  niugen  A,  niun  7J.  buchalare  A.  2638 
in  P.  2639  gewaffen  P.  2641  cbüne  P.  2646  uffe  A.  2647 
al  A.  atihgere  7J,  ethgere  .1.  2648  in  ir  hantou  m.  P.  2650  der 
hetP.  2653  trugcnheid  A.  2657  al  J.  2658  sit  wart  iz  in  P. 
Vgl  St.  3130.  2660  uz  von  A-.  vgl  St  3132.  2661.  62  fehlen  P. 
Der  Schreiber  sprang  von  manigen  heim  mif  manigen  helet.  Daß  der 
Stricker  2661.  62  nicht  nieder  gegeben  hat,  beweist  noch  nicht,  daß  er  diese 
Versi  nicht  vor  sich  hatte.  2664  chüne  P.  uorhsam  A.  2667  le- 
hre AP.  207«!  hahgeieA  2671  in  P.  2683  ue  fehlt  P.  2685  ne 
geschaiu  uie  dehain  P.  2686  gwunne  1\  wunne  A.  2692  tha  A. 
2694  mohten  A.  2698  neuene  A,  nu  nenuen  P.  nine  P.  2700  di 
chronen  P.  2701  adelrot  /;.  2702  was  zwischengeschrieben,   /'. 

2704  thaz  iz  A        2713  ther  fehlt  P.         2715  iu  P.     rike  A        2716 
gehaize  thir  A.  2718  an-  der  stunt  (auf  zwei  Zeilen)  /'.  2719 

herre  .1.  2721  is  ime]  im  sin  P.  2723  autreiten  Grimm:   an 

raiten  P,  gereiten  A.         2727  die,  nicht  di,  7'.         2732  gwalt.         2751 
selbe  seihe,  auf  zwei  Zeilen. 

2766  uerlazze.  2769  sinem.  2771  haigeren.  2802  wellet. 
werd'e.  2806  gwalt.  2808  ich  geruwe.  2819  Absatz.  2821  di 
di.  2827  chomen.  2843  untergen,  am  Schluß  der  Zeile.  2850 
wirdieliche.         2851  herren.  I  enbutet.       2866  di.       2868  her 

Bchaphte.      2881  en-  nain,  in  zwei  Zeilen.      2882  algaailes.      2892  himi- 
lischen,  s  übergeschrieben.        2893  diz.       2896  widir.       2902  ain — ge- 
winne.     2903  ain.      2904  uan.      2906  swiz.      2909  erbeiten:  St.  3425 
gebiten. l       2916  scantlichen.         2922  maechte  —  huote.        2931 1 
miste.        2936  gedwungin  aus  gewunnin  gebest  2941  furchten. 

2945  swen.       2947  menlich.       2950  min]  man:  vgl.  St.  3475  dem  sali 
ir  Spanje  lihen.     uan.       li'. '-">  1  dunchet,  n  übergeschrieben.      2959  hete. 
2'.>7f>.  76  benumen  :  chümen.        2979  het  ir.  2  Eranchen,  □   .»•/ 

GEEMANIA.  Nuuo  Reiho.  VII.    (XIX.)  Jahr*  26 


402  KARL  BARTSCH 

schengeschrieben.        2987  war.         2990  zwanzic.         2994  het  er  ain. 
2996  alle  alle,  auf  zwei  Zeilen.       2999  got  zwischengeschrieben.       3007 
virgab.         3029  entnühte.  3033  ain.        3036  hant  Grimm:  fehlt. 

3039  uirzaigete.        3044  niman.       3049  gnadeclichen,  in  -er  gebessert. 
herre.         3051  inuz.         3052  sunde.         3055  entrunner.        3056  erlo- 
sest.     3061  böte,     liieze  ist  doch  ivohl  richtig  und  kint  dazu  als  Subject 
zu  nehmen.       3067  euslief,  nicht  entslief.       3069  ain.       3070.  73  cheten. 
3075  were.         3077  geweltigot.         3082  gkaiser  gab. 

3084  so  wä  man  fehlt.  3088  si  zwischengeschrieben.  3091  var 
Grimm]  war.  3092  herren.  3098  lebe.  3105  het.  3106  mir 
fehlt:  Grimm  loill  an  streichen.  3107  watlich.  3109  chom.  3118 
xoahr •scheinlich  fehlt    so  vor    scol.  3119    enphake:    so  P.       uan. 

3124  daz    daz    ich:   nach   dem    ersten    daz  Schluß  der  Zeile.  3130 

gearbeite:  so.  3137  hi.  3138  wold  Grimm]   wol.  3142  nich 

beste,  bestan.  3148  im  zwischengeschrieben.  3153  kanlinge.  3160 
uon  mir  zwischengeschrieben.  3164  unseren:  vgl.  Str.  3908.  3175  im 
dem.  3176  kaiseres.  3177  getrulichen.         3179  geschaez  im. 

3180  erfröte.        3181  uan.        3187  erchenne.        3190  uan.        3192  da 
was  ain.        3197  nimer  wolten  geswichen.  Die  Reimbindimg  geswichen  : 
Sachen  ist'  nicht'ivahrscheinlich ;  dagegen  vgl.  sie  wseren  im  ungeswichen 
zuo  allen  sinen  Sachen  Kaiserchr.  14261,  und  ganz  wörtlich  ebenso  Rother 
4377  R.  beswichen  :  gemachen  Kaiserchr.  12165.         3198  ze  hainen. 
3207  uan.     ih  Grimm:  fehlt.         3210  sorgem  (so!);  vgl.  236.         3211 
entrinnen.         3222  geben  maze;   vgl.  296.         3225  lieven  A.         3226 
schieden  P.         3230  ingeside]    in  sio  A.         3234  owie  tha  A.         3235 
wof  A.       3237  gehorte  P.     nie  fehlt  A.     neheim  A.       3243  thie  ere  er 
the  A.       3244  werde  R       3245  uan  AP.      3246  heten  AP.       3247  ne 
fehlt  P.     gebrach  P.         3250  gesunderote  P.     nieman  A.         3252  ge- 
raden A.     alleP.      3253  gelouben  P.       3255  bestuonden  AP.      3257  ge- 
winne P.      3259  wir  fehlt  P.      3261  mines  fehlt  A.      3262  tha  fehlt  A. 
3265  thie  sint  mit  A.         3267  Gergeis  A.        3269  alto,  scheint  in  atto 
gebessert,  1\  ato  A.       3272  ain  P.       3274  in  fehlt  A.       3279  kein  Ab- 
satz A.     geraite  AP:  ich  halte  diese  Verbesserung  für  nothwendig,  wiewohl 
A  und  P  übereinstimmen.        3281  in  fehlt  AP.     ain  AP.     Hechten  /'. 
3282  man  fehlt  AP.     deme  hiemele  ueste  ne  weste  P.        3288  mit  ge- 
swel  gesmelze  P.         3291  den  P.     venerat  A.         3293  gewrhten  A. 
3297  alle  A.       3300  füret  P.       3301  thaz  fehlt  P.       3302  ne  wart  .1. 
3303  gelichte  P.         3305  in  swelh  ende  man  P.         3306  geraite  P. 
3310  wahs]  uast  A.      3313  haidenscaft  P.       3314  Thes  .4.      3315  noh, 
Schluß  der  Zeile,  P.  3316  allez  allez  P.  3318  etsazen  A,  uer- 


ZUM  ROLANDSLIEDE.  403 

sazen  /'.         3319   kein Absatz  A.     hau  leite  P     perlen  A         3322  thie 
liuhten.l,  die  luchten  /'.      3324  uorcht  /'.       3325  in  P      3326  uan  AP. 
3329  uil  man  P.     tha  A.      3330  airi  P.      3334  lite  P.      3336  ne  fehlt  P. 
iuch  sin  P,  iuh  A.         3342  er  allenthalben  P.         3344  vile  fehlt  A. 
3345  prunerA      3348  geuangen  P.      3350  witherscin  A    gare  fehlt P. 
3352  mohten  A.        3355  Sternen  P.        3356  ze  uolchen  P.       3359  thaz 
sih  uf  AP.      3360  mohte  A.     werde  P.      3361  über  mütP      3363  ia  A 
3367  thcn  ß-hlt  P.     gehaizet  P.       3368  in  siner  gehorsam  wellent  P. 
3369  rölant  P,  rolant  A.        3371  zo  A,  fehlt  P.        3374  unt  fehltA. 
ne  /eÄft  I'.         3380  gesmarme  P.         3381  sih  fehlt  A.         3384  seine 
min  zeswer  hant  A\  vgl.  /St.  4110.  3386  geslahe  P  3388  irej 

hi  A:  vgl.  St.  4112.  3391  swike  A,  geswiche  P  3393  di  P  3396 
si  zwischengeschrieben  P.  3397  giengen  A  3398  thcn  /e/«fr  A. 
godes  lihchamen  A  3399  sie  sohten  A:  vgl.  St.  4134.  -3400  he- 
mile  A.  3402  sie  fehlt  P  manten  si  P  siner  /eÄft  P.  wnde  A. 
3403  thie  /e/*ft  A.  3406  unchundare  P  3407  pihte  A.  3413  sine 
/eAfc  P  nich  P  3415  alte  erbe  A.  3419  ain  P  3422  chuske  P, 
kusge    1.         3424  inne  P  3427  wir  dirre  P,  wirre  A  3430  sa- 

gene  P.       3432  trenenden  A,  trahenden  P        3437  heiligen  brote  P. 
broudeA  3438  uronen  P.  3440  do  P     wafeneten  A.         3443 

brutloften  .1/'.  3444  haizen  P.  3448  sie  nahen  A.  3450  ge- 

swiche / '.         3451  eineme  A.       3453  spalmista  P.        3455  grozzen  Ion 
min  A   vgl.  St.  4167.         3456  bruderlichen,  en  zwischengeschrieben   I'. 
mit  (Zeilenschluß)  mit  ander  P.       3460  geloube  P      3462  nchaincn  A 
3464  fröt  P,  frote  4.     alle  A.     cristinhait  P       3468  groz  A.       3472  ge- 
hofeten  A.        3483  scefare  A        3484  waren]  rehtcn  A.        3490  hant- 
wercP.     hetenAR        3491  kunige  AP.     gebot  P       3492  afgote  A. 
3493  aller  fehlt  /'.         3494  tha  A.     allen  P        3498  puten  A.       3499 
liuhten  J.  3500  groz  .1.  3502  di  erde  ninc  P.     blechet  AP. 

3503  ne  fehlt  /'.  nicht.;  4.  3504  wäre  A.  3506  tho  A.  3508  hat 
gethort  A  3509  da  diu  deumnt  hin  ze  P.  3510  daz  di  uberinüt, 
i'  zwsichengeschrieben,  !'■  3511  in  /'.  3512  swer  der  welle  P 

3519  daz,  z  zwischengeschrieben,  /'.  3520  uvheten  .1.  3523  pelaite 
si  ze  IJ,  belaite  ßie  ze  .1.  3526  kom  nehainer  mer  A  »St.  4262  der 
gote  quam  deheiner  wider.  3527  erslagen  .1:  zeslagen  Init  auch  8t. 
4263.  3528  in  graben  /'.  3530  um], im  .1.     selben  nichtes  I'. 

3537   moser  tot  P.        353S  nnnnaze  /',   iininaivn  .1.         3540  Absatz  A. 
3541  ain  P.     in  P.      3546  »6,  zwischengeschrieben  /'.     erchom  /'.       3549 
erdin  /'.  3550  geniin  /'.         3553  tugenMiche  /'.  >5  lie  .1. 

lene  A       3562  ih  /eÄft  P:  wjtf.  3594.       3564.65  mir  machmel  widere. 

26* 


404  KARL  BARTSCH 

unser  P         3566  ime   sin  uil  P         3568  mohtu  A         3570  scoltu  A, 
saltu  P  3571  inier  alle  P         3574  ir  uch  P  3576  Ther  A 

3579  berait  P  3583  scare  A  3584  nicht  widir  iu  P.  3585  ir 
slahet  A  3587  so  fehlt  A.  3588  dehainer  P  3589  sca  4,  ge- 
scach  P.  3590  sone  geschach.  die  selben  g.  b.  P  3591  pillichen  A, 
billih — in  P.  hangin  P.  3593  here  AP.  3596  er  ze  houe  kom  A. 
3598  minen  A  uan  AP.  3599  hin  P,  hinnen  A.  3600  louvej  ge- 
loue  A,  erloube  P  3602  an  A,  sint  mir  an  P  3606  alles  muzc 
e  mines  P.  3611  urstamne  P  3614  ih  thiene  A,  din  P:  vgZ.  3562. 
3594.         3615  hantwirt  P  3616  herre  ist  imer  A.  3617  gif  A 

git  P.  3618  geht  P  3619  allen  A.  rike  A  3621  mineni  lie- 
bin kinde  P.  3622  gewinne  P,  uinden  A.  3630  wilt  kerren  A 
3633  rehtes  fehlt  A.  3636  ne  fehlt  P  3637  allen  fehlt  A.  3640 
philonin  P  3642  Absatz  A.  3647  genomen  AP.  3651  kein  Ab- 
seite P  Malwir  A,  Malwil  P  3652  dinen  chunclichen  P  3654  ge- 
slahen  A  3655  liebin  P  3656  orlof  A,  urloup  P.  3657  thaz 
fehlt  P:  vgl.  St.  4439.  3660  gwillichin  R  swrslichen  A :  St.  4442 

fta£  für  war.  3661  unde  fehlt  A.     ane  fehlt  P.  3663  in  sinerae 

riche  fehlt  A :  vgl.  St.  4444  in   sinen  landen,     grozen  P        3666  sprah 
er  fehlt  AP        3668  du  ist  P        3672  irslahe  P.         3673  Thoh  A. 
367 '5  h  an  den  ^4P.         3677  die  Änderung  Grimms  gewere   ist  nicht  nur 
unnöthig,  sondern  falsch.       3679  si  iemir  din  P       3680  mir  zaichen  A. 
3681  turtulos  A.  3682  wiltu  herre  unde  Avis  A.  3684  gift  A. 

3686  pringe  P       3689  hon  muot  A       3690  gestunt  P         3692  chun- 
lichin  P.       3695  cinshaph  P        3699  herze  plute  A       3703  also  A. 
ricke  P         3704  gewaldihliche  A.         3707  ban  P,  pan  A.         3708  ir- 
ledige  P     al  A       3710  er/eAZ«  P.       3712  min  here  7J.        3719  wurde 
sin  P7  wrde  A.  3720  gefrumen  P  3722  gewinuint  P     gedinge, 

d  ii&er  ausgestrichenem  w,  P.      3723  werden  A      3725  ftem  A>sate  A 
gargariz  A.      Sibilise  P,  Sibilia  ,1.  3726  kunige  AR  3729  in 

fehlt  A.       3730  minneten  A       3741  er  fehlt  A.       3743  then  fehlt  P. 
3748  ne  fehlt  P.         3749  Frangrike  4.        3751  gewalt  P.         3755.  57 
ne  fehlt  R         3758  al  din  P         3759  wnd  3794  cenubiles  ^1P:  vgl.  die 
Anm.  3763  mohten  A.  3766  daz  was  R  3767  daz  (tfÄJÖ 

der  Zeile)  daz  Hut  P.  3768  ne  scain  A,  der  ne  gescain  P.  tha  ^i. 
3769  dar  in  P,  an  then  A  3772  nehainen  4,  fehlt  P.  3777  di  P. 
.3778  iseninen  P.  3779  swi  P,  swe  4.  3782  widir,  zwischengeschrie- 
ben, P.  3786  ne  getruwe  P  3787  din  7J.  han  A.  3788  uan  A 
3792  getun  P  3797  gefristet  P  3806  ne  /eÄft  A  3809  sinne  A. 
3810  liez(?)  A.         3811  dirz  lop  P  3812   is  thih  A,  dir  sin  P 


ZUM  ROLANDSLIEDE.  405 

3817  iegelichen  A.     uan  AP.       3818  uolgeten  A.      3822  unt  diu  tal  /'. 
382:)  vsrege  A.        3827  ir  sin  min  /'.        3828  samt  fehlt  /'.         3844  ne 
fehlt.       3849  ich  sin.      3850  chom.       3854   thiu]  daz.      3866  chom. 
3*74    ain.  3881    martere;   von  Grimm   gebessert.  3884  gahin. 

3889  disem.  3898  tugent,  das  zweite  t  übergeschrieben.  3909  uert 
aert.        3922  macht.        3932  sunden.  3933  ain  ainborn:  St.  4812 

niuborn.      8942  heten.        394(5  heten.      3949  zuo]  im:  vgl.  St.  4839. 
3951   deaine.         3963  heten.         3965  renne.        3982  iu  fehlt.      3983 
sal.  3986  ain.  3992  wirtsceftin:  vgl.  zu  236.         4014  chüniges 

li)18  zwef.  4020  adalrot.  4026  chunc.  4029  an  thir  fehlt: 
vgl.  3106.  4030  di  am  Schluße  der  Zeile:  vgl.  3777.  4041  there 
fehlt:  oder  es  ist  alliu  zu  lesen.         4045  wilt  du.  4051  iht  Grimm] 

ist.         4054  cinses,  nicht  cinsis.         4058  fuzein.         4068  monsoy  nur 
■  inmal.         4069  de  kaiseres.       4070  baz  Grimm]  bal.         4071  stet. 
4076    geleistet,    ivie  schon    Grimm   besserte,    nach  St.  5032]  gehaizen. 
4078  gedencket.  4083  garpin.  4094  iz  fehlt:  St.  5072  daz  ist 

din  jungester  tac.  4099  si  pegund",  am  Schluß  der  Zeile.         4111 

uffe.  4118  der  aus  den  gebessert,     tigelet:  von  GHmm  gebessert. 

4120   sam    sluogcn    sie   fehlt:   von    Grimm   ergänzt.  4124  hiwe. 

4126  in  der.  4129  archan:  St.  5139  Artan.  4138  uerchwun- 

den.  4143  swa  erz  hin.  4149  fulten.  4152  vraister  0.  4158 
lieten.  4160  hiwe  in.  4165  ne  fehlt.  4169  bette  hüs.  4174 
hie]  nu    raachmet.    hi.  4176  ih  Grimm]  fehlt.  4178  duz  nu: 

diese  Lesart  hat  schon  Str.  vor  sich  gehabt;  vgl.  5190.  4182  golde 

garwen:   vgl.  4288.  4188  trugenhait.  4194  daz  golt  daz  si. 

4219  über   was  von   andrer  Hand  von  I'.  4220  ain  P.  4223 

schain  P  4224  der  lichte  P:  vgl.  St.  5248.  4225  werc  wehe  W. 
4227  bistu  hie  olivier  weggeschnitten  W.  oliuir,  o  aus  r  gebessert,  P. 
422*  dicke  W,  fehlt  P.  4229  sist  der  cristenen  weggeschnitten  W. 

t230  lii  P.       4231  zwelfP,  sehs  unde  zwenzech  IV.     manne  W.       4232 
uan  P.        4234.  38  wilt  PW.        4235  daz  zu  W.       4239  podech  W. 
bimel  fehU  /'.  4241  an  einen  W.  4243  al  fehlt  W.         4248  in- 

bor  W.  4251   minen  /',  mime  W.  4254  wirt  PIK.  4256  niht 

n-  W.  4257  podech  W.  4259  wirfeo  W.  4261  drowe  W 
4262  si  sie  do  hüben  W.  4267  zuchter  er  /'.  4270  recken  W. 
4271  sie  er  W.  427:;  was  weggeschnitten  W.  4214  aver  fehlt  W. 
ha/,  weggeschnitten  W.  127")  thie  er.  r.  weggeschnitten  Tir.     monssioy 

monsioy  W.      427<'>  quamen  II'.       4277  thie  /aller  weggeschnitten  W. 
4280  spizes  II'.     4281  wachsen  /'.      1282  um,  der  /'.     4284  mit  IT. 
4285  sechs  P.         42s7  Absatz  II'.         4288  mit  manegeme  II'.     guido 
garwen  uan  P.      4291  danne  P.      4294  niuwet  fehlt  P.       1295  scult  P, 


406  KARL  BARTSCH 

salt  W.  hine  W.  4299  herstrage  P.  4300  falsorotes  P.  4303 
ther  fehlt  W.  frum  P.  ne  fehlt  PW.  4304  fos  aw/  uaz  abgeschnit- 
ten W.  4307  allez  fehlt  W.  4308  da  wart  daz  raichel  gescrei  W\ 
vgl.  St.  5332.  4309  ther]   unt  der  P,  Do   rief  der  W:  St,  5333  der 

was.      4312  gewinne.       4317  unser   Grimm]  unseren.       4318  hinne. 
4320  swiz.        4322  uan.       4327  sih  fehlt.       4330.  31  cristen.       4339 
manige.         4340  die.         4352  thär]  daz.         4354  man  fehlt,     lebenti- 
gent.        4365  suche,  aus  suzhe  gebessert.        4366  scoltu,  nicht  soltu. 
4369  üz   Grimm]  fehlt:  vgl.  St.  5379.         4371  cursabile.         4376  Ster- 
nen.        4379  chunc.  4380  uon:  vgl.  St.  5391.         4383  Turpin. 
4392  ersterbe.       4393  chunc.       4395  de  aller.        4406  chunc.      4415 
slah  er  fehlt,     nalrichte.        4416  vor  chrefte  sind  etwa  vier  Buchstaben 
atisradiert.         4417  er  riet,  von  Grimm  gebessert.         4425  uermezen. 
4430  welch.      4433  uan  hin.      4439  scrigen.       4440  higen.       4448  uil 
manige  selbe  tot,  von  Grimm  gebessert.  4450  het.         4459  ueste. 
4460  di.  gesten.       4465  heim.        4466  heitene  A,  haiden  P.        4469 
der  P.        4472  an  A.     hinen  A,  hin  P.        4475  spieze  A.       4476  fliz- 
ten  P.        4478  ualten  in  allenthalben  P.        4482  di  so  P.       4483  nie- 
man  ufriht  A.        4484  dar  wunder  P.        4486  uan  AP.        4487  Mal- 
primes  A;  ebenso  4501.       4488  there  fehlt  AP.       4489  fürten  aine  P. 
eisliche  A.       4495  ain  P.       uan  AP.       4496  Tha  A.       4498  tha  A. 
4499  Egers  AP.     er  genante  A.      4502  tot  A.     bequam  A.      4504  ge- 
ren  P.         4506  uaste  A.         4508  mohte  A.         4510  ain  AP.        4515 
uffe  A.       4516  sie  sin  A.     gemisten  AP.       4517  kaiseres  AP.      4519 
nehain  gedacht  P.       4520  alle  P.        4524  wunden  P,  wnde  A.       4525 
tho  mohte  A.        4527  diu  ir  P.      4528  gelagen  P     gewiche  A.     4529 
hunte  auch  P.         4535  zo  in  hette  A,  hete  zu  in  P.  4536  ain  P. 
4538  kunig  A,  chunc  P.      4541  thar  A.       4543  sprancte  P,  spränge  A. 
tha  A          4544  kunige  AP.         4545  di  P.         4548  becloken  A,  be- 
tophen  P:  w^.  4650.          4551  sokest  thu  A,  suchtestu  P.  4553  en 
barmen  A.       4554  hi  zeste  P.       4562  gift  A       4563  uan  AP.       4564 
then  ther  A.     Murlä  nam]  Murlana  ^4P;  St.  5587  Müralan.    Oder  es  ist 
Murlanä  nam  zu  lesen.       4566  hi  AP.         4571  cristen  P         4572  an- 
der stunt  /'.         4574  nieman  gesagen  P.         4576  gewiche  A.        4578 
heten  AP.      4594  uffe  A.      4595  kunig  A,  chunc  P     here  P.        4596 
rechte  uz  chom  P.      4605  luciferun  A      4608  alle  hi  geschendent  P. 
4611  kumen  A.          4612  von  A,  fehlt  P.          4613  golde  garwin  P. 
4618  gesahe  4,  sage  P.        4622  mohte  4.          4624  nahen  P         4627 
gesprancten  P         4630  sampson  sih  mit  A.         4631  then  herze  naue- 
len  A,  dem  hercen  (Schluß  der  Zeile)  P         4633  der  uil  P        4634  iz 


ZUM  BOLANDSLIEDE.  |(,7 

wer  mezenliche  .1  4636  gefristen  P.         4640  in  fehlt  A.         4643 

früten  /',  fruten  -1.     aerhiwen  .1         L644  macht  /',  mah  A        4648  uil 
spähe  P.         L649  lache  .1.        4650  bctochen  .1.        4654  michelen  /'. 
1656  da/'.         1657  ach  /'.        4659  uns  daz  P.        4662  hetten  AP. 
wih  wäre  A.  4664  brunigen  A,  brunnc  A.      thrilie  A,  drilihe   /'. 

466")  tha  kumen  .1.  4667  uemazen  P.  4669  margraue  A.  1675 
goltwin  .1/'.  4678  er  der  marche  P,  thie  er  niiltihliehcn  A.  4679 
Absatz  .1.  4682  bededen  A,  petteu  /'.  4684  der  P.     uan  AP. 

4685  genige  P.  4687  thaz  fehlt  P:  vgl  St.  5698.  hülfe  in  P.  4689 
er  sach  P:  gesach  auch  St.  5702.  4690  sinen  gesinden  P.         4692 

sehet  ir  P.  469:5  getrüc  P.  4694  irz  P.  4696  sin  uns  A  4697  ge- 
dencket  P.  />'"'//  haut  wiederholt  eruechte  der  swerte  an  der  haut  /'. 
4698  hiute  fehlt  P.  4701  mugent  A.  4702  wir  haben  (Schluß  der 
Zeile)  dinen  P.  4703  uns  A.  ne  fehlt  P.  4704  gcuellet  P.  4706 
thurh  fehlt  AP:  vgl.  St.  4714.  4709  seilt  auch  P.  für  A,.  ufP.  4713 
LargisAP.  4714  dit  P,  fehlt  A.  4717  daz  si  P.  1718  wart] 

ther  wart  .1.  4727  unze  fehlt  P.  4728  brah  A.  4729  Er  sprah 
ist  thaz  ih  mah  A.  4730  thir  ^1 :  dir  hi  zestete  P.  4732  er  sprah 
fehlt  P:  vgl.  ."5079.  4734  tot  an  there  stund  A.  4735  grimme  A 
4736  gerne  fehlt  A.  4742  mosen  A.  4747  Absatz  A.  4748  pose 
stränge  P:  vgl.  St.  5769.  4751  erslugen  P:  vgl.  meine  Arm.  4752 
begondei  P.         475.')  san  P}  so  A.         4756  ne  mohten  A.  4758  in 

thie  AP:    der    hat    St.  5776.     Der    Accus,    wäre    zu    erMären   'sind    sie 

ireri :    und   kann    wohl    beibehalten    werden.  4761    thiere  A. 

gelac  P.     tha  tot  under  4.  4764  tusent  PA.  4766  uvhten  A. 

476-s  L,tte  ;1,  het  /'.     ailif  A        4770  ther  rief  A        4771  thiser  A 
4773  aine,  a?/£  Schluß  der  Zeile,  /'.  4776  rittereil,  riter  P.         4777 

crefte  P.  4781  allen  A.  4784  dinem  /'.  4788  Marsilie  P.  ku- 
nige  AP.  1700  geschit  .1/'.         4794  er,  darüber  im,  P.         4799  An- 

gelirs  A  4801  clarmiel  P:  vgl.  St.  5823.  4802  nehain  AP.  4803 
al  A     ertriet,  undeutlich,  A  1805  durch  P:  viel  A  4807  clar- 

miel. 4809  Di  A  t813themA  spruggen  A  4816  uan  AP. 
4817  hetenAP.  4819  doh,  am  Schluß  der  Zeile,  R  4821  grozin  P. 
rliu /'.  4827  uorheren  A  4832  uan  AP.  4833  Herpa  A  4841 
kein  Absatz  A.  Angelirs  A  1847  im  AP.  185]  iehen  P.  1852 
hatte  war  enware  A.  4857  uan  .1/'.  1858  hunderl  AP.  4860  ne 
/;•////  /'.  4863  Bchirmtte  P  4872  beten  A,  gebetten  /'.  1876  der  /', 
ire  A  der  auch  St.  5896.  dehainer  P.  487s  uan  .1/'.  1882  the- 
meA  vgl  &.  5900.  4886  diu  P,  ther  A  4887  uan  /'.  1889  ther 
thegen  A:  vgl.  St.  5907.  4894  mohten  A  gewinne  P.  4895  wnde- 
ren  A,  wunter  /'.  4899   eilen  P,  eilende  A.     tha  A  4902  tuen 


408  KARL  BARTSCH 

seilt  A:  vgl.  $.5922.       4903  uerwnde  A        4910  zehiwe  AP.     di  P. 
4912  eine  half  A,  ain  halp  P.     uffe  A.         4915  frothe  A,  froude  P. 
4917.   18  in  P  durch  keinen  Punkt  getrennt;  offenbar  ist  aber  nach  zeichen 
der  Abschnitt.        4927  iochant  P.  4935  wof  A         4936  wart  A. 

4937   erhaleten  A,  und  so  ist  zu  lesen.        4943  anne  4.        4948  erözen 
fehlt  A.         4949  Alrin  AP:  vgl.  die  Anm.     normundie  P.         4951    \vi 
tränt  P.     otrant  A.      4953  unde  A,  unt,  nicht  mit  P.     gute  P.      4954  ge- 
scaffen  A       4955  sin]  soin  A.       4957  heten  AP.       4959  was  P.       4960 
uffe  A.      4972  im  dem  P.      4973  fem  Staate  P.    noch  P.    kom  tho  A. 
4975  there  4:  di  ml  P.  4980  wantP.  4982  uon  ime  AP:  inen 

besserte  schon  Scherz.  4985  witheret  A.  4988  erhört  P.         4991 

hauet  A.       4992  vone  in  /e/zft  A.     ne  verlazent  4  (ne  ist  aufzunehmen), 
verlazet  P.       4993  uan  AP.        4994  uolgeten  A        4999  sainem  P. 
washsame  A.     5009  is  ne  nehein  A,  sin  nicht  P.        5010  ergeben  P. 
5013  hete  4,  het  P.  5016  vile  /e/tZ*  4;  daß  es  beim  St.  6001  fehlt, 

beweist  nichts.  5019  oluazzen,  ein  z  übergeschrieben,  P.  5022  vro- 
the  A,  froude  P.  5023  heten  AP.  gesmechet  :  gerechet  AP.  5031  in 
ne  scirmeten  Grimm :  fehlt  AP.  5032  durh  P.  5036  wan  P,  wän- 
de A.  mohte  A.  erhouwen  P.  5038  heres  fehlt  A.  5039  uorde- 
riste  P.  5040  sie  fehlt  A.  5042  gewaltic  P.  5043  thie  walstat  A. 
5044  alrest  P.  5047  rolanten  A.  5049  ob  P.  da  P,  uor  ime  A. 
5051  kuonesten  4.  5056  uan  AP.  5057  hiw  4P.  uffe  A.  5062 
ureisliche  4.  5063  di  P.  5072  ersterbe  P.  5078  innen  P.  5079  er 
sprah  thaz  hat  A:  wie  hier,  so  ist  er  sprah  von  A  loahrscheinlich  auch 
4732  zugesetzt.         5086  chom  P.  5087  ainem  P,  einen  4.  5094 

dem  P.         5095  sih  fehlt  A.     clof  4,  chlüp  P.         5096  mohtu  4.     ur- 
lof  A,  urlöp  P.       5101  kam  A.     Sampson  A.     5103  kunig  A,  chunc  P. 
then  fehlt  A.       5104  nah  A       5110  orpicke  P.       5111  swaz  er  raihte 
in  then  man  4.       5114  allez  entsamt  P.       5115  gefrumete  P.       5121 
trechtines  chint.  chnechte  P.        5125  ne  nirete  A.     mere]  uor  ime  A. 
5127  rechen  P,  knehte  A.       5129  sie  A.       5133  worcht  P.       5134  hei- 
ligen P.     heten  AP.      5137  unde  A,  unt,  mefa  mit  P:  v^.  4953.       5138 
seluer  A,    seibin  P.       5139  gesaztdem  P.       5142fraiste  -4,  fraist  P.     ie 
fehltA.  uon  so  uil  luten  AP:  so  vil  /*a£  hier   keinen  Sinn.       5145  an  41. 
wafen  P.       5147  an  A       5148  si  lagen  in  ir  aigen  ersticket  P,  Abirren 
in  Z.  5146.       5149  nu  wer  P.       5150  mer  thie  A:  wan  der  P.       5151 
nie  uon  im  P.       5152  im  4P.       5153  todes  si  P.       5157  in  P.       5158 
di  P.     5159  rechte, t zwischengeschrieben, P.    5166anA     5172thazerA 
in  fehlt  F.     ime  A,  im,    der    letzte  Strich  des  m  leicht  ausradiert,  P. 


ZUM  ROLANDSLIEDE.  409 

5173  then  fehlt  A.  5176  wafene  A.        5177  nie  geseret  P.      5178 

hete  A,  hct  P.     in  fehlt  P.         5184  posin  P,  pose  A. 

5193  aueslagen  .1.  5195  chunc  uz  P,  uz  uon    I  5196  thir 

fehltP.  oiht  Grimm:  fehlt  AP.  5198  sie  fehlt  A.  5200  selve 
fehlt  P.  5202  menskeP,  mensche  vi.  oiene  fehlt  P.  5208  er  sprach 
karl  karl,  zwischengeschrieben,  P.  5210  unger  oder  ungir  P.  5215 
kuone  A.  5219  chom  /'.  522]  am  P.  stede  vi.  5220  nicht  so 
hin  P.  5231  so   wir    thie  A,   swi   dir  die  P.     gescaithen  A,  gescai- 

den  P.  5232  irtc  A,  irrit  P.  5235  den-  ne,  in  zwei  Zeilen,  P. 

5237  thie  fehlt  P.      5238  then  ire]  thcn  A,  im  P.      5240  sah  fehlt  P. 
5244  perait  P.  berait  4.       5246  esten  P.       5249  so  uil  P.     nahe  4. 
5258  wirt  AP.       5262  bechenne  7J.       5268  westerparn  P.      5269  fro- 
the  A,  froude  P.      5270  sich  sin  P.       5271  al  4.        5272  uergilt  AP. 
5275  zo  thcrae  A.  5276  wir  (Schluß  der  Zeile)  wir  P.  5277  si 

wir  4.     mer  .1.  5282  geseret  P.      '    5290  rah  in  fehlt  P.  5295 

tugente  P.  5297  Alfrich  uon  P.  5302  di  Christen  P.  5308  hie 
fehlt  A.  5313  hinnc  P.  5317  ne  fehlt  P.  5318  arme  A.  5319  al- 
frichen -4P.  5321  viel]  chom  P.  5323  lang  unde  haiz  A:  vgl.  St. 
6411.  5324  tha  was  ain  kamf  uraislih  A.  5326  mohte  sili  tha  A. 
5331  uan  AP.  5333  kunig  A,  chunc  P.  5337  erre  slüc  P:  ebenso 
5342.  5338  unt  fehlt  A.  anter  P,  andere  .1.  5340  hete  4,  het  P. 
5341   beuloz  A.  5342  sine  7'.  5347  nie  gesach  /'.  5350  ne 

fehlt  P.     mohte  A.       5353  Durndarten  P.       5354  durh,  am  Schluß  der 
/'.  5357  erchoufet  P:  vgl.  8t.  6437.  5358  bestruchet   /': 

vgl.  St.  6438.        5362  unt  der  P.  '    5364  chom  P.        5368  hetten  P. 
5370  Tlii  4.         5377  mohte  A.         5382  ze  waren  A.         5385  er  warf 
stach  in  /'.  5388  ain  P.  5390  im  A.        5393  hulven  auch  /'. 

6  tiuerliche  AP.  thegen  fehlt  /'.  5400  ime  iL  es]  sin  P.  5404 
Thir  A.  5406  unter  unter  di  haiden  P.  5407  ze  ewider  P.  5408  ise- 
nin  P.  5409  noh  fehlt  AP.  5410  uastc  A.        5423  rechte  P. 

5424  si  P.     eineme  Grimm:  fehlt  AP.     munde. 1/'.       5430  hauent  A. 

;sansangen  P.  5431    rechte   sam  P.  5434  thiz  A.  5436 

chom  P.  5437  ain  P.  5438  er  en  A.  groziu  arbait  P.  5439 
llnl.  4.  5440  in  fehlt  P.     toden  .1.  5442  thä   beiigen  /eÄfc  P: 

Belbe  steht  am  Schluß  der  /.  5443  behabenl  P,    behau  .1.      (he 

ere  A.  v  5444.  45  ruchc  ich  mere.  nichl  /',  roke  ili  niht  mere.  .1  ze 
zwischengeschrieben  P.  löbeneP.  5448 ze  fehlt  A.  5451  in  lande  unt 
mac  sich  nieten  /'.  5458  h<t<-.l/'.  5460  chom  /'.         5461   unt 

ere  P.  5467  in  A.  517:;  getane  —  uffe  A.  5171  chüner  ue- 
h'ain  P.     ue  thorste  A.     werde  /'  5477  heten  AP.     sie   auch   1'. 


410  KARL  BARTSCH 

crzaichet  A         5478  ueraainet  (Schluß  der  Zeile)  P.         5479  sin  P. 
5480  unde   the  A.  5482  tusent  P.  5485  treten  P,  treden  A. 

5486  gestaten  P.  5487  mit  eruochten  sp.  P         5489  zewisse  P. 

5491  uan  AP.       5493  ne  fehlt  P        5496  untuieng  A,  enphie  P.     ouh 
fehlt  P.  5502  schaft  P.  5503  Then  A:   ist   keineswegs  falsch- 

und  da  beide  Hss.  biscof  haben,  P  nicht  biscoue,  so  ist  der  Acc.  wahr- 
scheinlich das  ursprüngliche,         5505  haider  P.     al  A.        5508  hete  A, 
hetP        5511  then  fehlt  P.        5515  goffe  A.         5519  Rolanten  A. 
5521  sehe  P     Rolanten  AP:  vgl.  5591  P.       5522  wiganten  AP.       5523 
nacheten  .4P.         5527  Absatz  P.         5528  heten  AP.         5530  nine  uer- 
zageten  A.         5531  di  wile  unt  si  ich  lebeten,  si  übergeschrieben,  P. 
5532  wireten  A,  werten  P.      5533  cristen  man  P      5536  karbunkel  P. 
5538  mohte  A.         5540  heten  AP.         5541  mohten  A.        5543  Thaz 
sie  in  tha  uo-re  geheizen  A.        5544  quälten  A.     then  /e/^f  P        5548 
guotlih  iL         5550  ui  maniger  P.     tha  A         5552  ne  fehlt  P.     enbar- 
mete  A.      5554  iz  A,  sin  P.       5557  ummazene  A       5560  mohte  A. 
5561  wände  A         5566  nu  so  gah  A  5571  torchen  AP.         5572 

estorchen  AP.         5573  tho  fehlt  P.       5575  altaclere  A.       5576  nu  ne 
fehlt  P.     nich,  ei)i  /Strich  über  h,  P.       5577  riterliche  A.     gewant  P 
5579  zohtA         5583  ein  m  fehlt  P.        5586  Ruolant  /eÄft  P.        5587 
then  A        5590  wart  fehlt  P.        5591  sigeloten  P.        5593  Engelrirs, 
das  letzte  r  a?ts  oder  m  s  geändert,  P.       5594  guote  A       5595  uffe  A. 
5596  ne  /eÄ^  P.         5599  mohte  A         5602  es  ist  nichts    zu  ergänzen, 
zoie  Grimm  will,    der  tete   niene   zwivelen  schreibt.         5604  uon  P. 
5605  nacten  P,  nahten  A.  5606  mohten  niht  A  5614  baten  P, 

paden  A      5616  rebarm ete  A,  rebarmot  P.      5617  marteret  wrthenA 
5619  trutenP.       5620  grimmen  P.       5622  scuten  AP.     then  wafen  A. 
5624  ruowe  P.       5626  ain  suoze  wint  P.       5632  alse  P.     ih  iuh  A. 
5633  ain  AP.       5636  an  A.     truoh  ein  A.       5639  geclouet  4.       5641 
chunc  marsilie.  herre  marsilie  P.  5644  din,  Schluß  der  Zeile,  P. 

5645  sach  (Schluß  der  Zeile)  in  den  P  5646  ih  fehlt  A.         5648 

Thes  A.        5651*  wnde  A        5652  alrest  P,  fehlt  A.        5654  uz  P. 
al  A         5657  mäht  nu  wol  A.         5658  al  maist  A.     dare  P,  tha  A. 
5660  sih  /eiW«  A.       5663  helmen  P       5665  gebaiten  AP:  vgl.  515  P. 
5671  wanne  A,  wanP.     ainerP.      5672  selben  A,  gesellen  P.       5673  be- 
standen AP.      5678  uerslagen  P.  dieß  tviirde  einen  andern  Sinn  haben;  vgl. 
4751.     5685minenA     5687  oliueren  A     5690  uffe  A     5691  ainer  AP. 
half  scare  A.       5693  al  vi.       5694  uns  al  A.      5698  ze  liebe  icht  P. 
5701  bringen  A.         5702  karlinge  A         5704  sin  si  P.         5707  gar- 
we  AP.        5708  marhe  .AP.  5712  ir  soket  A,  ersuchet  P        5715 


ZI  M  ROLAND8LIEDE.  41 1 

sich  sin  P.     ne  fehlt  P.        6717  hiem     chinde  P.        571«  er  winde  /'. 
5719  uan  .!.  huan  /'.        5720  hete  AP.      5721  bestanden  AP.      5723 
hete  .1,  heten  P.  5724  mih  (Schluß  der  Zeile)   /'.         5731  er  geha- 

bete an  ainer  /':   vgl.  was  geriten  .  .  uf  eine  warte  St.  6792/         5733 
haithenen  fehlt  P:  r,//.  n/.  6795.     garwen  .1/'.      5734  golt  varwen  AP. 
5735  manigen  Hechten  heim  P:  vgl.  St.  6797.  5737  helet  fehlt  /'. 

5743  ne  fehlt  P.     gesamt  P.     uf  di  /;:  »■;//.  <V.  6805.       5744  werde  P. 
5745  gewalte  P.       5748  wotigez  P,  woldigez  A.      5749  uzer  not  /'. 
5754  wirt  .1/'.     uil  herteP.        5755  san  uf  A:  vgl  St.  6819.        5758 
stede  A.     heten  /1P.        5766  daz  allez  P.       5770  selben  fehlt  A:  aller- 
dings auch  beim  St.,   aber   dieß   beweist  nichts.  5773  untwiken  A. 
5775  heren  Grimm]   herren  P,   herten  A.     ewarte  /'.  5776  sih,  am 
Zeilenschluß,  P.      5777  in  then]  an  A.      5778  des  wuoc'her  mit  Grimm 
zu  lesen  ist  unnöthig.          5782  sie  sili  A.          5783  ander  gaven  AP. 
5784  wunsgeten  A,  wnsten  P.       5792  erfrouteP.       5793  heiliger  /'. 
5794  geuolgete  sime  A.      5798  li  slahen  P.      5801  iren  A.     horsam.l, 
gehorsam  P.       5802  igelieh  P.     gähete  fehlt  AP.     lian  AP.        5804  di, 
am  Schluße  der  Zeile,  P.         5806  an  A.          5807  ir]  er  A,  ist  beizube- 
halten.       5808  bitte  4  pit  P.        5809  ne  fehlt  P.        5814  Grimm-,  ir 
lident  vil  jamer;  es  ist  nichts  zu   ändern.          5818  machen  wir  di  P. 
5819  giftil,  git  P.         5820  sinen  schephare  hi  geliget  /'.         5825  ku- 
nihlichen  A,  chunclichen  /'.          5828  arbaite  /'.          5831  zehen  /'. 
5832  uan  AP.       5833  er  füret  wol  A.       5836  behuote  P.       5837  en- 
machtP.       5838  geslagen  A.       5840  ir  tha  dehaine  A.      5841  uut  /', 
unde  A.         5842  ne  fehlt  /'.     uberwinnet  A.     ir  /'.         5847  gare  A. 
5849  Alroten  AR       5854  Aval  fehlt  P.       5856  sie  clungen  A.         5859 
wit  /'.     an  .1.          5866  Alroten  AP:  Ablernten  St.  6896  5869  thor 
tiuriste  .1.        5872  toben  P.        5873  beten  .1/'.        587'.'  .li  /',  thes  A: 

■.  6910  die  swertscheiden.      5883  altelere  /'.      5884  ther fehlt  A. 
5-s87  all'abinem  /'.      5892  tnohten  A.     uns  AP,  P  am  Schluß  der  Zeile. 
nehaine  A.   gewerren  /'.      5893  wir  sin  A.      5895  oiugene  .1,  uiune  /'. 
5896  unner  gangen  P.       5899  an  Grimm]  fehlt.      5902  gol  wile:  '•<//. 
Haupt  in  seiner  /..  lf>,  256,  und  meine  Anm.  Ich  füge  weiter  hinzu  Rostock. 
Hb.  IV.  •'!.  1<  i:  die  stünde  war  gut!  darinne  gotl  geboren  wardth.  was  hinzu- 
zufügen ist  nicht  nothwendig.   Grimm  schlug  voi'  gol  wich  din.       5903  da 
riebe.    5905sige]  iö ;  in  der  Hs.  steht  der  juo  (Schluß\der  Zeile)  iö  ist.    5906 
heten.       5914  grisgrimmin.       5939  ruofen  :  gebelven  ist  ein  ganz  rich- 
tiger Beim,  der  auch  6753  steht,  und  nicht  freier  als  ruofen  :  zeichen  7993. 
erreichen  :  helven  3857.  zeichen  :  gehelven  4<)6,.i.  :  helvm  6378.  :  gewfi 
fen  7943.    flehen :  helfen,    wie    Grimm    vorschlägt,    würde   leein    bessere1) 


412  KARL  BARTSCH 

sein.  5947  den  flins  stal  herten:  vgl.  St.  6967   da  von   der  stahel 

brau.  5949  wanc.  5952  werde.  5962  ze]  nicht  in,  hat  P. 

5963  siu  ellu. 

5971   genuzzen,    ein  z   zioischengeschrieben.  5988  hmgisten,  g 

zioischengeschrieben.  5997  ih    Grimm]  fehlt:   mit  plise   schließt  die 

Zeile.         5998  ze  helue.     chom:   Zeilenschluß.         6002  heten.         6007 
iz  fehlt,         6009  hetestuz.        6010  hetestu.        6012  alten.         6014  er- 
warme.      6018  chom,  am  Schluß  der  Zeile.       6022  ere:  vgl.  zu  236. 
6028  ne    muget  ir  niht:    diese  Lesart   beruht   auf  dem   mißverstandenen 
Karlinge:  s.  meine  Anm.  zu  6027.  6035  ne  fehlt.         6038  hinne. 

uer 

6041  en  fehlt:   Grimm  ergänzt  ze  dirre.         6044  geperge.  6045  un- 

seren. 6047  gesegente.  6048  biscofe:  dieß  würde  klingenden  Reim 
ergeben;  vgl.  6140.  6052  werde.  6060  ir  oren.         6061  di  hirn- 

ribe.  6065  craht.  6074  ain.  6076  ain.  6087  ain.  6092 
thin  fehlt:   Grimm  ergänzt  es  nach  ie.  6094  ainim.  6096  dur. 

6116  cheten.  6118  /.  slüften  :  zeröften.  6122  unt  swaner  ie. 

6131  herren.  6132  sin.  6137  gerne.  6139  ain.  6140  biscofe: 
mit  ff  geschrieben  steht  das  Wort  auch  in  den  Genn.  XIX,  314, 1  gedruckten 
Predigtfragmenten.  6149  froude.  6154  floh,  Schluß  der  Zeile. 

6156  ze.  6159  da  si  daz    si  (Schluß  der  Zeile)  wal.  6163  then 

Grimm]  fehlt.  6166  di  cristen  richsent.  6170  dar,  r  zwischenge- 

schrieben. 6175  röwin.  6187  den  der.  6189  wirstu.  6203  unt, 
nicht  mit.  roslin.  6204  unt.  6207  prinne.  6218  chunc.  6221 
fraiste.  6225  heten  lutzel.  6227   inmitin.  6234  er  fehlt, 

6242  nain.  6243  sie  häten  fehlt.   Grimm  änderte  si  geswuoren,  was 

aber  einen  unmöglichen  Beim  gibt.       6245  gare  der  tot.       6251  chunc. 
laiden.         6254  daz  si.         6255  uegazzen.        6259.  60  chunc.       6262 
rosselinen.         6265  pilme:  vgl.  St.  7378  Pelmo  und  Anm,   zu  6264. 
6268  de.       6273  uan       6276  chunige.       6286  uirsnite.       6288  ain. 
6292.  95  chunc.         6298  slet.         6302  chuniges  etc.         6319  uelentih, 
am  Schluß  der  Zeile.         6329  uersuchten.  6333  michel.         6336/. 

in  einer  Zeile:  there  was  fehlt.  Grimm  liest  Algarich  der  eine  was  kunc 
von  Kartageinc,  xoeniger  einfach  und  wegen  der  Ergänzung  an  zwei  Stellen 
weniger  glaublich.  6339  alrest.  6347    unt,  nicht  und.     heten. 

6352  wunder.        6362  hinne.         6368  sente.        6375  ain.        6376  in 
nalmitten.       6378  heluen,  n  aus  t  gemacht.       6415  sine  Grimm]  siner. 
6425  doner  chant.         6428  danne.         6441  über  winde.         6446  sich 
gebe  gehabete.  6454  hart.  6456   man   haidenischer   man:  von 

Grimm  gebessert.  (5457  uan.  6458  ne  fehlt,     enbieten.  6461 


ZUM  ROLANDSLIKDK.  41p, 

hört.  6491  reit  zu  ergänzen  ist  nichi  nothwendig:  vgl.  4713.  6495 
durch  di  {Schluß  der  Zeile)  diner.  6497  dirre  zu  schreiben  ist  nicht 
nöthig;denn  arebeit kommt  als  Neutrum  cor.  6502  i.'iij>hih.  (»503  scal. 
6513  gedinge.  6517  miauten  (Schluß  der  Zeile)  rölanten.  6523  da 
für  entüc.  6525  tougen  Grimm]  tugen.  6529  uewundet.  6545 
semir.         6547  wan.  6549  han.  6550  hctcn.         6561  danne. 

6562  dine  zweimal.       6571  nehain.        6576  hi  zeste,  Schluß  der  Zeile: 
von  >' rim m  gebessert.        6581  thie  fehlt.        6584  hctcn.        6592  er  ire] 
erre.         6596  then]  di:   Grimm  liest  si  vorhten  sin  harte,  mit  doppelter 
Änderung.       6598  swaz.       6599  urchunde.       6637  zi.     christinhait. 
6649  luteerer.  6650  uierhundert.  6660  ligen  mit  Grimm  zu  er- 

gänzen ist  unnöthig.       6676  durrait.        6692  si.       6704   berunnen,  dar- 
über steichin.        6711  sieh,  am  Schluß  der  Zeile.       (»718  innalmitten. 
6724  rölant  zweimal.        6725  Admarite.         6727  schirmen,  s  zwischen- 
geschrieben.      6734  in  Grimm]  fehlt.       6746  wainent:  vgl.  meine  Anm. 
<)756  pegraif.        6760  thie  getherrne  fehlt:  vgl.  meine  Anm.       6772  er- 
slagene.       6774  beiter  er.       6789  früt.       6792  aineni.       6800  uerhblüt, 
Schluß  der  Zeile.        6802  thu|  da.       6808  wirst.       6809  hup  zwischen- 
geschrieben.        6811  nehain.         6818  bau.         6831  laut  fehlt.         6840 
mit,  nicht  mit.        6842  wol  horten:  vgl.  1033.        6844  nige.       6851  si 
choin,  Schluß  der  Zeile.       6860  wirt.     hinne,  Schluß  der  Zeile.       6.^63 
mine,  Schluß  der  Zeile.       6870  erplinde.      6871  harte,  darüber  sere. 
6872  himilischer,  s  zwischengeschrieben.         6874//:  sent.         6886  mich 
vor  ergeben:  von  Grimm  gestrichen.  6887  ich  sin  von.         6894   püh, 

Schluß  der  Zeile.         6908  namirn.       6914  barm   Grimm]  barn.       6923 
frout.       6935  uorchlichen.        6940  licchte.       6946  wane.       6948  solte. 

6951   gäheten  fehlt:  vgl.  5802.       6952  runfual,  Schluß  der  Zeile. 
6956  baren  Grimm]  bar  der.  6965  ^in.  6967  werde, 

bluwer.         6974  dich,  darüber  iuh.         6975  scolt.         6978  erthe 
boren  fehü  (mit  der  schließt  die  Zeile):  Grimm  ergänzt  werlde  geborn. 
6979  ir  Grimm]  fehlt.        6988  uesperciten.       6993  liecht.        7001   dö 
so.         7022  dritehalben.         7027  froude.        7041    Grimm  ändert  si  <t- 
riten  die  oötstreben.       7<  M  1  lmiz-  zet,  in    zwei  Zeilen.        7059  sie   mit 
uorne,  über  mit  steht  da.       7071   unter  twalen:   Grimms  Änderung  Min- 
der twälen  ist  verfehlt.         7074  gemah,  Schluß  der  Zeile.       7088  auch 
hier  ist  Grimms  Änderung  allen  vier  enden  <liu  werli  nicht  zu  billigen. 
7i>(.i:j  entruten.        7101   chere.        710(i  ain.         7112  Grimm  si  ßolten 
in  ir  jungen:  doch  vgl.  St.  8529.  7113  zu.         7135  ilten.         7111 

iuh,  Schluß  der  Zeile.       7154  houpstat        7155  uermezen  mit.       T 1  r>« > 
hete.        7162  chorn.        7163  alexendrina:  vgl  K.  460,  67,  8t.  8606. 


414  KARL  BARTSCH 

7171  Saibra.         7177  schin,  am  Schluß   der  Zeile.         7178  wunder. 
7184  also  fehlt,     manige.       7186  nehain.         7191  heten.        7192  uor 
war.         7197  ain.         7200  geborcn.       7201  helfe.       7207  enbot,  nicht 
entbot.         7210  hete.         7212  du  ducht.        7218  herren.         7220  ge- 
swiche.       7227  thir]  di,  zwischengeschrieben.      7237.  38  in  vier  Zeilen. 
7240  haimiliclie.         7241  iclarions.         7246  durftes.         7253  baiten. 
7261  fracten.         7265  heten.        7270  unfröd'.         7280  sie  ne.       7284 
sih  fehlt.         7286  dichein.  7292  paligar.         7298  paligar.       7303 

geweitiget.  7305  unt,  nicht  unc.     chüninge.       17308  sie,  nicht  si. 

7312  chüninge.       7318  achter,     nuibornez.       7319  dichein.       7320  pa- 
ligar.        7323  nieman.         7326  dicheinir.        7327  wolte  fehlt:  vgl.  K. 

463,  26.  Dadurch  widerlegt  sich  Grimms  Änderung  e  si.  7331  sie, 
nicht  si.  7334  marssilie.  7338  niumare.  7339  Grimms  Vorschlag 
die  dine  habent  mit  ir  guoten  swerten  geworht  wird  durch  K.  463,  42 
widerlegt.  7347  di  sine  uorchune:  von  Grimm  gebessert.  7369  man- 
seltseniz:  von  Grimm  gebessert.  7370  thär]  der.  7372  froude. 
7374  paligar.  7376  uirui.  7388  un  zwischengeschrieben.  7389 
bestanden.  7390  sie,  nicht  si.  7393  rnere  Grimm]  sere,  s  aus  r 
gemacht.          7394  den  ich.          7399  nich.          7408  mir]  min:  vgl.  K. 

464,  42.  7417  ime  will  Grimm  vor  gezimet  ergänzen:  unnöthig. 
7426  ih]  seh.         7430  wir  zu  ergänzen,  wie  Grimm  will,  ist  unnöthig. 
7434  nehain.  7437  ime]  in.  7447  scute.  7455  rechent:  vgl. 
K.  465,  22  dat  is  ininer  sunden  schulde        7456  reffet.       7474  danne. 
7475  an  in:  vgl.  St.  8931.  K.  465,  44.    Es  ist  keine  Lücke  mit  Grimm 
anzunehmen.         7476  mensken.         7477  daz  in.     hete.        7478  hete. 
7479  erfroute.          7483  man  fehlt:  vgl.  K.  465,  55.         7502  sie,  nicht 
si.         7503  enthilt.        7504  ie.        7512  wie,  nicht  wi.       7517  zesewiu 
liest  P.        7519  nehain.       7521  wirt.       7522  herren.       7529  heten. 
7536  zuo]  an;  vgl.  K.  466,  46.     uerlaze.         7538  thu]  diu,  von  Grimm 
gebessert,     mir,  nicht  mer.       7542  undancken.       7549  lieben  fehlt :  vgl. 
K.  466,  59.   Grimm  ergänzte  den.         7555  gare  fehlt.         7561  wnste. 
7563  christemlichen.   "     7569  für.        7576  ich.       7586  beuilde.       7594 
sie,  nicht  si.         7601  nämen  fehlt.       7603  turpin.       7605  den  herren : 
Grimm  will  lesen  die  heren   lichenamen.          7609  an  den  neuen  sinen. 
manige  gute  salben:  vgl.  7617.        7619  Otten  Grimm]  orte. 

7624  uan.  7628  wirt.  7634  sin.  7636  uechte.  7640  chom 
ie.  7645  dicheim  oder  dicheini.  7647  ermaggen.  7655  mir,  nicht 
wir.  7657  grüze.  7658  gebuze.  7659  in  sinin:  vgl.  K.  468,  29. 
St.  8995.     maggen.         7660  wirt.  7601  hantwerc.         7671  chune: 

vgl  K.  468,  45.  St.  9005.         7683  sine:  vgl.  K.  468,  68.         7695  frou- 


ZUM  ROLANDSLIEDE.  415 

den.         769G  rechten.  7712  hont'.  7714  unsere.  7715  sine 

gewalte.  7729  zezücket.  7735  kaise.  7739  helld".  bewanten. 
7741  staline.  TT  4 ( >  fröde.  7751  lichemen.  7752  wnsten  in,  in 
zwischengeschrieben.  7758.  78  frouten.  7761  sibe  fehlt:  Grimm  er- 
gänzt von.  7782  uan.  7787  Maimes.  7792  baigere.  7793  ze 
uordelicher  chnechtaite.  7798  newart:  statt  w  wollte  der  Schreiber 
zuerst  1  schreiben  (ne  lebet?).  7801  watens  clmnnes  (nicht  clmnes). 
7808  zwaincec:  ebenso  7815.  7825.  7832.  7837.  7810  unser  fehlt: 
Grimm  ergänzt  min.  7>13  alle.  chom.  7816  uan.  7847  ander 
(zwischengeschrieben)  alp.  7853  kom.  7854  ain.         7867  uan. 

7875  I  fehlt.        7886  werde.  7888  wöcher.         7895  uan.        7896 

herren  zwischengeschrieben.       7899  sine.        7902  hete.       7906  hende. 
7909  erlostet,   und  ebenso  7913.     dinem  gewalte.  7918  thin  fehlt: 

Grimm  ergänzt  dich.  7921  in:  von  Grimm  gebessert.  7932  geman- 
ten.  7936  luite.  7944  steht  zweimal.  7950  spar.  '  7951  was 
fehlt:  vgl.  K.  474,  5.  St.  9393.  7952  chom.  7954  fröt.  nach  7961 
zware  wir  muzen   mit  in  uechte.  7964  entwiche.  7965  got. 

7967  tut.        7970  ich.       7972  decke,     tliihj  sich:  von  Grimm  gebessert: 
vgl   K.  474,  28.       7979  wirt.        7980  an  genge:  vgl  8356.  K.  474,  34 
de  \  an  anbeginne  der  zit.         7982  di.         8003  hören,  nicht  horten. 
8011  chunc.         8012  hete.  dehain.       8013  anden.       8018  ime  fehlt. 
urlop  gap.         8028  elliu.  8029  huitc.         8031  uorderot,  nicht  uer- 

il>  rot.  8034  clapamorses  (?) :  vgl.  meine  Anm.  8035  irkenne. 

8036  min  sun.  8040  ualpötenrot.  8046  borsten  sam.  8049  unt 
uon  sorbes  P.  8050  unt  uon  P.  8053  aftethe  A,  achte  /'.     wal- 

gies  AP.  Valgres  K.  476,  46.  Valges  St.  9511.  8054  nunte  P,  niu- 

getheA         8056  sich,  darüber  dich,  /'.         8060  den  chünc  P.       8061 
dorcaniuesuessen  P.        8064  thare]  scar  P.         8065  von  /',  unde  A. 
8068  di  üneferren  P.  8072  tbie  fehlt  /'.  8074  ne  fehlt  /'.     nie- 

iii.in  A.     8075  thie  fehlt  P.    darmoloten  P.     8083  iserinon  A,  isern  /'. 
8084  Turkopen  AI'.         8092  selve  fehlt  P:    vgl.   K    177,36.         8094 
arbaite  /'.  8096  geliget  aidere  P  8101   uon  then  A:  vgl.  K. 

477,46,  -SV.  9007,  die  l'n^ros,  rng<-rs  haben,  und  üngres  ist  wohl  die 
echte  Lesart.  8106  stadent.4,   gestreitinl  /'.  Allerdings  hat  auch  K. 

474,  49  strydent.  francken  P.  8108  alemani  P.  losen  .1.  Allerdings 
ist  uhI'  den  Abdruck  kein  Verlaß,  "ml  daher  bin  ich  auch  die  Lesart 
von  P  gefolgt,  aber  lösen  ist  ein  passenderes  Beiwort  als  bösen.  slll 
torgilisen  /'.  8112  bilisen  P:  mit  A  stimmt  st.  9616.  8116  ne 

fehlt  P.         8119  li.ml  n  /'.  liaiteniske  .1 :  vgl  K.  477.  60.     zunge  A. 
8120  s<>  we  A.         8122  in  fehlt  /'.         8121  uan  .1/'.        8131   al  P. 


416  KARL  BARTSCH 

8132  gehauen  P  8133  koment  A  sameut  A,  samt  P.  8135  sculen  P 
anbetent  P.  8137  Absatz  AP.  8139  mit  totliche  AP:  von  Grimm 
gebessert.  8145  unseren  P.  8148  imer  P,  fehlt  A.  8149  er- 

sach  P.   bet  A  8153  uertailet  P:  vgl.  St.  9675.  8154  bedent  A, 

beten  P        8156  werde  P.       8157  über  P.       8159  si  wir  thar  zo  A. 
8160  an  den  AP.         8162  gezechen  AP.       8169  der  haiden  P:  vgl.  K. 
480,  54.  #*.  9705.  8172  lande.P  8174  menske  P,  mensce  A 

8176  mohte  A  8181  daniele  P.  8183  hete  AP  8184  ailf  P. 
8185  en  an  dar  zit  P.  8188  er  stach  P.         8190  uan  AP.         8191 

ogier  A.  8192  in  siner  P  8194  mit  P.  /eAZi  A  8198  maze  P, 
maz  4.  8200  lie  P.  an  schin  P,  werthen  sein  A:  vgl.  6401.  8201 
ne  fehlt  P.  8203  uffe  A.  8205  4fo«fz  4.  8212  huwet  P 

8214  wirt  AP.  8215  wnder  P  8216  raohte  A.  gehauen  A,  wohl 
die  bessere  Lesart.  8219  kuonen]  diten  P     uolkthene  A.  8223 

gewinnet  A.  8230  er  gefrumter  P.         8231  mere  uerchla-  clageten 

(auf  zwei  Zeilen)  P.  8234  er  fehlt  A.  mohte  A  8235  nie  fehlt  A. 
dehainer  P  8242  gegen  P.  in  A.  8243  manigera  P,  menege  A. 
8246  escenen  A     scaft  P  8248  niemir  mere  wort  er  sprach   P. 

8249  di  haiden  P       8251  mohte  4.       8252  thie  fehlt  A.     verloren  A 
8258  wireten  A,  wert  am  Schließ  der  Zeile,  P       8260  plikke  A,  dicke, 
bicke  P:  vgl.  meine  Anm.       8267  küine  fehlt  A.       8269  aiser  im  P. 
8271  im  zwischengeschrieben  P.  8275  her  P,  /e/ift  4.  8276  ewe- 

lichen  A         8277  der  chünc  P  8278  scaft  P  8281  frouten  P, 

froten  A.         8282  schilt,  t  zioischengeschrieben,   P.         8290  im  ire  A. 
8293  intsamt  P,  insament  A.         8296  ban  4P.       8298  fehlt  A.       8305 
warten  4.       8307  di  sie  (Schluß  der  Zeile)  si  P       8308  theme  fehlt  A. 
urlob  4,  urlop  P.         8312  siu  4.        8317  gote,  nicht  goten,  P       8320 
antwirt  P,  genathen  A.         8322  noch  P,  unde  4.  8323  ne  mohten 

im  A         8326  urlobes  P,  orlobes  .4.        8328  erslahen  A.         8332  ime 
/eÄft  A.         8334  erslau  P.       8339  baierisgen  A,  baigerisken  P.       8344 
gewarte  AP.        8345  rehten  fehlt  A.       8346  ernert  7J.       8349  der  P. 
8356  so  uon  aneginges  A.  8357  diu  werlt  P.  8359  nie  so  /'. 

8362  fehlt  A.  8364  erslan  P  8366  ih  entvurhte  A.  8367  ent- 
wiche P  8368  uer  mezzenlihe  AP.  8373  uorderot,  ?i'/c/i«  uerde 
rot  P  8374  iohelim  A:  K.  483,  40  Ioleum.  8375  then  sinen]  then  A, 
sininP.  8379  ich  nu  selbe  P.  gesige  A  8380  unde  er  --geliget  A. 
8382  ne  fehlt  P.  8383  wol  thih  bethat  A.  8384  ouh  hat  auch  P. 
ther  fehlt  A.  8385  Johelim  A.  8388  gefluhet  P  hinne  P.  8389 
dehainer  P.  8392  thu  fehlt  P.  8399  entwiche  P.  8400  froli- 
che(n)  AP.     8402  hiner  stirbet  P.  nicinanA     8403  Amhohil,  Amhoch  P: 


ZUM  ROLANDSLIEDE.  4t 7 

St.   10043  A.nmoch.     uan  AP.  8404  uolgeten  A.  8407  di  /'. 

Sternen  A       8408  unt  perlen  /'.        8411   an  A.     groziuP.       S416  hine 
fehlt  A.       8419  erzaichene  A.       8420  uon  dem  ubele  /':  der  Schreiber  ge- 
rieth  in  das  Paternoster.      8421   frone  /'.      8422  erlosest  gedeone  A. 
s425  nescol  nu  mir  A,  scol  mir  P.  8426  niwet  mer  A,  nu    nicht 

mere  P.  werde  P.  8427  wan  so  />.  uffe  A  8428  kom  4P.  8430 
stören  P:  iT.  484,  66  hat  erstoren.  8434  dingen  P.  8435  ihj  iz  P; 
beruht    auf  Verlesung    des    z.  8442    brachen   P.  8445    swerten 

fehlt  P;    m#  den  schließt  die   Zeile,     griffen  /'.  8446  Tho  A;   wohl 

besser.         8452  schirme  /'.         8454  wencke  P.  8456  ze  fehlt  A. 

stuke  ^1P.  8457  erhalte  A.  8458  zehiwe  A,  zehiu  P     des  P 

8459  uerscrft,  ^/o.s  erste  r  zwischengeschrieben,  P  8460  francken  nicht 
liep  P.  8463  Di  haiden  P     uahten  .iP     grimmeliche  A,  grimmic- 

liche  P.         8464  ne  fehlt  P.     in  A     entwiche  P  8470  mir  /eAft  A: 

vgl.  St.  10178;  A'.  485,  14  hat  mir  awcÄ  nicht.  8488  gehaile.  8494 
/</'/■  inachte  halspergen:  vgl.  meine  Anm.  8497  nu  fehlt.  8498  so 
zwischengeschrieben.  8500  din-  uogelin.         8503  uemizest.  8510 

huite.  8514  werde.  8519  ain.         8522  haide-  nischer.         8532 

sin.       8553/.  manten  :  erhalten.        8558  durh.       8563  Hecht.         8577 
ain.         8581  hin  kom.        8591  mit]  in  ir,  und  dieß  ist  beizubehalten. 
wären  bevlozzen  Grimm]  befluzin.         8592  erguzzen.       8598  wainde. 
£599  geraine.       8612  rehte,  Schluß  der  Zeile.       8615  gerichten  uan. 
8617  brehmunda,  so.         8623  uersumet,  so.        8625  haut  zu  schreiben, 
wie   Grimm   will,    ist    unnöthig;  tliie   steht  für  ther.  8626  chom. 

8634  unt  sPsich.         8636  dan.        8638  beten.         8649  sin  gelegen. 
8657  dei-kaiser  wnderot:  vgl.  St.   L0279.         8658  warte.         8663  sie, 
8667  sent.         8669  beiligiz.         8673  Tiv.         8674  ain.       8679 
hergzogen  K692  ^iin   mir.      min.        s\;\)'t  Ter.       8696  liebin  libiu. 

6  al.        8707  sol  P.        8708  für  genenne  P.        8709  noch  niemir 
dehain  /'.         -710  ne  fehlt  /'.        8712  grimme]  thikke  A.       8714  mih 
ime  ze  wibe  A        3719  tha  .1.       8720  beuilhe  ich  in  /'.      8722  mere 
fehlt  A.     ne  fehlt  P.     hinne  P.       8729  gesaz  P.       8731  genehmen  P. 
8732  do,  nicht  da,  /'.        8734  sie  /'.  fehlt  A.       8735  aber  wnden  /'. 
8736  tho  er  stunde  und«-  wäre  . I.  8744   hete*.  8745  antwrte.. 

8751   di.  8755  gesiechte.  8758  beten.  8764  chunlinge. 

3766  hi  zwischengeschrieben,     chom,  Schluß  der  Zeile.  8771   erzürn- 

te /'.  8775  riehen  AI'.  -777   ich    -m  nine  /'.  8781    in  .1. 

3783   :.<!    fehlt  /',  des,  am  Schluß   der  Zeile.  8784  m^re  fehlt  /' 

8785  thrang  da  A,       8790  geunsculdigen  /'.      8791   genelunen  min  /' 
8793ne/eÄftP.  3798  erherte  P.  8799  min  P  01  der  in 

(JE  i    (XIX.  Jtthi  27 


418  KARL  BARTSCH,  ZUM  ROLANDSLIEDE. 

sin  P  8805  irledige  in  huite  P.         8810  enzunter  P         8812  aer- 

sumet  auch  P.         8814  mich  sin  P.       8817  in  A         8818  uarent  P. 
8820  scol  ich  mere  denne  nicht  P     mere]  uer  A       8821  Pirrich  P. 
thauore  A.      8825  nahister  gebornP.       8828  durh  P.     hinen  A,  hin  P. 
8830  uerraten  al  thaz  A.       8835  huite  P.     erzaichen  A.       8836  main 
aiden  P     8839  allem  P,  fehlt  A.     8840  gerne  fehlt  A.     uechte  P     8842 
erherte  P.       8844  dir  Übermut  P.       8846  merke  P.      8847  gescaft  P. 
8850  saule  P.        8856  ih  /eAft  A      8858  dionisii  dich  hiute  uelle  P 
8860  daz  er  P.        8861  iewederem  P,  iwereme  A.      8864  genelunen  P. 
übe  P     8866  ergienge  P     8867  di  phat  P     8870  drizec  P.     giselen  A, 
gisel  P      8872  frouten  ^1P.      8874  hete  AP.     nieman  A     nehain  AP. 
8877  in  A         8879  karlinge  A.       8880  uerloren  al  A.     gethinge  A. 
8889  thingeten  A.      8893  in/eM  P      8899  was  P       8900  champh  P 
8901  zu  P       8902  thie  fehlt  P.      8907  thä  fehlt  A.      8908  den  als  P 
8909  chemphen  P         8913  grizwarten  P  8915  stukke  A         8919 

getorste  chom  P         8920  erne  ne  P     hete  AP.         8925  winigen  P. 
8927  gesetzen  A.  8930  er  do  uf  P         8933  tha  under  4.         8934 

wnden  P,  wnde  A  8936  des  P         8937  tiurlicher  A.         8940  we- 

gen P.  8943  erben  A.  8944  ainen  A.  8945  wirde,  r  zwischen- 
geschrieben, P.  8948  also  wole  fehlt  A.  8949  kum  zo  A.  herren 
fehlt  A.  8950  dich  sin  P  8951  gerne  fehlt  A.        8952  thaz  ih 

thih  A.         8953  ne  /e/iZ«  P  8954  iz  4;  sin  P     ne  /«ÄÄ  P.         8956 

dehain  P.         8957  mere  gelebe  P.  8960  genelunen  P.         8961  ne- 

mah-  niwet  A,  so  ist  zu  schreiben.       8962  so  willih  hi  fore  thir  geligen  A. 
8963  werde  P.  8964  durh   in   ersterbe  P.  8968  geuangen  P. 

8972  untriwe  A:  vgl.  St.  12044.       8975  uuhten  A.       8977  ne  fehlt  P. 
mohten  A.  8980  uerwndete  4.  8985  stah  A.        8987  uffe  A. 

8988  froude  P,  frothe  A.      8990  slachte  P.      8992  sie  huoben  fehlt  P. 
8993  gesaz  P.         8994  sentphlichte  P.        8996  heten  AR        8997  ge- 
selle />.         8998  genelunen  P 

8999  alle  bi|  mit  A.  9005  ne  fehlt  /'.  9006  in  A.  9014 
stucko  P.  9022  vor.  9024  di  edcle  chur  (durch  st  riehen)  herzoginne. 
9026  himilwizen  scaren:  gebessert   von  Grimm  (Z.  3,  281).  9032  iz 

Grimm:  fehlt.         9040  chüninge.       9048  sin  {Schluß  der  Zeih)  uan. 
9050   nach   newirdet   ausgestrichen  ich.  9058   man  Grimm:  fehlt 

9060  vroude.         9064  fraiste:  von  Grimm  gebessert.        9067  opherit. 
9070  im  nu  stat,   vor  stat  ausradiert  st.  nu  getilgt  von   Grimm.        9083 
danne.         9088  singe.       9090  tröste  mine  allen.       9093  mähe,  Schluß 
der  Zeile. 


FEDOR  BECH.  HEINKICH  VON  MORUNGEN.  419 

HEINRICH  VON  MORUNGEN. 


Der  Name  des  Minnesängers  Heinrich  von  Morungen  ist,  soviel 
mir  bekannt,  bis  jetzt  noch  aus  keiner  Urkunde  nachgewiesen  worden; 
ebenso  wenig  ist  uns  über  die  persönlichen  Verhältnisse  dieses  Dichters 
etwas  überliefert.  Aus  seiner  Mundart  hat  man  geschlossen,  daß  er 
ein  düringischer  Ritter,  aus  dem  Charakter  seiner  Lieder,  daß  er  wo- 
möglich noch,  vor  Reinmar  und  Walther  zu  setzen  sei.  Gleichwohl  lässl 
sich  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  vermuthen,  daß  er  einst  in  Diensten 
des  Markgrafen  Dietrich  IV  von  Meißen  stand,  jenes  stolzen  Mizenaere, 
auf  den  Walther  von  der  Vogelweide  wiederholt  zu  sprechen  kömmt, 
und  daß  er  in  Folge  seiner  geleisteten  Dienste  (als  Gesandter  im  Aus- 
lande?) am  Hofe  seines  Herren  hohes  Ansehen  genoß,  — -  wenn  er 
nämlich  ein  und  dieselbe  Person  ist  mit  jenem  Henricus  de  Morungen, 
von  dem  es  in  einer  von  Teodericus  dei  yratia  Misnensis  et  Orientalis 
marchio  ausgestellten  Urkunde,  im  Urkundenbuche  der  Stadt  Leipzig 
herausg.  von  Fr.  Posern -Klett  II  no.  8,  heißt:  quod  Henricus  de 
Morungen,  miles  emeritus,  spiritu  tractus  divino,  Xtalenta  annuatim,  quae 
jn 'opter  aÜa  vitae  such  merita  <i  nohis  ex  monefa  Lifizensi  tenuit  in  Lern 
fi'iuui,  nohis  resignavit  et  ut  ea  ecclesiae  beati  Thomae  in  Lipzc  ad  usus 
inibi    Christo    militantium    conferre    dignaremus    devotissime    supplieavit, 

illud    rrcdi ums    evangel 'im in    in    COrdis    msiins  palatio :    Dilti-    i  Irinas! nn in  ei 

omnia  munda  sunt  vobis.  Die  Urkunde  ist  /.war  ohne  Datum,  doch  er- 
gibt sich  aus  ihr,  daß  sie  erst  nach  der  Stiftung  des  Thomasklosters,, 
also  nach  1218,  und  noch  vor  1221  (17.  oder  18.  Februar),  wo  Dietrich 
starb,  gesetzt  werden  muß,  in  eine  Zeil  wo  Heinrich  von  Morungen 
wahrscheinlich  nicht  mehr  jung  (miles  emeritus)  war. 

Übrigens  lassen  sich  außer  bei  Schöttgen  und  Kreysig  Diplom. 
Band  II  jetzt  noch  anderweitig  Herren  von  Morungen  nachweisen.  So 
ein  ülricus  de  Morungen  aus  dem  J.  1286  als  castellanus  in  Grellenberg 
in  den  Urkunden  des  Stiftes  Walkenried  (  -  Urkundenbuch  des  histor. 
Vereines  fiir  Niedersachsen  II  I  Abth.  I.  do.  4'.»."».  Ferner  ein  C.  dt 
Morungen  aus  «lem  .1.  L278  in  dem  Urkundenbuche  der  Stadt  Göttin 
gen  [,iio.21.  Endlich  Heinricw  de  Moringen  alsMitglied  des  Rathes  in 
dem  genannten  Urkundenbuche  I.  qo.  TL  148,  155,  214,  aus  den  Jahren 
1309  bis  1361;  ein  Detmar  de  Moringen,  Rathsmitglied  In  Göttingen  in 
de,,  Jahren   L373  bie  L382,  ebenda  do.  306. 

/I  [TZ    0  ttobei   L874.  I  I  DOR  BECH. 

27" 


420  FEDOR  BECH 

URKUNDLICHE    NACHWEISE    ÜBER    DAS    GE- 
SCHLECHT  UND    DIE   HEIMAT    DER  DICHTER 
HEINRICH  UND  JOHANNES  VON  FREIBERG. 


Daß  Heinrich  von  Freiberg,  bekannt  als  der  Fortsetzer  von 
Gottfrieds  Tristan  sowie  als  Verfasser  der  Ritterfahrt  des  Johannes  von 
Michelsberg  (vergl.  v.  d.  Hagens  Germania  II,  92—98)  und  des  Ge- 
dichtes vom  heiligen  Kreuze  (vergl.  Pfeiffers  Altd.  Übungsbuch  S.  126 
bis  135),  nicht  aus  Oberdeutschland  (vergl.  K.  Roth,  Uolrichs  von  Tür- 
heim Rennewart,  S.  57 — 58  und  129),  sondern  aus  Mitteldeutschland 
stammen  müsse,  hat  zuerst  v.  d.  Hagen  in  den  Minnesängern  IV,  615 
und  nach  ihm  Franz  Pfeiffer  in  dieser  Zeitschrift  II,  253 — 254  aus  der 
Sprache  der  Reime  erwiesen.  Beide  nehmen  an,  daß  der  Dichter  in 
dem  obersächsischen  Freiberg  seine  Heimat  gehabt  habe,  und  daß  es 
darum  nicht  zu  verwundern  sei,  wenn  er  grade  mit  dem  böhmischen 
Adel  —  nach  v.  d.  Hagen  und  K.  Roth  unter  König  Wenzel  II,  also 
1278  bis  1305  —  in  Verbindung  erscheine. 

Nach  Mitteldeutschland  aber  gehörte  seiner  Sprache  nach  auch 
Johannes  von  Freiberg,  von  welchem  wir  noch  eine  Erzählung, 
das  rädelhi  betitelt,  besitzen,  in  v.  d.  Hagens  GAbenteuern  III,  111  — 124; 
vergl.  die  Einleitung  v.  d.  Hagens  dazu  S.  XXVI  folg.  und  das  von 
Zacher  herausgegebene  Fragment  in  Haupts  Zeitschiüft  XIII,  333  bis 
335.  Beweisend  für  die  Abstammung  aus  Mitteldeutschland  sind  schon 
die  Reime  gehöret  :  besiceret  in  V.  50,  enhcer  :  immer  V.  80,  innbekorte  : 
worte  153,  scheiden  :  melden  300,  nü  :  da  zu  306,  nit  :  pflit  418. 

Obersächsische  Urkunden  zeigen  nun  zur  Genüge,  daß  es  seit 
dem  13.  Jahrhundert  ein  edles  Geschlecht  von  Freiberg  gab,  das 
vorzugsweise  in  obersächsischen  Städten  angesessen  war. 

Zuerst  ist  hier  zu  erwähnen  ein  Heinrictis  burgensis  de  Lvpzc 
dictus  de  Vriberc,  welcher  im  J.  1245  8.  Juni  vor  Heinrich,  dem 
Markgrafen  von  Meißen  und  Osterland,  fünf  große  Hufen,  die  er  zu 
Lehen  besessen,  aufgibt  und  sie  der  Thomaskirche  eignen  lasse;  nach 
dem  Urkundenbuche  der  Stadt  Leipzig  ed.  Posern-Klett  II,  no.    14. 

Vor  allen  wichtig  ist  sodann  eine  Stelle  in  einem  „Extrakt  aus 
denen  Schöppenbüchern,  so  in  VII  codieibus  membranaeeis  auf  dem 
Schöppenhause  zu  Halle  verwahrlich  aufbehalten  werden",  mitgetheilt 
von    J.    Christoph    von   Dreyhaupt  in  seiner    Beschreibung    des    Saal- 


URKUNDLICHE  NACHWEISE  ÜBER  HEINE,  UND  .TOR.  VON  FREIBERG.     421 

Kreysos  (auch :  Pagus  Neletici  et  Nudzici)  II,  479.  In  dem  ersten  jener 
Codices  memhranacei  „so  anno  12G6  anfängt"  heißt  es  unter  andern: 
Hinric  von  Vriberch  quam  in  geheget  dinc  und  begavete  sinen  Lindern 
alle  de  //•  nu  hei  und  ummer  nur  gewint,  alle  sin  eygen  und  alle  sine 
varende  have,  vnd  alle  das  he  begaven  mach  vor  gehegeteme  dinge.  Storbe 
eyn  leint,  so  sol  das  uf  das  ander  vallen.  Selber  wil  he  iz  herre  sin,  ivile 
he  lebet.  Dar  ober  hat  he  voremunden  gekoren  heren  Buszen  von  deme 
grashove  und  Johannesze  von  Vriberch  vnd  Nicolause  von  der  Holt- 
W(  rt,  das  man  darmete  nicht  tun  sal}  is  ensi  ere  wille.  Diese  Eintragung 
in  das  Schüppenbuch  muß  noch  vor  das  Jahr  1308  fallen,  denn  mit 
diesem  Datum  begannen  (laut  S.  480  bei  Dreyhaupt)  die  Aufzeich- 
nungen des  zweiten  der  genannten  Schöppenbücher,  mit  dem  J.  1366 
die  des  dritten  (S.  481  1.  1),  mit  dem  J.  1388  die  des  vierten  (S.  482), 
mit  1425  die  des  fünften  (S.  485). 

Im  J.  1312  werden  Heinrich  vnd  Herman,  Qevettern'von  Vry- 
l"-rr/,  durch  den  Math  von  Halle  mit  Heinrichen  und  Otten,  Gebrüdern 
von  Nordhausen,  wegen  einiger  Thalgüter  verglichen,  nach  J.  P.  de 
Ludewig  Reliqu.  MSC.  t.  XII,  S.  233. 

Ferner  bezeugt  ein  Hinricus  de  Vryberg  eine  Urkunde  in  dem 
Jahre  L314,  laut  welcher  der  Rath  zu  Halle  an  das  Kloster  zum 
Neuen  "Werk  ein  Stück  einer  Wiese  vertauscht;  bei  Dreyhaupt  1.  1. 
I,  728. 

Ein  ganz  besonderes  Interesse  wegen  der  Stellung,  die  dieser 
Heinrich  von  Freiberg  in  der  Stadt  Halle  einnahm,  gewährt  noch  ein 
Sühnevertrag  vom  Jahre  1327,  ebenfalls  von  Dreyhaupt  I.  S.  63  mit- 
getheilt  :  ///  deme  namen  goddes  amen.  Wie  sesze  unde  drittich  ratmanne 
tho   Hat/r,   wie  von  denn    dale,  wie  von  deme  bergh  ystere  der  in- 

nunge  unde  bürgert  gemeyne  to  Halle,  bekennen  openliken  in  diszeme  je- 
ghenwerdighen  brieue  umme  den  krich,  den  Heinrich  von  Northusen  undt 
sine  brodere  hebben  gehat  mit  unsen  burgheren  von  Halle,  dat  sie  des  eynt 
gantze  sone  hebben  mit  uns  unde  wie  mit  on,  also  dai  sie  noch  wie  des 
mit  arghe  nummer  mer  uprucken  scolen.  Were  dat  sie  disze  sone  breken 
an  emande,  beschuldighet   sie   die    rat  darumme,    dar  scolen  sie  tho  rechü 

Cm  ine    l.nni'ii,    <lf  sie    icilli-u:     icn/deii    si>-    i'n'i-    rcciit     nicht    dar    rare     dim,    SO 

scolde  me  sie  vorunsen  von  Halle  hundert  jar  unde  eynen  dach.  Swie  d 
sone  oüc  an  6n  breke,  det  chtes  scal  dit   rat  ouer  den  helpen. 

Ouc  bekenne  wie  mer  umme  den  krich,  den   Hinric  von    Vriberch 

unde   dit    von   Northusen    mit    eynander   hebben   ghehat,   dat   so  l   sin  eyn 

gancz  sone  äne  allerleyt  arghelist  unde  mit  die  mit  der  sake  be- 

■  ii   -int.  eyne  half  und  die  ander  half.  Swelk  Srer  die  sone  breke,  dar 


422  FEDOR  BECH 

hie  sin   recht    nicht   vore  wolde   dun,   den   scal  man  vorwisen  von  Halle 
hundert  jar  und  eynen  dach. 

Uppe  dat,  dat  disze  vorbescreuene  sone  gancz  werde  ghehalden  sunder 
broc,  so  hebbe  wie  ratmanne  diszen  jeghenwerdigen  brief  loten  beseghelet 
mit  vnser  stad  angehangeden  ingheseghele  unde  mit  der  ingheseghele  von 
deine  dale  vnde  mit  der  ingheseghele  von  deme  berghe  vnde  mit  der  mey- 
stere  ingheseghelen  der  inninghe.  Unde  ek  Hinrik  von  Northusen  vnde  mine 
brodere  mit  vnseme  ingheseghele.  Unde  ek  Hinric  von  Vriberg  mit 
mime  ingheseghele.  Disze  brief  is  ghegeven  nach  Goddes  gheburt  ouer  dnsent 
jar  drühundert  jar  in  deme  seuene  unde  twintichsten  jare  in  der  elefdusent 
meghede  dage. 

Wenn  es  nach  K.  Roths  Mittheilung  (1.  1.  S.  58)  am  Schlüsse 
einer  Regensburger  Urkunde  vom  J.  1287  heißt:  Heinricus  Hallaer, 
Pertholdus  Lecho  et  filius  suus  Ulricus  Lecho  et  f rater  suus,  Heinricus 
de  Vrieberch,  so  erhellt  daraus  noch  nicht,  daß  Heinrich  v.  Fr.,  falls 
er  mit  dem  genannten  eine  Person  ist,  dort  längere  Zeit  gelebt  habe; 
er  braucht,  wie  Pfeiffer  bemerkt,  auf  seinen  Turnierfahrten  Regensburg 
nur  einmal  berührt  zu  haben. 

Über  Johannes  von  Freiberg,  den.  wir  oben  als  Vormund 
der  Kinder  Heinrichs  haben  kennen  lernen,  berichtet  uns  eine  Urkunde 
aus  dem  J.  1290,  29.  September  bei  J.  Peter  de  Ludewig  Reliqu.  Ma- 
nuscr.  t.  V,  p.  60 — 61  (vergl.  Dreyhaupt  I,  707  u.  II,  Beilage  S.  45): 
quod  totalis  discordia  et  questio  litigiosa,  que  inter  prepositum  et  conven- 
tum  ecclesie  Novioperis  ex  una,  et  Johannem  de  Vryberg  nee  non 
Albertum  et  Hinricum  filios  suos  ac  Johannem  Socerum  et  Luciam  eius 
uxorem  parte  rertebatur  ex  altera,  super  quibtisdam  dam/pnis,  quaejohan 
nes  et  eius  filii  ac  socer  supra  dicti  se  asserebant  ex  parte  conventus  pre- 

dicte  ecclesie  se  reeepisse,  per  honestos  milites amicabiliter  est 

sopita.  Aussteller  waren  consules  ac  commune  civitatis  Ilallensis. 

Derselbe  Name  unter  den  Beisitzern  des  Schöppenstuhles  von 
Halle  im  J.  1308  aufgeführt  bei  Dreyhaupt  II,  S.  452:  Hinrich  Boydin, 
Roddiger  de  Schwarte,  Herman  de  Lange,  Hinrich  von  Kotene,  Johannes 
von  Vriberch,  Hinrich  von  Northusen,  Werner  Wogt,  Johannes  Win- 
man,  Kerstan  her  Arnoides,  Nicolaus  Mosolf. 

Von  diesem  Hallenser  vielleicht  verschieden  war  der  in  einer  Ur- 
kunde des  Bischofs  Heinrich  von  Meißen,  aus  dem  Jahre  1233,  als 
Zeuge  auftretende  Johannes  de  Vriberc,  vergl.  Urkundenbuch  des  Hoch- 
stiftes Meißen  ed.  Gersdorf  I,  no.  114. 

Ein  Hermannus  de  Vriberg,  schon  oben  neben  seinem  Vetter  Hein- 
rich genannt,  tritt   außerdem  im  J.  1302  als  Zeuge  auf  bei  dem  Ver- 


URKUNDLICH  K  NACHWEISE  ÜBEB  BEINR.  UND  JOH.   VON  FREIBERG      423 

kaufe  des  Dorfes  Provestesrode  (Probstrode)  an  Otto  von  Ileburg,  nach 
Ludewig  1.  1.  t.  V,  S.  257. 

Im  J.  1339,  25.  Februar,  Hermdns  von  Freyberg,  Bürgers  zu  Halle, 
Dotation  des  von  ihm  im  Kloster  zum  Neuen  Werk  zu  Ehren  S.  Maria, 
S.  Mathiä  und  S.  Andrea  gestifteten  Altars  mit  zwei  Mark  jährlicher 
Zinsen,  nach  Dreyhaupt  I,  709  aus  Ludewig  t.  X,  S.  605. 

Im  J.  1339,  6.  März,  Revers  des  Probstes  Johannes  und  des 
Klosterconventes  zum  Neuen  Werk,  worin  diese  versprechen,  daß  Her- 
man  von  Freyberg  an  dem  von  ihm  in  der  Klosterkirche  gestifteten 
Altar  das  ins  patronatus  haben  solle,  sowie  daß  sie  ihn  und  seine  Haus- 
frau zugleich  in  die  KJosterbrüderschaft  aufnehmen;  ebenfalls  nach 
Dreyhaupt  1.  1. 

Im  Jahre  1312,  25.  April,  erscheint  ein  Hermannus  de  Vriberg 
unter  den  Katmannen  (consules)  von  Leipzig,  welche  auf  Befehl  des 
Markgrafen  von  Meißen  den  Markgrafen  AVoldemar  und  Johann  von 
Brandenburg  und  Landsberg  huldigen;  nach  dem  Urkundenbuch  der 
Stadt  Leipzig  herausg.  von  K.  Fr.  von  Posern-Klett  I,  no.  26. 

Im  J.  1316  bezeugt  derselbe,  Her.  de  Vriburg  geschrieben,  mit 
den  übrigen  Ratmannen  eine  Urkunde  der  Gebrüder  Tammo  und  Fried- 
rich de  Elzkowe;  nach  dem   zuletzt   genannten  Urkundenbuche  no.  29. 

In  den  J.  1349  und  1352  wird  Hermannus  de  Friburg  als  Bürger 
von  Leipzig  aufgeführt,  ebenda   no.  39  und  no.  44. 

Ein  anderer  gleiches  Namens  zeigt  sieh  im  Ilochstifte  Meißen 
ansässig.  So  ein  magister  Hermannus  de  Vril><  ,■<■  officialis  noster  in 
einer  vom  Bischof Withego  II.,  ausgestellten  Urkunde  aus  dem  J. 1317; 
vergl.  Urkundenb.  von  Meißen  I,  im.  365;  derselbe,  <l<>miuns  Her- 
mannus de  Vriberg  genannt,  in  einer  Urkunde  der  Gebrüder  Hein- 
ricus  ei  Thimo  de  Koldicz,  aus  dem  J.  1320,  ebenda  I.  no.  378;  —  und 
davon  nicht  verschieden  magister  Hermannus  noster  officialis,  wie  er  mit 
Weglassung  von  '/-•  Vriberg  beißl  in  einer  Urkunde  des  genannten 
Withego  aus  dem  ,1.  1322,  1.  I.  I,  im.  383;  —  gleich  darauf  bezeug! 
derselbe  wieder  als  dominus  Hermannus  de  Vriberg  eine  Urkunde  Withe- 
gos  aus  demselben  Jahre,  I.  1.   I,  im. 

Im  J.  1344  weiden  Hinze  und  11  im  man  von  Vriberch,  Bürger  zu 
Halle,  wegen  ihrer  Thalgüter  durch  den  Rath  daselbst  verglichen ;  nach 
Dreyhaupi   II,  Beilage  S.    U>. 

In  Leipziger  Urkunden  aus  den  Jahren  1295,  1298,  1305,  1306, 
1307  und  1311  tritt  als  Zeuge  auf  ein  Symon  de  Vriberchj  sacerdos 
ecclesiae  St.  Thomae',  nach  dem  Urkundenb.  von  Leipzig  II,  no.  46, 49, 
66,  68  and  79. 


424  J-  BAECHTOLD 

Ein  Erhart  von  Vriberg  wird  erwähnt  unter  den  gegen  das  Erz- 
stift Magdeburg  feindseligen  Mannen  des  Herzogs  Magnus  von  Braun- 
schweig, in  einer  Urkunde  vom  J.  1347.  4.  Januar,  bei  Dreyhaupt  I, 
S.  72. 

In  dem  öfter  erwähnten  Urkundenbuche  des  Höchst.  Meißen  treten 
außerdem  noch  folgende  auf.  Im  J.  1281  eignet  der  Bischof  Withego 
den  Domherren  Tilmann  von  Torgau  und  Conrad  von  Boruz  septem 
mansos,  fquos]  emerunt  et  comparaverunt  a  Bor  tone  layco,  filio  Bor- 
tonis de  Vriberc,  vergl.  no.  251,  S.  194;  —  im  J.  1313  genehmigt 
Bischof  Withego  II,  quod  dilecti  nobis  dominus  Nycolaus  ecclesiae 
nostrae    canonicus    et    dominus    Petrus    sacerdos   fratres,  filii   qnondam 

Theoderici  Kunekonis  de   Vriberg  felicis  memoviae, capeüam 

et  altare  —  instituerunt  et dotaverunt,  vergl.  no.  353,  S.  285;  —  im 

J.  1322  genehmigt  B.  Withego  II  die  von  dominus  Petrus  filius  quon- 
dam  Theoderici  Kunekonis  de  Vriberg  sacerdos  vorgenommene  Über- 
weisung von  Zinsen  an  die  von  ihm  und  seinem  Bruder  Nycolaus  Mis- 
nensis  canonicus  gestiftete  Simon-  und  Judascapelle,  vergl.  no.  385 ;  — 
in  den  Jahren  1380  und  1385  wird  ein  her  Pamcil  oder  er  Pavel  von 
Friberg  als  vicarie  czu  Missen  unter  Zeugen  aufgeführt,  vergl.  no.  664 
und  no.  693;  —  im  J.  1407  ist  Mitglied  des  Meißner  Domcapitels 
dominus  Karleioicz  de  Friberg,  vergl.  no.  797;  —  im  Jahre  1269  er- 
scheint endlich  ein  Christanus  de  Vriberc  ansäßig  in  Meißen,  vergl. 
no.  207. 

In  Diensten  des  Königs  Wenzel  stehend  treten  auf  Burghart  von 
Freyberg  im  J.  1385,  nach  den  deutschen  Reichstagsacten  von  Weiz- 
säcker I,  503,  17  und  504,  28,  unter  denen  genannt,  welche  dem  Könige 
die  Judengelder  eintreiben,  und  Conrad  von  Fryberg  im  J.  1392,  ebenda 
II,  316,  11  und  362,  3. 

Weitere  Nachweise  zu  geben  steht  mir  jetzt  nicht  zu  Gebote. 
Die  dargebrachten  werden  aber,  denke  ich,  ausreichend  sein,  um  zu 
beweisen,  daß  die  Heimat  der  oben  genannten  Dichter  in  Obersachsen 
zu  suchen  sei. 

ZEITZ,  "Michaelis;i1874.  FEDOR  BECH. 


ULRICH  VON  ZATZIKHOVEN. 


Bekanntlich  fehlte  bis  jetzt  jeder  urkundliche  Nachweis  über  den 
Dichter  des  Lanzelet.  Annähernd  als  dessen  Lebenszeit  wurde  die  zweite 
Hälfte  des  XII.  und  der  Anfang  des  XIII.  Jahrh.    angenommen,   und 


ULRICH  VON  ZATZIKHOVEN  425 

an  die  Scheide  des  XII.  oder  in  das  erste  Decennium  des  XIII.  Jh.  die 
Abfassung  des  Lanzelet  gesetzt.  Heute  nun  bin  ich  im  Stande,  einen 
Ulrich  von  Zatzikhoven  oderZezinchoven  urkundlich  nachweisen  /.ukönnen 
und  bin  natürlich  gern  geneigt,  denselben,  der  sich  als  Pfarrherr  von 
Lommis  entpuppt,  Ins  auf  weiteres  für  den  Verfasser  <h'>  Lanzelet  zu 
halten.  Die  hier  folgende  Urkunde,  die  ich  der  Güte  des  Berrn  Dr.  Wart- 
mann  in  St.  Gallen  verdanke,  ist  dem  nächstens  erscheinenden  dritten 
Bande  des  großartigen  Urkundenbuches  der  Abtei  St.  Gallen  entnommen. 
Grat'  Diethelm  von  Toggenburg  mit  seinein  Bruder  Friedrich  und 
seiner  Mutter,  der  Gräfin  Guota,  schenkt  dem  Kloster  St.  Peterzeil*) 
einen  Jahreszins  von  40  Käsen  und  einer  Kuh,  welchen  ihm  das 
Kloster  bisher  von  Zinsgütern  in  Enzenberg*)  zu  bezahlen  hatte,  gegen 
eine  wöchentliche  Messe  bei  Lebzeiten  und  eine  Jahrzeit  nach  seinem 
Tode. 

Kloster  St.  Peterzeil.  1214,  März  29. 

f  In  nomine  sanete  et  individue  trinitatis.  Amen.  Ego  Diethalmus 
de  Togginburch  comes.  Ut  de  modernorum  salutaribus  gestis  tides  pre- 
beatur  posteris,  antiquorum  et  prudentum  virorum  auetoritas  statuit, 
ea  literarum  roborari  testimonio,  ne  oblivionis  nube,  quam  ex  prevari- 
catione  primi  parentis  contraximus,  una  cum  tempore  bonorum  exempla 
operum  elabantur.  Declaretur  igitur  universis  tarn  presentibus,  quam 
posl  futuris  universis  bonae  voluntatis  hominibus,  qualiter  Diethalmus 
de  Togginburch  comes,  una  cum  fratre  suo  Friderico  et  matre  sua 
Guota  comitissa,  censum  XL  caseorum  ei  vaccae  unius,  XII  solidos 
Constantiensis  monetae  valentis,  qui  de  censualibus  prediis  in  Engizin- 
berch  sitis  a  cenobio,  quod  cella  saneti  Petri  vocatur,  annuatim  sibi 
persolvebatur.  ob  salutem  animae  suae  parentumque  suorum  jam  dicto 
cenobio  indulsit  <'t  perpetuo  remisit,  immo  legittima  donatione  tradidit 
et  donavit;  hac  tarnen  pactionie  forma  coneepta,  ut  vita  dictum  comitem 
comitante  singulis  ebdomadibus  missa  una  pro  peocatis  ad  sui  memo- 
riam  inibi  celebretur  ei  post  mortem  anniversarius  suus  exinde  perpetuo 
peragatur.  Ne  autem  tarn  legittimae  donationis  auetoritas  malignorum 
ineursibus  in  posterum  possil  ullo  modo  lacerari,  presentem  fecil  inde 
conscribi  paginam,  et  ut  ratihabitio  per  hoc  innuatur  posteris,  Bygilli 
sui  munimine  roborari,  Acta  igitur  sunt  hec  in  monasterio  cellae  saneti 
Petri,  anno  dominicae  incarnationis  MCCXITII,  anno  decemnovenalis 
cycli  XVIII.  coneurrentibua   II,  epactis   VII,  indictione   II.  quarto    ka 


*)  in  Tojrcr^ntiHr^. 


426  R-  KÖHLER 

lendas  Aprilis,  E.  litera  dominicali,  presidente  sedi  apostolicae  Inno- 
centio  III,  anno  apostolatus  ejus  XVI,  regnante  gloriosissimo  Roma- 
norum rege  Friderico,  anno  regni  ejus  II,  C(uonrado)  de  Tegirvelt 
Constantiensem  gubernante  katedram,  anno  pontificatus  sui  VI,  C(uon- 
rado)  de  Touzenanch  regimen  ecclesiae  sancti  Johannis  in  Turtal  possi- 
dente.  Testes  autem,  qui  hec  viderant  et  audierant,  sunt  hü:  Werne- 
herus  plebanus  de  Liutinsburch ,  et  capellanus  Uolricus  de  Ce- 
cinchovin,  plebanus  Loumeissae*).  Burchardus  miles  de  Lapide 
et  alii  quamplures.  Si  quis  ergo  huic  donationi  tarn  salubriter  celebra- 
tae  ausu  temerario  in  posterum  contraire  presumpserit,  in  die  districti 
exaininis  cum  reprobis  mereatur  percipere  porcionem.  Amen. 
Perg.  Urkunde  in  St.  Gallen.  P.  P.  5  B  3. 

Ich  ergreife  die  Gelegenheit,  nochmals  auf  das  Wort  uosezzel  zu 
kommen  und  verweise  auf  einen  einschlägigen  Artikel  von  Pupikofer 
in  der  Zeitschrift  für  Schweiz.  Alterthumskunde  v.  1871,  wo  aus  Hatte- 
mers  Denkmalen  Bd.  I,  229  die  Glosse  uosteftan  und  ib.  235  uostafton 
herbeigezogen  wird,  uo  erweist  sich  durchaus  als  diabetisch  für  üf  = 
auf,  nach,  zu,  und  ist  jetzt  noch  in  der  Schaffhauser  Mundart  üblich. 
Dazu  vergl.  Meyers  Ortsnamen  des  Cantons  Zürich  Nr.  1637:  Uowison, 
jetzt  Uhwiesen,  (im  Gegensatz  zu  Niederwiesen.),  dann  uomät  und 
uo  wachs  . 

SOLOTHURN,  Oct.  74.  Dr.  J.  BAECHTOLD. 


MITTELALTERLICHE  ANSICHTEN  ÜBER  DIE 
TRÄGER  DES  NAMENS  PETRUS. 


In  derselben  Handschrift  der  Weimarischen  Bibliothek,  aus  welcher 
ich  Bd.  XVIII,  S.  460  dieser  Zeitschrift  ein  deutsches  Gedicht  von  der 
Gerechtigkeit    mitgetheilt  habe,  finden  sich  unmittelbar  vor  jenem  Ge- 
dicht auf  Seite  333b  folgende  lateinische  Verse  ohne  Überschrift: 
Sunt  omnes  Petri  mirabiles,  invidiosi, 
Instabilis**)  animi,  fallaces,  luxuriosi, 
Smalcia  ***)  dant  verba,  sed  frigida  sunt  quasi  petra, 


*)  Lornmis  im  üanton  Thurgau,  eine  Viertelstunde  von  Zetzikon  (Zatzikhoven) 
entfernt.  Die  übrigen  Ortsnamen  meist  St.  Gallisch. 

**)  In  der  Hs.  ist  instabiles  von  alter  Hand  geändert  in  instabiles. 
***)  So  steht  deutlich  in  der  Handschrift.   Ist  dabei  an  mhd.  smalz  zu  denken  ? 


MITTELALTERS  ANSICHTEN  ÜBER  DIE  TRÄGER  DES  NAMENS  PETRUS.     427 

Decipiunt  cunctos  laicos,  clericos  quoquc  doctos. 
0  Petre,  Petre,  quid  audio  dicere  de  te? 
Idcirco  sociuni  nullus  querat  sibi  Petrum. 

Diese  Verse  sind  vielleicht  in  Erfurt  entstanden.  Die  Hs.  enthält 
mehrere  Erfurtensia  und  gehörte  ehemals  dem  Erfurter  Kloster  Petri 
und  Pauli.  In  Erfurt  sollen  aber  die  Peter  in  schlechtem  Ansehen  ge- 
standen haben,  wie  sich  aus  Folgendem  ergibt. 

In  Felix  Hemmerlins  'Dyalogus  de  consolatione  inique  suppres- 
sorum'*)  sagt  die  Sapientia: 

Quidam  asserunt,  omnes  tali  nomine  [sc.  Petri]  designatos  ad 
modum  petre  fore  plus  ceteris  cervieibus  duriores  et  ad  omnis  man- 
suetudinis  humanitatem  fore  minus  flexibiles.  Unde  quondam  magistratus 
civitatis  Ertfordensis  in  Tluuingia  ordinavit  et  statuit,  prout  bis  diebus 
ibidem  servatur,  ut  in  ipsorum  senatu  seu  consulatus  collegio,  quod 
multum  notabile  pre  ceteris  consiliis  Germanie,  Petrus  nomine  locum 
nequaquam  deberet  habere.  (Clarissimi  viri  juriumque  doctoris  Felicis 
Hemmerlin  cantoris  quondam  Thuricensis  varie  oblectationis  opuscula 
et  traetatus,  s.  1.  et  a.,  foL,  Seite  CXXVb). 

In  des  Dominikaners  Petrus  de  Prussia*)  Vita  Albert i  Magni, 
Cap.  LII,  lesen  wir: 

Sic  de  saneto  Petro  Apostoh»  multa  a  rudibus  proferuntur,  et 
utinam  non  crederentur!  Scio  enim  civitatern,  de  qua  fertur,  si  autem 
verum  est,  ignoro,  quod  in  tantum  ibi  invaluit  opinio  luec,  quod  om 
nes  Petri  sunt  mirabiles,  ut  nemo  ibi  assumatur  ad  Consulatum  vocatus 
hoc  Domine.  Et  revera,  bj  verum  est,  quod  dicitur,  et  perseverant  in 
sua  sententia,  graviter  essent   puniendi  ob  huiusmodi  perfidiam. 

Mau  bemerke  die  Übereinstimmung  der  Worte  comnes  Petri  sunt 
mirabiles    mit  dem  Anfang  der  oben  mitgetheilten   Hexameter. 

Martin  Zeiller  (gb.  L589,  f  1661)  sagt  in  seiner  'Beschreibung 
der  Zehen  des  11.  Rom.  Teutscheu  Reichs  Kreyßen'  (S.  390  der  mir 
vorliegenden  /weiten,  Nürnberg  L690  erschienenen  Ausgabe—  die  erste 

kam    1660   heraus)  : 

"Wie  ich  neulich,  durch  Schreiben,  berichtet  worden,  so  solle  man 
allhie  |d.  h.  in  Erfurt]   keinen    zum   Rathsmeister   oder  Burgermeister, 


*)  Vgl.  B.  Reber,  V.  Bemmerlin  von  Zürich,  Zürich  1846,  8.  361  Bf. 
**)  Petrus  de  Prussia  biet  eigentlich  Bigast  und  wai  ausDanzig  gebürtig,  daher 
der  Beiname  de  Prussia.  Er  lebte  in  der  zweiten  Hälfte  des  l">.  Jahrhunderts  and 
schrieb  'li'1  Vita  Alberti  zn  Köln,  wo  Bie  i486  »uerst  in  Druck  erschien  Vereint  mit 
des  Albertus  Büchlein  De  adhserendo  Deo  ist  Bie  anch  1621  zu  Antwerpen  herausge- 
geben worden,  welche  Ausgabe  mir  irorlii  '  Sighart,  Albertus  Magnu  B 
bürg  1857,  B.   IX. 


428  ADALBERT  JEITTELES 

ja  auch  keinen  in  den  Rath  nehmen,  der  Peter  heist:  Wie  dann  auch, 
im  gedruckten  Raths-Register,  keiner  zu  finden,  so  Petrus  geheissen 
hätte:  Die  Ursach  aber  dessen  seye  unbewust.' 

Derselbe  M.  Zeiller  erwähnt  diese  Sage  nochmals  in  seinen  'Mis- 
cellanea,  Nürnberg  1661,  S.  240: 

cDaß  man  zu  Erfurt  in  Thüringen  keinen  in  den  Rath  nehmen 
solle,  der  Petrus  heist,  sihe  den  Tractat  von  den  X.  Reichs  Craissen 
tit.  5,  p.  330.  und  deß  Petri  de  Prussia  Urtheil  davon  (wann  anders 
deme  also,  was  man  berichtet)  in  vit.  Alberti  Magni  c.  52.  p.  621  [lies: 
321]  deß  Antorffischen  Drucks  de  Anno  1621  in  12'. 

Im  Gothaischen  Reichs-Anzeiger  vom  J.  1794,  2.  Bd.,  Nr.  99,  Sp. 
950,  erschien  anonym  folgende  Anfrage: 

cWar  in  Erfurt  ehehin  wirklich  die  Gewohnheit,  daß  keiner,  der 
Peter  hieß,  in  den  Rath  aufgenommen  wurde?' 

Nachdem  hierauf  im  folgenden  Jahrgang,  1.  Bd.,  Nr.  18,  Sp.  166, 
zunächst  eine  anonyme  Antwort  erschienen  war,  in  welcher  auf  die 
angeführte  Stelle  in  Zeiller's  Miscellanea  hingewiesen  und  außerdem  noch 
bemerkt  wurde:  'Viele  Personen,  worunter  geborne  Erfurter,  hielten 
diese  Anfrage  für  Scherz5,  folgte  inMemselben  Bande,  Nr.  122,  Sp.  1197, 
noch  eine  Antwort,  welche  'Erfurt.  —  b  —  s.'  unterzeichnet  ist  und  also 
lautet : 

'Allerdings  muß  es  uns  Erfurtern,  wie  es  im  18.  Stück  heißt,  mit 
dieser  Frage  als  ein  Scherz  vorkommen,  da  die  Erfahrung,  ohner- 
achtet  der  Tractaten,  die  im  obigen  Stück  angeführt  werden,  es  hin- 
länglich beweißt,  daß  in  Erfurt  bey  Besetzung  der  Rathsstellen  keines- 
weges  auf  die  Namen  Rücksicht  genommen  wird;  denn  im  vorjährigen 
Rathstransitus  war  Hr.  Peter  Franz  Dreger  anderer  Rathsmeister.' 

Ich  bemerke  schließlich,  daß  ich  auf  die  Stellen  im  Reichs-An- 
zeiger von  meinem  Freunde  Dr.  Robert  Boxbergcr  in  Erfurt  aufmerk- 
sam gemach tjworden  bin.  Ohne  sie  aber  wären  mir  die  Stellen  aus  Zeil ler 
und  Petrus  de  Prussia  unbekannt  geblieben. 

WEIMAR  REINHOLD  KÖHLER. 


DIENST  AG—Z  LNSTAG. 

Die  Auffassung,  daß  unser  Dienstag  in  Analogie  mit*  dem  dies 
Martis  der  Römer  seinen  Namen  von  dem  altheidnischen  germanischen 
Kriegsgott  Tijr,  hochd.  Zio  erhielt,  muß  sich  frühzeitig  aus  dem  Be- 
wusstsein  unserer  Vorfahren  verloren  haben.  Denn  bekanntlich  be- 
gegnen schon  seit  dem  13.  Jahrhundert,  zumal  in  niederd.  Quellen,  die 


DIENSTAG     ZINSTAG.  |-j«i 

Formen  dinstag  [dinsedag  .  dingstag,  dienstag,  während  die  organische 
Form  ziestag  in  schriftlichen  Denkmalen  selten  ist.   Vgl.  Grimm 

DW.  11.  L120.  Lexer  Handwörtb.  428.  436.  Müller-Zarncke  Wtb.  III,  8. 
I  m  das  14.  Jhd.  taucht  daneben  die  Form  zinstag  auf  (Birlinger,  Ale- 
mann. Sprache  -41).  die  in  Schriften  des  16.  Jahrhunderts  vorherseht. 
Von  da  ab  gewinnt  unser  heutiges  dienstag,  dinstag  allgemach  die  Ober 
band.  Ins  es  an  der  Schwelle  des  18.  Jhd.  die  l>is  dahin  bestandenen 
Nebenformen  völlig  verdrängt. 

Über  die  etymologische  Deutung  dieser  Formen  spricht  sich  das 
deutsche  Wörterbuch  der  Brüder  Grimm  folgendermaßen  ans:  emag 
nun  die  liquida  a  unorganisch  eingeschoben  sein  oder  liegt  in  dinges- 
tag  und  zinstag  eine  misglückte  erklärung,  die  aus  dem  nicht  mehr 
verstandenen  ziestag  einen  dies  judicii  oder  dies  census  macht,  immer 
ist  gewis,  daß  der  alte  name  das  ursprüngliche  enthielt1.  Ks  lässt  also 
«ffen,  ob  diese  Auffassungen  des  Dienstags  sowohl  als  dies  judicii  wie 
als  dies  census  jenen  Bezeichnungen  wirklich  unterliegen.  Dieß  ist  aber 
thatsächlich  der  Fall.  Als  Beweis  dafür  mögen  folgende  Stellen  dienen. 
Keisersberg  sagt  in  seinen  'Predigen'  (Straßbg.  1510)  Bl.  47*, 
indem  er  von  den  sieben  geistlichen  Märkten  handelt,  auff  denen  sich 
ain  guter  cristenmensch  werben  mag  vnd  grossen  gewyn  seiner  seelen 
überkommen,  der  ymmer  öwig  ist',  von  dem  dritten  Markt  u.  a.  folgen- 
des: Auff  disen  raarekt  der  güthait  gotes  soldtu  faren  an  dem  zinstag, 
der  von  alter  her  darumb  ist  genenl  gewesen  der  zinstag  als  ettlich 
sagent  i  die  weil  die  Römer  alle  weit  vnder  ynen  hetten;  do  was  der 
von  ynen  dartzu  verordnet,  «las  man  yn  den  zinßs  daran  geben  solt. 
Die  andere  Deutung  des  Dienstags  als  dies  judicii  findet  sieh  in 
Stielers  Spaten  Sp.  -'517.  wo  darüber  bemerkt  wird:  Dingstag,  nobis 
Dinstag,  dies  dicatus  judicii'.  Desgleichen  bei  Henisch  p.  7  1  1  :  1  >ingfi 
dienstag,  zinßtäg,  dies  Marti-,  quia  dies  litigiis  dicata:  litibus  enim  ei 
bellis  praeest  Mars'.  Nicht  anders  urtheilt  Frisch,  teutsch-lat.  Wörtb. 
I,  198,  nur  mit  dem  Unterschied >  daß  er  die  Herleitung  von  ding  als 
die  bei  den  'Meisten    giltige  Ansieht   hinstellt. 

Zwei    weitere!    Auslegungen    unseres    Woch  redenkt    das 

deutsche  Wörterbuch  nicht.    Die  eine   davon,    zufolge  welcher  Zinstag 
von  Zinn    hergeleitet   wird,    scheint  überhaupt   unsern   Forschern  unbe- 
kannt   geblieben  zu  sein.    Sie   begegnet  in  Melbers  Vocabularius  vari 
loquuß  is.  I.  et  a.  i  Bl.  "7':  'ilii.  ono,  quia   Mar-  habet  de 

minium  super  stannum'.   hie  andere  Auslegung,    die  den   Dienstag 


430  SCHRÖER 

Dienst-tag,  somit  als  den  Tag  des  Gehorsams,  der  Dienstleistung  auf- 
fasst,  scheint  zuerst  im  17.  Jahrhundert  aufgekommen.  Wenigstens  findet 
sie  sich  bereits  bei  Logau  vor,  dessen  Epigramm,  'Dienstag  überschrieben, 
so  lautet: 

Welt  und  ihren  Lüsten  dienen  ist  die  größte  Sclaverei, 

Deinem  Willen,  Gott,  gehorchen  ist  das  allersüßte  Frei. 

Und   ebenso   hält   Adelung   in   seinem  Wörterbuch  I,  1368    diese 

letztere  Auffassung,    obgleich  er   ihre  Richtigkeit  in  Abrede  stellt,  für 

ausgemacht,  indem  er  bemerkt:  'Die  Schreibart  Dienstag  gründet  sich 

bloß  auf  die  unrichtige  Ableitung  von  dem  Worte  Dienst'. 

GRAZ.  ADALBERT  JEITTELES. 


SONNENUNTERGANG,  GEILATE,  GUSTRÄTE 
U.  A.  GOTT  FOLGEN  GEHN. 


Hildebrand  sagt  Wtb.  IV,  1132  zu:  wenn  die  Sonne  zu  gaden  ge- 
gangen (aus  Otho  evang.  Krankentrost  1671)  „der  schöne  Ausdruck 
so  spät  und  vereinzelt  bezeugt,  sieht  nach  hohem  Alter  aus".  Es  wäre 
hier  eine  schon  von  Gr.  Mythol.  701  besprochene  Stelle  Mor.  15*  an- 
zuführen gewesen,  wozu  Gr.  bemerkt  „wenn  nicht  ze  gnaden  gelesen 
werden  muß".  Es  bedeutet  natürlich  nichts  anderes  als  die  Sonne  gieng 
in  ihr  Schlafgemach,  sie  gieng  ze  reste.  —  Wie  ist  aber  das  alemannische 
und  niederdeutsche:  'die  Sonne  geht  vergoldet,  zgold ,  to  golde  zu  ver- 
stehen? —  Es  erinnert  mich  dieser  Ausdruck  an  ags.  goldburg,  vin- 
burg  als  Aufenthaltsort  wo  die  Helden  mit  dem  Könige  fröhlich  sind, 
zu  vergleichen  dem  altnord.  Vingolf.  Vorrede  zu  Andr.  und  Elene 
XXXVII  f.  Das  altnord.  gladheim  ist  wie  goldburg  ein  prachtvoller  Auf- 
enthalt der  Wonne.  —  Wenn  nun  ags.  gesagt  wird  sun  go  to  glade 
die  Sonne  geht  zu  Glänze,  unter,  so  entspricht  das  in  mehr  als  einem 
Sinne  dem  angeführten  die  Sonne  geht  zu  Golde.  Man  möchte 
fast  vermuthen,  daß  das  oft  besprochene  ze  Geilät  da  diu  sunne  ir  ge- 
sedel  hat  Mor.  146  entstellt  sei  aus  ags.  sun  go  to  glade. 

Bartsch  liest  in  der  bekannten  Stelle  Gudr.  1164,  2: 
ez  was  nu  worden  späte,  der  sunne  schin  gelac 
verborgen  hinder  wölken  ze  Gulsträte  verre. 

Die  Lesart  Gulsträte  für  Gustrate  der  Hs.  stützt  sich  auf  das 
besser  beglaubigte  Gylstram  Parz.  I,  252.  Wenn  ersteres  entstellt  ist  aus 
einem  nicht  mehr  verstandenen  altsächsischen  gold  (altnord.  gull-)  -strdta 


SONNENUNTERGANG.  431 

Goldstraße,  so  gäbe  das  den  Sinn:  die  Sonne  fahre  beim  Untergang 
die  Goldstraße,  zur  Goldburg,  ze  gokle.  Gylstraru,  als  Gegend  des 
Sonnenuntergangs,  könnte  dann  ebensogut  aus  Goldsträm  Goldstrom 
entstellt  sein. 

Ganz  eigen  ist  der  Ausdruck,  der  in  Gottschce  für  das  Unter- 
teil n  der  Sonne  gebraucht  wird.  Wie  Aventin  sagt,  daß  keiner  sagen 
durfte  die  Sonne  gienge  unter,  sondern  sie  gienge  ze  röst  und  gnaden 
(Myth.  702),  so  heißt  es  in  Gottschee  noch  heute,  es  sei  Sünde  zu 
sagen  die  Sonne  gehe  unter,  man  müsse  sagen,  sie  gehe  Gott  folgen. 
In  einem  Volksliede  aus  Gottschee  verlangt  die  heilige  Barbara,  die 
in  den  Thurm  geworfen  ist,  man  mache,  ihr  drei  Giebelfenster,  Vllinena 
inilid.   h'ne). 

die  erste  line  wo  die  sonn  aufgeht 
die  zweite  wo  sie  zu  mittag  steht 
die  dritte  wo  sie  gott  folgen  geht. 
S.  mein   Wtb.  der  Mundart   von  Gottschee  S.  93.  229.  Auch  bei 
den  Serben    ist    es    nicht   erlaubt  zu   sagen  die  Sonne  gehe  unter:  My- 
thol.  702. 

Tacitus  sagt  Germania  cap.  11  von  den  Vorstellungen  unserer 
Vorfahren:  nox  ducere  diem  videtur.  In  dem  Ausdrucke  aus  Gottschee 
liegt  die  Vorstellung  daß  Gott  der  Sonne  voraus  zu  reste  geht.  Sollte 
diese  Vorstellung  denn  ganz  allein  nur  dort  vorkommen?  Ich  mag  mich 
nicht  einlassen  aufVermuthungen,  welcher  heidnische  Gott  einer  solchen 
Vorstellung  entspräche,  doch  scheint  mir  die  Redensart  merkwürdig 
genug  um  hervorgehoben  zu  werden.  Vielleicht  daß  unsere  Mythen- 
forscher weitere  Analogien  beizubringen  wissen;  vielleicht  Bildebrand 
im  Wörterbuch,  in  dem  wir  hoffentlich  bald  den  reichhaltigen  Artikel 
gott  zu  lesen  bekommen. 

Noch  sehen  diese  Deutungen  der  fremdartig  aussehenden  Namen 
für  den  Wohnort  der  Sonne,  das  gestehe  ich  selbst,  verwegen  genug 
aus,  iimsomehr,  als  ihr  Zusammenhang  mit  der  deutschen  Mythologie 
schon  längsl  abgelehnl  ist.  Mtillenhoff-Scherer  S.  346.  Dennoch  will 
ich  den  Versuch  noch  nicht  aufgeben  ihre  Haltbarkeil  in  weitere  Er 
wägung  zu  ziehen,  indem  mir  die  Gründe,  die  dafür  sprechen,  doch 
aoeh  Btärker  erscheinen,  als  die  dort  angeführte  ags.  Stelle,  nach  der 
die  Bürg,  u  der  die  Sonne  am  Morgen  kommt,  Jaiaca,  und  die  Burg 
in  der  sie  schlafen  geht  Garita  {Janita)  heißt.  Diese  Stelle  verbürgl 
doch  nur  die  Anschauung,  nach  der  die  Sonne  eine  Morgenburg  und 
eine  Abendburg  hat,  und  beeinträchtigt,  wie  mir  scheint,  einen  Deutu 
"versuch    jener  Namen   auch    nicht   im  Geringsten.     Als  Quelle    für  die 


432  SCHRÖER,  SONNENUNTERGANG. 

fremdartigen  Namen,  die  in  deutschen  Dichtungen  vorkommen,  brauchen 
wir  sie  nicht  gelten  zu  lassen ,  wenn  sie  anders  gedeutet  werden 
können.  Grimm  hat  Myth.  702  f.  ags.  und  altn.  Ausdrücke  verzeichnet 
ags.  sun  go  to  glade,  altn.  solar  glaiti  vestgötlandisch:  solen  gladas,  glaas, 
soleglanding ,  die  er,  gewiss  mit  Recht,  mit  den  deutschen  Ausdrücken 
zusammenstellt:  die  Sonne  geht  zu  Golde  u.  dgl. 

Ob  der  Ausdruck  Morolt  1354  ze  Geilät  da  diu  sunne  ir  gesedel 
hat  als  ein  unverstanden  aus  dem  ags.  herübergenommenes  Wort  an- 
gesehen werden  kann,  wird  vielleicht  aus  näheren  Untersuchungen  über 
die  Geschichte  dieser  Dichtung  erhellen. 

Die  Anschauung  liegt  in  obigen  Ausdrücken  gewiss,  daß  der  Ort, 
wo  die  Sonne  untergeht,  goldig  und  glänzend  ist.  Ein  goldenes  Schloß 
auf  einem  Glasberg  bewohnt  die  Jungfrau  im  Märchen,  das  aus  dem 
Sonnenmythus  in  verschiedenen  Varianten  sich  entwickelt  hat.  In  dem 
altdänischen  Liede,  wo  Bryniel  (Brunhild)  auf  dem  Glasberge  sitzt, 
welchen  nur  ein  besonderes  Pferd  (Gräni)  besteigen  kann,  hat  sich 
die  Wafurlogi,  der  Flammensaal  der  nordischen  Mythe,  in  einen  gol- 
digen Glasberg  verwandelt,  s.  Anmerkung  zu  den  Hausmärchen  3,  169  f. 
Es  könnte  wohl  auch  an  eine  Anlehnung  des  Wortes  glas  an  glaas  f. 
gladas  (sol)  occidit  gedacht  werden. 

Zu  diesem  altdänischen  Liede  stimmt  das  Märchen  die  Rabe 
(Hausmärchen  93).  In  einem  goldenen  Schlosse  auf  einem  Glas- 
berge sitzt  die  verzauberte  Jungfrau.  Der  Erlöser  kömmt  geritten  auf 
einem  Pferde,  das  die  Gabe  hat  auf  den  Glasberg  zu  kommen  ohne 
zu  gleiten  u.  s.  w.  Auffallender  Weise  hat  in  diesem  deutschen  Mär- 
chen nun  das  Schloß  ein  ei)  Namen,  der  wiederholt  vorkommt.  Es 
heißt  „das  goldene  Schloß  von  Stromberg".  Der  Name  Strom- 
berg ist  nicht  aus  dem  Märchen  selbst  zu  erklären.  Er  ist  demnach 
überliefert  aus  einer  älteren  Fassung  des  Märchens.  Die  Sonnenjung- 
frau wohnt  also  in  einer  Goldburg  („das  goldene  Schloß")  und 
man  gelangt  dahin  wol  über  einen  Strom,  der  den  Glasberg  („Strom- 
berg") umströmt.  Auf  dem  Glasberge,  dem  „Stromberge",  ist  die 
Goldburg,  die  Gold  stromburg.  Dahin  geht  die  Sonne  zu  Golde, 
to  glade  (ze  Geilät"/),  über  den  Goldstrom  (Gylstram)  und  von  da 
aus  fährt  sie  dann   wol   auch   am   Morgen   die  Goldstraße  (Gusträte). 

SCHRÖER. 


ADALB.  JETTTELES,  LÜTBRECHIC.  |:;:; 

LÜTBRECHIC. 

Lexer  stellt  im  mhd.  Handwörterbuch  I,  1995  ein  Adjectiv  lüt- 
briichic  auf  und  fügt  dazu  ein  Fragezeichen.  Die  Belegstelle,  die  er 
zur  Stütze  dieser  Form  beibringt,  ist  aus  den  Chroniken  der  deutschen 
Städte  1.  -'lau,  G  und  lautet:  wann  erpidem  auf  erden  wurden  vil  und 
-/.,  also  das  dorfer  und  starke  slosz  und  vil  steei  gar  lautpriichig 
(wurden)  und  zu  häufen  vielen.  Dazu  gibt  Lexer  die  Varianten:  lani- 
prechtig,  lanibruchig  und  vergleicht  lautbrüchig,  ruchbar,  bei  Schmeller 
1-.   1531. 

Ich  glaube,  es  kann  nur  lauibrechig  oder  lautbrechtig  heißen,  woraus 
obiges  lautpriichig  eine  Entstellung,  vielleicht  auch  Umdeutung  ist.  Die 
Formen  lauibrechig,  lautbrechtig  gehen  nämlich  zurück  auf  lütbrehe,  lüt- 
breht,  wofür  allerdings  unsere  mhd.  Wörterbücher  nur  sehr  wenige  Be- 
lege ausweisen,  und  bedeuteten  ursprünglich  'lärmend,  laut,  offenbar', 
später  im  übertragenen  Sinne  'ruhmredig.  Auch  der  ruhmredige  ist 
laut,  Qämlich  in  Beziehung  auf  sich  selbst  vorlaut.  Jene  ursprüngliche 
Bedeutung  stimmt  auch  vollends  zu  obiger  Belegstelle :  es  gab  so  viele 
und  gewaltige  Erdbeben,  daß  Dörfer  und  feste  Schlösser  und  viele 
Städte  mächtig  erdröhnten  und  in  Trümmer  fielen. 

Dieselbe  Form  lauibrechig  finde  ich  in  derselben  Verwendung  in 
dein  d,r  Grrazer  Universitätsbibliothek  gehörigen  Codex  ~  in  4.,  worin 
auf  der  ersten  Seite  nach  dem  Vorsetzblatt  vor  einer  Reihe  geistlicher 
Stücke  in  lateinischer  Sprache  folgende  nicht  uninteressante  deutsche 
Erbatiungsrede  aus  dem  Anfang  <\rs   15.  Jahrh.  steht*). 

1  )itz  seint  die  zweit'  staffeln   <\<-r  demutigkeil    und  die  beschreiben 

B idictus  und  Bernhardus,  die  zwene  lerern.  Daz  erste:  Demutig  saltu 

in  deinem  herzen  sein  und  alle/,  dein  euzer  wandel.  Daz  ander:  Deine 
äugen  saltu  stetes  nider  slahen  zu  dem  ertreich  gerne.  Daz  dritte  ist 
also:  Du  scholt  niemer  lauibrechig**)  und  schallende  sein  mit  deinem 
froleichen  lachen.  Daz  vierde:  Du  geholt  dich  gewenen,  daztu  gerne 
so  lange  Bweigest,  biz  man  «lieh  freget,  innen  und  auzen.  Daz  finfte 
ts1  also  zu  sprechen:  Dein  reden  schol  sein  churz,  züchtig  und 
aunftig.  Daz  sechste:  Du  scholt  dich  dunkchen  und  auch  des  gelauben, 
urie  du  seist  aller  böseste.  Daz  siehende  ist:  Daz  scholtu  auch  von  dir 
offenleich  auz  sprechen,  wenneez  dir  qoI  tut.  Daz  achte:  Deinen  eigenen 

Dil    Berstelluii     der  barbarischen  Orthographie  rührt   von  mir  bar. 
igkcb   II-. 
QEBHANIi  TU.  (XIX.  J  28 


434  K.  BARTSCH 

willen  saltu  lernen  alle  tage  ab  brechen  in  allen  werchen.  Daz  neunde: 
Du  seholt  deinen  geistreichen  vetern  gerne  gehorsam  leisten.  Daz  zehende: 
Du  seholt  beleiben  gedultig,  ob  sie  dich  heizen  groze  swere  dinch  zu 
tuen.  Daz  eilfte:  Du  seholt  deine  beichte  mit  warer  grozer  reuwe*) 
offenbar  deinem  beichtiger  auf  tun.  Daz  zwelfte:  Du  seholt  keine 
besunderleichkeit  an  dich  nemen,  die  ergerleich  mochte  gesein. 

Statt  lautbrechig  begegnet  in  Schriften  des  16.  Jahrhunderts 
gewöhnlich  die  Form  lautbrecht,  z.  B.  u.  a.  bei  Fischart  'Ein  artliches 
Lob  der  Lauten  (Kurz,  Deutsche  Bibliothek  Bd.  X,  S.  25).  Die  Stelle 
lautet: 

Ists  nicht  vil  besser,  das  man  dich 
zu  frewden  brauch  fein  sicherlich, 
dann  daß  man  auß  deim  zarten  holtz 
mach  schädlich  pfeil  vnd  einen  boltz 
vnd  brauch  dich  dann  zur  grewlichkeyt, 
welchs  mir  für  dich  wer  hertzlich  leid, 
daß  du  genetzet  würst  im  blut, 
so  ietz  dein  klang  vil  bessers  thüt 
vnd  würdst  nun  lautprecht  vberall, 
erklingst  nun  in  des  königs  saal? 
Auch  hier  hat   lautbrecht  die  ursprüngliche  Bedeutung  'laut,  ver- 
nehmbar. 

GRAZ.  ADALB.  JEITTELES. 


AHD.  GLOSSEN  AUS  SCHEFTLARN  UND 
TEGERNSEE. 


Die  nachstehend  gedruckten  Glossen  zweier  Münchener  Hand- 
schriften verdanke  ich  der  freundlichen  Mittheilung  W.  Wattenbachs. 
Die  Handschriften  sind,  so  viel  ich  ermitteln  konnte,  noch  nicht  be- 
nutzt, wenn  auch  von  Docen  und  Schmeller  gekannt.  K.  B. 

I. 

Der  Cod.  lat.  Monac.  17142,  früher  Scheftl.  142,  aus  Scheftlarn 
stammend,  im  zwölften  Jahrhundert  geschrieben,  enthält  außer  der 
Trauslatio  S.  Dionysii  (Bl.  1 — 69)  vorzugsweise  lateinische  Gedichte, 
dazwischen  aber  in  buntem  Durcheinander  theologische  und  gramma- 
tische Excerpte.  An  verschiedenen  Stellen  finden  sich  ahd.  Glossen  über 

*)  rewue  Hs. 


AHD.  GLOSSEN  AUS  SCHEFTLARN  UND  TEGEKNSEE. 


435 


die  lateinischen  Worte  geschrieben;  vorn  steht  die  Bemerkung:  'Glossas 
theotiscas  hinc  inde  in  hoc  cod.  occurrentes  exscripsit  D.'  d.  h.  docli 
wohl  Docen,  der  sie  wohl  zur  Veröffentlichung  bestimmt  hatte. 


f.    84   tanacetum  reiuan. 
usquiamum  pilse. 
bastinaca  moi-he. 
Jouis  barba  Jims  torzc. 
herba  mercurialis  striph. 
84''  sine  carie  gerwt . 

89  tricordium  giga. 
i'xacordum  harpha. 
scalprum  scabisan. 

90  concambium  wessel. 
bracium  malz. 

91  I'ila  autem  quatuor  modis 
intelliguntur.  primum  doz 
quo  os  ca})tiuorum  concludi- 
tur.  seeundum  dicitur  pal. 
quo  utuntur  mulieres  in  ludo. 
tercium  stamph  quo  conte- 
riturmilium.  quartum  mensa 
sociorum.  in  quo  reponeban- 
tur  libri  venales. 

100    spadones    dicuntur    surculi 

arborum  steriles  scuzlinge. 
1001'  lupati.  frena  asperrima  cham 

prittil. 
103    castor  piber. 

fiber  oter. 

ericius  igil. 
1  <  »7    allium  cloßoch. 

rafanum  merretihc. 

appium  i'phic 

cepe  ciphol. 

porrum  sectiuum  dicitur  sni 

tiloch. 

serpillum  chonola. 


sarmuna  cheruil. 

marubium  saluia. 

capudium.    herbarum  ortus. 

in  quo  plantantur  herbe. 

inenta  minz. 

isopum  isj). 

pepo  erdcvphl '). 

Urtica  nezzel '). 

Cucurbita  churbiz. 

saliunca  salch. 
109    lens    lendis    nizz>.    lens.  tis. 

numero  linsf1). 
109''  hie  canalis  nusc. 

hecpapimo  (1.  papirio)  pinice. 

hec  scirpea  cenel. 
HO1'  cupa  potege1). 

emissorium  zapfe1). 
11 1     nux  corili  hasil3). 

aran  scotica   lingua   dicitur 

panis. 
116    uri    agrestes    sunt  boues  in 

Germania  habentes    cornua 

in  tantum  protensa.  ut  regiis 

mensis  ex  eis   gerule   fiant. 
119    caluicies  chalue. 

perpendiculum  uel  pintile  uel 

muschele  in  pellibus. 

situla  urna. 

manubrium  halb. 

pes  meus  luxatus  est  erlenchet. 
1 19b  t'ormula  leist. 

Argentina  strrazpurh. 
126    accipiter  habahc. 

nisus  sparwer 


-% 


Am  Rande.  Offenbar    ein    Hexameter;   daher   lens.    lentis    numero   zu 

hu  oberen   Bande.  ')   Heide  Glossen   neben  einander,  offenbar  der 

Anfang  der  bekannten  lateinischen  Verse  mit  deutschen  Vögelnamen  (s.  Nr.  11). 

28* 


436  K.  BARTSCH,  AHD.  GLOSSEN  AUS  SCHEFTLARN  UND  TEGERMSEE. 

II. 

Cod.  lat.  Monac.  19488,  aus  Tegernsee,  im  12.  Jahrhundert  ge- 
schrieben, enthält  p.  118  und  p.  121  die  bekannten  Hexameter  'Hie 
volucres  celi  referam'  u.  s.  w.  mit  deutschen  Glossen,  das^erste  mal 
mit  weniger  Glossen  als  das  zweite  mal.  Die  Handschrift  ist  von 
Schmeller,  Carm.  Bur.  p.  267  erwähnt,  wo  außerdem  auf  Clm.  614  und 
3537  verwiesen  ist,  welche  Hss.  diese  Glossen  ebenfalls  enthalten,  so 
wie  sie  auch  in  einer  Straßburger  (Altd.  Blätter  I,  348),  Schlettstädter 
(Zeitschrift  f.  d.  Alterthum  5,  360),  Wallersteiner  (Germania  8,  47), 
Wiener  (altd.  Blätter  2,  213),  Admonter  (Pertz'  Archiv  6,  170),  der 
Hs.  der  Carmina  Burana  (p.  175)  und  sonst  noch  (vgl.  Germania  8,47 
Anm.)  vorkommen.  Das  erste  mal  ist  nur  der  erste  Vers  der  Vögel- 
namen glossiert,  die  Glossen  lauten  hauh,  spareware.  ualche.  storche 
speht ;  von  den  Pflanzennamen  nur  der  letzte  Vers,  mit  gunter  (iscam) 
hieran  schließen  sich  unmittelbar  die  Verse  mit  Fischnamen  (=  altd 
Bl.  1,  350),  welche  hier  deutsch  lauten  hehchet.  slie.  allnt.  uorhe.  asch 
harinch.  walr.  lahs.  al.  lantfride, 

Bl.  121    lauten   die  Namen   der  Vögel:    habich.    sparware.    valche 
störe9,  speht.  alster.   grunspht.  rausare.  wehe,  haiger.  turtUtübe.   hvfi.  tahe 
giger.  are.  chuigel.  wiltuake.  heitohe  (über  palubes).  icitehofe.  sneph.  reb 
hun,  ula.  vinke.  nahtrabe,  amerink.  wie.  wiaise.  hortubil.  heher.  elbiz.  stare 
töchel.  trosgel.  bravogel.  ivahtele.  amsel.  fashon.  orrhun.  wisgöm.  ante,     stok 
are.    isvogel.   rotte,    listera.   wurgelhahe  (Jiahe  später  durchstrichen),  röche, 
dorndral.  haselhon.  birkhön.  haselgans.  strnze.  sitik.  heimel  (über   cicada. 
darunter    von    etwas   jüngerer    Hand    grille),    smirle.    grasemuch    (über 
phil'm  d.  h.  philomenam).    lerche.   glaim.  nahtegal  (über  luciliis).  distil- 
uinche.  Von  Namen  der  Thiere  sind  folgende  glossiert,  vrhosse  (st.  v/r- 
ohsse).  ivisint.  elho  (etwas  jünger),   rc/ijiok    (über   capricornus).  merkaze, 
luhs.   vuhcs.    vohe.    tahs.    marder.    härm,    otter.   piber.    spiee  (über  sorex). 
pilch,   cismus   (diese  beiden   über  glis.  gliris).    dentis,    wantlus.    Namen 
von  Pflanzen:  populus   albar.   fusarius  spinelptfm.  sauina  seuinböm.  per- 
sicus  phersichp.  prinus  (für  prunus)  phrurrip.  (dazu   am  Rande  von   de1' 
wenig  jüngeren  Hand  chienpom  d.  h.  mißverständlich  für  pinus).   cera" 
sus  kersp.  malus  quoque  cinus  ehr ich ]>  (steht   über  quoque).  nux  nvz  /> 
pinus  vuht.  cum  platano  ahorn.   uibex  birke.   cum  buxo  busp.    fraxinus 
aspi.  fagus  boche.  lentiscus  mezeböm.  ulmus  ulm.   acer  mazzelter.  cornus 
linbom.    corilus    hasel.    carpinus    hachenböche.    ornus  arlezböm.    auellani 
nespilböm.  amigdala  mandelbom.  therebintum  lerpöm  (von  zweiter  Hand), 
cum  tremulo  asp.  tribulus    hagen  (am  Rande  von  zweiter?Hand  bwffoli); 


LITTEHATIR:  O.  ERDMANN,  SYNTAX  DER  SPRACHE  OTFRIDS.       437 

spina  dorn,  taxus  iwe.  ulnus  erla.  riscus  holnr.  sambucus  wilthohr.  cum 
iunipero  craneurit.  paliurus  hagendom.  vimia  wich,  salices  salehe.  uites 
winrebe.  cum  cutino  chutinböm.  moros  moTbom.  Die  beiden  letzten  Verse 
lauten : 

stock  Yhaidah  !) 

Ista  tenete  loca  storax  turbisce  mirica.  smelehc. 

hartrugel 
heu  sanguinarium  non  uersu  ponere  possum. 


LITTERATÜR. 


0.  Erdmann,  Untersuchungen  über  die  Syntax  der  Sprache  Otfrids.  Erster 
Theil:  Die  Formationen  des  Verbums  in  einfachen  und  zusammengesetzten 
Sätzen.  Halle  1874.  Waisenhausbuchhandlung,  gr.  8°.  XVIII  und  234  S. 
Es  ist  nicht  nöthig,  auf  die  hohe  Bedeutung  eines  Unternehmens,  wie 
des  vorliegenden,  aufmerksam  zu  machen.  Oft  genug  und  von  den  verschiedensten 
Seiten  ist  ja  darauf  hingewiesen  worden,  daß,  im  Vergleich  mit  den  übrigen  Theilen 
der  deutschen  Grammatik,  die  Syntax  nur  stiefmütterliche  Behandlung  gefunden 
habe.  Man  werfe  nur  einen  Blick  in  den  syntaktischen  Theil  unserer  nhd. 
Grammatiken  oder  denke  an  den  Unterricht  in  der  deutschen  Satzlehre  an 
unseren  höheren  Lehranstalten;,  so  wird  man  sich  dem  Eindrucke  peinlicher 
Dürftigkeit  nicht  entziehen  können.  Wenn  man  nun  zugeben  muß,  daß,  eben- 
sowenig wie  in  der  deutschen  Metrik,  in  der  deutschen  Syntax  ein  Schritt  für 
die  späteren  Entwicklungsstufen  der  Sprache  ohne  Kenntniss  der  früheren  mit 
Sicherheit   gethan  werden  könne,    so   kann  nur  der  Blick   auf  die  Schwierigkeit 

Unternehmens  erklären,  warum  die  ahd.  Syntax  so  lange  hat  auf  einen 
Bearbeiter  warten  müssen.  Für  Otfrid  hat  sich  dieser  Aufgabe  nunmehr  der 
Verfasser  obiger  Schrift  unterzogen,  angeregt  durch  das  Preisausschreiben  der 
k.  k.  Akademi"  der  Wissenschaften  zu  Wien.  Ein  solches  Unternehmen  ver- 
dient schon  im  Voraus  alle  Anerkennung,  aber  schon  ein  flüchtiger  Blick  in 
das  Buch  genügt,  um  auch  den  gewissenhaften  Fleiß  und  den  Scharfsinn  des 
auch  sonst  Bchon  durch  Arbeiten  über  Otfrid  bekannten  Verfassers  erkennen 
zu  lassen.  Es  Bind  demselben  nur  wenige  Fälle  entgangen,  für  welche  mir 
eine  Beleuchtung  wünschenswert!!  erschienen  wäre,  doch  kann  dieß  bei  dem 
Umfange  des  Stoffes  nicht  wunderbar  erseheinen.  Wünschenswerth  wäre  eB  um- 
gewesen, daß  das  Werk  in  noch  grö  erer  I  bersichtlichkeit  die  gewonnenen 
Resultate  gruppiert  hätte.  Die  aufzählende  Paragrapheneintheilung  läßt  eine 
tnische  Gliederung  dee  Ganzen  vermissen,  «reiche  durch  die  Capitelüber- 
schriften    nicht  bend    bewirkt   wird.     Ks    wären    bei    besserer  Anordnung 

Materials  mancherlei  Wiederholungen  gewiß  unnöthig  geworden,  die  ja  auch 
der  Verf.  (vgl.   8.   78)  nur  ungern  sieh  gestattet  bat      I>aii  eine   und   dieselbi 


\    M  vw  eiter  Hand. 


438       LITTEBATUR:  O.  ERDMANN,  SYNTAX  DER  SPRACHE  OTFRIDS. 

Sache  zweimal,  auch  dreimal  erklärt  wird,  kommt  öfter  vor.  So  wird  der 
Conjunctiv  gikusti  I,  11,  39  auf  S.  81.  134.  136  besprochen;  aber  zu  arg  ist 
es  doch,  wenn  derselbe  Satz  zu  vier  bis  fünf  Malen  behandelt  wird,  und  dar- 
unter mehrere  Male  in  derselben  Beziehung,  so  I,  15,  32  auf  S.  56.  116.  117. 
129,  an  den  beiden  ersten  Stellen  wegen  der  Attraction  so  wemo;  II,  3,  11 
auf  S.  26.  183.  81.  195;  an  den  beiden  letzten  Stellen  wird  der  Moduswechsel 
erklärt.  Der  Satz  mit  oba  I,  27,  33  wird  auf  S.  71.  179.  180.  182.  193, 
wenn  auch  überall  in  verschiedener  Beziehung,  besprochen;  die  indirecte  Rede 
III,  22,  13  auf  S.  100.  103.  104.  108.  179.  180.  Die  Stelle  II,  6,  29  wird 
auf  S.  20  und  65  übersetzt  und  erklärt,  doch  in  der  Vorrede  p.  XII  wird 
dieselbe  Stelle  in  etwas  anderer  Weise  ausgelegt,  nach  Toblers  Erklärung  in 
Germ.  XVII,  p.  258.  Derartige  gehäufte  Wiederholungen,  deren  ich  noch  eine 
ziemliche  Anzahl  nachweisen  könnte,  müssen  offenbar  der  mangelhaften  Anordnung 
zur  Last  gelegt  werden.  Wenn  der  Verf.  in  seiner  Recension  von  F.  Burckhardt, 
der  gotische  Conjunctiv,  Zschopau  1872,  in  Höpfner  und  Zachers  Zeitsch.  IV, 
p.  455,  offenbar  tadelnd,  bemerkt,  daß  zum  Schluß  die  vollständige  Sammlung 
der  belegenden  Citate  ohne  Text  folge,  so  möchte  ich  im  Gegensatz  dazu  be- 
merken, daß  unnöthige  Breite  der  Behandlung  und  manche  unangenehme  Wieder- 
holung durch  passende  Anordnung  des   Stoffes  vermieden  werden  kann. 

Wenn    ich    nun    nach    diesen    kleinen  Ausstellungen  an  der  äußeren   Ein 
richtung  des  Buches  auch  noch  einige  Bemerkungen  über  die  Art  der  Forschung 
und    ihre  Resultate    beifüge,    so    mögen    dieselben    als    der  Ausdruck  freudigen 
Mitarbeitens   aufgenommen  werden. 

Der  Verf.  lehnt  sich  in  der  Methode  der  Forschung  hauptsächlich  an 
G.  Curtius  und  an  die  syntaktischen  Forschungen  von  Delbrück  und  Windisch 
an.  Vielleicht  wäre  hier  und  da  eine  selbständigere  Behandlung  der  Arbeit 
dienlich  gewesen.  Namentlich  wäre  eine  ausgedehntere  Benutzung  der  ahd. 
Uebersetzer  dem  Buche  sicherlich  an  manchen  Stellen  zu  Statten  gekommen. 
Die  grundlegende  Charakteristik  der  ahd.  Tempusformen,  mit  welcher  der  Verf. 
passender  Weise  beginnt,  läßt  manches  vermissen,  namentlich  scheint  mir  die 
Abgrenzung  der  Verwendungsgebiete  des  Präsens  und  Präteritum  das  Eigen- 
tümliche des  ahd.  Gebrauchs  zu  wenig  zu  berücksichtigen.  Der  Verf.  sagt 
§.  2:  „Der  Gegensatz  der  beiden  deutschen  Tempusstämme  liegt  nur  in  den 
Zeitstufen  der  Gegenwart  und  Vergangenheit,  in  dem  Unterschiede  zwischen 
dem  jetzt-stattfinden  und  dem  früher-stattfinden,  sowohl  eines  eintretenden  Er- 
eignisses {ih  quimu  —  ih  quam),  als  eines  fortdauernden  Zustandes  {ih  stdn  — 
ih  stuo7it)"  und  in  §.  5  ist  vom  Ind.  Präs.  in  selbständigen  Sätzen  gesagt: 
„Er  drückt  Ereignisse  aus,  die  als  in  der  Gegenwart  des  Sprechenden  statt- 
findend vorgestellt  werden,  und  zwar  sowohl  eintretende  Handlungen  als  auch 
fortdauernde  Zustände."  Mit  keinem  Worte  ist  die  merkwürdige  Thatsache 
erwähnt  oder  erklärt,  welche  schon  von  Grimm,  Gr.  IV,  p.  140  angeführt  wird, 
daß  das  ahd.  kein  Praesens  historicum  kennt.  Nicht  nur  die  in  der  Vulgata 
häufig  vorkommenden  Formen  dicit,  dieunt ,  aiunt  werden  im  Isidor  und  auch 
in  dem  sonst  eng  an  sein  Muster  sich  anschliessenden  Tatian  stets  durch  quad, 
quädun  wiedergegeben,  sondern  auch  alle  sonstigen  Praesentia  historica  durch 
das  entsprechende  Präteritum  übersetzt;  so  Tatian  assumit  15,45  ■=  nam ; 
ingreditur  60,  14  =  gieng  in;  addueunt  86,  1  =  brähtun,  120,  1  =  leittun) 
veniunt  148,  7  =  quämun;  surgit,  ponit,  mittit  155,  2  =  erstuont,   legita,  santa; 


LITTERATUR:  O.  ERDMANN,  SYNTAX  DER  SPRACHE  OTFRIDS.      439 

ir^duunt  200,  1  =  giundtitun;  vident  217,  2  =  gisälmn;  loquuntur  230,  1  = 
s/ ml  rinn).  Abweichend  scheint  nur  82,  8  vimo  quidit  theser,  thaz  ih  fon  himile 
nidursteigl  quomodo  ergo  dicit  hie:  quia  de  coelo  descendi?  Docli  liegt  hier 
wohl  der  Gedanke  zu  Grunde:  mit  welchem  Rechte  hält  dieser  die  Behauptung 
aufrecht,  wie  kann  dieser  behaupten?  In  dem  freieren  Isidor  tritt  eine  Wieder- 
gabe des  lat.  Präsens  durch  das  deutsche  Präteritum  ungleich  häufiger  ein. 
mittitur  Is.  ITT,  8  =  uuard  chisendit ;  dicitur  III,  2  =  chiquhedan  uuard ;  testatur 
III,  2.  9.  IV,  10  =  chundida\  subiungitur  III,  4  =  dhdr  öfter  ist  chiguhedan;  de- 
monstratur  III,  6  =  ist  araugit;  mittit  IV,  4  =  sendida,  significatur  ebenda 
activisch  =  bauhräda',  mittunt  IV,  7  =  sendidon;  vocat,  testatur  IV,  8  = 
meinida,  urchtmdida;  proclamant  IV,  11  =  meinidon;  praedicant  V,  1  predi- 
göndo  quhad]  nascitur  V,  4  =  uuard  ehiboran;  invenitur  VI,  I  =  uuardh  fundan; 
promittitur  IX,  7  =  uuardh  chiheizssan ;  delectatur,  delectantur  IX,  10  =  uuas 
geröndi,  lustida  sie.  Sogar  caverna  enim  reguli  corda  sunt  infidelium  wird  IX,  10 
übersetzt :  dherä  nädrün  hol  bauhnida  chiuuisso  dherö  unchilaubono  muotuuillun. 
Umgekehrt  aber  kennt  Isidor  nicht  jenes  prophetische  Näherrücken  der  Zukunft, 
vermöge  dessen  dieselbe  als  bereits  vollendet  betrachtet  wird,  vgl.  V,  -1:  parvolus 
natus  est  nobis,  filius  datus  est  nobis  et  factus  est  prineipatus  eius  super 
humerum  eius  et  vocabitur  nomen  eius  admirabilis  etc.  =  chindh  uuirdit  uns 
ehiboran,  sunu  uuirdit  uns  chigheban,  endi  uuirdit  siin  herduom  oba  smem  sculdrom 
endi  uuirdit  siin  namo  chinemnit  uundarliih  etc.;  und  V,  4 :  ad  Sion  autem  dicit 
vir  et  vir  natus  est  in  ea  et  ipse  fundavit  eam  excelsus  =  zi  Sion  quhad  man, 
endi  man  uuirdit  in  iru  ehiboran  endi  dherselbo  chmuorahta  sia,  ir  hohisto.  In 
dem  letzteren  Heispiele  ist  der  Wechsel  der  Tempora  besonders  instruetiv. 
Auch  bei  Otfrid,  obgleich  derselbe  mehr  reflectierender  als  erzählender  Dichter 
ist,  läßt  sich  das  Zurückscheuen  vor  dem  pracs.  hist.  an  mehreren  Stellen 
deutlich  nachweisen.  III,  *J,  25  Andreas  sprah  tho  einer  petruse  gx 'lange r ,  vgl. 
Joh,  6,  8  dicit  ei  unus  ex  diseipulis  eius  Andreas  frater  Simonis  Petri ;  III,  24,  21 
..///  läz  /////■",  quad  er,  „sir,  irstentit  flirr  thvn  bruaderu  vgl.  Joh.  11,23  dicit 
illi  Jesus:  resurget  frater  tuus;  und  v.  23:  „iz  ist,  druhtinu ,  quad  si ,  „so, 
giloubu  ili  thaz  giuuisso"  vgl.  Joh.  11,  24  dicit  ei  Martha,  scio  etc.;  v.  39:  äfir- 
:i  si  snello  —  —  si  sliumo  zi  imo  giilta  vgl.  Joh.  11,  29  surgit  cito  et 
venit  ad  eum;  v.  62:  „druhtfn",  quddun  se  sär,  „selbo  mahtüz  sehan  thdr"  vgl. 
Joh.  11,  34:  dieuntei:  domine  veni  et  vide;  v.  83  „druhtin",  quad  thiu  suester, 
^ther  lichamo  ist  iu  föler"  etc.  vgl.  Joh.  11,  39  dicit  ei  soror  mortui  Martha: 
domine,  iam  foetet;  v.  85  „tkih  deta  ih  mithont",  '/und  er.  „uuis,  <>ha  thü  gi- 
lo/i/)ia"  etc.  vgl.  Joh,  11,  40  dicit  ei  Jesus,  non  dixi  tibi,  quoniam  si  credi- 
deris  etc.  (vgl.  Tat.  135.  7  ff.).  Derartige  Heispiele  aus  O.  lassen  sieh  leicht 
noch  viele  beibringen.  In  den  angeführten  Stellen  ist  der  Text  der  Vulgata 
fast  wörtlich  nachgebildet,  nur  das  lat.  Präteritum  ist  immer  durch  das  Präsens 
wiedergegeben. 

Welches  ist  der  Grund  dieses  consequeutcu  Gebrauchs  im  ahd.?  Im  Lat. 
Kriech. )  können  beide,  Perfectum  (Aorist)  and  Präsens,  eine  eintretende  Handlung 
bezeichnen,  jenes  in  der  Vergangenheit,  dieses  in  der  Gegenwart.  Hei  diesen 
gleichen  Potenzen  der  Tempora  int  die  psychologische  Möglichkeit  der  Yer- 
Qung  beider  darin  zu  suchen,  daß  sieh  der  Sprechende  in  lebhafter  Rüok- 
erinnerung  an  das  Geschehene  dasselbe  al  eben  erst  vor  sich  gehend  vorstellen 
kann.     Was    hindert    nun    eine  ähnliche  Ausdrucksweise  im   Deutschen?    Otfrid 


440      UTTERATUR:  O.  ERDMANN,  SYNTAX  DER  SPRACHE  OTFRIDS. 

vermochte  doch  auch  ein  vergangenes  Ereigniss  als  gegenwärtig  im  Geiste  zu 
schauen.  Das  sehen  wir  erstens  an  dem  häufigen  Übergang  der  indir.  Rede 
in  die  directe.  Derselbe  bedeutet  ja  nichts  Anderes,  als  daß  der  Erzählende 
sich  der  Rede  so  lebhaft  erinnert,  daß  er  aus  der  berichtenden  Form  der  in- 
directen  Rede  fällt  und  die  Worte  gleichsam  gegenwärtig  hört.  Zweitens  kennt 
0.  die  asyndetische  Verbindung  in  lebhafter  Schilderung,  deren  Erklärung  ja 
auch  eine  ähnliche  ist.  Man  erinnert  sich  so  lebhaft  der  Ereignisse,  jedes 
einzelne  wirkt  so  überwältigend  auf  den  Darstellenden,  daß  er  den  historischen 
Standpunkt,  welcher  dieselben  als  sich  gegenseitig  bedingend  oder  als  gemein- 
schaftliche Bedingung  für  andere  Ereignisse  auffaßt  und  demgemäß  verbindet, 
aufgibt  und  sie  kurz,  Schlag  auf  Schlag,  wie  sie  sich  zutrugen,  ausspricht.  — 
Der  Grund,  weshalb  es  im  ahd.  kein  praes.  hist.  gibt,  muß  also  darin  gesucht 
werden,  daß  das  praes.  im  ahd.  nicht  die  in  der  Gegenwart  eintretende  Handlung 
bezeichnen  kann,  wie  der  Verf.  an  den  oben  angeführten  Stellen  behauptet. 
Der  Gegensatz  der  ahd.  Zeitformen  des  Prät.  und  Präsens  ist  offenbar  nicht 
der  zwischen  dem  früher-stattfinden  und  dem  j etzt- stattfinden ,  sondern,  wenn 
von  einem  Gegensatze  die  Rede  sein  soll,  zwischen  dem  bis  jetzt  eingetreten 
sein  und  dem  von  jetzt  ab  eintreten  sollen.  Das  ahd.  Präteritum  bezeichnet 
in  einfachen  Sätzen  erstens  Zustände  der  Vergangenheit,  zweitens  Handlungen, 
die  in  ihrem  Resultat  bis  zur  Gegenwart  vollendet  sind.  Das  Präsens  bezeichnet: 
erstens  Zustände  der  Gegenwart  (auch  wiederholt  in  der  Gegenwart  sich  zu- 
tragende Handlungen,  so  daß  also  die  Handlung  nicht  mehr  als  solche,  sondern 
als  einen  Zustand  kennzeichnend  aufgefaßt  wird),  zweitens  Handlungen,  die 
eist  in  der  Zukunft  (gleichviel,  ob  in  der  nächsten  oder  in  der  ferneren)  sich 
vollenden.  Die  Gegenwart  ist  also  nur  als  Grenze  zwischen  Vergangenheit  und 
Zukunft  gedacht.  Handlungen,  welche  von  der  jüngsten  Vergangenheit  bis  zur 
nächsten  Zukunft  in  so  regelmäßiger  Wiederholung  sich  zutragen,  daß  dieselben 
einen  Zustand  der  Gegenwart  charakterisieren,  werden  durch  das  Präsens 
bezeichnet,  weil  ihre  Bedeutung  meist  in  der  Zukunft  liegt.  (Soll  die  Bedeutung 
einer  solchen  sich  wiederholenden  Handlung  mehr  in  die  Vergangenheit  gelegt 
werden,  so  steht  auch  das  Präteritum;  so  L.  21.  22  oba  iz  uuard  iouuanne 
in  not  zi  fehtanne,  so  uuas  er  io  thero  redino  mit  gotes  kreftin  oboro.  S.  20 
ungilöndt  ni  bileip  ther  gotes  uuizzode  kleip;  vgl.  V,  23,  4.  Erdmann  vergleicht 
§.  24  dieses  Präteritum  nicht  unpassend  mit  dem  gnomischen  Aorist.)  Für  diese 
Gebietsabgrenzung  zwischen  Präsens  und  Präteritum  sprechen  noch  mehrere 
andere  Erscheinungen  bei  0.  Erstens:  in  vielen  Fällen,  wo  uns  jetzt  das 
historische    Präsens    geläufig    ist,    gebraucht  0.  noch    stehend    das    Präteritum; 

I,  27,  27  ther  gomo,  then  ir  zaltut,  ioh  namahafto  nantut,  der  Mann,  den  ihr 
nennt  (cf.  III,  22,  55);  III,  10,  44  nu  uuerden  al  thio  ddti,  so  thü  mih  Mar 
nü~   bäti,    um  welche  du  mich  bittest;  vgl.   Matth.    15,  28    fiat    tibi,     sicut    vis; 

II,  9,  78  noh  themo  einigen  ni  leip,  io  so  paulus  giscreip,  wie  Paulus  schreibt. 
Auch  in  II,  10,  19  uuant  er  unsih  freuuita,  then  guaton  uum  ims  sparota  liegt 
uns  das  Präsens  für  die  Übersetzung  näher  als  das  Präteritum;  I,  22,  43  uuio 
uuard,  wie  kommt  es;  I,  11,  40.  V,  19,  41:  utiola  uuard,  glücklich  ist.  Vgl. 
noch  I,  3,  29.  17,  22.  II,  7,  12.  8,  21.  III,  5,  3  etc.  Die  Formen  des  Verbum 
quiman,  das  passender  Weise  vom  Verf.  p.  2  als  Beispiel  angeführt  wird ,  be- 
weisen ebenfalls  für  meine  Abgrenzung  der  Tempora.  Von  den  Präsensformen 
dieses  Verbs,  die  bei  0.   so  häufig    vorkommen,    scheinen  nur  zwei  im  Wider- 


LITTERATÜR:  O.  ERDMANN,  SYNTAX  DEK  SPRACBE  OTPRIDS,       441 

spruch  zu  stellen:  III,  3,  2  noh  ni  quimit  uns  thiz  guat  in  unser  armiltchaz 
muat;  und  III,  18,  10  noh  ni  quimit  in  in  muat  thaz  stnaz  managfalta  guat. 
In  beiden  Fällen  ist  der  Satz  durch  noh  vi  an  das  Vorangehende  geknüpft, 
doch  zeigt  im  zweiten  Beispiel  der  Gegensatz  von  v.  7,  8,  daß  von  einem 
gewöhnlich  geschehen  die  Rede  ist,  und  auch  die  Mehrheit  der  in  Betracht 
kommenden  Personen  erheischt  die  Vorstellung  einer  mehrfach  sich  wieder- 
holenden Thätigkeit  des  auf  sie  einwirkenden  Verbs.  Das  letztere  ist  auch 
beim  ersten  Beispiele  der  Fall.  Wir  übersetzen  also  noh  ni  quimit  noch  immer 
kommt  nicht.  Dagegen  steht  häufig  das  Präteritum  dieses  Verbs,  wo  wir  jetzt 
das  Präsens  vorziehen,  so  II,  12,  8.  III,  12,  26.  V,  4,  38.  III,  16,  63  (an  dieser 
Stelle  hat  freilich  auch  die  Vulg.  schon  veni  Job.  7,  28).  Zweitens:  jene 
Scheidung  der  Tempp.  ist  so  allgemein  durchgeführt,  daß  sogar  Formeln,  die 
wir  im  Präsens  beizufügen  pflegen,  dieselbe  aufweisen.  So  steht  das  Prät. 
800  iz  zam ,  gizam  stets  neben  einem  Präteritum ,  sds  iz  zimit  stets  (mit  Aus- 
nahme eines  Falles  III,  2,  15)  neben  einem  Präsens.  Drittens:  höchst  lehrreich 
ist  auch  der  Wechsel  der  Zeiten  in  T,  7,  13 — 20,  wo  das,  was  Jesus  ein  für 
allemal  gethan  hat,  durch  das  Präteritum,  das  was  er  immer  noch  thut  und 
stets  thun  wird,  duich  das  Präsens  bezeichnet  wird,  vgl.  noch  II,  3,  21.  III, 
16,  50 — 56.  An  der  von  Erdmann  §.  6  citierten  Stelle  V,  20,  23  nist  man, 
ther  noh  io  uuurti,  odo  ouh  si  nü  in  giburti,  oelouh  noh  uuerde  zeigt  sich  die 
für  die  angeregte  Frage  interessante  Thatsache,  daß  der  Dichter  nicht  in  Ver- 
legenheit ist,  wie  er  die  eintretende  Handlung  der  Zukunft,  sondern  wie  er  die 
der  Gegenwart  bezeichnen  soll;  jene  drückt  er  durch  eine  einfache  Verbalform, 
diese  durch  eine  zusammengesetzte  Redensart  aus.  —  Es  scheint  also  meine 
obige  Charakterisierung  der  Tempora  gerecht  fertigt,  so  gerechtfertigt,  daß  ich 
nicht  anstehe,  lougnit  IV,  18,  10  und  folget  I,  20,  35,  welche  der  Regel  wider- 
sprechen, gegen  Keiles  Annahme  für  apocopierte  Präterita  zu  erklären.  Der 
Regel  zuwider  läuft  auch  nicht,  wenn  heim  Citieren ,  z.  B.  der  Bibel,  das 
Präsens  gebraucht  wird,  z.  B.  I,  8,  26.  i:i.  1!»  etc.  Die  Präsentia  der  Verben 
singan,  zelten,  quedan,  acriban,  sagen  bezeichnen  dann  eben,  daß  es  noch  da 
steht,  wir  es  noch  nachlesen  können.  Man  vgl.  II,  10,  11  mit  II,  19,  1  und 
II.  18,  10;  und  Tat.  7  1,  4  sprdlihi  mit  82,  8  </ni</it  und  187,  3  frdgis.  Auch 
die  bei  0.  gebräuchliche  Redeweise  ih  sagin  thir  widerspricht  nicht,  denn  sie 
geht  stets  auf  «las,   was   er  erst   noch    jagen   will. 

Ich  liali.-  hei  dieser  Untersuchung  über  den  Gebrauch  der  Tempora  bei 
( >.  länger  verweilt,  weil  meine  von  der  Meinung  des  Verf.  abweichende  An- 
schauung über  den  Unterschied  von  Präsens  und  Präteritum  natürlich  auch 
Einfluß  hat  auf  die  Erklärung  verschiedener  Nebensätze,  namentlich  unter  den 
Temporal-  und  Conditionalsätzen.  So  halte  ich  es  beispielsweise  nicht  für 
richtig,  wenn  der  Verf.  die  Stelle  III,  24,  51  (13)  uudrfot  thu  Mar,  ni  thultin 
Wir  /'<"'  theea  quist  dreimal  'S.  20.  27.  109)  übersetzt:  wärst  du  hier  gewesen. 
so  würden  wir   jetzt    nicht    dieses  Leid    dulden.     Richtiger    ist:    so    hätten    wir 

jetzt    nicht    geduldet.      Das     nv     hindert     nicht,     so    zu    übersetzen,     denn    es    wird 

i    von    der    jüngsten   Vergangi  ebrauchl    (vgl.   I.  1">,  IT1.     Denselben 

Einspruch  erhebe  ich  gegen  die  Übersetzung  ähnlicher  Stellen,   welche  ^<^'  Verf. 

p.     109    anführt:    IV,   20,    13.    III,   20,    I.V.».   IV,    15,   '.».     1,    51.    Auch    in    V,  7.   39 

oba  iaman  thoh  giqudU  sehrint  es  mir  nicht  richtig  mit  dem  Verf.  .  1  I  keine 
AndeutuiiL'    der   Vergangenheil    zu    finden.    —   Bei    einer    schärferen    Scheidung 


442      LITTER  AT  UR:  O.  ERDMANN,  SYNTAX  DER  SPRACHE  OTFRIDS. 

der  beiden  Tempora  wäre  das  Verhältniss  derselben  im  abhängigen  Satze  vom 
Verf.  sicher  auch  genauer  dargestellt  worden.  Die  Consequenz  der  Anschauung, 
welche  sich  im  Tempuswecbsel  in  Sätzen  wie  III,  24,  85  thih  deta  ih  mithont, 
quad  er,  uuis,  oba  thü  yiloubis,  thaz  thü  gisihis  gotes  kraft;  III,  15,  44  ff.  quädun 
er  sie  firleitti,  oba  sie  mo  wollent  hören  (vgl.  §.  49)  und  ähnlichen  Beispielen 
zeigt ,  hätte  ihn  darin  vielmehr  die  Regel ,  als  die  Ausnahme  erkennen  lassen 
(vgl.  I,  1,  11(5).  Aus  dem  Präteritum  1,  1,  122  schließe  ich  unbedenklich,  daß 
die  übrigen   Stücke  schon  fertig  waren,   als  I,  1    gedichtet  wurde. 

Richtiger  in  der  Sache,  wenn  auch  nicht  präcis  genug  in  der  Fassung, 
scheinen  mir  des  Verfs.  Regeln  über  den  Gebrauch  der  Modi.  Er  hat  manche 
schöne  Erklärung  beigebracht,  besonders  glücklich  erschienen  mir  in  §.  35  die 
von  Keiles  Auffassung  meistens  abweichenden  Übersetzungen.  Bei  der  Be- 
sprechung, des  Imperativ  entscheidet  er  sich  dafür,  die  adhortativen  Formen 
auf  -emes  mit  kurzem  e  in  der  vorletzten  Silbe  zu  schreiben.  Die  Quantität 
dieser  Silbe  ist,  wie  der  Verf.  richtig  bemerkt,  mit  Sicherheit  nicht  metrisch 
festzustellen.  Für  die  Quantität  der  letzten  Silbe,  die  ich  für  kurz  halte,  Hesse 
sich  eher  metrisch  eine  Wahrscheinlichkeit  finden.  In  Bezug  auf  die  Form 
l&z  in  IV,  24,  6  thaz  thti  sus  Idz  in  heilen  hant  thes  heiseres  flaut  bin  ich  anderer 
Ansicht,  als  der  Verf.,  der  sie  in  $.  18  als  Imperativ  erklärt,  stimme  aber 
mit  ihm  überein  in  §.  109,  wo  er  sie  als  eine  Zusammenziehung  aus  läzis 
a  uffaßt. 

Nachdem  der  Verf.  eine  Übersicht  des  Gebrauchs  der  Tempora  und  Modi 
im  einfachen  Satze  gegeben,  bespricht  er  die  Verwendung  derselben  im  zu- 
sammengesetzten Satze  und  alsdann  die  Mittel  zur  Bezeichnung  der  Satzver- 
bindung. Er  unterscheidet  sechs  Arten  der  Satzverbindung.  Erstens:  die  beiden 
gleichartigen  Sätze  treten  entweder  ohne  Bezeichnung  ihrer  Verbindung  neben- 
( inander,  oder  zweitens:  bestimmte  Partikeln,  wie  j oh,  ouh  verbinden  dieselben. 
Drittens:  die  Verbindung  des  Nebensatzes  mit  dem  Hauptsatze  geschieht  durch 
Partikeln  des  einen  Satzes,  die  auf  den  ganzen  Inhalt  des  vorangehenden  andern 
Satzes  so  hinweisen,  daß  dadurch  eine  bestimmte  Beziehung  des  Inhalts  beider 
Sätze  angedeutet  wird.  Solche  Partikeln  sind  nü,  (höh,  so,  thanne,  (ho,  sld,  er  etc., 
und  hierher  gehören  Causal-,  Concessiv-,  Conditioual-  und  Temporalsätze. 
Viertens  die  relative  Verbindung,  welche  der  Verf.  mit  Windisch  durch  eine 
anaphorische  Hinweisung  des  zweiten  Satzes  auf  den  ersten  erklärt.  Fünftens 
geschieht  die  Verbindung  dadurch,  daß  flectierte  Formen  der  demonstrativen  Pro- 
nomina auf  den  Gesammtinhalt  des  vorigen  Satzes  zurückweisen  (Substantiv-, 
Folge-,  Absichtssätze).  Sechstens  durch  Satzverbinduugsmittel,  welche  ursprünglich 
dem  Nebensätze  angehören,  und  zwar  kann  der  Nebensatz  entweder  nach  seinem 
Gesammtinhalt  (durch  ja,  nü,  uuanta,  oba)  oder  durch  Hervorhebung  eines  ein- 
zelnen Bestandtheiles  seiner  Aussage  (durch  uuer,  uuaz,  uuär,  uuanne,  uuic, 
uuelih)  mit  dem  Hauptsätze  in  Verbindung  gebracht  werden.  Dabei  ist  die  sprach- 
liche Bedeutung  der  Frage  erwogen. 

Mit  großem  Fleißc  hat  der  Verf.  die  Übergänge  bis  zu  den  letzten  Formen 
der  Nebensätze  nachzuweisen  und  aus  0.  zu  belegen  gesucht.  Am  meisten 
scheint  mir  für  den  ahd.  Relativsatz  geleistet  zu  sein ,  für  weniger  gelungen 
halte  ich  die  Erklärung  der  fünften  Verbindungsform  durch  das  Curtius'sche 
„innere  Object'1,   da  man  manche  nothwendige  Stütze  der  Theorie  vermißt. 


LITTERATUR:  G.  CEDERSCHIÖLD,  BANDAMANNA  SAGA.  |  |.; 

Von  S.  78 — 82  gibt  der  Verf.  auf  Grund  der  vorhergegangenen  Aus- 
einandersetzungen zunächst  eine  Besprechung  der  Anreihung  gleichartiger  Sätze, 
dann  bis  S.  198  behandeil  er  in  der  oben  angedeuteten  Reihenfolge  die  ver- 
schiedenen Arten  der  Nebensätze,  zu  denen  er  die  Belege  aus  0.  fast  voll- 
ständig gibt.  Zuletzt  bespricht  er  uoch  die  Verwendung  des  Infinitiv  und  der 
Participien. 

Schließlieh  führe  ich  noch  einige  Druckfehler  an,  die  mir  aufgefallen  sind: 
S.  2  Z.  9  bei  dem  Verbuin;  S.  1  X.  39  IV,  3  1 .  24  del.;  S.  12  Z.  23  HI,  15,  25; 
S.  13  Z.  2  I,  1,  1  •_>:{;  S.  l:i  Z.  15  II,  21,  L5  wirft  thaz;  S.  14  Z.  23  Kelle  II, 
111;  S.  lf>  Z.  22  I,  2,  21  ;  Z.  23  I,  2,  22;  S.  21  Z.  15  V,  7,  42  ;  S.  18  Z.  41 
wärme  in  P. ;  S.  26  Z.  11,1,  1'.»,  22;  S.  26  Z.  15  IV,  12,  57;  ni  wäri  (das  spätere 
nur  ;  S.  28  Z.  19  irsayeti;  S.  29  Z.  12  I,  1,  21  ;  S.  64  Z.  4  II,  2,  7 ;  S.  85 
Z.  20  II,  22,  37.  39  del.;  —  nü  thie;  S.  85  Z.  2  1  ginant-,  S.  102  Z.  10  wir  loola 
iz  ni  bidrahton;  S.  107  Z.  25  ioh  brosmün  maza  in  alawär\  S.  109  Z.  31  108 
thesö;  S.  114  Z.  1  IV,  20,  32;  S.  123  Z.  22  IV,  25,  1;  S.  129  Z.  12  wanta  ; 
S.  133  Z.  25  III,  12,  43;  S.  140  Z.  38  quädun  S.  142  Z.  38  III,  4,  1 ;  S.  148 
Z.  40  erin  mag  —  willin;  S.  155  Z.  10  Dkm.  LX,  2,  26.  27;  8.  168  Z.  I 
bibrähta;  S.  174  Z.  6  S.  47  paßt  nicht;  S.  214  Z.  2  II,  9,  73;  S.  216  Z.  15 
drürenta,   11;  S.  218   Z.  121,  22,  51. 

ALTONA,  im  September  1874.  P.  PIPEK. 


Bandamanua   saga,    efter   skinnboken    No.    -'845,    4to  ä  Kongl.    biblioteket   i 

KÖpenhamn.  Akademisk  afhandling af  Gustaf  J.  Chr.  Cederschiöld; 

Lund,  Fr.  Berlings  boktryckeri  och  stilgjuteri,  1874;  II,  XIV  und  26.  S.  4to. 
Zweimal  war  die  Bandamanna  saga  bisher  herausgegeben  worden,  nämlich 
in  der  Quartsammlung  des  Lögmanns  Björn  Marküsson  (1756)  und  dann  nieder 
von  Haidorr  Fridriksson  für  die  nordische  Litteraturgesellschaft  (1850).  Aber 
beiden  Ausgaben  liegt,  direel  oder  indirect,  ganz  gleichmäßig  eine  und  dieselbe 
IIs.  zu  Grunde,  nämlich  AM.  132  fol. ,  wogegen  eine,  /.weite,  Cod.  reg.  2845 
in  i' ".  vcin  den  Heran  ■reliein  völlig  unbeachtet  gelassen  wurde,  obwohl  Haidörr 
Fridriksson  wenigstens  durch  zwei  von  Asgeirr  Jönssons  Hand  geschriebene 
Copieen  dieser  letzteren  Membrane  auf  deren  Existenz  hätte  aufmerksam  gemachl 
weiden  können.  Gudbrandr  VigfusBon,  der  gründliche  Kenner  isländischer  Hss., 
hat  bereits  im  Jahre  1858  auf  diesen  Umstand  aufmerksam  gemacht  (Nj  feiagsrit, 
Bd.  XVIII,  S.  156  — 157)  und  zugleich  hervorgehoben,  daß  der  im  Cod.  reg.  auf- 
bewahrte Text  der  Sage  ein  von  dem  veröffentlichten  vielfach  abweichender 
und  älterer  sei,  so  daß  eine  neue  Ausgabe  der  Quelle  auf  seiner  Grundlage 
schlechterdings  nöthig  sei.  Diese  Mahnung  hat  sich  nun  Hr.  Cederschiöld  zu 
ll'iv.en  genommen,  und  durch  sie  hat  er  sich  zu  der  sehr  verdienstlichen  Albeil 
be  tinimeii  lassen,  welche  uns  nunmehr  als  eine  von  der  Universität  Lund  ap 
probierte    Abhandlung   vorliegt. 

In    Beiner  Vorrede    gibl    Hr.  C.    ziemlich  den   Bi   cheid    über  die 

\>>n    ihm    benutzten    Hss.,    also    über    den  Cod.    reg.    und   Asgeirs    bereits    erwähnt.' 

\t>  chriften;  ebenda   aus  erl   er  Bich  ferner  aber  da    bei  der  Herstellung   seines 

on   ihm  eingehaltene   Verfahren,   bei  dessen   Prüfung  übrigens  auch  die 

Anmerkungen,   und  theilwi  ise  überdieß  die  Zu  ätze   und   Berichtigungen  zu   be- 


444  LITTERATUR:  G.  CEDERSCI7IÖLD,  BAND  AMANNA  SAGA. 

rücksichtigen  sind,  welche  er  seinem  Abdruck  der  Sage  folgen  lässt.  Maßgebend 
war  aber  für  diesen  Abdruck  das  Bestreben,  die  demselben  zu  Grunde  gelegte 
Membrane,  und  nur  diese,  möglichst  genau  wiederzugeben.  Man  kann  darüber 
streiten,  ob  dieses  Verfahren  im  gegebenen  Falle  das  richtige  war.  Der  Cod. 
reg.  ißt  erst  im  Anfange  des  15.  Jhdts.  geschrieben,  zu  einer  Zeit  also,  welche 
von  der  Entstehungszeit  der  Saga  selbst  weit  genug  abliegt,  um  die  Hs.  für 
die  Übereinstimmung  ihrer  Schreibweise  mit  der  ursprünglich  vom  Verfasser 
beliebten  keine  Gewähr  mehr  bieten  zu  lassen,  —  zu  einer  Zeit  ferner,  aus 
welcher  Hss.  in  Hülle  und  Fülle  erhalten  sind,  und  deren  inconsequente  Ortho- 
graphie eben  darum  bereits  zur  Genüge  bekannt  ist.  Da  überdieß  S.  Bugge 
bereits  nach  derselben  Hs.  die  Heidrekssaga  herauszugeben  begonnen  hat  (1873), 
und  in  der  Einleitung  zu  dieser  seiner  Ausgabe  eine  jedenfalls  erschöpfende 
Besprechung  der  Membrane  zu  geben  beabsichtigt,  hätte  es  sich  vielleicht 
empfohlen,  die  vorliegende  Saga  in  einem  normalisierten  Texte  herauszugeben. 
Wenn  man  aber  auch  Hrn.  C.  daraus  keinen  Vorwurf  machen  will,  daß  er  den 
mühevolleren  Weg  vorgezogen,  und  damit  einen,  vielleicht  unnöthigen,  weiteren 
Beitrag  zur  Kenntniss  der  späteren  isländischen  Orthographie  geliefert  hat,  so 
wird  man  doch  immerhin  noch  an  der  Ängstlichkeit  Anstoß  nehmen  dürfen, 
mit  welcher  derselbe  selbst  in  den  unbedeutendsten  Punkten  seiner  Membrane 
folgt.  Rein  graphische  Eigentümlichkeiten  beizubehalten,  wie  z.  B.  den  Gebrauch 
von  u  statt  v,  oder  von  d  statt  d,  den  Nichtgebrauch  großer  Anfangsbuchstaben 
bei  Eigennamen,  die  Verwendung  des  Accentes  über  dem  i  ohne  Rücksicht  auf 
seine  Kürze  oder  Länge  nur  um  den  Buchstaben  von  folgendem  to,  ii  u.  dgl. 
zu  unterscheiden,  den  nahezu  völligen  Mangel  aller  Interpunktion,  u.  s.  w.,  — 
die  Auflösung  selbst  der  gewöhnlichsten,  jede  Möglichkeit  eines  Irrthums  aus- 
schließenden Abkürzungen  durch  cursiven  Druck  anzudeuten,  u.  dgl.  m.,  möchte 
denn  doch  ein  Übermaß  von  Genauigkeit  sein.  Dergleichen  Dinge  erschweren 
gewaltig  das  Lesen  und  Nachschlagen  eines  Textes,  und  haben  doch  genau 
ebenso  wenig  Bedeutung,  als  etwa  die  Wiedergabe  der  Schriftzüge  einer  Mem- 
brane oder  der  Farbe  ihres  Pergamentes.  Hr.  C.  hat  sich  mit  vollem  Rechte 
darauf  beschränkt,  ein  kleines  Facsimile  des  Cod.  reg.  mitzutheilen,  statt  diesen 
seinem  vollen  Umfange  nach  photographisch  zu  reproducieren ;  in  gleicher  Weise 
hätte  es  aber  auch  vollständig  genügt,  wenn  derselbe  auf  die  eben  erwähnten 
und  andere  ähnliche  Punkte  in  seiner  Einleitung  ein  für  allemal  aufmerksam 
gemacht,  und  im  Übrigen  die  Wiedergabe  seines  Textes  in  der  heutzutage 
üblichen  Schreibart  besorgt  hätte.  So  ist  auch  in  den  Anmerkungen  meines 
Erachtens  des  Guten  etwas  zu  viel  geschehen.  Es  ist  denn  doch  unnöthig,  die 
Undeutlichkcit  einzelner  Buchstaben  hervorzuheben  in  Fällen,  in  welchen  über 
die  Lesung  kein  Zweifel  bestehen  kann  (z.  B.  des  /  in  Ofeigr,  l2;  des  r  in 
ymsar,  511),  oder  das  Übergeschriebensein  anderer  (z.  B.  des  ersten  r  in  Styi- 
mir,  9°),  die  Versetzung  eines  die  Verdoppelung  andeutenden  Accentes  (z.  B. 
in  bakka  aufa  statt  &,  ll10),  u.  dgl.  m. ;  kaum  nöthig  auch,  offenbare  Schreib- 
fehler wie  atan  für  utan,  25,  tau  für  tvä,  2<J,  eck  für  ecki,  623,  im  Texte  stehen 
zu  lassen,  und  erst  in  den  Anmerkungen  zu  berichtigen.  Ich  verkenne  nicht 
die  treue  Sorgfalt,  welche  sich  in  diesem  ängstlichen  Anklammern  an  die  hand- 
schriftliche Überlieferung  zu  erkennen  gibt,  und  ziehe  sie  einem  leichtfertigen 
Abgehen  von  derselben  weitaus  vor;  aber  doch  kann  auch  in  dieser  Richtung 
das  Maß    überschritten  werden ,    und    im    gegebenen    Falle    dürfte    dieß    in  der 


LITTERATUR:  G.  CEDERSCHIÖLD,  BANDAMAWA   SAGA.  |  J., 

That  geschehen  sein.  Immerhin  ist  indessen  zuzugestehen,  daß  derartige  Mängel 
die  Benützung  (kr  Ausgabe  nur  etwas  unbequemer  machen,  aber  ihrer  Ver- 
lässigkeit  keinen  Abbruch  tliun,  und  dankbar  ist  überdieß  anzuerkennen,  daß 
der  Herausgeber,  zum  Theil  durch  den  Rath  von  Jon  Sigurdsson  und  Gudbrandr 
Vigfüsson  unterstützt,  an  gar  manchen  Stellen  für  die  Herstellung  des  Textes 
durch  glückliche  Verbesserungen  der  handschriftlichen  Überlieferung  erfolgreich 
gewirkt  hat. 

Wie  verhält  sich  nun  aber  dieser  neuerdings  herausgegebene  Text  der 
Saga  zu  dem  schon  früher  veröffentlichten,  und  was  lässt  sich  etwa  aus  dessen 
Gestaltung  in  Bezug  auf  die  Entstehungszeit  der  Quelle  schließen?  Daß  der 
Text  unseres  Cod.  reg.  der  ältere  und  bessere  ist,  hat  bereits  Gudbrandr  be- 
merkt, und  der  Herausgeber  desselben  in  seinem  Vorworte  des  Näheren  beleuchtet. 
Der  Letztere  hat  den  Cod.  Arnam.  als  eine  „vermehrte  und  verbesserte"  Auf- 
lage des  reg.  bezeichnet,  und  diese  Bezeichnung  ist  im  Großen  und  Ganzen 
vollkommen  zutreffend,  soferne  die  Umgestaltung  des  Textes  in  jenem  ersteren 
einerseits  weit  über  das  Maß  bloßer  abweichender  Lesarten  hinausgeht,  anderer- 
seits aber  doch  auch  keineswegs  bis  zu  einer  vollständigen  Neubildung  reicht, 
wie  solche  z.  B.  der  neuere  Text  der  rördar  s.  hredu  gegenüber  dem  älteren 
zeigt.  In  weitaus  den  meisten  Fällen  führt  Cod.  Arnam.  nur  die  Darstellung 
des  reg.  weiter  aus,  wie  z.  B.  wenn  der  letztere  95,  sieh  auf  die  Worte  be- 
schränkt: „seger  til  sektarraarka  a  honum",  während  der  erstere,  19,  eine 
ausführliche  Personalbeschreibung  des  geächteten  Mannes  gibt,  oder  wenn  Arnam. 
23,  24 — 25,  35.  und  39.  Verse  zum  Schmucke  der  Erzählung  einflicht,  während 
reg.  deren  nur  an  einer  einzigen  Stelle,  19"1'  ,  hat,  wo  solche  zur  Geschichts- 
erzählung selbst  gehören.  Hin  und  wieder  ist  die  Verschiedenheit  beider  Texte 
wohl  nur  eine  zufällige,  indem  der  ältere  und  der  neuere  Text  verschiedenen 
Lesarten  folgten,  wobei  dann  allenfalls  sogar  der  letztere  die  bessere  Lesarl 
haben  kann,  wie  denn  z.  B.  der  reg.  159,  dann  u  und  15,  und  1611  von  30 
Unzen  spricht,  während  der  Arnam-  3G  und  38  nur  13  nennt,  und  diese  letztere 
Ziffer  ducli  auch  im  reg.  15lG,  sowie  16u  in  den  13  Beulen  stehen  geblieben 
ist,  oder  im  reg.  121G  fälschlich  „son  Hallsteins  frä  Asgeirsä"  steht,  während 
Arnam.  29  richtig  „Hall  Styrmisson"  liest  (vgl.  Landnäma,  111.  cap.  <J.  S.  189). 
Nicht  immer  lassen  sieh  solche  zufällige  Abweichungen  von  denjenigen  unter 
scheiden,  welche  auf  einer  bewussten  Änderung  des  überlieferten  Textes  in  der 
einen  oder  anderen  Kecension  der  Sage  beruhen,  und  zumal  bezüglich  einzelne) 
genealogischer  Funkte  lassen  sich  solche  Zweifel  aufwerfen.  Die  Mutter  ■/..  1'.. 
des  alten  <  M'eigs  heißt  im  reg.  I2  „Gunnlaug,  döttir  Ofeigs  6r  Skördum" ;  da- 
gegen Arnam.  3  sagt:  „mödir  haus  hei  Gunnlaug 5  möötir  hennar  var  J&rngerdr, 
döttir   [Jfeige  Järngerdarsonar,  nordan  6r  Skördnm"  \   mag  sein,  daß  der  neuere 

I   glaubte    aus    chronologischen  Gründen    ein   weiteres  Glied  in  den  Stamm- 
baum einschieben  zu   müssen,   mag    aber   auch  sein,    daß  derselbe  wirklich  die 
richtige   Überlieferung    bewahrt    hat.     So   nennt    ferner    1.     .    :.'    '    l'spaks   niüüei 
'  liehen  Großvater   A  mund   sedikoll,   während  Arnam.  6   ihn  als  Asmund  bsrnlang 
bezeichnet;  Hr.  C.  hat  aber   bereits  bemerkt   und   belegt,  daß  nur  «lie  letzter« 

ichnung  mit  den  Angaben  anderer  Quellen   übereinstimmt,  während  di< 
stere  wahrscheinlich   am    einer  Verwechslang   Asmnnds    mit    einem   Vaterbruder 

•  irr  BBdikollr,    bervo  isl      I.     i  t    doch   wohl    nur  ein  Zufall,  dafl 

Arnam.  3    den   Vatei    des  Styrmh    ?on    Asgeirsa    nicht    nennt,   während   reg.    1' 


446  LITTER ATUR:  G.  CEDERSCHIÖLD,  BANDAMANNA  SAGA. 

ihn,  mit  Landn.  a.  a.  0.  übereinstimmend,  als  porgeirr  bezeichnet;  ein  Zufall 
auch,  wenn  Arnam.  20  den  bekannten  Gellir  porkelsson  von  Helgafell  zum 
pördarson  macht,  während  reg.  915  das  Richtige  hat;  ein  Zufall  endlich,  daß 
Arnam.  20  bei  Nennung  des  porgeirr  Halldöruson  anzugeben  unterlässt,  daß 
derselbe  im  Laugardale  zu  Hause  war,  wie  dieß  aus  reg.  916  zu  entnehmen 
ist,  wobei  nicht  zu  übersehen  ist,  daß  Arnam.  22  diesen  Ort  nennt,  während 
ihn  reg.  107  umgekehrt  hier  ungenannt  lässt.  Bedenklicher  ist  die  Art,  wie 
[>örarinn  im  reg.  48_1°  besprochen  wird.  Die  Membrane  nennt  ihn  „pörarin 
Laxdselago  da  hins  spaka;  hann  var  son  Ospaks  Höskuldssonar,  Kolssonar,  en 
mödir  hans  var  r orger dr,  döttir  Eigils  Skallagrimssouar ,  Kveldulfssonar;"  in 
Arnam.  9  dagegen  heißt  es  einfach  „pörarinn  L&ngselagodi  hinn  spaki",  ohne 
daß  über  seine  Abkunft  irgend  etwas  gesagt  würde.  Jon  Sigurdsson  sowohl 
als  Gudbrandr  Vigfüsson  haben  längst  die  Haltlosigkeit  der  ersteren  Lesart 
hervorgehoben,  und  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  unser  porarin  Langdaela- 
godi  mit  jenem  pörarinn  hinn  spaki,  porvaldsson  identisch  sein  müsse,  welchen 
die  Landnäma,  III,  cap.  5,  S.  186  als  einen  directen  Abkömmling  des  ersten 
Ansiedlers  im  Längidale  nennt;  daß  für  Langdselagodi  irrthümlich  Laxdaelagodi 
geschrieben  werden  konnte,  hat  auch  nichts  Auffälliges,  wohl  aber  die  An- 
knüpfung der  verkehrten  genealogischen  Notizen  im  regius.  Möge  man,  mit  Jon 
Sigurdsson,  in  diesen  eine  spätere  Interpolation  sehen,  oder  mit  Gudbrand  sie 
durch  die  Annahme  einer  Auslassung  eines  ganzen  Satzes  zu  erklären  suchen, 
immer  bleibt  der  Erklärungsversuch  ein  ziemlich  gewaltthätiger.  Beachtenswerth 
scheint  mir  auch ,  daß  bei  der  Aufzählung  der  angesehensten  jungen  Leute 
beiderlei  Geschlechts  im  Westlande  der  Arnam.  28  beidemal  die  Kinder  des 
porgils  Araison  unerwähnt  lässt,  welche  reg.  127  und  10  beidemale  nennt;  daß 
ferner  Arnarm.  41  nur  von  einem  ungenannten  Priester  von  Sidumuli  spricht, 
wo  reg.  1713-14  den  pörd  Sölvason  von  Reykjaholt  nennt.  Auffällig  ist  auch, 
daß  Arnam.  41  den  Hof  zu  )>orgautsstadir  nennt,  wo  reg.  17l'J  den  zu  Högg- 
vandastadir  erwähnt,  welcher  letztere,  auch  in  der  Heidarviga  s.  genannt,  nach 
J.  Johnsen,  Jardatal,  S.  124,  Anm.  6,  eine  verödete  Kote  des  Hofes  zu  Gils- 
bakki  bildete;  daß  Arnam.  38  den  porgeir  Halldöruson  an  der  Rängärlcid  auf- 
treten lässt,  während  reg.  16  dafür  die  Arnessleid  nennt;  daß  ferner  Arnam.  5 
die  Fahrten  Odds  „eigi  vestarr  en  i  Hrütafjörd"  sich  erstrecken  lässt,  während 
reg.  2n~  ,2  sagt:  „alldri  vestar  enn  i  Hvitä,  enn  optast  i  Hrütafjörd".  Man 
kann  in  derartigen  Abweichungen  eine  Nachlässigkeit  des  Bearbeiters  des  jün- 
geren Textes  sehen ,  dem  es  auf  die  volle  Genauigkeit  in  persönlichen  und 
localen  Beziehungen  nicht  mehr  ankam;  man  kann  aber  auch  an  absichtliche 
Änderungen  denken,  welche  etwa  dem  Bestreben  entstammen  konnten,  wirkliche 
oder  vermeintliche  Verstöße  in  chronologischer,  genealogischer  oder  topographi- 
scher Richtung  zu  verbessern,  und  möchte  man  zumal  bezüglich  der  zuletzt  an- 
geführten Stelle  sich  daran  erinnern,  daß  die  Mündung  der  Hvita  zwar  bis  zum 
Schluße  des  13.  Jhdts.  ein  vielbefahrener  Handelshafen  war,  nach  dem  Jahre  1316 
aber  als  solcher  kaum  noch  genannt  wird.  —  Alles  in  Allein  genommen  lässt 
sich  hiernach  das  Verhältniss  der  beiden  Texte  dahin  bestimmen,  daß  der  Cod. 
reg.  eine  ältere  Recension  der  Saga  repräsentiert,  aus  welcher  durch  spätere 
Überarbeitung  erst  jene  jüngere  Recension  derselben  hervorgieng,  welche  im  Cod. 
Arnam.  enthalten  ist.  Das  für  die  Überarbeitung  bestimmende  Motiv  kann  nur 
in   dein    Bestreben   gesucht   weiden,    die  Saga   unterhaltender,   d.  h.   dein   spätem 


LITTERATUR:  G.  CEDERSCHIÖLD,  IJANDAMANNA  SAGA.  447 

verdorbenen  Geschmacke  zusagender  zu  machen ;  doch  ist  selbstverständlich 
nicht  ausgeschlossen,  daß  in  einzelneu  Fallen  rein  zufällig,  nämlich  durch  bloße 
Unachtsamkeit  des  Überarbeiters,  in  anderen  Fällen  auch  wohl  durch  dessen 
Bestreben,  einzelne,  wirkliche  oder  vermeintliche,  Fehler  der  Überlieferung  zu 
verbessern ,  weitere  Veränderungen  an  dieser  letzteren  vorgenommen  wurden. 
Da  übrigens  unser  Cod.  reg.  selbst  später  Entstehung,  und  jedenfalls  nur  eine 
directe  oder  indirecte  Copie  eines  weit  älteren  Originales  ist,  erklärt  sich  leicht, 
daß  auch  er  keineswegs  allerwärts  den  unverfälschten  Text  der  ursprünglichen 
Recension  gibt,  und  daß  Cod.  Arnam.,  der  ja  keineswegs  aus  jener  Membrane 
geschöpft  hat,  aus  einem  ihm  zu  Grunde  liegenden  reineren  Texte  dieser  letzteren 
hin  und  wieder  bessere  Lesarten  beibehalten  haben  kann  als  jene.  Im  Übrigen 
hat  unser  Herausgeber  bereits  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  reg.  I2  „nonlr 
1  Midfirdi"  und  l7-8  von  Styrmir  zu  Asgeirsä  „er  pä  var  meßte  höfdingi  nonlr 
)>ar",  geschrieben  steht,  wogegen  Arnam.  3  „vestr  i  Midiirdi"  und  „vcstr  jiar" 
schreibt,  und  er  hat  daraus,  mit  Jon  Sigurdsson,  ganz  richtig  geschlossen,  daß 
erstere  Recension  im  Westlande,  die  letztere  dagegen  im  mittleren  oder  öst- 
lichen Theile  des  Nordlandes  geschrieben  sein  müsse;  ich  möchte  indessen  noch 
darauf  aufmerksam  machen,  daß  in  Arnam.  5,  vgl.  mit  reg.  1  ,  einmal  „nonlr 
til  Stranda"  stehen  geblieben  ist,  während  doch  unter  den  Strönd,  wie  zumal 
die  Vergleichung  mit  Grettla,  cap.  25,  S.  61,  und  allenfalls  auch  pördar  s.  hredu, 
S.  10  und  25,  zeigt,  hier  nur  die  Küste  der  Strandasysla  und  der  nördlichen 
Isarjardaisysla  gemeint  sein  kann.  Hinsichtlich  der  Entstehungszeit  der  Saga 
hat  Gudbraudr  Vigfüsson  aus  der  Art,  wie  au  deren  Schluß,  und  zwar  in  beiden 
Recensionen,  Snorri  Kälfsson  erwähnt  wird,  auf  den  Schluß  des  12.  Jhdts. 
schließen  wollen.  Ich  habe  gegen  diese  Annahme,  Bd.  XII  der  Germania,  S.  4SI 
bis  482  geltend  gemacht,  daß  wenn  zwar  ein  Snorri  Kälfsson  zu  Mel  im  Jahre 
1175  starb,  doch  auch  ein  gleichnamiger  Enkel  desselben  nachweisbar  ist, 
welcher  recht  wohl  bis  tief  in  das  13.  Jhdt.  hinein  gelebt  haben  kann,  und 
daß  überdieß  die  Art  der  Erwähnung  des  Mannes  keineswegs  zu  der  Annahme 
zwinge,  daß  derselbe  zur  Zeit  der  Entstehung  der  Saga  erst  neuerdings  ver- 
storben gewesen  sei;  ich  habe  ferner  darauf  hinweisen  zu  sollen  geglaubt,  daß 
die  ganze  Haltung  der  Quelle  auf  eine  spätere  Abfassungszeit  zu  deuten  scheine, 
und  daß  die  Vorliebe  für  die  Erzählung  von  Rechtshändeln,  welche  sich  in 
derselben  ausspreche,  die  Vermuthuug  nahe  lege,  daß  sie  gleich  der  Njäla  und  dem 
Ölkofra  p.  am  Schluße  des  13.  .Jhdts.  oder  doch  wenig  später  entstanden  sein 
möge.  Unsei  Herausgeber  erklärt  sich  nun  mit  dem  negativen  Theile  dieser 
meiner  Äusserung  einverstanden,  während  er  gegen  deren  positiven  Theil  ein 
wendet,    daß    im   i  re    Saga    doch    ganz,    anders  als  die   Njäla    alle.     Juristische    mehr 

lieiwerk  behandle,   und  in   ihrer  Schilderung   der   prozessualischen   Vorgänge 
'i.  dgl.  eine  gewisse  Unbestimmtheit   und  einen  Mangel   an  Genauigkeit  erkennen 
■  -.     Ich   kann    mich    mit    letzterer   Bemerkung    nicht   völlig   einverstanden   ei 
klaren,  sofern    ieh    die  Jurisprudenz    der  Saga    im   Wesentlichen    richtig    finde. 
'Der  formelle  Verstoß,    welcher   Odds   K 1 1  I    pab    hinfällig    zu   machen 

droht,  wird  zwar  in   im  eren   Recht  büchern  nicht   ausführlich   1h    prochen,  sieht 
aber   mit   den  Bestimmungen  der  Kgsbk.  §.   13,  S.  60     61,  völlig   in   Einkla 
und  entspricht  auch   vortrefflich  dem  Formalismus  des  altisländischen  Proci 
Die   Formel  des  Bichtereides ,    auf  «reiche    der    alte  Ofeigr   Bezug   nimmt,  fällt 
zwai    nieht   ganz    mit  der    in    der   Kgsbk        11,  S.   12    mitgetheilten  zusammen, 


448  LITTERATUR:  G.  CEDERSCHIÖLD,  BANDAMANNA  SAGA. 

stimmt  aber  um  so  genauer  mit  jener  anderen  Formel  für  gerichtliche  Eide 
überein,  welche  die  Hauksbök  und  ältere  Melabök,  die  ältere  pörctar  s.  hredu 
und  der  porsteins  p.  uxaföts  der  älteren  Recension  der  Islendingabok  folgend 
enthalten.  Ofeigs  Bemerkungen  gegen  Egill  über  das  Maß  des  Gewinnes,  welchen 
die  verbündeten  Häuptlinge  zu  hoffen  haben,  und  über  die  in  ihrer  Klage 
dieserhalb  gebrauchte  Formel  entsprechen  genau  den  Vorschriften  der  Rechts- 
bücher. Guttbrands  Zweifel,  ob  die  Verhandlung  der  Sache  gegen  Üspak  nicht 
am  Frühlingsdinge  statt  am  Alldinge  stattgefunden  haben  werde ,  wird  durch 
die  Nennung  des  lögbergs  und  des  Nordlendingadoms  in  beiden  Recensionen  der 
Saga  zurückgewiesen;  daß  aber  die  Klage  gegen  Odd  wegen  Bestechung  der 
Mitglieder  des  Viertelsgerichtes  nicht  beim  fünften  Gerichte  angebracht  worden 
sei,  ist  eine  willkürliche  Behauptung,  da  keiner  unserer  Texte  das  Gericht 
nennt,  an  das  die  Sache  gebracht  werden  wollte.  Auch  daran  wird  man  nicht, 
mit  dem  Herausgeber,  Anstoß  nehmen  dürfen,  daß  die  Quelle,  und  zwar  wiederum 
in  ihren  beiden  Recensionen ,  die  Errichtung  neuer  Godorde  als  eine  um  die 
Mitte  des  11.  Jhdts.  ganz  übliche  Sache  bezeichnet;  die  Annahme,  daß  die  im 
Jahre  1004  ertheilte  Erlaubniss  zur  Errichtung  von  solchen  sich  nur  auf  die 
nächste  Zeit  und  eine  begrenzte  Zahl  von  Godorden  beschränkt  habe,  ist  näm- 
lich in  den  Quellen  völlig  unbegründet,  so  allgemein  und  zuversichtlich  sie 
auch  ausgesprochen  zu  werden  pflegt.  Die  Gehässigkeit  aber,  mit  welcher  die 
angesehensten  Häuptlinge  des  Landes  gegen  Odd  auftreten,  war  sicherlich  nicht 
bloß  in  deren  Habgier  begründet,  sondern  weit,  mehr  noch  eine  Folge  ihrer  Eifer- 
sucht auf  das  von  ihm  neu  begründete  Godord  ganz  wie  der  Njälsbrenna  un- 
gleich mehr  die  Erbitterung  der  alten  regierenden  Häuser  über  das  Gesetz  von 
1004,  als  die  bloße  Rache  für  ein  paar  begangene  Todschläge  zu  Grunde  lag. 
Mit  vollem  Recht  hat  denn  auch  Hr.  C.  daraus,  daß  reg.  220-21,  von  Arnam.  6 
abweichend,  das  Vermögen  Odds,  um  einen  Begriff  von  dessen  Größe  zu  geben, 
mit  dem  der  reichsten  Kirchen  im  Lande  vergleicht,  einen  Schluß  darauf  zu 
ziehen  versucht,  daß  unsere  Sage  nicht  vor  dem  großen  Präbendenstreite,  1270 
bis  1300,  entstanden  sein  möge;  endlich  harmoniert  aber  mit  dieser  Zeitbe- 
stimmung auch  noch  die  weitere  Thatsache,  daß  in  der  Grettis  s.  (cap.  14,  S.  22 
der  neuern,  aber  cap.  16,  S.  90  der  älteren  Ausgabe,  nach  welcher  P.  E.  Müller 
citiert  hatte)  die  Bandamauna  s.  angeführt  werden  konnte,  soferne  ja  jene 
erstere  ihre  derzeitige  Gestalt  erst  zu  Anfang  des  14.  Jhdts.  erhalten  haben 
kann.  Ganz  richtig,  daß  alle  diese  Gründe  nicht  hinreichen,  um  einen  streng- 
stens unumstößlichen  Beweis  zu  liefern;  aber  doch  dürften  sie  gut  genug  inein- 
andergreifen, um  einen  ganz  leidlichen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit  zu  er- 
bringen, und  da  bisher  keine  ihnen  entgegenstehende  Argumente  geltend  ge- 
macht wurden,  wird  man  wohl  in  diesem  Falle  wie  in  so  manchen  anderen 
mit  der  bloßen  Wahrscheinlichkeit  sich   genügen  lassen   müssen. 

MÜNCHEN,  den   10.  October  1874.  K.  MAURER. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT 

DER 

ERSCHEINUNGEN  AUF  DEM  GEBIETE  DER  GERMANISCHEN 
PHILOLOGIE  IM  JAHRE  1873. 

VON 

KARL  BARTSCH. 


I.   Begriff  und  Geschichte  der  germanischen  Philologie. 

1.  Gervinus.   —  Hillebrand,   K.,  G.  G.   Gervinus. 

Preußische  Jahrbücher    1873,  32,  379 — 428.   -    Ein  Verzeichniss    von  Aufsätzen 
über  Gervinus  tindet    man  in  der  Zeitschrift  für  Geschichte   des  Oberrheius  25,  450  f. 

2.  Grimm,   Jacob,   an   den  Lehrer  Ph.  Wille  zu  Gülte   bei   Arolsen. 
Wagners  Archiv  für  die  Geschichte  deutscher  Sprache  und  Dichtung  1873,  S.  222. 

2  Briefe,  mitgetheilt  von  Hoffmann  von  Fallersleben. 

3.  Punkhänel,  K.  H.,  Vergleichung  der  Schriften  Ciceros  und  J.  Grimms 
über  das   Alter.    Vortrag.   8.   (16  S.)  Eisenach  1873.   Bacmeister.    4  gr. 

4.  Hertz,  Wilhelm. 
Illustrirte  Zeitung  1873,  Nr.   1554. 

5.  Jacobi.   —   Wein  hold,   K,   Zur  Erinnerung  au  Theodor  Jacobi. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  85 — 98. 

6.  Koch.    —    Witzschel,   A.,   Dr.   Fr.   Koch. 
Germania  18,  251—253. 

7.  Zacher,   J.,   Fr.  Koch.    Nekrolog. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  98—104. 

8.  Kurz,  Heinrich.  Nekrolog. 
Allgem.  Zeitung   1873,  Beilage  61. 
8".   Heinrich  Kurz.   Nekrolog. 
Illustrirte  Zeitung   1873,  S     '>'■'•  f. 

9.  Kurz,  Hermann. 

Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage  87,  Auszug  aus  dei  Grabrede  von  J.  6.  Pischei 
am   L2.  <  tetober  1873. 

l»i.    Menzel,   Wolfgang.   Autobiographic. 
Daheim  1872,  October. 

11.  Beim  Tode   Wolfgang  Menzels. 
Die  ßrenzboten   1878,  Nr.  18,8.   198     200 

12.  Wolfgang    Menzel.    Von    St. 
Illustrirte  Zeitang   1873,   Nr.    1661. 

13.  Wolfgang  Menzel. 

N\  Evangel.  Kirchenzeitung  1873,  Nr.  21. 

14.  Schiller,  Karl.  Nekrolog.  (Von   Fr.  Latendorf.) 
Meklenbnrg.  Zeitung  1873,   12.  Angnst, 

15.  Schmeller.  —  Jo.  Andr.  Bobmelleri  carmina  et  epistolae  ad  Samu- 
elem  Hoptium  missae.  Gratulationsschrift  der  Universität  Bern  zur  lUOjährigen 
Jubelfeier  der   Universität   München.    18  8.     L 

&KBKANIA.  Neu,.  Reihe  vn.  ,\i\,,  Jahrtf.  2lJ 


450  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 


II.   Haudsehriftenkunde  und  Bibliographie, 

16.  Schultz,  Alwin,  Aus  Handschriften  der  kgl.  Universitäts-Bibliothek 
zu  Breslau. 

Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  Februar. 

17.  Catalogus  codicum  latinorum  Bibliothecae  regiae  Monacensis.  Tomi  1 
pars  III.   8.    (251  p.)   Monachii   1873. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1874,  Nr.  5. 

18.  Tabulae  codicum  manu  scriptorum  praeter  graecos  et  orientales  in 
Bibliotheca  Palatina  Vindobonensi  asservatorum.  Vol.  VI.  8.  (516  S.)  Vindobonae 
1873.   Gerold.   3 '/2  Rthlr. 

19.  Bartsch,  Karl,  bibliographische  Übersicht  der  Erscheinungen  auf 
dem   Gebiete  der  germanischen  Philologie  im  Jahre   1872. 

Germania  18,  461 — 501.  Vgl.  Petzholds  Anzeiger  für  Bibliographie  1874,  Nr.  3. 

20.  Bibliotheca  philologica,  oder  geordnete  Übersicht  aller  auf  dem 
Gebiete  der  classischen  Alterthumswissenschaft  wie  der  älteren  und  neueren 
Sprachwissenschaft  in  Deutschland  und  dem  Ausland  neu  erschienenen  Bücher. 
Herausgegeben  von  Dr.  W.  Müldener.  25.  Jahrg.  2.  Heft  und  26.  Jahrg.  1.  Heft. 
8.   Göttingen    1873.  Vandenhoeck  und  Ruprecht. 

III.   Sprachwissenschaft  und  Sprachvergleichung. 

21.  Pipon,  J.,  den  allmänna  spräkläraus  grunder.  8.  (65  S.)  Haparanda 
1873.    75  öre. 

22.  Bleek,  W.  H.  J.,  on  the  origin  of  language.  8.  New- York  1873. 
L.  W.   Schmidt.    10  gr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  8.  Bd.,  1.  Heft  (Steinthal). 

23.  Faucher,  Jul.,   Gedanken  über  die  Herkunft  der  Sprache. 
Vierteljahrsschrift  für  Volkswirtschaft  und  Culturgeschichte  10.  Jahrg.  2.  Bd.  (1873). 

24.  Müller,  Dr.  Friedr.,  Einheit  oder  Mehrheit  des  Ursprungs  der  mensch- 
lichen  Sprache. 

Mittheilungen  der  anthropologischen  Gesellschaft  in  Wien.  3.  Bd.  1873. 

25.  Rösch,  Prof.  W.,  über  das  Wesen  und  die  Geschichte  der  Sprache. 
8.   (30  S.)   Berlin    1873.   Lüderitz.   6  gr. 

Sammlung  gemeinverständlicher  wissenschaftlicher  Vorträge  172.  Heft. 

26.  Schmidt,  E.  v.,  über  den  Ursprung  der  Sprache.  8.  Moskau  (Dor- 
pat)    1872.   8. 

27.  Werber,  W.  J.  A.,  die  Entstehung  der  menschlichen  Sprache  und 
ihre  Fortbildung.   8.   (IV,  45  S.)  Heidelberg    1873.   Winter.    12  gr. 

Vgl.  Heidelberger   Jahrbücher  1872,  November. 

28.  Der  neueste  Versuch  über  die  Einheit  des  Ursprungs  der  mensch- 
lichen  Sprache. 

Das  Ausland  1873,  Nr.  41  f. 

29.  Delitzsch,  Friedr.,  Studien  über  indogermanisch-semitische  Wurzel- 
verwandtschaft.    8.   (119  S.)  Leipzig  1873.  Hinrichs.    1  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1873,  Nr.  41  (Windisch);  Allgem.  Liter.  Zeitung  Nr. 
47 ;  das  Ausland  Nr.  49 ;  Magazin  f.  d.  Literatur  des  Auslandes  Nr.  34. 

30.  Grill,  J.,  über  das  Verhältniss  der  indogermanischen  und  semitischen 
Sprachwurzeln.   Ein  Beitrag  zur  Physiologie  der  Sprache. 

Zeitschrift  der  deutsch-morgenländischen  Gesellschaft  1873,  S.  425—460. 


II.  HANDSCHRIFTENTirNDF.  etc.  III.  SPRACHWISSENSCHAFT  etc.     451 

31.  Grotemeyer,  II.  J.,  über  die  Verwandtschaft  der  indogermanischen 
und  semitischen   Sprachen.   II.  Theil:   Die  Nominal  Flexionen.    4.   (26  S.) 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Kempen  1S73. 

32.  Raumer,  R.  v.,  vierte  Fortsetzung  der  Untersuchungen  über  die 
Urverwandtschaft  der  semitischen  und  indoeuropäischen  Sprachen.  8.  (22  S.) 
Frankfurt  a.  M.    1873.   Heyder  u.  Zimmer.    '/4  Rthlr. 

33.  Schultze,  Dr.  Martin,  Indogermanisch,  Semitisch  und  Hamitisch.  8. 
(36  S.)  Berlin    1873.   Calvary. 

Programm  der  höheren  Töchterschule  zu  Cüstrin.  Vgl.  Litcrar.  Centralblatt  1873, 
Nr.   16,  als  „verunglückt"  bezeichnet. 

34.  Fick,  August,  die  ehemalige  Spracheinheit  der  Indogermanen  Europas. 
Eine  sprachgeschichtliche  Untersuchung.  8.  (VIII,  432  S.)  Göttingen  1873.  Van- 
denhoeck  u.  Ruprecht.   2  Rhtlr.   24  gr. 

Vgl.  Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  354  ff.  (Bezzenberger) ;  Jenaer  Liter.  Zeitung 
Nr.  14  (J.  Schmidt);  Literar.  Centralblatt  Nr.  4  (Brgm.);  Revue  critique  Nr.  10;  Zeit- 
schrift f.  d.  österr.  Gymnasien  24,  11;  Zeitschrift  f.  Völkerpsychologie  8,  2;  Academy 
1874,  27.  Juni. 

35.  Jolly,  Dr.  J.,  über  den  Stammbaum  der  indogermanischen  Sprachen. 
Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  8,   15  —  39. 

36.  Wolzogen,   Hans   von,    der  Ursitz  der  Indogermanen. 
Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  8,  1 — 14. 

37.  Westphal,  Rud.,  Vergleichende  Grammatik  der  indogermanischen 
Sprachen.  1.  Theil.  Das  indogermanische  Verbum.  nebst  einer  Übersicht  der 
einzelnen  indogermanischen  Sprachen  und  ihrer  Lautverhältnisse.  8.  (XXXIX, 
761  S.)  Jena  1873.  Costenoble.   6%  Rthlr. 

Vgl.  Jenaer  Liter.  Zeitung  1874,  Nr.  7:  Saturday  Review  1873,  20.  December; 
Zeitschrift  f.  d.  Österreich.  Gymnasien  25,  2.  3.  Heft. 

38.  Pott,  Prof.  Dr.  Aug.  Friedr.,  Etymologische  Forschungen  auf  dem 
Gebiete  der  indogermanischen  .Sprachen  unter  Berücksichtigung  ihrer  Hauptformen, 
Sanskrit.  Zend-Persisch,  Griechisch-Lateinisch  etc.  2.  Aufl.  in  völlig  neuer  Um- 
arbeitung,  4.  Bd.  Detmold  1873.    Meyer.    6  Rthlr. 

Aach  u.  d.  T. :  Wurzel-Wörlerbuch    der    indogermanischen    Sprachen.   4.  Band. 
Wurzeln  auf  stumme  Consonanten.  Nämlich:  Wurzeln  auf  Cerebrale  and  Dentale,  gr.  8. 
Vgl.    Literar.   CentralbL    1873,    Nr.  32. 

39.  Maas,  Car.,  Vocales  in  stirpium  terminationibus  positae  nominum 
italicorum,  graecorum,  imprimis  vero  germanicorum  post  quas  potissimum  con- 
Bonas  in  singularis  nominativo  perierini  quaeritur,  (Über  den  Vocalschwund.) 
8    Leipzig  1873.   Barth.    Dissertation.) 

40.  Meyer,  Gustav,  Die  mil  Nasalen  gebildeten  Präsensstämme  der  grie- 
chischen mit  vergleichender  Berücksichtigung  der  andern  indogermanischen 
Sprachen.    B.     VIII     120  B     J<  na   L873.   Mauke,    l'  :1  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  Nr.   19. 

41.  Meyer,   Leo,  über  Vocalsteigerung  insbesondere  in  der  Verbalflexion, 
ichrift  für  vergleichende  Sprachforschung  21,  341     350. 

42.  11  ry  in  a  ii  n  .  Wilh..  das  1  der  indogermanischen  Sprachen  gehör!  dei 
indogermanischen  Grundsprache  an.   8.   (71  1-73.  Rente.    /3  Rthlr. 

Dissertation.  Vgl.  Jenaer    Liter.    Zeitung    1874,    Nr.   ii    (J.  Schmidt);    GSttingcr 
Gel  Anseigen   1873,  Nr.   14;  Kulm-   Beiträge  VIII.  1 ;  Zeitschr.  f    vergleich.  Sprachfoi 
schui  i).    Bezzenberger. 

43.  Bergaigne,  A..  du  pretendu  changemenl  de  bh  en  m  <'n  paleo- 
slave,  en  lithuanien  el  en  gotbique. 

M&noir<  -  de  la   jociete  de  linguistique  II,  3  (187 

29* 


452  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

44.  Culmann,  F.  W.,  das  Geheimniss  des  spiritus  asper.  Eiue  Mitthei- 
lung aus  der  Schrift:  Versuch  eiuer  Erklärung  der  Zahlwörter.  2.  Auflage.  8. 
Leipzig  1873.  Fleischer. 

Vgl.  Revue  de  linguistique  VI,  2. 

45.  Weber,  H.,  litauisches  aug  =  deutschem  ang. 

Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  N.  F.  2.  Bd.  1.  Heft  (1873). 

46.  Fick,  A.,  etymologische  Beiträge. 

Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  21,  461  ff.  22,  97 — 111. 

47.  Kern,  H.,  Miscellanea. 

Zeitschrift   für   vergleichende  Sprachforschung  21,  237  ff.    Darunter:  gävl,  Kuh. 

48.  Schmidt,  Joh.,  Etymologien. 

Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  21,  314  ff.  Von  deutschen:  salbön, 
sparva,  ahd.  ethes  und  verwandte,  fravali. 

49.  Schmidt,   Joh.,   gothisch  vopija  ich  rufe. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  21,  283  ff. 

50.  Wolzogen,  Hans  v.,  Frosch-rana-batrachos.    Etymologische  Studie. 
Deutscher  Sprachwart  7.  Bd.  Nr.  24. 

51.  Pauli,  C,  die  Benennung  des  Löwen  bei  den  Indogermanen.  Ein 
Beitrag  zur  Lösung  der  Streitfrage  über  die  Heimat  des  indogermanischen  Ur- 
volkes.   8.    (VI,   21  S.)   Münden   1873.   Augustin.    1/i  Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  22,  353  ff.  (Jolly) ;  Zeitschrift  f.  Völker- 
psychologie 8,  2;  literar.  Centralblatt  1873,    Nr.  47;  das  Ausland  Nr.  22. 

52.  Kerber,  Dr.  Arthur,  Gedanken  über  die  Entwickelung  der  Con- 
jugation.  1.  Heft.  Einleitung.  —  Das  Präsens.  4.  (IV,  45  S.)  Rathenow  1873. 
Haase.   5/6  Rthlr. 

53.  Wilhelm,  Eugen,  de  infinitivi  linguarum  sanscritae,  bactricae,  per- 
sicae,  graecae,  oscae,  umbricae,  latinae,  goticae  forma  et  usu.  8.  (VIII,  96  S.) 
Eisenach  1873.   Bacmeister.    1%  Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  22,  334  ff. ;  Götting.  Gel.  Anzeigen  Nr.  22 
(Benfey) ;  Literar.    Centralblatt  Nr.  19  ;  Revue    critique    Nr.  22. 

54.  Jolly,  Jul.,  Geschichte  des  Infinitivs  im  Indogermanischen.  8.  (XV, 
284  S.)  München  1873.   Ackermann.   2  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1873,  Nr.  46;  Jenaer  Liter.  Zeitung  1874,  Nr.  34 
(Bezzenberger) ;  Philol.  Anzeiger  VI,  1;  Jahrbücher  f.  Piniol,  u.  Pädagogik  109.  110, 
1.  Heft  (Schweizer-Sidler) ;  Revue  critique  1874,  Nr.  22. 

IV.   Grammatik. 

55.  Kef  er  stein,  A.,  drei  antiquarische  Vorträge  gehalten  in  der  Aka- 
demie gemeinnütziger  Wissenschaften  zu  Erfurt.  8.  (55  S.)  Erfurt  1873.  Villaret. 
%  Rthlr. 

I.  Die  Sprache  der  alten  Deutschen. 

56.  Schönborn,  Th.,  kurze  vergleichende  deutsche  Grammatik  in  ihren 
Grundzügen  für  die  mittleren  Classen  höherer  Lehranstalten  dargestellt.  1.  Theil. 
Laut-  und  Flexionslehre.   8.    (IV,   58  S.)   Breslau  1873.   Kern.    Y3  Rthlr. 

57.  Schade,  0.,  Paradigmen  zur  deutschen  Grammatik.  Gothisch,  Alt- 
hochdeutsch, Mittelhochdeutsch,  Neuhochdeutsch.  3.  Auflage.  8.  Halle  1873. 
Waisenhaus. 

58.  Koberstein,  Aug.,  Laut-  und  Flexionslehre  der  mittelhochdeutschen 
und   der   neuhochdeutschen  Sprache    in    ihren  Grundzügen.   Zum  Gebrauch  auf 


IV.  GRAMMATIK.  453 

Gymnasien.   3.  verbesserte  Auflage  von  0.   Schade.   8.  (VI,   83  S.)  Halle  1873. 
Waisenhaus.    12  gr. 

Vgl.  Wissenschaftl.  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  1874,  Nr.  77. 

59.  Paul,  H.,  gab  es  eine  mittelhochdeutsche  Schriftsprache?  2.  un- 
veränderter Abdruck.   8.   (37  S.)  Halle  1873.   Lippcrt.    10  gr. 

60.  Schacht,  L.,  über  Geschichte  der  deutschen  Sprache  vom  Mittel- 
hochdeutschen  bis  zur  Entstehung  des   Neuhochdeutschen.   4.    (22  S.) 

Programm  der  Realschule  I.  Ordnung  in  Elberfeld^is73. 

61.  Heyne,  Moriz,  kleine  altsächsische  und  altnicderfränkische  Gramma- 
tik.   8.   (120  S.)  Paderborn  1873.   Schöningh.    '/2  Rthlr. 

Vgl.  Germania  19,  217—227  (Paul);  Literar.  Centralblatt  1874,  Nr.  29;  Jenaer 
Liter.  Zeitung  Nr.  8  (Braune) ;  Zeitschrift  f.  d.  Österreich.  Gymnasien  4.  Heft  (Heinzel)  ■ 
Academy  30.  Mai. 

62.  Heinzel,  Richard,  Geschichte  der  niederfränkischen  Geschäftssprache. 
8.   (468  S.)  Paderborn  1873.   Schöningh.   22/3  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1874,  Nr.  25;  Jenaer  Liter.  Zeitung  Nr.  20  (Sievers); 
Kölnische  Zeitung  Nr.  36. 

63.  Cosijn,  P.,  de  oud-nederlandsche  psalmen.  8.  (VIII,  76  S.)  Haarlem 
1873.  Erven  F.  Bohn.   1  fl.  25  c. 

Abdruck  aus  dem  Taal-  en  Letterbode. 

64.  Mätzner,  Ed.,  englische  Grammatik.  1.  Theil.  Die  Lehre  vom 
Worte.  2.  Abth.  2.  Aufl.  8.  (VIII,  S.  321—560).  Berlin  1873.  Weidmann. 
l2/3  Rthlr. 

Vgl.  Academy  1874,  17.  Januar. 

65.  Earle,  J.,  the  philology  of  the  english  tongue.  2d  edition,  revised 
and  enlarged.   12.   (683  S.)   London  1873.   Macmillan. 

65".  March,  George,  Lectures  on  the  english  language.  I.  Series.  4th  edi- 
tion.  New- York  1872. 

Vgl.  Saturday  Review  1872,  30.  Novemb. 

66.  Hare,   H.  C,  fragments  of  two  essays  on  english  philology.  8.  3  s.  6  d. 

67.  Perreaz,  E.,  des  transformations  du  language  en  Angleterre.  Les 
origines.   8.    Schaffhausen  1873.   Brodtmann. 

Vgl.  Revue  critique  1874,  Nr.  4. 

68.  Iversen,  C,  kortfattet  oldnordisk  Formlau-e  til  Skolebrug.  Anden 
Udgave.  8.  (40  S.)  36  sk. 

69.  Hvilka  äro  hufvudepocherna  fordet  svenska  spräketa  utbildning  och 
bvad  har  det  vunnit  eller  fürlorat  vid  de  atskilliga  förändringar  det  undergätt. 
(Prisämnes  fräga,  framställil  af  k.  svenska  akademien  i  Stockholm  1862  och 
följ.)  Vitterhetsforsök.  Nr.  1  och  Nr.  2  om  Luthers  kyrkoreformation.  Af  J.  F. 
B.   Hernösand  1873.  Johansson.   8.   (27  S.)    75  öre. 


70.  Hoefer,   A.,  zur  Laut-,   Wort-   und   Namenforschung. 
Germania  18,  200—209.  301—309. 

71.  Schaltenbrand,    11.  J.,    zui     vergleichenden   Lehre    von   Laut    und 
Wort   in   der   deutschen    Sprache.    4.    (18  S.) 

I'rcigramm  des  MarzeUen-Gymnasiumj  co^Köln  1873. 

72.  Paul,  H.,  zur  Lautverschiebung. 

Paul  und  Braune,  Beiträge  rar  Geschichte  der   deutschen  Sprache  u.  Literatur 
I,  117—201. 

73.  Braune,   W.,   zur   Kenntnis    der   fränkischen    und   zur   hochdeutschen 
Lautverschiebung. 

Paul  und  Braune,  Beiträge  I,  1  —  56 


454  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

74.  Amelung,   A.,   Erwiderung. 

Auf  L.  Meyers  Recension  von  Amelungs  Schrift  über  Vocalsteigerung.  Zcitschr. 
für  vgl.  Sprachforschung  22,  361  ff. 

75.  Koch,  Fr.,  ags.  io,  eo;  eo;  iö,  eö;  iö,  eö;  io,  eo. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  37 — 56. 

76.  Andresen,  K.  G.,  altdeutsches  hl  und  hr  als  gl,  kl  und  gr,  kr  in 
Personennamen  erhalten. 

Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  21,  465 — 470. 

77.  Helten,  W.  L.  van,  über  die  Wurzel  lu  im  Germanischen.  8.  (55  S.) 
Leipzig  1873.  Richter  u.  Harrassowitz.   15  gr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1874,  Nr.  35. 

78.  Meyer,  Leo,  über  einige  deutsche  Pronominalbildungen. 
Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  22,  65 — 68. 

79.  Begemann,  W.,  das  schwache  Praeteritum  der  germanischen 
Sprachen.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  deutschen  Sprache.  8.  (XVI,  186  S.) 
Berlin  1873.    Weidmann.    ll/3  Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  471  ff.  (Bezzenberger) ;  literar.  Cen- 
tralblatt 1873,  Nr.  52  (Braune);  Jenaer  Liter.  Zeitung  1874,  Nr.  2  (Sievers);  Zeitschrift 
f.  d.  Gymnasialwesen  1874,  5.  Heft  (Wilmanns). 

80.  Lindner,  Fr.,  über  das  Präfix  a  im  Englischen.  8.  Jena  1873. 
Frommann.    6  gr. 

81.  Schwann,  Friedr.,  die  gotischen  Adjectiv-Adverbien.  8.  (69  S.) 
Bonn  1873.   Dissertation. 

82.  Andresen,   K.  G.,  aus  der  deutschen  Syntax. 
Zeitschrift  für  das  Gymnasialwesen  1872,  October. 

83.  Tobler,  L.,  über  die  scheinbare  Verwechslung  zwischen  Nominativ 
und  Accusativ. 

Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  4,  375  —  400. 

84.  Lichtenheld,   A.,   das  schwache  Adjectiv  im  Angelsächsischen. 
Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  16,  325  —  393. 

85.  Kölbing,  E.,  Untersuchungen  über  den  Ausfall  des  Relativ-Pro- 
nomens  in  den  germanischen   Sprachen.   8.   Straßburg  1872.   Trübner. 

Vgl.  Germania  18,    243-248   (Tobler);  Revue  critique   1873,  Nr.  40. 

86.  Gelbe,  Th.,  Untersuchungen  über  den  Ausfall  des  Relativ-Prono- 
mens  in  den  germanischen   Sprachen. 

Deutscher  Sprachwart  Bd.  7,  Nr.   13  (1873). 

87.  Skladny,  A.,   über  das  gotische  Passiv.   4.   (19  S.) 
Programm  des  Gymnasiums  zu  Neisse  1873. 

88.  Albrecht,  Carl,  über  den  homerischen  Acc.  c.  Inf.  mit  Vergleichung 
des  gothischen  und  ahd.   Sprachgebrauchs. 

In:  Curtius,  Studien  zur   griechischen    und   lateinischen    Grammatik,   Bd.  4. 

89.  Gering,  Hugo,  über  den  synthetischen  Gebrauch  der  Participien 
im  Gotischen.   I.  IL   8.   (30  S.)  Halle  1873.   (Dissertation.) 

V.  Lexicographie. 

90.  Grimm,  Jacob,  und  Wilhelm  Grimm,  deutsches  Wörterbuch.  Fort- 
gesetzt von  Rud.  Hildebrand  und  K.  Weigand.  4.  Bd.  2.  Abth.  6.  Liefg.  Be- 
arbeitet von  M.  Heyne.  (Sp.  1201—1392.)  5.  Bd.  12.  Liefg.  (Schluß).  Be- 
arbeitet von  R.  Hildebrand  (LI,  und  Sp.  2641 — 2916).  Leipzig  1873.  Hirzel. 
%   und    1  Rthlr. 


V.  LEXICOGRAPHIE.  455 

91.  Schade,  Oscar,  altdeutsches  Wörterbuch.  2.  umgearb.  und  verm. 
Auflage.    l.Liefg.   8.   (160  S.)   Hallo  187:).    Waisenhaus,    1  Rthlr. 

Vgl.  Jenaer  Liter.  Zeitung  1374,  Nr.  15  (Braune);  Entgegnung  darauf  in  Schade's 
wissenschaftl.  Monatsblättern   1874,  Nr.  9;  Wissenschaft!.  Beilage  der  Leipziger  Zeitung 

1873,  Nr.  81;  allgera.  liter.  Anzeiger  f.  d.  evang.   Deutschland  Nr.  81. 

92.  Lexer,  Prof.  Dr.  Matthias,  Mittelhochdeutsches  Handwörterbuch. 
Zugleich  als  Supplement  und  alphabetischer  Index  zum  mittelhochdeutschen 
Wörterbuche  von  Benecke-Müller  -Zunicke.  9.  Lief.  Lex.  8.  (2.  Bd.,  Sp.  321 
bis  640.)  Leipzig  1874.    Hirzel.    l1/.,  Rthlr. 

93.  Weigand,  Fr.  K.,  deutsches  Wörterbuch.  2.  verb.  und  vermehrte 
Aufl.  (4.  Aufl.  von  Fr.  Schmitthcnner's  kurzem  deutschem  Wörterbuch.)  1.  Bd. 
8.  (XIX,  983  S.)  Giessen  1873.   Ricker.   473  Rthlr. 

Vgl.  Bonner  Zeitung  1874,  5.  Januar. 

94.  Mussafia,  Ad.,  Beitrag  zur  Kunde  der  norditalienischen  Mundarten 
im    15.   Jahrhundert.   4.   (128  S.)   Wien   1873.   Gerold  .in  Comm.   2  Rthlr.   4  gr. 

Aus  den  Denkschriften  der  Akademie.  Gehört  hierher,  da  ein  ital.-deutsches 
Glossar  darin  behandelt  ist.  Vgl.  Götting.  Gel.  Anzeigen  1874,  Nr.   1  (Liebrecht). 

95.  Schiller,  Karl,  und  Aug.  Lübben,  mittelniederdeutsches  Wörter- 
buch. 3.  und  4.  Heft.  gr.  8.  (S.  257—512.)  Bremen  1873.  Kühtmänn.  a  5/6  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1874,  Nr.  4;  Jenaer  Liter.  Zeitung  Nr.  35  (Sievers); 
Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1873,  Nr.  48  (Rückert). 

96.  Hoefer,  A.,  zum  mittelniederdeutschen  Wörterbuche  von  K.  Schiller 
und  A.   Lübben. 

Germania  18,  35 — 41. 

07.  Oudemans,  C.  A.,  Bijdrage  tot  een  Middel-  en  Oudnederlandsche 
Woordenboek.  Uit  vele  glossaria  en  andere  bronnen  bijeenverzameld.  4.  deel. 
L— N.    8.   (4,  644  S.)  Arnhein  1873.   v.  Marie.   5  fl. 

98.  Stratmann,  Fi.  II.,  a  dictionary  of  the  old  English  language.  Com- 
piled  from  writings  of  the  XII.,  XIII.,  XIV.  and  XV.  centuries.  2nd  edi- 
tion.   4.   (560  S.)  London  1873.   Trübner.   34  sh. 

99.  Reprinted  Glossaries.  Edited  by  the  Rev.  W.  W.  Skeat.  London  1873. 
Bnglisb   Dialect  Society,  Series  B.  Vgl.  Academy  1874,  8.  August. 

100.  Wright,   Th.,   a    volume  of   vocabularies.  London    1873.   Trübner. 
Enthalt  ags.  Glossen  des   K)     11.  Jlis.,  auch  ahd.  Glossen.  Vgl.  Athenaeum  1873, 

24.  Mai. 

101.  GMeasby,  Richard,  an  icelandic-english  dictionary,  enlarged  and 
completed  by  Gudbrand  Vigfusson.   Part  3.   4.   London    1873.   Macrnillan.   25  sh. 

Vgl.   Germania    1!»,  101    '.Maurer);  Athenaeum  1874,  20.  Juni;   Kdinlmrgh  Review 

1874,  Juli. 

102.  Aasen,  Ivar,  Norsk  Ordbog  med  dansk  Forklaring.  Omarbeidede 
og  forögede   üdgave.    8.   (XVI,   976  S.)   Christiania  1873.   Mailing. 

J03.  Meyer,  Leo,  über  Fremdwörter,  insbesondere  die  slavischen  Fremd- 
wörter im  Deutschen.   Vortrag.   8.   Dorpat  1873. 

104.  Über  die  Entstehung  der  Fremdwörter. 
Das  Ausland   1874,  Nr.   13. 

105.  Bech,  Fedor,  Spenden  zur  Altersbestimmung  neuhochdeutscher  Wert- 
formen. 

Germania  18,  257—274. 

L06.   W'oeste,  F.,   Bi  dem   Niederdeutschen. 

Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  6,  76—81. 

107.   II  i  n  t  ii  er ,   Val.,   Wortei'klärungen,  Swttbel,  gethören,  geigern 
ichrift  für  deutsche  Philologie  5,  66—69. 


45<i  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

108.  Peters,  J.,    zur    Etymologie    von    althochd.    ägalasträ,  Elster.   8. 

(42  S). 

Programm  des  k.  k.  Obergymnasiums  zu  Leitmeritz  1873. 

109.  Hoefer,  A.,  Nochmals  altvile  im  Sachsenspiegel. 
Germania  18,  29—34. 

110.  Bech,  F.,  und  W.  Crecelius,  anzeln. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  65. 

111.  Hoefer,  A.,  über  das  angebliche  Wort  beiern. 
Wagners  Archiv  I,  175 — 177,  mit  Nachtrag  von  Vernaleken  I,  240. 

112.  Bech,  F.,  zu  brüsche  (zu  prüse,  zu  prüsen)  gen. 
Germania  18,  210—213. 

113.  d'Arbois  de  Jubainville,  du  mot  franc    chramnae  ou  hramne. 
Memoires  de  la  sociSte  linguistique  de  Paris  (1872)  II,  1. 

114.  Crecelius,  W.,  kierspe. 
Germania  18,  114. 

115.  Burda,  W.,  zur  Etymologie  des  Wortes  Thier. 
Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  22,  190  f. 

116.  Lambel,  Übersticke. 
Germania  18,  357. 

117.  Hoefer,  A.,  Verehren. 
Wagners  Archiv  I,  463 — 466. 


118.  Gelbe,  Th.,  über  Ortsnamen. 
Deutscher  Sprachwart  7.  Bd.,  Nr.  14  ff. 

119.  Mi  eck,  Dr.,  die  Wurzeln  „snu"  und  „lag"  in  deutschen  Fluß-  und 
Ortsnamen. 

Annalen   des  histor.  Vereins  für  den  Niederrhein  25.  Heft.  Köln  1873.  8. 

120.  Heer,  J.  H.,  keltische  Spuren  in  den  Orts-,  Berg-  und  Flußnamen 
des  Cantons  Glarus. 

Jahrbuch  des  histor.  Vereins  des  Cantons  Glarus.  9.  Heft.  Zürich  1873. 

121.  Peters,  J.,  Ortsnamen    auf  -ikon    und  Familiennamen    auf  -kofer. 
Deutscher  Sprachwart  7.  Bd.,  (1873),  Nr.  11. 

122.  Stricker,  W.,  Gassen-  und  Häusernamen  zu  Frankfurt  und  Straßburg. 
Im  neuen  Reich  1873,  Nr.  3,  S.  52  ff. 

123.  Birlinger,  A.,  Straßburger  Gassen-  und  Häusernamen.  IL 
Alemannia  I,  255 — 258. 

124.  Birlinger,  A.,  die  hohenzollerischen  Orts-,  Flur-  und  Walduamen. 
Einleitung.  Übersicht.   Ortsnamen.   I. 

Alemannia  I,  263—283. 

125.  Bück,  über  oberschwäbische  Orts-  und  Familiennamen. 
Verhandlungen   des   Vereins   für  Kunst   und  Alterthum   in   Ulm.   N.  R.  5.  Heft. 

Ulm  1873.  4. 

126.  Kugler,  K.,   Erklärung  von    1000   Ortsnamen    der  Altmülalp    und 
ihres  Umkreises.   8.  (VIII,  248  S.)  Eichstätt  1873.   Krüll. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,<3Nr.  13;  Theolog.  Jahresbericht  IX,  3;  Beilage  zur 
Augsburger  Postzeitung  Nr.  16. 

127.  Lommer,   orlamündische* Flurnamen. 
Anzeiger  1873,  Sp.  232—237. 

128.  Arnesen,  M.,  norwegische  Ortsnamen,    die  von  Spielen  im  Alter- 
thum zeugen. 

Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  22,  89  —  92. 

129.  Arnesen,  M.,  Namen  auf -bern  im  Friesischen  und  Nordgermanischen. 
Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  22,  93 — 94. 


VI.  MUNDARTEN.  457 

130.  Der  Name  Berlin. 

Das  Ausland  1873,  Nr.  28.  Anknüpfend  an  Killiscb,  Bibliographie  1872,  Nr.  142. 

131.  Bazing,  Justizrath   Hugo,   über  den   Ortsnamen  Hart. 
Verbandlungen    des  Vereins  für    Kunst    und    Alterthum    in  Ulm.    N.  R.  5.  Heft. 

Ulm  1873. 

132.  Cassel,  Paulus,  Hobenzollern.  Ursprung  und  Bedeutung  dieses 
Namens.  Sprachwissenschaftlich  erläutert.  8.  (32  S.)  Berlin  1873.  Gülkcr 
V3  Rthlr. 

Vgl.  National-Zeitung  1873,  Nr.  436;  Tribüne  Nr.  104;  N.  Preußische  Zeitung 
Nr.  232  ;^Allgem.~Modenzeitung  Nr.  48. 

133.  Bück,   Dr.,  der  Ortsname  Lindau.   Eine  Erörterung. 

Schriften   des  Vereins   für  Geschichte   des   Bodensees.  4.  Heft.  Lindau  1873.  8. 

134.  Bazing,  H.,  über  den  Namen  Ruhethal. 

Verhandlungen  des  Vereins  f.  Kunst  u.  Alterthum  in  Ulm.  N.  R.  5.  Heft. 
Ulm  1873. 


135.  Andresen,  K.  G.,  die  altdeutschen  Personennamen  in  ihrer  Ent- 
wicklung  und  Erscheinung  als  heutige  Geschlechtsnamen.  8.  (VIII,  102  S.) 
Mainz  1873.  Kunze's  Nachfolger.    '/„  Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  120  f.  (Weinhold);  Zeitschrift  f.  vgl. 
Sprachforschung  22,  340  ff.  (Förstemann) ;  Literar.  Centralblatt  1874,  Nr.  34;  Jahr- 
bücher f.  Philol.  u.  Pädag.  108.  Bd.,  7.  8.  Heft;  Blätter  f.  d.  bayer.  Gymnasialschul- 
wesen 9.  Bd.,  8.-9.  Heft. 

136.  Andresen,  K.  G.,  zur  deutschen  Namenforschung. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  209—211. 

137.  Bauer,  zur  Namenforschung. 
Germania  18,  214  f. 

138.  Meyer-Emden,  H.,    die   Namen  der    Frauen  bei  den   Germanen. 
Sonntagsblatt  von  Duncker  1873,  Nr.  32. 

139.  Aue,  K.,  Arminius. 

Deutscher  Sprachwart  1873,  7.  Bd.,  Nr.   19. 

140.  Sachae,  Dr.,   über  den   Namen  Roland. 
Archiv  f.  d.  Studium  der  neueren  Sprachen  52,  459 — 462. 

141.  Steub,   L.,  zu  den   deutschen  Familiennamen. 
Allgem.  Zeitung  1873,  Beilage  241. 

142.  Bikkers,  Dr.  Alex.  V.  W.,  the  status  and  significance  of  British 
surnames  in  the  english  language. 

Archiv  für  das  Studium  der  neueren  Sprachen  52,  467-473. 

VI.   Mundarten. 

143.  Groth,  Klaus,  über  Mundarten  uud  mundartige  Dichtungen.  8.  (IV. 
80  S.)  Berlin  1873.   Stilke.    >/a  Rthlr. 

144.  Krüger,  E.,  Analectu. 

Archiv  für  das  Studium  der  neueren  .Sprachen  52,  45—60.  Namentlich  zum  Voca- 
lismus  der  Mundarten. 

145.  Mieck,  zu  den  deutschen   Dialecten. 
Deutscher  Sprachwart  1873,  7.  J5d.  Nr.  24. 

146.  Tobler,   L.,    die   Aspiraten  und  TenU6B    in  schweizerischer  Mundart. 
Zeitschrift  für  vgl.  Sprachforschung  22,   112—183. 

147.  Tobler,   L.,   die  Lautverbindung  tscb   in    schweizerischer   Mundart. 
Ebenda  22,  133—141. 

148.  Die  Tenues   in   Schweizer  Mundart. 
Zeitschrift  für  Stenographie  und  Orthographie   l«7;-f,  6.  Hoft. 


458  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

149.  Herrmann,   A.,   die  deutsche  Sprache  im  Elsaß.   8.   (28  S.) 
Programm  des  Collegiums  zu  Mühlhausen  i.  E.  1873. 

150.  Muth,  R.   v.,    die    bairisch-österreichische    Mundart,    dargestellt  mit 
Rücksicht  auf  den  gegenwärtigen  Stand  der  deutschen  Dialectforschung.  8.  (46  S.) 

Wien  1873.   Beck.   8  gr. 

Separatabdruck  aus  dem  10.  Jahresberichte  der  Landesoberrealschule  in  Krems 
a.  D.  Vgl.  Liter.  Centralbl.   1874,  Nr.  14. 

151.  Wolff,   J.,    der    Consonantismus    des     Siebenbürgisch- Sächsischen. 

4.  (71  S.) 

Programm  des  evang.  Untergymnasiums  zu  Mühlbach  1873.  Vgl.  Liter.  Central- 
blatt  Nr.  45. 

152.  Roth,  Joh.,   Laut-  und  Formenlehre  der  starken  Verba  im  Sieben- 
bürgisch-Sächsischen.    Ein  Beitrag  zur  Grammatik  dieses  Idioms. 

Archiv  des  Vereins  f.  siebenbürg.  Landeskunde  N.  F.   11.  Bd. 

153.  Rückert,     H.,     zur    Charakteristik    der    deutschen     Mundarten    in 

Schlesien.  III. 

Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,   125 — 140. 

154.  Göpfert,   E.,   Dialectisches  aus  dem  Erzgebirge.   (75  S.). 
Programm  des  Gymnasiums  zu  Annaberg  1873. 

155.  Spieß,    Balth.,    die    fränkisch-hennebergische    Mundart.     Mit    einer 
lithogr.  Karte  in   4.   8.   (X,    102  S.)   Wien  1873.  Braumüller.    24  gr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  29. 

156.  Gebert,  W.,  zur  Geschichte  der  niederdeutschen  Mundarten  (38  S.). 
Programm  des  Gymnasiums  zu  Kreuznach  1873. 

157.  Sallmann,   Carl,   die  deutsche  Mundart  in  Estland.     Ein  Versuch. 
8.   (IV,  69  S.)  Cassel  1873.  Kay.    l/3  Rthlr. 

Vgl.  Europa  1873,  Nr.  43. 

158.  Jessen,  E.,  Notitser  om  Dialecter  i  Herjedal  og   Jemtland  8.  (57  S.) 
Christiania  1872.   Mailing. 

159.  Ferguson,   R.,    the    dialect  of  Cumberland:  with   a  chapter  on  its 
place-names.   8.   (230  S.).  London  1873.  5  sh. 

160.  Nodal,  J.  H.,   the  dialect  and  archaisms  of  Lancashire.  First  report 
of  the  Glossary  Committee  of  the  Manchester  Literary   Club    1873. 

161.  Murray,  the  dialect  of  the  Southern   counties  of  Scotland.    1873. 
Vgl.  Academy  1873,  Nr.  77. 


162.  Hoffmann  von  F  a  llersleben,  Volkswörter. 
Wagners  Archiv  I,  241—290. 

163.  Willmann,   Volkstümliches   und   Sprachliches  aus  der  Baar. 
Alemannia  I,  298—303. 

164.  Schmeller,J.  Andr.,  Bayerisches  Wörterbuch.  Zweite,  mit  des  Ver- 
fassers Nachträgen  vermehrte  Ausgabe  im  Auftrage  der  historischen  Commission 
bei  der  k.  Akad.  d.  Wiss.  bearbeitet  von  G.  K.  Frommann.  8.  Lieferung. 
München   1873.   Oldenbourg. 

165.  Hintner,  Val.,  Beiträge  zur  Tirolischen  Dialektforschung  I.  8. 
(48  S.)  Wien  1873.  Beck.   8  gr. 

Programm  des  akadem.  Gymnasiums  zu  Wien. 

166.  Hügel,  Dr.  Fr.  S.,  der  Wiener  Dialekt.  Lexicon  der  Wiener  Volks- 
sprache.   8.    Wien    187  3.   Ilartleben.    li/G  Rthlr. 

Vgl.  Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  469  ff.  f Hintner);  Zeitschrift  f.  d.  Öster- 
reich. Gymnasien  24,  7.  8.  Heft;  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  45  (Braune);  Liter.  Ver- 
kehr Nr.   10;  Allgem.  Modenzeitung  Nr.  32. 


VI.  MUNDAKTEN.  459 

167.  Rubehn,   Beiträge  zu  einem  Idiotikon  des  Oderbruchs  und  der  an- 
grenzenden Gegend. 

Mittheilungen  des  historischen  Vereins  zu  Frankfurt  a.  O.   1873. 

168.  Trachsel,   C.  F.,   Glossarium  der  Berlinischen  Wörter  und  Redens- 
arten.   8.   (68  S.)   Berlin    1873.   Stargardt  in   Comm.    16  gr. 

169.  Fuß,  M.,  zur  Etymologie  nordrheinfränkischer  Provinzialismen  (14  S.). 
Programm  der  Ritterakademic  zu  Bedburg  1873. 

170.  Winkler,   Job.,    Allgcmeen    nederduitsch     en     friesch    Dialecticon. 
2  Bde.   8.   Haag  1873.   Nijhoff.   6  Rtblr. 

171.  Ordbok  öfver  almogeord  i  Helsingland.   Utg.   af  Helsinglands  forn- 
minnesällskap.   4.  (88   S.)  Hudiskrall    1873.   Hellström.   2%  rd. 


172.  Deutsche  Mundarten.  Anthologie  aus  den  Gebieten  mundart- 
licher Dichtung  als  ethnographisch-humoristischer  Beitrag  zur  Kenntniss  deut- 
schen Volkslebens.  Mit  einer  Einleitung  von  Fr.  Giehne.  8.  (XX,  232  S.)  Wien 
1873.   Hartleben,    l1/,-,  Rtblr. 

Vgl.  Europa  1873,  Nr.  44;  Siebenbürg,  deutsches  Wochenblatt  Nr.  44. 

173.  Stutz,  J.,  Gemälde  aus  dem  Volksleben.  In  Zürcherischer  Mund- 
art. 2  Bde.  3.  Auflage.  8.  (144,  207  S.)  Zürich  1873—74.  Schultheis.  1  Rtblr. 
23  gr. 

174.  Siber,  L.,  's  Liebes-Exame.  E  lustig  Hirothsgeschichtli,  wo  der 
Franz  vo  Kobell  z  Minchen  ersunne  und  der  Baslerbeppi  am  Rhisprung  us 
em  Oberbairischen  ins  Baselditsch  übersetzt  hat.  16.(15  S.)  Basel  1873.  Schwig- 
huserei. 

175.  Bergmann,  F.  W.,  Straßburger  Volksgespräche  in  ihrer  Mundart 
vorgetragen  und  in  sprachlicher,  literarischer  und  sittengeschichtlicher  Hinsicht 
erläutert.    8.   (174  S.)   Straßburg   1873.  Trübner.    lV3Kthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralbl.  1874,  Nr.  27;  Götting.  Gel.  Anz.  1873,  Nr.  40  (Liebrecht); 
Magazin  f.  d.  Literatur  des  Auslandes  Nr.  31. 

176.  He  bei 's,  J.  P.,  Werke.  Mit  einer  Einleitung  von  G.  Wendt.  2  Bde. 
(XII,  303;   VI,  285  S.)  gr.  8.  Berlin  1873.    Grote.    '/2  Rthlr- 

177.  Hebel 's,  J.  P.,  Werke.  Neue  revid.  Auflage  mit  Hebels  Bildniss 
und   Biographie.    1  — 15.  Liefg.    8.   München    1873.   Homolatsch.   ä  47,  gr. 

178.  Hebel's,  J.  P.,  allemannische  Gedichte.  8.  (XXI,  108  S.)  Berlin 
1873.   Grote.   6  gr. 

179.  Hebel's,  J.  P.,  allemannische  Gedichte.  Für  Freunde  ländlicher  Natur 
und  Sitten.  Neue  revid.  Volksausgabe.  2.  Aufl.  16.  (XIV,  176  S.)  Aarau  1873. 
Sauerländer.    1/3  Rthlr. 

180.  Hebel's,  J.  P.,  allemannische  Gedichte.  Herausgegeben  und  erläutert 
von  E.  Götzinger.  Mit  einer  Karte.  8.  (XXIX,  204  S.)  Aarau  1873.  Sauer- 
länder.   1  V5  Rthlr. 

Vgl.  Schweizer.  Bibliographie  Nr.  7;  der  Literaturfreund  Nr.  11. 

181.  Keller,  F.,  Doarasclileah  von  eigene  und  frende  Hecka.  Firn' 
Sammlung  von  Gedichten  in  schwäbischer  Mundart  zur  l'ntei 'haltung  in  Gesellen- 
ond  anderen  Vereinen.  2.  Aufl.    16.   (100  S.    Kempten  1873.   Kösel.   <s  gr. 

182.  Eichrodt,  Ludw.,  rheinschwäbische  Gedichte  in  mittelbadischer 
Sprechweise.  2.  Aufl.   16.     XIV,   212  S.     Karlsruhe  L873.   Braun.    IS  gr. 

183.  Nadler,  K.  G.,  Fröhlich  Palz,  Gott  erbalt'al  Gedichte  in  Pfalzer 
Mundart.   6.  Aufl.   16.   (X,  237  S.)   Frankfurt  a.   M.    1873.    Winter.    27  gr. 


460  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

184.  Dewils,  Heinz,  der  Heedelberger  Draguner-Wachtmeester.  Ein 
humoristisch-satyrisches  Saldotebild.  2.  Bd.  8.  (254  S.)  München  1873.  Braun 
und  Schneider.   1  Rthlr. 

185.  Priem,  J.,  Konrad  Grübel  und  seine  Nachfolger  in  der  Nürnber- 
gischen mundartlichen   Dichtung.   8.   Nürnberg  1873.  Ebner.    2/3  Ethlr. 

186.  Jungmai r,  Rud.,  Gmundener  Blüemel'n  oder  nu  a  mal  allerloa 
Gedangä,  Gsängl  und  Begebnuss'n  in  ob  der  enns'scher  Volksmundart.  3.  Aufl. 
16.   (225  S.)   Salzburg  1873.  Dirr.    16  gr. 

187.  Kiesheim,  A.  Frh.  v.,  s'  Schwarzblatl  aus'n  Weanerwald.  Gedichte 
in  der  österreichischen  Volksmundart.  1.  Bd.  5.  Aufl.  16.  (185  S.)  Wien  1873. 
Gerold.    lV5  Rthlr. 

188.  Palm,  H.,  Girgl  und  Hons.  Gedicht  in  schlesischer  Mundart  vom 
J.  1741.  Mitgetheilt. 

Rübezahl  1873,  8.  Heft. 

189.  Misnan,  R.,  Proben  der  niederschlesischen  Mundart. 
Deutscher  Sprachwart  1873,  7.  Bd.,  Nr.   17. 

190.  Lehfeld,  mundartliche  Proben  im  Oberlausitzer  und  im  Glogau- Frei- 
städter Dialekt. 

Rübezahl  1873,  9.— 10.  Heft. 

191.  Gedichte,  humoristische,  in  obererzgebirgischem  Dialekt.  8.  Anna- 
berg 1873.  Lützendorf.   3  gr. 

192.  Spöttelkärmse,  De.  Dr  griene  Muhndag.  In  Erfurter  Mundart. 
16.   (32  S.)  Erfurt  1873.   Körner.    1%  gr. 

193.  Sommer,  A.,  Bilder  und  Klänge  aus  Rudolstadt  in  Volksmundart. 
5.  Bdchen.   6.  Aufl.  Rudolstadt  1873.  Fröbel.   Va  Rthlr. 

194.  Lentz,  M.,  Späss  en  Ierscht.  Liddercher  a  Gedichten.  8.  (319  S.) 
Luxemburg  1873.  Bück.   1  Rthlr.   2  gr. 

195.  Rodange,  M.,  Renert  oder  de  Fuuss  am  Frack  an  a  Ma'nsgresst. 
8.   (254  S.)   Luxemburg  1872.   Schaumburger  in  Comm.    12  gr. 

196.  H(offmann)  v.   F(allersleben) ,  zur  Thierfabel. 
Wagners  Archiv  I,  224.  Niederd.   Gedicht  des  17.  Jhs. 

197.  Verzällchen,  dat,  vam  Fuß  un  vam  Wolf.  [Aus  einer  alten  Hand- 
schrift abgedruckt.]   8.  (16  S.)  Elberfeld  1873.   Lucas  in  Comm.  3  gr. 

198.  Galantryi- Waar'.  Schwanke  und  Gedichte  in  sauerläudischer 
Mundart  vom  Verf.  der:  Sprickeln  und  Spöne,  Grain  Tuig  u.  s.  w.  2.  Aufl.  8. 
(100  S.)   Soest  1873.   Nasse.    '/3  Rthlr. 

199.  Biedenweg  IL,  Fr.,  Harten,  Smarten  un  Begebenheiten.  Bunte 
Biller  ut  mine  Lebenstid  in  dree  Afdeelungen.  16.  (VIII,  113  S.)  Stade  1873. 
Pockwitz  in   Comm.   8  gr. 

200.  Groth,  Klaus,  Vun  den  Lüttenheid. 
Der  Salon  1873,  7.  Heft,  S.  877  ff. 

201.  Blomen,  en  por,  ut  Annmarieke  Schulten  ehren  Goren  von  A.  W. 
Herausgeg.  vou  Fritz^Reuter.  3.  Aufl.  8.  (VI,  194  S.)  Greifswald  1874.  Bin- 
dewald.   1  '/3  Rthr. 

202.  Buckow,  Fritz,  Fritz  de  Dithmarscher  Buerjung,  oder  de  Angeische 
Godsherr.  Wohrheit  un  Dichdung.  8.  (VII,  205  S.)  Lübeck  1873.  G.  Schmidt 
Wittwe.   1  Rthlr. 

203.  Dalmer,  K.,  dre  Rügensche  Lööschens  verteilt  in  Rügensch  Platt - 
dütsch.   2.  Uplage.   8.  (32  S.)    Stralsund  1873.  Hingst  Nachfolger.   6  gr. 


VII.  MYTHOLOGIE.  4ßl 

204.  Palleske,  0.,  Kuddelmuddel.  Plattdütsche  Gedichte.  2.  Auflage.  8.  ' 
(Vni,  247  S.)  Stralsund  1873.  Hingst  Nachfolger.   %  Rthlr. 

205.  Swann  eblummen.  Jierboekje  for  it  jier  1873.  8.  Herrenven 
1873.   Hingst. 

206.  De  Bijekoer,  frisk  jierboekje  for  1873.  28.  Jiergong.  8.  Frentsjer 
1873.  Teienga. 

207.  Forjit  mi  net,  Tidskrift  fen  t  selskip  for  Friske  Tael  end  Schriften- 
kennisse.   3.  boek.   2  Hefte.   Herrenven  1873.  Hingst.   30  c. 

208.  Agrikler,  Rhymes  in  the  West  of  England  Dialect.   Bristol  1872. 

209.  Gibson,  A.  C,  Folk  speech  of  Cumberland  and  some  Districts 
adjacent:  being  short  Stories  and  Rhymes  in  the  Dialects  of  the  West  Border 
Counties.   2nd  edition.   8.   1873.   3  sh.   6  d. 

VII.   Mythologie. 

210.  Bratuschek,  E.,  germanische  Göttersage.  8.  (VIII,  300  S.)  Berlin 
1873.   Staude.   V/3  Rthlr. 

211.  Wagner,  W.,  Unsere  Vorzeit.  Nordisch-germanische  Götter  und 
Helden.   2.  Ausg.    8.  Leipzig  1873.   Spamer.    2l/z  Rthlr. 

Vgl.  Unterhaltungsblatt  z.  Mannheimer  Zeitung  1874,  75  f. 

212.  Arentzen,  Kr.,  og  St.  Thorsteinsson,  Nordisk  Mythologi  efter 
Kilderne.   3.  Opl.   8.   (128  S.)  Kjöbenhavn  1873. 

213.  Dorph,  C,  Omrids  af  den  nordiske  Mythologi.  Til  Skolebrug. 
Sjette  Oplag.  8.  (40  S.)   1873.  40  sk. 

214.  Kroon,  T.  J.,  mythologisch  woordenboek.  Bewerkt  naar  aanleiding 
van  Terwen,  handwoordenboek  der  mythologie.  III.  Germaansche  en  Noordsche 
mythologie.    8.   Arnhem  1873.   Thieme. 

215.  Findeklee,  Ch.  W.,  Mythologie  der  Griechen  und  Römer,  der 
Ägypter  und  Nordländer.  Für  Töchter  aus  den  gebildeten  Ständen.  9.  Aufl.  8. 
(138  S.)    Halle  1873.   Schwabe.    '/„  Rthlr. 

216.  G^ruzez,  E.,  petit  cours  de  mythologie,  contenant  la  mythologie 
des  Grecs  et  des  Romains,  avec  un  precis  des  croyances  fabuleuses  des  Indous, 
des  Perses,  des  Egyptiens,  des  Scandinaves  et  des  Gaulois.  13e  Edition.  18. 
(144  S.)  Paris  1873.  Hachettr.   90  c. 

217.  Petiscus,  A.  H.,  Olympen  eller  Grekernas  och  Romarnes  mytho- 
logi jemte  Egyptiernes,  Indernes  och  de  fornnordiska  folkens  gudalära.  Bear- 
betad  öfversättning  frän  tyskan  af  S.  G.  Dahl.  (8.  316  S.)  Stockholm  1873. 
Hiertas.   3    rd. 

218.  Vollmer,  W.,  Wörterbuch  der  Mythologie  aller  Völker.  In  lOLiefrgn. 
3.  Aufl.   1  Liefg.   8.   (48  S.)   Stuttgart  1874.  Hoffmann.    '/.,  Rthlr. 

219.  Göler,  v.,  die  Uroffenbarung  in  der  altnordischen  Götterlehre 
(Edda   und   Bibel).   Eine   mythologische   Studie.    I.   Tl. 

Deutsche  Blätter  von   Püllner  1873,  ■'*>.  5. 

220.  Bodin,   Th.,   die  Göttersagen   unserer  Altvordern.    1—5. 
Sonutagsblatt  von  Dnncker  1873,  Nr.  24  ff. 

221.  Dahn,  F.,  altgermanisehes  Heidenthum  im  süddeutschen  Volksleben 
der  Gegenwart.  I — III. 

Im  neuen  Reich  1873,  Nr.  öu— y-J. 


462  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

222.  Schwebel,  Oskar,    Mythologisches    aus    der    Mark    Brandenburg. 
1.   Die   „weißen  Frauen"    in  der  Mark.    2.   Die  Riesen. 

Wochenblatt  der  Johanniter  Ordens  Balley  Brandenburg  1873,  Nr.  32.  36. 

223.  Wis^n,  Th.,   Oden  och  Loke,  tvä  bilder  ur  fornnordiska  gudaläran. 
8.  (IV,  109  S.)  Stockholm  1873. 

224.  Sepp,   die   Schimmelkirchen  der  Holledau. 
Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage  56. 

225.  Sepp,   Wodan  als  Roßdieb  und  die  Schimmelcapellen   der  Holledau. 
Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage  63. 

226.  Tubino,  le  marteau  de  Thor. 
Vgl.  Revue  de  linguistique  VII,  1. 

227.  Kern,  H.,   Nehalennia. 
Revue  celtique  2.  Bd.  1.  Heft. 

228.  Reville,  Albert,  un    autel  de  Nehalennia  trouve"  prös  de  Dombourg 

(Zelande). 

Ebenda;  vgl.  Bibliographie  1872,  Nr.  213. 

229.  Eye,   v.,   die  heilige  Walburg  als  deutsche  Gaugöttin  in   der  Kunst 
des   16.   Jahrhunderts.   Mit  Abbildung. 

Anzeiger  für  Kunde   der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  65 — 70. 

230.  Bodin,  Th.,   die  Moosweibchen,   Lohjungfern  und  Holzfräulein  der 

deutschen  Volkssage. 

Sonntagsblatt  von  Duncker  1873,  Nr.  22. 

231.  Hasenkamp,  R.,   die  Mondflecken  in   Sage  und  Mythologie. 
Globus  von  K.  Andree  1873,  23.  Bd. 

232.  Hasenkamp,  R.,  die  Eclipsen  des  Mondes  in  der  Volkssage. 
Das  Ausland  1873,  Nr.  27. 

233.  M(üllenhoff),  K.,  Segen. 
Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  17,  429  f. 

234.  Czerny,   A.,  Wundsegen  von  den  drei  Brüdern. 
Germania  18,  234. 

235.  Frommann.  Orakelfragen  und  Wassersegen. 
Anzeiger  f.  Kunde  A.  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  262—264. 

236.  Hg,  A.,  mittelalterliche  Heil-  und   Segenssprüche. 
Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  226—229. 


237.  Tobler,  L.,  Mythologie  und  Moral. 
Im  neuen  Reich  1873,  Nr.  31. 

238.  Lang,  A.,   Mythology  and  fairy  tales. 
The  fortnightly  Review  1873,  Mai,  S.  618  ff. 

239.  Fiske,  John,  Myths  and  myth-makers,  old  tales  and  superstitions, 
interpreted  by  comparative  mythology.  12.  (VI,  252  S.)  London  1873.  Trübner. 
10  s.   6  d. 

Vgl.  Revue  critique  1873,  Nr.  43;  Academy  Nr.  79;  Revue  de  linguistique  VII,  1. 

240.  Gubernatis,  A.  de,  die  Thiere  in  der  indogermanischen  Mytho- 
logie. Aus  dem  Englischen  übersetzt  von  M.  Hartmann.  1.  Hälfte.  8.  (XXIV, 
336  S.)  Leipzig  1874.   Grunow.   3%  Rthlr. 

Vgl.  Götting.  Gel.  Anzeigen  1874,  Nr.  20  (Wilken) ;  Wisseuschaftl.  Monatsblätter 
II,  7;  Lehmanns  Magazin  1874,  Nr.  19;  Gienzboten  Nr.  6;  Europa  Nr.  8;  Illustiirte 
Zeitung;  Nr.   1607. 


VIII.  MÄRCHEN  UND  SAGEN.  4G3 

VIII.   Märchen   und   Sagen. 

241.  Treitschke,   R.,   zur  Poetik  des   Märchens. 
Wissenschaft!.  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  1873,  Nr.  75  —  76. 

242.  Grimm,  Brüder,  Kinder-  und  Hausmärchen  gesammelt.  Große  Aus- 
gabe.   12.  Aufl.   8.  Berlin  1873.   Besser.   2  Rthlr. 

243.  Grimm,  Brüder,  Kinder-  und  Ilausmärchen.  Kleine  Ausgabe.  18.  Aufl. 
16.   Berlin  1873.  Dümmler.    */,  Rthlr. 

244.  Bechstein,  L.,  neues  deutsches  Märchenbuch.  24.  25.  Auflage.  8. 
Wien  1873.  Hartleben.    12  gr. 

245.  Braut,  G.,  deutsche  Mythen-  und  Sagenmärchen  für  die  jüngere 
Jugend.   2.  Aufl.    16.   Wien  1873.  Perles.    18  gr. 

246.  Sutermeister,  0.,  Kinder-  und  Hausmärchen  aus  der  Schweiz. 
2.  mit  Zusätzen,  Erläuterungen  und  literarischen  Nachweisen  vermehrte  Auflage. 
16.   (258  S.)   Aarau  1873.   Sauerländer.    1  Rthlr.    6  gr. 

Vgl.  Lehmanns  Magazin  1873,  Nr.  14;  der  Literaturfreund  I,  7;  Europa  Nr.  39; 
die  illustrirte  Schweiz  Nr.  79;  über  Land  und  Meer  1874,  Nr.   7. 

247.  Sehlesische  Märchen   und   Sagen. 
Rübezahl  1873,  Heft  8. 

248.  Köhler,  R.,  die  Schwanke  vom  Bauer  Einhirn  und  vom  Bauer 
Grillet. 

Germania  18,  152—159. 

249.  Liebrecht,  F.,  zur   Chronik  von   Zimmern. 
Germania  18,  175 — 185. 


250.  Hahn.  Dr.  J.  G.  vou,  sagwissenschaftliche  Studien.  4. —  7.  Liefg. 
8.   Jena   1873.   Mauke. 

251.  Birlinger,  A.,  die  deutsche  Sage,  Sitte  und  Literatur  in  Predigt 
und   Legendenbüchern. 

Österreich.  Vierteljahrsschrift  für  kathol.  Theologie  1873,  3.  Heft. 

252.  Wesendon  ck.  Mathilde,  Gedichte,  Volksweisen,  Legenden  und 
Sagen.    16.   (X,  262  S.)  Leipzig  1874.  Dürr.    1%  Rthlr. 

253.  Herchenbach,  W.,  der  verzauberte  Berg.  Eine  Sage  aus  dein 
Munde  des  Volkes.    16.   (61  S.)  Mülheim  a.  d.  R.   1873.  Bagel.   2%  gr. 

254.  Birlinger,   A.,   Aus  Schwaben.   Sagen,   Sitten  und  Gebräuche.     Di 
,,  Volkstümlichen"    Neue   Sammlung.)    1.  Bd.   8.   Wiesbaden  1873.   Killinger. 

Vgl.  Jahreszeiten  1873,  Nr.  26;  Allgem.  Modenzeitung  Nr.  26;  Rheinischer  Kurier 
Nr.  292;  Schweizer.  Bibliographie  III,  1l'. 

255.  Pasch,  K.,  zur  Kunde  der  Sagen,  Mythen  und  Bräuche  im  Inn- 
viertel.  1.  Beitrag.  8.  (22  S.)  Programm  des  Real-  und  Obergymnasiums  zu 
Ried    1873. 

256.  Kärntnerische   Vol  kssagc  n. 

Carinthia.  Zeitschrift  tiir  Vaterlandskunde,  Belehrung  and  Unterhaltung.  Herausg. 
vom  Geschichtsvereine  in  Kärnten.  63.  Jahrg.   Nr.   1.  '_'.  Klagenfurt    1*7.".. 

257.  Fraucisci,  J.,  Sagen   vom    Reißkofl   im   Gailthale. 
Carinthia    1873,   Nr.   9. 

258.  Waizer,   1.'..  Lavantthaler  Sagen. 
Carinthia    1873,  Nr.    L2. 

259.  Volks  thüm  lieh  es  vom  und  am  Zobten  aufgesammelt  durch 
R.  Riedel.   1.   2. 

Rübezahl  1873,  Nr.  1. 


464  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

260.  Freund,  J.,  Rübezahl.  Sagen  und  Erzählungen  von  dem  alten 
Berggeiste.  Aus  dem  Munde  des  Volkes  gesammelt  und  poetisch  bearbeitet.  16. 
(68  S.)  Warmbrunn   1873.  Liedl.   %  Rthlr. 

Vgl.  Rübezahl  1873,  9.  Heft. 

261.  Fuhrmann,  Alois,   Sagen  aus  der  Frankensteiner  Gegend. 
Rübezahl  1873,  10.  Heft. 

262.  Wolfram,  R.,  sächsische  Volkssagen.  3.  Bdchen.  8.  (110  S.) 
Zwickau  1873.   Döhner.   3  gr. 

263.  Lauckhard,   C.  F.,   Sagentypen  aus  Thüringen. 

Aus  allen  Welttheilen  von  O.  Deutsch.  4.  Jahrg.  (1873),  August,  September. 

264.  Werneburg,  Oberforstmeister,  die  Sage  vom  zweibeweibten  Grafen 

von  Gleichen. 

Mittheilungen  des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterthumskunde  von  «Erfurt 
6.  Heft  (1873). 

265.  Thiele,  R.,  aus  dem  Unterharze. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  152—155. 

266.  Bindewald,  Tb..,  Oberhessisches  Sagenbuch.  Aus  dem  Volksmunde 
gesammelt.  Neue  vermehrte  Ausgabe.  8.  (242  S.)  Frankfurt  a.  M.  1873.  Heyder 
und  Zimmer.    1  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  28;  Theolog.  Jahresbericht  Nr.  7;  National- 
Zeitung  Nr.  470;  Neue  evangel.  Kirchenzeitung  Nr.  33;  Christi.  Volksblatt  Nr.  36  f. 

267.  Reuter,  Dr.,  die  Sagen  von  dem  Altkönig.  8.  (31  S.)  Frankfurt 
a.  M.    1873.  Keller.   6  gr. 

268.  Müller  von  Königswinter,  Wolfg. ,  Dichtungen  eines  rheinischen 
Poeten.  3.  Bd.  Lorelei.  Rheinisches  Sagenbuch.  4.  Aufl.  8.  (XII,  296  S).  Leip- 
zig 1873.  Brockhaus.   1%  Rthlr. 

269.  Grandjean,  M.  C,  die  sieben  versteinerten  Jungfrauen  bei  Ober- 
wesel. 

Westermanus  illustrirte  Monatshefte  1873,  November,  S.  227  f. 

269".  Wanderblöcke  und  Sagen   aus  Ostfriesland,   Arenberg-Meppen, 

Osnabrücksches  Gebiet. 

Für  Schule  und  Haus,  Hannoversches  Zeitblatt  1873,  Nr.  13—18.  Ebendas.  Nr. 
•20 — 22:  Sagen  von  Dorfte  im  Harz,  Nr.  52:  Weihnachtsgebräuche. 

270.  Crecelius,  W-,  die  Herren  von  Hardenberg. 
Abdruck  aus  der  Zeitschrift  des  bergischen  Geschichtsvereines. 

271.  Wedde,  Joh.,  die  Linde  von  Harvestehude.  Hamburgische  Volks- 
sage (Gedicht). 

Die  Literatur  von  Riotte  und  Wislicenus  1873,  Nr,  24. 

272.  White,  J.  P.,  Lays  and  legends  of  the  Euglish  lake  country.  With 
copious  notes.    8.   (350  S.)   London  1873.  J.   R.   Smith.   6  sh. 

273.  Harland,  John,  and  T.  T.  Wilkinson,  Lancashire  Legends, 
Traditions,  Pageants,  Sports  etc.  With  an  appendix  containing  a  rare  tract  on 
the  Lancashire  Witches.  London  1873. 

274.  Bottrell,  William,  Traditions  and  hearthside  stories  of  West  Com  - 
wall.  Second  Series.   8.   (IV,  300  S.)  London   1873.  Trübner.   6  sh. 

Vgl.  Athenaeum  1873,  Nr.  2390. 

275.  Sagen  und  Legenden  aus  Wales   und   Irland. 
Das  Ausland  1873,  Nr.  27. 


276.  Kinkel,  Gottfr.,  Simrocks   Heldenbuch. 

Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage  344  f.    Die  Entwiekelung  der  Heldensage. 


VIII.  MÄRCHEN  UND  SAGEN.  465 

277.  Heldensagen.  (Das  Nibelungenlied.  Rostein  und  Suhrab.  Gudrun). 
Für  Jung  und  Alt  bearbeitet,  insbesondere  den  deutschen  Jungfrauen  und 
Frauen  gewidmet  von  Dr.  J.  Söltl.  8.  (VI,  238  S.)  Wien  1873.  Hartleben. 
1  Rthlr. 

278.  Meyer,  C,  die  Nibelungensage.  4.  (40  S.)  Basel  1873.  Schneider. 
16   gr. 

Vgl.  Europa  1873,  Nr.  36. 

279.  Steiger,  Karl,  die  verschiedenen  Gestaltungen  der  Siegfriedssage 
in  der  germanischen  Literatur.  Übersicht  ihrer  Entwicklung  und  ihres  Verhält- 
nisses zu  einander.   8.  (124  S.)  Hersfeld  1873.  Höhl.   20  gr. 

280.  Crecelius,  W.,  Nibelunc.  Baselwint. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  4,  454. 

281.  Köhler,  R.,  eine  Sage  von  Theoderichs  Ende  in  dem  'Libro  de 
los  Enxemplos  . 

Germania  18,  147—152. 

282.  Klee,  Gotthold  Ludwig,  zur  Hildesage.  8.  (58  S.)  Leipzig  1873. 
(Dissertation.) 

283.  Meyer,  Joh.,  Flurnamen  aus  der  deutschen  Heldensage. 
Alemannia  I,  262  f. 

284.  Zur  Geschichte  der  deutschen  Thierfabel. 
Deutsche  Monatshefte  1873,  2.  Bd.  6.  Heft. 

285.  Wigger,  Dr.  Fr.,  Spuren  der  Thiersage  auf  mittelalterlichen  Siegeln. 
Jahrbücher  des  Vereins  f.  mecklenburg.  Geschichte  38.  Band  (1873). 

286.  Schuchardt,  H.,   Virgil  im   Mittelalter. 

Im  neuen  Reich  1873,  Nr.  9.  Anknüpfend  an  Comparetti  (Bibliogr.  1872,  Nr.  263). 

287.  Virgil  im  Mittelalter. 
Allgem.  Zeitung  1873,  Beilage  217  f. 

288.  Creizenach,  W.,  Legenden  und  Sagen   von  Pilatus. 
Paul  und  Braune,  Beiträge  I,  89  -  107. 

289.  Riese,   A.,  zur  Historia  Apollonii  regis  Tyri. 
Rheinisches  Museum  27,  624—626. 

290.  Johannis  de  Alta  Silva  Dolopathos,  sive  de  rege  et  septem  sapien- 
tibus.   Herausgeg.  von   H.   Oesterley.    8.  Straßburg  1873.   Trübner. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1873,  Nr.  42. 

291.  Studemund,   W.,   zu  Johannes  de  Alta  Silva  etc. 
Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum   17,  415 — 425. 

292.  Lassalle,  notice  sur  Saint-Graal  d'apres  la  tradition,  la  legende 
et  le  eulte.   12.  (35  S.)  Pau  1873.   25  c. 

293.  Böddeker,  Dr.  K.,  die  Geschichte  des  Königs  Arthur,  nach  einer 
Chronik  des   Britischen   Museums. 

Archiv  f.  <1.  Studium  der  neueren  Sprachen  52,  1—32.  Englische  Prosa  aus  1 1  *  - 1 
Zeit  Heinrichs   V. 

294.  Schwebe!,   O.,  die  deutschen   Kaiser  in   der  Volkssage. 
Wochenblatt  der  Johanniter  Ordens  Balle;  Brandenburg  1873,  Nr.  24  f. 

295.  Schmidt,    J.,    die    Kaiser    Friedrich-    und    KifFbäusersagen. 

N.  Mittheilungen  aus  dem  Gebiel  historisch-antiquarischer  Forschungen  13.  Bd., 
3.  Hefl     i 

296.  Dümmler,  £.,  zur  deutschen  Kaisersage. 
Historische  Zeitschrift    1^7.;    -j.  Heft,  S.  491  f. 

297.  Meyer  —  Knonau,  <^.,  die  Sage  von  der  Befreiung  der  Waldstätte. 
8.  Basel  1873.  Schweighauaer.    '/3  Rthlr. 

Vgl.   Literar.   Centralblatt   1874,  Nr.  5. 
GERMANIA.  Neue  Keihe  VH.  (XIX.  Jahrg.)  30 


466  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

298.  Rilliet,  Albert,  der  Ursprung  der  schweizerischen  Eidgenossenschaft. 
Geschichte  und  Sage.  2.  Aufl.  Aus  dem  Französischen  ins  Deutsche  übertragen 
von  C.   Brunner.   8.  Aarau   1873. 

Vgl.  Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  27. 

299,.   Henne-am-Rhyn,   Otto,   die  Wahrheit  über  Teil. 

Die  Gegenwart  1873,  Nr.  19  f. 

300.  Leo,  F.  A.,  zum  Abschluß  der  Frage  vom  Wilhelm  Teil. 
Magazin  f.  d.  Literatur  des  Auslandes  1873,  Nr.  11. 

301.  Vernaleken,  Th.,   der  ewige  Jude. 
Österreich.  Wochenschrift  1872,  Nr.  43.  44. 

302.  Moshamer,  J.  A.,  Geschichten  vom  Teufel  mit  Einschluß  der 
interessantesten  Volks-Sagen,  Geister-  und  Gespenster-Märchen  ,  nationalen  Ge- 
bräuchen und  Wahnwitz-Sprüchen.  16.  (VI,  360  S.)  Wien  1873.  Wenedikt. 
24  gr. 

IX.   Volks-  und  Kinderlieder,  Sprichwörter,  Sitten  und  Gebräuche. 

303.  Arnim,  A.  L.  von,  und  Cl.  Brentano,  des  Knaben  Wunderhorn. 
Alte  deutsche  Lieder  gesammelt.  2 — 5.  Liefg.  8.  (S.  65 — 330).  Wiesbaden  1873. 
Killinger.   ä   12  gr. 

304.  Arnim,  A.  L.  von,  und  Cl.  Brentano,  des  Knaben  Wunderhorn. 
Alte  deutsche  Lieder.  Mit  Holzschnitten  nach  Zeichnungen  von  Ad.  Schmitz 
und  Alex.  Zick  und  einer  Einleitung  von  Gust.  Wendt.  8.  1  —  7.  Lief,  (l  Bd. 
XVI,  512  S.,   2.  Bd.   S.  1  —  304).  Berlin  1873.   Grote.  ä  */4  Rthlr. 

Vgl.  zu  beiden  Ausgaben  Saturday  Review  1874,  21.  März;  Kölnische  Zeitung 
1873,  Nr.  347;  Norddeutsche  Allgem.  Zeitung  Nr.  288;  Tribüne  Nr.  144;  Rheinischer 
Kurier  Nr.  292 ;  Zeitschrift  f.  d.  Gymnas.  28,  2  (Eichholz) ;  Grenzboten  1873,  Nr.  7 ;  All- 
gem. Liter.  Zeitung  Nr.  18;  Lehmanns  Magazin  Nr.  28;  Europa  Nr.  26;  Scholls  päda- 
gog.  Anzeiger  Nr.  3;  Theolog.  Literaturblatt  Nr.  11;  allgem.  liter.  Anzeiger  XI,  1; 
Volkszeitung  Nr.  291. 

305.  Hoffmann  von  Fallersleben,   Volkslieder. 
Wagners  Archiv  I,  511 — 523. 

306.  Volksliederbucb,  neues.  Neue  Auflage.  32.  Reutlingen  1873.  Enß- 
lin  u.  Laiblin.    2  gr. 

307.  Kleissner,  Dr.  Otto,  die  Quellen  zur  Sempacher  Schlacht  und  die 
Winkelriedsage.   8.   (VI,  68  S.)  Göttingen  1873.  Dieterich.    1jn  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1873,  Nr.  50. 

308.  Flugi,  A.  v.,  die  Volkslieder  des  Engadin.  Nebst  einem  Anhang 
engadinischer  Volkslieder  im  Original  und  in  deutscher  Übersetzung.  8.  (IV, 
85  S.)  Straßburg  1873.  Trübner.    24  gr. 

309.  Schnadahüpfln,  500,  Oberlandler-  und  neueste  Volksliadln, 
Österreicher  G'sangln  und  Walzer.  2.  AuBage.  32.  (126  S.)  München  1873. 
Höpfner  u.   Grammer.    l3/4  gr. 

310.  Volkslieder  aus  Steiermark  mit  Melodien.  Gesammelt  und  bear- 
beitet von  P.  Rosegger  und  R.  Heuberger.   8.  Pest  1872.  Heckenast.   24  gr. 

Vgl.  Österreich.  Wochenschrift  1872,  Nr.  46;  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1873, 
Nr.  33. 

311.  Palm,  II.,  ein  schlesisches  Volkslied  aus  dem   14.  Jahrhundert. 
Wagners  Archiv  I,  354. 

312.  The  Roxburghe  ballads,  reprinted  from  the  unique  copy  in 
the  British   Museum.   Part  I.   (124  S.)   London   1873.   2%  sh. 


IX.  VOLKS-  UND  KINDERLIEDER,  SPRICHWÖRTER  etc.  467 

313.  Rauch,   Chr.,   die  skandinavischen   Balladen   des  Mittelalters. 
Programm  des  Friedrieh-Werder-Gymnasiums  zu  Berlin  1873. 


314.  Vernaleken,  Th.,  und  Fr.  Branky,  Spiele  und  Reime  der 
Kinder  in  Österreich.   8.   (VI,  140  S.)  Wien  1873.   Sallmayer.   2/.<  Rthlr. 

315.  Branky,  Frz.,  Wetter-  und  Regenliedchen.  Kinderüberlieferungen 
aus  Niederösterreich. 

Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  155—  15(J. 

316.  Baker-  en  Kinder rijmen,  Nederlandsche,  verzameld  en  medege- 
deeld  door  Dr.  J.  van  Vloten.  I.  2.  druk.  (64  S.)  II.  (67  S.)  Leiden  1872. 
Sijthoff.   30  cts. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  Nr.  21   (Köhler). 


317.  Wander,  K.  F.  W.,  Deutsches  Sprichwörterlexicon.  42  —  45.  Lief, 
hoch  4.  (Bd.  3,  XXIII  u.  Sp.  1409  —  1870.  Bd.  4,  Sp.  1  —  128).  Leipzig  1873. 
Brockhaus,   ä  2/3  Rthlr. 

318.  Wie  das  Volk  spricht.  Sprichwörtliche  Redensarten.  7.  neu  durch- 
gesehene und  vermehrte  Auflage.  16.  (VIII,  220  S.)  Stuttgart  1873.  Kröner. 
24  gr. 

319.  Binder,  Dr.  Wilh.,  Sprichwörterschatz  der  deutschen  Nation.  Aus 
mündlichen  und  schriftlichen  Quellen  gesammelt,  nebst  sprachlichen,  sachlichen 
und  geschichtlichen  Erläuterungen.  8.  (XIV,  224  S.)  Stuttgart  1873.  Schaber 
in  Comm.    1  Rthlr.   6  gr. 

Vgl.  BLätter  für  literar.  Unterhaltung  1874,  Nr.  27. 

320.  Schulze,  Carl,  die  sprichwörtlichen  Formeln  der  deutschen  Sprache. 
Archiv  für  das  Studium  der  neueren  Sprachen  51,  195 — 212.  52,  61 — 80. 

321.  Bartsch,   Karl,   Sprichwörter  des  XI.   Jahrhunderts. 
Germania  18,  310—353;  vgl.  S.  508. 

322.  Watten b ach,   W.,   Sprichwörter. 

Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  217—221. 

323.  Birlinger,  A.,  alte  gute  Sprüche  aus  Geiler,  Andern,  der  Zimme- 
rischen Chronik. 

Alemannia  I,  303—407. 

324.  Latendorf,  Fr.,   zur  Sprichwörteikunde. 
Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  .352  f. 

325.  Latendorf,  Fr.,  L.  v.  Passavant  gegen  Agricola's  Sprichwörter 
in   wortgetreuem   Abdruck.    4.   (34  S.)   Berlin  1873.    Calvary.    Vo  Rthlr. 

Vgl.  Lehmanns  Magazin  1873,  Nr.  33;  Götting.  Gel.  Anzeigen  L873,  Nr.  49  (Geiger). 

326.  Schönwerth,  Fr.  X.  v.,  Sprichwörter  des  Volkes  der  Oberpfalz 
in   der   Mundart. 

Verhandlungen  des  historischen  Vereins  von  Oberpfalz  und  Regensbprg  2'.».  Bd, 
(1873.) 

327.  Wagner,  J.  M..    Waidsprüche   und  Jägerschreie. 
Wagners  Archiv  I,   133—160. 

328.  Köhler,  R.,  weinende  Augen    haben   Büßen   Mund. 
Germania  18,  113  f. 

329.  Hoefer,  A.,  die  San  in  den   Kessel    treiben. 
Wagners  Archiv  I.   L67     182. 

330.  Saringar,  W.  II.  1>..  Erasmus  over  nederlandsche  preekwoorden 
en  eprcekwoordenlijkc  uitdrukkinpm  van    zijnen  tijd,   oit's   mans   Adagia   op 

30* 


468  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

meld  en  uit  andere,   meest  nieuw^re  geschriften  opgehelderd.    8.   (4?  CIV,  596  S.) 
Utrecht  1873.   Kernink.    12  f. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  50;  Reusch,  theolog.  Literaturblatt  1874,  Nr.  2; 
Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  Nr.  27. 

331.  Hall,  H.  C.  v.,  spreekwoorden  en  voorschriften  in  spreuken,  be- 
treffende landbouw  en  weerkennis.   8.   (VIII,   80  S.)  Haarlem  1873.  f.  0,75. 

332.  Muir,  J.  A.,  a  handbook  of  proverbs,  english,  scottish,  irish,  ame- 
rican,  skakspearean  and  scriptural;  and  family  mottoes,  with  the  names  of 
the  families  by  whom  they  are  adopted.  12.  (156  S.)  London  1783.  Rout- 
ledge.    1  sh. 

333.  Muir,  J.  A.,  a  handbook  of  proverbs,  mottoes,  quotations  and  phrases. 
8.   (506  S.)  Ebend.   3  sh.   6  d. 

334.  Swainson,  Rev.  C,  a  handbook  of  weather  folk-lore:  being  a 
collection  of  proverbial  sayings  in  various  languages  relating  to  the  weather. 
With   explanatory  and  illustrative  notes.   London   1873.   Blackwood. 

Vgl.  Athenaeum  1873,  29.  Nov. 


335.  Heinemann,   0.  v.,   drei  lateinische  Räthsel  des  Mittelalters. 
Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873.  Sp.  360.  Aus  einer  Wolfenbüttler 

Hs.  des  13.  Jahrhs. 

336.  Drohsin,  Fr.,   40   Volksräthsel  aus  Hinterpommern. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  146 — 151. 


337.  Köhler,  R.,  die  deutschen  Volksbücher  von  der  Pfalzgräfin  Genoveva 
und  von  der  Herzogin  Hirlanda. 

Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  69 — 73. 

338.  Historie  von    der    schönen  Hirlanda.    8.   Reutlingen    1873.  Enßlin 
und  Laiblin.    1  gr. 

Ebenda:  die  schöne  Magelona.  2  gr.  Die  Sage  vom  ewigen  Juden.   1  gr.  Faust 
2  gr.  Tyll  Eulenspiegel.  2  gr. 

339.  Müldener,  Rud.,  Till  Eulenspiegels  lustige  Fahrten   und  Schwanke. 
Der  lieben  Jugend  erzählt.  Mit  12  Abbild.  4.  (8  S.)  Leipzig  1873.  Opetz.   18  gr. 


340.  Hoefer,  A.,  Von  Sitten,   Bräuchen,   Namen   und   Ausdrucksweisen. 
Germania  18,  1  —  28. 

341.  Lieb  recht,   F.,   Kleine  Beiträge. 

Germania  18,  453 — 458.    1.  Heidenwerfen.    2.  Das    Brückenspiel.    3.  Aschgeber- 
straße. 4.  Tpru,  purt.  5.  Fander,  Fanner. 

342.  Seltsamkeiten   des  Aberglaubens. 
Europa  1873,  Nr.  43. 

343.  Baader,   Joseph,   Sitten   und  Gebräuche  in  Bayern. 
Zeitschrift  für  deutsche  Kulturgeschichte  1873,  S.  521-552.  585  —  630. 

344.  Gebräuche  im  Burggrafenamt. 
Europa  1873,  Nr.  50. 

345.  Reichel,   R.,   kleine  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Volksglaubens  und 
Brauches   in   der  wendischen   Steiermark. 

Mittheilungen  des  historischen  Vereins  f.  Steiermark  20.  Heft  (1873),  S.   18  ff. 

346.  Vocke,  H.,  das  Pflugfest  in  Hollstadt,  ein  altes  Fest  der  Deutschen. 
Illustrirte  Zeitung  Nr.   1547  (1873). 

347.  Blind,  H.,   das  Osterfest  und  die  Verbrennung   der  Juden.  Beitrag 
zur  germanischen  Mythologie. 

Nürnberger  Presse  1873,  Nr.   126. 


X.  ALTERTHÜMER  UND  CULT URGESCHICHTE.         469 

348.  Kluge,  Hennann,    über    die  ursprüngliche  Bedeutung  und  Gestalt 
der  Johannisfeste  und  der  damit  verwandten   Feiern.   4.   (48  S.) 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Mühlhausen  i.  Th.  1873. 

349.  E (inert),   M.,  unsere  Weihnachtsgebräuche  und  ihr  Ursprung. 
Schwäbische  Kronik   1873,  Nr.  300.  306. 

350.  Alte  Weihnachtssagen. 
Deutsche  Zeitung  1872,  Nr.  354. 

351.  Düringsfeld,   J.  v.,   das  nordische  Julfest. 
Illnstrirte  Zeitung  Nr.  1590  (1873). 

352.  Roth  v.    Schreckenstein,    der    Schappelhirsch.    Ein  Hochzeits- 
gebrauch. 

Zeitschrift   für   die  Geschichte  des  Oberrheins  24,  420  ff.  (1873). 

353.  Schieiden,  M.  J.,  Ursprung  des  deutschen  Volksaberglaubens,  be- 
sonders in  Bezug  auf  Pflanzen. 

Westermanns  illustr.  Monatshefte  1873,  Juni  S.  280-299. 


354.  Engel,  C,  das  Volksschauspiel  Doctor  Johann  Faust.  Mit  geschicht- 
licher Einleitung  und  einem  Anhang:  Bibliotheca  Faustina.  Die  Literatur  der 
Faustsage  von  1510  bis  Mitte  1873.  Systematisch  und  chronologisch  zusammen- 
gestellt.  8.   (IV,  47    und  V,  95  S.)  Oldenburg  1873.   Schulze.   28  gr. 

Deutsche  Puppenkomödien,  1.  Theil.  Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  52 ;  Leh- 
manns Magazin  Nr.  20;  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  Nr.  33  (Rückert);  Spenersche 
Zeitung  Nr.  403;  Nationalzeitung  Nr.  123;  Jahreszeiten  1873,  Nr.  50. 

355.  Simrock,  K.,  Faust.  Das  Volksbuch  und  das  Puppenspiel.  8.  (VIII 
204  S.)  Frankfurt  a.   M.    1873.  Winter.    %  Rthlr. 

Vgl.  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1873,  Nr.  37  (Rückert) ;  Europa  Nr.  14;  Deutsche 
Blätter  Nr.   17;  Belletrist.  Beilage  zur  Frankfurter  Börsenzeitung  Nr.  33. 

356.  Passionsspiel,  das  große,  zu  Brixlegg  in  Tirol.  Geschildert  von 
J.   P.   v.   II.    16.    (137  S.)   Innsbruck   1873.   Wagner.    6  gr. 

X.   Alterthümer  und  Culturgeschichtc. 

357.  Holtzmann,  Adolf,  germanische  Alterthümer  mit  Text,  Übersetzung 
und  Erklärung  von  Tacitus'  Germania.  Herausgeg.  von  Alfr.  Holder.  8.  (IV, 
313  S.)   Leipzig  1873.  Teubner.    2  Rthlr.    20  gr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  30  (Brandes);  Revue  critique  Nr.  4ß;  Philol. 
Anzeiger  VI,  1  (Kaufmann);  Wiss.  Beilage  der  Leipz.  Zeitung  Nr.  ">•"»;  Allgem.  Liter. 
Zeitung  Nr.  24;  Allgem.  Zeitung  Beilage  117. 

358.  Baumstark,  Ant.,  urdeutsche  Staatsalterthümer  zur  schützenden 
Erläuterung  der  Germania  des  Tacitus.  8.  (XIX,  977  S.)  Berlin  1873.  Weber. 
71/,  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  \i  21;  Jenaer  Liter.  Zeitung  Nr.  19  (Meibom); 
Histor.  polit.  Blätter  7:;.  Bd.,  8.  Heft  (1874). 

359.  Taciti,  C,  Germania  antiqua.  Libellum  posl  M.  Hauptium  cum 
alioruin  veterum  auetorum  locis  de  Germania  praeeipuis  ed.  K.  Muellenhoffius. 
8.  (169  S.)  Berlin  1873.   Weidmann.   1  Rthlr. 

Vgl.   Liter.   Centralblatt    1874,    NY   21;    Revue    critique    Nr.    20;   Jahrbücl 
Philologie  109.  Bd.  6     6.  Befl    Bchweizer-ßidler). 

360.  Taciti,  C,  Germania.  Erklärt  von  C.  Tuecking.  2.  verb.  Aufl.  8. 
(64  8.)   Paderborn    1873.   Schöningh.   6  gr. 

861.  Tacitus,  C,  by  W.  \i.  Donne.  (Ancient  claBsics.)  12.  (194  S.J 
1873.   2  sh.   6  d. 


470  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

362.  Taciti,  C,  quae  exstant  opera,  juxta  accuratissimam  D.  Lallemant 
editionein.    18.   (480  S.)  Paris  et  Lyon   1873. 

363.  Zur  Literatur  über  Tacitus'   Germania. 
Allgem.  Zeitung  1873,  Beilage  117. 

364.  Zur  Germania  des  Tacitus. 

Zeitschrift  f.  d.  Österreich.  Gymnasien  24.  Bd.  11.  Heft. 

365.  Kaufmann,  G.,  über  eine  vielbestrittene  Stelle  von  Tacitus  Germania. 
Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage  326. 

366.  Kaufmann,  G-,  ein  Mißverständniss  des  Tacitus.  8.  (29  S.)  Straß- 
burg 1874.   Schultz.    V3  Rthlr. 

367.  Merkel,  Dr.  Friedr.,  Deutschlands  Ureinwohner.  Vortrag.  8.  (28  S.) 
Rostock  1873.    Stiller.    V4  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  Nr.  2. 

368.  Müllenhoff,   K.,   von  der  Herkunft  der  Schwaben. 
Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  17,  57 — 71. 

369.  Steub,  L.,  Kleinere  Schriften.  2.  Bd.  Literarische  Aufsätze.  8. 
(IV,  271  S.)  Stuttgart  1873.   Cotta.    1  %  Rthlr. 

Enthält  u.  a. :  Abstammung,  Ursitz  und  älteste  Geschichte  der  Baiwaren;  die 
heidnische  Religion  der  Baiwaren;  Meier  Helmbrecht  und  seine  Heimat  etc. 

370.  Die  Alterthümer  unserer  heidnischen  Vorzeit.  Nach  den  in  öffent- 
lichen und  Privatsammlungen  befindlichen  Originalien  zusammengestellt  und  heraus- 
gegeben von  dem  römisch-germanischen  Centralmuseum  in  Mainz  durch  dessen 
Conservator  L.  Lindenschmit.  3.  Bd.  3.  Heft.  gr.  4.  (12  S.  mit  6  Steintafeln.) 
Mainz  1873.  v.  Zabern.    5/e  Rthlr- 

371.  Meyer  v.  Knonau,  Gerold,  Alaiaannische  Denkmäler  in  der  Schweiz. 
1.  Abtheilung.   4.   Zürich  1873.  Höhr  in  Comm.   23  gr. 

Mittheilungen    der  antiquar.  Gesellschaft  in  Zürich  18.  Bd.  3.  Heft. 

372.  Oligschläger,  F.  W.,  Römische  und  germanische  Alterthümer  im 
Bergischeu. 

Jahrbücher  des  Vereins  von  Alterthumsfreunden  im  Rheinland,  53.  Heft.  Bonn 
1873.  8. 

373.  Evans,  John,  the  ancient  stone  implements  weapons  and  Ornaments 
of  Great  Britain.   London  1872.  Longmans. 

Vgl.  dazu  Andree  in  den  Grenzboten  1872,  Nr.  47. 

374.  Blell,  Theod.,  Reconstruction  eines  germanischen  Rundschildes  aus 
der  Eisenzeit  in  der  Sammlung  der  Alterthumsgesellschaft  Prussia  zu  Königsberg. 

Altpreußische  Monatsschrift  10.  Bd.  (1873),  Juli— Sept. 

375.  Friedel,   E.,   über  niederländische  Alterthümer.   Vortrag. 
Zeitschrift  für  Ethnologie  5.  Jahrgang  (1873),  1,  33-42. 

376.  Hildebrand,  Dr.  Hans,  das  heidnische  Zeitalter  in  Schweden. 
Eine  archäologisch-historische  Studie.  Nach  der  zweiten  schwedischen  Original- 
ausgabe übersetzt  von  J.  Mestorf.  Mit  44  Holzschnitten  und  einer  Karte.  8. 
(XII,  228  S.)  Hamburg  1873.  Meissner.   2  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralbl.  1874,  Nr.  12;  Deutsche  Monatsblätter  III,  2 ;  Westminster 
Review  Januar;  Saturday  Review  17.  Januar;  Allgem.  liter.  Anzeiger  Nr.  81;  Lit.  der 
Grazer  Tagespost  1873,  Nr.  2ü6;  Jahreszeiten  Nr.  39. 

377.  Montelius,  Oscar,  Om  Lifvet  i  Sverige  under  Hednatiden.  8.(114  S. 
mit   95   Holzschn.)   Stockholm  1873.  Bonnier.    12  gr. 

378.  Bendixen,   B.  E.,  Runebjerget  ved  Veblungsnses. 
Aarböger  for  Oldkyndighed  1872,  3.  Heft. 

379.  Vedel,  E.,  Undersögelser  angaaende  den  aeldre  Jernalder  paa  Born- 
holm.  8.   (62  S.   u.  218  Tafeln.)  Kopenhagen  1873. 


X.  ALTERTHÜMEK  UND  CULTURGESCHICHTE.  47 1 

380.  Worsaae,  J.  J.  A.,  de  Danskes  Kultur  i  Vikingetiden.  8.  (44  S. 
mit  29  Abbild.)  Kopenhagen  1873. 

381.  Secher,  C.  E.,  Danmark  i  «Idre  og  nyere  Tid  eller  historiske, 
topografiske  og  kulturhistoriske  Skildringer  af  Daumarks  Kjöbstaede,  Herregaarde 
m.  m.    1 — 20.  Heft.   8.   Kopenhagen   1873. 

381*.  Scherr,  Joh.,  deutsche  Cultur-  und  Sittengeschichte.  5.  Aufl.  8.  (XVI, 
629  S.)  Leipzig  1873.  Wigand.   2%  Rthlr. 

382.  Arnold,  Bernhard,  Krieg  und  Poesie  bei  den  Hellenen  und  Ger- 
manen. 

Illustrirte  Monatshefte  1872,  Januar. 

383.  Elgger,  Carl  von,  Kriegswesen  und  Kriegskunst  der  schweizerischen 
Eidgenossenschaft  im  14.,  15.  und  16.  Jahrh.  mit  10  Figurentafeln.  8.  (XIX, 
438  S.)  Luzern  1873.  Doleschal.   2  Rthlr. 

Vgl.  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  October. 

384.  Der  Waffeneid  der  germanischen   Stämme. 
Beilage  zum  deutschen  Reichs-Anzeiger  1873,  Nr.  29. 
285.   M(üllenhoff),   K.,   Eidring. 

Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  17,  428  f. 

386.  Carriere,  M.,  die  Kunst  im  Zusammenhang  der  Culturentwicklung 
und  die  Ideale  der  Menschheit.  3.  Bd.  Das  Mittelalter.  2.  Auflage.  8.  Leipzig 
1873.   Brockhaus.   4V3  Rthlr. 

387.  Schuler-Libloy,  Altgermanische  Bilder  aus  der  Zeit  Karls  des 
Großen.   Drei   Vorträge.   8.   (63  S.)   Berlin  1873.   Heimann.    1/6  Rthlr. 

Historisch-politische  Bibliothek,  52.  Liefg. 

388.  Ennen,  L.,   aus   dem   Gedenkbuch   des  Hermann   Weinsberg. 
Zeitschrift  für  deutsche  Kulturgeschichte  1873. 

389.  Daniel,  G.,  Merrie  England  in  the  olden  times.  With  illustrations 
by  J.  Leech  and  K.  Cruikshand.  New  edition.  8.  (428  S.)  London  1873. 
Warne. 

390.  Müller-Für  st  enwalde,   C,   die  Tafelrunden   des   Mittelalters. 
Sonntagsblatt  von  Duncker  1873,  Nr.   16. 

391.  Hehn,  Victor,  Das  Salz.  Eine  culturhistorische  Studie.  8.  (74  S.) 
Berlin  1873.   Bornträger.    1 2  gr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  26. 

392.  Friedländer,  Ludw.,  über  die  Entstehung  und  Entwicklung  des 
Gefühls  für  das  Romantische  in  der  Natur.  8.  (IV,  45  S.)  Leipzig  1873.  Hirzel.. 
12   gr. 

Vgl.  Revue  critique  1873,  II,  387  ff. 

393.  Lilien  cron,  Freiherr  von,  über  das  erste  Auftreten  selbständiger 
Musik   als   Gegenstand   der   Unterhaltung   in   Deutschland. 

Sitzungsberichte  der  k.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften  1873,  5.  Heft. 

394.  Scherr,  Job.,  Geschichte  der  deutschen  Frauenwelt.  In  drei  Büchern 
nach  den  Quellen.  3.  Aullage.  2  Bde.  8.  (X,  320,  310  S.)  Leipzig  1873. 
Wigand.   3  Rthlr. 

Vgl.  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1874,  Nr.  12;  Hessische  Morgenzeitung  Nr. 
616t;  v.  ■  /.«■itmig  Nr.  !)622;  Kölnische  Nachrichten  1873,  Nr.  203;  Mähr.  Correspond. 
Nr.  247;  D.  Wochenblatt  Nr.  50;  Grazei  I  Nr.  282;  Dresdner  Presse  Nr.  342; 

Buropa  Nr.   17. 

395.  Strack,  Karl,  aus  dem  deutschen  Frauenleben.  1.  Theil.  Alterthum 
und  Mittelalter.  8.  (270  S.)  Leipzig  1873.   Schlicke.   1%  Rthlr. 


472  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

396.  Vatke,  Th.,  Frauen  und  Frauenschönheit  in  der  Poesie  des  Mittel- 
em neuen  Reich  1873,  Nr.  32,  S.  211  ff. 

397.  Zingerle,  J.  V.,  das  deutsche  Kinderspiel  im  Mittelalter.  2.  verm. 
Auflage.   8.   (VI,  76  S.)  Innsbruck  1873.    Wagner.    18  gr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  27;  Wiss.  Beilage  zur  Leipziger  Zeitung  Nr  78. 

398.  Schmitz,   J.  P.,   ein  altdeutsches  Frühlingsfest. 
Programm  des  Gymnasiums  zu  Montabaur  1873. 

399.  Linde,  A.  van  der,  das  Schachspiel  des  XV.  Jahrhunderts.  Nach 
unedierten  Quellen  bearbeitet.  Lex.  8.  (VIII,  209  S.  m.  eingedr.  Holzschn.)  Berlin 
1873.   Springer.   2%  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  Nr.  26.  32. 

400.  Barre,  Ernst,  über  die  Bruderschaft  der  Pfeifer  im  Elsaß.  Ein 
Vortrag.   Nebst  urkundlichen  Beilagen.    8.  (54  S.)   Colmar  1873.  Decker.  12  gr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  Nr.   13. 

401.  Schultz,  Alwin,  über  Bau  und  Einrichtung  der  Hofburgen  des 
XII.  und  XIII.  Jahrhunderts.  Ein  kunstgeschichtlicher  Versuch.  2.  Ausgabe.  4. 
(52  S.)   Posen  1873. 

402.  Falke,  Jac,  die  Kunst  im  Hause.  Geschichtliche  und  kritisch- 
ästhetische Studien  über  die  Decoration  und  Ausstattung  der  Wohnung.  2.  Aufl. 
8.   (374  S.)   Wien  1873.   Gerold.    2  Rthtr.    12  gr. 

Vgl.  Saturday  Review  1873,  15.  Nov. ;  Academy  1874,  7.  März ;  Voßische  Zeitung 
1873,  23.  December;  Deutsche  Warte  VI,  11. 

403.  Schmitt,  E.,  über  das  bürgerliche  Wohnhaus  im  Alterthume,  im 
Mittelalter  und  in  der  Neuzeit.   8.   (19  S.)   Prag  1873.  Hunger. 

404.  Kelchner,  Dr.  Ernst,  und  Dr.  Rieh.  Wülcker,  Mess-Memorial 
des  Frankfurter  Buchhändlers  Michel  Härder  Fastenmesse  1569.  4.  (XVI  und 
50   autograph.  S.)  Frankfurt  a.  M.    1873.   Baer.   1 1/3  Rthlr. 

405.  Wattenbach,  W.;   der  Gandersheimer  Kirchenschatz. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  345 — 347.  Enthält  auch 
deutsche  Worte,  pelleles,  budil  etc. 

406.  Gengier,  H.  G.,    Seelbäder. 

Zeitschrift  für  deutsche  Culturgeschichte  1873,  571 — 582. 

407.  Essenwein,  A.,  die  Sündenwäsche. 

Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  350  f.  Mit  Abbildung. 

XL  Kunst. 

408.  Quellenschriften  für  Kunstgeschichte  und  Kunsttechnik  des 
Mittelalters  und  der  Renaissance,  herausgeg.  von  R.  Eitelberger  v.  Edelberg. 
4 — 5.  Bdchen.    8.  Wien  1873.  Braumüllcr. 

Vgl.  Academy  1874,  4.  Juli ;  Literar.  Handweiser  Nr.  149. 

409.  Lübke,  W.,  Grundriß  der  Kunstgeschichte.  6.  Auflage.  2  Bde. 
8.  (VIII,  391  und  XXIV,  430  S.  mit  464  eingedr.  Holzschn.)  Stuttgart  1873. 
Ebner  und  Seubert.   41/.,  Rthlr. 

410.  Lübke,  W.,  Vorschule  zum  Studium  der  kirchlichen  Kunst  des 
deutschen  Mittelalters.  6.  Aufl.  Mit  226  Illustr.  8.  (VIII,  269  S.)  Leipzig  1873. 
Seemann.    2  Rthlr. 

411.  Rahn,  Prof.  J.  R.,  Geschichte  der  bildenden  Künste  in  der  Schweiz. 
1.  Bd.  1.  Abth.  Von  den  ältesten  Zeiten  bis  zum  Schluße  des  Mittelalters.  8. 
(192  S.)   Zürich  1873.   Schabelitz.   2 %  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  Nr.  21. 


XII.  RECHTSGESCHICHTE  UND  RECHTSALTERTHÜMER.     473 

412.  Gerard,  Charles,  les  artistes  de  l'Alsace  pendant  le  moyen-äge. 
Tome  IL   8.   (491  S.)   Colmar  1873.   Barth.   2'/.,  Kthlr. 

413.  Ross  und  Reiter  in  der   deutschen   Kunst. 

Beilage  zum  preußischen  Staats-Anzeiger  1873,  Nr.  1.  2.  (Deutsche  Monatshefte 
I,  71-78.) 

414.  V loten,  J.  van,  Nederlands  scbilderkunst  van  de  14"  tot  de  18e 
eeuw,  voor  het  Nederlandsehe  volk  geschetst.  8.  (4,  356  S.)  Amsterdam  1873. 
van  Kampen.    3  f.   50  c. 

415.  Leemans,  C,  oude  muurschilderingen  van  de  kerk  te  Bathmen  in 
Oberijsel.    4.   (2,  57  S.)  Amsterdam  1873.   v.  d.  Post.   3  f.  55  ff. 

416.  Bereitung   und    Behandlung   der  Malerfarben   iin    15.   Jahrhundert. 
Aus  dem  literar.  Nachlaß  des  Archivdir.  Fr.  J.  Mone.  Freilmrger  Diöcesan-Archiv 

7.  Bd.  (1873). 

417.  Kugler,  Franz,  Geschichte  der  Baukunst.  5.  Bd.  3.  und  4.  Abth. 
gr.  8.   Stuttgart  1873.  Ebner  u.   Seubert.   5  Rthlr.    16  gr. 

418.  Nordhoff,  J.  B.,  der  Holz-  und  Steinbau  Westfalens  in  seiner 
culturgeschichtlichen  und  systematischen  Entwicklung.  Nach  den  Quellen  und 
erhaltenen  Monumenten  dargestellt.  2.  verbess.  Aufl.  Mit  8  lithogr.  Tafeln.  8. 
(XIV,  451  S.)  Münster  1873.   Regensberg.    2  Rthlr. 

Vgl.  Götting.  Gel.  Anzeigen  1873,  Nr.  47. 

419.  Die  Grabungen  des  Erzbischofs  von  Kalocsa  Dr.  Ludwig  Hay- 
nald.  Geleitet,  gezeichnet  und  erklärt  von  Dr.  Emrich  Henszlmann.  fol.  (222  S  ) 
Leipzig  1873-    Händel   in  Comm. 

Vgl.  Theolog.  Literaturblatt  1874,  Nr.  2  (Meßmer). 

420.  Dahlerup,  V.,  H.  J.  Holm  og  H.  Storck,  Tegninger  af  addre 
nordisk   Architectur.    6.  Heft.   Kopenhagen  1874. 

421.  Danske  Mindesmaarker.  2'  Rekke.  1.  Hfte.  Roeskilde  Domkirke, 
beskreven  af  A.   Kornerup.    4.   Afdeling.   Kopenhagen  1874. 

422.  Scriptorum  de  musica  medii  aevi  novam  seriem  a  Gerbertiana 
alteram   collegit.  .  .    E.   de   Coussemaker.   T.  IV,  f.  1.   Paris    1873.   Durand. 

423.  Eitner,   R.,  ein  Liedercodex  aus  dein  Anfang  des  16.  Jahrhunderts. 
Monatshefte  für  Musik-Geschichte  1873,  8.  Heft. 

XII.  Rechtsgeschichte  und  Recht  salterth  ihn  e  r. 

424.  Schulte,  Joh.  Fr.  R.  v.,  Lehrbuch  der  deutschen  Reichs-  und  Rechts- 
geschichte. 3.  verbess.  Auflage.  8.  (XII,  608  S.)  Stuttgart  1873.  Nitschke.  35/G  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  42. 

425.  Leuenberger,  Prof.  Dr.  J.,  Studien  über  Bernische  BechtsgeBchichte. 
Gesammelt  aus  seinem  Nachlaß.  8.  (VIII,  348  S.)  Bern  1873.  Jent  und  Reinert. 
22/3  Rthlr. 

426.  Sohm,  R.,  la  proeddure  de  la  Les  Salica.  La  fidejusaio  dans  le 
droit  franc.  Les  Sacebarons.  La  Glosse  Malbergique.  Traduit  et  annote*  par 
M.   Thdvenin. 

Bibliotheque  de  l'LYole  des  Ilautes  Stades  XIII      lv7.;.i 

427.  Behrend,  Jac,  zum  Proceß  der  Lex  Sahen.  In:  Festgaben  für 
Aug.    \V.   Heffter   zum   3.    August    IST.!.    Lei  Iin.    Weidmann.    29  .,   Rthlr. 

428.  Deatachmann,  ('.,  über  Klagengewere  Dach  den  Bäcbaischen 
Rechtsquellen  des  Mitttelalters.  8.  (33  S.)  Berlin    L873.   Puttkammer.   s  gr. 

429.  Wellmann,  Tl..,  <•  De  .'der  Schöffen?  8.  (147  S.)  Berlin 
1873.   Springer.   28  gr. 


474  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

430.  Gengier,  H.  Gr.,  deutsche  Gerichtsstätten  im  Mittelalter. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Kulturgeschichte  1873,  S.  649—673. 

431.  Meyer,  Christian,  der  gerichtliche  Zweikampf  insbesondere  zwischen 
Mann  und  Frau. 

Zeitschrift  f.  deutsche  Culturgeschichte  1873,  S.  49 — 58. 

432.  Baader,  J.,  eine  bayerische  Verordnung  gegen  Zauberer,  Hexen, 
und   Wahrsager  vom  J.  1611. 

Zeitschrift  für  deutsche  Kulturgeschichte  1873,  2.  Heft. 

433.  Crecelius,  VV.,  Bekenntniss  einer  als  Hexe  angeklagten  Nonne 
aus  dem  J.   1516. 

Zeitschrift  des  Bergischen  Geschichtsvereines  9,  103 — 111. 

434.  Riezler,   Feuerprobe  an  einer  Hexe    1485. 
Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  77  f. 

435.  Gierke,  0.,  das  deutsche  Genossenschaftsrecht.  2.  Bd.  Geschichte 
des  deutschen  Körperschaftsbegriffs.   8.  (LVI,    976  S.)  Berlin  1873.   Weidmann. 

436.  Schroeder,  Rieh.,  Geschichte  des  ehelichen  Güterrechts  in  Deutsch- 
land. 2.  Theil,  3.  Abth.  Das  eheliche  Güterrecht  Norddeutschlands  und  der 
Niederlande  im  Mittelalter.   8.  (XIV,  428  S.)  Stettin   1873.   Saunier.    3l/2Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  Nr.  30;  Jen.  Liter.  Zeitung  Nr.  27  (Martitz);  Götting. 
Gel.  Anzeigen  Nr.  22  (Sohm) ;  Allgemeine  Zeitung  Nr.  83. 

437.  Böttger,  H.,   Bemerkungen  über  den  Grenzpunkt  Tigislege. 
Zeitschrift  des  historischen  Vereins  f.  Niedersachsen,  Jahrg.  1872.  Hannover  1873. 

438.  Finsen,  V.,  om  de  islandske  Love  i  Fristatstiden.  8.  (150  S.) 
Kopenhagen   1873. 

439*.  Amira,  Dr.  K.  v.,  das  altuorwegische  Vollstreckungs-Verfahren. 
Eine  rechtsgeschichtliche  Abhandlung.  8.  (XVIII,  354  S.)  München  1874.  Acker- 
mann.  2  Rthlr.    1 6  gr. 

Vgl.  Jenaer  Liter.  Zeitung  1874,  Nr.  19  (Maurer);  Kritische  Vierteljahrsschrift 
16.  Bd.   1.  Heft;  Liter.  Centralblatt  Nr.  48. 


440.  Ein  Handschriftenfragment  des  sächsischen  Lehenrechts. 
Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  11,  321  f.   In  Weimar,   Perg.  Blatt  des  13.  Jhs. 

441.  Loersch,  H.,  über  die  älteste  datierte  Handschrift  des  Sachsen- 
spiegels. 

Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  11,  267—296. 

442.  Steffenhagen,   E.,  Joh.   Kienkok   wider  den  Sachsenspiegel. 
Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  288 — 291. 

443.  Rockinger,  Untersuchungen  über  die  Handschriften  des  sogenannten 
Schwabenspiegels.  I — IV.   8.  Wien  1873—74.  Gerold  in  Comm. 

Vgl.  Jenaer  Liter.  Zeitung  1874,  Nr.  14.  28  (Steffenhagen). 

444.  Rockinger,  über  die  Handschrift  von  Kaiser  Ludwigs  altem  ober- 
baierischem  Landrechte  in  der  fürstl.  Starhembergischen  Bibliothek,  früher  zu 
Riedegg,  jetzt  zu  Efferding. 

Sitzungsberichte  der  k.  bayer.  Akademie  der  Wiss.  1873.  3.  Heft,  S.  399-452. 

445.  Das  Hofrecht  von  Emmen  vom  J.  1537. 
Der  Geschichtsfreund  28.  Bd.  Einsiedeln  1873. 

446.  Birlinger,  A.,   das  Haigerlocher  Statutarrecht  im  15.  Jahrhundert. 
Mittheilungen  des  Geschichts-Vereines  in  Hohenzollern  6.  Jahrg.  (1873). 

447.  Schuster,  H.  M.,  das  Wiener  Stadtreehts-  oder  Weichbildbuch.  8. 
Wien  1873.  Manz.    1  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralbl.  1874,  Nr.  24;  kritische  Vierteljahrsschrift  3.  Heft;  Götting. 
Gel.  Anzeigen  Nr.  17  (Frensdorff) ;  Jen.  Liter.  Zeitung  Nr.  6  (Behrend);  Anzeiger  für 
Kunde  der  deutschen  Vorzeit  Nr.  7. 


XIII.  LITERATURGESCHICHTE  UND  SPRACHDENKMÄLER.  475 

448.  Gengier,   Prof.   Dr.,   Wiener  Stadtrecht. 

Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  153  -  158.  Beschreibung  einer 
Hs.  des  german.  Museums. 

449.  Rossberg,  K.,   die  Willkür  der  Stadt  Saatfeld  vom  J.  1560. 
Altpreußische  Monatsschrift  10.  Bd.  (1873),  5.  6.  Heft. 

450.  Heidemann,  Dr.  J.,  die  Statuten  des  Wullenampts  zu  Wesel  aus 
dem  J.  1426. 

Zeitschrift  des  Bergischen  Geschichtsvereines  9,  77 — 98.  Dazu  sprach!.  Bemer- 
kungen von  F.  Woeste  98—100. 

451.  Homeyer,   über  eine   Sammlung  Magdeburger  Schöffenurtheile. 
Monatsbericht  der  Berliner  Akademie  1873,  März,  April. 

452.  L  am  bei,  H.,  Bericht  über  die  im  August  und  September  ange- 
stellten Weisthümer-Forschungen.  8.  (30  S.)    Wien  1873.  Geiold  in  Coinm.   4  gr. 

Aus  den  Sitzungsberichten  der   Akademie.  Vgl.  Literar.  Centralbl.  1874,  Nr.  24. 

453.  Weisthum  des  Dorfes  Heerdt.   Von   C.  F.   Strauven. 
Annalen  des  histor.  Vereins  f.  d.  Niederrhein  25.  Bd.  Köln  18.73. 

454.  Weisthümer.   Von  Rieh.   Pick. 
Ebenda. 

455.  Weisthümer.    1 — 4. 

Zeitschrift  des  Bergischen  Geschichtsvereines  9,  34 — 69. 

456.  Weisthum  von  Langenberg.   Von  W.   Crecelius. 
Ebenda  9,  221-233. 

457.  Keurboeken,  de  middeneeuwsehe,  van  de  stad  Leiden.  Uitgegeven 
door  H.   G.   Hamaker.    8.   (4,   VIII,   615   S.)  Leiden    1873.   v.   Doesburgh.   5  f. 

458.  Raemdonck,  Dr.  van,  Keure,  rechten,  wetten  ende  liberteijten  der 
stede,    poorte  ende  vrijheijt  van   Rupelmonde. 

Annales  du  cercle  archeologique  du  Pays  de  Waas,  Tome  V.  Siut-Nicolaas  1873. 

XIII.   Literaturgeschichte  und  Sprachdenkmäler. 

459.  Koberstein,  August,  Grundriß  der  Geschichte  der  deutschen 
Nationalliteratur.  5.  umgearb.  Auflage  von  K.  Bartsch.  4. — 5.  Band  und  General- 
register. 8.  XVI,  955  S.;  XX,  595  S;  156  S)  Leipzig  1873.  F.  C.  W.  Vogel. 
52/3  und  45/6  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  52;  Jen.  Liter.  Zeitung  1871,  Nr.  23  (Sievers); 
Grenzboten  Nr.  2  (Eückert);  Bonner  Zeitung,  5.  Januar;  Theolog.  Literaturblatl  Nr.  I 
(Birlinger);  Im  neuen  Reich  1873,  Nr.  52;  Gegenwart  Nr.  61 ;  Schlesische  Zeitung  L874, 
Nr.  39;  National  Zeitung  Nr.  80;  1873,  Nr.  519;  Weser-Zeitung  Nr.  9767;  Revue  cri 
tique  1874,  Nr.  21   (G.  Paris);  Daheim  Nr.  40. 

460.  Gervinus,   G.   G.,    Geschichte    der    deutschen    Dichtung.    4.   Band. 

5.  Auflage.   Herausgeg.  von  K.  Bartsch.    8.  (VIII,  670  S.)  Leipzig  1873.   Engel- 
mann.   3  Rthlr. 

461.  Goedeke,  K.,  Grundriß  zur  Geschichte  der  deutschen  Dichtung 
aus  den  Quellen.  3.  Bd.  4.  Heft.  8.  (S.  641—880).  Dresden  1873.  Ehlermann. 
1 '/.,  Rthlr. 

462.  Kurz,  Heinrich,  Geschichte  der  deutschen  Literatur  mit  ausgewählten 
Stücken  aus  den  Werken  der  vorzüglichsten  Schriftsteller.  Mit  vielen  Illustra- 
tionen.  1.  und  2.  Bd.  6.  unveränd.   Auflage.    Lex.   s.    Leipzig    1873.  Teubner. 

ä    4  Rthlr. 

463.  Hahn,  Werner,  Geschichte  der  poetischen  Literatur  der  Deutschen. 

6.  verbess.  Auflage.   8.   ;Vlli.   388  S.)   Berlin    L873.    Be    er.    l1      Rthlr. 

464.  Burkhardt,  Emil,   Leitfaden   für  den   Unterrichl   in  der  Literatur 
schichte  für  Schulen.  8.  (78  S.)  Leipzig   1874.  Klinkhardt.  8  gr. 


47(3  BIBLIOGRAPHIE  VON  1«73. 

465.  Kriebitsch,  Th.,  Vorschule  der  Literaturgeschichte  für  Schulen, 
vornehmlich  höhere  Töchterschulen  und  höhere  Bürgerschulen.  In  3  Stufen.  2.  Aufl. 
8.  (XV,  262  S.)   Berlin  1873.  Stubenrauch.   %  Rthlr. 

466.  Noesselt,  Friedrich,  Lehrbuch  der  deutschen  Literatur  für  das 
weibliche  Geschlecht,  besonders  für  höhere  Töchterschulen.  5.  verbess.  Aufl. 
3  Bde.   8.  Breslau  1873.  Max  u.  Co.   3  Rthlr. 

467.  Pütz,  Prof.  Wilh.,  Übersicht  der  Geschichte  der  deutschen  Lite- 
ratur für  höhere  Lehranstalten.  5.  umgearb.  Auflage.  8.  (IV,  104  S.)  Coblenz 
1873.  Baedeker.   6  gr. 

468.  Seineke,  Ferd.,  Lehrbuch  der  Geschichte  der  deutschen  National- 
Literatur.  Nach  dem  Tode  des  Verf.  herausgeg.  von  H.  Dieckmann.  2.  Aufl. 
Hannover  1873.  Schmorl  u.   Seefeld.   8.   (VIII,  255  S.)   1  Rthlr. 

469.  Heinrich,  G.  A.,  histoire  de  la  litterature  allemande.  T.  3.  8. 
Paris  1874.  Franck.    22/3  Rthlr. 

470.  Loise,  Ferd.,  Histoire  de  la  poe"sie.  L'Allemagne  dans  sa  littera- 
ture nationale  depuis  les  origines  jusqu'aux  temps  modernes.  Anvers  1873. 
Kornicker.    1  Rthlr.    2  gr. 

Vgl.  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1873,  Nr.  51  (Rückert). 

471.  Omrids,  kortfattet,  af  den  tyske  Litteraturs  Historie.  Naer  mest 
til  Skolebrug.  Udarbeidet  af  R.  H.  Bergen  1873.  Giertsen.    12  sk. 

472.  Everts,  W.,  Geschiedenis  der  Nederlandsche  Letteren;  een  hand- 
boek  voor  Gymnasien  en  Hoogere  Burgerscholen.  Met  eene  verklärende  woor- 
denlijßt.  "8e   druk.   8.   (324  S.)    Amsterdam    1873.  v.   Langenhuijsen.    1  f.   75  c. 

473.  Mulder,  G.  C,  beknopte  geschiedenis  der  Nederlandsche  letter- 
kunde.   4.  druk.   8.   (VIII,   283  S.)  Zutphen  1872.  v.   Someren.    1  f.   60  c. 

474.  Taine,  H.  A.,  Histoire  de  la  litterature  anglaise.  3e  edition,  revue 
et  augmentde.  T.  3.   8.   (430  S.)  Paris  1873.  Hachette.   3  f.  50  c. 

475.  Taine 's,  H.,  History  of  english  literature,  translated  by  H.  van  Laun. 
With  a  preface  by  the  author.  4th edition.  2  vols.  8.  (1080  S.)  Edinburgh  1873.  21  sh. 

476.  Taine,  H.  A.,  den  engelske  Literaturs  Historie.  Renaissancen  i 
England.  Oversat  af  H.  S.  Vodskov.  1.  2.  Heft.  8.  (ä  80  S.)  Kopenhagen  1873. 
Gyldendal.  ä  36  sk. 

477.  Laing  s,  F.  A.,  History  of  English  literature  for  junior  classes.  12. 
(250  S.)   1873.   1  s.   6  d. 

478.  Hart,  J.  S.,  a  short  course  in  literature,  English  and  American. 
8.   (323  S.)  Philadelphia  187  3.   7  s.   6  d. 

479.  Morley,  Henry,  a  first  sketch  of  English  literature.  3  parts.  8. 
(920  S.)  London  1873.   9  sh. 

480.  Periods    of    the    history  of  English  literature    in    sketches.    1872. 

481.  Lund,  G.,  den  oldnordiska  Literatur.  En  kort  Udsigt.  8.  (II,  83  S.) 
Köbenhavn  1873.  Reitzel.   48  sk. 

482.  Hoff,  B.,  Hovedpunkter  af  den  oldislandske  litteraturhistorie.  12. 
(27  S.)  Köbenhavn  1873.   Schwartz.    16  sk. 

483.  Ljunggren,  G.,  Svenska  vitterhetens  häfder  efter  Gustafs  III. 
död.  I.   del.   8.  (594  S.)  Lund  1873.   Gleerup. 

484.  Wollschl  äger ,  C.  S.,  Handbuch  der  allgemeinen  Literaturgeschichte. 
gr.  8.   (VIII,  532  S.)   Eisenach  1873.  Bacmeister.    2  Rthlr. 

Vgl.  Lehmanns  Magazin    1874,  Nr.  6. 


XIII.  LITERATURGESCHICHTE  UND  SPRACHDENKMÄLER.  J77 

485.  Uhlands  Schriften  zur  Geschichte  der  Dichtung  und  Sage.  8.  Eil. 
8.   (IV,  626  S.)   Stuttgart  1873.   Cotta.   5  Rthlr.   26  gr. 

Vgl.  Götting.  Gel.  Anzeigen  1873,  Nr.  7  (Liebrecht);  Blätter  f.  literar.  Unterhal- 
tung Nr.  37  (Rückert). 

486.  Wack ernage  1,  W.,  kleinere  Sclmften.  2.  Bd.  Abhandlungen  zur 
deutschen   Literatur-Geschichte.  8.  (503  S.)   Leipzig  1873.   Hirzel.   2%  Rthlr. 

Vgl.  Theolog.  Litcraturblatt  1874,  Nr.  9  (Rudioff);  Literar.  1  landweiser  Nr.  149; 
Schlesische  Zeitung  1873,  Nr.  267;  1874,  Nr.  7;  National-Zeitung  1874,  Nr.  59;  Da- 
heim Nr.  6. 

487.  Wattenbach,  Wilh.,  Deutschlands  Geschichtsquellen  im  Mittel- 
alter bis  zur  Mitte  des  13.  Jahrhs.  1.  Bd.  3.  Auflage.  8.  (VIII,  315  S.)  Berlin 
1873.   Hertz.   2  Rthlr. 

488.  E Ismer,  C,  die  Beziehungen  zwischen  der  deutschen  und  der 
französischen   Poesie  im  Mittelalter.   Das  Rittergedicht.   4.   (33  S.)   Zug  1873. 

Programm  der  Industrieschule  in  Zug. 

489.  Scher  er,  W.,  das  geistige  Leben  Österreichs  im  Mittelalter.  Vor- 
trag im  wissenschaftlichen   Verein   zu  Berlin  gehalten. 

Spenersche  Zeitung  1873,  Nr.  7.  9. 

490.  Nordhoff,  J.  B.,  altwestfälische   Dichtungen. 
Germania  18,  281—301. 

491.  Kroeger,  H.  E.,  the  minnesinger  of  Germany.  8.  (284  S.)  London 
1873.   Trübner. 

492.  Richter,  Dr.  J.  W.  Otto,  deutsche  Dichter  des  Mittelalters  im 
Kampfe  für   den   Kaiser  wider  den   Pabst.   8.   (38  S.)   Cassel    1873.   Kay.   8  gr. 

Vgl.  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1873,  Nr.  51;  National-Zeitung  Nr.  444;  theo- 
log.  Jahresbericht  VIII,  4;  Europa  Nr.   11. 

493.  Dietze,   L.,   die  lyrischen  Kreuzgedichte  des  deutschen  Mittelalters. 

(20  S.). 

Programm  des  Gymnasiuno  in  Wittenberg  1873 

494.  Schwebel,   Oskar,   der  Minnegesang  in  Pommern. 
Wochenblatt  der  Johanniter  Ordens  Balley  Brandenburg  1873,  Nr.  33. 

495.  Seh.,  A.,   die  deutschen  Tagelieder  des   Mittelalters. 
Nürnberger  Presse  1873,  Nr.  320. 

496.  Blind,   K.,   deutsche  Meistersinger  und  Trinklieder. 

Die  Gegenwart  1873,  Nr.  36  ff.  =  Nürnberger  Presse  1873,  Nr.  253  f. 

497.  Blind,   K.,  Noch    etwas    über    altdeutsche    Trinklieder    und   Zech- 

schwänke. 

Die  Gegenwart  1873,  Nr.  48  (Weinschwelg,  Wiener  Meerfahrt). 

498.  Sehröer,   K.J.,   Meistersinger   in   Osterreich. 
Wiener  Zeitung   1*7:;.  April. 

49:».  Schnorr  von  Carolsfeld,  Franz,  zwei  neue  Meistersängerhand- 
schritt,  ii. 

Archiv  für  Litteraturgeschichte  3,   1'-»  -  62. 

500.  Wackernagel,  Philipp,  Das  deutsche  Kirchenlied  von  der  ältesten 
Zeit  bis  zum  Anfang  dee  17.  Jahrhunderts.  42.  Liefg.  Bd.  1,  S.  929—1040.) 
Leipzig  1H73.   Teubner.   2/3  iithU- 

501.  Crecelius,  W.,  über  <li»-  Quellen  von   Leisentrita  Gesangbuch. 
Wagners  Archiv  I,  337  -364. 

502.  Freybe,  A.,  das  älteste  Mecklenburger  Charfreitagslied.  1.  Leipzig 
18?.",.   Naumann. 

Vgl.  Theolog.  Literaturblatl  1874,  Nr.  12  (Birlinger) ;  N.  Preußische  Zeitung  I 
Nr.  280. 


478  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

503.  Sehr  (öd  er),  C,  zur  Geschichte  der  geistlichen  Spiele  in  Deutschland. 
Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage  25  ff. 

504.  Peiper,  R.,  zur  Geschichte  der  lateinischen  Komödie  des  15.  Jahrhs. 
Neue  Jahrbücher  f.  Philologie  und  Pädagogik  110.  Bd.  3.  Heft. 

505.  Seh  er  er,  W.,  zur  Geschichte  des  lateinischen  Dramas  im  16.  und  17. 
Jahrh.    1.   Christophorus  Brokhagius.   2.   Hieron.   Ziegler.     3.  P.   Dasypodius. 

Wagners  Archiv  I,  1—12.  481—496. 

506.  Hellwald,  F.  v.?  Geschichte  des  holländischen  Theaters.  8.  (VI, 
150  S.)   Rotterdam  1874.   v.   Baalen.'  l2/3  Rthlr. 

Vgl.  Jenaer  Liter.    Zeitung  1874,  Nr.  39    (Oesterley) ;  Athenaeum  5.  September. 

507.  Gallee,  J.  H.,  Bijdrage  tot  de  geschiedenis  der  dramatische  ver- 
tooningen  in  de  Nederlanden  gedurende  de  middeleeuwen.  8.  (4,  122  S.)  Haar- 
lem  1873.  Kruseman.    I  f.  25  c. 

Vgl.  Gott.  Gel.  Anzeigen  1874,  Nr.  45  (Wilken). 

508.  Das  mittelalterliche  Drama  in   den   Niederlanden. 
Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage  205. 

509.  Meyer,  the  infancy  of  the  English  drama. 
Programm  der  Realschule  in  Hagen  1873. 

510.  Marbach,  Dr.  Joh.,  Oberpfarrer  in  Eisenach,  Geschichte  der 
deutschen  Predigt  vor  Luther.  1.  2.  Liefg.  8.  (192  S.)  Berlin  1873.  Henschel. 
ä   72  Rthlr. 

511.  Wülcker,   R.,   Übersicht  der  neuangelsächsischen  Sprachdenkmäler. 
Paul  und  Braune,  Beiträge  I,  57 — 88. 

518.  Hammerich,  F.,  de  episk-kristelige  Oldkvad  hos  de  gotiske  Folk. 
4.   (II,  202  S.)  Kopenhagen  1873.   Gyldendal. 

513.  Gj  essin  g,  A.,  Undersögelse  af  Kongesagaens  Fremvsext.  I.  8. 
(115  S.  und  2  Taf.)  Christiania  1873.   Brögger.   36  sk. 


514.  Wackernagel,  W.,  Deutsches  Lesebuch.  I.  Theil.  Altdeutsches 
Lesebuch.  5.  Auflage,  gr.  8.  (VIII,  1528  Sp.)  Basel  1873.  Schweighauser. 
4  Rthlr. 

Vgl.    Literar.   Centralblatt  1874,  Nr.  21;   Jenaer  Liter.  Zeitung  Nr.  35  (Sievers). 

515.  Muth,  Rieh,  v.,  mittelhochdeutsches  Lesebuch.  (Einleitung,  Flexions- 
iehre,  Lehr-  und  Lesestoff,  Anmerkungen.)  8.  (IV,  156  S.)  Wien  1873.  Beck. 
24  gr. 

Vgl.  Zeitschrift  f.  d.  Österreich.  Gymnasien  24,  9 — 10  (Schönbach). 

516.  Vieh  off,  H.,  Handbuch  der  deutschen  Nationalliteratur.  1.  und  2. 
Theil.   9.  Aufl.   8.    (XIV,  280  S.)   Braunschweig  1873.    Westermann.    ll/8  Rthlr. 

517.  Hansen,  Karl,  deutsches  Lesebuch.  5.  Theil.  2.  Aufl.  8.  (XIV, 
679  S.)  Harburg  1873.   Elkan.    ll/3  Rthlr. 

Inhalt:  Deutsche  Dichter  und  Prosaiker.  Auswahl  deutscher  Gedichte  und  Prosa- 
stücke von  375—1871  nebst  Metrik,  Figurenlehre  und  Poetik. 

518.  Holczabek,  J.  W.,  das  Nothwendigste  aus  der  deutschen  Literatur. 
Eine  durch  zahlreiche  Beispiele  erläuterte  Poetik  in  einer  Sammlung  prosaischer 
und  poetischer  Lesestücke  und  einem  Überblicke  der  Literaturgeschichte.  2.  Aufl. 
8.  (IV,  280  S.)  Wien  1873.   Dirnböck.   16  gr. 

519.  Arnold,  Thomas,  A  manual  of  English  literature,  historical  and 
eritieal.  With  an  appendix  on  English  metres.  3d  edition.  8.  (567  S.)  London 
1873.   Longmans.    7  s.   6  d. 

520.  Mi  not,  L.,  Handbook  voor  de  Engeische  letterkunde  tot  op  onzen 
tijd.  Poezie  en  prosa.  Met  ophelderende  woordenlijsten,  aanteekeningen,  enz.  door 


XIII.  A.  GOTHISCH.  I?.  ALTHOCHDEUTSCH.  479 

AI.   Keizer.   Nieuwe  titeluitgave.   8.    (14   u.  ö6lJ  S.)  Leidon  1Ö73.   Noothoven  vun 
Goor.   1  f.   90  c. 

521.  Underwood,  Fr.  II.  A.,  a  hand-book  of  English  literature,  in- 
tended  for  the  use  of  High  Schools.  8.  (XLVIII,  640  S.)  Boston  and  New- York 
1873.    12  sh. 

522.  Nygaard,  M.,  Oldnorsk  Laisebog  for  Begyndere.  Til  Brug  paa 
Skoler  og  ved   Selvundervisning.   Bergen  1873.   30  sk. 


523.  Wackernagel,  W.,  Poetik,  Rhetorik,  Stilistik.  Akademische  Vor- 
lesungen gehalten  zu  Basel.  Herausgeg.  von  L.  Sieber.  8.  (XI,  452  S.)  Halle 
1873.   Waisenhaus.    3  Rthlr. 

Vgl.  Blätter  f.  literar.  Unterhaltung  1874,  Nr.  37;  Zeitschrift  f.  d.  Gymnasial wesen 
Nr.  5  (Wilmanns);  Saturday  Review  17.  Januar;  Allgemeine  Zeitung  Beilage  Nr.  28; 
National-Zeitung  Nr.  59 ;  N.  Preuß.  Zeitung  1873,  Nr.  300. 

524.  Kräuter,  J.  F.,  über  nhd.   und  antike  Verskunst. 
Programm  des  Collegiums  zu  Saargemünd  1873.  8.  (28  S.) 

525.  Zum  Kapitel  der  Alliterationen.  Von  O.   F. 
Deutscher  Sprachwart  7.  Bd.  (1873),  Nr.  22. 

526.  Sirker,  Carl,  der  Stabreim  bei  den  neuern  deutschen  Dichtern.  4. 
(30  S.) 

Programm  der  höhern  Bürgerschule  zu  Saarlouis  1873. 

527.  Schuchardt,  Hugo,  Reim  und  Rhythmus  im  Deutschen  und  Ro- 
manischen. 

Im  neuen  Reich  1873,  Nr.  5.  Gegen  Delbrück  (Bibliogr.  1872,  Nr.  481)  gerichtet. 

528.  Wagner,  J.  M.,   zur  Geschichte  des  deutschen   Hexameters, 
Wagners  Archiv  I,  222  f. 

529.  Hildebrand,  K.,  die  Verstheilung  in  den  Eddaliedern.  8.  (29  S.) 
Halle  1873.   (Habilit.   Schrift.) 

530.  Moebius,  Th.,  vom  Stef. 
Germania  18,  129—147. 

A.   Go  th  isch. 

531.  Auswah  1  aus  Ulfilas  gothischer  Bibelübersetzung  mit  einem  Wörter- 
buch und  Grundriß  zur  gothischen  Buchstaben-  und  Flexionslehre  von  K.  A. 
Hahn.  3.  Aufl.  herausgeg.  und  bearbeitet  von  A.  Jeitteles.  8.  Heidelberg  1873. 
Mohr.    20  gr. 

Germania  19,  227  (Wilken). 

532.  Kisch,  Alex.,  der  Septuagintal codex   des   Ulfilas. 

Monatsschrift  f.  Geschichte  und  Wissenschaft  des  Judenthums.  22.  Jahrg.  Heft  1  fi. 
(1873). 

533.  Bernhardt,  E.,  die  gotischen   Bandschriften   der  Episteln. 
Zeitschrift  f.  deutsche   Philologie  5,    186      192. 

B.  Althoch  de  uts  c  b. 

634.  Müllenhoff,  K,  und  W.  Scherer,  Denkmäler  deutscher  Poesie 
und  Prosa  aus  dem  VIII — XII.  Jahrh.  2.  venu,  und  verb.  Aufl.  8.  (XXXV, 
649  S.)  Berlin  1873.  Weidmann.   4%  Ethlr. 

Vgl.  Zeitschrift  f.  d.  Gymnas.  1874,  l.  Heft  (Steinmeyer;  ein  Referat  über  die 
Entwicklung  der  ahcL  Litteratui  Anzeiger  i.  Kunde  d,  d.  Vorzeit  1878,  Nr.  7;  Allgem. 
Zeitung,  Beilage  247. 


480  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

535.   Bartsch,  Karl,  Alt-  und   Mittelhochdeutsches   aus  Engelberg. 

Germania  18,  45—72.    Mit  Nachtrag  S.  234. 

53ü.  Bruchstücke,  die  altdeutschen,  des  Tractats  des  Bischof  Isidorus 
von  Sevilla  de  fide  catholica  contra  Judaeos.  Nach  der  Pariser  und  Wiener  Hand- 
schrift mit  Abhandlung  und  Glossar  herausgeg.  von  K.  Wein  hold.  8.  (133  S.) 
Paderborn  1874.   Schöningh. 

Bibliothek  der  ältesten  deutschen  Literaturdenkmäler  VI.  Bd.  Vgl.  Liter.  Cen- 
tralblatt  1874,  Nr.  36;  Jenaer  Liter.  Zeitung  Nr.  25  (Sievers);  Kölnische  Zeitung  Nr.  119. 

537.  Erdmann,   Dr.,  über  Ötfrid.  II.  I,  1—38.   4.   (8  S.) 
Programm  des  Gymnasiums  zu  Graudenz  1873. 

538.  Sievers,  E.,   Tatianfragmente. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  17,  71 — 76. 

539.  Harczyk,  Ignaz,   einige   Bemerkungen  zum  Tatian. 
Ebenda  17,  76—84. 

540.  Suchier,  H.,  zu  den  altdeutschen   Gesprächen. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  17,  390  f. 

541.  Hörmann,  L.  v.,  k.  k.  Universitäts-Bibliotheks-Scriptor  in  Graz, 
der  heber  gät  in  litun.  Ein  Erklärungsversuch  dieses  ahd.  Gedichtes.  Mit  einer 
Beigabe  Tirolischer  Ackerbestellungs-  und  Ärntegebräuche.  8.  (52  S.)  Innsbruck 
1873.   Wagner. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1874,  Nr.  21;  Jenaer  Liter.  Zeitung  Nr.  13  (Sievers); 
Blätter  f.  d.  bayer.  Gymnas.  Schulwesen  X,  3;  N.  Freie  Presse  Nr.  3450. 

542.  Diefenbach,  aus  der  Stadtbibliothek  zu  Frankfurt  a.  M. 
Germania  18,  76 — 80.  Glossen. 

543.  Holder,  A.,  ahd.   Glossen  zum  Horaz. 
Germania  18,  73—76. 

544.  Peiper,  R.,  Glossen  zu  Boethius. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  76. 

545.  Peiper,  R.,  Innsbrucker  Glossen. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  211. 

546.  Schönbach,   A-,   ein  Urbar  des  XI.   Jahrhs. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  16,  478—480. 

C.   Mittelhochdeutsch. 

547.  Meyer,  K.,  Bruchstücke  mittelhochdeutscher  Dichtungen  aus  der 
mittelalterlichen  Sammlung  zu  Basel. 

Germania  18,  80 — 96.  Liederhs.  und  Wartburgkrieg. 

548.  Zupitza,  J.,   Bruchstücke  mittelhochdeutscher  Dichtungen. 
Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  17,  391—414.    1.  Iwein.  2.  Parzival.  3.  Wille- 

lialm.  4.  Tristan. 

549.  Paul,  H.,  kritische  Bemerkungen  zu  mhd.   Gedichten. 

Paul  und  Braune,  Beiträge  I,  202—208.  1.  Zu  Wolframs  Liedern.  2.  zu  Hart- 
manns erstem  Büchlein.  3.  zur  guten  Frau.  4.  zum  Pantaleon.  5.  zu  Pyramus  und 
Thisbe. 

550.  Albrecht  von  Halberstadt.  —  Irmisch,  aus  der  Geschichte 
Jechaburgs.  Der  Jcchaburger  Chorherr  Albrecht  (von  Halberstadt),  ein  Dichter 
des  Mittelalters. 

Regierungs-  und  Nachrichtsblatt  f.  d.  Fürstenthum  Schwarzburg-Sondershausen 
1*73,  Nr.  61—83. 

551.  Anteloy  und  Alexander.  Von  J.  V.  Zingerle. 
Germania  18,  220—233. 


MM.  C.  MITTELHOCHDEUTSCH.  48] 

552.  Berthold  von  Regensburg,  Missionspredigten.  Mit  unverändertem 
Texte  in  jetziger  Schriftsprache  herausgeg.  von  Pastor  Frz.  Göbel.  Mit  einem 
Vorwort  von  Alban  Stolz.  3.  Aufl.  Mit  einem  alphab.  Sachregister.  8.  (XXXII, 
696  S.)  Regensburg  IST,!.   Manz.   2%  Rthlr. 

553.  Buch  von  der  heil.  Dreifaltigkeit,  das.  Von   H.   Minzloff. 
Wagners  Airhiv  I.  446—448.   15.  Jahrh. 

554.  Buch   der  Rügen.   —   J  Linie  ke,   0.,    die    Heimat    des    Bucbs    der 

Rügen. 

Zeitschrift  f.   deutsches  Alterthum   16,  476-478. 

555.  Steinmeyer,   Bedeutung  der   Buchstaben. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum   17,  84.    12.  Jahrh.  Prosa. 

556.  Christophorus,   St.  Von  A.   Schönbach. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum   17,  85 — 141. 

557.  Dorothea.   St.   Von   E.  Steinmeyer. 
Wagners  Archiv  I.   332—334. 

558.  Ebernand,   zu.    Von   E.    Steinmeyer. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum   16,  474-476. 

559.  Eckhart.  —  Linsen  mann,  Frz.  Xav.,  der  ethische ' Charakter 
der  Lehre  Meister  Eckhart's.  4.  (60  S.)  Tübingen  1873.   (Universität:;  Programm.) 

560.  Eilhart.   —   Jacob,   Georg,   Bruchstücke   aus   Eilharts   Tristan. 
Germania  18,  274—281. 

561.  Erzählungen.  —  Bartsch,  K.,  und  R.  Köhler,  der  Maler  mit 
der   schönen   Frau. 

Germania  18,  41 — 45. 

562.  Fleck.  —  Sundmacher,  H.,  die  altfranzösische  und  mhd.  Bear- 
beitung der  Sage  von  Flore  und    Blanscheflur.   8.   (46  S.) 

Göttinger  Doctordissertation. 

.    Folz.  —  Lochner,  G.  W.  K..    Urkunden  Hans  Folz  betreffend 
Archiv  für  Litteratnr-Geschichte  3,  :;l'1-329. 

564.  Franziscanerregel,  deutsche,   des   13.  Jahrhs.  Von   A.   Birlinger. 
Germania  18,  186—195. 

565.  Freidank's  Bescheidenheit  lateinisch  und  deutsch  nach  der  Gör- 
litzer Hs.   veröffentlicht  von   R.   Joacliim. 

N.  Lausitz.  Magazin  50.  Bd.  2.  Heft  (1873). 

566.  Gedichte,  vier  geistliehe.   Von   R.   Ilcinzel. 
Zeitschrift  f.   deutsches  Alterthum  17,    1  —  57. 

567.  Jacobs,  von  der   Zauberkraft  des   Agnus  Dei. 

Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  8p.  I'.'1.»  f.  Gedichl  in  Reimpaaren 
aus  einer  Hs.   des  15.  Jahrh.   in   Stolben.:. 

568.  Strobl,  J.,   drei   Gedichte  von   der   Würdigkeit  der   Priester. 
Zeitschrift  f.   deutsches  Alterthum    16,    167      17  1. 

69.   Suchier,   H.,   Anspielung  an  ein  unbekanntes  Gedichl    Segremors?) 
Germania  18,   115  f. 

57<t.    Köhler,    R.,   ein   Gedicht   von    der   Gerechtigkeit. 
Germania  18,  460. 

571.  Mörath,  A.,  ein  dem   Kaiser   Maximilian   I.  gewidmetes  Gedicht. 
Anzeiget  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit   1873,  8p    130  f.  Vom  Jahre    1495. 

572.  Reiff erscheid,   A,    ein    niederrhein.    Cisiojanus  di  brhs. 
Wagni  rs  Archiv  I,  607—61 1 . 

:"'7;.    Bieling,   A..   Tiirkenkalender  auf  das  .Jahr   1455. 
Wagners  Archiv  1.  -j'.tj    -313.  Gedicht,   Nachträge  8.  4  1:;      146. 
i\\[.\.   Nene  Rpihf  VII    (XIX     Jahrg.  .",  | 


482  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

574.  Wagner,   J.    M.,  von  den  neun   Eseln. 
Wagners  Archiv  I,  526—539.  15.  Jahrh. 

575.  Waltenbach,  W.,  Klage  über  das  Alter. 

Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  131—133.  Aus  Cgm.  641. 

576.  Gottfrieds  von  Strassburg  Tristan.  Herausgeg.  von  R.  Bechstein 
2  Tbeile.  2.  Auflage.  8.  (XLIX,  328;  364  S.)  Leipzig  1873.  Brockhaus 
ä   1  Rthlr. 

Deutsche  Classiker  des  Mittelalters  7.  8.  Band, 

577.  Kölbing,  E.,   Fragment  einer  Handschrift  von   Gottfrieds  Tristan. 
Germania  18,  235.  In  Straßburg. 

578.  Gregor.  —  Von  sant  Gregorio  auf  dem  Stain  und  von  Sand  Ger- 
draut.  Aus  dem  Wintertheile  des  Lebens  der  Heiligen.  Herausg.  von  J.  V. 
Zingerle.    16.    (VIII,  40  S.)  Innsbruck  1873.  Wagner.   8  gr. 

Vgl.  Blätter  f.  literar.  Unterhaltung  1873,  Nr.  37. 

579.  Hagen.   —   Birlinger,   A.,  zu  Gottfried  Hagens  Chronik. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  17,  428. 

580.  Hans.   —  Birlinger,   A.,  zu  Bruder  Hansens  Marienliedern. 
Germania  18,  112—113. 

581.  Hartmann  von  Aue.  Herausgeg.  von  F.  Bech.  2.  und  3.  Theil. 
2.  Aufl.   8.   (XII,  360;  XVI,  303  S.)  Leipzig  1873.   Brockhaus,   ä  1  Rthlr. 

Deutsche   Classiker  des  Mittelalters  5.  6.  Bd.  Vgl.  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung 

1873,  Nr.  28. 

582.  Hartmann  von  Aue,  Gregorius ,  mit  vollständigem  kritischem 
Apparate  herausgegeben  von  H.  Paul.  8.  (XVII,  166  S.)  Halle  1873.  Lippert. 
l1/,  Rthlr. 

Vgl.  Germania  1,  228— 235  (Bartsch) ;  Literar.  Centralhlatt  1874,  Nr.  ll(K.H); 
Göttinger    Gelehrte   Anzeigen  1873,   Nr.  49    (Wilken);   Blätter  f.    literar.   Unterhaltung 

1874,  Nr.  28  (Rückert). 

583.  Hartmann  v.  d.  Aue,  der  arme  Heinrich.  Aus  dem  Mittelhochdeut- 
schen übersetzt  von  Hans  v.  Wolzogen.  16.  (51  S.)   Leipzig  1873.  Reclam.   2  gr. 

Universal-Bibliothek  Nr.  456. 

584.  Eggert,  E.,  über  die  erzählenden  Dichtungen  Hartmanns  von  Aue. 
4.   (34  S.)   Berlin  1874.   Calvary.    12  gr. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Schwerin  1873. 

585.  Settegast,  Franz,  Hartmann's  Iwein  verglichen  mit  seiner  alt- 
französischen  Quelle.   8.   (32  S.)  Marburger  Dissertation. 

586.  Samhaber,  Ed.,  die  innere  Chronologie  der  Lieder  Hartmanns 
von  Aue. 

Programm  des  Realgymnasiums  zu  Freistadt  1873. 

587.  Heinrich  der  Teichner.  —  Strobl,  J.,  Schreiberurtheil  über  den 
Teichner. 

Wagners  Archiv  I,  506  f. 

588.  Heinrich  von   Veldeke.    —    Braune,   W.,    zur   Kritik   der  Eneide. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  16,  420  —  436. 

589.  Helbling.  —  Jänicke,  O.,  Beiträge  zur  Kritik  und  Erklärung  des 
Seifrid  Helbling. 

Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum   16,  402—419. 

590.  Heldenbuch,  deutsches.  4.  Teil.  2.  Bd.  8.  (L,  351  S.)  Berlin  1873. 
Weidmann.   3V3  Rthlr. 

Schluß  der  Wolfdietriche.  Vgl.  Zeitschrift  f.  d.  Gymnas.  1874,  S.  242-252  (Wil- 
manns);  Blätter  f.  liter.  Unterhaltung  1873,  Nr.  46. 


XIII.    ('.  MITTELHOCHDEUTSCH.  483 

591.  Hermann  von  Fritzlar.  —  Haupt,  J.,  Beiträge  zur  Litteratur 
der  deutschen  Mystiker.  I.  Neue  Handschriften  zum  Hermann  von  Fritzlar.  8. 
(56  S.)   Wien  1874.   Gerold   in  Comm. 

Aus  den  Sitzungsberichten  der  Akademie. 

592.  Herrant  von  Wildonie.  —  H oh enlohe- Waldburg,  Fürst  von, 
noch   einige  Worte  über  die  Siegel  der  Wildonev. 

Mittheilungen  der  k.  k.  Central  commission,  18.  Jahrgang  lST.'i.  Mit  Holzschnitten. 

593.  Johann  von  Frankenstein.  —  Wagner,  J.  M.,  über  Lessings 
Entdeckung  einer  altdeutschen   Messiade   in   Klosterneuburg. 

Wagners  Archiv  I,  82 — 86.  Betrifft  den   Kreuziger. 

594.  Katharina.  —  Hu  eher,  Ad.,  von  sand  Katreinen.  Legende  ans 
dem   Wintertheil   des  Lebens   der  Heiligen.   8.  (40  S.)   Innsbruck  1873.  Wagner. 

Programm  der  Oberrealschule  zu  Innsbruck. 

595.  Kudrun.  Ilerausgeg.  von  Karl  Bartsch.  3.  Aufl.  8.  (XXVIII,  357  S.) 
Leipzig  1873.  Brockhaus. 

Deutsche  Classiker  des  Mittelalters  2.  Bd. 

596.  Gudrun.  Deutsches  Heldenlied  übersetzt  von  K.  Simrock.  8.  Aufl. 
8.   (370  S.)   Stuttgart  1873.  Cotta.   l1/,,  Rthlr. 

Das  Heldenbuch  von  K.  Simrock.  1.  Bd. 

597.  Gudrun.  Ein  mittelhochdeutsches  Heldengedicht  übersetzt  von  H.  A. 
Junghans.    16.   (262  S.)   Leipzig  1873.  Reclam.   8  gr. 

Universal-Bibliothek  4ß5.  466. 

598.  Schmidt,  Ferd.,  Gudrun.  Eine  Erzählung  aus  der  deutschen  Helden- 
zeit. 4.  Aufl.  16.   (146  S.)  Berlin  1873.  Kastner.    '/4  Rthlr. 

598a.   Vgl.  Nr.   27  7. 

599.  Wilmanns,  W.,  die  Entwicklung  der  Kudrundichtung  untersucht. 
8.   (VIII.   276  S.)  Halle  1873.   Waisenhaus.   2  Rthlr. 

Vgl.  Blätter  f.  d.  bayer.  Gymnas.  X.  7  (Gross);  Allgem.  liter.  Anzeiger  Nr.  83; 
Norddeutsche  Allgem.  Zeitung  1874,  Nr.  31. 

600.  Schmidt,  L.,  das  Gudrunlied,  ästhetische  Untersuchungen  nebst 
Frohe  freier  Umdichtung.   (20  S.) 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Bromberg  1873. 

601.  Widmann,  zur  Kudrun.   Mythisches   und    Historisches. 
Programm  des  Gymnasiums  zu  Görz  187.'). 

602.  Müller,  P.  L.,  det  oldtydske  Heltedigt  Gudrun,  efterladt  Arbeide. 
Skrevet  i  Tydskland   1851.   12.   (50  S.)  Kopenhagen    IST."..    Wagner.    40  sk. 

603.  Birlinger,   A.,    zur   Kudrun. 
Alemannia  I,  285-287. 

604.  Legende.  —  Reber,  eine  poetische  Legende  des  Schottenklosters 
in   Regensburg. 

Verhandlungen  des  historischen  Vereins  f.  Oberpfal/.  und  Regensburg  "i'.',  HC  ff. 
Nach  Baechtold,  Bibliographie  1872,  Nr.  20. 

605.  Letanie.  über  die.   Von   F.   Vogt. 
Paul  und  Braune,  Beiträge   I.   108—146. 

f.1"',.  Liebesbrief,   burlesker.  Von   K.   Bartsch. 

Anzeiger  f.  Kunde  .1.  deul  chen   Vorzeit   1873,  Sp.    L38f.   aus  Cgm.  379. 

i'.nT.  Lügenmärchen.   Von   J.  M    W  tgner. 

Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum   16,   t:;7     466 

607*.  Margarete  s.   Nr.  626. 

Messegseang.   Von   Steinmeyer. 
Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum   IT,   I2ü     1-7. 

31  • 


484  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 

609.  Minnesänger.  —  Schreiber,  R.,  Übersetzungsversuche  von  mhd. 
Dichtungen. 

Blätter  f.  d  bayerische  Gymnasialschulvvesen  9,  41—47.  Lieder  von  Heinrich 
v.  Breslau,  Kirchberg,  Otto  v.  Brandenburg,  Christian  v.  Hamle,  Rudolf  v.  Rotenburg, 
Walther  v.  Metz,  Heinrich  v.  Morungen. 

610.  Mystiker.   —   Bartsch,  K.,  Sprüche  und  Verse  deutscher  Mystiker. 
Germania  18,   195—200. 

611.  Nibelungenlied,  das,  übersetzt  von  K.  Simrock.  25.  Aufl.  8.  Stutt- 
gart  1873.   Cotta.    1  Rthlr. 

612.  Schmidt,  Ferd.,  die  Nibelungen.  Eine  Heldendichtung.  4.  Aufl. 
16.   (V,   208  S.)  Berlin  1873.  Kastner.    '/4  Rthlr. 

613.  Vgl.  Nr.   277. 

614.  Hofmann,  K.,  zur  Textkritik  der  Nibelungen.  4.  (96  S.)  München 
1873.   Franz  in  Comm.    1  Rthlr.    6  gr. 

Aus  den  Abhandlungen  der  Münchener  Akademie.  Vgl.  Revue  critique  1873, 
Nr.  12  (G.  Paris);  Liter.  Ceutralblatt  Nr.   17. 

615.  Erhardt,  Prof.,  Grammatikalien  zum  Verständniss  des  Nibelungen- 
liedes. II.  Abtheilung.  Syntaktisches  enthaltend.  8.  (26  S.)  Tübingen  1873. 
Fues.    62/3  gr- 

616.  Türk,  M.,  zur  Vergleichung  der  Iliade  und  des  Nibelungenliedes. 
8.   (37  S.) 

Programm  des  evangel.  Gymnasiums  zu  Kronstadt  1873. 

617*.  Klapp,  A.,  das  Ethische  im  Nibelungenliede.  8.  (80  S.)  Parchim 
1873.   Wehdemann.    l/3  Rthlr. 

618.  Wittstock,  Dr.  Albert,  die  französischen  Wörter  im  Nibelungenliede. 
Allgemeine  Zeitung  1873,  Beilage    180  ff.  Vgl.  Archiv  f.  d.  Studium  der  neueren 

Sprachen  52,  447  ff.,  wo  der  Inhalt  im  Wesentlichen  wiederholt  ist. 

619.  Birlinger,   A.,  zu  Nibelungen   270,  1.  Lachm.   268,    1. 
Alemannia  I,  283  —  285. 

620.  Ortnit.  —  Lindner,  F.,  über  die  Beziehungen  des  Ortnit  zu  Huon 
von  Bordeaux.    8. 

Rostock  er  Dissertation  von  1872. 

621.  Passional.   —  Hildebrand,    K.,   Bruchstücke  des  Passionais. 
Zeitschrift  f.   deutsches  Alterthum   16,  393—401. 

622.  Meltzer,   O.,  zum  Passional. 
Germania  18,  355—356. 

623.  Philipp.  —  Silier,  J.  P.,  Bruder  Philipps  Marieuleben  und  die 
Marienlegenden   in    „der  Heiligen  Leben". 

Wagners  Archiv  I,  497—506. 

624.  Predigten,   elsäßische.  Von  A.   Birlinger. 
Alemannia  I,  225  —  250. 

625.  Scheibel berger,    Predigtbruchstücke    aus    dem    13.   Jahrhundert. 
Osten  eich.  Vierteljahrsschrift  f.  kathol.  Theologie  1873,  S.  447-454. 

626.  Schum,    W.,   mitteldeutsche  Predigt-   und  Legeudenbruchstücke. 
Germania  18,  96—109.  Margaretenlegende. 

627.  Wagner,  J.   M.,   Nachtrag  zu  den  Predigtentwürfen. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  16,  466. 

628.  Greiff,   B.,   ein   Predigtmärlein. 
Germania  18,  353 — 354. 

629.  Reimchronik,  zur  livländischen.  Von  Leo  Meyer. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  4,  407 — 444. 


XHI.  C.  MITTELHOCHDEUTSCH.  485 

630.  Reuaus.   —   Schönbach,   A.,   Meister   Rennaus  (so!) 
Wagners  Archiv  I,  13-37.  Nachträgliches  S.  95  f. 

631.  Zupitza,   J.,   und   II.   L am  bei,   zu   Meister  Reuaus. 
Ebenda  1,  221  —  240. 

632.  Rosenplüt.   —  Wendel  er,  C,  Studien  über  Hans  Rosenplüt.  I.  II. 
Wagners  Archiv  I,  97—133.  385—430. 

633.  Lambel,   H.,   der  kluge   Narr.   Von   Hans  Rosenplüt. 
Wagners  Archiv   I,  212—221. 

634.  Rother.   —   Edzardi,   A.,   Untersuchungen   über  König  Rother. 
Germania    18,   385—4."):). 

635.  Rudolf  von  Fenis.  —  Brunn  er,  HL,  Graf  Rudolf  von  Fenis,  der 
Minnesänger   am   Bielersee.    8.  (40  S.    mit  2    Iith.    Beilagen). 

-    laratabdruck  aus  dem  Berner  Taschenbuch  f.  1873. 

636.  Pfaff,  der  Minnesänger  Rudolf  von  Fenis  und  die  Art,  wie  er 
die  Provenzalen   benutzte.   8.   (7  S.) 

Programm  des  Collegs  in  Büschweiler  i.  E.  1873. 

637.  Schachbuch,   mitteldeutsches.  Von   E.    .Sievers. 
Zeitschrift  für  deutsches  Alterthuni   17,   161  —  389. 

638.  I lg,  Albert,  ein  deutsches  Schachzabelbuch  des  14.  Jahrhs.  (Mit 
einem   Holzschnitt.) 

Mittheilungen  der  k.  k.  Centralcommission   1873. 

639.  Schauspiel.  —  Haupt,  J.,  Bruchstück  eines  Osterspieles  aus  dem 
13.   Jahrhundert. 

Wagners  Archiv  I,  355 — 381. 

640.  Alsfelder  Passionsspiel  mit  Wörterbuch  herausg.  von  C.W. 
M.   Grein.   8.   (XXVIII,    523  S.)   Cassel    1873.   Kay.    3  Rthlr. 

Vgl.  Jenaer  Liter.  Zeitung  1874,  Nr.  14  (Steinmeyer);  Götting.  Gel.  Anzeigen 
Nr.  23  (Wilken). 

641.  Fastn  ach  t  spiel  e,   vier   ungedruckte,   des   15.   Jahrhs. 
Archiv  für  Litteratur-Geschichte  3,   1  —  2;y. 

642.  Wilken,  E.7  über  die  kritische  Behandlung  der  geistlichen  Spiele. 
8.    (3  7  S.)  Halle   1873.   Waisenhaus.   8  gr. 

643.  Servatius.  —  Frommann,  Bruchstücke  des  Gedichts  vom  heil. 
Servatius. 

Germania  18,  458—459. 

644.  Steinhöwel's  Asop.    Herausgeg.    von  H.  Oesterley.    8.   (372  S.) 

Stuttgart   1873. 

117.  Puhlication  des  litterar.  Vereines. 

645.  Suso.  —  Denifle,  P.  F.,  Heinrich  Suso,  das  geistliche  Leben. 
Eine  Blumenlese  aus  den  deutschen  Mystikern  des  14.  Jahrhs.  8.  (XXIV,  49»'.  S.) 
Graz  IST.;.    Moser.    llJz  Rthlr. 

646.  Ulrich  von  Liechtenstein.  —  !?'■  ckh-Widmannstetter,  L.,  Nach, 
trag  zu   „Ulrichs  von  Liechtenstein   Grabmal". 

Mittbeilungen  des  histor.  Vereins  für  Steiermark  20.  Ben*     1873),  Sj  93. 

647.  Ulrich  von  dem  Türlin.  —  Suchier,  IL,  über  die  Quelle  Ulrichs 
vpn  dem  Türlin  und  die  älteste  Gestalt  der  prise  d  Orenge.  s-  (44  S.)  Pader- 
born ls7:;.   Schöningh.   6  gr. 

Vgl.  Romania  II,   111;   Liter.  Centralis  tfr.  SO;  Theolog.  Literaturblatt 

Nr.  24    Birlingi 

648.  Walther.  —  Schmidt,  Perd.,  Walther  und  Hildegunde.  DerRosen- 
garten.   3.  Aufl.    16.  (120  S.     Berlin    1873.   Kastner.   '/<  Rthlr. 

649.  Walther  von  Breisach,   Meister.   Von   Bauer. 
Germania  18,  213  -21  t. 


486  BIBLIOGRAPHIE  VON   1873. 

650.  Walther  von  Metz,  zu.    Von   A.   Schönbach. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  159  — 1G5. 

651.  Walther  von  der  Vogelweide.  Herausgegeben  von  Frz.  Pfeiffer. 
4.  Auflage.  Herausgeg.  von  K.  Bartsch.  8.  (LXIV,  344  S.)  Leipzig  1873.  Brock- 
haus.   1  Rthlr. 

652.  Walthers  von  der  Vogelweide  Gedichte,  übersetzt  von  K.  Sim- 
rock.  5.  neugeordnete  Auflage.  16.  (XXXIX,  360  S.)  Leipzig  1873.  Hirzel. 
l2/3  Rthlr. 

Vgl.  Sonntagsblatt  1873,  Nr.  49. 

653.  Lex  er,  M.,  über  Walther  von  der  Vogelweide.  Ein  Vortrag.  8. 
(33  S.)   Würzburg  1873.   Stahel.    1/4  Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Liter.  Zeitung  1873,  Nr.  25;  Allgem.  liter.  Anzeiger  Nr.  74;  Deutscher 
Sprachwart  Nr.   18;  Der  Literaturfreund  1.  Jahrg.  Nr.  8. 

654.  Hag,  J.  v.,  Walther  von  der  Vogel  weide. 
Deutscher  Sprachwart  7.  Bd.  Nr.  8. 

655.  Fiedler,  K.,  zu  Walther  von  der  Vogelweide.  (IL  Ottenton).  4. 
(16  S.)   Colberg.    (Programm.) 

656.  Heußner,   Walther  von  der  Vogelweide  als  politischer  Dichter. 
Deutsche  Blätter  1873,  9.  Heft. 

657.  Walthers  von  der  Vogel  weide  Klagelieder  gegen  die  Päpste 
Innocenz   III   und   Gregor  IX. 

Der  Katholik,  15.  Jahrg.  (1873),  Mai. 

658.  Ein  Minnesänger  wider  den  Pabst. 
Europa  1873,  Nr.  22. 

659.  Palm,  H.,  Belege  zum  Vorkommen  des  Namens  Vogelweide  in  älteren 
Urkunden. 

Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  203—206. 

660.  Wernher  der  Gartenaere.  —  Birlinger,  A.,  zum  Meier  Helm- 
brecht. 

Germania  18,  110—111. 

661.  Wolfram  von  Eschenbach,  Wilhelm  von  Orange.  Heldengedicht. 
Zum  ersten  Male  aus  dem  Mhd.  übersetzt  von  San-Marte  (A.  Schulz).  8.  (XXII, 
398  S.)  Halle  1873.   Waisenhaus.   2  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1873,  Nr.  41;  Götting.  Gel.  Anzeigen  1874,  Nr.  11; 
Theolog.  Literaturblatt  Nr.  9 — 10;  Blätter  f.  d.  bayer.  Gymnas.  X,  3;  National-Zeitung 
1873,  Nr.  379;  Norddeutsche  Allgem.  Zeitung  Nr.  182;  Grazer  Tagespost  Nr.  194; 
Über  Land  und  Meer  1874,  Nr.  33. 

662.  Bezzenberger ,   H.   E.,   ein  Parzivalfragment. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  192—199. 

663.  Kinzel,   K.,   zur   Charakteristik   des   Wolframschen   Stiles. 
Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  5,  1—36. 


664.  Betz,     Hans.    —   Wagner,    J.     M.,    die    faul    schelmenzunft     der 

zwelf  pfaffenknecht.   Spruchgedicht. 

Wagners  Archiv  I,  71 — 79.  Dazu  Nachträge  von  Wendeler.  Steinmeyer  u.  Wagner 
S.  436—442. 

665.  Brant,   Sebastian,    das   Narrenschiff.  Herausg.   von  K.   Goedeke.    8. 
(XXXVI,   265  S.)  Leipzig  1873.   Brockhaus.    1  Rthlr. 

Deutsche  Dichter  des  16.  Jahrhs.  7.  Band;  Vgl.  Blätter  f.   literar.  Unterhaltung 
1873,  Nr.  37  (Kückert);  Lehmamis  Magazin  Nr.  17;  National-Zeitung  Nr.  498. 

666.  Simrock,  K.,  zu  Sebastian  Brant. 
Alemannia  I,  307—320. 


XIII.  ('.  MITTELHOCHDEUTSCH.  487 

667.  Scherer,    W.,   zum   Narrenschiff. 
Wagners  Archiv  I,  190. 

668.  Fischart.  —  Müntz,  le  chroniqueur  Beinard  Bertzog  et  eon  gendre 
le  poete  Jean  Fischart. 

Revue  d'Alsace  X.  S.  T.  II  (1873);  Vgl.  Lehmanns  Magazin  187  3,  Nr.  50. 

669.  Crecelius,   W.,  zur  Fischartbibliographie. 

Wagners  Archiv  I,  12  f.  —  Dazu:  Steinmeyer,  Scherer  und  J.  Franck  8.  225  f. 

670.  Crecelius,   W.,   ein   Buch  aus  Fischarts  Bibliothek. 
Alemannia  I,  250—254. 

6  71.  Franck.   —  Löwenberg,  J.,  das  Weltbuch  Seb.  Francks. 

Im  neuen  Reich   1873,  Nr.  37. 

6 7  •>.  Jaspar  von  Gennep,  Ilomulus,  der  Bünden  loin  ist  der  Toid.  Geist- 
liches  Schauspiel. 

Bibliothek  der  niederrheinischen  Literatur.  Mit  Einleitung,  Anmerkungen  und 
Glossaren  versehen.  1.  Heft.  8.  (54  S.)  Viersen  1873  Baedeker.  %  Rthlr.  Vgl.  Blätter 
f.  liter.  Unterhaltung  1874,  Nr.  33  (Rückert);  Theolog.  Literaturblatt  1874,  Nr.  16;  Wagners 
Archiv  I,  554  ff. 

673.  Gedichte.  —  Koldewey,  Oberlehrer,  zwei  Gedichte  auf  Herzog 
Heinrich   den   Jüngern. 

Zeitschrift  des  histor.  Vereins  f.  Niedersachsen  1873. 

6  74.  Gedicht,  ein,  über  die  Reformation  in  Hörstgen.  Von  Pfarrer 
Meyer. 

Zeitschrift  des  Bergischen  Geschichtsvereins  9  (1873),  S.  234—236.  Vom  J.  1556. 

675.  Haupt,  J.,  zwei  zeitgenößische  Gedichte  von  der  Schlacht  von  Pavia 
und  vom  König  Franz  I.  von  Frankreich. 

Wagners  Archiv  I,   161 — 175. 

676.  Seidemann,  J.  K.,   Herzog  Georg  von  Sachsen  als  Dichter. 
Archiv  f.  Liter.   Geschichte  3,  45  —  48. 

677.  Luther.  —  Köstlin,  die  geschichtlichen  Zeugnisse  über  Luthers 
Geburtsjahr. 

Theologische  Studien  und  Kritiken  1873,  S.  135—151.  Wahrscheinlich  doch  1483. 

678.  Kade,  Otto,  ein  feste  burgk  ist  vnser  got.  Der  neu  aufgefund. sne 
Luther-Codex  vom  J.  1530.  Eine  von  dem  großen  Reformator  eigenhändig  be- 
nutzte und  ihm  von  dem  kursächs.  Kapellmeister  Joh.  Walther  verehrte  band- 
schriftl.  Sammlung  geistlicher  Lieder  und  Tonsätze.  1 — 6.  Lief.  cpu.  4.  (183  S.) 
Dresden    1873.   Schräg,  ä  9   gr. 

679.  Bechstein,  R.,  die  sprachliche  Revision  der  Lutherischen  Bibel- 
übersetzung.  Eine  Antikritik. 

Protestant.  Kirchenzeitung  1873,  Nr.  51. 

680.  Nas,  Johannes,  und  die  Jesuiten.  Ein  Beitrag  zur  Litteraturgeschichte 
des   16.  Jahrhs. 

Wagners  Archiv  I,  49 — 66. 

681.  Rollenhagen,  Georg,  ein   Brief.  Von  A.  Kirchhoff. 
/.    •  chrift  für  deutsche  Philologie  5,  74-76. 

682.  Sachs,  Bans.  Berausgegeben  von  A.  \.  Keller.  7.  Band.  8.  (484  S.) 
Stuttgart   1873. 

115.  Publication  des  litterar.  Vereins. 

683.  Hans  Sachsens   Lobsprach   der  Stadl   Rostock. 

In  Seliinnrielieis  I  zur  meklenburg.  Geschichte   L872. 

684.  Lochner,  <•.  W.  K.,   Urkunden  Hans  Bachs  betreffend. 
Archiv  f.  Littcr.  Geschichte  3,26     ll. 

685.  Weller,  E.,   Bans  Sachs. 
Wagners  Archiv  I,   162-  163. 


488  BIBLIOGRAPHIE  VON   1873. 

G86.   Blind,   Karl.    Hans   Sachs   und   sein   Wirken. 
Die  Gegenwart  1873,  Nr.  3—4. 

687.  Blind,   Karl,  Hans  Sachs  als   Streiter  in  Kirche  und  Staat. 
Die  Gegenwart  1872,  Nr.  45  f. 

688.  Goedeke,   K.,   die  Lieder  des  Hans  Sachs. 
Wagners  Arcli  v  I,  67—72. 

689.  Schauspiel.    —    Martin,   E.,   Freiburger  Passionsspiele  des  1  ß.  Jhs. 
Zeitschrift    der    Gesellschaft   zur  Beförderung    der  Geschichtskunde  in  Freiburg. 

3.  Bd.   1.  Heft  (1873). 

690.  Lütolf,  A.,  über  ein   Schauspiel  von   St.    Wilhelm. 
Wagners  Archiv  I,  80-82. 

691.  Treitzsaurwein.  —  Schönherr,  Dr.  J.,  über  Marx  Treytz- 
Saurwein.   8.   Wien    1873. 

Aus  dem  Archiv  f.  österr.  Geschichte  48.  Bd.  Vgl.  Liter.  Centralblatt  1874,  Nr.  3. 

692.  Liliencron,   R.   v.,   der   Weisskunig   Maximilians   I. 
Historisches  Taschenbuch  5.  Folge,  3.  Jahrgang  (1873). 

693.  Tusch,   H.  E.,   Meisterlied.   Von  H.   Lambel. 
Wagners  Archiv  I,  442  f. 

694.  Wickram.  —  Bober  tag,  Dr.  F.,  Analysen  der  Romane  G.  Wickrains 
und  Proben  aus  den  ältesten   Drucken.   4. 

Aus  den  Schriften  der  Schlesischen  Gesellschaft  f.  Vaterland.  Cultur  1873. 

*  D.  Altsächsisch. 

695.  Heliand.  Mit  ausführlichem  Glossar  herausgegeb.  von  M.  Heyne. 
2.   verb.   Auflage.    8.   (VIII,   375   S.)   Paderborn    1873.   Schöningh.    2   Rthlr. 

Bibliothek  der  ältesten  deutschen  Literatur-Denkmäler  2.  Bd.  Vgl.  Liter.  Central- 
blatt 1873,  Nr.  21  (Sievers);  Wissenschaftl.  Monatsblätter  1,3;  Theolog.  Literaturblutt 
Nr.  14  (Birlinger);    Blätter  f.  d.  bayer.  Gymnas.  IX,  6;  Allgem.  Liter.-Zeitung  Nr.  39. 

696.  Crecelius,   W.,  altniederdeutsche   Blocken. 
Germania   18,  215—219. 

697.  Woeste,  F.,  Bemerkungen  zu  Friedländers  Codex  Traditionum 
Westfalicarum. 

Zeitschrift  des  Bergischen  Geschichtsvereins  9,  1 — 28. 

E.  Mitteinierde  r  deutsch. 

698.  Weiland,  L.,  niederdeutsche  Pilatuslegende. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  17,   147-160. 

699.  Drosihn,  Fi-.,    Bemerkungen  zum  Redentiner  Osterspiele. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  4,  400-406. 

700.  Lübben,  Av  Bemerkungen  zu  der  Ausgabe  des  Reinke  Vos 
von   K.  Schröder. 

Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  57  —  67. 

701.  Döring,   über  eine  Stelle   im   Reineke   Fuchs   (V.    1511). 
Jahrbücher  f.  Philologie  u.  Pädagogik  108,  86  —  88  (1873),  Über  die  Bedeutung 

von  dac/t/e,  das   hier  als  'drückte'   erklärt  wird. 

702.  Döring,    noch   einmal   die   Stelle   im   Reineke   Fuchs. 
Ebenda  7.  llett. 

703.  Krause,  Dir.  K.  E.  H.,  über  den  1.  und  2.  Theil  der  Rostocker 
Chronik.  Eine  Kiuderlehre  des  15.  Jahrb.  4.  (20  S.)  Rostock  1873.  Stiller 
in   Comm.   8   gr. 

Programm  des  Gymnasiums. 


KIII.  F.  MITTELNIEDERLÄNDISCH,  G.   ALTFRIESISCH,   II.  ANGELS.       489 

704.  Weiland,   Dr.   L.,    zur   Quellenkritik  der   Sachsencbronik. 
Forschungen  zur  deutschen  Geschiclite  13,  157—198.  Vorbereitung  der  Ausgabe 

in  den  Monutn.  Germaniae. 

705.  Holstein,  Oberlehrer  Dr.,  dat  blicken  im  käkwien.  Beitrag  zur 
Erklärung  einer  Stelle  der  Magdeburger  Schöppencbronik. 

Geschichtsblätter  f.  Stadt  u.  Land  Magdeburg.  8.  Jahrgang  (1873). 

706.  BiRthke,  Herrn.,  der  Lübecker  Todtentanz.  Ein  Versuch  zur  Her- 
stellung des   alten   niederdeutschen  Textes.   8.  (80   S.)   Berlin   1873. 

Göttinger  Dissertation.  Vgl.  Götting.  Gel.  Anzeigen  Nr.  19. 

707.  Mantels,  W. ,  der  Lübecker  Todtentanz  vor  seiner  Erneuerung 
im  J.    1701. 

Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  158—161. 

F.  Mittelniederländisch. 

708.  Jacob  vnn  Maerlant's  Spieghel  historiael.  29  Partie.  Uitgegeven 
door  F.  v.  Ilellwald,  onder  medcwerking  van  Dr.  M.  de  Vries  en  Dr.  E. 
Verwijs.    1.   2.  Aflev.   4.   Leiden    1873.   van   Doesburgh.   a  22  gr. 

709.  Episodes  uit  Maerlant's  historie  van  Troijen  naar  het  te  Wissen 
gevonden  handschrift,  bewerkt  en  uitgegeven  door  Dr.  J.  Verdam.  8.  (2  S.  und 
S.    1  —  224).   Groningen   1873.   Wolters.    1  f.  50  c. 

Bibliotheek  van  middelnederlandsche  letterkuude  onder  redaktie  van  II.  E.  Moltzer. 
10,  11.  Aflev. 

710.  Bartsch,    K.,    Bruchstücke    von    Jacob    von   Maerlant's    Rymbybel. 
Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.   196  f. 

711.  Verbalen,  Karolingsche.  Carel  en  Elegast,  de  vier  Hecmskinderen, 
Willem  van  Oranje,  Floris  en  Blanceflor.  In  nieuwer  form  overgebracht  door 
J.  A.  Alberdingk  Thijm.  2.  uitgave.  8.  (XI,  231  S.)  Amsterdam  1873.  Langen- 
huysen.    1  f.  75  c. 

712.  Karl  en  Elegast.  Deux  fragments  manuscrits  (ensemble  128  vers) 
du  XIV7*  siecle,  conservees  ä  la  Bibliotheque  de  la  ville  de  Namurs,  commuui- 
cation  de   M.   J.    II.   Bormans. 

Bulletin  de  l'academie  royale  de  Belgique  2e  söne,   T.  36,  p.  220—226  (1873). 

G.  AI  t  f  ri  esi  8  eh. 

713.  Lübben,  A.,   Altfriesiscbes. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  201—203. 

H.   Angelsächsisch. 

714.  Beowulf.  Mit  ausführlichem  Glossar  herausgegeben  von  M.  Heyne. 
3.  Auflage.   8.   (275  S.)  Paderborn    1*7;;.  Sehöningh.    1    Rthlr.    18  gr. 

Bibliothek  der  ältesten  deutschen  Literatur-Denkmäler  3.  Bd.  v'gl.  Liter.  Central- 
blatt  1*7:;,  Nr.  21  (Sievers);  WissenMchaftL  Monatsblätter  I,  l;  Blätter  f.  d.  bayer. 
Gymnas.   I.\    6;  Allgem.   Liter.  Zeitung  Nr.    12. 

715.  Beowulf  (Bärweif).  Das  älteste  deutsche  Heldengedicht.  Aus  dem 
Angelsächsischen  von  Elans  v,  Wolzogen.  16.(104  8.)  Leipzig  1873.  Reclam.  2  gr. 

Universal-Bibliothek  Nr.   ISO.   \    i.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  43. 

716.  Pacius,  A.,  das  heilige  Kreuz,  angelsächsisches  Lied,  stabreimend 
übersetzt  und   erklärt.    4.     36   S.    und    3   Taf< 

Programm  der  Realschule  in  Gera   1873. 


490  BIBLIOGRAPHIE  VON  1873. 


I.   Mi  tt  elengl  i  s  eh. 

717.  Horstmann,  C,  die  Sprüche  des  h.  Bernhard  und  die  Vision 
des  h.  Paulus  nach  Ms.  Laud   108. 

Archiv  f.  d.  Studium  der  neueren  Sprachen  52,  33—38. 

718.  Generydes,  a  romance  in  seven-line  stanzas  (about  1440).  Edited 
by  W.  A.  Wright.   8.  London    1873.  Trübner. 

Early  English  Text  Society. 

719.  Zupitza,  J.,  zur  Literaturgeschichte  des  Guy  von  Warwick.  8. 
Wien    1873.   Gerold  in   Comm. 

Aus  den  Sitzungsberichten  der  Akademie.  Vgl.  Liter.  Centralblatt  1873,  Nr.  34. 

720.  Langland,  Will.,  the  Vision  of  William  concerning  Piers  the 
Plowman.    Edited  by  W.W.    Skeat.   8.   London   1873.   Trübner. 

Early  English  Text  Society. 

721.  Horstmann,  C,  Leben  Jesu,  ein  Fragment,  und  Kindheit  Jesu. 
Zwei  altenglische  Gedichte  aus  Ms.  Laud  108  zum  erstenmal  herausg.  1.  Theil. 
Leben  Jesu.   8.   (69   S.)  Münster   1873.  Regensberg.   2/3  Rthlr. 

722.  Myroure,  the,  of  our  Ladye.  Edited  by  J.  H.  Bluut.  8.  London 
1873.   Trübner. 

Early  English  Text  Society. 

723.  The  hystorie  of  the  moste  noble  knight  Plasidas,  and  other  rare 
pieces,  collected  by  Popys.  Edited  by  Gibbs.   1873. 

Vgl.  Athenaeum  1873,  Nr.  2390. 

K.   Altnordisch. 

724.  Edda.   —  Ettmüller,  L.,  Beiträge  zur  Kritik  der  Eddalieder. 
Germania  18,  160—175. 

725.  Zupitza,   J.,  zur  älteren  Edda. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  4,  445  —  451. 

726.  Storm,   Gustav,   om  Eufemiaviserue. 
Tidskrift  f.  Filologi  og  Paedagogik  N.  E.  I,  23—42. 

727.  Lönnberg,  C.  J.  L.,  Fornnordiska  sagor.  II.  Eyrbyggarnes  saga. 
Ofversat  med  förklarande  anmärkningar.  8.  (196  S.)  Stockholm  1873.  Norman. 
1   rd.    50   öre. 

728.  Thorkelsson,  Jon,  Skyringar  a  Visum  i  Gi'sla  sögu  Sürsonar. 
(24  S.)  Reykjavik   1873. 

729.  Hervarar  S  aga  okHeidreks.Udgiv.  af  S.  Bugge.  8.  Christianial873. 
Norr.  skrifter  af  sagnhistorisk  Indhold  3,  204-370  (Norsk  Oldskriftselsk.  Nr.  17). 

730.  Konunga  Sögur.  Sagaer  om  Svere  og  hans  Efterfölgere.  Udgivne 
(efter  Eirspennill  d.  e.  A  M  47  fol.)  af  C.  R.  ünger.  8.  (XII,  535  S.)  Christiania 
1873.   Brögge. 

Norsk  Oldskriftselskab  Nr.  13.  15.  18. 

731.  The  Orkneyinga  Saga,  translated  from  the  Ieehindic  by  John 
Hjaltalin  and  Gilb.  Goudie,  edited  with  notes  and  introduetion  by  Jos.  Anderson. 
8.  (CXXXVI,   227   S.)  Edinburgh   1873.  Douglas.   (With  mapes). 

732.  Kölbing,  E.,  über  die  nordische  Gestaltung  der  Partonopeussage. 
8.  (22   S.)   Breslau   1873. 

Habilitations-Schrift. 

733.  Über  eine  in  Livland  entdeckte  Runeninschrift. 
Verhandlungen  der  gelehrten  estnischen  Gesellschaft  7.  Bd.  Dorpat  1873. 


XIII    L.  ALTDANISCH,  M.  MITTELLATEINISCHE  POESIE.  4<)1 

734.  Storm,    Gustav,    Snorre    Sturlassüns    Historieskrivning ,    eu    kritisk 
undersögelse.   8.   (X,   292   S.  mit  Tafeln).  Kopenhagen   1873. 

735.  Mübiub,  Tu.,  über  die  Heimskringla. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  141  —  146. 

736.  Sagaen  om  Vülsungerne,   oversat  efter  det  Islandske  af  V.  Ulimann. 
8.  (112  S.)  Kjöbenhavn   1873.   Gyldendal.   64  sk. 

L.  A  1 1  d  ä  n  i  s  c  h. 

737.  Rimkrönike,    den  danske,    trykt    ved    Gfr.    af    Gliomen  i    Kjübh. 
1495,   udgiv.   i  fotolithograph.   Faesimile.   Kjöbenh.    1873.   3   Rtklr. 

M.   Mittellateinische  Poesie. 

738.  Pannenborg,    A.,   Alcimus  Avitus    im  Carmen   de  bello   Saxonico. 
Forschungen  zur  deutschen  Geschichte  13,  413 — 114  (1873). 

739.  Peiper,   R.,   Beitrage  zur  lateinischen   Cato-Litteratur. 
Zeitschrift  f.  deutsche  Philologie  5,  165 — 186. 

740.  Schenkel,  K.,  eine  alte  Handschrift  der  Disticha  Catonis. 
Zeitschrift  f.  d.  Österreich.  Gymnasien  1873,  7.  Heft. 

741.  Ekkehardi  primi  Waltharius  ed.  Rud.  Peiper.  8.  (LXXYI,   128  S.) 
Berlin    1873.   Weidmann.    1  %  Rthlr. 

Vgl.  Liter.  Centralblatt  18f3,  Nr.  25;  Götting.  Gel.  Anzeigen  Nr.  29  (l'annenborg). 

742.  Meyer,  W.,  Philologische  Bemerkungen  zum  Waltharius.  S.  München 
1873. 

Aus  den  Sitzungsberichten.  Vgl.  Revue  critique  1874,  Nr.  21. 

743.  Belle,  Tr.   v. ,    Gaudeamus    igitur    aus    einem    Bußlied    entstanden. 
Magazin  f.  d.  Literatur  des  Auslandes   1873,  S.  295  f. 

744.  Dumm ler,   E.,  Gedichte  vom  Hofe  Karls  des  Grossen. 
Zeitschrift  f.  deutsches  Alterthum  17,  141—146. 

745.  Simson,   Dr.   B.,   über  das   Gedicht  von  der  Zusammenkunft  Karls 
des   Gr.   und    Pabst   Leos    111.    in   Paderborn. 

Forschungen  zur  deutschen  Geschichte  12  (1873),  567 — 592. 

746.  Dümmler,  E.,  zu  den   Gesta   Berengarii   iinperatoris. 
I        drangen  zur  deutschen  Geschichte  13  (1873),  415 — 117. 

747.  Pannenborg,   A.,   Magister  Guntherus  und  seine  Schriften, 
'hungen  zur  deutschen  Geschichte  13  (1873),  227 — 381, 

748.  Joachim,    R.,  30  lateinische  Hymnen,  nach  zwei  in  der  Milich'schen 
Bibliothek  zu  Görlitz  aufgefundenen   Pergamenthandschriften  veröffentlicht. 

N.  Lausitz.  Magazin  60.  Bd.   1.  Heft  (1873). 
749.   Magistri    Justini    Lippiflorium    hcrausgeg.    von    Dr.    Georg    Laub- 
mann.  1872. 

Vgl.  Historische  Zeitschrift  Ist:;,  •_>.  Hefi 

750.  Fischer,  Theobald,  das  satirische  Gedicht   des  Nikolaus  von  Bibra 
übersetzt  im   Versmaß  des  Originale  von   A.   Rienäcker. 

N.  Mittheilungen  aus  dem  Gebiete  histor.-antiquar.  Forschungen   L3.  Bd.  3.  Heft 
I-::; 

751.  Herquct,   Magister    Heinrich   von   Kirchberg  und  die  samländi 
Pfründenvertheilung  des  Carmen  aatiricum. 

Ebi  adaselbst. 


492  MISCELLEN. 

752.  Radewin's  Gedicht  über  Theophilus.  Nebst  Untersuchungen  über 
•die  Theophilussage  und  die  Arten  der  gereimten  Hexameter  herausgeg.  von  Willi. 
Meyer  aus   Speyer.   8.   (72  S.)  München    1873. 

Aus  den  Sitzungsberichten.  Vgl.  Revue  critique  Nr.  27;  Liter.  Centralbl.  Nr.  40. 

753.  P  ei  per,  R.,   arithmetische  Räthsel. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  249 — 254.  Lat.  Distich. 
von  Acbrannus  9 — 10.  Jahrh. 

754.  Friedländer,  Ernst,  lateinische  Reime  des  Mittelalters. 
Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  96  —  99. 

755.  The  anglo-latin  satirical  poets  and  epigrammatists  of  the  twelfth 
Century.  Now  first  collected  and  edited  by  Th.  Wright.  2  vols.  London  1873. 
Longmans. 

Vgl.  Athenaeum  Nr.  2389. 

756.  Sequenzen,  lateinische,  zusammengestellt  und  herausgegeben  von 
J.   Kehrein.   8.   Mainz  1873.   Kupferberg.   2%  Rthlr. 

Vgl.  Literar.  Centralblatt  1874,  Nr.  13;  Academy  Nr.  82  (Peacock);  Theolog. 
Literaturblatt  Nr.  25;  Liter.  Handweiser  Nr.  153;  Allgem.  Liter.  Zeitung  1873,  Nr.  30; 
Schles.  Kirchenblatt  Nr.  27;  Kathol.  Literaturblatt  der  Sion,  August;  Kathol.  Bewegung 
VI,  10;  Philotbea  38,  6;  Katholik  1873,  October. 

757.  Wattenbach,  W.,  aus  dem  Briefbuch  des  Meister  Simon  von 
Homburg. 

Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Nr.  2    3. 

758.  Walafridi   Strabonis  picturae   historiarum   novi   testamenti. 
Organ  für  christliche  Kunst  23.  Jahrg.  Nr.  10  (1873). 

759.  Wattenbach,  W.,  Mittheilungen  aus  zwei  Handschriften  der  Hof- 
und  Staatsbibliothek  zu  München. 

Sitzungsberichte  der  k.  bayer.  Akademie  1873,  5.  Heft,  S.  685  —  747. 

760.  Wattenbach,   W.,   kirchlich-politische   Gedichte   des    12.  Jhs. 
Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  99—103. 

761.  Wattenbach,  W.,   Verse  gegen  die  Weiber. 
Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutschen  Vorzeit  1873,  Sp.  255 — 258. 


MISCELLEN. 


Bericht 
über  die  Sitzungen  der  deutsch-romanischen  und  der  Section  für  neuere  Sprachen 
auf  der  XXIX.   Versammlung    deutscher  Philologen    und  Schulmänner  zu  Inns- 
bruck, vom  28.   Sept.  bis   1.   Oct.   1874. 

1.  Sitzung.  Montag  den  28.  Sept.  von  12  V2 —  1 V4  Uhr  Vorm.  Nach 
Schluß  der  ersten  allgemeinen  Sitzung  constituierte  sich  gegen  12%  Uhr  die 
Section  unter  dem  Vorsitze  des  in  Leipzig  erwählten  Präsidenten  Prof.  Dr.  J. 
V.  Zingerle,  indem  sich  zugleich  die  Section  für  neuere  Sprachen  mit  der 
deutsch  romanischen  vereinigte.  In  seiner  Begrüßungsrede  hieß  der  Präsident  die 
Versammelten  herzlich  willkommen,  gedachte  in  kurzer,  aber  treffender  Aus- 
führung  der  Bedeutung,    die    das  Land  Tirol    im  Mittelalter    auf    dem  Gebiete 


MISCELLEN.  493 

der  deutscheu  Litteratur,  insbesondere  der  Sage  und  Dichtung,  hatte,  und  wid- 
mete den  in  den  verflossenen  drei  Jahren  abgeschiedenen  Fachgenossen  mit 
warmen   Worten  einen  dankenden  Nachruf. 

Hierauf  wurden  auf  den  Vorschlug  des  Vorsitzenden  Prof.  Dr.  Wein- 
hold aus  Kiel  zum  Vicepräsidenten  und  Dr.  A.  Hucber  und  Dr.  J.  Egg  er 
aus  Innsbruck  zu  Secretiiren  erwählt  und  die  Tagesordnung  für  die  nächsten 
Sitzungen  festgesetzt. 

In  das  Album  zeichneten  sich  folgende  42  Mitglieder:  Karl  Bartsch, 
Professor  aus  Heidelberg;  A.  M.  Benecke,  Oberlehrer  aus  Berlin;  Dr.  F.  Buek- 
eisen,  Realschulprofessor  aus  Innsbruck;  Dr.  J.  Egger,  Gytnnasialprofessor 
aus  Innsbruck;  J.  Egg  er,  Gymnasialprofessor  aus  Graz;  E.  Falkner,  Real- 
schulprofessor aus  Innsbruck;  F.  Fiegl,  Gymnasialprofessor  aus  Wien;  Dr. 
Frauer,  Professor  aus  Stuttgart;  Dr.  F.  F  ri  edersd  or  f  f,  Oberlehrer  aus 
Marienberg;  V.  Garbari,  Gymnasialprofessor  aus  Trient;  J.  Grion,  Gym- 
nasialdirector  aus  Verona;  Hin  tri  er,  Gymnasialprofessor  aus  Wien;  Dr.  J. 
Hirn,  Gymnasialprofessor  aus  Krems;  Dr.  E.  Hof  mann,  Professor  aus  Inns- 
bruck; Dr.  A.  Holder,  Hofbibliothekar  aus  Karlsruhe;  Dr.  Alf.  Huber, 
Professor  aus  Innsbruck;  Dr.  Ad.  Hueber,  Realschulprofessor  aus  Innsbruck; 
Dr.  v.  Inama-Sternegg,  Professor  aus  Innsbruck;  Dr.  A.  Jeitteles,  Bib- 
liothekar aus  Innsbruck;  H.  Jörg,  Lehramtscandidat  aus  Innsbruck;  Dr.  F. 
Keinz,  Staatsbibliotheksecretär  aus  München;  M.  Lisch,  Gymnasialprofessor 
aus  Innsbruck;  H.  Lorenzoni,  Lehramtscandidat  aus  Trient;  Dr.  Mahn, 
Professor  aus  Berlin;  A.  Maresch,  Landesschulinspector  von  Troppau;  A. 
Michaeler,  Gymnasialprofessor  aus  Bozen;  Dr.  G.  R.  v.  Ohms,  Hofsecretär 
aus  Wien;  Dr.  E.  Pfandhelles,  Gymnasiallehrer  aus  Stettin;  Dr.  G.  Pullic, 
Gymnasialdirector  aus  Trient ;  Dr.  Sachs,  Professor  aus  Brandenburg  a.  d.U.; 
Dr.  J.  Schmidt,  Director  aus  Falkeuberg;  Chr.  Schneller,  Landesschulin- 
spector aus  Innsbruck;  Dr.  F.  Scholle  aus  Berlin;  J.  Solar,  Landesschulin- 
spector aus  Laibach;  Dr.  L.  Steub  aus  München;  Dr.  F.  Strehlke,  Gym- 
nasialdirector aus  Marienburg;  Dr.  A.  Theobai  d  aus  Hamburg;  Dr.  Walz, 
nasialprofessor  aus  Linz;  Dr.  K.  We  in  hold,  Professor  aus  Kiel;  V.  Zambra, 
Gymnasiallehrer  aus  Trient;  S.  Zehetmayv,  Gymnasialprofessor  aus  Freising; 
Dr.  J.  V.  Zingerle,   Professor   aus  Innsbruck. 

2.  Sitzung  Montag  den  28.  September  von  6  —  7%  Uhr  Abends.  Der  Vor- 
sitzende ließ  die  eingelaufenen  Begrüssungsschriften  zur  Verthcilung  gelangen. 
Es  sind  folgende: 

Hintner:   Zur  tirolischen  Dialektforschung,   2.   Heft; 

Hueber:    Über   Heribert  von   Salurn;   Von   S.    Katreinen; 

Jung:    Zur  Geschichte  der  Gegenreformation    in   Tirol. 

Darauf  erstattete  Gymnasialdirector  Dr.  Strehlke  aus  Marienburg  Bericht 
über  die  Goethe-Ausgaben  der  Letzten  sieben  Jahre.  Indem  derselbe  von  einer 
kurzen  Charakteristik  der  seit  Goethe'a  Tode  veranstalteten  Drucke  ausgit  ng, 
hob  er  besonders  die  dreißigbändigen  Ausgaben  von  1850  u.  1857,  die  zum 
Theil  unter  der  Leitung  Düntzer's  vorbereitet  waren,  als  einen  entschiedenen 
Fortschritt  bezeichnend  hervor,  erkannte  aber  auch  an,  dass  die  Verlagshandlung 
auch  bei  einzelnen  spatern  Drucken,  namentlich  bei  denen  von  den  Jahren  1868 
und  1869,  das  Streben  gezeigt  hätte,  immer  bessere  Texte  zu  liefern;  er  mimste 
ch   hinzufügen,  daß  dieß   Streben   bis  dahin   noch  zu  keinem   befriedigenden 

geführt    hätte.     Dieß    gab   Veranlassung   weiter   auszuführen,    welche   Auf- 


494  MISC  ELLEN. 

gaben  sich  die  Herausgabe  Goethe's  auch  noch  außer  der  Herstellung  eines 
vollständig  zuverlässigen  Textes  stellen  müsse.  Als  solche  bezeichnete  Referent 
vorzugsweise  eine  zweckmäßige  Anordnung  des  gesammten  Materials,  Vollstän- 
digkeit, die  durch  die  Aufnahme  sämmtlicher  als  echt  anerkannten  Dichtungen 
und  Aufsätze  zu  erreichen  wäre,  endlich  Einleitungen,  erläuternde  Anmerkungen 
und  Indices  zwar  nicht  für  alle,  aber  für  die  zahlreichen  Schriften,  in 
welchen  das  Verständniss  solche  nothwendig  machte.  Auf  diese  Weise  war  zu- 
gleich der  Maßstab  bestimmt,  nach  welchem  alle  neuen  Ausgaben  geprüft  werden 
müssen.  Diese  Prüfung  ergab  indessen,  daß  keine  derselben,  weder  die  bei  Karl 
Prohaska  (Leipzig,  Wien  und  Teschen  1873)  noch  die  bei  Ph.  Reclam  (Leipzig), 
noch  die  bei  G.  Grote  (Berlin  1870  und  1873)  erschienenen,  irgend  einen  Fort- 
schritt bekundeten ,  wobei  allerdings  die  in  letzteren  gegebenen  Einleitungen 
nicht  mit  in  Betracht  gezogen  wurden.  Alle  haben  ihren  Zweck  und  Nutzen 
eben  nur  darin,  daß  Goethe's  Werke  durch  sie  eine  weitere  Verbreitung  finden 
können.  Als  eine  Ausnahme  hob  indessen  Referent  die  von  Heinrich  Kurz  ver- 
anstaltete Auswahl  von  Goethe's  Werken  (Hildburghausen)  hervor,  da  für  diese 
wenigstens  eine  sorgfältige  Vergleichung  aller  Drucke  bis  zu  der  Ausgabe  letzter 
Hand  gemacht  war;  dagegen  konnte  er  von  der  bei  G.  Hempel  in  der  National- 
bibliothek deutscher  Classiker  erscheinenden  und  nahezu  beendigten  Goethe- 
Ausgabe  nur  hindeutungs weise  sprechen,  da  er  selbst  bei  der  Herstellung  der- 
selben betheiligt  gewesen  ist. 

Den  zweiten  Vortrag  hielt  Prof.  Dr.  Sachs  aus  Brandenburg:  über 
den  heutigen  Stand  der  romanischen  Dialektforschung.  In  seiner  Einleitung  wies 
er  auf  die  Notwendigkeit  die  Dialekte  zu  fixieren  hin.  Dann  gab  er  eine  kurze 
Überschau  über  die  Leistungen  der  Deutschen  auf  dem  Gebiete  der  romanischen 
Sprach-  und  Dialektforschung.  Dieselben  haben  auch  hier  Bahn  gebrochen  und 
ihren  Beruf  für  wissenschaftliche  Forschung  glänzend  bewährt.  Die  Werke  von 
Diez,  Fuchs,  Wolf,  Kellermann  u.  A.  erschlossen  die  Kenntniss  der  romanischen 
Sprachen  und  Litteraturen.  Geibl,  Schack,  Gries  und  Klein  machten  die  Deut- 
schen mit  den   Schätzen  der  spanischen  Poesie  eingehender  bekannt. 

Nach  diesen  einleitenden  Bemerkungen  wandte  sich  der  Referent  zu  den 
einzelnen  Dialekten  und  ihren  Litteraturen.  Er  begann  mit  den  spanischen. 
Darunter  erfreuen  sich  der  katatonische  und  valencianische  eingehenderer  Be- 
handlung; mit  ihnen  haben  sich  auch  Wolf,  Fuchs  und  Diez  befasst.  Noch 
eifriger  wurde  aber  bisher  das  Altprovenzalische  studiert,  dessen  Überreste  immer 
kritischer  herausgegeben  werden,  doch  brachten  diese  Studien  der  Dialektfor- 
schung keinen   großen   Gewinn. 

Nach  kurzer  Erwähnung  des  Waldensischen,  in  das  auch  die  Bibel  über- 
setzt ist,  kam  er  auf  die  Dialekte  des  südlichen  Frankreichs  zu  sprechen,  wie 
das  Neuprovenzalische,  den  Dauphind'er  Dialect,  den  Lyoner,  den  Roussilloner, 
Auvergner,  Gascogner  u.  a.  Alle  diese  stellen  dem  Altprovenzalischen  näher  als 
das  Neuprovenzalische;  ihnen  schließen  sich  die  Mundarten  Savoyens  und  der 
Schweiz   an. 

Von  den  südfranzösischen  Dialekten  bedeutend  verschieden  sind  die  jen- 
seits der  Loire,  die  das  eigentliche  Französisch  ausmachen.  Zu  den  wichtigsten 
Zweigen  dieses  Stammes  gehören  das  Bnrgundische,  das  Lothringische,  das 
Französische  im  engern  Sinn,  das  Pikardische,  Flandrische  und  Normannische. 
Alle  wurden  von  der  französischen  Akademie  lauere  vornehm  verachtet  und  fanden 


MISCELLEN.  495 

erst  lu  neuerer  Zeit  die  entsprechende  Würdigung,  die  eine  Reihe  von  interessanten 
Werken  üher  sie  aufzuweisen  hat. 

Von  der  Besprechung  der  französischen  gieng  Referent  zu  dem  großen 
italienischen  Sprachstamm  über  und  erwähnte  dabei  die  Verdienste  einzelner 
Deutscher  um  die  Sprache  und  Litteratur  der  Bewohner  Italiens.  Der  italienische 
Sprachstamm  wird  unterschieden  in  die  Dialekte  Süd-,  Mittel-  und  Oberitaliens. 
Zu  den  ersteren  zählen  die  von  Neapel,  Calabrien,  Sicilien  und  Sardinien,  zu 
den  mittelitalienischen  die  von  Toseana,  Rom  und  Umgebung,  Corsica,  und  zu 
den  oberitalienischen  die  gallisch-italischen  Dialekte  und  die  am  meisten  ent- 
wickelten  venetianischen. 

Das   Wallachische  hat  erst  Diez    als   eine  romanische  Sprache  anerkannt. 

Zum  Schluß  verbreitete  sich  der  Referent  noch  über  die  beiden  roma- 
nischen Sprachzweige,  Avelche  die  geringste  örtliche  Ausdehnung  haben:  das 
Ladinische  und  Churwälsche.  Beide  zerfallen  wieder  in  zwei  Zweige.  Trotz  ihrer 
geringen  Ausbreitung  haben  sie  doch  schon  wissenschaftliche  Bearbeiter  gefunden, 
so   das  Ladinische  in   Chr.   Schneller. 

Der  Referent  schloß  seinen  Vortrag  mit  dem  Vorschlag,  zum  Behufe  rich- 
tiger Aussprache  möchten  alle  nach  dem  von  ihm  befolgten  Principe  bei  der 
Bezeichnung  der  Laute  vorgehen. 

Den  letzten  Vortrag  in  dieser  Sitzung  hielt  Dr.  Mahn  aus  Berlin,  über 
die  provenzalisehe  Sprache  und  ihr  Verhältniss  zu  den  übrigen  romanischen 
Sprachen.  Er  stellte  sich  die  Aufgabe,  die  Bedeutung  der  provenzalischen  Sprache 
für  die  neuere  Sprachforschung,  namentlich  für  die  Etymologie  der  romanischen 
Sprachen  darzuthun.  Er  zeigte  deßhalb  an  einer  Reihe  von  Beispielen,  wie  durch 
Zuhilfenahme  des  Provenzalischen  viele  falsche  Ableitungen  vermieden  werden, 
wie  leicht  und  ungezwungen  sich  sonst  räthselhafte  Wörter  erklären  lassen. 
Die   gewählten   Beispiele   waren   wohl   meist  nicht   neu. 

Keiner  der  gehaltenen  Vorträge  gab  zu  einer  Debatte  Veranlassung.  Deß- 
halb schloß  der  Vorsitzende  nach  Beendigung  des  letzten  Vortrages  die  Sitzung, 
indem   er  zugleich   die   Tagesordnung   für   die   nächste   Sitzung  veröffentlichte. 

3.  Sitzung,  Dienstag  den  29.  Sept.  von  8 — 11  Uhr  Vorm.  Nach  Eröffnung 
der  Sitzung  durch  den  Präsidenten  stellt  der  Vicepräsident  Prof.  Weinbold 
folgenden  Antrag.  Die  germanistische  Section  der  29.  Versammlung  deutscher 
Philologen  und  Schulmänner  wolle  beschließen: 

bei  S.  k.  H.  dem  Großherzog  von  Oldenburg  sich  dringend  zu  verwenden, 
1.  daß  der  Oberlehrer  Dr.  August  Lübben  in  Oldenburg  zum  Zwecke  der  er- 
sprießlichen Fortsetzung  und  Vollendung  seines  wissenschaftlich  hochwichtigen 
Mittelniederdeutschen  Wörterbuches  für  die  Dauer  dieser  Arbeit  unter  Fort- 
genuß Beines  vollen  Gehaltbezuges  v<>n  dem  größten  Theile  seiner  Lehrstunden 
entbanden  werde;  2.  daß  S.  k.  Hoheit  dem  durch  einen  Gelehrten  seines  Landes 
ausgeführten,  der  angestammten  Sprache  seiner  Fürstentümer  gewidmeten  Werke 
«ine  angemessene   Unterstützung  bis  zum   Seiduli  des   Druckes  zuwende. 

Nachdem  der  Antragsteller  diesen  Antrag  eingehend  begründet,  wird 
derselbe  einstimmig  angenommen  und  das  Präsidium  mit  dessen  Ausführung 
betraut. 

Den  ersten   Vortrag  hieb    Prof.    Bartsch.     Er  las  seine   Übersetzun 
1.,  3.  und   ■".   G      ngee   aus   Haute's  Hölle  vor   und    knüpfte    daran    einige    all- 
ine   Bemerkungen.    Hierin    wies    er    darauf  hin,    wie    die    Ansichten    und    die 


49G  MISCELLEN. 

Praxis  der  Danteübersetzer  getheilt  seien.  Die  Einen,  wie  Schlegel,  Kopisch, 
Philalethes,  Witte,  Blank  und  Eitner,  behalten  zwar  die  Versform  des  Originals 
bei,  geben  aber  die  kunstvolle  Keimverschlingung  der  Terzine  theilweise  oder 
ganz  auf.  Sie  rechtfertigen  diesen  Vorgang  mit  der  Schwierigkeit,  treue  Wieder- 
gabe des  Inhaltes  mit  der  Strenge  der  Form  zu  vereinen.  Aber  sie  verzichten 
damit  ohne  Zweifel  auf  die  volle  Schönheit  der  Form  und  opfern  gerade  etwas 
Wesentliches,  da  die  kunstvolle  Terzinenform  in  inniger  Beziehung  zum  Inhalte 
steht,  und  wahrscheinlich  von  Dante  eigens  für  denselben  geschaffen  wurde.  Die 
andere  Classe  von  Übersetzern  gibt  streng  und  genau  die  Form  der  Terzine 
wieder,  thut  aber  der  Sprache  und  dem  Inhalt  Gewalt  an  und  liefert  statt  der 
wohlklingenden  klaren  Verse  des  Originals  nur  zu  oft  hölzerne  dunkle  deutsche 
Verse.  Der  Referent  gieng  bei  seiner  Übersetzung  von  der  Ansicht  aus,  daß 
eine  neue  Danteübersetzung  alle  Leistungen  der  früheren  gewissenhaft  benutzen 
und  nur  das  bisher  Ungenügende  zu  verbessern  trachten  müsse.  Von  diesem 
Standpunkte  aus  wollte  er  seine  Arbeit  beurtheilt  wissen.  Nur  auf  solche  Weise, 
hofft  er,  werde  sich  das  Ziel  einer  Übersetzung  Dante's  erreichen  lassen,  die 
sich  ebenso  einbürgere,  wie  Vossens  Homer  und  Schlegels  Shakspeare. 

Hierauf  sprach  Michael  er  aus  Bozen  über  den  Tiroler  Dialekt  mit 
besonderer  Berücksichtigung  des  Eisakthaies.  Im  Eingange  bemerkte  der 
Referent,  den  Wortlaut  seines  Themas  berichtigend,  daß  im  strengen  Sinne 
von  einem  Tiroler  Dialekte  nicht  die  Rede  sein  könne,  weil  ja  das  gemeinsame 
Band  für  die  verschiedenen  Mundarten  der  einzelnen  Thäler  fehle.  Nachdem  er 
diese  Behauptung  durch  eine  Reihe  von  Beispielen  erhärtet,  schränkte  er  seinen 
Vortrag  auf  den  Dialekt  des  Eisakthaies  ein.  Zuerst  behandelte  er  denVocalis- 
mus.  Er  gieng  dabei  immer  von  den  mittelhochdeutschen  Vocalen  aus  und  knüpfte 
daran  die  entsprechenden  Vöcale  der  Mundart.  Aus  dieser  Zusammenstellung 
gieng  hervor,  daß  die  alten  Laute  größtenteils  anderen  Platz  gemacht  haben 
und  nur  wenige  unverändert  geblieben  sind.  Einige  Beispiele  weiden  dieß  hin- 
länglich zeigen.  Das  hochdeutsche  a  kommt  in  der  Mundart  nicht  vor,  sondern 
dafür  steht  a,  o,  und  u.  a  findet  sich  vor  Doppelconsonanz,  o  vor  einfacher 
und  u  vor  der  Liquida  n:   lachen,   back]  hos,  wosen;   bün,  pltm,  müne. 

a  steht  für  den  Umlaut  e  {ä)  in  abgeleiteten  Verben:  tändeln  (tändeln), 
wassern  (wässern);  erscheint  in  Deminutivbildungen  platzl  (Plätzchen),  hasl 
(Häschen);  dient  selbst  zu  solchen:  gatter  {gotter  großes  Gitter)  und  erhält  sich 
im  Conjunctiv  des  Präteritums :  nam  (nähme),  kam  (käme).  Auch  noch  in  andern 
Fällen  vertritt  das  reine  a  den  Umlaut  e  (&').  —  a  erscheint  weiter  für  mittel- 
hochdeutsches ou  oder  neuhochdeutsches  au:  bam  (Baum),  tram  (Traum),  lab 
(Laub).  —  Das  e  (sowohl  kurz  als  lang)  bleibt  selten  unverändert,  das  kurze 
e  ist  meist  in  ö  übergegangen,  das  lange  e  in  ea:  wollen  (wellen);  rearn 
(weinen),  kearn  (kehren),  seal  (Seele).  —  /  ist  meist  1  geworden  und  l  hat 
sich  zu  ei  verändert,  u  hat  sich  erhalten.  6  bleibt  znweilen,  geht  meist  aber 
in  eo  über:  heol  (hol).  —  ü  geht  in  oa  über:  froa  (froh),  broat  (Brod).  — 
Ö  bleibt  oder  wird  lang,  ö  verwandelt  sich  in  ea:  beas ,  hearn;  folgt  n,  wird 
ie:  schien  {schön).  —  Der  Umlaut  ii  hat  sich  erhalten,  iu  lautet  oi:  toir  (theuer), 
loigst  (lügst),  bisweilen  auch  ui:  fruintschaft  (Freundschaft).  —  ei  wird  durchaus 
zu  oa:  oanlefe  (eilf).  —  ou  lautet  ä:  tramen.  —  öu  wird  ei:  freide.  —  uo,  ie 
und  üe  bleiben. 


MISCELLEN.  4«.)7 

Kürzer  ergieng  sich  der  Referent  über  den  Consonantismus.  aber  die  kurze 
Ausführung  genügte,  um  zu  zeigen,  daß  auch  die  Consonanten  des  Dialektes 
gar  vielfach  von  denen  des  Mittel-  und  Neuhochdeutschen  abweichen,  h  wird 
noch  gesprochen:  stochl  (Stahl),  fachen  (fahen).  Mit  der  Vorsilbe  ge  verhärtet 
es  sich  zu  kl  Kalten  (gehalten),  mit  der  Vorsilbe  be  zu  pf:  pfiet  (behüte).  — 
k  stellt  häufig  nicht  den  starken  aspirierten  Kehllaut  dar:  brvgga  (Brücke), 
glogga  (Glocke). 

Verschiedene  Consonanten  am  Ende  der  Silben  und  Wörter  fallen  ab: 
au(f),  a(b),  fuder  (ßirder),  stumpf  (Strumpf).  —  s  wird  zu  ach :  überseht,  unterschi. 
—  tr  geht  in  m  über:  mier  (wir).  —  z  kommt  in  Wortbildungen  vor.-  himelezen 
(blitzen).  —  h  tritt  vor  i:  hinteresse.  • —  Romanisches  seh  wird  zu  gsch:  gschlaf 
(schiavo). 

Den  dritten  Vortrag  hielt  Director  Grion  aus  Verona:  Über  Anordnung 
und  die  vom  Verfasser  besorgte  Originalausgabe  des  Canzoniere  des  Petrarca. 
Der  Referent  gieng  von  der  Thatsache  aus,  daß  einzelne  Sonnette  des  Canzoniere 
keinen  oder  keinen  entsprechenden  Sinn  haben  ;  eine  Thatsache,  die  selbst  die 
größten  Verehrer  des  Dichters  nicht  leugnen  könnten.  Dann  warf,  er  die  Frage 
auf,  ob  wohl  unser  Canzoniere  authentisch  sei?  und  verneinte  sie:  Zur  Begründung 
dieser  Behauptung  erzählte  er  kurz  die  Entstehungsgeschichte  desselben.  Daraus 
geht  hervor,  daß  vor  dem  Jahre  1373  eine  vollständige  Sammlung  der  Rime 
nicht  vorhanden  war  und  daß  die  im  genannten  Jahr  abgeschlossene  ebenfalls 
nicht  den  Anspruch  auf  Authentie  machen  dürfe.  Denn  der  Dichter  schrieb 
die  darin  enthaltenen  Gedichte  nicht  selbst  ab,  sondern  ließ  6ie  von  seinen 
Abschreibern  aus  den  einzelnen  losen  Blättern  zusammentragen,  ja  er  unterzog 
die  Sammlung  nicht  einmal  einer  genauen  Revision  und  begnügte  sieh  damit, 
einen  flüchtigen  Blick  hinein  zu  tliun.  Nach  des  Dichters  bald  darauf  erfolgtem 
Tode  wurde  aber  seine  Bibliothek  und  damit  auch  die  Handschriften  der  Rime 
an  seine  Freunde  verschenkt  und  dadurch  zerstreut.  So  war  es  keinem  der 
späteren  Herausgeber  gegönnt,  auf  authentischen  Quellen  zu  fussen ;  selbst  die 
ältesten  und  besten  Drucke,  die  von  Wendelin  de  Spira,  von  Aldo  Manuzzio 
und  Fano  beruhen  nicht  auf  solchen;  alle  anderen  um  so  weniger,  als  ihnen 
nur  irgend  eine  der  berühmteren  Ausgaben  zu  Grunde  liegt.  Die  meisten 
Ausgaben  richteten  sich  nach  der  von  Aldo  Manuzzio;  in  der  Anordnung  hielt 
man  sich  gewöhnlich  an  die  Ausgabe  von  Bembo.  Aus  diesen  Thatsachen  zop 
der  Referent  den  Schluß,  daß  einer  neuen  Ausgabe,  die  diu  Anspruch  auf 
möglichste  Correctheit  erhebe,  die  noch  erhaltenen  Handschriften  und  die  besten 
Drucke   zu   Grunde  gelegt   werden   müssen. 

Zuletzt  sprach  in  dieseT  Sitzung  Dr.  S t e u b  ans  München  über  tirolische 
Ethnologie.  Er  begann  mit  der  Erzählung,  wie  er  zu  seinen  Forschungen  über 
tirolisehe  Ethnologie  gekommen.  Als  er  in  den  vierziger  Jahren  eine  Heise 
nach  Tirol  unternahm,  um  im  Auftrage  einer  Buchhandlung  dieß  Land  zu 
schildern,  da  fielen  ihm  die  seltsamen,  von  den  bäuerischen  häufig  so  abweichenden 
Ortsnamen  im  Innthal  auf  und  er  Buchte  hierüber  Aufschluß  bei  dem  Keltischen 
und  dann  heim  Etruskischen.  Die  Ergebnisse  seiner  Forschungen  legte  er  in 
seinem  1843  erschienenen  Werke  nieder:  I)ie  Urbewohner  Rhätiens  und  ihr 
Zusammenhang  mit  den  Etruskern.  Di«'  Fehler,  welche  dieses  enthielt,  berichtigte 
er  in  dem  weitern  Werke  rom  .1.  1852:  Zur  rhätiseben  Ethnologie.  Die  darin 
niedergelegten  Ansichten  erkenn)  Dr.  Steub  auch  heute  noch  im  wesentlichen 
'•I.k.ma.v  ■    ie.  Vll.    (XII.)  Jubrg  I       32 


498  MISC  ELLEN. 

als  richtig  an  und  darauf  stützten  sich  seine  weitern  Ausführungen,  deren  Inhalt 
sich  in  nachstehende  Hauptsätze  zusammenfassen  läßt. 

Tirol  bietet  dem  Ethnologen  eine  ausserordentliche  Mannigfaltigkeit  der 
Erscheinungen ,  wie  kein  Land  Europas ,  etwa  Sicilien  ausgenommen.  Seine 
geringe  Bevölkerung  ist  aus  acht  verschiedenen  Völkern  erwachsen:  Rhätiern, 
Romanen,  Gothen,  Langobarden,  Bojoaren,  Slaven,  Alemannen  und  Waisen. 
Die  Rbätier  bewohnten  das  heutige  Tirol,  Graubündten  und  den  südlichen 
Theil  Vorarlbergs,  an  einige  ihrer  wichtigsten  Stämme  erinnern  gegenwärtig 
noch  die  Namen  Brenner  (Breuni),  Eisack  (Isarci),  Vinschgau  (Venosten)  und 
Fügen  (Focunates)  und  für  sie  zeugen  auch  die  Berichte  der  alten  Classiker. 
Dagegen  wissen  diese  nichts  von  einer  keltischen  Bevölkerung  Tirols  und  auch 
Ortsnamen  sprechen  nicht  für  das  einstige  Vorhandensein  einer  solchen;  die 
kultische  Hypothese  haben   erst    neuere  Forscher    aufgestellt,    namentlich   Zeuß. 

Nach  Eroberung  Rhätiens  durch  die  Römer  wurde  es  bis  in  die  entlegensten 
Thäler  romanisiert;  das  beweisen  die  zahlreichen  romanischen  Namen,  die  in 
allen  Theilen  des  Landes  noch  jetzt  sich  vorfinden,  wie  Gleirschthal  (glares), 
Lafatschthal  (l'avaza),  Gepatsch  (campazo),  Rungatsch  (runeazone).  Der  Herr- 
schaft der  Römer  in  diesen  Thälern  machten  die  Gothen  für  immer  ein  Ende. 
Nach  den  Ausführungen  des  Historikers  Dahn  wären  die  Bewohner  des  Burg- 
grafenamtes vorzüglich  gothischer  Abkunft  und  allerdings  werden  in  den  Regens- 
burger Glossen  des  13.  Jahrhunderts  die  Meranee  mit  den  Gothen  identificiert. 
Nach  dem  Sturze  des  Gothenreiches  nahmen  Südtirol  bis  Salurn  die  Langobarden, 
Nordtirol  die  Bojoaren  in  Besitz.  Die  heutigen  Ergebnisse  der  Forschungen 
lassen  nicht  mehr  zweifeln,  daß  die  deutschen  Enclaven  in  den  wälschen  Be- 
zirken Tirols  und  Venetiens,  wie  die  Sette  und  Tredeci  communi,  langobardischer 
Abkunft   seien. 

Neben  dieser  deutschen  Bevölkerung  erhielt  sich  aber  in  allen  Theilen 
des  Landes  noch  lange  der  Romanismus  und  abgesehen  von  dem  jetzigen 
Walschtirol,  wo  jetzt  die  letzten  Reste  der  germanischen  Bevölkerung  nur  mehr 
mit  Mühe  sich  behaupten,  dauerte  er  in  einigen  Thälern  bis  in  die  neueste 
Zeit  fort;   wie  in   Gröden,   Eneberg,  Abtei. 

Slaven  drangen  um  600  in  das  Pusterthal  ein  und  besetzten  dessen  öst- 
lichen Theil,  Alemannen  und  Waisen  Hessen  sich  in  den  westlichen  und  nord- 
westlichen Theilen  nieder.  Letztere  werden  nach  den  neuesten  Ergebnissen  der 
Forschung  für  burgundische  Einwanderer  gehalten. 

4.  Sitzung  den  1.  October  1874.  Von  9  —  10V2  Vorm.  Schlußsitzung. 
Den  ersten  Vortrag  hielt  Prof.  Hintner  aus  Wien:  Über  tirolische  Dialekt- 
forschung. Er  gieng  hiebei  von  dem  Gedanken  aus,  daß  erst  die  vergleichende 
Sprachforschung  eine  wissenschaftliche  Erforschung  der  Dialekte  begründet 
habe;  die  vorher  erschienenen  Idiotiken,  wie  das  schwäbische  Wörterbuch  von 
Schinid  mit  etymologischen  und  historischen  Anmerkungen  (Stuttgart  1831)  u.  a. 
hätten  wohl  noch  jetzt  brauchbares  Material  geliefert,  seien  aber  in  ihren 
Erklärungen  und  Ableitungen  oft  ganz  verfehlt.  Er  bezeichnete  namentlich  das 
Wörterbuch  Schmellers  und  die  Frommann'sche  Zeitschrift  als  jene  Werke,  die 
am  fruchtbarsten  für  Dialektforschung  geworden.  Da  in  letztere  Schöpf,  der 
Verfasser  des  tirolischen  Idiotikons,  die  ersten  Ergebnisse  seiner  Forschung 
niederlegte,  so  führte  ihn  dieser  Umstand  auf  sein  eigentliches  Thema,  die 
tirolische  Dialektforschung  über.  Er  machte  sich  nnn  zu  seiner  Hauptaufgabe, 
die   Schwierigkeiten    tirolischer    Dialektforschung  gehörig    ans    Licht    zu    setzen. 


MISCELLEN.  499 

Die  erste  Hauptschwierigkeit  fand  er  in  der  geographischen  Lage  des  Landes, 
in  der  unmittelbaren  Nachbarschaft  fremder  Sprachgebiete,  die  theilweise  seihst 
ins  Land  sich  hineinstrecken,  wie  namentlich  des  romanischen  und  slavischen. 
Die  Einflüsse  dieser  fremden  Elemente  auf  den  Wörterschatz  der  deutsch- 
tirolischen  Bevölkerung  wurden  bisher  noch  nie  genügend  berücksichtigt,  indem 
man  bei  den  Worterklärungen  die  Fundstätte  der  Wörter  ganz  unberücksichtigt 
ließ.  Der  Referent  zeigte  durch  ein  paar  Beispiele,  wie  sehr  man  ohne  solche 
Rücksichtnahme  fehl  gehen  könne,  und  hielt  für  noth wendig,  daß  das  ganze 
bisher  gesammelte   Material  nach   localen   Gesichtspunkten   revidiert   werde. 

In  der  weitern  Ausführung  verbreitete  er  sich  über  die  Schwierigkeiten, 
die  der  Sammlung  des  Materials  entgegenstehen.  Als  solche  erschienen  ihm 
vor  allem  das  geringe  Interesse  und  Verständniss  der  Gebildeten,  die,  im  innigsten 
Verkehr  mit  der  Landbevölkerung,  die  Sache  mächtig  ,  fördern  könnten,  und 
Scheu  und  absichtliche  Täuschung,  mit  denen  fremde  Forscher  beim  Landvolke 
zu   kämpfen   habin. 

Für  eine  weitere  grosse  Schwierigkeit  hielt  er  auch  jene,  welche  die 
wissenschaftliche  Erforschung  des  Materials  erfordere,  da  sie  nicht  bloß  große 
allgemeine  Bildung,  namentlich  genaue  Kenntniss  der  benachbarten  Sprach- 
gebiete, sondern  auch  eine  gründliche  Bekanntschaft  mit  den  localen  Verhältnissen, 
mit   den   Sitten   und  Gebräuchen   des   Landes   voraussetze. 

Das  grösste  Hinderniss  für  das  Gedeihen  der  Dialektstudien  und  For- 
schungen sah  er  aber  in  dem  Mangel  eines  Organes,  einer  Zeitschrift,  worin 
die  gewonnenen  Resultate,  und  seien  sie  auch  noch  so  gering,  veröffentlicht 
werden  könnten.  Da  unzureichende  Geldmittel  den  Eingang  der  trefflichen 
Frommann'schen  Zeitschrift  einst  bewirkt  und  deren  Wiedererscheinen  bisher 
trotz  aller  Anstrengungen  unmöglich  gemacht  haben,  so  brachte  der  Referent 
zum  Schlüsse  in  Vorschlag:  es  solle  ein  allgemein  deutscher  Verein  zur  Er- 
forschung deutscher  Mundarten  gegründet  werden,  dessen  Mitglieder  sich  zu 
einem  bestimmten  Beitrag  verpflichten,  damit  davon  ein  Organ  zur  Erforschung 
deutscher   Dialekte  unterhalten   werden   könnte. 

Nach  Schluß  des  Vortrags  ergriff  Vicepräsident  Prof.  Weinhold,  der  in 
Abwesenheit  des  Präsidenten  das  Präsidium  übernommen  hatte,  das  Wort.  Er 
versicherte,  daß  die  Frommanu'sche  Zeitschrift  nächstens  wieder  erscheinen  werde 
und  kennzeichnete  kurz  seine  persönliche  Stellung  zur  germanischen  Dialekt- 
forschung. Seit  25  Jahren  genau  mit  der  Methode  bekannt,  wie  diese  Forschung 
betrieben  werden  soll,  glaubte  er  sich  gegen  die  Gründung  eines  solchen  all- 
gemeinen Vereines  aussprechen  zu  müssen,  weil  derselbe  unpraktisch,  und  erklärte 
sich  für  Provincialvereine.  Er  wünschte  der  Frommann'schen  Zeitschrift  das 
beste.  Gedeihen,  konnte  aber  die  Besorgniss  nicht  unterdrücken,  daß  ihr  schwerlich 
eine  lange  Dauer  beschieden  sein  möchte.  Auf  diese  Erklärungen  hin  zog  Hr. 
Hintuet  seinen  Antra-   zurück  und  es  folgte  nun  der  letzte  Vortrag  der  Section. 

Diesen  Hielt  Director  Immanuel  Schmidt  aus  Falkenberg  über 
Thema:  Die  Perioden  der  englischen  Litteratur  im  Zusammenhang  mit  der  1 
schichte  der  Sprache.  Nach  einer  entschuldigenden  Einleitung  erklärte  Referent 
sich  für  jene  Eintheilung  der  Literaturgeschichte,  welche  den  natürlichen  Systemen 
in  den  Naturwissenschaften  entspricht,  und  verwarf  die  von  i\rw  Engländern 
beliebte  künstliche  Eintheilung  in  so  viele  kleine  Perioden.  Diese  natürliche 
Eintheilung    berücksichtigt   alle  wichtigen  Momente,  welche  aul  die  Eutwick«  lung 


500  MISCELLEN. 

der  Litteratur  großen  Einfluß  üben,  als  da  sind:  die  politischen  Ereignisse  und 
andere  verwandte  Einflüsse  von  aussen,  die  Entwickelung  der  Sprache  und  der 
Einfluß  fremder  Litteraturen.  Dabei  bleibt  aber  immer  der  Entwickelungsgang 
der  Litteratur  selbst  Hauptgesichtspunkt.  Als  besonders  charakteristisch  für  die 
Geschichte  der  englischen  Litteratur  bezeichnet  der  Referent  deren  zeitweise 
Abhängigkeit  von  der  italienischen  und  französischen  Litteratur. 

Nach  diesen  allgemeinen  Erörterungen  gieng  der  Referent  zur  Charakteristik 
der  einzelnen  Perioden  über,  die  Kürze  der  Zeit  erlaubte  ihm  aber  nicht,  alle 
gleich  ausführlich  zu  behandeln  und  seinen  Vortrag  zu  vollenden.  Nach  seinen 
Ausführungen  reicht  die  erste  Hauptperiode  bis  zum  Schluße  des  Mittelalters 
und  zerfällt  in  mehrere  Abschnitte.  Die  angelsächsische  und  anglonormannische 
Zeit  bildet  gewissermaße. 1  die  Einleitung.  Für  die  nächste  Zeit  nach  dem  epoche- 
machenden Einfalle  der  Normannen  (1066)  mangelt  das  Material.  Die  Jahre 
von  1200 — 1250  werden  die  halbsächsische  Periode  genannt.  Koch  gebraucht 
für  sie  den  Ausdruck  neuangelsächsisch,  um  dadurch  den  Zusammenhang  mit 
dem  Altangelsächsischen  anzudeuten.  Zwischen  den  beiden  Perioden  1250  — 1350 
und  1350 — 1400  will  Mätzner  keinen  Unterschied  erkennen,  aber  es  fehlt 
weder  an  iunern  noch  äußern  Verschiedenheiten.  1362  wurde  die  englische 
Sprache  als  Parlamentssprache  anerkannt  und  1363  in  derselben  die  Processe 
zuführen  geboten 5  gegen  Ende  des  14.  Jahrh.  begann  der  Kampf  mit  Rom. 
1350  trat  zuerst  die  Sonderung  der  Dialekte  hervor.  Die  Periode  1250 — 1350 
erscheint  als  eine  Zeit  der  Decomposition  der  Sprache  und  die  Periode  1350 
bis  1400  als  eine  Zeit  der  Reconstruction.  Das  15.  Jahrh.  ist  nur  ein  Nach- 
klang dieser  Periode. 

Die  zweite  Periode  ließ  der  Referent  bis  zum  Ende  des  17.  Jahrhs. 
reichen.  Deren  Anfang  bezeichnen  die  Entdeckung  Amerikas,  die  Einführung 
der  Reformation,  die  Erneuerung  der  classischen  Studien,  der  Einfluß  des  Lateins 
auf  die  englische  Sprache  sowie  der  Einfluß  der  italienischen  Litteratur.  Das 
sächsische  Accentuationssystera  überwältigt  die  französische  Prosodie;  die  moderne 
Schriftsprache  gelangt  ZUr  vollen  Geltung  und  erscheint  zuerst  ganz  ausgebildet 
in  Tyndale's  Bibelübersetzung.  Der  Referent  theilte  diese  Hauptperiode  in  4 
Abschnitte,  wovon  der  erste  bis  zum  J.  1589  sich  erstreckt,  der  zweite  Shake- 
speares Zeit,  der  dritte  die  Jahre  von  1616  — 1642  (48)  und  der  vierte  die 
übrigen  bis  zum  Schluße  der  Hauptperiode  umfasst. 

Die  dritte  Hauptperiode.,  die  sich  größtenteils  über  das  18.  Jahrh.  aus- 
dehnt, bezeichnete  der  Referent  als  Zeit  der  durchgebildeten  Prosa  und  des 
französischen  Einflußes  und  nannte  als  Schriftsteller,  die  vorzüglich  unter  diesem 
stehen ,  Cowley,  Temple  und  Dryden.  Sie  führten  den  leichten  natürlichen  Satz- 
bau  ein,   der  nicht  hoch  genug  angeschlagen  werden  kann. 

Damit  schloß  der  Referent,  ohne  die  Grenzen  und  Abschnitte  dieser 
Periode  näher  bestimmen  zu  können.  Gleichzeitig  legte  Dr.  Keinz  aus  München 
mehrere  interessante  Handschriften  althochdeutscher  Gedichte  aus  der  Münchener 
Staatsbibliothek  vor.  Nachdem  diese  besichtigt  worden,  ergriff  der  Vicepräsident 
in  Stellvertretung  des  abwesenden  Präsidenten  das  Wort,  sprach  sein  Bedauern 
aus  über  die  geringe  Betheiligung  an  der  Section,  namentlich  seitens  der  öster- 
reichischen Gelehrten  weit,  wiederholte  den  Dank  für  die  gehaltenen  Vorträge 
und  erklärte  hieinit  die  Sitzungen  der  Section  für  geschlossen. 

INNSBRUCK.  Dr.  J.  EGGER. 


MISCELLEN  .-,,  i| 

Übersicht 
der   germanistischen  Vorlesungen  an   den  Universitäten  Deutschlands,   Österreichs, 
der  Schweiz  und  Hollands   im    Wintersemester    1874 — 75. 

Vergleichende  Grammatik:  Bonn-Gildemeister;  Greifswald-Hoefer ; 
Flexion  und  Wortbildung:  Zürich-Schweizer  -  Sidler ;  Syntax:  Jena -Delbrück; 
Würzburg- Jolly;  ausgewählte  Abschnitte:  Königsberg-Nesselmann 5  Einleitung  in 
das  Studium  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft :  Heidelberg-Windisch;  über 
den  indogermanischen  Sprachstamm:  Halle-Pott;  Elemente  der  Sprachphysiologie: 
Jena-Sievers;   Phonetik:   Breslau- Rumpelt. 

Deutsche  Grammatik:  Berlin  (Ak.  f.  m.  Ph.)-Begomann ;  Bonn-Bir- 
linger;  Breslau-Rückert  (2.  Theil);  Erlangen-Kaumer;  Freiburg-Paul ;  Jena-Sievers; 
Kiel- Weinhold;  Leipzig-Zarncke;  Marburg-Lucae;  Tübingen-Keller;  Würzburg- 
Lexer;  vgl.  Grammatik  der  deutschen  Sprache:  Zürich- Vetter ;  german.  Gram- 
matik vom  sprachvgl.  Standpunkt:  München-Hofmann;  Grammatik  der  altgerm. 
Dialekte:   Basel-Heyne;  deutsche  Grammatik,   etymol.   Theil:   Bonn-Andresen. 

Gothische  Grammatik:  Bonn-Diez;  Göttingen  -  Bezzenberger;  Gro- 
ningen-Moltzer;  Heidelberg-Bartsch;   Leiden-de   Vries ;   Straßburg- Scherer. 

Althochdeutsche  Grammatik:  Boun-Reifferscheid;  Marburg  -  Grein  ; 
Straßburg-Scherer. 

Mittelhochdeutsche  u.  neuhochd.  Grammatik:  Rostock-Bechstein. 

Altsächsische  Grammatik:  Berlin  (Ak.  f.  m.  Ph.J-Zernial ;  Halle- 
Hildebrand. 

Niederländische  Grammatik:  Grouingen-Moltzer;  Leiden-de  Vries  ; 
Utrecht- Brill. 

Angelsächsische  Grammatik:  Berlin  (Ak.  f.  m.  Ph.)-Zernial;  Gro- 
niugen-Moltzer;  Kiel-Möbius;   Leiden-de  Vries. 

Englische  Grammatik:  Breslau- Kölbing;  Wien-Zupitza;  engl.  Laut- 
lehre: Berlin  (Ak.  f.  m.  Ph.)-Daleu;  Wortbildung  uud  Syntax:  Straßburg-ten 
Briuk. 

Alt  friesische  Grammatik:   Leiden-de   Vries. 

Altnordische  Grammatik:  Bonn-Birlinger;  Graz-Schönbach;  Wien- 
Zupitza. 

Deutsche  Mythologie:  Göttingen- Wilken;  Heidelberg- Bartsch ;  Jena- 
Klopfleisch;   Zürich-Tobler. 

Deutsche  Alterthümer:  Basel-Meyer;  Privatalterthümer:  Bonn-Reiffer- 
scheid;  Tacitus'  Germania:  Bern-Düby;  Freiburg-Simson;  Beidelberg-Scherrer ; 
Leipzig-Brandes;   Marburg-Nissen;    Wien-Schuster. 

Deutsche  Rechtsquellen:  Göttingen  Frensdorff;  der  merovingisch- 
karlingischen  Zeit:  Erlangen  -  Gengier ;  Baifränkische:  München- Amira;  öster- 
reichische: Graz-Luschin;  Sachsenspiegel:  Berlin-Lewis;  Breslau-  Uierk  e ;  Kiel- 
Häuel. 

Deutsche  Literaturgeschichte:  allgemeine  Litteraturgeschichte  6eit 
Karl  dem  Großen:  Halle-Gosche;  deutsche:  Münster- Storck;  ältere  deutsche: 
Gießen-Zimmermann  ;  Göttingen-Müller;  Graz  Schönbacb  ;  Greifswald- Wihnanns ; 
Straßburg-Steinmeyer;  Wien-Heinzel ;  Würzburg-Lexer;  2.  Theil :  Breslau-Pfeiffer ; 
Fortsetzung:  [nnsbruck-Zingerle ;  vom  11.  16.  Jahrhundert:  Halle-Hildebrand; 
von  Luther  bis  Opitz:  Bern-Scböni;  bi.->  Lessing:  Berlin-Geiger;  bis  Klopstock: 
Zürich- Uouegger;    seit    dem   17.    Jahrb.:    Göttingen-Tittmann ;  Kiel*Groth;  von 


502  MISCELLEN. 

1720  bis  zur  Gegenwart:  Gießen-Weigand ;  von  1740  — 1840:  Leipzig-Minck- 
witz;  des  18.  Jahrb..:  Leipzig-Hildebrand;  in  der  Zeit  von  Schiller  und  Goethe: 
Wien-Tomaschek.  —  Deutsche  Heldensage :  Göttingen-Tittmann ;  deutsche  Lyrik 
bis  1830:  Zürich-Stiefel;  Geschichte  des  geistlichen  Schauspiels:  Leipzig-Brock- 
haus; Lessing:  Basel-Heyne;  Halle-Haym;  Goethe:  Berlin-Grimm;  Müncken- 
Bemays;  Straßburg -Scherer;  Zürich-Vetter;  Goethes  Faust:  Berlin- Althaus ; 
Heidelberg-Reichlin  Meldegg;  Innsbruck-Zingerle;  Straßburg-Liebmanu ;  Goethes 
und  Schillers  philosoph.  Dichtungen:  Leipzig-Hildebraud;  Schiller:  Bonn-Birlinger; 
Heidelberg-Fischer;   Schillers   Lyrik:   Bern-Hirzel. 

Niederländische  Litte ratur:  Leiden-de  Vries;  Utrecht- Brill;  des 
17.  Jahrhs.:   Groningen-Moltzer. 

Englische  Litteratur:    Greifswald-Schmitz;    2.  Theil:    Berlin  (Ak.  f. 
m.   Ph.)  Schmidt;    19.   Jahrb.:   Leipzig-Wülcker. 
Deutsche  Metrik:   Göttingen- Wilken. 
Sprachdenkmäler: 

Gothische:  Berlin  (Ak.  f.  m.  Ph.)-Begemann;  Göttingen-Bezzenberger ; 
Heidelberg-Bartsch;  Innsbruck-Zingerle;  Köuigsberg-Schade;  Tübingen-Keller; 
Marousevangelium :  Bonn-Diez. 

Althochdeutsche:  Erlangen-Raumer ;  Halle-Zacher;  Jena-Sievers;  Mar- 
burg^-Lucae;  nach  Müllenhoff  und  Scherer:  Leipzig-Zarncke;  Otfrid:  Berlin  (Ak. 
f.  m.  Ph  )-Begemann ;  Bonn-Reifferscheid ;  Breslau -Kölbing;  Leipzig-Zarncke; 
Evangel.   Matthaei:   Gießen-Weigand. 

Alt-    und   mittelhochdeutsche:   Göttingen-Müller. 
Altdeutsche:   Bonn-Simrock;   Königsberg  Schade. 

Mittelhochdeutsche:  Graz-Schönbach;  Greifswald- Vogt;  Heidelberg- 
Bartsch. 

Freidank:  Breslau-Pfeiffer. 
Gottfrieds  Tristan:   Bonn-Reifferscheid. 
Hartmanns   Gregorius:  Basel-Meyer. 
Kudrun:   Tübingen-Holland. 
Minnesäuger:  Freiburg-Paul;  Jena- Sievers. 

Nibelungenlied:  Berlin-Müllenhoff;  Greifswald-Wilmanns  ;  Innsbruck- 
Zingerle;  Leipzig-Zarncke;  Münster-Storck;   Zürich-Vetter. 

Ulrichs   von  Liechtenstein  Frauendienst:   Rostock-Beckstein. 
Walt  h  er  vonderVo  gelweide:  Breslau-Rückert ;  Köuigsberg-Schade. 
Wolframs   Parzival:   Halle-Zacher. 
Altsächsische:    Heliand:   Berlin   (Ak.  f.   m.  Ph.)-Zernial ;    Halle -Hilde- 
brand;   Wien  Ileinzel. 

Mittelniedcrlä  ndische:  Leiden-de  Vries;  Floris ,  Ferguut,  Renout: 
Groningen-Moltzer. 

Angelsächsische:  nach  Zupitza:  Greifs wald-Hoefer;  Heidelberg-Bartsch; 
Beovulf:  Kiel-Möbius ;  Königsberg-Schipper;  Leiden-  de  Vries;  Marburg-Grein; 
München-Hofmann;  Ziirich-Ettmüller;  Greins  Bibliothek  ags.  Prosa:  Berlin  (Ak. 
f.   m.   Ph.)-Zernial:   neuangelsächsische:   Marburg-Grein. 

Altenglische:  Breslau-Kölbing;  Straßburg-ten  Brink ;  nach  Zupitza: 
Greifswald-Hoefer;  nach  Wülcker:  Leipzig-Wülcker;  Chaucer:  Heidelberg-Ihne ; 
Königsberg-Schipper. 

Altnordische:  Graz-Schönbach;  Kiel-Möbius;  Eddalieder :  Berlin-Müllen- 
hoff;   Breslau-Kölbing;    Gießen-Weigand;    Göttingen- Wilken;    Ilalle-Hildebrand ; 


MISCELLEN.  503 

München-Hofmann ;  Wien-Zupitza ;  Zürich-Ettmüller ;  Volu  Spä:   Straßburg-Berg- 

nianii. 

Germanistische  Übungen  in  Seminarien,  Gesellschaften,  Societäten,  Kränz- 
chen werden  gehalten  in  Basel,  Berlin,  Bonn,  Breslau,  Freitmrg,  Gießen, 
Göttingen,  Graz,  Halle,  Heidelberg,  Kiel,  Leipzig,  Marburg,  München,  Rostock, 
Straßburg,   Tübingen,   Wien   und   Würzburg.*) 


Oscar  Jänicke. 

Wenn  es  ein  langes,  an  Arbeit  und  Erfolgen  reiches  Leben  war,  dessen 
Faden  „eine  dunkle  Hand"  zerschneidet,  so  mögen  die  Nachblickenden  wohl 
sich  trösten,  es  war  ja  Abend  geworden.  Wenn  es  aber  einem  Leben  in  der 
Mittagshöhe  des  Wirkens  gilt,  was  dann?  Und  es  war  ein  Leben  in  der  Mittags- 
höhe des  Wirkens,  dem  der  Tod  am  6.  Februar  vorigen  Jahres  ein  schnelles 
Ende  bereitete.  Ich  will  es  in  Erfüllung  einer  theuren  aber  schweren  Freuudes- 
pflicht   versuchen   die   Geschichte   dieses   Lebens   noch   einmal   vorzuführen. 

Am  21.  Juni**)  1839  zu  Pitschkau  in  der  Unterlausitz  als  Sohn  eines 
Landwirthes  geboren,  bezog  Oscar  Paul  Alexander  Jänicke  zu  Ostern  1857, 
nachdem  er  die  Gymnasialstudien  zu  Guben  zurückgelegt  hatte,  die  Universität 
Halle.  Hier  ist  es  vor  allem  Julius  Zacher,  dessen  Einfluß  bei  dem  jungen 
Zuhörer  bestimmend  geworden  ist.  Er  gewann  ihn  sicherlich  der  Wissenschaft, 
deren  Diensten  er  sich  fortan  treu  und  erfolgreich  widmete.  Das  erste  Interesse 
Jänickes  wandte  sich  hier  Wolfram  zu:  er  ward  in  der  Folge  einer  der  gründ- 
lichsten Kenner  dieses  Dichters.  Ostern  1859  finden  wir  Jänicke  in  Berlin. 
Was  in  Halle  begonnen  ist,  wird  hier  glücklich  fortgesetzt.  Der  Einfluß  Moriz 
Haupts,  des  ihm  kurz  im  Tode  vorangegangenen  letzten  deutschen  Humanisten 
im  edelsten  Sinne  des  Wortes ,  läßt  sich  in  allen  Arbeiten  Jänickes  verfolgen. 
Auch  er  konnte  wie  Haupt  zum  Zwecke  der  Ausgabe  eines  Denkmales  die 
gesammte  gedruckte  deutsche  Litteratur  des  Mittelalters  wieder  lesen.  Nur 
auf  diese  Weise  konnten  die  reichen  {trächtigen  Anmerkungen  zu  Biterolf  u.  s.  w. 
entstehen;  wie  er  an  diesem  Fleiße  auch  andere  theilnehmen  läßt,  davon  wird 
u.  A.Le.xer   zu   erzählen    wissen. 

Der  gelehrten  Thätigkeit  Jänickes  in  ihrer  Gesammtheit  aber  gibt 
K.    Müllenhoff  ihre   Bestimmung. 

Schon  die  Dissertaiion  Jänickes  De  dicendi  usu  Wolframi  de  Eschenbach, 
auf  Grund  deren  er  zu  Halle  Michaelis  18G0  promoviert,  /.engt  davon.  Das 
Zurückweichen  der  Sprache  des  Volksepos  vor  der  eindringenden  höfischen 
Dichtungsart  an  einer  Reihe  von  hervorragenden  Wörtern  und  Constructionen 
nachzuwei  die  —  glücklich  gelöste  —  Aufgabe  dieses  Schriftchens.    \\  ie 

glücklich  die  Zeit  war,  da  Jänicke  unter  Müllenhofffl  Leitung  dieser  Arbeit 
,  weil.;  ich  aus  .seinem  Munde.  Vor  der  Hand  war  es  ihm  aber  nielit 
gegönnt  in  der  fruchtbaren  Nähe  dieses  verehrten  Mannes  zu  bleiben.  Wie 
manchen  andern  trieb  auch  dm  des  Lebens  bittersüße  Pflicht  hinaus,  nach 
•einem   Nahrungszweiglein  sich   umzu  ehen. 


Das  Lectionsrerzeichnisa  von  Prag  fehlte. 

i  -  Blittheilung  vieler  Einzelheiten  au-  dem  Leben  des  Verstorbenen,  die 
•  n-i  entgangen  wären,  bin  icb  W.  Wilmanns  zu  Dank  verpflichtet,  In  dei  Ztscbr, 
f.  '1.  i.  ii   1874,  s-   17  1   leimt  abei   Wilmanns  den  21.  Januar   als  Geburts- 

tag Jänicl  "ii  die  Angabe  der  vita  binter  J  .  Dissertation,  "■>  Jun. 

steht,  am'  einem  Druckfehler  beruhen  nun'.'. 


504  M1SCELLEN. 

Als  Probecnndidat  kommt  er  im  Jahre  1860  an  die  Realschule  1.  Ordnung 
nach  Meseritsch,  Ostern  1862  als  Adjuuct  an  die  Ritterakademie  zu  Branden- 
burg, 1864  an  die  höhere  Bürgerschule  zu  Wriezen.  Hier  legt  er  durch  seine 
Verheirathung  den  Grund  zu  seinem  glücklichen  Ehe-  und  Familienleben,  das 
Jänickes  Haus  jedem  Freunde  und  Fremden  so  heimlich  machte,  und  erst  nach 
neunjähriger  Abwesenheit  kehrte  er  in  die  Stadt,  da  er  die  glücklichsten  Stunden 
der  ersten  Gelehrtenthätigkeit  verlebt  hatte,  zurück.  Das  Herbe  in  Städtchen 
ohne  hinreichende  Hilfsmittel  für  seine  litterarische  Thätigkeit  leben  zu  müssen, 
hat  Jäuicke  somit  lange  genug  empfunden.  Doch  feierte  er  hier  nicht.  Neben 
manchen  Studien,  die  seinen  späteren  Arbeiten  zu  Gute  kommen  mochten,  ar- 
beitete er  in  Brandenburg  eine  Deutsche  Rechtschreibung  und  Formenlehre  für 
die  unteren  uud  mittleren  Klassen  höherer  Lehranstalten  aus.  Praktisch  päda- 
gogischer Sinn  leuchtet  aus  dem  Büchlein.  Zu  Wriezen  entstand  sein  schöner 
Aufsatz:  Über  die  niederdeutschen  Elemente  in  unserer  Schriftsprache,  der  im 
Programme  der  höheren  Bürgerschule  1869  erschien.  Die  Ausgabe  des  Biterolf 
endlich  ist  in  den  Jahren  der  Entfernung  von  Berlin  vollendet  worden.  Sie 
bildet  mit  Laurin  und  Walberan  den  ersten  Band  des  Deutschen  Heldenbuches. 
Michaelis  1869  kommt  Jänicke  als  Oberlehrer  an  die  städtische  höhere  Bürger- 
schule —  jetzt  Sophienrealschule  —  zu  Berlin.  Was  er  lange  entbehrt  hatte, 
die  Gelegenheit  reichlicher  Hilfsmittel,  den  anregenden  Verkehr  mit  Freunden, 
fand  er  wieder.  Fleißiger  als  je  arbeitet  er  an  der  Ausgabe  der  Wolfdietriche. 
Im  Osterprogramme  der  städtischen  höheren  Bürgerschule  vom  Jahre  1871  erscheinen 
die  Beiträge  zur  Kritik  des  großen  Wolfdietrichs,  im  selben  Jahre  die  Ausgabe 
des  Wolfdietrich  B  im  dritten  Theile  des  Heldenbuches,  dem  1873  die  des  Wolf- 
dietrich D  folgt.  Nebenher  laufen  in  diesen  Jahren  die  Vorbereitungen  zu  einer 
Ausgabe  des  Tristan  für  Zachers  Germanistische  Handbibliothek.  Im  Jahre  1870 
war  Jäuicke  in  Florenz,   um  die  Tristanhandschrift  zu  vergleichen. 

Die  Altdeutschen  Studien,  welche  zu  Müllenhoffs  Geburtstage  am  8.  Sep- 
tember 1871  erschienen,  enthalten  Jänickes  Ausgabe  des  Ritters  von  Staufenberg, 
voll  der  feinsten  Bemerkungen  über  die  Sprache  der  spätmittelhochdeutschen 
Zeit.  Ausser  diesen  größeren  Arbeiten  enthalten  Aufsätze  und  Anzeigen:  Zeit- 
schrift für  deutsches  Alterthum,  Zachers  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  und 
die  Zeitschrift  für  das  Gymnasialwesen. 

Wie  Gottfried  von  Straßburg  die  Dichtung,  sollte  Jänicke  die  Ausgabe 
nicht   vollenden. 

Schon  winkt  dem  mühevollen  Leben  der  Kranz.  Die  Berufung  nach 
Freiburg  erreicht  ihn   als  Todten. 

MÖDLING.  JOSEPH  STROBL. 


Jacob  Grimm  an  Adelbert  von  Keller. 
Lieber  freund,  schnell  durch  alle  Zeitungen  flog  die  trauerbotschaft,  doch 
bin  ich  Ihnen  herzlichen  dank  schuldig  für  das  mir  mitgetheilte  nähere,  ich 
bin  zwei,  drei  jähre  älter  als  Unland,  mithin  schnittreifer,  wozu  kommt  dasz 
er  fast  immer,  bis  auf  die  letzte  kraukheit  gesund  war,  ich  seit  einigen  jähren 
vielfach  kränkle,  obschon  die  arbeit  fortgeht,  die  lust  daran  unversiegt  ist.  so 
lauge  mir  das  leben  anhält,  soll  hoffentlich  die  kraft  zu  wirken  währen,  wahr- 
scheinlich erfreuen  uns  alle  noch  Untersuchungen,  die  Uhland  über  sage  und 
lied  ausgeführt  hinterläßt,    wie   verlautet  auch    ungedruckte    gedichte;    wenn  er 


MISCELLEN.  505 

also  vor  den  leuten  schwieg,  dichtete  er  für  sich  immer  fort,  melden  Sie  der 
trauernden  witwe  mein  beileid,  woran  sie  nicht  zweifeln  wird,  es  zeugt  vom 
warmen  schlag  des  volksgefühls,  dasz  man  gleich  nach  dem  tod  die  errichtung 
eines  Standbildes  beschlossen  hat,  wie  lauge  musten  Schiller  und  Göthe  darauf 
warten,    mein   beitrag  soll  nicht  ausbleiben. 

Dieser  tage  empfieug  ich  die  neusten  ausgaben  des  Vereins,  von  Miehe- 
lants  Zueignung  war  Uhlaud  wol  lange  unterrichtet  und  hat  wahrscheinlich  scbon 
die  aushängbogen  in  bänden  gehabt.  Riegers  Walther  von  der  Vogelw.  langte 
aber  nicht  mehr  zeitig  au.  der  Renaus  de  M.  ist  die  edelste  bliite  des  französ. 
epos  und  in  vielem  betracht,  nach  inhalt  wie  form,  ein  herliches  werk,  ich  freue 
mich  der  reinlichen  ausg. ,  die  alles  übertrifft  was  an  den  alten  dichtem  jetzt 
zu  Paris  geleistet  wird.  Mich  ziehen  zwar  alle  an,  es  besteht  darin  eine  grosze 
einförmigkeit,  sie  wird  aber  durch  das  einzelne  vergütet.  Sind  noch  eiu  paar 
fehlende  Werke  gedruckt  erschienen,  so  wird  sich  über  die  Karlin^ischen  ge- 
diehte  fruchtbar  sehreiben  lassen.  Was  davon  zu  uns  über  den  Rhein  draug 
bedeutet  weniger,  manches  bild,  manchen  zug  mögen  aber  die  Pranken  iu 
ihrer  brüst  schon  aus  der  heimat  hin  nach  Gallien  getragen  haben. 

Sie  werden  froh  sein,  den  Simplicissimus  nun  abschütteln  zu  können  .  Wo 
haben  Sie  die  beilage  vom  Simpl.  arzt  aufgetrieben;  ich  wüste  gar  nichts  davon. 

Aus  der  andern  beilage  sehe  oder  meine  ich  zu  sehen,  dasz  die  hülfe 
zum  schwäbischen  wörterb.  oft  versagt  hat.  wer  solchen  arbeiten  sich  unter- 
zieht, weisz  dasz  die  hauptsache  auf  die  eigne  kraft  gewiesen  ist.  endlich  habe 
ich   zu   München   durchgesetzt,    dasz   Schmellers    ergänzungen    gedruckt   werden. 

Es  fuhr  mir  wöl  durch  den  köpf  über  Stuttgart  und  Tübingen  heim  zu 
reisen,  was  ich  aber  von  Stalin  und  andern  mehr  hörte,  war,  daß  keiner  zu 
dem  kranken  gelassen  werden  solle,  jetzt  bereue  ichs  zu  spät. 

Hier  füge  ich  meine  Photographie  bei. 

Ganz  der  Ihrige 

Berlin   29.   nov.    1862.  Jac.   Grimm. 


Denkmal  für  Walther  von  der  Vogelweide. 

Der  nachstehende  Aufruf  ist  mir  zur  Veröffentlichung  in  der  Germania 
mitgetheilt   worden    und   sei   allen   Lesern   dieser   Zeitschrift   warm   empfohlen. 

Aufruf! 

I>.i-  schöne  Waltherfest  auf  der  Vogelweide  ist  verklungen  und  ein  schlichter 
Denkstein    dem    Sänger   gesetzt. 

Die  erhabene   Peier  ist  Jedem   anvergeßlich,  der  ihr  beigewohnt. 

Aber  dir  grüßte  deutsche  Lyriker  des  Mittelalters  verdient  ein  würdigeres,  ein 
ehernes  Denkmal. 

I»  geferti  •  •  Oomitd  hat  deßhalb  den  Entschloß  lt-  i':i>st,  dem  ansterblichen 
Sänger  ein  Brzdeukma]  in  Bozen,  der  letzten  denl  ichen  Stadt,  nahe  au  der  Sprach- 
grenze zu  errichten. 

Ea  ich  mm   vertrauensvoll  an  Österreich,   wo  Walther  Bingen   und 

:i  gelernt,  wonniglichen   Bof   and  dessen  edle  Pursten  er  in  seinen 

eiert,     an    Österreich,    wo    er    zuerst    der    Minne    Lust    und    Leid     er- 
fahren und   besungen. 


506  MISCELLEN. 

Herren  und  Frauen  unseres  herrlichen  Kaiserstaates!  Ehret  das  Andenken 
des   unsterblichen   Dichters,   der   Österreichs   Ehre   gefeiert. 

Allein  Walther  ist  auch  der  edelste  aller  deutschen  Sänger  der  früheren  Zeit. 

Er  hat  Deutschlands  Größe  und  Lob  in  vollendeten  Tonen  verkündet, 
dessen  Ringen  und  Kämpfen  verherrlicht  und  das  Sinken  und  Zerfallen  deutscher 
Macht  in   erschütternder   Weise   betrauert. 

Wir  hoffen  deshalb ,  daß  das  deutsche  Volk  die  Errichtung  eines  Walther- 
Denkmales  in  Bozen   unterstützen  und  fördern  werde. 

Das  deutsche  Volk  wird  dadurch  nur  einer  alten  Ehrenschuld  gegen  seinen 
größten   deutschen   Lyriker  des  Mittelalters  gerecht  werden. 

Bozen,  im  Oktober   1874. 

Dr.  H.   Desaler,    Advocat,  Dr.   C.   Knoflach,   Notar, 

Dr.   G.  v.  Kofier,  Gutsbesitzer,  A.  M  i  ch  a  eler ,  k.  k.  Gymnasialprof., 

Pli.   Neeb,  k.   k.    Forstmeister,  G.   Seelos,   Landschaftsmaler, 

Ch    Schneller,  Landesschulinspector,      J.   Sehueler,    Bürgermeister, 
A.   Wachtier,   Handelsmann,  Dr.   A.    Zingerle,    k.    k     Univ.-Piof, 

Dr.   J.   Zingerle,   k.   k.   Universitäts-Professor. 


Im   Anschluß    daran    theile    ich    das  von    mir  für    die  am   3.    üctober   ge- 
haltene Waltherfeier  verfasste  mittelhochdeutsche  Lied  mit. 

Hern  Walthers  sanc. 
Mir  ist  ein  niuwez  msere  komen, 
ichn  hän  so  liebes  niht  vernomen 
bi  minen  tagen  ze  deheinen  ziten. 
Ich  vreische  al  umbe  und  über  al 
daz  liut  von  berge  und  üzme  tal 
zer  Vogelweide  beide  gän  und  riten. 
Ja  vröwet  sie  der  liebe  vunt, 
daz  in  diu   ßtat  ist  worden  kunt, 
der  Vogelweider  erbegrunt, 
dar  umb  die  wisen  lange  pflägen  strtten. 

Noch  hoere  ich  guoter  msere  me, 

daz   ez  in  tiutschen  landen  ste 

in  disen  ziten  rehte  al  nach  den  ercn. 

Daz  riche  deist  berihtet  wol, 

der  keiser  waltet  als  er  sol 

und  wil  den  tiutschen  namen   höhe  ineren. 

Er  wert  den   pfaffen  ungefuoc, 

des  riches  vint  er  nid  er  sluoc, 

der  ger  nach   unsern  landen   truoc: 

vrou  Saelde  müeze  ir  regen  üf  in  reren. 

Nu  kumt  uns  rilich  wider  diu  sät, 

die  ouch  min  haut  geströwet  hat, 

do  ich   gesanc  den  pfaffen  und  den  leien. 


MISCELLEN.  507 

So  wol  mich   daz  ich   wart  geborn ! 
min   arebeit   ist   niht   verlorn: 
ein  richer  herbcst  volget  n&ch   »lern   meien. 
Tr   tiutschen   wip,   ir  tiutschen   man, 
den  got  so  höher  sseldcn   gan, 
sit  hohes  muotes  allez  an 
und  lät  uns  vroelich  tanzen   unde  reien. 
[NNSBRUCK,  1.  October  1874.  K-  B. 

Bei    diesem   Anlaß  mö^e  auch,  da  der  Raum  es  gerade  gestattet,  ein  nach 
J.   Grimms   Tode  verfasstes   Gedicht   eine   Mittheilung  finden. 

Jacob  Grimm. 
Sol  aber  ez  ie  noch  meie  sin 
nach   dirre   winterkalten   naht? 
Uns  hat  den  lichten   sunneschin 
ein   trüebez  wölken  gar  bedaht. 
Mich   dunkct   daz   nie   inere   üf  erden 
ein  rehter  meie  künne  werden  : 
so   breit   i*t   nü   des   tödes   mäht. 

Uns   ist   ein   schade  gröz   geschehen 

an  unsers  meisters  hinevart, 

Dem  al  diu  weilt  des  muose  jehen, 

daz  nie   deheiner   bezzer  wart. 

Der  wisheit  hört,   der  künste   kröne 

truoc   er   uf  sinem   houbet   schöne 

und   in   dem   herzen  sin  verspart. 

Wer   sol  die  wiselösen   schar 
nü   leiten,   sit  er   hinnen   ist? 
Ir  gap   so  riche  geistes  nar 
sin  minneclichiu   mitewiet. 
Ir  vater  wsere  du  entriuwen; 
si    mac   von    herzen    relite   riuwen, 
daz  du  von   in  genomen  bist. 

Ow§    daz    also    richer   hört 
sol  jaemerlich  zer  erde  Ligen! 
Kunst   unde   1  i st  ßint  an   ein  ort 
mit  einem  töde  gar  gedigen. 
Daz   riche  stäl   du   vogetes   I 
wer  ist  so  wert  der  berre   waere? 
ir  aller  herre  ist  bin  gesigen. 

K.   B. 

Denkmal  für  Hoffmann  von  Fallersieben. 
Eoffmann    von    Fallersleben    wird    gegenwärtig    auf   einem    der   schönsten 
Plätze  Corveys,  in  der  Nähe  der   Bibliothek,  ein   Denkmal   errichtet,   bestehend 
Büste  in  mehr  als   Lebensgröße  auf  einem  mit    Reliefs  geschmückten 
Postamente. 


508  MISCELLKN. 

Personalnotizen. 

An  der  Universität  München  hat  sich  Dr.  von  Amira,  ein  Schüler  K. 
Maurers,   für  nordische  Rechtsgeschichte  habilitiert. 

Der  Privatdocent  Dr.  C.  Gust.  Andresen  in  Bonn  ist  zum  außerordent- 
lichen  Professor  in  der  philosophischen   Facultät  daselbst  ernannt  worden. 

Dr.  A.  Bezzenberger  hat  sich  an  der  Universität  Göttingen  für  Lin- 
guistik habilitiert. 

An  der  Universität  Breslau  habilitierte  sich  am  14.  Decemb.  1874  für 
das  Fach  der  deutschen  Sprache  und  Litteratur  Dr.  Felix  Bober  tag  mit 
einer  Abhandlung  über  Grimmeishausens  simplicianische  Schriften  (8.  34  S.J. 
Die  von  ihm  vertheidigten  Thesen  sind:  1.  Grimmeishausen  war  in  der  letzten 
Zeit  seines  Lebens  katholisch,  früher  wahrscheinlich  Protestant.  2.  Der  Begriff 
der  Kunst  ist  von  dem  Begriffe  der  Poesie  nicht  zu  trennen.  3.  Deutsche 
Grammatik  als  Anweisung,  die  deutsche  Schriftsprache  richtig  zu  gebrauchen, 
ist  nothwendig  und  wissenschaftlicher  Begründung  fähig  und  bedürftig.  4.  Die 
Erlernung  der  altdeutschen  Sprache  gehört  nicht  zu  den  Zwecken  des  Gym- 
nasialunterrichtes. 

An  der  Universität  Leipzig  hat  sich  am  30.  October  1874  Dr.  Wilhelm 
Br»une  für  deutsche  Sprache  und  Litteratur  habilitiert;  seine  Habilitations- 
schrift ist  die  "über  die  Quantität  der  althochdeutschen  Endsilben  in  den  von 
ihm  und  H.  Paul  herausgegebenen    Beiträgen    II,    125  — 167. 

Der  Gymnasialprofessor  Dr.  Heinrich  Hirzel  ist  zu  Ostern  1874  als 
ordentlicher  Professor  der  deutschen  Sprache  an  die  Universität  Bern  berufen 
worden. 

Dr.  Adalbert  Jeitteles,  Bibliotheksscriptor  in  Graz,  hat  Michaelis  1874 
einen  Ruf  als  Bibliothekar  an  die  Universitätsbibliothek  zu  Innsbruck  angenommen. 

Der  außerordentliche  Professor  E.  Mall  in  Münster  folgte  Michaelis  1874 
einem  Rufe  als  ordentlicher  Professor  der  neueren  Sprachen  (romanisch  und 
englisch)   an   die  Universität  Würzburg. 


Am  3.  September  1874  starb  in  Lemnitz  (Altenburg)  der  bekannte  Lin- 
guist Geh.   Rath  Hans  Conon  v.  d.   Gabelentz  im    67.   Lebensjahre. 

Am  20.  September  starb  in  Berlin  der  hochverdiente  Senior  deutscher 
Germanisten,   Gustav  Homeyer,  im  80.  Lebensjahre. 


Ein  Katalog  der  von  Moriz  Haupt  und  Karl  Schiller  nachgelassenen 
Bibliotheken  ist  bei  Mayer  und  Müller  in  Berlin  (Französische  Straße  38)  er- 
schienen. Die  erste  Abtheilung:  Deutsche  Philologie,  umfasst  auf  78  Seiten 
2626   Nummern,  wozu  noch   ein  Anhang  von   4   Seiten   kommt. 


Berichtigungen. 
S.    297    letzte    Zeile    am    Anfang    fehlt:    nicht;    S.    337    Z.    6    lies    Oft 
statt  Ofl. 


PF       Germania 

3003 

G4 

Jg.  19 


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